Von ihrer Geduld

Ich kam an einen engen und dunklen Ort, aber es duftete da nach dem traurigen Geruche verwelkter Veilchen. Und es war kein Mittel, diesen Ort zu vermeiden, der wie ein langer Durchgang ist. Und um mich tastend berührte ich einen kleinen zusammengekauerten Körper wie damals im Traum, und ich strich über Haare, und meine Hand fühlte ein Gesicht, das ich kannte; und es kam mir vor, als ob sich die kleine Stirne unter meinen Fingern in Falten zöge, und ich erkannte, daß ich Monelle gefunden hatte, die allein hier an dem dunklen Ort schlief.

Überrascht entfuhr mir ein Ausruf, und ich sagte zu ihr, die weder lachte noch weinte:

— O Monelle! Hier hast du dich zum Schlaf gelegt, fern von uns, wie eine geduldige Springmaus in der Höhlung einer Furche?

Und ihre Augen wurden weit, und ihre Lippen öffneten sich, wie früher, wenn sie nicht verstand und die Klugheit dessen anflehte, den sie liebte.

— O Monelle, sprach ich da, alle die Kinder weinen in dem leeren Hause; und das Spielzeug ist mit Staub bedeckt, und die kleine Lampe ist verloschen, und alles Lachen, das in allen Winkeln war, ist geflohen, und die Welt ist zurückgekehrt zur Arbeit. Aber wir dachten dich anderswo. Wir dachten, du spieltest weit von uns, an einem Ort, zu dem wir nicht gelangen können. Und nun schläfst du hier wie ein kleines wildes Tier, unter dem Schnee, dessen Weiß du liebtest.

Da sprach sie, und, wie sonderbar, ihre Stimme war die gleiche an diesem dunklen Ort, und ich mußte weinen; und sie trocknete meine Tränen mit ihrem Haar, denn sie war ganz entblößt.

— O mein Liebling, sagte sie, du mußt nicht weinen; denn du brauchst deine Augen für die Arbeit, so lange man arbeitend leben wird; und die Zeit ist noch nicht gekommen. Und du darfst hier an diesem kalten und dunklen Ort nicht bleiben.

Ich schluckte und sagte zu ihr:

— O Monelle, du fürchtetest doch die Finsternis?

— Ich fürchte sie nicht mehr, sagte sie.

— O Monelle, aber du hattest Angst vor der Kälte wie vor der Hand eines Toten?

— Ich habe keine Angst vor der Kälte mehr, sagte sie.

— Und du bist ganz allein hier, ganz allein, ein Kind, und du weintest, wenn du allein warst.

— Ich bin nicht mehr allein, sagte sie; denn ich warte.

— O Monelle, wen erwartest du, in Schlaf zusammengerollt an diesem dunklen Ort?

— Ich weiß nicht, sagte sie; aber ich warte. Und ich bin mit meiner Erwartung.

Und da sah ich, daß ihr ganzes kleines Gesicht einer großen Hoffnung hingegeben war.

— Du darfst nicht hier bleiben, an diesem kalten und dunklen Ort, sagte sie; geh zurück zu deinen Freunden, Geliebter.

Willst du mich nicht führen und unterweisen, Monelle, daß auch ich die Geduld deiner Erwartung erlange? Ich bin so allein!

— O mein Geliebter, sagte sie, ich wäre ganz ungeschickt, dich zu unterweisen wie früher, als ich, wie du sagtest, ein kleines Tier war; das sind alles Dinge, die du sicher in langem und mühvollem Nachdenken finden wirst, so wie ich sie ganz auf einmal fand, da ich schlief.

— Hast du dich so eingenistet, Monelle, ohne daß du dich deiner Vergangenheit erinnerst, oder erinnerst du dich noch unser?

— Wie könnte ich, mein Geliebter, dich vergessen? Seid ihr doch in meiner Erwartung, gegen die hin ich schlafe; aber ich kann nicht erklären. Du erinnerst dich, ich habe die Erde so geliebt und riß immer die Pflanzen aus, um sie wieder einzusetzen; du erinnerst dich doch, wie ich oft sagte: »Wär ich ein kleiner Vogel, stecktest du mich in deine Tasche, wenn du ausgingest.« O mein Geliebter, ich bin hier in der guten Erde wie ein schwarzes Korn, und ich warte, daß ich ein kleiner Vogel werde.

— O Monelle, du schläfst, bevor du ganz weit von uns fort gehst.

— Nein, mein Geliebter, ich weiß nicht, ob ich ganz fortgehe; denn ich weiß nichts. Aber ich habe mich eingehüllt in das, was ich liebte, und ich schlafe gegen meine Erwartung hin. Und bevor ich schlafen ging, da war ich ein kleines Tier, wie du sagtest, denn ich glich einem nackten Würmchen. Eines Tages fanden wir zusammen eine ganz weiße seidenumsponnene Puppe, und nicht die kleinste Öffnung war daran. Du schlechter Mensch hast sie aufgemacht, und sie war leer. Meinst du, das kleine geflügelte Tier sei nicht herausgegangen? Aber niemand kann wissen wie. Und es hatte lange geschlafen. Und bevor es schlief, war es ein kleiner nackter Wurm; und die kleinen Würmer sind blind. Stell dir vor, mein Geliebter (es ist ja nicht wahr, aber sieh, so denke ich manchmal), daß ich meinen kleinen Kokon aus all dem gewoben habe, was ich liebte, aus der Erde, dem Spielzeug, den Blumen, den Kindern, den kleinen Worten und der Erinnerung an dich, mein Geliebter; das ist ein weißes und seidenweiches Nest und dünkt mich nicht kalt und nicht dunkel. Aber es ist vielleicht nicht so für die andern. Und ich weiß ganz gut, daß es sich nicht öffnen wird und geschlossen bleibt, wie damals die Schmetterlingspuppe. Aber ich werde nicht mehr darin sein, Geliebter. Denn meine Erwartung ist, daß ich weggehe wie das kleine geflügelte Tier; niemand kann wissen wie. Und wohin ich gehen will, das weiß ich nicht; das ist meine Erwartung. Und auch die Kinder, und du, mein Geliebter, und der Tag, da man nicht mehr arbeitet auf der Erde, sind meine Erwartung. Ich bin ein kleines Tier, mein Geliebter; ich weiß nicht besser zu erklären.

— Du mußt, du mußt mit mir von diesem dunklen Ort gehen, Monelle; denn ich weiß, du denkst alle diese Dinge nicht; und hast dich verborgen, um zu weinen; und da ich dich nun endlich ganz allein fand, hier schlafend ganz allein, hier im Warten, so komm mit mir, komm mit mir fort.

— Bleib nicht hier, mein Geliebter, sagte Monelle, denn du würdest allzusehr leiden; und ich, ich kann nicht mit dir, denn das Haus, das ich mir spann, ist ganz verschlossen, und nicht so kann ich es verlassen.

Dann legte Monelle ihre Arme mir um den Nacken, und ihr Küssen war, wie sonderbar, ganz das gleiche wie früher, und darüber mußte ich weinen, und sie trocknete meine Tränen mit ihren Haaren.

— Du darfst nicht weinen, sagte sie, wenn du mich nicht betrüben willst in meinem Warten; und vielleicht warte ich auch gar nicht so lange. Nun sei nicht länger traurig. Denn ich segne dich dafür, daß du mich schlafen geführt hast in mein kleines seidenweiches Nest, dessen beste Seide aus dir ist und in dem ich nun schlafe, zu mir selber gekehrt.

Und wie ehmals in ihrem Schlafe schmiegte sie sich an das Unsichtbare und sagte: »Ich schlafe, Geliebter.«

So habe ich sie gefunden; aber wie bin ich sicher, daß ich sie wiederfinde an diesem so engen und dunklen Ort?