Die Betrogene
Wo die beiden Kanäle zusammenstießen, war eine hohe schwarze Schleuse; das schlafende Wasser war grün bis in den Schatten der Mauern; gegen die Hütte des Schleusenwärters, die aus Brettern und ohne eine Blume war, schlug der Wind die Fensterladen; durch die halboffne Tür sah man das schmale blasse Gesicht eines kleinen Mädchens, die Haare offen hängend und das Kleid zwischen die Beine geschoben. Oben am Rand des Kanals hoben und senkten sich Brennesseln; geflügelter Grassamen des Spätherbstes strich durch die Luft und kleine Wölkchen weißen Staubes. Die Hütte schien leer; das Land war trostlos; ein Streifen gelblichen Rasens verlor sich am Horizont.
Als das kurze Licht des Tages abblaßte, hörte man das Fauchen eines kleinen Schleppdampfers. Er tauchte jenseits der Schleuse auf, das Gesicht ganz voll von der Kohle des Schlotes, der träg aus seinem Blechkasten schaute; vom Hinterdeck rollte sich eine Kette ins Wasser ab. Dann kam schwebend und ruhig eine lange und flache braune Barke; auf ihrer Mitte trug sie ein weißgestrichenes Häuschen, dessen kleine Scheiben waren kreisrund und angebräunt. Rote und gelbe Schlingpflanzen kletterten um die Fenster, und zu beiden Seiten des Türeingangs standen hölzerne erdgefüllte Kübel, mit Vergißmeinnicht, Reseda und Geranium.
Ein Mann, der ein nasses Hemd klatschend über die Bordwand schlug, sagte zu dem, der mit dem Bootshaken hantierte:
— Mahot, willst’n Happen essen, solang wir da auf die Schleuse warten?
— Nicht übel, antwortete Mahot,
Er befestigte den Haken, sprang über einen Stoß zusammengerolltes Seil und setzte sich zwischen die beiden Blumenkübel. Sein Kamerad schlug ihn auf die Schulter, ging in das weiße Häuschen und brachte ein Paket in einem fetten Papier, ein langes Stück Brot und einen irdenen Krug. Der Wind warf die fettige Hülle auf die Vergißmeinnicht. Mahot nahm sie weg und warf sie gegen die Schleuse hin. Sie flog dem kleinen Mädchen zwischen die Füße.
— Guten Appetit, da oben, rief der Mann, wir machen Mittag. Er fügte hinzu:
— Der Indier, Ihnen zu dienen, Landsmännin. Kannst deinen Schulfreundinnen sagen, daß wir hier vorbeigekommen sind.
— Bist du ein Aufschneider, Indier, sagte Mahot. Laß doch das Mädel. Ist nur, weil er eine braune Haut hat, Fräulein; wir nennen ihn auf dem Schiff so.
Und eine kleine dünne Stimme antwortete ihnen:
— Wohin fahrt ihr?
— Wir fahren Kohle nach dem Süden, rief der Indier.
— Wo es Sonne gibt? sagte die kleine Stimme.
— So viel, daß sie dem Alten die Haut gegerbt hat, antwortete Mahot.
Und nach einer Weile wieder die kleine Stimme:
— Wollt ihr mich mit euch nehmen?
Mahot hielt im Kauen ein, und der Indier stellte den Krug hin, um zu lachen.
— Seh doch einer! rief Mahot. Das Fräulein! Und deine Schleuse?
— Morgen in der Frühe werden wir’s sehen. Der Papa wäre nicht erfreut.
— Ist man im Schwänzen groß geworden? frug der Indier.
Die kleine Stimme sagte gar nichts mehr, und das schmale blasse Gesichtchen verschwand in der Hütte.
Die Nacht schloß die Mauern des Kanals. Das grüne Wasser stieg an den Toren der Schleuse hinauf. Man sah nichts als den Schimmer einer Kerze hinter den weißen und roten Vorhängen des Häuschens. Das Wasser schlug regelmäßig gegen den Kiel, und die Barke stieg schaukelnd höher. Kurz vor Tagesanbruch knirschten die Haspeln, die Ketten rollten auf, und durch die offene Schleuse zog das Boot weiter, von dem kleinen atemlosen Remorqueur geschleppt. Als die runden Fenster die ersten roten Wolken widerstrahlten, hatte die Barke schon diese trostlose Landschaft verlassen, wo der kalte Wind über die Brennesseln faucht.
Den Indier und Mahot weckte das zarte Plaudern einer Flöte, die sprach, und der kleinen Schläge gegen die Scheiben.
— Die Spatzen haben es heute nacht kalt gehabt, Alter, sagte Mahot.
— Nein, sagte der Indier, es ist eine Spätzin: die Kleine von der Schleuse. Sie ist da, wahrhaftig! Der Racker!
Sie konnten sich des Lachens nicht enthalten. Das kleine Mädchen war ganz rot vom Morgen und sprach mit seiner schmächtigen Stimme: Ihr habt’s mir erlaubt, daß ich morgen früh komme. Jetzt ist morgen früh. Ich geh mit euch in die Sonne.
— In die Sonne? sagte Mahot.
— Ja. Ich weiß. Wo es blaue und grüne Fliegen gibt, die die Nacht hell machen; wo es Vögel gibt so groß wie ein Fingernagel, die auf den Blumen leben; wo die Trauben an den Bäumen hinaufsteigen; wo es Brot in den Zweigen gibt und Milch in den Nüssen, und Frösche, die wie große Hunde bellen und — Dinge, — die ins Wasser gehen, — Kürbisse — nein — Tiere, die ihre Köpfe in eine Schale hineinziehen. Man legt sie auf den Rücken. Man macht eine Suppe daraus. Kürbisse — Nein — ich weiß es nicht mehr — helft mir.
— Der Teufel hol mich, meinte Mahot, Schildkröten vielleicht?
— Ja, sagte die Kleine. Schildkröten.
— Nicht das alles, sagte Mahot. Und dein Papa?
— Papa, der hat mich das gelehrt.
— Das ist stark, sagte der Indier. Gelehrt was?
— Alles was ich sage, die Fliegen, die leuchten, die Vögel und die — Kürbisse. Ihr müßt wissen, Papa war Seemann, bevor er die Schleuse eröffnete. Aber Papa ist alt. Es regnet immer bei uns. Es gibt nur schlechte Pflanzen. Wißt ihr das nicht? Ich wollte einen Garten machen, einen hübschen Garten in unserm Haus. Draußen im Freien ist zu viel Wind. Ich hätte in der Mitte vom Zimmer die Bretter aus dem Fußboden genommen, gute Erde hingetan, und dann Gras und dann Rosen und dann rote Blumen, die sich nachts schließen, mit hübschen kleinen Vögeln, Nachtigallen, Ammern und Hänflingen zum Plaudern. Papa hat’s mir verboten. Er hat gesagt, das würde das Haus verderben und würde Feuchtigkeit anziehen. Nun, ich wollte keine Feuchtigkeit. Also fahre ich mit euch dort hinunter.
Die Barke zog leise weiter. An den Ufern des Kanals gingen die Bäume vorbei, einer nach dem andern. Die Schleuse war schon weit. Man konnte das Boot nicht wenden. Der Remorqueur fauchte vorne.
— Aber du wirst nichts sehen, sagte Mahot. Wir fahren nicht aufs Meer. Niemals werden wir deine Fliegekäfer finden und nicht die Vögel und nicht die Frösche. Ein bißchen mehr Sonne wird’s geben — das ist alles. — Nicht wahr, Indier?
— Stimmt, sicher, sagte der.
— Sicher? wiederholte das kleine Mädchen. Lügner! Ich weiß es ganz gut. Na!
Der Indier hob die Schultern:
— Brauchst deshalb nicht Hungers sterben. Komm deine Suppe essen, Kleine.
Und durch die grauen und grünen Kanäle, die kalten und milden, leistete ihnen die Kleine Gesellschaft auf der Barke, in Erwartung des Wunderlandes. Das Boot fuhr braune Felder entlang, auf denen die kleinen, grünen Halme standen, und das magere Strauchwerk bekam Laub; und die Saat wurde gelb, und die Klatschrosen bogen sich wie rote Becher gegen den Himmel. Aber die Kleine wurde nicht mit dem Sommer lustig. Zwischen den Blumentöpfen saß sie, während der Indier und Mahot mit den Bootshaken hantierten, und dachte, man habe sie betrogen. Wohl warf die Sonne ihre lustigen runden Flecken durch die kleinen Scheiben auf den Boden und kreuzten die Eisvögel über dem Wasser und die Schwalben — doch sie sah keine Vögel, die auf den Blumen leben, noch Trauben, die an den Bäumen hinaufklettern, noch dicke Nüsse voll Milch, noch Frösche, die wie Hunde sind.
Die Barke war im Süden angekommen. Die Häuser an den Kanalufern standen in Blättern und Blüten. Die Türen krönten rote Paradiesäpfel, und vor den Fenstern hatte die blaue Beißbeere Vorhänge aufgemacht.
— Das ist alles, sagte eines Tages Mahot. Jetzt werden wir bald die Kohlen ausladen und heimkehren. Der Papa wird froh sein, nicht? Die Kleine schüttelte den Kopf.
Und am Morgen, die Barke war noch vertäut, da hörten sie wieder kleine Schläge gegen die runden Scheiben, und — Lügner! rief eine kleine, feine Stimme.
Der Indier und Mahot traten aus dem kleinen Haus. Ein schmales bleiches Gesicht wandte sich ihnen zu, drüben auf dem Ufer; und die Kleine rief wieder, und wieder, während sie landeinwärts lief:
— Lügner! Ihr seid alle Lügner!