6. Gute Freundschaft.

Am nächsten Samstag machte sich Grete viel im Kirchlein zu schaffen mit Lüften, Fegen, Abstäuben und Putzen. Thomas war wieder einmal zu gar nichts zu gebrauchen; er saß in sein Buch vertieft, und wandelte abends noch lange nachdenklich auf und nieder. Er meinte, der Goldschmied werde wohl das ärmliche Kirchlein gar nicht betreten, sondern die Frühmesse in der Stadt besuchen, ehe er sich auf den Weg machte. Aber er war doch da, und blickte während der Predigt mit seinen großen traurigen Augen so forschend zur Kanzel empor, daß es Thomas fast ein wenig ängstlich ums Herz ward. Wie, wenn er von den Priestern der Marienkirche beauftragt wäre, nach Ketzerei zu suchen? Doch faßte er sich schnell und war bald so vertieft in seine Predigt, daß er den fremden Zuhörer ganz vergaß. Zuerst hatte er schlicht und kurz die Geschichte von dem Schäflein erzählt, das in die Dornen fiel, und von dem guten Hirten gesucht, gefunden und auf der Achsel heimgetragen wurde. Dann sprach er von den Dornen der Sünde, in denen wir alle von Natur verstrickt liegen. Da griff er tapfer ins Leben ein und zeigte dem Fischervolk ganz unverzagt die Sünden, die sie besonders gefangen hielten. Selbst heraushelfen konnten sie sich nicht durch Messe hören, fasten, beten, Almosen geben. Sie verstrickten sich nur tiefer in die Dornen, indem sie meinten, Gott einen Dienst zu tun mit solchen äußerlichen Werken. JEsus allein sei der gute Hirte, der das Schäflein sicher heraushebt und heimträgt in den Stall, das heißt, ins Himmelreich. »Ja, Er trägt es! Es braucht nicht etwa blutend und mühsam nebenher zu laufen. Es muß sich nur tragen lassen! Der Hirte schert ihm auch nicht die Wolle ab, um sich bezahlt zu machen für seine Hilfe! O nein; das Schäfchen braucht gar nichts zu tun oder zu geben. Im Gegenteil; der Hirte hat es gewiß gefüttert, geliebkost und ihm im Stall ein warmes Lager bereitet. Aber gelt, es wird ihm dankbar gewesen sein? Es ist gewiß nicht sobald wieder davongelaufen, sondern gehorsam dem Hirten nachgefolgt und hat auf seine Stimme gehört. Seht, so kommen auch die guten Werke ganz von selbst, lustig und ohne Zwang, wenn man nur erst durch den Glauben JEsu Schäflein geworden ist.«

Das Schlafen während der Predigt hatten sich die Fischersleute ziemlich abgewöhnt, und nur noch wenige waren ganz stumpf und gleichgültig geblieben. Etliche horchten gespannt und sichtlich bewegt; andere blickten sich verstohlen um, ob nicht etwa ein zorniges Mönchsgesicht in irgend einem Winkel zu sehen sei. Denn daß Thomas anders dachte und lehrte als die Klosterleute, hatten sie längst gemerkt. Jedenfalls aber lebte sich's auch besser mit ihm, als mit seinem geizigen, habsüchtigen Vorgänger. Der hatte die Schäflein zwar nicht getragen, aber das Scheren sehr wohl verstanden! Einige musterten auch den vornehmen Gast mit forschenden Blicken. Aber er sah aus, als gefalle ihm die Rede wohl, als sei sie so recht nach seinem Sinn!

Am Nachmittag, als das Fischervolk in wohlverdienter Sonntagsruhe in der milden Frühlingsluft vor den Hütten saß, wandelte der reiche Goldschmied mit dem armen Leutpriester freundlich grüßend durchs Dorf, und man sah sie lange auf und nieder gehen in eifrigem Gespräch. Mitten drin zog Thomas das Goldstück aus der Tasche und hielt es lächelnd dem Goldschmied hin, mit kurzen Worten an den Tag erinnernd, da er es erhalten. Lange betrachtete es der ernste Mann mit Tränen in den Augen. Dann reichte er Thomas die Hand und sprach:

»Aus dem sinnigen Knaben ist ein sinniger Mann geworden. Laßt uns Freunde sein, lieber Leutpriester!«

Nach dem Vespergottesdienst mußten Thomas und Grete mit hinauf ins Schlößlein kommen zur Abendkost. Annchen begrüßte den Leutpriester gar sittsam; doch flog dabei ein Lächeln über ihr Gesicht, als gedenke sie noch der lustigen Hühnerjagd. Grete war nicht zu bewegen, mit zu Tische zu sitzen; sie leistete Frau Berta in der blanken Küche Hilfe und Gesellschaft. Als Gottfried die Schüsseln abgetragen und zwei goldene Becher mit Würzwein vor die Männer gestellt hatte, entfernte er sich; Annchen aber ward vom Vater zurückgehalten.

»Ich höre, Herr Pater«, begann er, »daß Ihr Euch der Schule wacker angenommen, und wirklich einiges Licht in die harten Bubenköpfe gebracht habt. Ihr seid ein geschickter Lehrer! Darum möchte ich wegen dieses Kindes mit Euch sprechen. Ich habe es selbst unterrichtet; es ist im Deutschlesen und Schreiben wohlbewandert, zeigt auch sonst einen guten Verstand. Zwar soll es sich den Sommer über viel im Freien tummeln, muß aber doch etwas Ernstes zu tun haben, da es sonst leicht übermütig wird. Würdet Ihr es wohl im Lateinischen, worin es schon einen guten Anfang gemacht hat, ein wenig fördern? Ich schätze diese Sprache besonders hoch. Zeige doch dem Herrn Pater, was du kannst, Töchterlein! Rede ihn lateinisch an, und bitte ihn, dich zu lehren.«

»Lasset mir Zeit, Herr Vater, daß ich mich bedenke«, bat das Kind und zog sich in ein Fenster zurück.

Ein schelmisches Lächeln spielte um seinen Mund, als es nach einer Weile wieder hervortrat und einen Reim sprach, der deutsch etwa so lauten würde:

»Half ich Euch lustig die Hühner vom Garten verjagen,
Sollt Ihr Euch nun mit der schlechten Lateinerin plagen.
Ist uns das erste in munteren Sprüngen gelungen,
Wird wohl das zweite in redlicher Mühe bezwungen.«

Nun aber ward dem Kinde die Erinnerung an die verzweifelten Sprünge des Paters gar so stark, daß es in ein helles, harmloses Lachen ausbrach. Thomas ging es ebenso; doch faßte er sich schnell und berichtete dem Goldschmied kurz und schlicht das kleine Erlebnis. Das Kind aber wünschte, sich zierlich verbeugend, gute Nacht und verließ das Zimmer.

Als Gottfried in recht später Stunde mit leuchtender Fackel die bescheidenen Gäste heim geleitete, war Thomas sehr, sehr ernst geworden, so daß er das harmlose Geplauder seiner Schwester kaum beachtete.

Im Leutpriesterhäuschen ward es nun lebendiger. Zweimal in der Woche erschien das Englein, wie Grete die Tochter des Goldschmieds nannte, und blieb den ganzen Nachmittag, da die eingebrockte Milch, die es zum Abendessen gab, viel besser schmeckte als alle Leckerbissen, die ihr Frau Berta bereitete. Zuerst ward lateinische Stunde gehalten, der Grete mit Spinnrocken oder Nähzeug staunend beiwohnte; ja, sie merkte sich selbst zuweilen lateinische Worte, um den Bruder damit zu überraschen. Ward aber endlich das dicke Buch zugemacht, und das Schreibgerät weggeschoben, ließ auch sie die Hände ruhen und lauschte gespannt, wie ihr kleiner Thomas zu dem Kinde von himmlischen Dingen sprach, mutiger und klarer, als er's in der Kirche zu tun wagte, und ganz, ganz anders, als sie es von Jugend auf gehört. Aber schön und tröstlich war es; es brachte Frieden ins Herz, nahm die Sündenangst weg, und alle Furcht vor dem Tode. JEsus, der Sohn Gottes, den man ihr dargestellt als »schrecklichen Richter, auf einem Regenbogen sitzend«, erschien ihr nun als der gute Hirte, der Heiland der Sünder, der Erlöser aus aller Not. Wo mochte nur der Bruder, den sie zwar immer herzlich geliebt, aber doch für einen Träumer, für einen jungen, unerfahrenen Menschen gehalten hatte, diese wunderbare Weisheit hernehmen?

Es war ein schöner, freundlicher Sommer für alle! Schlößlein und Leutpriesterhaus standen in stetem Verkehr, und auch in den Hütten rühmte man die Wohltätigkeit der Stadtgäste. Klein-Annchen war bald im ganzen Dorfe bekannt, da ihr das freie Umherlaufen gar wohl gefiel, nachdem man sie in der Stadt fast allzu ängstlich gehütet hatte. Mit den Alten und Kranken plauderte sie freundlich, erquickte sie wohl auch mit allerlei Leckerbissen, die sie sich selbst vom Munde absparte. Am besten gefielen ihr aber die kleinen Kinderlein, die noch in der Wiege lagen und ihr so freundlich zulachten, wenn sie das Wiegenband zog und so lieblich dazu sang:

»Dort oben auf dem Berge,

Da rauschet der Wind,

Da sitzet Maria

Und wieget ihr Kind;

Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,

Dazu braucht sie kein Wiegenband.«

Die große Nürnberger Puppe, die ihr Herr Burkhardt einmal mitgebracht, ward gegen diese lebendigen Püppchen sehr zurückgesetzt, erregte aber desto mehr die Bewunderung der kleinen Dorfmädchen, die noch nie etwas so Prächtiges gesehen hatten. Daß ihr Kopf nur von Holz, ihre früher sehr roten Wangen verblichen, ihr Näschen bestoßen, und das Werg, das die Stelle des Haares vertrat, arg verfitzt war, störte die Kleinen gar nicht. Trug sie doch ein prächtiges Brokatkleid mit langer Schleppe, ein rotes Sammetmieder, mit Goldlitzen verziert, und eine große, von Frau Bertas kundiger Hand verfertigte Spitzenhaube, die den häßlichen Wergschopf verbarg. Wenn Annchen sie spazieren trug, folgten ihr die Dorfmägdlein staunend nach, und wer sie ein wenig halten durfte, war stolz und glücklich. Je mehr aber Annchen bei Pater Thomas lernte, desto seltener kam die schöne »Adelheid« zum Vorschein. Des Kindes Geist entwickelte sich in dieser Zeit sehr schnell, und es entwuchs dem Puppenspiel.

Das Hüpfen und Springen im Freien tat ihm aber an Leib und Seele wohl; darum entfaltete sich an jedem schönen Abend munteres Leben auf dem grünen Platze zwischen Kirche und Pfarrhäuslein. Da sammelte sich die Kinderschar zu fröhlichem Reigentanz; Pater Thomas, Grete und Frau Berta, zuweilen sogar der Goldschmied saßen auf der Bank und ergötzten sich an der harmlosen Kinderlust. Annchen aber wußte immer neue Spiele anzugeben und Liedlein zu singen, die sie in vergangenen glücklichen Tagen von der Mutter gelernt. Bald schallte es im munteren Chor:

»Es sitzt eine Frau im Ringelein

Mit sieben kleinen Kinderlein.

Was essen's gern? Fischelein!

Was trinken's gern? Roten Wein!

Sitzt nieder!«

Oder ein Mägdlein mußte trauernd in der Mitte sitzen als gefangene Prinzessin, während die andern ringsum tanzend sangen:

»Kling, klang, Gloria!

Wer sitzt in diesem Turme da?

Sitzt eine Königstochter inn',

Lehrt uns feine Seide spinn';

Ist so arg belauert,

Ist so stark vermauert

Mit Stein, mit Bein,

Sitzt sie ganz allein!« —

Manchmal ward auch ein ganz weiter Kreis gebildet, und Annchens bunter Ball flog lustig von einem zum andern. Da konnte es geschehen, daß Pater Thomas ihn geschickt wegfing und in seiner Tasche verschwinden ließ. Das gab einen Jubel! Doch waren nur die Kleinsten keck genug, sich um ihn zu drängen, und das Spielzeug unter Lachen und Jauchzen wieder zu erobern.

Sank endlich die Sonne mit Purpurschein tiefer und tiefer über der fernen Flut nieder, so stiegen die Läuteknaben zum Kirchturm empor und ließen das Betglöcklein ertönen. Dann traten alle um den Pater her und sprachen andächtig die Abendgebete. Die Schulknaben sangen auch wohl einen lateinischen Hymnus, dessen Uebersetzung so lautet:

»Christe, der Du bist Tag und Licht,

Vor Dir ist, HErr, verborgen nichts:

Du väterliches Lichtes Glanz,

Lehr' uns den Weg der Wahrheit ganz.

Wir bitten Dein' göttliche Kraft,

Behüt' uns, HErr, in dieser Nacht;

Bewahr' uns, HErr, vor allem Leid,

Gott Vater der Barmherzigkeit.

Gedenk', o HErr, der schweren Zeit,

Darin der Leib gefangen leit;

Die Seele, die Du hast erlöst,

Der gib, HErr JEsu, Deinen Trost.«

Allen war es leid, als im Herbst das Schlößchen wieder leer stand. Grete aber brummte wieder einmal ernstlich, daß der Bruder in allem Wind und Wetter zweimal die Woche zur Stadt wanderte, um Annchens Unterricht fortzusetzen. Hatte das Kind nicht schon übergenug gelernt? Und wie lange blieb er aus! Was konnte einem so schwachen, weltfremden Menschen nicht alles passieren, wenn er noch nach Sonnenuntergang auf der Landstraße wandelte! Als sie ihn aber darüber zur Rede setzte, sprach er lächelnd:

»Ob ich schon wanderte im finstern Tale, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich.«

Ja, das klang lieblich! Er redete jetzt öfter in dieser Weise, als sei er ein Dichter geworden. —

Der Winter war eingezogen, und Grete wirtschaftete emsig im Keller und auf dem Boden umher, um Aepfel und Birnen, Rüben und Kohlköpfe vor dem Erfrieren zu schützen. Da kam einst Thomas, der sich sonst herzlich wenig um die Hauswirtschaft kümmerte, ganz dreist mit einem großen Korbe dazwischen, prüfte erst genau, in welchem Strohhaufen die besten Aepfel verborgen waren, und füllte seinen Korb bis zum Rande.

»Die brauchst du nicht erst zu verwahren, die werden bald weggegessen«, sagte er ganz ruhig.

»Von wem denn?« fragte Grete, sich innerlich zum Kampf rüstend.

»Ei, von den Kindern! Ich hab' mir schon alles schön ausgedacht. Ich mach' am Christabend ein Fest; ganz herrlich! Und zuletzt kommt ein Engel, der teilt Aepfel und braune Küchlein an die Kinder aus.«

»Wo kriegst du denn die Küchlein her?«

»Ei, die mußt du backen!«

»Ich tu's nicht«, rief Grete sehr entschieden. »Alles willst du verschenken! Bringst uns noch an den Bettelstab! Von den neuen Hemden ist auch schon eins weg; gesteh's nur!«

»Gewiß! Es tat dem armen, kranken Peter gar sanft auf seinen wunden Leib. Aber wenn dich die Aepfel dauern, so behalt' sie nur! Ich eß dann freilich keinen. Und die Küchlein brauchst du auch nicht zu backen. Horch dann nur recht auf meine Mettenpredigt. Der leg' ich einen feinen Spruch zugrunde!«

»So? Wie heißt er denn?«

»Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen; der HErr ist nahe!«

Mit seiner allersanftesten Stimme hatte Thomas diese Worte gesprochen; dann ging er still hinab in sein Stübchen.

Es währte nicht allzulange, da steckte Grete den Kopf zur Tür herein und sprach leise zu dem eifrig Lesenden:

»Nimm nur die Aepfel, Thomas. Sie sind ja doch dein eigen! Und die Küchlein kriegst du auch; ich gönn' sie ja dem kleinen Volk. Aber wo nimmst du einen Engel her? Bengel gibt's genug im Dorfe; aber einen Engel sah ich nimmer.«

»Nicht?« rief der Bruder aufspringend und sie umfassend. »O du blinde Grete! Hat nicht ein Englein hier am Tisch die lateinischen Worte gelernt? Hat's nicht neben dir gesessen und mit süßer Stimme zum Schnurren des Spinnrads gesungen?«

»Das Annchen?« rief Grete erstaunt. »Thomas, Thomas! Du wirst mir allzu keck! Willst noch gar die Sterne vom Himmel holen! Was wird der reiche Herr dazu sagen?«

»Grete«, sprach der Bruder, »der reiche Herr ist mein Herzensfreund.«

»Ich merk's längst, daß ihr was miteinander habt«, entgegnete die Schwester. »Geb' nur Gott, daß es nicht Gefahr bringt! 's ist ja wohl manches nicht recht unterm Priester- und Mönchsvolk; aber ihr beiden werdet's nicht ändern.«

Der Leutpriester antwortete nicht; wohl aber brachte er von seinem nächsten Stadtbesuch die Nachricht mit, daß das Englein zu haben sei, und nach Kräften zur Verherrlichung des Festes beitragen, ja sogar die alte große Nürnberger Puppe in ein schönes Christkindlein umwandeln wolle.

Alsbald begannen die Vorbereitungen. Der alte Schullehrer genoß viele Ruhestunden, da Pater Thomas schwere Mühe hatte, den Kindern etliche Weihnachtslieder, die er als Chorknabe im Kloster gelernt, einzuüben. Endlich gelang es und beglückte jetzt schon das kleine Volk. Des Abends brannte das Lämpchen im Leutpriesterhaus sehr lange; die Fenster waren aber so gut verhangen, daß kein neugieriges Auge ergründen konnte, was da drinnen vorbereitet ward. Zwei Knaben und ein Mädchen, besonders brave Schüler, durften ein paarmal ins Stübchen kommen, um etwas Geheimnisvolles einzuüben, verrieten aber, stolz auf das Vertrauen, das man ihnen geschenkt, nicht das Geringste.

Endlich, endlich kam der Weihnachtsabend, und des Leutpriesters Feier mochte wohl Gott gefallen, denn Er schickte das allerschönste Winterwetter dazu. Es war nicht sehr kalt; eine leichte Schneedecke lag auf der Erde, und am blauen Himmel leuchtete ein Sternlein nach dem andern auf. Auch droben im Schlößchen war Licht zu sehen. Schon längst trappelten die Kinder unruhig zwischen den Hütten umher, doch war's ihnen streng verboten, vor dem Vesperläuten zur Kirche zu kommen. Endlich, endlich schallte die kleine Glocke feierlich durch die Dämmerung, und erwartungsvoll eilte alt und jung herbei. Nur die Erwachsenen durften in die Kirche, während sich die Kinder vor des Leutpriesters Häuschen zum festlichen Zuge ordneten. Ja, die rosigen Gesichter strahlten in Festfreude, und die hellen Augen glänzten erwartungsvoll; der Anzug aber war bei vielen nichts weniger als festlich. Gar seltsame Hüllen hatte man den Kleinen umgelegt, um sie vor der Kälte zu schützen. Das Tuch der Großmutter, die alte Mütze des Vaters, besonders aber der leere Sack spielte dabei eine große Rolle. Nun stellte sich Thomas an die Spitze seiner kleinen Schar, die singend herüber ins Gotteshaus zog:

»Es kommt ein Schiff, geladen

Bis an den höchsten Bord,

Trägt Gottes Sohn voll Gnaden,

Des Vaters ewig Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,

Trägt eine teure Last;

Das Segel ist die Liebe,

Der Heil'ge Geist der Mast.

Der Anker schlägt zur Erden:

So ist das Schiff am Land!

Das Wort zu Fleisch soll werden,

Der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren

Im Stall ein Kindelein;

Gibt sich für uns verloren:

Gepriesen müss' es sein!

Und wer dies Kind mit Freuden

Umfangen, küssen will,

Der muß erst mit Ihm leiden

Der Pein und Marter viel.

Danach auch mit Ihm sterben

Und geistlich auferstehn,

Das ew'ge Heil zu erben,

Wie an Ihm ist geschehn.«[A]

[A] Die in der Weihnachtsfeier angeführten Verse waren mit Ausnahme der letzten schon vor der Reformation bekannt.

Wären die Kinder nicht schon recht gut gewöhnt gewesen, hätten sie gewiß mitten im Gesang aufgehört, um in einen Ruf der Bewunderung auszubrechen über das, was sie erblickten. Aber sie blieben fest und zogen singend in die vordersten Bänke ein, wo sie endlich mit gefalteten Händen saßen, die glänzenden Augen nach dem Altar gewendet.

Da war etwas ganz Wunderherrliches zu sehen! Auf weißbehangenem, mit immergrünen Zweigen geschmückten Tische stand eine Krippe. Es war ein mit Heu und Stroh gefüllter Korb, in einem hölzernen Gestell hängend. Darin lag, in schneeweiße Windeln gewickelt, das blonde Köpfchen mit einem goldenen Schein umgeben, das Christkindlein! Daß es Annchen van der Groots Puppe war, ahnte niemand; von weitem sah es wirklich aus, wie ein sehr kleines lebendiges Kindchen. Ochs und Esel, sauber aus Holz geschnitzt, standen dabei und schauten es aus großen Augen an; ja, es schwebten sogar Englein mit goldenen Flügeln und langen weißen Hemdchen ringsumher, von unsichtbaren Fäden gehalten.

Nun trat Thomas daneben, erzählte schlicht und einfach die Geschichte der Geburt des Heilandes, und ermahnte Große und Kleine, Ihm ihre Herzen zu öffnen. Während er sprach, waren ein Knabe und ein Mädchen zu der Krippe getreten und sangen, als er geendet hatte, das Körbchen sanft hin und her wiegend, abwechselnd:

»Laßt uns das Kindlein wiegen,

Das Herz zum Kripplein biegen,

Im Geist uns zu erfreuen,

Das Kindlein benedeien.

Laßt uns dem Kindlein singen,

Ihm unsre Opfer bringen;

Laßt uns Ihm Ehr' erweisen

Mit Loben und mit Preisen.

Laßt uns das Kindlein tränken,

Laßt süße Milch Ihm schenken;

Es wird uns wohl belohnen

Im Himmel mit der Kronen.

Laßt volle Chöre schallen,

Dem Kindlein zu gefallen,

Ein Freudlein Ihm zu machen:

Das Kindlein wird eins lachen!«

Nun fiel der ganze Chor ein:

»Laßt uns beim Kindlein wachen,

Ihm tausend Freuden machen;

Wollt' Gott, wir könnten's loben

Hier zeitlich und dort oben.

O JEsulein süß, o JEsulein süß!«

Den beiden an der Krippe gefiel das Wiegen so wohl, daß sie gar nicht aufhören wollten, und erst durch einen Wink des Leutpriesters erinnert werden mußten, daß ihre Rolle aus sei. Kaum hatten sie sich entfernt, als auch schon ein schlanker, hübscher Knabe, als Hirte gekleidet, mit Tasche und Stab hinter dem Altar vorgewandert kam und sich umschaute, als suche er etwas. Jetzt gewahrte er das Kripplein, tat einen Freudensprung und lief darauf zu. Eine Weile stand er, darüber hingebeugt, in Anschauen und Anbetung versunken; dann wendete er sich den Kindern zu und sprach:

»Als ich bei meinen Schafen wacht',

Ein Engel mir gute Zeitung bracht'.

Des bin ich froh! froh! froh!

Benedicamus domino!

Er sagt', es soll geboren sein

Zu Bethlehem ein Kindelein.

Das Kindlein lieg' in einem Stall,

Sollt' doch die Welt erlösen all.

Als ich nun kam zum Stall hinein,

Das Kind fand ich gewickelt ein.

Das Kind die Augen zu mir wandt';

Mein Herz gab ich in Seine Hand.

Als ich wollt' heim, das Kind wollt' mit,

Und wollt' von mir abscheiden nit;

Es legt sich selbst an meine Brust

Und macht mir da viel Herzenslust.

Den Schatz muß ich bewahren wohl,

So bleibt mein Herz der Freuden voll.

Des bin ich froh! froh! froh!

Benedicamus domino!«

Als der Hirte wieder verschwand, begannen die Kinder zu singen:

»Das Heil der Welt, ein kleines Kind,

Man jetzo hier auf Erden find't.

Drum singen wir alle mit Schalle,

Mit Fröhlichkeit, mit Innigkeit

Dem Kindelein in Ewigkeit!

O JEsu! O JEsu!

Gegrüßet seist Du, JEsus Christ,

Der uns zum Heil geboren ist!

Drum singen wir alle mit Schalle,

Mit Fröhlichkeit, mit Innigkeit

Dem Kindelein in Ewigkeit!

O JEsu! O JEsu!«

Schon während des letzten Gesanges begannen die Kleinsten etwas unruhig zu werden, mochten auch wohl an die Füßlein frieren. Darum war's Zeit, daß nun noch das Beste kam. Die Kinder standen alle auf, bildeten, einander an den Händen fassend, eine lange Reihe, und zogen nun fröhlich in tanzendem Schritte beim Kripplein vorbei und rings um den Altar herum. Dabei sangen sie ganz lustig:

»Seid fröhlich und jubilieret

JEsu, dem Messiä;

Der die ganze Welt regieret,

Ist ein Sohn Mariä,

Und liegt im Krippelein

Beim Ochsen und Eselein.

Jauchzt und klinget, singt und springet!

Aus der Höh', aus der Höh', aus der Höh'

Ist gekommen Christ, das Söhnlein

Mariä, Mariä, Mariä!

Und hat von uns weggenommen

Alles Weh, alles Weh, alles Weh!

Hilf, daß wir bald zu Dir kommen, o Christe!«

Als sie zum zweitenmal hinter dem Altar hervorzogen, war indes vor der Krippe etwas Herrliches erschienen. Ein wunderschöner Engel stand da! Er trug ein langes schneeweißes Gewand und hatte goldene Flügel, die fast noch heller glänzten als die langen Locken, die ihm um die Schultern wallten. Ihm zu Füßen standen zwei große Körbe; einer war mit leckeren braunen Küchlein gefüllt, aus dem andern lachten den Kindern die schönsten rotbäckigen Aepfel entgegen. Mit heller, lieblicher Stimme sprach der Engel:

»Ihr Kinderlein, kommt all' herbei,

Und füllet eure Händchen frei

Mit Aepfeln aus dem Paradies,

Mit feinen Küchlein, honigsüß!

Dann lernt auch wacker, bleibet fromm,

Bis übers Jahr ich wiederkomm';

Bis uns der Heiland allzugleich

Einführt ins goldne Himmelreich!«

Zuerst waren die Kinder sehr zaghaft, so daß keines wagte, sich dem Himmelsboten zu nahen. Endlich faßte der kleine Hans, des Leutpriesters Liebling, ein Herz, trippelte auf den Zehen heran, tat einen scheuen Blick ins holde Engelsangesicht, stopfte schnell zwei Küchlein vorn ins Wämschen, nahm in jede Hand einen Apfel und sprang flugs zurück an seinen Platz. »Fürcht' dich nicht«, flüsterte er seinem Nebenmännlein zu. »'s ist ein braver Engel! Mir ist, als hätt' ich ihn schon einmal im Traum gesehn!« Da wagte es auch der kleine Freund, und damit war der Bann gelöst. Immer noch etwas bange, aber sehr glücklich, zog die ganze Reihe langsam vorüber, um sich das himmlische Geschenk zu holen. Indes waren die Lichtlein an der Krippe verlöscht, und bei sanftem Orgelspiel verließ jung und alt die Kirche.