Aus Aennchens Tagebuch.
Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an welchen ich die Erinnerung für mein Leben festhalten möchte.
Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir jedes Jahr in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr überraschte uns am Morgen, als wir alle aufgestanden waren, mein Vater mit der Nachricht, er hätte heute eine Partie mit uns vor, wohin, das sage er nicht, auch Mama dürfe es noch nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor Freude und erschöpften uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl führen möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, die kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« (denn das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen hat) und ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, auch Mama nicht. Nun, wir machten uns aber natürlich alle sehr rasch bereit; Papa befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen, die uns in Erstaunen setzten. Die Kinderwagen, in welchem Hermännchen und Willy durchaus sich nicht mehr fahren lassen wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten Braten und zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere Lisette nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz mithelfen mußte. Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, obwohl er nicht wußte, wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse trug er über der Schulter, darin ein Gartenmesser und eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte er seine neue Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder nahmen ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm meine Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade vor einigen Tagen ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß sie sehr niedlich in dem rosa Röckchen und dem gelben Strohhut aussah.
So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa führte Mama am Arm, welche beinahe nicht weniger neugierig war als ihre Kinder und immer lächelnd fragte: »Wohin werden wir wohl heute noch kommen?« Es war ein ganz wundervoller Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen Morgen so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen Grün und auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen neugierig zu uns auf, die wir am liebsten alle gleich gesammelt hätten, wenn Papa nicht davon abgeraten und gemeint hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für den ganzen langen Tag aufsparen.
Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann durch den schönen Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir ein kleines, freundliches Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war uns wohl bekannt und wir jubelten vor Freude; Mama war schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte dann gegen Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes und hübscheres Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt in einem kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen eingeschlossen ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein entgegen und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du hübsch angefangen, lieber Mann, daß du uns gerade hierher geführt hast.« Papa aber lächelte und meinte: »Geduld, Geduld, es kommt schon noch schöner.«
Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich geputzt aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich grüßten. Lisette freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf vor lauter Nicken gar nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon hatten wir das ganze Dörflein passiert und Papa war auch an dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir sehnsüchtig hineinschauten, denn es hätte uns gar zu wohl gefallen, in dem kühlen Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht folgten wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon verzogen Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und jammerten, sie wären müde, da stand Papa auf einmal still und deutete mit dem Finger aufwärts. Wir riefen alle miteinander »Ah!« und Mama sprach überrascht: »Welch’ entzückendes, kleines Häuschen steht denn da oben?«
Es war auch wirklich ein entzückendes Häuschen, das ganz so erbaut war wie das Schweizerhäuschen, welches wir zu Haus auf der Etagere stehen haben. Es mußte ganz nagelneu sein: die Wände glänzten von dem hellen Holz und waren mit vielen Geweihen geziert. Zwei große Veranden liefen rings um das Häuschen herum, an den Fenstern waren hellgrüne Läden, das schwarze Dach sprang weit vor und auf der Spitze des Daches wehte eine Fahne lustig im Wind.
»Wem gehört denn das köstliche, kleine Anwesen?« frug Mamachen ganz entzückt, als sie an Papas Arm rasch darauf zuschritt.
»Du wirst schon sehen!« erwiderte Papa geheimnisvoll. »Wir sind ja bald oben.« Und wirklich standen wir nun alle vor dem Häuschen, dessen Thüre gastlich geöffnet war, aber niemand zeigte sich, uns zu begrüßen.
»Springt nun hinein, Kinder, und sucht die Hausfrau! Ihr dürft es ohne Scheu!« gebot Papa, und schüchtern folgten wir dem Befehl. Anfangs getrauten wir uns kaum, in den nagelneuen Stuben aufzutreten, da die Dielen so schneeweiß waren. Ein Zimmerchen war freundlicher und niedlicher als das andere, Tische und Stühle, alles war nagelneu, die Wände reizend verziert, die Sonne lachte durch bunte Scheiben herein, es war wie in einem verzauberten Häuschen. Denn nirgends war jemand zu erblicken, das ganze Haus war leer und mir klopfte beinahe das Herz, während die kleinen Brüder fröhlich vor mir hertrabten und erst zaghaft, dann immer lauter und herzhafter riefen: »Hausfrau, wo ist denn die Hausfrau?«
Endlich waren wir oben am Speicher angelangt und mußten wieder umkehren; wir liefen zu den Eltern zurück, die uns Hand in Hand vor der Thür erwarteten, und riefen:
»Wir haben niemand finden können, die Hausfrau ist nicht da!«
»Hier ist die Hausfrau!« sprach Papa lächelnd, indem er den Arm um unser Mütterlein legte, »ich habe eurer Mama heute zum Hochzeitstag dies Häuschen als Gabe beschert und ihr dürft auch als kleine Herren darin mit uns schalten und walten. Jeden Sonntag in der schönen Jahreszeit und jede Ferienzeit werden wir nun in dem neuen Landhäuschen zubringen, das euch hoffentlich allen gut gefällt.«
Ach, wie sollte es uns nicht gefallen? Es war alles geradezu himmlisch schön. Vergessen war alle Müdigkeit in einem Nu, wir wußten uns vor Freude kaum zu fassen und wurden nicht müde, jeden Winkel des Hauses zu durchstöbern und alles zu bewundern. Als wir in die niedliche, nagelneue Küche traten, stand schon unsere Lisette voll Stolz darin; sie hatte auf dem blitzenden Herd das erste Feuerchen angemacht und faltete nun betend die Hände, daß es Segen bringen möge, indem ihr die Thränen über die runzligen Backen herunterliefen. Dann packte sie aus dem Korb die Eßwaren und das Geschirr und begann im Eßzimmer den Tisch für das Mahl herzurichten.
Wir aber sprangen ins Freie, in den Garten hinaus. Da wartete unser neue Ueberraschung. Ein großer, viereckiger, noch unbepflanzter Platz war in vier gleiche Teile geteilt, an jedem stand ein Stecken in die Höhe, welcher eine Tafel mit Namen trug Fritz, Aennchen, Hermann und Willy! Papa hatte jedem von uns ein eigenes Gärtchen zum Bebauen zuteilen lassen; der gute, liebe Vater! In einem Stallschuppen standen eine Menge Gartengerätschaften für uns Kinder, nebenan aus dem Stalle hörten wir meckern.
»Eine Ziege, eine lebendige Ziege!« riefen die kleinen Brüder, welche zu Hause einen ausgestopften Ziegenbock haben, aber sonst noch keinen sahen. Sie sprangen auf ihn zu und wollten ihn bei den Hörnern fassen, Ziegenböckchen aber ließ nicht mit sich spaßen, und ehe Hermännchen sich’s versah, lag es umgeworfen in der weichen Streu auf dem Boden.
»Mein Sonntagskleidchen! Der böse, böse Bock!« jammerte der kleine Mann, welcher heute Morgen voll Stolz sich das weiße Kleidchen hatte anziehen lassen. Währenddem hatte aber Fritz eine neue Entdeckung gemacht – einen zweiten Stall, in welchem eine glänzende, braune Kuh sich befand, daneben ein Milchkämmerchen. Darin war ein langer Holztisch, auf welchem eine Anzahl von Schüsseln, alle mit köstlicher Milch gefüllt, standen, ferner ein Butterfaß und ein Wasserbottich, in dem schwamm ein Ballen wundervoll goldgelber Butter herum. Ein junges Bauernmädchen in rotem Rock, schwarzem Mieder und weißer Schürze trat herein und erklärte knixend, sie sei als Stallmagd hier gedungen, und ob wir die Butter verkosten wollten, die sie heute morgen ausgebuttert habe.
»Wie, die kannst du doch unmöglich selbst gemacht haben?« frug ich erstaunt, und Hermännchen rief altklug: »Die Butter wächst ja!« Wir mußten tüchtig lachen, er aber stampfte mit dem Fuße und rief weinerlich: »Freilich, die Butter wächst und die Eier – der Fritz hat’s gesagt.«
»Fritz hat dir etwas weisgemacht,« belehre ich ihn; dieser wurde ganz verlegen, das Bauernmädchen aber, welches Bärbele hieß, zeigte uns, wie die Butter aus der Milch hergestellt wird und wie lang die Milch im Butterfaß gedreht werden muß, bis sie endlich zu schöner, goldklarer Butter geworden ist. Das war wirklich höchst erstaunlich – wir konnten uns nicht genug verwundern.
»Wollt ihr auch sehen, wo die Eier zu finden sind?« frug Bärbele und führte uns in einen schönen, geräumigen Hühnerstall, der in einen umgitterten Hof hinausführte. Was war hier für ein Gegluck und Gegacker! weiße Hennen, schwarze Hennen, bunte Hennen, große Hähne, kleine Hähne, niedliche Puttchen, Perlhühner und, o Wunder, sogar ein großer, prächtiger Pfau spazierten in dem Hofe hin und her, flatterten auf und duckten sich nieder, es war ein Lärm, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Bärbele gab uns einen Korb mit Körnern, die durften wir austeilen; da flogen sie uns auf die Arme und Hände, sogar auf die Schultern und Köpfe, und wir jauchzten vor Vergnügen. Nur Willy hatte anfangs beinahe Angst und meinte: »sie wollen mich fressen!«
Nun ließ uns Bärbele Eier in den Verstecken suchen. War das ein Vergnügen, als wir eine Menge zusammenfanden! sogar Hermännchen entdeckte zwei Eier; als er sie uns aber voll Eifer bringen wollte, stolperte er und brach sie entzwei, so daß seine Händchen ganz gelb und klebrig wurden, und als er sich weinend damit ins Gesicht fuhr, da wurde auch dieses voll gelber Flecken.
Es war nun auch Zeit, nach oben zu kommen. Lisette rief zu Tisch. Und nun hielten wir das fröhlichste Mahl, noch nie in unserem Leben hatte es uns so gut gemundet! Papa und Mama sahen ganz glückselig aus und waren so gütig und liebreich mit uns Kindern, daß wir ganz stolz waren. Zuletzt bekam jedes in einem Gläschen sogar etwas Wein, Lisette wurde hereingerufen und erhielt auch ein Glas in die Hand und Papa sagte, sie dürfe die erste Rede halten, dann müsse jedes der Kinder jemand leben lassen. Lisette wischte sich erst mit der Schürze über den Mund und sah ganz kirschrot vor Verlegenheit aus, dann räusperte sie sich und sagte:
»Oh, die Ehr’, die Ehr’, mir wirbelt der alte Kopf! Gnädiger Herr, gnädige Frau, ich weiß wohl, was ich sagen möcht’, aber ich bin ein armer Dienstbot’ und kann’s nicht ausdrücken. An die Kinderlein muß ich halt denken, wie die in dem schönen Hause aufblühen werden, und ich wünsch’, es soll halt jedes von ihnen so gut und so brav und so lieb und treu werden wie ihr Papa und ihre Mama.«
»Brav gemacht, gute Alte!« rief Papa und reichte Lisette die Hand, und auch Mama schien ganz gerührt.
Nun mußte Fritz sprechen – er stand rasch vom Stuhl auf, stieß an das Glas und rief:
»Meine Herren und Damen! (So hatte er es schon gehört und war stolz darauf.) Wir sind so fröhlich hier beisammen, daß niemand weiß, wer von uns der Fröhlichste ist. Aber ich weiß, wer heute der Allerbeste ist, und das ist der liebe, gute, goldige Papa, der uns ein so wundervolles Vergnügen gemacht hat, und darum wollen wir ihn alle mit unserem köstlichen Wein hochleben lassen und rufen: Hoch, hoch, hoch!«
Wie wir alle durcheinander schrieen – es war eine Lust! Nun aber sollte ich sprechen und das machte mich so verlegen, daß meine Stimme ganz zitterte, als ich stotternd begann:
»Es ist heute – nein, so wollte ich ja nicht sagen – liebe Mama, lieber Papa, ich gratuliere, ach, das gehört ja zu einem Geburtstag, lieber Papa, liebe Mama, wir sind hier versammelt –« ich wußte gar nicht mehr weiter, d’rum schwenkte ich rasch mein Glas und rief: »Die liebe, süße, goldige Mama lebe hoch!«
Dann aber setzte ich mich recht beschämt nieder; ich hatte meine Sache sehr schlecht gemacht, da konnten’s ja die kleinen Brüder noch besser, denn Willy rief ganz keck:
»Hoch! das Häuschen hoch!« und Hermännchen schrie dazwischen:
»Das Bärbele hoch und die Hühner und die Kuh, nur der Ziegenbock nicht; der hat mich in meinem Sonntagskleidchen umgeworfen!«
Nun wurden wir aber den Eltern allzu übermütig, deshalb brachen sie rasch ab und wir wurden alle hinauf in die Schlafzimmer gebracht; wir behaupteten zwar, nicht müde zu sein, aber kaum lagen wir auf den weichen Betten, so sanken wir alle in tiefen Schlaf. Leider verschliefen wir eine lange Zeit des schönen Nachmittags, dann aber konnten wir doppelt erfrischt in den Garten springen und uns dem Vergnügen hingeben, bis am Abend zu unserem großen Bedauern der Heimweg wieder angetreten werden mußte.
Diesmal verschmähten Hermännchen und Willy den Kinderwagen nicht, sie hatten sich so müde gelaufen, daß sie wie die Säcke hineinfielen und darin schliefen bis zur Heimkehr; ich kam auch sehr müde zu Hause an und hatte nur noch Zeit zu beten:
»Lieber Gott, ich danke dir tausendmal für den schönen, schönen Tag.« – Da fielen mir auch schon die Augen zu. – –
Zwölftes Kapitel.
Aus Marthas Tagebuch.
Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern, wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll:
»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!« daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe.
Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.«
Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens geben.«
Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm, wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst teilnehmen.
Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte Zeit einzuholen, nach Hause.
Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der Hand; da rief Mutter:
»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.«
»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink, draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges Nötige herbei.
So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.«
»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis- und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits dadurch ein reicher Mann geworden.
»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos.
»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen. Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine erbitterte Rothaut schlug.«
Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog. Mutter schauderte und rief ängstlich:
»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten Heimat zu verleben?«
»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier. Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.«
Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme:
»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf die Uhr und meinte:
»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor ich abreise.«
»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm. »Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen vermöchte.«
»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach:
»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach, bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?«
»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog, dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft Schweres auferlegt, gern dankbar sein.
Dreizehntes Kapitel.
Marthas Hausgarten. Der arme Hansi.
Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene bauliche Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus sollte eine Aufbesserung erhalten, denn Aennchens Vater hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer Traugott zu Nutzen dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von deren Wohnung eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden Anbaues gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann etwas herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem Gitter versehen ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner einfacher Garten auf demselben angelegt werden. Und von welcher unendlichen Wohlthat mußte ein solch bescheidener Zufluchtsort gerade für die kleine Familie Traugott werden, welche, durch die kranke Tochter beständig ans Haus gebunden, sich nicht wie andere häufig in der freien Natur ergehen konnte.
Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah es – das Dach ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen Aufenthaltsort umschaffen und nach wenigen Wochen war schon alles fix und fertig, so daß die Familie Traugott davon Besitz nehmen konnte. Wer war glücklicher als diese?! Die bescheidenen Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein Palast dünkte ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen mit dem daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara an besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren Stuhl, nun konnte sie doch einmal wieder den freien blauen Himmel und die lieben Vöglein über sich sehen! Und Martha, die glückliche Martha, konnte hier ihrer heimlichen beständigen Herzenssehnsucht genügen, welche darin bestand, selbst ein wenig Blumen und grüne Ranken zu ziehen und mit aller Sorgfalt über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens Gärtner, der das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen hatte, bekam sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt; es waren nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog, Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, aber unter ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen Pflänzlein wie aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen als wo anders. Bald war wirklich Marthas Garten ein kleines Blütenmeer geworden und wer da oben über all den hohen Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen Garten erblickte, der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare Geschöpfchen bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies alles hervorgebracht hatte.
Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als bei Martha in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie viele Stunden des schönsten Genusses verbrachten die beiden jungen Mädchen da oben, wenn sie, mit den Schulaufgaben fertig geworden, hier mit ihren Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten beisammen saßen. Da gab es ja schon ohnedem Unterhaltung in Fülle; nicht allein, daß man von dem hohen Aussichtsturm eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, die so lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es war in der Nähe noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl Marthas als Aennchens größtes Entzücken bildete.
Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit entfernt von ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf dem breiten Schlot ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten so gut hineinzusehen, daß sie ganz deutlich beobachten konnten, was in der Storchenfamilie täglich und stündlich vorging. Und das war des Bemerkenswerten oft wirklich nicht wenig, vom ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein aus dem Ei gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten Flugversuche anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während der ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung schrieen, befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte sich den ganzen Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen im Schnabel, bald gar mit einem zappelnden Fröschlein zum Nest hinauf, um den ärgsten Schreiern rasch den Schnabel zu stopfen – das war dann ein Zanken um den besten Leckerbissen, als wenn sich eine Schar unartiger Buben um eine Wurst balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten hin austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, da die unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen konnten, und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, denn Martha beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes festliches Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. Und wirklich, gegen Mittag da vollzog sich das große Ereignis! Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur Aufforderung, oftmals hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen kreischend und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand desselben, schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte das kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater einen kurzen Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit der Mutter nach.
Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern und sah den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl noch nicht heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es durch Stöße mit dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich schien Vater Storch recht ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen zu werden, und als dasselbe gerade ängstlich auf dem Rand des Nestes kauerte, da gab er ihm einen Stoß, der es von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen kreischte und flatterte mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und brachte es doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach dazu sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach neben Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde unbeweglich dort gestanden und den Störchen voll Interesse zugeschaut hatte. Nun war sie beinahe ebenso erschrocken als das kleine Nesthäkchen, dann aber bückte sie sich rasch und hob das zappelnde Störchlein auf, welches so betäubt von dem Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ. Der eine kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann suchte sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache zu bereiten aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie das arme Vögelchen, schob das Nest so weit als möglich auf dem Dache vor und verbarg sich dann hinter der Thüre, um abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach dem verunglückten Jungen sehen würden.
Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben her die alte Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer näher kam sie heran, das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit dem gesunden Flügelein entgegen, da konnte sie es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, schoß hernieder und stellte sich neben dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel auf und schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach folgte der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft hielt. Und nun fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches Nesthäkchen so sorgsam, als ob es droben im eigenen Nest wäre, und Martha stand mit vor Freude klopfendem Herzen neben dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür und weidete sich an dem hübschen Schauspiel.
Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem Ausflug zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse aus, als sie das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach erblickten, und die Alten hatten es heute doppelt notwendig mit den beiden Kinderstuben. Sie waren bald so zutraulich, daß sie gar keine Scheu vor Martha und Aennchen empfanden, welche sich um das kranke Störchlein zu schaffen machten, ja es schien, als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit gegen die Menschen, welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten.
Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von seinem Fall und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem Nestchen heraus, aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen hatte, blieb lahm herunterhängen und so war wohl niemals Aussicht für das arme Tier vorhanden, daß es gleich seinen Geschwistern sich in die blaue Luft erheben konnte. Aber es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der Obhut seiner lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von ferne zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt nachfolgte, wenn sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das war doch wirklich gar zu niedlich.
Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft und Hansi war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar wichtige Respektsperson geworden. Er empfing oft an einem Tag eine Menge Besuche, denn wer von den Bekannten etwas über den jungen Storchfindling vernahm, der wollte ihn auch sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und possierlich war, gefiel er jedermann.
Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß und der von seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, machte Martha Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen Vogel oft ganz gewaltig, zog ihn an dem rotseidenen Halsband, das jener um den Hals trug, und trieb so lang allerlei Schabernack mit ihm, bis Martha ihm endlich ernstlich den Zutritt zu dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben in eine wahre Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch wenigstens wieder Ruhe.
Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben auf dem Dache beim Storchnest richteten sich die Störche zur Reise nach den fernen warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie länger bei ihren Ausflügen aus, denn die Jungen mußten ihre Kräfte immer mehr erproben.
Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren Exerzierplatz; da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus der ganzen Umgegend ein und mußten hier auf Kommando einiger alten Störche in Reih und Glied marschieren. Jeden Tag fanden sich mehr Störche ein, es war ein Geklapper und Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem Geräusch eines großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um durchaus ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von seiner Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben und Tod.
Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, die Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur ein paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich die ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, aber vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in Reih und Glied beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher Ahnung die Köpfe, denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, nach der grausamen Art, mit welcher diese klugen Tiere für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen pflegen.
Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während welcher die Störche mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge herfielen, dann lagen diese tot und zuckend am Boden, die andern Störche aber erhoben sich laut klappernd in die Luft, welche ganz verdunkelt wurde durch den dichten Schwarm der großen Vogelkörper. – –
Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem Schicksal seiner kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der guten Fürsorge und Pflege der kleinen Martha dem kommenden Winter ruhig entgegensehen konnte.
Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und Geschwister mehr zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte es auf sein Leben abgesehen.
Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen Haß auf den armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht mehr necken und quälen durfte, und sich einen ganz abscheulichen Plan ausgedacht, durch den er Martha Schmerz bereiten konnte. Er wußte nur zu gut, daß der kleine Hansi ein großes Leckermäulchen war, wenn man einen Vogel so nennen kann, und darauf baute er seinen bösen Plan.
Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen war, stieg er über das Dach hinauf und schlich sich zu Hansis Nest hin, wo er leise einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, von welchen er wußte, daß sie dieser gern schnabulierte; dann entfernte er sich ebenso leise, als er gekommen war.
Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich zu thun pflegte, ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und ihn fröhlich anrief, damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem Klappern entgegenhüpfen sollte, da rührte sich kein Hansi von der Stelle, und als sie erschrocken näher trat, da sah sie das arme Tier ganz tot mit verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt liegen – er mochte wohl schon ein paar Stunden so gelegen haben.
Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief zusammen den armen unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam es denn heraus, daß der Vogel Gift bekommen hatte, auch wer der Thäter dieser abscheulichen That war.
Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche ihren liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die beiden weinten heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten in Aennchens Garten wurde ihm unter einem Eschenbaume ein kleines Grab gegraben und die Mädchen bepflanzten es mit Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von ihrem Sparbüchsengeld einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit goldenen Buchstaben:
»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr die Störche wieder im Nest einkehrten und immer wie fragend das leere Nest auf der Altane umschwirrten, da zeigten die Mädchen eifrig nach dem kleinen Gräblein drunten im Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich nicht.
Vierzehntes Kapitel.
Wintervergnügen und Eisabenteuer.
Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im Winter die ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer eine große Freundin der Eisvergnügungen gewesen, und als ihre Eltern es noch nicht erlauben wollten, die Eisbahn zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern einen Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich nun sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen groß genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf die Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon ein ganz flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, seinem Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, und es dauerte gar nicht lange, da war sie beinahe so geschickt wie er selbst. Jeden freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister zusammen auf das Eis; Aennchen hatte einen niedlichen Pelzanzug bekommen, in dem sie recht warm steckte, und so fuhren die Geschwister Hand in Hand oft stundenlang die weitesten Strecken des Sees entlang.
Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, soeben sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die Mutter:
»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts werden, denn ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben läßt. Unsere alte Näherin ist krank und ich möchte ihr eine Flasche Wein schicken, aber keine der Mädchen hat Zeit dazu. So müßt ihr es denn übernehmen. Ihr Häuschen steht wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite Strecke, als daß ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird wohl das Eis heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht so getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten und euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein Vergnügen ist.«
Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein ein, welche sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. Als sie aber an den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt daliegen sahen, da gewann das Verlangen, Schlittschuh zu laufen, doch die Oberhand und Fritz sagte entschlossen:
»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine Gefahr. Nicht wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber direkt über den See, als am Ufer entlang?«
Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann die beiden ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. Es waren nur wenige Leute anwesend und keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, welche pfeilschnell die sonnenbeschienene Bahn dahinschossen und sich an dem Krachen des Eises unter ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte es ihnen selten gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da waren sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der Näherin stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und gingen ins kleine Haus hinein, die Frau zu besuchen.
Die alte Kathrin war eine gar treue Person und mit dem Hause von Aennchens Eltern wie verwachsen. Alle Kinder hatte sie von deren ersten Tagen an gekannt, jede Woche war sie zwei Tage vollständig im Hause und da von Morgen bis Abend unermüdlich beschäftigt, all die kleinen Höschen und Röckchen, die ihre unruhigen Lieblinge zerrissen hatten, auszubessern und neu zu richten. Jetzt lag sie krank, nur von einer alten Frau gepflegt, und sie freute sich unbeschreiblich, als Aennchen und Fritz nun ins Zimmer traten und ihr den Liebesgruß brachten. Sie that es nicht anders: ihre Pflegerin mußte einen Kaffee für ihre kleinen Gäste kochen und währenddem ließ sie sich von diesen erzählen, wie es zu Hause gehe. So waren im Umsehen einige Stunden vergangen, da stand Fritz rasch auf und rief:
»Nun müssen wir aber aufbrechen, wenn wir noch bei Tag zu Hause sein wollen.«
»Ihr werdet doch nicht über den See laufen wollen?« frug Kathrin erschrocken, als sie die Kinder nach den Schlittschuhen greifen sah; diese aber lachten fröhlich:
»Natürlich laufen wir über den See zurück, wie wir hergekommen sind.«
Und in einem Nu waren sie zur Thür geeilt und verschwunden.
Draußen war es unterdes noch viel milder geworden, als es vor einigen Stunden gewesen war, ein warmer Südwind blies mit voller Macht und als sie auf den See kamen, bemerkten sie, daß derselbe schon bei weitem mehr Wasser auf der Oberfläche stehen hatte als vorher, aber es war ihnen nicht bange, doch noch glücklich darüber hinzukommen. So faßten sie sich denn wieder an den Händen und liefen eiligst vorwärts, aber je mehr sie weiter hineinkamen, um so heftiger begann es unter ihnen zu krachen und zu knacken, so daß es ihnen jetzt selbst recht ängstlich zu Mute wurde und sie nur drängten, vorwärts zu kommen, zudem der Abend sehr rasch hereinzusinken begann. Der ganze See war auch merkwürdigerweise völlig menschenleer, und es wurde ihnen die Ursache erst schrecklich klar, als sie plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerkten, daß das Eis unter ihnen wirklich ganz unsicher war und die Scholle, auf welcher sie standen, sich soeben langsam von den anderen abzulösen begann.
»Um Gotteswillen! Das Eis bricht!« schrie Aennchen entsetzt; Fritz, selber heftig zitternd, faßte das Schwesterchen um den Leib und sprang mit ihr über den Spalt vorwärts, dann wie gejagt im fliegenden Lauf weiter fort. – Gottlob, schon sahen sie das Ufer ziemlich nahe, da gähnte vor ihnen plötzlich wieder eine Wassertiefe, welche sie nicht zu überspringen wagten. Mit zitternden Knieen standen sie da, dann begannen sie laut um Hilfe zu schreien und mit den Tüchern zu schwenken; da bemerkten sie die Leute am Ufer. Ein Mann sprang vor und stürzte ihnen entgegen, aber das morsche Eis trug ihn nicht so weit, daß er die Kinder erreichen konnte; da rief er um einen Strick und winkte den Kindern, stehen zu bleiben. Einige wenige schreckensvolle Momente, welche den entsetzten Zuschauern eine Ewigkeit währten, vergingen – da hatte der tapfere Mann den Kindern den Strick zugeworfen und denselben bedeutet, ihn um ihren Leib zu schlingen, – Fritz that es mit bebenden Händen und als der Strick endlich fest genug saß, da zog der Retter auf der anderen Seite an und schnellte die Kinder mit einem blitzartigen Ruck über die gefährliche Stelle und von da an vollends bis an das sichere Ufer hin. Es waren nur wenige Augenblicke der furchtbarsten Gefahr gewesen, aber ein Schrei des Entzückens ging durch die angesammelte Menge der Zuschauer beim Anblick der geretteten Kinder, welche totenbleich und mit wankenden Gliedern sich kaum aufrecht zu halten vermochten. Aennchen konnte vollends keinen Fuß mehr rühren, eine mitleidige Frau trug sie auf ihren Armen nach Hause und als die ahnungslosen Eltern hier erfuhren, welcher furchtbaren Gefahr ihre Kinder preisgegeben waren, da dankten sie Gott aus innigem Herzen, daß er sie so gnädig vor dem Verderben bewahrt hatte, und der hochherzige Retter wurde reich beschenkt entlassen. Fritz und Aennchen konnten lange nicht die ausgestandenen Schrecken vergessen, und sie gelobten feierlich, nie mehr in ihrem Leben so unvorsichtig sein zu wollen.
Fünfzehntes Kapitel.
Klara.
»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara Traugott?« frug Aennchens Mutter ihren Hausarzt, welcher jede Woche, selbst wenn niemand von der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran – ist das wahr?«
»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen zu können, denn der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man ihr nur einmal einen ganzen Sommer lang vollständigen Aufenthalt in frischer Luft, eine energische Milchkur und sorgenfreies Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das anzufangen, wo alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume, welche nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; es ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man sie bringen, da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl nicht besitzt – ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, gern etwas unter die Arme greifen, aber sie ist zu stolz, etwas anzunehmen!«
»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, welche aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, wäre nicht unser neues Landhaus gerade als Erholungsort für die Kranke wie geschaffen? Sie könnte dort die ganze schöne Jahreszeit über ländliche Ruhe genießen, wir haben die köstlichste Milch dort selbst im Hause, ein Fahrstuhl steht noch von meinem seligen Vater her droben auf dem Speicher, den könnten wir hinausschaffen lassen, wenn die Patientin weitere Wege in den Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles herrlich zusammen?«
»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten wollen, dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« rief der Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, und der vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch meinte, jeder Tag sei jetzt Gewinn und er könne nur für rasche Ausführung des ausgezeichneten Planes stimmen.
So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber in das kleine Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher sie sich seit der Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere Zeit befreundet hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken Töchterlein hinaus auf das schöne Landhaus zu ziehen, damit diese in frischer Luft und bei kräftiger ländlicher Kost dort zu neuem Leben gesunden könne. Die Frau Pfarrerin vermochte anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich ihr plötzlich so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut anzunehmen, aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter, deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie die dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen und Gott innig danken, welcher so edle Menschenfreunde auf ihren Pfad geführt.
So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung der Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« getauft worden war, vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer wurden dort für sie in Stand gesetzt, die Frau Pfarrerin zog mit Klara hinaus in das reizende Heim und Martha wurde während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als Gast geladen. Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen; wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens Eltern gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes Kind wäre; auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm an der lieben sanften Freundin.
Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte denn die ganze Familie schon am frühen Morgen hinaus nach »Glückesruh« und Martha konnte es sehnsüchtig immer kaum erwarten, ihre Lieben wiederzusehen. Und wie grenzenlos war jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte Schwester Klara von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der Herr Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles zuteil werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, kehrte die Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen Wangen zurück, neue Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß sie nun schon imstande war, kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, bei weiteren Wegen wurde sie im bequemen Fahrstuhl gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig und geschmeichelt, wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten Stunden des Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen durfte, welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, nach seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs höchste befriedigt den Heimweg an, nachdem er ein Stündchen im Garten mit den beiden Damen verplaudert, und sich von Herzen gefreut hatte über die zunehmende Frische und Lebenslust des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte sogar, bis zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr, sondern mit einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten sie zu hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig gestalten würde.
Sechzehntes Kapitel.
Musikstunden.
»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen jetzt mit dem Musikunterricht beginnen zu lassen? Sie hat doch ungewöhnliches musikalisches Talent und auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere Kinder beginnen oft schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so ist unser Töchterchen verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich sie bisher nicht mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die Kinder nicht zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht alles nur halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; jetzt aber, da ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig genug ist, einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, wird sie mit Freuden den Musikunterricht beginnen und sich hoffentlich recht gelehrsam und strebsam zeigen.«
So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, welcher sich vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde dem jungen Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden bekommen würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit freudigem Stolz. Hatte sie die Musik ja so lieb, als wäre sie als Waldvögelein geboren! sie konnte nicht leben, ohne zu zwitschern und zu singen; den ganzen Tag klangen ihre frohe Liedchen durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich nun, Klavierspielen und sich selbst begleiten zu können – sie hatte die Freundinnen schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem Klavierunterricht erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren gütigen Eltern, eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu wollen.
Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die Musikschule, wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen derselben waren zwei feingebildete Damen, welche mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das Institut gegründet hatten, das sich des besten angesehensten Rufes erfreute und von den meisten besseren Familien besucht ward.
Voll Herzklopfen folgte Aennchen ihrer Mutter die Treppe hinauf in einen großen eleganten Salon, wo die Vorsteherin Fräulein Tamann sie mit freundlicher Würde empfing. Nach wenigen Worten mit Aennchens Mutter führte sie dann diese mit dem Töchterlein hinüber nach einem andern Zimmer, darin standen drei Klaviere an den Wänden, außerdem noch ein Tisch, einige Fauteuils, ein Sofa, ein Blumentisch und mehrere Etageren an den Wänden. Aennchen hatte sich eine Musikschule durchaus nicht so freundlich vorgestellt und war freudig überrascht, auch in der Lehrerin eine sehr feine junge Dame in höchst gewählter Kleidung zu erblicken, welche den Kindern so liebenswürdig entgegenkam, daß sie gar keine Gelegenheit fanden, sich zu fürchten und Scheu zu empfinden. Es waren außer Aennchen noch drei Ankömmlinge im Zimmer, zwei Knaben und ein Mädchen, letzteres auch von seiner Mutter begleitet. Doch empfahlen sich die Damen, als der Unterricht begann; nur die Vorsteherin, Frl. Tamann, verweilte noch eine Zeitlang im Zimmer, um zu beobachten, wie sich die neuen Schüler beim Unterrichte benehmen würden.
Dieser begann nun freilich ganz anders, als Aennchen ihn sich gedacht, denn anstatt, daß sie gleich an das Klavier gesetzt wurde und dort darauf heraufklimpern durfte, sang ihnen die Lehrerin, Fräulein Ina, mit klarer hübscher Stimme ein einfaches Liedchen vor; »Wenn die Sonn’ mit hellem Schein leuchtet in dein Bett hinein – Büblein, spring geschwind heraus, sticht dir sonst die Augen aus.« Die Kinder mußten das Liedchen nachsingen, bis sie es ohne Fehler konnten, natürlich brachte Aennchen dies mit großer Leichtigkeit zu stande. Dann wurden alle vier an eine große schwarze Tafel geführt, auf welcher Notenlinien aufgezeichnet waren und große runde Notenköpfe, welche freilich den Kindern vollständig unbekannte Größen waren. Es war nun nicht leicht, bis sie alle nach und nach begriffen hatten, daß diese Noten, in aufsteigender Reihe auf den fünf Linien hingemalt, die Noten c d e f g a h c darstellten; noch viel schwerer war es, die Bedeutung der Zeichen und Vorzeichen kennen zu lernen, den Violinschlüssel nachzumalen und vieles andere mehr, und es bedurfte dazu vieler Stunden, bis sie dies alles vollständig begriffen hatten. Heute aber in dieser ersten Stunde kamen sie doch schon so weit, daß sie einige der Noten kennen lernten. Dann wurden sie alle an die Klaviere gesetzt, die zwei Mädchen an das erste, die zwei Knaben zusammen an das zweite, und Fräulein Ina ging von einem zum andern und zeigte ihnen, wie sie gerade und aufrecht am Klavier zu sitzen hatten und wie sie Füße und Arme, Ellbogen und Hände in richtige Haltung bringen mußten. Dies war besonders bei den Buben keine leichte Mühe, denn ihre eckigen Gliedmaßen zeigten sich recht ungeschickt für diese Künste. Nun sollte sich jedes der Kinder die Melodie des Liedchens auf dem Klavier zusammensuchen. – Aennchen fand sogleich den ersten Ton richtig und, o Wunder, auch die nächsten Töne ganz gut bis zum Schluß, während die andern Kinder sich weit mehr bemühen mußten. Fräulein Ina hatte eine große Freude an ihrer talentvollen Schülerin; zum Schluß der Stunde bekamen alle als Hausaufgabe eine Seite Violinschlüssel zu schreiben, ferner das Liedchen recht oft auswendig zu singen, die Notenzeichen dazu auswendig ins Buch zu schreiben und die Namen der Noten darüber zu setzen.
So war denn die erste Stunde sehr gut abgelaufen und Aennchen kehrte ganz freudestrahlend nach Hause zurück; voll Eifer nahm sie von nun an jeden freien Augenblick wahr; sich auf dem Klavier zu üben; es war erstaunlich, welche Fortschritte sie schon in den ersten Lehrstunden machte, wie sie auch den schriftlichen Teil ihrer Aufgabe stets zur Zufriedenheit löste und sogar anfing, kleine Kompositionen zu versuchen, welche ganz niedlich ausfielen. Ihre Eltern und Lehrer hatten große Freude darüber, besonders aber war Martha stolz über die musikalischen Fortschritte ihrer Freundin, und jede Stunde, welche sie am Klavier zubrachte, setzte sie sich mit ihrer Arbeit in ein Winkelchen daneben und bildete eine aufmerksame Zuhörerin. Sie selbst konnte ja nicht daran denken, auch Klavier spielen zu wollen – ihre kleine verkrümmte Figur war schon viel zu schwächlich dazu und dann hätte ihre Mutter den kostspieligen Unterricht gar nicht erschwingen können, aber sie war dennoch frei von jedem Neid und freute sich aufrichtig des Glückes ihrer Freundin.
Denn für diese wurde die Musik nun wirklich zu einer wahren Quelle des Glücks und ihre Eltern mußten sie schließlich beinahe zurückhalten, daß sie nicht zuviel darin that. Bald war sie so weit, daß ihr das Notenlesen nicht die geringste Schwierigkeit mehr verursachte und sie nach dem Gehör die verschiedensten Akkorde schon auseinanderzukennen vermochte; sie spielte mit richtigem Anschlag und gutem Ausdruck schon eine Anzahl hübscher kleiner Liedchen, Uebungen und Sonatchen, und als nun in der Musikschule der erste Musikabend, die sog. »Soiree«, herannahte, da konnte sie bereits zu denjenigen gezählt werden, welche ein hübsches Musikstück zum Vortrage bringen durften.
Diese erste Soiree sollte abends 6 Uhr beginnen; die ganze Schülerschar der Musikschule freute sich schon lange darauf und Aennchen hatte von den andern schon so viel erzählen hören, wie hübsch und unterhaltend es an solchen Abenden immer sei. Da wurden alle Eltern derjenigen Klassenschüler mit eingeladen, welche an dem Abend vorspielen durften, es wurde Thee gereicht und die Kleinen mußten sich da wie in einer richtigen Gesellschaft benehmen. Welch ein Ehrgeiz wurde da in den Kindern erweckt! jedes war bestrebt, an diesem Abend sowohl durch sein Spiel als auch durch sein gutes Betragen nur Ehre einzulegen!
Aennchen hatte bei Fräulein Tamann um die Erlaubnis ersucht, ihre Freundin Martha mitbringen zu dürfen; sie wollte ihr gern auch das Vergnügen gönnen, obschon das schüchterne Mädchen allerdings nur schwer zu überreden war, sich mit in den Kreis all der andern frohen Kinder zu mischen; sie war im größeren Kreise immer ängstlich und scheu, da sie stets fürchtete, wegen ihres Gebrechens verhöhnt zu werden. Aber im Hause Fräulein Tamanns brauchte sie keine Furcht zu hegen, daß die Kinder in Unart und Uebermut ausarten könnten; dort waren alle liebenswürdig und jedes darauf bedacht, sich so fein und gesittet als möglich zu benehmen.
So gestaltete sich dieser Abend für die beiden Mädchen denn auch zu einem höchst vergnüglichen. Aennchen erntete viel Lob, als sie ihr Musikstück hübsch und fehlerfrei vorgetragen hatte. Nachdem alle Kinder ihre Vorträge beendet hatten, wurden für Groß und Klein Thee und Süßigkeiten herumgereicht und alle durften sich nach Gefallen Plätze suchen, schwatzen und lachen. Das war nun eine Fröhlichkeit in der kleinen Schar; sie saßen dicht gedrängt auf den niederen Samtsofas die Wände entlang, hielten ihre Theetassen, wie die großen Damen, in der linken Hand und dabei schwatzten all die vielen kleinen Mündchen unaufhörlich. Ein kleiner sechsjähriger Knabe war dabei, er hieß Fredchen, der glaubte, für die Unterhaltung allein sorgen zu müssen; in höchst drolliger Weise geberdete er sich wie ein Kavalier, trug den kleinen Damen die leeren Theetassen fort, erzählte ihnen lustige Geschichtchen und es war zuletzt ein Gelächter und Gekicher unter allen, daß Fräulein Ina neugierig herzukam und fragte, was es denn so Lustiges gebe?
»O, Fräulein Ina,« sprach Aennchen lächend, »Fredchen hat gerade erklärt, wenn er groß sei, wolle er uns alle miteinander heiraten, aber wir müßten ihm dann den ganzen Tag ›Wer will unter die Soldaten?‹ vorspielen.«
»Fräulein Ina aber will ich aber zuerst heiraten, denn sie hat so schöne Kleider an und ist so arg lieb!« rief der komische kleine Schelm und versuchte an der jungen Lehrerin hinaufzuklettern; er wäre wohl am Ende noch gar zu übermütig geworden, wenn die Soiree nicht ihr Ende erreicht hätte und die verschiedenen Mamas mit ihren Kindern aufgebrochen wären. Aber noch lange schwärmten alle von dem schönen Abend und Aennchen konnte schon die nächste Soiree kaum erwarten.
Siebzehntes Kapitel.
Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr.
Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! Wirklich, ich bin jetzt noch ganz aufgeregt, während ich es niederschreibe.
Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit einander zu unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. Freilich sagten wir uns unterwegs mit Bedauern, daß es nun wohl nicht oft mehr in diesem Jahre geschehen könne, denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und dieser macht sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war noch ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, als dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, und der Weg über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, daß wir Kinder uns alle an der Hand faßten und im vollen Galopp über die Furchen jagten. Dann hingen sich uns die silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir waren wie mit Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.«
Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe Martha, die immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe Klara! Wir konnten es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da wir alle miteinander mit so inniger Liebe an ihr hängen. Keine versteht es, wie sie, uns schöne Märchen und Geschichten zu erzählen, keine nimmt mit so viel Geduld und Freundlichkeit all unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand sind wir so artig und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein Klaras Gegenwart immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges wildes oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern an unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir vergessen dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, wenn sie gar so herzlich lachen und sich mit uns freuen kann.
So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir »Glückesruh« näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu halten; sie sprang die Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir sie ganz glückselig rufen: »Klara, bist du es denn wirklich?« und als wir um die Ecke bogen, da trauten auch wir kaum unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und frisch mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz ist, ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! Das war nun ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern und wir alle umringten sie jubelnd; Frau Pfarrer Traugott kam vom Hause auch herbei und vergoß Freudenthränen über die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir alle dem Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich mußte sie nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa Wangen und dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen Haare in schönen Wellen fielen. So könnte eine Fee ausgesehen haben aus den Märchenbüchern! Ach, und so lieb und gut war sie; wir durften ihr alles erzählen, was wir die Woche über erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge Geschichten für uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von Bärbele und vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich jetzt leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume wollte sich mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber auf der Wiese sah’s lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die Hülle und Fülle.
So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und Fröhlichkeit und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein alle zusammen auf dem großen Platz vor dem Hause. Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl gebettet, da sie hier die beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder spielten alle miteinander Croquet, wenn wir auch freilich nichts Besonderes darin zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben es noch zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen, welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst unbedacht eine ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser seine Kunststücke beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn am Schopf, und es hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, die unter den Buben nicht selten ist, da rief Fräulein Klara aufhorchend:
»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch kommen?« Und richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante Equipage mit Kutscher und Diener in schöner Livree den Hof herein. Stumm vor Erstaunen, mit offenem Mund stand ich da und konnte nicht begreifen, wer das wunderfeine junge Mädchen war, welches mir schon von weitem aus dem Wagen so lebhaft zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief:
»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht mehr?«
Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! Sie sah ja beinahe erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm und Barett, die langen Haare flossen ihr wie ein Schleier den Rücken herunter; ich konnte nur stehen und sie anstaunen, während sie rasch aus dem Wagen sprang und auf mich zueilte. Aber wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte und an sich drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder, die Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an meine Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, daß es wahr sein sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte ganz betroffen:
»Wo kommst du denn so überraschend hierher?«
»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte plötzlich eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde rasch alles gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen waren wir hier; mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von uns, da sie nach Hause berufen wurde und nicht mehr bei mir bleiben kann. Mein Papa hatte mir schon in Italien versprochen, sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein Erstes sein, dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich nach eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu finden wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren und nun sind wir hier, alle miteinander, Papa, Peppino und ich. Aber wo ist Peppino, daß du ihn auch kennen lernst?«
Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde im Wagen gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, welcher sich jetzt lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger Mann von etwas fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun an der Hand ergriff und mir als ihren Bruder Peppino vorstellte. Ich wurde dunkelrot und verlegen, aber die beiden sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino wußte schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern und zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama hatte für Thee und Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen im Kreise um den großen runden Tisch auf der Veranda, auch Fräulein Klara verweilte sehr glücklich unter uns und Herr von Stolzau hatte seinen Platz an ihrer Seite; da bemerkte ich auf einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte nach ihr, niemand wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig stand ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach:
»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen Arm, während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da fiel mir ein: sie wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; das war eine lauschige entfernte Ecke, welche ganz zwischen Bäumen und Sträuchern verborgen war; eine einzige kleine Bank stand dort und schon längst hatte Martha sich diesen kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als ich jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen; als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr ganzes liebes Gesichtchen war von Thränen überflutet.
»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken an. Da sprang sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte sie rasch und bat dringend:
»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand etwas gethan?«
»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –«
»Aber?« frug ich dazwischen.
»Aber ich bin doch tief unglücklich, weil – – –«
»Weil – – –?« drängte ich sie.
»Weil – weil du nun eine andere Freundin hast und mich nicht mehr lieb haben wirst,« kam es endlich stockend heraus. Also das war’s! Das böse Mädchen war eifersüchtig! Sie fürchtete, ich würde sie nun übersehen neben der neuen Freundin! In ihrer Bescheidenheit dachte sie ja immer, hinter den andern zurückstehen zu müssen; aber sie sollte sehen, daß ihre Befürchtungen gänzlich grundlos waren, denn von der einen Seite nahm Alma, von der andern ich sie unter den Arm, wir umarmten und küßten sie, schalten sie tüchtig aus und schwuren uns dann auf derselben Stelle ewige Freundschaft. Es sollte zwischen uns dreien ein Freundschaftsbund fürs Leben werden; wir waren ganz begeistert von dem Gedanken und entwarfen sofort den Plan, von nun an ein Kränzchen stiften zu wollen, welches »Vergißmeinnicht« benannt werden sollte.
Dann kehrten wir glücklich vereint zu den andern zurück, welche uns lächelnd empfingen und durchaus wissen wollten, was uns so lange zurückgehalten habe. Wir aber verrieten nichts, so sehr Peppino in uns drang. Derselbe ist gar ein lieber, lustiger Bursche, er befreundete sich herzlich mit Bruder Fritz, obgleich derselbe etwas jünger ist, und die kleinen Brüder waren bald so keck, daß sie ganz ungeniert mit ihm spielten und ihre Possen treiben.
Herr von Stolzau hatte seine Freude daran. Ich hätte nie gedacht, daß er so mild und liebenswürdig zu sein vermag; er unterhielt sich sehr freundlich mit allen, am meisten aber sprach er doch mit Fräulein Klara, welche mit glänzenden Augen zu ihm aufschaute und so frisch und wohl aussah, daß wir uns alle nicht genug darüber freuen konnten.
Erst spät am Abend ließ Herr von Stolzau seine Equipage wieder vorfahren, doch versprach er vor der Trennung noch, Alma recht oft mit uns verkehren zu lassen, wenn er auch nicht vor hat, sie noch einmal in die Schule zu schicken; vielmehr erkundigte er sich bei Mama nach einem passenden Pensionat. Diese sprach lange halblaut mit ihm; ich hörte zuletzt, wie sie sagte:
»Auch ich werde Aennchen nach der Konfirmation in diese Pension senden.«
Das wäre ja dann in gar nicht weiter Ferne, denn meine Vorbereitungen für die Konfirmation haben schon begonnen und nächste Ostern wird dieselbe stattfinden. Ich habe mit Martha zugleich Konfirmationsunterricht bei unserem lieben alten Herrn Dekan, der so recht versteht, unsere Herzen vorzubereiten zu dem wichtigen Schritt, der uns bevorsteht. Alma ist katholisch, ich fragte sie, ob sie schon konfirmiert sei; sie sagte, ihr Vater sei dafür, daß dies erst mit 18 Jahren geschehe, zu Hause bei ihnen im Norden sei dies so Brauch – dies wunderte mich sehr.
Achtzehntes Kapitel.
Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation.
Sehr lange Zeit kam ich nicht mehr dazu, in mein Tagebuch zu schreiben; ich hatte gar so viel anderes vor, diesen ganzen Winter. In der Schule gab es mehr als je zu lernen, nun das Ende des Schuljahres und die große Prüfung nahe war; kurze Zeit darauf sollte die Konfirmation stattfinden, so war denn meine Zeit vollauf mit Lernen und Vorbereitungen in Anspruch genommen. Als schönste Erholung dazwischen wurde mir aber dann gestattet, wöchentlich das Kränzchen mit meinen lieben Freundinnen Aennchen und Alma abzuhalten, und zwar hatten wir dafür den Sonntagnachmittag festgesetzt. Welch köstliche Stunden haben wir an diesen Tagen immer zusammen verlebt! wir freuten uns von Woche zu Woche darauf und einmal war es schöner und genußreicher als das andere Mal. Unser Zusammensein war nicht nur dem Vergnügen gewidmet; wir hatten immer eine Stunde für die Unterhaltung in französischer Sprache festgesetzt. Natürlich ist Alma darin unsere Meisterin, denn sie spricht französisch, als wäre es ihre Muttersprache, während wir andern oft nur recht kläglich zu stammeln vermögen; aber das giebt dann gerade den größten Spaß, und Alma hat so lange Geduld, bis sie uns die richtigen Sätze über das, was wir ausdrücken wollen, eingeprägt hat.
Die liebe Alma! Wie gütig und freundlich ist es von ihr, mich als Aennchens Freundin mit in den Kauf zu nehmen und zu ihrer Freundin zu machen! Ich hätte das nie zu hoffen gewagt! Sie ist sehr lebhaft und witzig, sehr glänzend und verwöhnt, dabei aber doch von Herzen gut und liebenswürdig. Früher in der Schule hatte ich immer Scheu vor ihr, da sah sie mit Hochmut über alle hinweg, welche es ihr nicht gleichthun konnten; mich selbst hatte sie nie beachtet. Aber sie ist vollständig verändert von der Reise zurückgekommen, wenn sie auch äußerlich noch dieselbe ist; nur noch viel reizender als früher, und sie sieht so erwachsen aus, daß sie immer für eine junge Dame gehalten wird. Ich rechne es ihr hoch an, daß sie es nicht verschmäht, aus ihrem glänzenden Schloß, so oft die Reihe des Kränzchens an mir ist, in unser kleines, enges Stübchen zu kommen, und wahrhaft merkwürdig ist es, daß sie behauptet, sich immer gerade da am wohlsten zu fühlen, weshalb mein Herzens-Aennchen schon einmal beinahe eifersüchtig geworden ist. Sie hängt mit einer schwärmerischen Liebe an meiner Schwester Klara und erscheint niemals, ohne ihr etwas Hübsches an Früchten und Blumen von ihrem Gute mitzubringen. Klara errötet dann immer vor Freude; anfangs war es ihr beinahe peinlich und sie fragte Alma, ob es ihr denn gestattet sei, das Treibhaus so zu plündern; doch Alma erklärte fröhlich, ihr Papa habe mit eigener Hand ihr immer die Blumen für Fräulein Klara abgepflückt und sie könne ihn ja selbst darüber befragen. Denn Herr von Stolzau unterläßt es selten, sein Töchterchen mit dem Wagen aus dem Kränzchen abzuholen, und es ist vorgekommen, wenn das Kränzchen in unserem Hause stattfand, daß er sich noch eine halbe Stunde hinsetzte und mit Klara unterhielt, sie in teilnehmendster Weise nach ihrer Gesundheit befragte und sich recht herzlich freute, daß es ihr fortwährend so gut geht. Denn gottlob, mein liebes, liebes Schwesterchen ist wirklich seit diesem letzten Sommer ganz gesund und kräftig geworden; sie fühlt keine Schmerzen mehr, kann täglich ein Stündchen ausgehen, sich zu Hause beschäftigen und ist darüber natürlich sehr glücklich und dankbar gegen Gott, der ihr dazu so gnädig verholfen hat. Und wie viele große Hilfe haben wir den gütigen Eltern meines lieben Aennchen zu verdanken – meiner armen Mama wäre es ja nicht möglich gewesen, einen solch langen herrlichen Landaufenthalt für meine leidende Schwester zu erschwingen. Jetzt ist es, als ob lauter Sonnenschein in unser Häuschen eingezogen wäre; der ganze lange Winter ging uns wie ein freundlicher Traum vorüber.
Auch in der Schule durfte ich viel Freude erleben. Die Lehrer sind alle so gütig gegen mich und haben mich zur Ersten der Klasse ernannt. Gleich nach mir kommt Aennchen, die es eigentlich noch viel mehr verdient hätte. Denn sie ist eine vortreffliche Schülerin und lernt so rasch und leicht, daß es oft ganz wunderbar ist, während ich mich oft viel mehr plagen muß. Bei der Prüfung erregte sie mit ihrem Aufsatz über Kaiser Barbarossa förmliches Aufsehen und erhielt eine Extrabelobung.
Zwischen der Schulprüfung und der Konfirmation blieben uns noch drei Wochen zur Vorbereitung für die Konfirmation. Aennchen und ich, welche den ganzen Unterricht miteinander genossen, verlebten auch diese letzte Zeit tagtäglich zusammen. Wir waren gegenseitig bemüht, uns auf den Ernst dieses wichtigen Schrittes würdig vorzubereiten, und als dann der heilige Ostertag herankam, an welchem wir das Gelübde ablegen sollten fürs Leben, da nahmen wir mit hohem Ernst die Gnade entgegen, als erwachsene Christen in die Gemeinschaft der andern aufgenommen zu werden. Der Spruch, welchen ich erhielt, lautete: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!« und Aennchen bekam die Worte auf den Lebensweg: »Die Augen des Herrn sehen auf die, so ihn lieb haben!«
Wir waren beide zusammen vor den Altar geschritten. Mein schönes Aennchen, das so unbeschreiblich lieblich mit den hängenden Zöpfen in dem ernsten schwarzen Gewand aussah, hatte es nicht verschmäht, mit der mißgestalteten kleinen Freundin zu gehen, welche, ich bemerkte es gar wohl, die Blicke der meisten auf sich zog. Als ich mich darüber gegen Aennchen äußerte, meinte das liebe gute Kind: »Vor dem lieben Gott sind wir ja alle gleich und dein Herz in der unscheinbaren Hülle ist ihm sicher lieber als das meinige!« Ach, sie weiß doch immer einen Trost für mich!
Mittags waren wir alle zu Tisch in Aennchens Hause geladen, Mama, Klara und ich, auch Herr von Stolzau und Alma. Es war ein schönes erhebendes Festmahl; wir beiden Konfirmandinnen wurden als erwachsene Christen betrachtet und jedes sprach schöne gütige Worte mit uns. Aennchens Brüder wagten sich vor Respekt kaum an uns heran; selbst Alma erklärte, beinahe etwas Scheu vor unserer Würde zu empfinden.
Aennchen aber und ich waren den ganzen Tag von einem Gefühl dankbaren Glückes beseelt, und als ich mich am Abend niederlegte, da gelobte ich dem lieben Gott noch einmal im stillen, ihm »getreu zu sein und zu bleiben bis in den Tod.«
Neunzehntes Kapitel.
Das Kränzchen.
Wieder war es Mai geworden, ein wonniger, köstlicher Mai voll Blütenpracht und Blumenduft und Vogelsang. Das reizende Schlößchen Stolzau lag wie in einem Meer von Blüten gebettet, weiße und blaue Fliederbüsche guckten mit ihren duftenden Dolden neugierig in die Fenster eines glänzenden Zimmers, aus welchem ein jugendlicher Mädchenkopf, von einer goldenen Haarfülle umrahmt, ungeduldig herauslugte.
»Sie kommen noch immer nicht, die säumigen Mädchen,« sprach Alma halblaut, während sie die reizenden, rosigen Lippen schmollend aufwarf. In demselben Augenblick aber bog drunten der Wagen um die Ecke, welcher allwöchentlich die Freundinnen aus der Stadt heraus brachte, und Alma sprang mit einem frohen Jubelschrei ihnen entgegen. Eine ganze lange Woche war ja vergangen, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten – das dünkte ihnen eine wahre Ewigkeit. Wie viel gab es da zu plaudern und Neuigkeiten auszutauschen!
»Heute an dem herrlichen Tag können wir unser Kränzchen im Garten abhalten!« sprach Alma, während sie ihren jungen Gästen fröhlich voransprang an ein reizendes Plätzchen unter einem blühenden Apfelbaum. Dort war ein weißgedeckter Tisch höchst einladend mit Tassen und Tellern, Früchten und Gebäck besetzt, ein silberner Theekessel summte über einer Spiritusflamme und eben brachte der Diener auch die dampfende Schokoladenkanne herbei.
»Aber Alma! Das ist wider die Verabredung!« tadelte Aennchen, »Schokolade ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erlaubt und heute weiß ich von keiner.«
»Nun, es könnte aber doch möglicherweise eine geben,« sprach Alma geheimnisvoll, »obgleich ich, offen gestanden, selbst nicht weiß welche. Aber mein Papa kam heute mittag zu mir und sprach: ›Ich fahre in die Stadt und wenn ich zurückkomme, erfährst du etwas Köstliches und ich bringe dir etwas mit, was dich sehr, sehr freuen wird.‹ Natürlich war meine Neugierde gleich aufs höchste gespannt und ich bestürmte Papa, mir doch zu sagen, was es sei – er aber verriet nichts, nur gestand er zuletzt noch zu, daß es etwas Lebendiges wäre und sprechen könne, und daß er es bringen wollte, so lange ich noch mit meinen Freundinnen hier beisammen sei. Nun helft mir aber nur um Gotteswillen raten, in was die Ueberraschung bestehen könnte? Mir wirbelt schon ganz der Kopf von dem vielen Denken.«
»Dann rege dich nur lieber nicht zu sehr auf und lasse die Ueberraschung an dich herankommen, wie dein Papa es beabsichtigt,« riet die besonnene Martha, während Aennchen, angesteckt von der Neugierde der Freundin, in grübelnde Betrachtungen versank, deren Resultat zuletzt darin bestand, daß sie meinte:
»Dein Papa bringt dir vielleicht einen Papagei, weil er ja verheißen hat, daß der geheimnisvolle Gegenstand auch sprechen könne.«
»Richtig, ein Papagei wird’s sein!« rief Alma aufspringend und in die Hände klatschend; »o, du kluges Aennchen weißt doch immer das Richtige zu treffen. Dafür muß ich dich aber gleich mit einem Stück selbstgebackenen Kuchens belohnen.«
»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, du willst uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen doch dergleichen nicht.«
»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« rief Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen Händchen emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang mit solch vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, ohne von dem ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? Ich habe mich tüchtig geschämt, als Martha neulich die süßen Kaffeeküchlein auf den Tisch brachte, welche sie selbst fabriziert hatte, denn ich hatte gar keine Ahnung, daß man das nur versuchen könnte. Da bin ich heute zu unserer Mamsell gelaufen und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute den Kaffeekuchen backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt, ich spreche im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann endlich überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über die Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir das Ding begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; erst zerbrach ich ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die Rosinen ungewaschen in den Teig, dann ergriff ich anstatt des Zuckers das Salzfaß, und so war der erste Kuchen ›futsch.‹ Aber der zweite geriet um so besser und ihr seht das prächtige Resultat hier vor euren eigenen Augen.«
»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, bewundernd in die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche Freude wird dein lieber Papa haben, wenn er das erfährt.«
»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit strahlenden Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal so traurig an und spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß sich so allein ohne Mutter behelfen, da wird es schwer fürs Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe mich ja redlich, ihm ein sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich sehe leider nur zu deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch fehlt, wenn er auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir ist und sich noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den Hausunterricht, welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing, für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen Ernst werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin nach N. geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.«
»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit mit dir in die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. »Mama hat es mir allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, und wenn mir der Gedanke, das Vaterhaus zu verlassen, auch ein recht schmerzlicher war, so ist es mir doch auf der andern Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in ein Institut zu kommen.«
»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. »Wie schmerzlich werde ich euch entbehren!«
»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. »Kannst du deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu lassen?«
»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. »Erstens brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem lieben Mütterchen zu trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse es auch gar nicht, mich eine solch kostspielige Pension besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir vorgezeichnet ist, wird ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der Schule werde ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort kann ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, im zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann Sticken u. s. w. Habe ich dann alles so gründlich erlernt, daß ich am Schluß ein vorzügliches Zeugnis davontrage, dann braucht es mir nicht bange zu sein vor der Zukunft; ich kann dann mit Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute Stütze werden.«
»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und Alma, indem sie dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden dasaß und deren ganzes Leben nur aus Pflichterfüllung bestehen sollte, die Hände reichten; dann fragte Aennchen, auf ein anderes Thema überspringend:
»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?«
»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche Antwort. »Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine Lehrer rühmen ihn alle als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler, welcher rastlos vorwärts strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit Lernen und Zeichnen aus, ihr glaubt nicht, wie weit er es darin schon gebracht hat. Sein höchster Wunsch ist, Maler zu werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig die Wissenschaften studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht. Peppino ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen schreibt, und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen bei. Erst heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen an – soll ich sie euch zeigen?«
Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, indem sie sagte:
»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert, daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht nur zum Vergnügen beieinander sind, sondern auch Französisch treiben müssen. Und es ist die höchste Zeit für heute, das Versäumte nachzuholen, darum wollen wir rasch beginnen.«
Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr kommen, denn in demselben Moment hörten die Mädchen einen Wagen in den Hof fahren und Alma rief aufspringend: »Der Vater kommt! Nun hat er mir sicher die Ueberraschung mitgebracht! Ich kann es kaum mehr erwarten!«
Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem Platz hinüber nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen mußte; die beiden andern Mädchen, kaum minder neugierig als sie, thaten desgleichen. Und wenige Augenblicke waren vergangen, da zeigte sich wirklich Herr von Stolzaus Gestalt zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er führte eine schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und vertraut schien.
»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha überrascht und zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater zu und rief:
»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges mitgebracht?«
»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr von Stolzau freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz glückstrahlenden Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer nicht, was ich dir mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!«
»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im Traum; sie konnte das Wunder kaum begreifen; plötzlich aber jauchzte sie auf: »Eine neue Mama habe ich bekommen und diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das ist zu viel, zu viel des Glücks!«
Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen Mutter, bald dem Vater am Hals, während die beiden andern Mädchen noch ganz fassungslos dabei standen und kaum begriffen, was um sie her vorging.
»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, um die Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf einmal die süße Stimme Klaras zu Martha gewandt, und sie streckte ihr beide Arme entgegen. »Bist du es zufrieden, allein bei Mütterchen zu bleiben und ihr die fehlende Tochter mitzuersetzen, und freust du dich meines Glückes?«
»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu fassen vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an die geliebte Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise:
»Weiß es denn Mütterchen schon?«
»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen und hat uns auch hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, bis die Ueberraschung hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber wollen wir wieder zu ihr eilen.«
»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das Heim zeigen, in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von Stolzau, seiner Braut sorgsam den Arm bietend und sie nach dem Schlosse hingeleitend, während die drei jungen Mädchen freudestrahlend folgten.
Zwanzigstes Kapitel.
Ein überraschender Besuch.
Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte das Kränzchen bei Martha stattfinden. Diese hatte mit gar schwerem Herzen ihren Hausgarten, wie sie die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an der Thüre prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.« Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, um diesmal bei Martha im Freien zusammenkommen zu können, zum erstenmal, aber ja leider auch zum letztenmal! So legte sie denn unter Seufzen und heimlichen Thränen das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen Tischläufer auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit allerlei Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten Spitzen versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines der schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich von Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie gerade mit allem fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend betrachtete, da flogen auch schon die Freundinnen herein und es gab eine Begrüßung, als ob man sich seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. Bald saß Alles in fröhlichster Eintracht um den hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte sich natürlich ihren Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,« wie sie Klara mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe beständig hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu sehen. Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das geliebte Kind so bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare Minute fest, in der sie noch mit Alma zusammensein konnte. Sie besaß eine so merkwürdige Macht über deren Gemüt, wie es noch niemand vor ihr besessen hatte – in Klaras Gegenwart war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien sie nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der Mutter Schutz sucht.
Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die nächste Zukunft der beiden Institutselevinnen, welche schon mit allen ihren Gedanken halb in der künftigen Sphäre waren und deren Phantasie sich lebhaft damit beschäftigte, wie es in dem Institut wohl aussehen möge, ob es ihnen gelingen werde, die Vorsteherin zufrieden zu stellen, und welcher Art ihre künftigen Genossinnen sein würden. So war denn der Gesprächsstoff darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man in den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig sprangen Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um nachzusehen, was es wohl da unten zu schauen gebe.
Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, war um eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten vor der Thür des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche sich nach einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, mochten es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen hatten. An der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, war allerdings nichts Auffälliges zu bemerken, als daß ihre Kleidung einen beinahe männlichen Schnitt besaß, indem diese aus einem kurzen schwarzen Jacket mit Herrenkragen und Kravatte und einem glatten schwarzen Rock, ferner einem kleinen Herrenhütchen bestand.
Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von derselben ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare rote und schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie ein fremdartig buntes Tuch gewunden und darunter schaute ein dunkles Mulattenantlitz hervor mit schwarzen blitzenden Augen und dunkelroten Lippen, durch welche die weißen Zähne glänzten. Es war ein seltsam schönes Gesicht, das aber in dieser Umrahmung noch doppelt überraschend wirkte, zumal die fremdartige Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und kostbaren Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. Beim Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als mit dem kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die lauten Bemerkungen der übermütigen Gassenjugend – sie schritt mit fremdartiger Grandezza ihrer Gebieterin nach, welche mit etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung der Frau Pfarrer Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die Thür des Hauses trat.
»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, Martha – ich habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, förmlich atemlos vor Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin schüttelte ungläubig den Kopf –:
»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte sie, »was hätten die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?«
Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von außen her und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, unter deren Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten erschienen.
Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden an, dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus:
»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte Ellen?«
»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in etwas gebrochenem Deutsch rasch zurück, »und war schon vor Jahren einmal als Gast hier in deinem Hause zugleich mit meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,« ein leises Schluchzen bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem Auftrag, dir seine letzten Grüße zu überbringen.«
»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert aus, ein Thränenstrom brach aus ihren Augen und schluchzend zog sie die junge Mädchengestalt in ihre Arme. »So ist mein armer Bruder wirklich in der Fremde gestorben und du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!«
Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es unterdrückte aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, als schäme es sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war es wirklich ein merkwürdiger Anblick, dies blutjunge Geschöpf mit den streng geschlossenen Lippen neben der fassungslosen alten Frau zu sehen. Auch Klara und Martha hatten mit schmerzlicher Teilnahme von dem traurigen Schicksale des Onkels vernommen und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun wieder an ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte diese als ihre Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo vor. Dieselbe sei von ihrer frühesten Kindheit an ihre Gefährtin auf der Farm gewesen und habe sie auch seit dem Tod ihres Vaters keinen Augenblick verlassen und sich trotz der Furcht, welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie hinüber nach Deutschland zu begleiten.
»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise über Hamburg bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als man sich gesetzt hatte, während Martha eifrig von neuem Kaffee einschenkte und Kuchen anbot.
»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des Schutzes bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab Ellen in beinahe verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit zurück, daß alle dies junge merkwürdige Mädchen ganz verdutzt anstarrten.
»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde ich an der armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« sprach die Tante, indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. Diese schlug halb zerstreut ein.
»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich von deinem freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber ich habe bereits meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund meines Vaters, welcher in der Residenz Verbindungen hat, hat für mich dort ein hübsche Villa mit Garten gekauft, dort werde ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich aber dort besuchen wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.«
»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst sein sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst doch nicht daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre alt und ohne allen Schutz!«
»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen Dienerschaft,« erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte mir da etwas anhaben können!«
»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante lebhaft.
»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges Lächeln ihre Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach dem Urteil der Welt zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen unterzuordnen, welche besonders hier in der alten Welt von einer beinahe lächerlichen Beschränktheit sein sollen. Ich habe mich gewöhnt, mir selbst Richter zu sein und einzig meiner eigenen Person Rechenschaft über mein Thun und Lassen abzulegen. Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines eigenen Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur die gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, mein Thun anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns in Amerika hat die Frau ebenso wie der Mann das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen.«
»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. »Ich kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige Nichte sich meinem mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich werde keine ruhige Stunde haben, dich so allein zu wissen.«
»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« rief das junge Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich in Lustigkeit umspringend und die alte Dame umfassend. »Glaube mir, du und die Cousinen, ihr werdet noch staunen, wie gut ich mich in das neue Leben hineinfinden werde, und ich lade euch alle zu Besuch in meine Villa ein. Dann können wir das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für heute muß ich leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen muß, nach der Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und verschiedenen Handwerkern zu verhandeln.«
»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug die alte Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die anderen, durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin so gedrückt, daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so sah sie nur mit stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit Ellen ihre Befehle an ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem Schweigen die ganze Zeit über verharrte und sich nur mit dem Papagei und dem Aeffchen beschäftigt hatte, während ihre blitzenden Augen von einem der Anwesenden zum andern flogen. Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren Lieblingstieren, während Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch Alma und Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie hörte, daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden solle, herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen.
Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür, alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen, daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei.
»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.«
»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet, aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Schluß.
Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt, welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden, eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun, ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum zweitenmale.
In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse.
»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer wieder.
»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso tief bewegt, »ich werde immer in Gedanken bei dir sein und dir täglich Briefe in Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, Liebling.«
»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des Schaffners dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide griffen nach ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und schlug die Thür zu, ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, die Glocke läutete zum drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten die Mützen und riefen: »Hurra, nun geht’s auf die Hochschule!« Die weißen Tücher flatterten im Winde und im raschen Flug entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen Lebensziel entgegen.
Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren Jahren waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen ein andermal berichten.
Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge gekürzt.
Korrekturen:
S. 132: son → schon
und gutem Ausdruck [schon] eine Anzahl