8. Die Flüchtlinge.

Als Gottfried das gewaltsame Oeffnen der Haustür und die rauhen Stimmen der Klosterknechte gehört hatte, war er einen Augenblick wie gelähmt gewesen vor Schreck und Grauen. Ach, er ahnte sogleich, was nun oben vorgehen werde. »Ich will mit meinem lieben Herrn sterben!« war sein erster Gedanke; doch gedachte er gleich darauf des Kindes, das der Vater oft seinem Schutze anbefohlen hatte. »Sollte ich den Feinden in die Hände fallen«, hatte er gesagt, »so bringe mein Kind nach Magdeburg in Herrn Burkhardts Haus. Wohl ist die Reise weit; doch werden euch Gottes Engel geleiten!« Ja, das wollte er tun! Aber es war ja stockfinster um ihn her, da er beim ersten Schlag an die Tür sein Lämpchen gelöscht hatte. So erbrach er im Finstern mit aller Macht die Schublade, wo das Geld verwahrt lag, griff hinein und füllte die geheime Tasche seines Wamses. Aber wie sollte er aus dem Hause kommen? Horch! Laute Stimmen ließen sich im Hausflur vernehmen.

»Habt ihr die Verfluchten?« rief es die Treppe herauf.

»Ja, aber nur fünf! Den Leutpriester und den Goldschmied bringen wir gleich gefesselt herab. Schiebt den Karren dicht vor die Tür, daß wir sie hineinwerfen; schnell! Ein Bube sollte noch bei der Rotte sein; wir fanden keinen!«

»Ihr sollt ihn auch nicht finden, ihr Grausamen!« dachte Gottfried. Behende kletterte er zum hinteren Fenster hinaus in den Hof, erklomm eine Mauer, und war gleich darauf mit gewaltigem Sprung im engen Hintergäßchen angelangt. Oft hatte er im Knabenspiel diesen Weg genommen, jetzt lief er in heißer Todesangst die öden Gassen entlang bis zum Stadttor. Es war geschlossen, aber im Häuschen des Torwarts brannte noch Licht. Er war ein Freund der neuen Lehre, aber ein furchtsamer, wollte auch nicht hören, was der Jüngling zu sagen hatte. Doch öffnete er ihm willig das kleine Nebenpförtchen und löschte sofort sein Lämpchen, damit niemand Verdacht schöpfen möge.

Gottfried aber stand im Finstern auf der öden Landstraße, legte die Hand aufs klopfende Herz und rang nach Fassung. Ach, nun war es da, was man schon lange gefürchtet! O wie traurig, wie schrecklich war es! Mit Grauen und bitterem Jammer dachte er an das Schicksal der beiden edlen Männer, die er so sehr liebte und ehrte! Kein Mensch konnte sie retten! O, wenn sie nur erst droben wären vor Gottes Thron! Welch schrecklicher, schmach- und schmerzvoller Weg stand ihnen bevor! Aber Annchen und die brave Grete konnten, ja sie mußten noch gerettet werden; und er mußte es tun! Darum vorwärts, vorwärts! O, wenn er nur Flügel hätte! Der Weg war so weit, so uneben, so schwer zu finden im Dunkeln! Im Laufen gedachte er auch seiner Mutter, die ihn früher so liebreich, in der letzten Zeit so kalt behandelt hatte. Was würde sie nun tun? Und welch ein Kampf stand ihm wohl bevor? Im Laufe fiel er mehrmals zu Boden, über Steine und Wurzeln stolpernd, geriet auch in schmutzige Pfützen, daß sein Gewand übel zugerichtet ward. Aber jetzt! Jetzt zerteilten sich die Wolken, und das Mondschifflein glitt leuchtend dazwischen hervor! Nun konnte er eilen; ja, er flog dahin wie ein Wettläufer im Kampfspiel! Es galt ja Annchen zu retten! Wie kam es doch, daß er jetzt erst merkte, wie lieb sie ihm war?

Indessen war's draußen im Leutpriesterhäuschen friedlich und still. Die kleinen Vorhänge waren zugezogen. Grete ließ fleißig das Spinnrad schnurren; auf einem Schemel daneben, das Köpfchen an ihren Schoß gelehnt, saß Anna. Frau Berta war nicht zu sehen. Jetzt erhob sich das Mägdlein und bat:

»Bringt mich nun heim, liebe Grete; es wird spät. Ach, könnt' ich doch bei Euch bleiben! Frau Berta ist nimmer wie früher. Heute schalt sie mich sogar eine Ketzerin, und drohte, mich und den Vater zu verlassen. Zu Euch will sie nie mehr kommen, seit Euer Bruder am Sonntag so herrlich gepredigt hat vom heiligen Sakrament. Mir gefiel es so gut! Und es muß doch recht und wahr sein, da der Heiland selber gesagt hat: ›Trinket alle daraus!‹ Er ist doch ein Herr über alles; wie durften die Priester Seine Worte ändern?«

»So bleib doch bei mir, Kind«, erwiderte Grete. »Thomas kehrt erst morgen früh heim. Ach, was ist das jetzt für eine Zeit der Angst und Unruhe! Ehemals war's doch so friedlich.«

»Vater sagt, der Friede des Herzens bleibe uns doch, mitten im Kampf! Aber nun bringt mich heim, ehe Frau Berta kommt, um mich zu holen, und noch mehr erbittert wird.«

»So zieh das Tuch dicht übers Köpfchen, mein Liebling; die Nacht ist kühl! Horch! Da schlägt ja der Hund an! Hallo! Wer ist so spät noch draußen?«

»Oeffnet schnell«, klang es leise zurück. »Ich bin's, Gottfried! Ich bringe wichtige Botschaft!«

Wenn auch der wackere Bursche gefaßt und ruhig eintrat, bewies doch sein erhitztes, nach und nach aber erbleichendes Antlitz, sein angstvoller Blick und die beschmutzte Kleidung, daß er den Weg in höchster Erregung zurückgelegt hatte.

»Seid tapfer, Jungfer Grete«, sprach er, »und Ihr, liebes Annchen, gebt euch geduldig in Gottes Willen! Ihr müßt noch diese Nacht Haus und Dorf verlassen, da die Verfolgung täglich mehr überhandnimmt.«

»In der Nacht!« rief Annchen erschrocken. »O, warum kommt der Vater nicht, mich zu holen? Und wo ist Pater Thomas? O Gottfried, Gottfried, wie bleich bist du! Wie unheimlich funkeln deine Augen! O, sage mir schnell, wo ist mein Vater?«

»In der Stadt«, stammelte Gottfried, erschöpft auf die Bank niedersinkend.

Annchen aber trat zu ihm und sprach: »Gottfried, sprich die Wahrheit! Ich will alles tragen, was Gott schickt, aber die Wahrheit will ich wissen. Ist mein Vater gefangen?«

»Ihr sagt es!« stammelte der Bote, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte laut. »Ihn und unsern guten Leutpriester schleppte man gebunden aus dem Hause.«

Da schrie Grete laut auf, rang die Hände, warf sich nieder und gebärdete sich schier unsinnig.

Das Kind aber stand still weinend am Fenster, schaute gen Himmel und flüsterte: »Mütterlein, lieb Vater ist nun bald bei dir, und bald, bald komme auch ich.« Dann schlang sie die Arme um Grete und bat:

»O, schützet mich, gute Jungfer; ich bin ja nun ganz allein auf der Welt! O, laßt die schwarzen Klosterleute nicht kommen und mich wegholen! Ich fürchte mich vor ihnen!«

Da bezwang Grete ihren Schmerz, rang aber ratlos die Hände und fragte:

»Was sollen wir tun? Wohin sollen wir fliehen?«

»Eine weite Reise liegt vor uns; wir müssen nach Magdeburg zu Meister Burkhardt«, sprach Gottfried. »Ich sehe jetzt nach meiner Mutter. Indessen müßt Ihr ein Bündel schnüren, wie Wandersleute es tragen, auch für Anna geringere Kleidung schaffen und wohl auch für mich. Ihr, gute Jungfer, könnt in Eurem ländlichen Rock und Mieder wohl als unsere Mutter gelten. Bevor der Morgen graut, muß jede Spur von uns verlöscht sein. Unterdrückt Euer eigenes Leid, und gedenket nur des Kindes.«

Mitternacht war vorüber, als Gottfried bleich und traurig vom Schlößlein wieder herabstieg zum Leutpriesterhäuschen. All sein Bitten, Weinen und Mahnen war vergeblich gewesen; ja, zuletzt hatte sich die Mutter von ihm losgesagt als von einem verfluchten Ketzer. O wie schwer war ihm das Herz! Doppelt schwer, da er wohl wußte, daß seine Mutter der neuen, seligmachenden Lehre zuerst gern gelauscht, sich aber zurückgezogen hatte, sobald die Verfolgung ausbrach. O wie elend mußte sie sich fühlen, wie friedlos! Viel unglücklicher war sie, als die beiden edlen Männer in ihren Banden!

Gottfried aber fühlte, daß es jetzt Zeit sei, sein eigen Leid ganz zu vergessen und sich mit männlichem Mute der Rettung des Kindes hinzugeben. Grete hatte indes die Nachbarsleute geweckt, die für ihren Leutpriester durchs Feuer gegangen wären. Der verständige Mann riet, die Flucht zu Wasser zu beginnen, um sogleich jede Spur zu verlöschen. Während er seinen großen Kahn flott machte und allerlei drin barg, was gut für die Reisenden war, kleidete man Annchen in den Sonntagsanzug der ältesten Tochter. Auch für Gottfried fand sich ein bäurisches Wams und grobe Schuhe.

Nun war alles bereit. Annchen hatte, bleich und still, alles mit sich machen lassen. Jetzt faltete sie die Hände und betete mit sanfter Stimme: »Der HErr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um Seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich.«

Den andern war es, als habe ein Engel vom Himmel gesprochen. Einen Blick warfen sie noch zurück ins freundliche Stübchen, nach dem Kirchlein und dem Schlößchen, dann ging's in Nachtstille und Dunkelheit hinab zum Strand. Wolken flogen über den Mond, so daß sein Licht nur dann und wann den Pfad erhellte. Aber nun begann Annchens Kraft zu erlahmen. Sie zitterte und schwankte; der Fischer hob sie empor und trug sie in den Kahn, wo Grete fürsorglich ein Kissen zurechtgelegt hatte. Da schwanden ihr die Sinne, und als sie endlich aus tiefer Ohnmacht erwachte, schaukelte das Schifflein schon weit draußen auf den Wellen. Zuerst war es dem Mägdlein, als habe es nur schwer geträumt; als es aber zu voller Besinnung kam, machte sich der Jammer in heißen Tränen Luft, und Grete weinte mit ihr, während Gottfried seinen Kummer männlich bezwang.

Aber in Zeiten besonderer Trübsal gibt Gott auch besondere Kraft; und wenn das Auge kein irdisches Glück mehr sieht, blickt es um so klarer in die himmlische Herrlichkeit hinein. Darum trösteten die drei Flüchtlinge einander mit lieblichen Sprüchen der heiligen Schrift, und befahlen sich und die teuern Gefangenen immer aufs neue in Gottes Hände. Dennoch war es eine schwere, jammervolle Fahrt!

Gegen Morgen kehrte der Fischer den Kiel dem Lande zu und ließ das Schifflein in eine kleine Bucht einlaufen.

»Sieh«, sprach er zu Gottfried, »Ihr müßt nun über den Ufersand jenem Wäldchen zustreben, dann findet Ihr leicht die Landstraße, die nach Morgen zu führt. Weiter kann ich Euch nicht raten, da ich nur ein unwissender Mann bin. Ihr aber seid zur Schule gegangen und findet Euch wohl auf der Welt zurecht?«

»So Gott will, ja«, erwiderte Gottfried. »Die Namen der Städte und Marktflecken, durch die man reisen muß, wenn man nach Magdeburg will, kenne ich wohl. Mein guter Herr hat sie mich gelehrt.«

»Auch mir erzählte er viel davon, der gute, liebe Vater«, sprach Annchen. »O, wenn wir nur schon bei Herrn Burkhardt wären! Denkt ihr, daß er etwas tun kann, den Vater und Pater Thomas zu retten?«

Niemand antwortete auf diese kindliche Frage. Aengstlich schaute Anna von einem zum andern, barg das Gesicht eine Weile an Gretes Brust und war dann wieder still und gefaßt.

»Nun behüte und geleite euch der starke Gott«, sprach der Fischer, als er die drei ans Land gebracht. »Ich fahre nun heim und rüste stille zur Auswanderung, werde auch nicht der einzige sein, der das tut. Wir mögen keinen dummen Mönch an der Stelle unseres treuen Hirten sehen!«

Lange blickten die Flüchtlinge dem Kahne nach, stärkten sich mit ein wenig Speise und wanderten dann dem Wäldchen zu. Dort ward das zarte Mägdlein von Müdigkeit übermannt und sank, treu behütet von den Gefährten, in einen langen, tiefen Schlaf.

Zu derselben Zeit ward es lebendig im Fischerdorf. Warum läutete wohl niemand zur Frühmesse? Warum blieb es so still im Pfarrhof? Das Hühnervolk war wohl noch eingesperrt im Stalle, dagegen heulte der Hund von Zeit zu Zeit ganz jämmerlich und zerrte an seiner Kette. Ein paar Männer machten sich auf, um nachzusehen. Tor und Türen fanden sie offen, und alles an seinem Platz, doch war kein lebend Wesen zu sehen. Was mochte wohl geschehen sein? So groß war die Angst vor dem geistlichen Gericht, daß man sich nur leise allerlei Vermutungen zuflüsterte, die sich nur zu bald bestätigten.

Als die Sonne höher gestiegen war, nahte sich von der Stadt her eine seltsame Prozession. Allerlei Gerät tragend, wandelten einige Mönche voran; ihnen folgte auf zahmem, wohlgepflegtem Rößlein ein Würdenträger des Klosters. Dann kam ein geschlossener, mit Vorhängen versehener Wagen, wie ihn zu jener Zeit Frauen höherer Stände zum Reisen benutzten. Den Schluß machten einige bewaffnete Klosterknechte.

Auf dem Kirchplatz hielt der Zug, um den sich bald alle versammelten, die sich wohl die Freundlichkeit des Leutpriesters gefallen lassen hatten, gegen seine Lehren aber stumpf geblieben waren. Dagegen zogen sich seine Anhänger traurig in ihre Hütten zurück. »Läutet die Glocke und öffnet die Kirchtür«, befahl der Priester. Es geschah, und die Versammelten drängten sich, meist noch in sehr mangelhafter Kleidung, in das Kirchlein. Auch Frau Berta erschien, bleich und überwacht, einen schwarzen Schleier über das Haupt geworfen. Sie kniete in der vordersten Reihe neben den fremden Nonnen.

Nun erhob der fremde Pater seine gewaltige Stimme und belehrte die Versammlung, daß dieser Altar schrecklich verunreinigt sei, da ihn der Fuß eines Ketzers betreten, und seine Hände die heiligen Bücher und Geräte berührt hätten. Er sei gekommen, die Reinigung des Heiligtums vorzunehmen und den bösen Geist der Ketzerei zu bannen. Und nun begann er mit fürchterlicher Stimme und seltsamen Gebärden seine lateinische Teufelsaustreibung zum großen Entsetzen der Zuhörer, die freilich kein Wort davon verstanden. Ein Mönch reichte ihm einen Wedel, der andere hielt das Becken mit Weihwasser, womit er nun nicht allein Altar und Kanzel mit allem Zubehör, sondern auch die Wände und die Köpfe der Zuhörer reichlich besprengte. Nun erst durfte man hoffen, die Wirksamkeit des treuen, liebreichen, kindlich frommen Pater Thomas gänzlich unschädlich gemacht zu haben, so daß man getrost die Messe halten konnte.

Die Klosterknechte hatten nicht an der Feier teilgenommen, da etliche den Pfarrhof bewachen mußten, zwei aber hinauf zum Schlößchen gesandt worden waren. Nach beendigtem Gottesdienst wandelte der Pater befriedigt hinüber zum Pfarrhofe, war aber sehr empört, daß von der Schwester des Gefangenen keine Spur zu entdecken war, wohl aber etliche Anzeichen schleuniger Flucht. Nun, an Jungfer Grete war wenig gelegen; das Töchterlein des Goldschmieds war bessere Beute. Gewiß hielt es die Pflegerin im Schlößlein verborgen.

Aber sieh, da nahte sich Frau Berta dem Gewaltigen, kniete vor ihm nieder und sprach:

»Eure Knechte, ehrwürdiger Vater, haben das Schlößlein durchsucht bis in den äußersten Winkel; dennoch wollen sie mir nicht glauben, daß das Kind des Ketzers geflohen sei mit der Schwester des Verführers. Jetzt stärken sie sich mit Speise und Trank in meiner Küche, und ich bitte Euch, ein Gleiches zu tun im besten Gemach, und mich dann von den Zudringlichen zu befreien.«

Sich huldvoll neigend, erwiderte der Priester: »Ihr waret die Pflegerin des Jungfräuleins? Habt Ihr keine Ahnung, wo es sich hingewendet haben mag?«

»Ach, ehrwürdiger Vater, mir ist davon nichts bewußt! Groß und weitverbreitet waren die Handelsverbindungen meines unglücklichen Herrn, zahlreich und mächtig seine Freunde. Wer kann wissen, wo es Zuflucht gesucht hat? Mein Herz ist schwer, und mein Denken verwirrt, da ich nicht nur das Kind, sondern auch meinen einzigen Sohn verloren habe.«

Sie brach in Tränen aus, und der Priester gab sich zufrieden. War doch die Zahl der Opfer, die in diesen Tagen dem geistlichen Gericht in die Hände fielen, so groß, daß die Blutgier der »heiligen Kirche« reichlich befriedigt ward.

So zogen die Nonnen, die gekommen waren, Annchen in ihr Kloster zu führen, allein wieder ab, und taten es gern. Die armen Dinger hatten ihre liebe Not mit den vielen Ketzerkindern, die nach ihren gefangenen oder getöteten Eltern jammerten, und begehrten nicht noch eins dazu. —

Während Anna im fernen Wäldchen fest schlief, hielten ihre beiden treuen Begleiter ernstlich Rat, wie der lange gefährliche Weg am sichersten zurückzulegen sei. Daß es zu jener Zeit noch keine Eisenbahn gab, weiß wohl jeder Leser dieses Buches, aber wie mangelhaft und unsicher die damaligen Reisegelegenheiten, wie schlecht die Wege und wie groß die Beschwerden des Wanderers damals waren, ist nicht allen bekannt. Von Vergnügungsreisen war überhaupt nur bei Fürsten und sehr reichen Leuten die Rede, und die meisten Frauen und Kinder kamen nie über die nächste Umgebung ihrer Stadt oder ihres Dorfes heraus.

Zuerst zählten Grete und Gottfried das Geld aus Annchens Beutel und Gottfrieds Tasche. Es war sehr viel; weit mehr, als man erwartet hatte. Ja, es hätte sogar gereicht, um einen mit Vorhängen versehenen Wagen und ein Pferd dazu zu kaufen, wie es geistliche Herren und vornehme Damen zur Reise benutzten. Aber das ging nicht. Ein solcher Wagen ward nur auf Bestellung gefertigt. Man hätte in der nächsten größeren Stadt lange darauf warten müssen; man wäre erkannt worden, und dann? — Nein, als schlichte Landleute gekleidet, mußte man auch reisen wie diese. Zwei zahme Rößlein wollte man sobald als möglich erhandeln. Eins für Gottfried, der manchen Ritt mit seinem Herrn getan, eins für Grete, die von Jugend auf die Ackergäule ihres Vaters herein- und herausgeritten hatte. Annchen würde bald lernen, sich hinter ihr zu halten; es war damals nichts Seltenes, daß zwei auf einem Rosse saßen. Tief, tief verbargen nun die beiden Getreuen ihren Reichtum im Gewande, nur etwas kleine Münze für den Gebrauch bereit haltend.

Endlich erwachte das Mädchen und drängte selbst zum Aufbruch. Aber ach, wie bleich sah es aus! Wie trübe waren die lieben Augen, wie matt die holde Stimme! Dennoch schritt es, von Grete geführt, tapfer dahin, als man bald darauf die Landstraße erreicht hatte.

Diese war nicht, wie jetzt, sorgfältig geebnet, auch nicht mit Ablaufgräben und Fußwegen eingefaßt, noch weniger mit Schattenbäumen bepflanzt. Rauh und steinig, reichlich mit Löchern und allerlei Unebenheiten versehen, zog sie sich, von der Sonne bestrahlt und ausgedörrt, dahin, wenn nicht hier und da ein Baumgarten oder gar ein Wäldchen Schatten gab. Aber fruchtbar und wohlangebaut war das Land ringsumher. Frischgrüne, mit Blumen besäete Wiesen wechselten mit sprossenden Feldern ab. Bauernhöfe, Edelsitze, Dörfer sah man liegen, auch hier und da ein Kloster, an dem man so schnell als möglich vorüber eilte.

Menschen begegnete man genug! Obgleich man damals nur wenig reiste, so war doch die Landstraße, als einziger Reiseweg, meist recht belebt. Zu jener Zeit ward manches Handwerk im Umherziehen betrieben. Da kam ein Kesselflicker, ein Glaser, ein Zimmermann gezogen, sein Werkzeug im Sack auf dem Rücken, oder in kleinem Karren vor sich her schiebend. Ein Metzger fuhr einher, in dessen Wagen ein paar Kälber blökten, während eine angebundene Kuh traurig hinterher trabte. Die Ledertasche über seiner Schulter ward wohl an manchem Ort sehnlich erwartet, da er zugleich Briefträger war. Dort trat unter den Bäumen ein Bettelmönch hervor, zudringlich eine Gabe heischend. Es war nicht geraten, ihn abzuweisen; nicht selten bargen diese Leute Waffen unter der Kutte. Horch! War das nicht Lautenklang? Ja, da stand der arme Lautenschläger; neben ihm sein Weib mit der Harfe, das Kindlein, in ein Tuch gebunden, auf dem Rücken. Sie sangen ein schwermütiges Volkslied und dankten herzlich für den Groschen, den Gottfried ihnen reichte. Wandernde Schüler und Handwerksburschen zogen lustig ihre Straße; ein Wunderdoktor pries seine Salben an, um Annchens bleiche Wangen zu röten. Aber jetzt beschleunigten die Flüchtlinge ihre Schritte, denn es nahte sich ein stattlicher Zug. Auf schneeweißem Roß kam ein hoher geistlicher Herr geritten, umgeben von zahlreicher Dienerschaft. Ein Lastesel trug das reichliche Gepäck des wohlbeleibten Reisenden.

Ein paar Stunden war man gewandert, als Annchens Kraft anfing zu erlahmen. Es konnte ja nicht anders sein nach dem furchtbaren Schreck und dem bitteren Kummer im Herzen! In einer Baumgruppe nicht weit vom Wege ließ man sich nieder, um zu ruhen und etwas zu essen. Ach, das Mädchen und auch die arme Grete benetzten ihr Brot mit Tränen; selbst Gottfried hatte Mühe, nicht das gleiche zu tun. Sorgenvoll stützte er den Kopf mit der Hand. Wie sollte er, der junge, unerfahrene Bursche, diese beiden, die sich auf ihn verließen, ans Ziel bringen? Würde das zarte Kind, das er, ach! so sehr liebte, in seiner tiefen Trauer die Anstrengungen der Reise ertragen? Ach, war nicht auch ihm das Herz so schwer, daß er kaum die Gedanken zusammenhalten konnte?

Aber horch! Klang das nicht wie das Rollen und Knarren vieler Räder? Richtig! Es nahte sich ein Zug von mehreren mit Leinwand überspannten Wagen, von einigen bewaffneten Reitern geleitet. Später erfuhren die Flüchtlinge, daß sie überseeische Waren enthielten, die, im Hafen von Antwerpen angekommen, nun nach Deutschland gebracht wurden. Gottfrieds scharfer Blick bemerkte gleich, daß der erste Wagen nicht ganz gefüllt war. Zwischen den Ballen und der Plane war noch schöner, schattiger Raum. Da faßte er sich ein Herz und trat, bescheiden grüßend, auf den ersten Reiter zu.

»Was begehrst du, Bube?« fuhr ihn dieser an.

»Nichts für mich«, war die Antwort, »nur für jene Frau und das Mägdlein, die dort ermattet ruhen. O, wenn sie eine Strecke mitfahren dürften! Wir müssen heute noch das Städtlein N. erreichen.«

Mißtrauisch betrachtete der Reiter den Jüngling, dessen Sprache nicht recht zu dem groben Wams paßte. Indessen war der zweite, viel besser gekleidete Reiter herangekommen. Sobald Gottfried ihm seine Bitte vortrug, gebot er den Wagen Halt und sprach:

»Steigt getrost auf, ihr Armen! Hat mir Gott meine Waren sicher übers Meer geleitet, so darf ich den Bedrängten wahrlich keine Gunst versagen. Greif zu, Klaus«, gebot er dem Fuhrmann; »heb das Jüngferlein empor und hilf der Frau! Laßt euch nur auf die vorderen Ballen nieder; sie sind weich! Spring mit auf, Bube! Bist ja so bleich wie eine Wand! So, nun vorwärts!«

Uns verwöhnten Leuten im zwanzigsten Jahrhundert hätte diese Art zu reisen wohl wenig behagt, da die Wagen gewaltig schwankten und es bei den Unebenheiten der Straßen manch harten Stoß setzte, so daß Grete den starken Arm um ihren Schützling schlingen mußte. Aber die Flüchtlinge gewöhnten sich bald an diese Dinge, und dankten Gott für den sicheren Sitz und den Schutz der Leinwand vor den brennenden Sonnenstrahlen. Und wie schnell kam man vorwärts! Schon um die Vesperzeit war das Städtchen N. erreicht, an dessen Wirtshaustür der freundliche Kaufherr alle seine Leute und auch seine Schützlinge mit einem kühlen Trunk Bier erquickte. Bald nach Sonnenuntergang gelangte man zu dem Marktflecken, wo Nachtrast gehalten werden sollte.

Aber ach! Wie überfüllt von allerlei lärmendem, streitendem, singendem oder trübselig herumsitzendem Volk war die einzige große Gaststube der Nachtherberge! Hier zog sich einer die schmutzigen Stiefel aus, dort im Winkel wechselte ein anderer das Hemd. Dazu war's drückend heiß in dem niedrigen Raum, und die dicke Luft angefüllt mit allerlei übeln Gerüchen. Aengstlich und zitternd blieb Annchen an der Tür stehen.

»Hier kann ich nicht bleiben, gute Grete«, flüsterte sie ihrer Beschützerin zu; »mir wird so bange! Auf dem großen Strohlager dort hinten könnt' ich kein Auge zutun!«

»Kommt heraus«, riet Gottfried. »Vielleicht erlaubt euch der Herr, auf den Ballen im Wagen zu schlafen.«

Da stand er ja schon im Gespräch mit dem dicken Wirt, der hier unumschränkte Gewalt ausübte.

»Ist die Kammer für mich bereit, die der reitende Bote bestellte?« fragte der Kaufmann. »Ist in den Ställen saubere Streu für Roß und Mann?«

»Alles besorgt. Herr«, erwiderte der Wirt.

»Ich brauche aber heute noch eine Kammer für jene Frau und das zarte Mägdlein ihr zur Seite.«

»Gibt es nicht! Gibt es nicht!« rief der Wirt ganz verändert. »Fehlte mir noch, Kammern vorzurichten für Bauernvolk! Hinein mit euch«, schrie er den Flüchtlingen zu, »die Suppe wird gleich aufgetragen. Nehmt, was euch gebührt, oder schert euch aus dem Hof!«

Statt aller Antwort drehte ihm der Kaufherr den Rücken und rief seinen Fuhrleuten zu:

»Halt! Klaus, Joseph, Peter! Spannt nicht aus! Wir sind dem Herrn Wirt zuviel! Wollen noch eine Strecke im Mondschein fahren!«

Das half! »O, ich bitt' euch«, rief der Mann, »tut mir das nicht zuleid! Mein bester, mein vornehmster Gast! Weib! Mädel! Wo steckt ihr denn? Flink die hintere Kammer gerüstet; ein sauberes Lager hinein! Eine Schüssel Suppe hierher auf die Bank vor der Tür und weißes Brot dazu!«

Schnell, wie durch Zauberei, wurden alle Befehle erfüllt, und bald ruhten Grete und Annchen nach diesem unendlich schweren Tage auf reinlichem, mit einem Laken bedeckten Strohlager, während Gottfried noch ein Gespräch mit dem Kaufherrn hatte, und ihm nicht verschwieg, daß Magdeburg das Ziel der Reise sei.

»So könnt ihr noch drei Tage mit mir fahren«, sprach der brave Mann, »dann scheiden sich unsere Wege. Bauersleute seid ihr nicht; das bekundet deine und des Jüngferchens Sprache und Sitte. Die Frau kann eher dafür gelten! Was ihr seid, begehre ich nicht zu wissen, ahne es aber, da ich im Hafen von Antwerpen entsetzliche Kunde vernahm. Von der neuen Lehre weiß ich noch wenig; doch bin ich dem Volke der Pfaffen und Mönche nicht sehr zugetan, und jedes grausame Blutvergießen ist mir ein Greuel! Nun geh, mein Sohn, und schlafe bei den Fuhrknechten im Stalle. In deinem Alter hab' ich mich oft mit solchem Lager begnügen müssen.«

Bei Sonnenaufgang ging's nach einem guten Frühstück von Milch und Brot wieder auf die Fahrt. Gegen Mittag erreichte man eine Stadt, wo einer der Reiter wegen allerlei Geschäften zurückbleiben mußte. Gottfried durfte das ledige Roß besteigen; bald rief ihn der Kaufherr an seine Seite und fragte nach mancherlei, endlich auch nach dem Weg, auf dem die Flüchtlinge Magdeburg erreichen wollten.

»Mein Sohn«, sprach er nach einigem Nachdenken, »dieser Weg mag wohl für einen erfahrenen Mann passen, der in allen diesen Städten Freunde hat, aber für euch ist er viel zu beschwerlich. Wie lange würde die kleine holde Jungfer dies angestrengte Reiten aushalten? Was würde sie in den Nachtherbergen zu leiden haben! Vertrauet euch mir; ich meine es gut mit euch, wenn ich euch auch zuerst etwas weiter nach Mittag zu führen muß, als richtig scheint.«

»Vollkommen vertraue ich Euch!« rief Gottfried. »Ihr seid uns gekommen wie ein Engel von Gott gesandt! Schwer lag mir die Verantwortung für das Mägdlein auf dem Herzen. Ihr werdet uns gewiß sicher ans Ziel bringen. Aber horcht! Was ist das für ein Lärm? Wilder Gesang, Geschrei, Harfen- und Flötenton, alles durcheinander!«

Ja, da nahte sich ein seltsamer Zug. Wohl zwanzig bis dreißig wilde, schwarzhaarige, sonnenverbrannte Männer, teils in malerisch bunter, teils in jämmerlich zerlumpter Kleidung schritten dem Wagenzug entgegen. Auf mehreren, von struppigen mageren Rößlein gezogenen Karren saßen wildblickende, dunkeläugige Weiber, mit allerlei Flitterstaat behangen, halbnackte braune Kindlein in den Armen. Größere Buben und Mädchen, halbnackt und reichlich mit dem Schmutz der Landstraße bedeckt, stürmten mit bittend ausgestreckten Händen auf die Wagen zu.

»Es sind Zigeuner«, sprach der Kaufherr; »eine rechte Landplage! Wohl könnten wir stracks zwischen ihnen hindurchfahren, oder sie gar durch ein paar Schüsse einschüchtern, doch ist das nicht geraten. Sie sind listig und wissen sich wohl zu rächen. Besser ist es, sie durch eine kleine Gabe zufrieden zu stellen.«

Schon waren die Wagen, die auf einen Ruf des Herrn stillstanden, von dem wilden Schwarm umringt. Etliche streckten bettelnd die Hände aus, andere wollten wahrsagen, heilende Salbe verkaufen und Wunderwasser, das in allen Krankheiten helfen sollte. Es gelang ihnen auch, einige kleine Münzen von den Reitern und Fuhrleuten zu erlangen. Aber jetzt rief der Kaufherr den Anführer der Bande zu sich und sprach, zwei blanke Silberstücke emporhaltend:

»Genug des Lärms! Gebiete deinem Volk, ruhig seine Straße zu ziehen, so ist eins von diesen dein; das andere reicht wohl zu gutem Abendtrunk für alle!«

Das wirkte Wunder! Die Augen des Mannes funkelten. Er rief einige unverständliche Worte; schnell bildete sich der Zug, die braune Hand schloß sich über den Münzen, und die Wagen setzten sich in Bewegung. Ein kleiner brauner Bube hatte den vorderen Wagen erklettert und betrachtete Annchen mit neugierigem Blick, fing aber ein Zetergeschrei an, als er sich von seinen Genossen getrennt sah. Ganz ruhig packte ihn der Fuhrmann beim Schopf und warf ihn wie einen Ball hinunter in den Staub der Landstraße. Doch schien er an solche Behandlung gewöhnt, rappelte sich hurtig auf, um etwas hinkend seinem Volke nachzueilen.

Gottfrieds Herz schlug leichter, seit er volles Vertrauen zu dem edlen Kaufherrn gefaßt und sich und seine Leidensgefährten seiner Führung anvertraut hatte. Schon mehrmals hatte man auf Brücken oder durch Furten kleinere Flüsse überschritten, als man endlich die Maas erreichte, wo die Wagen einer nach dem andern auf schwerfälliger Fähre ans andere Ufer gebracht werden mußten. Während Gottfried tüchtig mit angriff, saßen Grete und Anna im weichen Gras und freuten sich der Ruhe. Lange lehnte das Mädchen still das Haupt an die Schulter der treuen Beschützerin; dann begann es leise:

»Gute Grete, glaubt Ihr, daß Gott den lieben Vater und Euern Bruder erretten wird?«

»Ja«, erwiderte Grete, »gewiß wird Er es tun. Wer weiß, ob Er's nicht schon getan hat! Gestern abend, als du schon schliefst, sprach ich mit Gottfried darüber; er ist so klug! Er sagt, sie seien vielleicht schon droben im Himmel.«

»So meine ich's nicht«, erwiderte Anna. »Ich sehne mich so bitter nach dem Vater, und Euer Herz, gute Grete, verlangt nach dem Bruder; ich weiß es wohl! Pater Thomas erzählte mir einst, ein Engel habe den Apostel Petrus durch viele feste Türen aus dem Gefängnis hinaus auf die Straße geführt. O sage, kann das nicht auch mit unsern teuern Gefangenen geschehen?«

»Gewiß kann es Gott tun«, erwiderte Grete zögernd, »aber ich glaube nicht, daß Er es tun wird! Erzählte dir nicht Thomas auch, daß alle heiligen Apostel außer Johannes den Märtyrertod erlitten haben? Ihnen sollen unsere Geliebten wohl nun nachfolgen, aber dann auch im Himmel neben ihnen glänzen wie helle Sterne.«

Eine Weile schwieg das Mädchen, dann sprach es traurig: »Ach Grete, wie schwer ist mir das Herz! Ich bin ein böses, untreues Kind! Sieh, in den ersten Reisetagen hab' ich ja immer getrauert und geweint, so lang ich nur Tränen hatte. Gestern aber, als alles ringsum so lieblich grünte und blühte, und die Vöglein so lustig sangen, ach, da hab' ich wirklich eine Zeitlang mein Leid vergessen und mich an Gottes schöner Welt gefreut. Und über den kleinen drolligen Zigeunerbuben hab' ich sogar gelacht! Ach Grete, das vergeb' ich mir nimmer!«

»Herzliebes Kind«, rief Grete, das Mägdlein liebkosend, »quäle dich doch nicht ohne Not! Hast ja wahrlich schwer genug zu tragen! Sieh, wenn unsere Gefangenen schon im Himmel sind, leben sie ja in lauter Freude und Wonne, schauen den Heiland, singen und spielen mit den Engeln, und haben das finstere Gefängnis ganz vergessen. Liegen sie aber noch drin, so werden sie sicher nicht immer trauern. Freuen werden sie sich auf den Himmel, dem sie nun ganz nahe sind. Und, was gilt's, sie werden auf dem Stroh ruhiger schlafen, als ihre Feinde im Daunenbett! So darfst du wohl auch einmal dein Leid vergessen, armes Kind, und dich an Gottes schöner Welt freuen.«

Endlich waren alle Wagen über den Fluß geschafft und zogen nun auf deutschem Boden dem Rheinstrom zu. Die letzte Nachtherberge war überfüllt, da eben Jahrmarkt im Städtchen gehalten wurde. Als man am Morgen weiterzog, wimmelte die Landstraße von allerlei Volk, das auf dem Markte Gewinn oder Lustbarkeit suchte. Da führte ein als Türke verkleideter Mann ein Kamel am Zügel, auf dessen Rücken zwei possierliche Aeffchen ihre Künste zeigten; dann umringte eine Schar Possenreißer die Wagen in wilden Sprüngen. Einer trug eine Eselsmaske vorm Gesicht und ahmte das Geschrei dieses Tieres täuschend nach. Der andere führte in bunter Hanswurstkleidung einen lustigen Tanz auf. König und Königin schritten gravitätisch in zerlumpten roten Mänteln einher, von jedem Reisenden Tribut heischend. Als aber gar ein greulicher Teufel mit garstigen Hörnern die Wagen umtanzte, barg Annchen entsetzt das Gesicht in Gretes Schoß. Durch reichliches Almosen befriedigt, zog das tolle Gesindel endlich seine Straße.

Mit Bangen dachten die Flüchtlinge daran, daß sie nun bald von ihrem edlen Beschützer scheiden und die Reise allein fortsetzen müßten. Schneller, als man gedacht, war das Ufer des Rheinstroms erreicht, der hier nicht, wie weiter im Süden, von malerischen, mit stolzen Burgen gekrönten Höhen und Felsen umgeben ist, sondern durch flaches, ebenes Land strömt. Nun, so hatte man auch nicht zu fürchten, daß von irgend einer Höhe eine gewappnete Schar herabsprengen, die Fuhrleute niederwerfen, die Waren rauben und den Kaufherrn ins Burgverließ schleppen werde, um hohes Lösegeld zu erpressen. Trotz des strengen kaiserlichen Verbotes kam solche Gewalttat noch oft genug vor.

Als die Wagen unweit des Ufers hielten, rief der Kaufherr seine Schützlinge zu sich und sprach:

»Ich ziehe jetzt am Rheinufer hinauf nach Köln. Für euch aber hab' ich einen Plan gemacht, der Jungfer Annchens schwache Kraft am besten schont. Seht, das Schifflein dort am Ufer gehört mir, und liegt bereit, um eine Anzahl Warenballen nach der Stadt Wesel zu bringen. Fahret mit! Der Schiffer ist mir treu ergeben; etwas Reisekost könnt ihr hier im Dorfe einkaufen. Weißt du wohl, Gottfried, welcher Fluß bei Wesel in den Rhein mündet?«

»Gewiß; die Lippe.«

»Nun seht, mein Schiffer wird euch dort einem andern übergeben, der euch mitnimmt, so weit die Lippe schiffbar ist. Dann müßt ihr freilich wandern oder reiten, falls ihr ein Rößlein erlangen könnt.«

»Es ist Gebirgsland; man nennt es den Teutoburger Wald«, sprach Gottfried.

»Jawohl; es ist liebliche Gegend! Spart nur die Kraft des Jungfräuleins, daß sie bis zuletzt ausreicht! Herberge sucht in den Hütten der Armen oder im Schatten des Waldes. Wer weiß, ob ihr nicht hier und da Glaubensgenossen findet, die euch mit Rat und Tat beistehen, und euch den Weg nach der schönen Stadt Goslar am Harzgebirge zeigen! Denn wenn ihr die erreicht habt, ist alle Not zu Ende, da die ganze Gegend die neue Lehre angenommen hat. Man sagte mir, bei euch schütze ein Glaubensbruder den andern, ohne auch nur Dank dafür zu heischen, geschweige denn Lohn! Nun, ich wünsch' euch von ganzem Herzen Gottes Schutz und Geleit, denn ihr seid das Widerspiel von dem Bilde, das man mir von den Ketzern gemacht. Als wilde, rohe, vermessene und hoffärtige Leute hat man sie mir geschildert; euch fand ich sanftmütig, bescheiden und dankbar. Ohne Worte habt ihr mir gepredigt, und ich werde einer Lehre, die so edle Früchte trägt, weiter nachforschen. Reicht mir die Hand und gehabt euch wohl.«

Mit Tränen des Dankes nahmen die Flüchtlinge von dem braven Manne Abschied; den Fuhrleuten und Reitern aber spendete Gottfried eine reiche Gabe aus seinem Beutel, so daß sie ihm alle die Hand schüttelten und den Frauen lauten Abschiedsgruß zuriefen.

Endlich zogen die Wagen ihre Straße; das Schifflein aber glitt leicht und schnell auf der grüngoldig schimmernden Flut dahin. Der Schiffer, durch eine reichliche Gabe günstig gestimmt, spannte ein Segeltuch über die Warenballen, die den Frauen zum Sitz dienten, so daß sie vor Sonne und Wind geschützt waren. Dennoch merkten Grete und Gottfried wohl, daß Annchens Wangen bleicher, ihre schönen Augen matter und ihr Gemüt gedrückter wurde.

Aber, was gilt's? Die Schilderung der Reise, die man jetzt mit der Eisenbahn schnell und mühelos vollendet, wird dem Leser schon zu lang? Darum sei nur gesagt, daß die Flüchtlinge nach vollendeter Wasserfahrt auf zwei zahmen Rößlein, die sie im nächsten Dorfe erhandelten, geduldig ihre Straße zogen, durch Sonnenschein und Regen, auf steinigen Straßen oder lieblichen Waldwegen, durch Furten oder auf Fähren mehrere Flüsse überschreitend, sich aber auch an allem Schönen, was sie umgab, wehmütig erfreuend. Denn die Welt ringsum ward mehr und mehr ein rechter Gottesgarten. O wie herrlich war das duftige, kühle, geheimnisvolle Waldesdunkel! Wie erquickte es die müden Wanderer! Wie überraschend war der weite Ausblick von den Bergeshöhen für die Kinder des flachsten Landes! Süße Beeren würzten das trockene Reisebrot, an sprudelnden Quellen löschte man den Durst.

Jetzt wäre es wohl an der Zeit gewesen, einmal gründlich auszuruhen, doch wagten es die ungelehrten Reisenden nicht. Wie konnten sie wissen, welch weite Verbreitung die neue Lehre in den deutschen Ländern schon erreicht hatte? Sie ahnten nicht, daß ihre Verkündiger, durch Geleitsbriefe mächtiger Fürsten geschützt, mutig umherreisten, um überall, wo man es nur begehrte, das helle Licht des Evangeliums anzuzünden. Besonders Grete fürchtete immer, ausgefragt und zurückgehalten zu werden, und trieb, nicht um ihretwillen, sondern wegen des Kindes, stets zur Eile. Ueberhaupt hatte sie sich die Welt lange nicht so groß gedacht, und staunte, von Bergeshöhen umherblickend, immer von neuem, daß nirgends ein Ende abzusehen war.

Obgleich die Gebirgsbewohner meist freundlich und gastfrei waren, wagten die Reisenden doch nicht, sich ihnen anzuvertrauen, baten nur um Annchens willen hier und da um einen Trunk Milch, und zogen dann weiter, um endlich, endlich die ersehnte Stadt Goslar zu erreichen. Aber ach, wie langsam kam man vorwärts! Oft waren des Mägdleins Kräfte schon erschöpft, wenn die Sonne noch hoch am Himmel stand. Dann bereiteten ihr die Getreuen ein weiches Lager von Gras und Waldkräutern, und hüllten sie in die warme wollene Decke, die man von einem fahrenden Händler gekauft hatte. Grete blieb, still weinend und betend, bei ihr sitzen, während Gottfried etwa im nächsten Dorf Reisekost einkaufte und nach dem Weg fragte. Die Nacht hindurch wachten die beiden Getreuen abwechselnd bei dem Mägdlein, das oft, von schrecklichen Träumen geplagt, emporfuhr und unter heißen Tränen nach dem Vater verlangte. Doch war sie bisher, wenn auch matt und still, am Morgen zum Aufbruch bereit gewesen, wenn auch kein Lächeln mehr auf ihre Lippen trat, und die schönen blauen Augen mit mattem, trübem Blick in die herrliche Gotteswelt hinausschauten.

Endlich aber kam ein Morgen, da an Weiterziehen nicht zu denken war. Unruhig warf sich das Mädchen auf dem Lager hin und her, wirre Worte sprechend und laute Angstrufe ausstoßend. Ach, es lag in heftigem Fieber! Flehentlich bat es, es doch zum Vater zu bringen, in den Kerker oder ins Grab! Es müsse zu ihm! Es höre ihn ja rufen und könne die Trennung nimmer ertragen. Alles liebreiche Zureden der Gefährten war vergeblich; auch das frische Wasser, das Gottfried aus der Quelle holte, konnte die Fieberglut nicht stillen.

Da sank auch Gretes Mut. »Ach, was sollen wir tun?« jammerte sie. »Unser Liebling wird sterben! Wir werden nimmer die sichere Zuflucht erreichen! Gott hat uns verlassen!«

»Sprecht nicht so, gute Grete«, mahnte Gottfried. »Bleibt bei der Kranken und betet; ich gehe, um Hilfe zu suchen.«

Etwa eine Viertelstunde war er den Waldpfad hinabgelaufen, als er plötzlich hinaustrat ins offene Land. Und, o Wunder! Dort unten, wohl nur eine halbe Stunde entfernt, lag die ersehnte Stadt im Glanz der Morgensonne. Ja, sie mußte es sein! So schön und lieblich hatte ihm der Kaufherr ihre Lage geschildert. Seine Freude war so groß, daß er, Annchens Krankheit einen Augenblick vergessend, laut aufjauchzte. Ach, wie schwer hatte die Verantwortung für die Reisegefährten auf seinem jungen Herzen gelegen! Dann aber fiel er auf die Knie und dankte Gott herzinnig für Schutz und Beistand auf der langen Fahrt. Ach, wenn nur der Anlaß zur Reise nicht gar so traurig, gar so entsetzlich wäre! Lange hatte er sich um der Frauen willen bezwungen, jetzt stürzten ihm die Tränen aus den Augen, und sein Dankgebet ging in heißes Flehen über, das Schreckliche standhaft zu tragen.

Horch! Tönte da nicht Gesang? Näher und näher kam es, und jetzt gewahrte er eine Anzahl Männer und Frauen, die singend eine nahe Landstraße entlang zogen. In ihrer Mitte führten sie ein Wäglein, mit zwei Pferden bespannt. In fliegender Eile lief er über Stock und Stein darauf zu, und verstand bald die Worte des Gesanges, nach dessen frischer Weise sich's prächtig wandern ließ:

»Gott der Vater wohn' uns bei

Und laß uns nicht verderben;

Mach' uns aller Sünden frei

Und helf' uns selig sterben!

Für dem Teufel uns bewahr',

Halt uns bei festem Glauben

Und auf Dich laß uns bauen,

Aus Herzensgrund vertrauen;

Dir uns lassen ganz und gar,

Mit allen rechten Christen

Entfliehen Teufels Listen,

Mit Waffen Gott's uns fristen.

Amen, Amen, das sei wahr,

So singen wir: Halleluja!«

Das Lied war ihm bekannt. War es doch die alte Bittfahrtlitanei, die Doktor Luther »gebessert und christlich korrigiert« hatte. Da faßte er sich ein Herz und lief mit lautem Ruf auf die Wanderer zu, die alsbald stillhaltend seine Ankunft erwarteten und seinem Bericht mit herzlicher Teilnahme lauschten. Es waren Landleute, die zum Gottesdienst in die Stadt zogen. Horch! Da tönte schon feierlicher Glockenklang durch die klare Morgenluft. Im Wäglein saßen geputzte Leute, die ein wohleingewickeltes schlafendes Kindlein zur Taufe führten. Einer sprach zu dem Jüngling:

»Ganz unnütz habt ihr euch geängstet. Ringsum ist alles Land evangelisch, so daß man euch in jeder Hütte freundlich aufgenommen hätte. Eilet«, rief er einigen Männern zu, »bringt das Mägdlein herbei, daß wir's sanft in den Wagen betten! Seid getrost, braver Bursch; die Mühsal eurer Wanderschaft ist zu Ende.«

Wie ein Traum erschien es den Flüchtlingen, als man sie wie geehrte Gäste in die schöne Stadt einführte, und sich um die Freude stritt, sie zu pflegen und zu herbergen.

Nach kurzer Zeit ruhte Annchen in einem Patrizierhause auf weichem Lager; der beste Arzt der Stadt stand mit ernstem Angesicht dabei und verhehlte den Gastfreunden nicht, daß das Leben des zarten Jungfräuleins in großer Gefahr sei. Mehr noch als die ungewohnten Anstrengungen der Reise habe wohl der lange zurückgedrängte Kummer um den Vater die Krankheit verursacht. »Beginnt sie einmal um ihn zu klagen, so laßt sie getrost sich ausweinen, und macht ihr ja nicht Hoffnungen, an deren Erfüllung ihr selbst nicht glaubt. Was Gott schickt, das hilft Er auch tragen.«

Von Grete und der edlen Hausherrin aufs zärtlichste gepflegt, lag das Mädchen lange in schweren Fieberträumen, so daß man um sein Leben zagte. Doch kam das Schlimmste erst, als es zu vollem Bewußtsein erwachte, und das schreckliche Schicksal des geliebten Vaters ihm klar vor Augen stand. »O, warum durfte ich nicht sterben?« jammerte es. »Warum reicht ihr mir Arznei und Stärkung? O, laßt mich doch ins Himmelreich gehen zum lieben Vater! Was soll ich armes Kind noch auf der Welt?«

Niemand gebot ihren Tränen Einhalt, niemand wendete sich ungeduldig oder gar gekränkt von ihr ab, wenn sie so jammerte. Ach, alle hatten ja erfahren, mit wie inniger Liebe Vater und Kind aneinander gehangen! Wohl aber saß der freundliche Stadtpfarrer oft am Krankenbett und ermahnte das Mägdlein mit sanften, ernsten Worten, sich in Gottes Ratschluß zu fügen. Er wußte auch gar lieblich zu schildern, wie der Heiland des Vaters Herz mit reichem Trost erfüllen und ihm im Himmel die Krone der Ueberwinder aufs Haupt setzen werde, so daß Annchens empfängliches Herz sich nach und nach dem Trost öffnete.

Auch für die gute Grete waren das köstliche Stunden, denn wenn sie auch gewöhnt war, das Empfinden ihres treuen Herzens vor der Außenwelt zu verbergen, trauerte sie doch gar bitter um den geliebten Bruder. Wenn die Kranke schlief, erhielt Gottfried, der im Geschäft des Hausherrn fleißig mit zugriff, zuweilen Erlaubnis, sie zu sehen. Dann ließ auch er den Tränen freien Lauf, die er sonst männlich zurückdrängte. Ach, die beiden andern trauerten um Glaubenshelden, die vielleicht schon die Krone der Ueberwinder trugen! Er trauerte um eine, die die wohlerkannte Wahrheit aus Menschenfurcht und Kreuzesscheu verleugnete!

Inzwischen hatten schnelle Postreiter die Nachricht von der Ankunft und dem Schicksal der Flüchtlinge längst nach Magdeburg gebracht; ja, unter Annchens Kopfkissen lag ein gar herrlicher Brief, den Herr Burkhardt ihr gesendet. So oft ihr das Herz zum Zerspringen schwer ward, las sie ihn immer von neuem durch, und konnte die lieblichen Trostsprüche, die er enthielt, schon auswendig.

Inzwischen war das fromme, liebliche Mädchen der kinderlosen Hausfrau so lieb geworden, daß sie es gern ganz bei sich behalten hätte. Doch ging das nicht an, da des Vaters Wille erfüllt werden mußte.

Darum hielt eines Tages ein schöner verhangener Wagen, mit zwei edlen Pferden bespannt, vor dem Patrizierhaus, denn Herr Burkhardt und sein Weib waren selbst gekommen, die Tochter des Freundes und ihre Gefährten heimzuholen. Nach einigen Rasttagen reisten sie ab, begleitet von den Segenswünschen der Gastfreunde und vieler Bürger, die sich versammelt hatten, um den Flüchtlingen, die so Schweres erduldet, Gottes Geleit zu wünschen. Die Frauen saßen auf weichen Polstern, reichlich versorgt mit allerlei köstlichen Erquickungen, während Herr Burkhardt und Gottfried zur Seite ritten.

O wie lieblich reiste sich durchs evangelische Land! Ueberall Glaubensgenossen, überall Herzen, die Gottes Wort für ihren höchsten Schatz ansahen! Wie herrlich klangen die Lieder, die Luther und seine Freunde der Kirche geschenkt! Wie tröstlich erschallte in jedem noch so geringen Kirchlein, das man betrat, die Botschaft von der freien Gnade Gottes in Christo! Und ringsum verkündeten die waldigen Berge, die blumenreichen Auen, die goldenen Felder die Liebe und Allmacht des himmlischen Vaters. Da war's kein Wunder, daß selbst Annchens Blick sich wieder öffnete für die Schönheit der Gotteswelt, und leise, leise Trost und Frieden in ihr krankes Herz einzog.