Dritter Abschnitt.
Mein erster wilder Schmerz war einer stillen Wehmut gewichen. Kein Grauen, keine Furcht, wie damals bei Papa’s Tode mengte sich in das Andenken des geliebten Verlorenen. Ich hatte seine Möbel in mein Zimmer bringen lassen und vertiefte mich oft stundenlang in den Anblick der Dinge, die ihn einstmals umgaben.
Ich konnte mich noch immer nicht entschließen, meine früheren Beschäftigungen aufzunehmen: es kam mir Alles so reizlos, so überflüssig vor. Wozu denn auch? Für wen?
Da, eines Tages erwachte ich aus meiner Apathie. Die Tante sang — zum erstenmale wieder seit langer Zeit. Sie besaß keine besonders starke, aber eine gutgeschulte, ungemein sympatische Stimme. Voll und ernst schwebten die Töne durch den einsamen Raum — es war das vielgeschmähte und doch so schöne „Behüt’ Dich Gott.“ Ich fühlte, daß sie ihre Seele hineinlegte in das Lied, denn es klang daraus wie klagender Verzicht, ergebungsvolle Trauer. Und meine Gleichgültigkeit schwand, um einem, noch undeutlichem Verlangen Platz zu machen, zu arbeiten, zu leisten.
Als sie geendet, saß sie eine Weile gedankenversunken vor dem Instrument. Es lag eine Weihe in diesem Schweigen. Dann sagte sie wie für sich: „Die Musik, wie Vieles dank’ ich ihr! Sie weckt das Schöne, Edle in uns, sie tröstet, verleiht uns Tatkraft, — vermehrt unsere Zuversicht — sie,“
„Nicht wahr Tante, gerade in diesem Moment hab’ ich Ähnliches empfunden. — Tatkraft — ich glaube, das ist es. Ich möchte auch anfangen, wie soll ich nur sagen, etwas unternehmen,“
„Ich verstehe, was Du meinst. Komm’, gehen wir in den Garten; dort spricht sich’s besser.“
„Gehen wir“, und ich schob meinen Arm in den ihren.
„Weißt Du Mimi“, begann sie nun, „daß ich diesen Augenblick mit einer gewissen Ungeduld erwartet habe? — — Ich sah, wie Du Dich in aufreibenden Träumereien ergiengst, und fand es doch grausam, Dich gewaltsam wachzurütteln. Aber jetzt, da Du den Anfang machst, wollen wir uns ruhig besprechen. Mir war ja einmal gerade so zu Mut wie Dir, — vielleicht noch schlimmer. Auch ich klagte innerlich über die Nutzlosigkeit des Daseins, bis ich begriff, daß es keinen schöneren Zweck gibt, als immerfort zu handeln in den Intentionen eines geliebten Toten. — „Ein ganzer Mensch, der geradaus geht, immer dem Rechten nach, ohne nach rechts und links zu sehen,“ das war ja sein Vermächtnis. — Was hindert Dich, die Erbschaft anzutreten?“
„Tante, ich danke Dir.“ Dem was nur vague und verschwommen mein Inneres erfüllt, hatte sie Ausdruck verliehen, und wie mit einem Zauberschlag den Bann gebrochen. Und die Beiden, die nun schon lang geschwiegen, Willenskraft und Pflichtgefühl, erwachten in erneuter Stärke. „Du mußt mir helfen, Tante. Ich will trachten, Dir’s nicht schwer zu machen.“
Wir waren in eine Seitenallee eingebogen, und machten dort Halt, wo von blühendem Buschwerk halb verdeckt, ein weißes Marmordenkmal stand. Hier ruhte die Urne mit seiner Asche. Leise drang das Schluchzen der Nachtigall zu uns herüber, und die Nelken, die roten Nelken, die den kalten Stein umgaben, glühten in stillem Feuer.
Ich blickte auf zum blauen Himmel — dort funkelte es goldig. Und diese Myriaden Welten ziehen ruhig und unbekümmert ihrer Wege. Heute strahlen sie im hellsten Licht, und morgen schon vielleicht sind sie zersplittert, zertrümmert in Atome.
Leuchtend taucht der Mond hinter den Buchenwänden auf und wirft seinen magischen Schimmer auf die weißen Steinfiguren in den Nischen. Ein weiches Lüftchen umweht uns, und um die duftenden Betunienbeete schwirren lüsterne Nachtfalter, summend, surrend.
Mir ward mit einemmal so wohl und leicht um’s Herz, als gäb’ es keine Trennung.
„Versprich ihm Mimi, daß Du Deinen Vorsatz halten willst. Schließ ab mit dem Alten: mach’ einen Strich darunter, wie nach einem fertigen Capitel. Dann soll morgen ein neuer, und wir wollen hoffen, schöner Abschnitt Deines Lebens beginnen.“
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„Zur Einleitung muß ich Dir eine traurige Geschichte erzählen, die Du genau noch nicht kennst“, begann die Tante tagsdarauf. „Ich war ein Mädchen, nicht besser und nicht schlechter, als die einmal geltende Schablone es von gewissen Gesellschaftsklassen erfordert. Ich lebte in den Tag hinein, sprach mein Morgen- und Abendgebet, gieng Sonntags in die Kirche und fügte mich in Allem und Jedem den Beschlüssen meiner Eltern, wie es die gute Sitte erfordert.
Ich war 23 Jahre alt. Da lernte ich ihn kennen — in einer größeren Gesellschaft. Wir sprachen nur wenige Worte und doch war es mir, als ob wir zu einander gehörten, Eines wären schon seit Langem.
Im ersten Rausche überlegte ich nicht lange. Wenn die Meinen sahen, wie sehr wir uns liebten, würden sie ihre Einwilligung geben und sich darüber hinwegsetzen, daß er ein Jude war.
Wir trafen uns von nun an häufig. Dann kam er und hielt um mich an.
Mir wurde es zu eng im Zimmer; ich eilte in den Garten, um dort das Ende der Unterredung abzuwarten. Es dauerte nicht lange. Er kam über die Terrasse, leichenblaß, und wollte an mir vorbei. Ich rief ihn an; er fuhr zusammen:
„Du hier? — — Nun denn, leb’ wohl. Wir dürfen einander nicht gehören; es ist soeben im Familienrat beschlossen worden.“ Dabei zuckte es schmerzlich um seine Mundwinkel.
„Du sprichst doch nicht im Ernst?“
„Es wäre wohl ein schlechter Scherz. Du kannst Dich ja selbst überzeugen. Sie sitzen Alle beisammen im Ahnensaal, die Großeltern und Dein Bruder. Es paßt ihnen nicht — ich bin ein frecher Eindringling — wir sollen nicht glücklich werden.“
Ich hatte seinen Arm gefaßt. „Ja, es heißt Abschied nehmen, Laura — vergessen“, setzte er mit bebender Stimme hinzu. „Gib mir — doch nein — nicht einmal die Hand — Du würdest Dich besudeln.“ Und alle Selbstbeherrschung beiseite lassend, barg er das Gesicht in die Hände und stöhnte laut auf.
Ich küßte ihn und versprach, niemals von ihm zu lassen.
„Armes Kind, Du versprichst mehr, als Du halten kannst. Es gibt Gesetze, die stärker sind als Liebe. Bisweilen ist es Ehre, in den meisten Fällen aber Vorurteil. Leb’ wohl, vergiß mich.“
„Du verlangst Unmögliches. Schreiben wir uns.“
„Wozu diesen qualvollen Zustand verlängern?“
Doch ich wußte ihn schließlich zu überreden, und durch Vermittelung meiner Freundin entstand ein reger Briefwechsel.
Es wußte Niemand um die Dauer des Verhältnisses, und eines Tages teilte mir Mama mit, Graf X. habe um mich angehalten. Ich war wie aus den Wolken gefallen, denn ich hatte ihm auch nicht die geringste Beachtung geschenkt und nicht im Entferntesten daran gedacht, daß er sich mit dieser Absicht trage. Zuerst lehnte ich entschieden ab, aber man schürte und arbeitete so lange, bis ich schon der Ruhe halber einwilligte.
Sie nannten mich „vernünftig“, weil ich eingesehen, daß eine Steindorf keine mesalliance machen dürfe.
Willenlos und betäubt, ließ ich den Dingen ihren Lauf. Ich war so ungewohnt, mit Hindernissen zu kämpfen, zudem hatten mich die Aufregungen der letzten Zeit völlig fühllos gemacht. Ich schrieb Hans einen logischen und ziemlich kühlen Brief; doch kaum hatte ich ihn abgesandt, bereute ich meine Handlungsweise und depeschierte ihm: „Brief ungültig; erwarte Sie Morgen Früh“. Nein, zu heucheln verstand ich doch nicht.
Er kam. Wir zogen uns in einen stillen Winkel des Gartens zurück, wir schmiedeten neue Pläne, und er, selig, mich wiederzuhaben, umschlang und küßte mich.
Da plötzlich steht Graf X. vor uns. Er kannte Hans, ohne indessen von unseren Beziehungen zu wissen. Meines Ermessens nach hatte ich dem Grafen erst als angetraute Frau die Treue zu bewahren und gegebenen Falles Rechenschaft abzulegen.
Eine Sekunde starrte er uns sprachlos an. „Da gehen ja schöne Dinge vor sich. Sie werden mir Satisfaktion geben.“
„Ich sehe mich nicht dazu veranlaßt.“
„Schurke — — Feiger Judenhund.“
Um Gotteswillen! — Das war zu viel. Ich traute meinen Ohren nicht.
„Morgen sende ich meine Sekundanten“, versetzte Hans anscheinend gleichmütig. Weiter nichts. Ich fühlte selbst, daß er, um nicht falschen Schein auf sich zu laden, diesen Schimpf nicht annehmen dürfe — — und doch — — die Furcht vor etwaigem bösen Ausgange ließ mir alles Andere gering erscheinen. „Ehre“. Ein Phantom. Und ich sank vor ihm auf die Knie: „Nein, Hans, schlag’ Dich nicht.“
„Sei nicht kindisch, Laura. Du mußt es doch einsehen: ich kann nicht mehr zurück.“
Und er hatte Recht, so dachte ich damals und war stolz aus ihn. Seit undenklichen Zeiten waren Ehrenhändel unter Männern nur mit der Waffe in der Hand ausgetragen worden. „Aber“ — und mein Herz erbebte bei dieser Vorstellung — „wenn ich Dich verliere, Hans?“
„Dann muß Dich das Bewußtsein aufrecht erhalten, daß ich meine „Ehre“ verteidigte — — obwohl ich nur ein Jude bin. O, es geht so verrückt, so ungerecht zu auf der Welt. Du armes süßes Kind, ich wollt’, ich könnte Dir weniger Leid bereiten.“
„Die Nacht, die folgte, dieses beständige Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung — — wozu so Schreckliches heraufbeschwören? — — Es bleibt besser begraben. — — Nun und das Weitere — — das weißt Du ja. — — Wie schwer sich Manches vergißt — und es sind doch viele Jahre her!“ —
Wir schwiegen eine Weile, denn auch meiner hatte sich eine tiefe Bewegung bemächtigt, und es dämmerte mir ein Ahnen auf, wie es kam, daß Tante Laura groß und stark aus diesem Kampf hervorgegangen. Sie war ein Charakter, wie man selten einen findet, voll Güte und unerbittlicher Gerechtigkeit zugleich. Es flammte heiß in ihren dunklen Augen auf. Wie mußte sie geliebt haben, und wie mußte sie hassen können.
„Ja damals“, fuhr sie fort, „hätt’ ich den Mörder kalten Blutes erwürgen können, und namenlose Verachtung für all’ das, was mir bis jetzt den Inbegriff des Rechten, Selbstverständlichen gebildet, erfüllte mich. Vor sie, die mich um mein Glück betrogen, vor sie Alle hintreten und ihnen zurufen: „Ihr erbärmlichen Philisterseelen, die Ihr keine Ahnung habt, was wahre Größe, wirklicher Adel ist, schämt Euch, errötet“.
„Mein ganzes Wesen war in Aufruhr, das Blut schäumte mir in den Adern, und der einzige Wunsch nach Rache und Vergeltung erfüllte mich.
„Es war der erste Impuls und die Reaktion folgte alsbald. An Stelle der leidenschaftlich-wilden Gefühle, trat eine fast unheimliche Ruhe. Ein Schleier riß mitten entzwei, vor meinem geistigen Auge und ich sah zum erstenmale klar in meinem Leben. — — Keine Träumereien mehr, nein, sehr bestimmte Ideen, die sich durch weiteres Ausspinnen und Lesen immer mehr befestigten.
„Und je lichter es in mir wurde, in dem Maße, als ich begriff, wuchsen mein Mitleid, meine Nachsicht mit dieser närrischen Welt; mit diesen armen, verblendeten Menschen.“
Sie hielt inne, dann fuhr sie fort: „Es hatte dieses Impulses — der traurigen Anregung von außer her — bedurft, um mich aus meiner wohlerzogenen Verschlafenheit zu rütteln. So wurde ich das, was ich bis dahin nicht gewesen: „ein freier Mensch.“ Der Schmerz ist so recht eigentlich das Samenkorn, aus dem sich die Individualität entwickelt. Großes leisten fast nur immer Jene, die in physischer Beziehung viel durchgemacht — die Anderen zählen zu den seltenen Ausnahmen. Und es ist ja am Ende auch begreiflich. Wenn man zu den Schoßkindern des Glückes zählt, nach dem Ersehnten die Hand bloß auszustrecken braucht, wozu sich mühen und ereifern? — — Und so, in dem Netze kleinlicher Alltagsinteressen verstrickt, erlahmt der Sinn für eine weite Weltanschauung, und man schreckt ängstlich zurück vor Allem, was Einem aus dem Geleise bringen, die Augen öffnen könnte, man wird Egoist.
Speciell in unseren Kreisen gilt eine gewisse Nonchalance und Sorglosigkeit für „bon ton.“ Sich streng an die Traditionen halten, wenig wissen, — und nur ja nicht denken. Das wäre nämlich zu gefährlich. Seit Generationen hielt man es so — das beweisen die heutigen Durchschnittstypen zur Genüge. Sieh’ Dir nur einmal so einen jungen Majoratsherrn an. Blasiert, verlebt mit 20 Jahren, kennt er keinen anderen Zeitvertreib als Trinken und Spielen. Über die Frauen besitzt er — falls er überhaupt jemals welche besessen, — keine Illusionen mehr. — — — Und nur ja keine vernünftige Beschäftigung — davor schreckt er zurück, als wär’ es eine Schande, und wenn er des ewigen Einerlei satt ist, sucht er das träge Blut künstlich zu erhitzen. Er wettet, beginnt Händel, macht Schulden, die der Papa bis zu einer gewissen Grenze geduldig bezahlt, und dann — nun dann sucht er eben eine „Partie“ um sich zu rangieren, „den Namen nicht in Mißkredit zu bringen“, kurz er verkauft sich.
So die Männer. Wir sind um kein Haar besser daran. Der englischen Gouvernante entwachsen, die Alles „shocking“ findet, was ihr nicht behagt, verheiratet man uns, wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben. Die Liebe spielt nur selten eine Rolle dabei: sie ist nur Surrogat, und Hauptsache bleiben doch immer die geordneten Verhältnisse. — — Was sind die Folgen? Allmähliche décadence, Menschen ohne Mark und Kern, die keine andere Bestimmung kennen, als „Gigerl“ oder „Modepuppe.“ Ein Sumpf von ungeahnter Tiefe, in dem wir rettungslos verkommen, wenn wir die Gefahr nicht beizeiten erkennen und uns gewaltsam herausreißen. — Auch ich fand erst in letzter Stunde den Mut dazu. Uns Frauen nimmt man eine Auflehnung gegen das Althergebrachte ganz besonders übel. Es ist ein hartes Stück Arbeit für ein Mädchen, einen gewissen Grad von Selbstständigkeit zu erlangen. Es gehört ein unbeugsamer Wille, eine eiserne Ausdauer und auch ein bischen Philosofie dazu. Wie Manche kehrt schon auf halbem Wege um, da man sie einen „Blaustrumpf“ genannt, oder liebevolle Zweifel an ihrer Vernunft ausgesprochen.
„Was mich anbelangt, so wurde mir’s recht schwer gemacht, aber schließlich brachte ich es doch dahin, daß man meinen Standpunkt respektierte. Der Kampf war die Errungenschaft schon wert. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich meine Freiheit nicht mißbrauchte. Die Pflichten, die sie mir auferlegte, hab’ ich keinen Augenblick vergessen. Darum hab’ ich mich auch in die Reihen Jener gestellt, die der Menschheit den Anbruch eines neuen, schönen Tages verkünden. Sie wachrütteln, ihnen die Binde von den Augen reißen, sie unterscheiden lehren, zur Begeisterung entflammen!“
„Ja, Du müßtest ein guter Apostel sein, Tante.“ Wie sie hoch aufgerichtet vor mir stand, mit leuchtenden Augen, durchglüht von edlem Eifer, war sie fast hübsch. Es lag Leben und Ausdruck in diesem Gesicht: keine Spur von dem kalten Gleichmut der Madonna. Doppelt rührend klang es, als sie fast leise sagte: „Ich möchte ja nur, daß Alle, Alle glücklich werden.“
„Das wäre wohl schön — aber ich denke es mir schwer, furchtbar schwer. Wo soll man denn beginnen?“
„Auf fester Grundlage natürlich. Man muß das Übel mit den Wurzeln ausrotten — die Wurzel aber ist: das Vorurteil.“
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Es gab kaum eine Frage von universeller Bedeutung, die wir in unseren Plauderstunden nicht erörterten. Es war mir ein wahrer Genuß, der Tante zuzuhören, wie sie in kühnen, sicheren Umrissen ein Bild der herrschenden Zustände entwarf, den Kern bloslegte und dann immer weitere Kreise darum zog. Nichts entgieng der Schärfe ihres Blickes und niemals verlor sie sich in Nebensächlichem. Ich lernte immer etwas Neues und mit jedem Tage steigerte sich mein Wunsch, auch ein wenig in ihrem Sinn zu leisten.
„Wie schade, Tante“, sagte ich in ehrlicher Betrübnis, „um die verlorene Zeit meiner Erziehung. Gesetzt den Fall, ich käme um mein Vermögen — besäße ich denn die nötige Bildung, um mir mein Brot selbst zu verdienen? — Ohne Sprachkenntnisse — denn das bischen Französisch, das man uns eingetrichtert, reicht gerade für den Hausbedarf — weiß ich ja auch sonst sehr wenig.“
„Das ist eben die unverantwortliche Art der Erziehung. Und das „Nichtswissen“ ist noch lange nicht das Schlimmste, für viel gefährlicher halte ich das „halbe Wissen.“ Damit richtet man den größten Schaden an. Und dann, wenn man die gewöhnliche Bildung besitzt — als Grundlage ist sie allerdings erforderlich — soll man seine Kräfte nicht zersplittern, sondern sie auf ein einziges Ziel concentrieren und dabei verharren. — Freilich die Männer im Allgemeinen, sehen es nicht gern, wenn wir uns noch ein anderes Feld der Tätigkeit sichern, als den häuslichen Herd. Angeblich leidet unsere Weiblichkeit darunter, in Wirklichkeit aber fürchten sie die Concurrenz, und wohl auch, ihr Prestige als Schützer des schwachen Geschlechts zu verlieren, denn es entstünde ein ganz anderes gegenseitiges Verhältnis, und wir könnten sie viel eher entbehren.“
„Also Du bist für die Emanzipation?“
„Im guten Sinne, ja. Das heißt, soweit sie sich von sinnloser Knechtschaft losmacht und „freie Menschen“ schafft. Auf die damit in Zusammenhang gebrachten Äußerlichkeiten halte ich nichts. Männerkleidung, kurzgeschnittene Haare und burschikoses Auftreten finde ich überflüssig und unschön. „Im Herzen Weib, im Kopfe Mann“, dieses Recept wäre beiden Geschlechtern dringend anzuraten. Das Rechte suchen, es instinktiv empfinden, und dann die Energie besitzen, es durchzuführen.“
„Also wir haben dieselben Fähigkeiten wie der Mann? Aber warum werden dann verhältnismäßig so wenig Frauen berühmt?“
„Ja, wir besitzen dieselben intellektuellen Fähigkeiten wie der Mann, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei uns lange Zeit hindurch brach gelegen. Was sie vom „Vogelgehirn“ des Weibes sagen, ist pure Fabel. Weil man uns seit jeher vorgepredigt, dem sei so, glaubten wir es schließlich, ohne daran zu denken, die Richtigkeit dieser These zu erproben. Und schon beim ersten Versuch erwies sie sich als falsch.
„Es bedarf zu Allem der Übung, für manuelle sowohl als für geistige Fertigkeiten. Eine Hand, die man niemals gebraucht, wird eine gewisse Ungelenkigkeit verraten, ein Körper, der nie Gymnastik betrieben, weniger biegsam sein, als der eines Trapezkünstlers. Mit dem Verstand und seinen verschiedenen Kundgebungen ist es genau dasselbe. Wer von Kindheit an die Mühe des Denkens nicht scheut, wird in späteren Jahren ein rascheres Auffassungsvermögen, ein positiveres Urteil, eine schlagendere Logik bekunden, als Jener, der sein Leben lang gedankenfaul gewesen — und was eine natürliche Folge ist — mehr Selbstbewußtsein besitzen.“
„So denke ich mir’s eigentlich auch. Eine Maschine, die nicht geölt und gebraucht wird, arbeitet schwer. — — — — Und heute ist die Gleichberechtigung ein Allgemeinwunsch der Frauen?“
„Die große Mehrheit sehnt sich darnach. Ausnahmen gibt es freilich auch da — und dann bedürfen ja durchaus nicht Alle der Emanzipation, sofern es sich um die Beteiligung am öffentlichen Leben handelt. Eine Mutter hat in erster Linie die heilige Pflicht, tüchtige, nützliche Menschen in ihren Kindern zu erziehen, als Gattin ihren Mann, falls er das Rechte will, zu unterstützen. In diesem Falle soll sie seinen Bestrebungen Verständnis entgegenbringen, gleichen Schritt mit ihm zu halten trachten. Vor solchen Ehen allen Respekt.“
„Und die Einsamen — ich meine die, die aus irgend einem Grunde allein durch’s Leben gehen?“
„Auch die finden reichlich Beschäftigung, wenn sie nur zugreifen wollen. Es gibt so manchen Beruf, in dem weibliche Kräfte nötig wären — Doktoren in erster Linie; Manche freilich würden sich nie und nimmer dazu verstehen, dem Wohle der Gesammtheit die eigene Bequemlichkeit zu opfern. Der Lauheit begegnet man gar häufig — — und dann dürfen wir nicht an den Ausschuß vergessen, jene Armen nämlich, die mit irgend welchen Gebrechen behaftet sind, und deren Kräfte einer angestrengten Arbeit nicht Stand halten, die wirklich nicht können.“
„Nun, und die Vorteile der Selbstständigkeit?“
„Vor Allem, daß wir nicht auf das Heiraten „angewiesen“ sind. Die Ehe wird dann nicht mehr als „Versorgung“ betrachtet werden, sondern sie kehrt zu ihrer ursprünglich schönen Bestimmung zurück, dem Gipfelpunkt der Liebe. Keine Convenienz-Ehen mehr, keine kleinlichen, unwürdigen Intriguen.“
„Eigentlich ist’s merkwürdig, daß man so spät auf diese Idee verfiel.“
„Du hast einfach früher nicht davon gehört. Die ersten Anfänge datieren weit zurück und heute schreitet die Frauenbewegung mit Riesenschritten vorwärts. Mit einem Male geht es natürlich nicht. Große Dinge, weltgeschichtliche Entwickelungsphasen bereiten sich in der Regel langsam vor, aber einmal in Gang gebracht, gibt es keinen Stillstand mehr.
„Im grauen Altertume wurde dem Weibe eingeprägt: „Du hast Dich als Dienerin Deines Herrn zu betrachten“, mußt eifrig auf sein Wohl bedacht sein, seine Launen geduldig ertragen, seine Wünsche erfüllen. Erkühne Dich ja nicht, einen eigenen Willen zu haben, oder gar dem Mann zu folgen, wenn er sich auf Adlerfittigen in geistige Höhen, in die Sphären der Gedankenwelt erhebt. — So, in dieser sklavenhaften Befangenheit, stellen sie auch die Gemälde der damaligen Zeit dar. Mit Rosen bekränzt sie die Stirne des Gebieters, der träge hingestreckt, auf schwellendem Pfühle ruht, und reicht ihm knieend die Schale mit dem Weine. Oder, später noch, sitzt sie am Spinnrocken und webt den Stoff seiner Gewänder, und bringt ihm Schild und Speer, wenn er hinauszieht in die blutige Schlacht.
„Heutzutage steht die Frau auf höherer Stufe — nicht mehr Magd, sondern Gefährtin des Mannes. „Ein Herz und eine Seele“, fügte sie träumerisch hinzu. — — Wem dieses schöne große Glück des Zusammenwirkens versagt bleibt, der findet einen teilweisen Ersatz nur — in der Arbeit. Sie allein hat mich gestützt, mich wieder zufrieden gemacht. Ein dorniger Weg im Beginn, doch so verlockend, so reichlich lohnend. — —
„Wenn man sich resigniert und mit der Liebe abgeschlossen hat, findet man den größten Trost in der Pflichterfüllung. — Das Leben liegt noch vor Dir, mein Kind, und doch frag’ ich Dich: „Willst Du meine Gefährtin sein, mit mir ziehen in den Krieg gegen unseren ärgsten Feind: „das Vorurteil?““
„Ja Tante, ich will.“
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In der Nacht war der erste Reif gefallen. Wie überzuckert starrten die Bäume zum Himmel, der grau in grau, an den Hintergrund eines Gemäldes im beliebten guache-genre erinnerte. Nur ein paar Hagebutten und braungefrorene Chrysantemen standen auf dem Parterre des Gartens.
Das war der Winter.
„Jetzt kann ich’s kaum begreifen, daß einmal der Flieder blühte und die Amsel sang. Es scheint mir eine Ewigkeit her und so unwahrscheinlich, daß diese Zeit je wieder kommen wird. — Die vielen Rosen — und die Leuchtkäfer.“
Ja und doch — die tausend schönen Sommerblumen, die sagen uns weniger als so ein Gräschen unter’m Schnee. „Da sieh, das hab’ ich heut gepflückt.“ Sie hielt mir ein armseliges, blasses Blättchen hin. „Was selten, was schwer zu erlangen ist, darnach strebt unser Sinn. Erst in der Gegenwart wissen wir die Vergangenheit zu schätzen.“
Robert unterbrach unsere Betrachtung. Er weilte infolge einer Verletzung, die er sich beim Reiten zugezogen, seit einigen Wochen in Sahning und sprach während dieser Zeit öfters bei uns vor.
Es war, als suche er neuerdings eine Annäherung, doch ich taxierte seine Gefühle richtig: „ein kleiner Intermezzo-Flirt“, so etwas um die Tage totzuschlagen.
„Zum Sterben langweilig, zu dieser Jahreszeit auf dem Lande“, versicherte er uns stets von Neuem. Man weiß nicht, was man anfangen soll. Mein einziges Vergnügen, die Jagd, ist mir jetzt auch verdorben, weil uns der S—jud die schönsten Streifen vor der Nase weggepachtet hat. „Jetzt schießen’s herum an der Grenz, der Samuel und der Itzig, und wie se sonst noch Alle heißen, die noblen Herren“, parodierte er in höchster Wut. Dann schüttelte er sich: „Brr, ein Graus, ein Skandal! Wenn ich was zu sagen hätt’, Alle peitschert’ ich sie hinaus aus dem Land, Alle; nicht einen einzigen würd’ ich dulden. Es ist schon das zu viel. Über den Haufen schießen sollt’ man das grausliche Gesindel.“
„Das sind ja recht humane Ansichten. Bei uns darfst Du jedenfalls nicht auf Verständnis rechnen.“
„So? Das wundert mich, speciell in diesem Falle. Jeder Cavalier denkt heutzutage so — muß so denken.“
„Es kommt eben darauf an, was Du unter „Cavalier“ verstehst.“
„No erlaub’ mir. Meine Regimentskameraden zum Beispiel. Frag’ sie der Reihe nach. Sie werden Dir Geschichten erzählen, daß Dir die Haare zu Berg stehen. Namentlich die in den polnischen Garnisonen. Wie der Jud nach allen Seiten hin beschummelt, keinen christlichen Concurrenten aufkommen läßt, sich festsaugt wie ein Vampyr und Einen um den letzten Groschen bringt.“
„Lieber Robert, wenn man die Falle sieht, ist’s jedenfalls recht plump, hineinzugehen. Du bist ja nicht der Erste, der in diesem Sinne spricht. Solange der Jude Geld leiht, ist Alles schön und gut; wenn er aber auf der Rückgabe besteht, dann ist er Wucherer und Räuber.“
„Und findest Du es vielleicht keine Gemeinheit, wenn man die Zwangslage seines Nächsten in dieser Weise ausbeutet? Soll man sich das am Ende ruhig gefallen lassen?“
„Man soll eben rechtzeitig seine Vorsichtsmaßregeln treffen, und sich keine Gefälligkeiten von Leuten erweisen lassen, die man verachtet. Was das Übervorteilen anbelangt, so stimme ich Dir bei. Es ist nieder, gemein. Aber ehrlicher Weise mußt Du zugestehen, daß auch so mancher Christ betrügt, wenn er es unbemerkt anstellen kann. Hier zum Beispiel haben wir keinen einzigen Juden in der Gegend, und die Leute gehen doch auch zu Grunde — nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Hab und Gut den christlichen Sparkassen verschreiben.“ Und da Robert verlegen schwieg: „Du siehst also — das Generalisieren ist ein ganz falsches Princip. Es gibt gute und schlechte Menschen in allen Ständen, allen Nationen und Confessionen. Will man ein berechtigtes Urteil fällen, muß man sich persönlich überzeugen: das bloße Hörensagen führt in der Regel zu Trugschlüssen. — — — Und daß die Semiten manche gute Eigenschaft besitzen, die auch uns zur Ehre gereichen würde, kannst Du doch nicht leugnen. Es herrscht eine Eintracht, ein Geist der Zusammengehörigkeit unter ihnen, der gegenseitigen Verantwortung, möcht’ ich fast sagen, der rührend ist, und zu großen Taten führt. Wenn es sich darum handelt, einen der ihren aus Not und Elend zu befreien, den bedrängten Glaubensgenossen beizustehen, leisten sie fürstliche Beiträge. Während bei uns — —! Die humanitären Institutionen vermögen sich oft mit der größten Mühe kaum zu halten. Mit welch’ unerhörten Schwierigkeiten hat die „Rettungsgesellschaft“ zu kämpfen und welch’ schmachvolle Gleichgültigkeit erfuhr die „adelige Hochwacht“ von Seite der Standesgenossen? Jener Edelgesinnte, der die schöne Idee ins Leben rief, wartete vergeblich auf Unterstützung, und der Gram hierüber brachte ihn vorzeitig ins Grab.“
„Wir haben eben kein Geld. Alles gestohlen.“
„Beides unrichtig. Wieder eine Beschuldigung ohne triftigen Beweis. Einer sagt’s in unzurechnungsfähigem Zustand, und die Andern beten’s nach.“
„Geh’, geh’, Du bist ja eine Judenfreundin.“
„Eine Menschenfreundin ja, und bemüht, gerecht zu sein. Mir gilt nur der persönliche Wert.“
„Aber Du mußt doch zugeben, daß die semitische „Rasse“ — denn nur die, nicht die Religion kommt bei unserer Abneigung in Betracht — zahllose widerwärtige Eigenheiten hat. Sprache, Haltung, Blick, Gesichtsschnitt.“
„Das mag unangenehm berühren — meinethalben — man hat schon so seine Aversionen — ich mag’ wieder den gewissen semmelblonden Typus nicht — aber solcher Äußerlichkeiten halber werd’ ich die Leute nicht verfolgen und verleumden.“
„Du willst mich nicht verstehen. Übrigens, wenn Du so sprichst, wirst Du es Dir in unseren Kreisen gründlich verderben.“
„Das würde ich verschmerzen. Die Überzeugung vor Allem.“
Robert sah meine Tante sprachlos an. Er gehörte zu jenen Schwächlingen, deren Waffe hohle Phrasen, von der Mode, der herrschenden Strömung sanktioniert, einer gesunden Logik nicht Stand zu halten vermögen. Ließ man sich einschüchtern, verlor man die Geistesgegenwart, dann triumphierte er. Widerlegte man hingegen seine Argumente, trat man ihm mit Sicherheit entgegen, dann räumte er beschämt das Feld.
Und plötzlich überkam mich die Lust, auch eine Bemerkung zu machen, ihn in die Enge zu treiben.
„Wenn Dir Rothschild heute eine Million gäbe, was dann?“
„Das fällt ihm gerade ein.“
„Ich glaub’ es auch nicht. Aber gesetzt den Fall, was dann?“
Und da er mir die Antwort schuldig blieb: „Du würdest sie mit tiefem Bückling einstecken, und wenn es sein müßte, dem Juden die Hand küssen.“
„Na hörst Du, Du bist wirklich.“ —
„Ja oder nein? Du schweigst?“
„Was sagtest Du eigentlich?“ Er spielte den Begriffsstützigen. „Ich hab’ an ganz was Anderes gedacht.“
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Hannerl hatte sich in den letzten Jahren sehr zu ihrem Vorteil verändert und war eine allerliebste Zofe geworden. Sie hält nicht wenig auf ihr Äußeres, und stets „wie aus dem Schachterl“, richtet das hübsche Ding wahre Verheerungen unter der männlichen Dienerschaft an. Sie trägt vielleicht darum das Stumpfnäschen so hoch und findet es nur natürlich, daß man sie „Fräulein“ tituliert. — Und für Jeden hält sie eine schnippische Antwort bereit. Bisweilen klagt sie auch mit komisch-tragischer Geberde: „Ich hab’ kein Herz“.
Das schreckt indes den Jägerjung nicht ab. Fertel Amselzwitscher scheint seiner Sache sicher. Er wird sie doch erringen; er zweifelt nicht im Entferntesten daran: jedermann kann es lesen in seinem selbstbewußten Blick. Die Mädchen waren immer Alle hinter ihm drein gewesen, und daß gerade diese Eine ihm Widerstand leistet, reizt ihn. — Er, mit seinem „feschen Äußern“, seiner vornehmen Ausdrucksweise, würde sie sich schon gefügig machen. Er spricht das reinste Hochdeutsch und notiert sich jede eigenartige Satzwendung, die er irgendwo gelesen, um sie gelegentlich anzubringen.
„Jungfer Hannerl, beabsichtigen Sie, meine Geduld noch lange auf die Folter zu spannen?“
„Wissen’s, das ist eine Keckheit. Hab’ ich Ihnen vielleicht schon einmal was Dergleichen getan?“
„Unbewußt gewiß. Sie haben so gewissermaßen ein gefallsüchtiges Gesicht. Wie steht es mit Ihrem Naturell? Ich meine, sind Sie sehr, ‚schanschierend‘?“
„Was? Das versteh’ ich nicht.“
„Ob Sie Ihre Neigung häufig wechseln, oder ob Sie gewissermaßen verläßlich sind?“
„Daß ich in Sie nicht verliebt bin, darauf können sie sich ja verlassen. Überhaupt sind’s nicht bald fertig mit Ihrer Fragerei? Was wollen’s denn?“
„Das.“ Und kaum hatte sie sich’s versehen, umschlang er sie und drückte einen Kuß auf ihre frische Wange.
„Nein, so ein impertinenter Mensch!“ Sie war zuerst ganz starr, dann aber lächelte sie neckisch. Seine Kühnheit imponierte ihr: von nun an zeichnete sie ihn vor den Andern aus, und die Chancen des Gärtnergehilfen Florian sanken immer mehr. Im Gegensatz zu seinem zarten Namen, der ihn schon von vornherein zur Gärtnerei bestimmte, war er die plumpste, unappetitlichste Erscheinung, die man sich nur denken kann. Ein verschwollenes Gesicht, aus dem gelbe Elefanten-Äugerln schimmerten, und ein Paar enorme, purpurrote Tatzen. Unbeholfen in einer Art! Ein wahrhaft lächerlicher Anblick beim Piquiren und anderen Arbeiten, die Geschicklichkeit und leichten Griff erfordern. Aber verliebt bis über die Ohren.
Als er Jungfer Hanni zum erstenmal erblickt, sank er vor lauter Bewunderung so tief in die weiche Mistbeeterde, daß man meinte, er müsse Wurzel fassen, und starrte ihr so voll Entzücken nach, als hätt’ er eine Fee gewahrt.
Er nahte sich ihr schüchtern, in voller Ehrerbietung, und als sie scherzhalber seine Huldigung entgegennahm, ward er kühner. Er verehrte ihr eine Blumensprache, in der die auf seine Leidenschaft bezüglichen Verse rot angestrichen waren.
Jedes Wort aus ihrem Munde versetzte ihn in den siebenten Himmel, und wenn er sie nach Feierabend in der Bügelstube wußte, brachte er ihr die schönsten Ständchen.
„Hannerl, Hannerl, Mädchen ohne Gleichen,
Hannerl, lasse Dich erweichen,
Hannerl, Hannerl, höre doch mein Fleh’n,
Ich liebe Dich, erhöre mich,
Wenn nicht, müßt’ ich betrübt von dannen geh’n.“
Worauf von innen mit furchtbar falscher Stimme die ermunternde Aufforderung erklang:
„Um Dir nur zu gefallen,
Versteh’ ich mich zu Allem,
Ach komm, Geliebter, komm,
Ach komm, Geliebter, komm.“
Beseligt drückte Florian die Hände auf sein Herz. Sie hatte ihn ja kommen geheißen — endlich. Nun, er würde gewiß nicht zögern. Doch was war das, die Schnalle wollte nicht nachgeben, wie sehr er auch daran drückte: „Aber Freiln Hannerl, seiens so gut. Ich kann ja nicht herein.“ — Alles umsonst, kein Lebenszeichen.
Dann raschelte es ganz leise, Hannerls gestärktes Cattunkleid, und das schelmische Ding hielt sich die Hüften und lachte, bis ihr die Tränen über die Wangen rollten.
Er zog ein Briefchen aus der Tasche und schob es unter die Türspalte hinein. Er hatte es ihr schon früher einmal geben wollen, als sie ihn kühl behandelt.
„Hochwollgeborn Freilein Johanna Patschek.
Ich habe lange mein Herz aus dem Laibe gerissen und vor Ihren Füssen geleckt, — sie lachten auf mich u. ich klaube, Sie mögen mich nicht. Eine große betzweifflung für mich, daß das Frailein Johanna böse ist. Ich bin soeben trostlos u. möchte sterben, weil sie nix zu mir gesprochen, denn ich füll mich ganz undschuldig. Ich habe nichts gedahn und Ihnen niemals nie eine Witterede gegeben, und alles mit Freude gedahn, nur daß sie nicht bösse sind. Denn ein bösses Gesicht und nichts rehten, das duht mir Weh, darum bitte ich hochachtungsfohl und mit faltenden Händen nicht bösse sein
Ihr geliebter Florian.“
„Rosen, Tulpen, Nelken, alle diese Blumen welken,
Stahl und Eisen bricht, doch unsere Liebe endet, so hofe ich, nicht.
Sie sind mein einziger Trost, bitte, das werden sie woll einsehen.“
„Nein, so ein Narr“, entschied sie, als sie zu Ende gelesen. „Da Fertl“, und sie schob ihm den Brief hin, „was sagst denn Du dazu?“
„Curaschi muß man haben. Beim bloßen Anschmachten sieht sich nichts heraus. Wenn ich so delikat gewesen wäre — — à propos — wann machen wir denn Ernst?“
„Mußt Dich schon noch eine kleine Weil gedulden. Und jetzt geh, weil ich abräumen muß im ersten Stock.“
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Es gibt Leute, deren Gegenwart kalmierend wirkt, die Ruhe und Frieden bringen und wieder solche, bei denen man die Kampfeslust wittert und unwillkürlich selbst in Harnisch gerät.
Die Ankunft meines Vetters versetzte mich jedesmal in gereizte Stimmung. Nicht ein Punkt, in dem wir übereinstimmten, keine gemeinsame Empfindung, und bei der gänzlichen Verschiedenheit unserer Ansichten, entfremdeten wir uns immer mehr.
Tante Laura sah in unseren Discussionen eine gesunde Denkübung, denn nichts schärft den Verstand so sehr, als improvisierte Wortgefechte. Gewöhnlich war der Sieg auf meiner Seite, was ich mir in Anbetracht des Umstandes, daß Robert durchaus kein Kirchenlicht war, nicht sonderlich hoch anrechnete.
Momentan verbrachte er seine Zeit damit, die verschiedenen Stifte der Umgebung unsicher zu machen. Er wurde nicht müde die Gastfreundschaft und das wirklich charmante Entgegenkommen der Herren zu rühmen.
„Wir verstehen uns vortrefflich“, versicherte er uns ein über das anderemal, „und ich fühle mich wirklich ganz außerordentlich wohl in ihrer Gesellschaft.“
„Sind wohl auch Antisemiten?“ frug die Tante.
„Versteht sich — und wie.“
„Sonderbar und traurig.“ Und was sie jetzt sagte, erinnerte mich so lebhaft an ein Gespräch mit Vincenz, daß ich unwillkürlich seufzte. „Das sollen „Stützen“ der Kirche sein, die in ihrem Herzen dem Hasse Raum geben! Oder ist vielleicht irgendwo in der Schrift ein Commentar zu finden, in dem es heißt: „Natürlich nur den Nächsten im engeren Sinne?“ Nein so kleinliche Unterschiede hat Christus nicht gehabt. Sein edles Herz schloß Keinen aus: es schlug und blutete für Alle. „Liebe, Nachsicht und Vergeben.“ Und statt stolz zu sein auf ihren Meister, in seinem Sinn zu predigen, verzerren, verstümmeln sie seine Lehre bis zur Unkenntlichkeit.“
„Aber bitt’ Dich, Tante, wer wird denn gleich Alles so tragisch auffassen“, unterbrach sie Robert gelangweilt. Sie aber ließ sich nicht beirren und fuhr fort:
„Geht schön des Sonntags in die Kirche, beobachtet die Fasten, aber wenn Euch Euer Bruder nicht zu Gesichte steht, dann beschimpft, verleumdet ihn.“ Fühlst Du den Widersinn? — — — Die Perle, die man Solchen zuwirft, die ihren Wert nicht verstehen. Pfui über die Augendienerei. Die Messe lesen, Sakramente austeilen — — Trinkgelage feiern, bis man alle Selbstbeherrschung verliert, und den häßlichsten Lastern fröhnen. Wem spielen sie eigentlich die Comödie vor? Das Volk hat gar gute Augen, ist auch nicht so einfältig, wie es sich ausgibt. Es beobachtet und findet schließlich, daß es nicht nötig habe „heiliger zu sein, wie die Pfaffen.““
„Was hast Du denn gegen die armen Geistlichen? Ich kann Dich versichern, daß Du ihnen sehr Unrecht tust. Du solltest einmal mitkommen. Eine Gemütlichkeit, sag’ ich Dir! Immer großartige Diners, die besten Weine, — kurz ein Leben wie der Herrgott in Frankreich. Immer guter Dinge, kreuzfidel. Geh’ komm, Tante — Mimi“, an mich gewandt — „nicht wahr, es wäre fesch? Du hast doch Lust?“
„Nein: dafür bin ich nicht zu haben.“
„So, so?“ In seinen Zügen spiegelte sich eine Verblüffung wieder, die das unbedeutende Gesicht nicht gerade geistreicher erscheinen ließ.
„Schade!“ Und mit bedeutungsvollem Blick zu mir: „Daß wir so verschiedenen Geschmack haben müssen! Ich fühle mich, wie gesagt, ganz zu Hause unter den Herren — und mir ist sogar schon die Idee gekommen, selbst Geistlicher zu werden.“
„Weshalb denn das?“
„Weil mir schon Alles Andere zu fad ist. Eine Hundeexistenz.“
„Und das fändest Du einen hinreichenden Grund?“
„Dann brauch’ ich mich wenigstens nicht mehr abzurackern um die paar Gulden Gage, brauch’ mich um nichts mehr zu kümmern.“
„Hast Du Deinen Ehrgeiz zu dienen, so plötzlich auf den Nagel gehängt?“
„Offen gestanden, ja. Schaut nichts dabei heraus. Laues Avancement. Das haben wir vom Frieden.“
„Ja, ein Krieg wär’ freilich äußerst wünschenswert“, unterbrach ihn Tante Laura ironisch, „und zwar schon in allernächster Zeit, damit Baron Robert Steindorf zu seinem zweiten Sterne kommt.“
„Nicht nur deshalb. Ich spür’s aber, ich bedarf der Anregung, der Begeisterung, sonst verkomme ich. Ein Ereignis, etwas Besonderes. Ein Nervenkitzel.“
„Du weißt eben nicht zu beurteilen, was die Ruhe wert ist. Du bist noch sehr kindisch, lieber Robert.“
In seiner Eitelkeit tief verletzt und innerlich wütend, weil er kein Wort der Entgegnung fand, verließ er uns.
Nachdem er gegangen, saßen wir noch eine Weile schweigend vor dem Kamin, vertieft in den Anblick der roten Feuerschlangen, die gierig an den massiven Buchenscheitern leckten, daß es prasselte und knallte.
„Der wird kein gutes Ende nehmen“, sagte die Tante seufzend. „Heutzutage bedarf es eines anderen Empfehlungsbriefes, als eines alten Wappenschildes. — — Übrigens bei ihm ist das Standesbewußtsein noch ein relatives Glück, sonst sänke er immer tiefer. Ein bedauernswerter Mensch, der wie mit Gewalt immer nur die Schattenseiten der Dinge aufstöbert, immer unzufrieden, unglücklich.“
„Ich kann mir eigentlich gar nicht denken, daß es Menschen gibt, die den Krieg wollen.“
„O doch, es gibt schon solche Egoisten, die ihn aus rein persönlichen Gründen wünschen. Daß der Krieg ein Unglück, ein Verbrechen ist, daran zweifelt heutzutage kein vernünftiger, rechtlich denkender Mensch mehr, — wohl aber daran, daß man ihn abschaffen kann.“
„Ja, aber dann müßte es überhaupt keinen Fortschritt geben.“
„Ganz richtig. Dann würden wir jetzt noch Höhlenbewohner und Menschenfresser sein.“
Roberts Kopf zeigte sich wieder in der Türe. Er schien seinen Ärger verwunden zu haben und frug, um was für schreckliche Dinge es sich handle — er habe etwas von Menschenfressern gehört.
„Wir reden gerade davon“, erwiderte die Tante, „daß mit fortschreitender Civilisation die rohen Urzustände weichen müssen, und dazu gehört der Krieg.“
„Natürlich“, versetzte er spöttisch.
„Eigentlich würde es mich interessieren zu hören, wie ein Marsanbeter — denn das bist Du ja, — die Unvermeidlichkeit des Krieges motiviert.“
„Die liegt doch auf der Hand.“ Tante Laura blinzelte mir verständnisvoll zu, und er fuhr fort: „Unsere ganze Existenz ist auf den Kampf begründet. Das Eine frißt das Andere auf. So war es seit jeher und so wird es immer sein.“
„Ja, der Kampf ums Dasein ist Naturgesetz und kann in mancher Beziehung ein Ansporn zum Guten sein. In seiner ursprünglichen brutalen Bedeutung aber kann er sich jedenfalls nur auf die Geschöpfe niederer Gattung beziehen. Gerade Ihr Strenggläubigen, die Ihr Euch soviel zugute tut auf Euere Vernunft, müßtet Euch doch scheuen, auf eine Stufe mit dem Tiere gestellt zu werden, das zur einzigen Triebfeder seiner Handlung den Instinkt hat. Und selbst die wilden Tiere lassen sich zähmen. Weshalb sollten wir die Bestie in unserem Innern nicht zum Schweigen bringen? Und dann, auch die Gesetze ändern sich nach der Zeit; die Menschen von heute haben ganz andere Bedürfnisse als die von früher. Die Vorschriften, die vor tausend Jahren am Platze waren, taugen jetzt nicht mehr: man ändert und regelt ja fortwährend daran. Was noch im Mittelalter als Heldentat gegolten, was die Raubritter so berühmt gemacht, der Sieg des Stärkeren, das Faustrecht, das ist nun ebenfalls verpönt.“
„O das waren himmlische Zeiten! Ich bin entschieden um ein paar Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen.“
„Hättest wohl auch gerne Heldentaten in dieser Art vollbracht?“
„Natürlich.“
„Also Du verteidigst den Mord an und für sich.“
„An und für sich — nein. — Aber ich verstehe nicht recht, wo Du hinaus willst“, versetzte er unsicher.
„Du weißt’s recht gut. Das fünfte Gebot lautet: „Du sollst nicht töten.“ Es ist also Sünde.“
„Ja, ja — das heißt im Allgemeinen.“
„Aha, ein Hinterpförtchen. Doch bleiben wir beim Gegenstand. Der vorsätzliche Totschlag ist Sünde und zwar vom religiösen und rein menschlichen Standpunkt. Der Körper ist der Sitz der Seele, die Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Dem Schöpfer allein steht das Recht zu, sein Werk zu vernichten, so hält Ihr es doch für richtig, nicht wahr?“
„Ja, das schon, aber —“
„Bitte laß mich vollenden. Dann bin ich bereit, Deine Einwendung zu hören. Kommt ihm also ein Anderer zuvor, ist er ein Frevler, ein Verbrecher und wird dem Gerichte ausgeliefert. Dann sitzen sie beisammen im Namen der Gerechtigkeit und sind ganz Entrüstung und Staunen, wie es nur möglich ist, daß ein Mensch genug Rohheit besitzt, um seinem Mitbruder das höchste Gut zu rauben. Es hat bisher noch Niemand zu behaupten gewagt, der Mord sei kein „Verbrechen“. Für Jenen, der ihn begeht, gibt es nur wenige Milderungsgründe: Zwingende Not, Geistesstörung im Moment der schrecklichen That, oder wenn die Umstände diese Vermutung ausschließen, böses Beispiel, mangelhafte Erziehung. Man könnte freilich auch behaupten, — nach Deiner Auffassung wenigstens — daß der böse Instinkt, seine eigentliche Natur den Menschen dazu treiben — von dieser Eventualität aber sehen die Richter gänzlich ab. Sie sagen auch niemals: „Ja, was ist da zu machen, es hat immer Morde gegeben und daher wird es immer so bleiben.“ Der Mann, der seine Hände mit Blut besudelt, ist ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener, der Grauen und Abscheu — oder doch wenigstens tiefes Mitleid einflößt. — Das Leben des Einzelnen ist geheiligt: die Massen jedoch sind nur gut genug, um einem Wahne geopfert zu werden.“
Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Im Kriege ist der Mörder „Sieger“ und wird in dem Maße gefeiert, als er dem Feinde schonungslos begegnet. Er wird mit Ehren überhäuft, gelangt zu Ansehen und auch oft zu Reichtum, und wenn er auch schon lange unter der Erde modert, so lebt doch die Erinnerung an ihn fort. Sein Name steht mit Goldlettern verzeichnet in den Annalen der Geschichte, als eines Großen, Ruhmeswerten. Der Lehrer schildert in beredten Worten seine Heldentaten und weckt im andächtig lauschenden Knaben Sehnsucht nach ähnlichen Werken, glühende Bewunderung für den Unsterblichen. Im kleinen Herzen keimt, künstlich großgezogen, die Giftblume des Hasses gegen Feinde — von denen es sich nur eine vage Vorstellung macht. Und statt daß Seele und Verstand des jungen Wesens sich das Gleichgewicht halten, wird dieser mit unnützem Tande angefüllt, während jene verkümmert. — Es weiß genauen Bescheid über den achten Glaubensartikel und kann eine perfekte Erklärung des Parallelopipedons geben, und wenn man es fragt, warum Karl der Große und Napoleon große Helden waren, wird es erwidern: „Der Eine hat 4000 Sachsen den Kopf abhauen und ganze Heidenstämme gewaltsam taufen lassen, und Napoleon hat in sechs Schlachten gesiegt.“ Soldatenspielen, mit Gewehren hantieren, das ist ihre Lieblingsbeschäftigung, und die Mädchen umgeben in reger Fantasie den Vaterlandsverteidiger mit einer Aureole: Dereinst die Frau eines Officiers zu werden, das schwebt ihnen als Ideal vor. — Das tut dieselbe Erziehung“, fügte sie halblaut hinzu, „die beim Einzelmörder als Entschuldigung angeführt wird. Welche Logik.“
„Aber Tante, Du wirst doch einen Unterschied machen zwischen einem Schenk und einem Radetzky. Und dann, Gott selbst erlaubt, will den Krieg. Es heißt ja doch im Katechismus: „Zur Verteidigung des Vaterlandes.““
„Wenn’s Euch genehm ist, laßt Ihr immer Euern Gott aufmarschieren. „Du sollst nicht töten“, heißt’s im Dekalog ganz klar und deutlich, in voller Übereinstimmung mit den Geboten der Moral. Und im neuen Testament? Kannst Du mir etwa eine Stelle citieren, in der Christus den Krieg gutheißt?“
Robert betrachtete angelegentlich die Spitzen seiner Stiefel. „Momentan fällt mir gerade nichts ein.“
„Das begreife ich: weil ein solcher Passus überhaupt nicht existiert. Soweit der göttliche Standpunkt. Aber ich denke, auch ohne göttliche und weltliche Gesetze müßte uns das angeborene Menschlichkeitsgefühl abhalten, eine ausgesprochen schlechte Tat zu begehen. Das Gute ist ja an und für sich ein Gesetz; in unseren Herzen soll es eingegraben stehen; dann brauchen wir nicht in Folianten nachzuschlagen, den Katechismus zu befragen. Gut bleibt gut, da hilft kein Zurechtstutzen und Mystificieren. Es ist etwas so Häßliches um die gewollte Zweideutigkeit, um die Politik in der Religion. Doch da sind wir vom eigentlichen Thema etwas abgekommen.“ Sie hielt einen Augenblick inne, wie um neue Kraft zu schöpfen, und begann dann von Neuem. „Du hältst also den Krieg für gerechtfertigt und unvermeidlich, weil die Existenz des Menschen auf Kampf beruht, weil die Kriege immer waren, weil Gott sie gutheißt. Diese Argumente erweisen sich aber sehr wenig stichhaltig, wie Du siehst, oder weißt Du mir vielleicht sonst noch etwas anzuführen, was für Deine Behauptung spricht?“
„Aber das ist ja das reine Examen, liebe Tante“, bemerkte Robert gezwungen lächelnd, plötzlich aber — es schien ihm eben eine gute Idee gekommen zu sein — nahm sein Gesicht einen triumphirenden Ausdruck an. „Weil die Menschen sich sonst zu sehr vermehren würden.“
„Da muß man also von Zeit zu Zeit eine kleine Jagd veranstalten. Ich denke, Ihr könntet das in aller Seelenruhe der Natur überlassen. Sie rafft durch Krankheit und andere Katastrophen fortwährend Tausende hinweg, ohne daß sie noch Euerer Hilfe bedarf. — Ihr tut ja rein, als ob Ihr angestellte Mordknechte wäret. Und dann, es gibt noch soviel übrigen Platz, noch so viel schöne Wildniß, die nur darauf wartet, urbar, dem Menschen untertan gemacht zu werden.“
„Zudem“, sagte Robert, „das Menschengeschlecht würde verweichlichen, degeneriren, wenn es keine Gelegenheit fände, seinen Mut zu erproben.“
„Vergleichen wir die Jetztzeit mit dem Altertum. Obwohl die Kriege bedeutend seltener geworden, sind wir in geistiger Beziehung entschieden vorgeschritten, durchaus nicht degeneriert. Und sieh’ Dir nur einmal die friedliebendste aller Nationen an, die Engländer, was für starke, markige Gestalten. Von persönlicher Tapferkeit kann überdies nicht mehr die Rede sein. Heute entscheidet nur mehr der blinde Zufall. Das ist das Verdienst der unglaublich raffinierten Waffentechnik. — Wenn Dir heute Einer sagte: „Stell’ Dich daher, denn ich sprenge Dich mit einer Bombe in die Luft“, wirst Du Dich sicher gegen diese Zumutung wehren, nicht?“ —
„Gewiß, das hätte ja keinen Sinn, für nichts und wieder nichts.“
„Das ist’s, was ich hören wollte. Und wofür setzest Du im Kriege Dein Leben ein?“
„Ja erlaube mir, da sind doch wichtige Interessen im Spiel. Die Aufrechterhaltung der Dynastie, die — das heißt gewöhnlich die Verteidigung.“
„Ja, aber wenn Alle sich verteidigen — das behauptet nämlich ein Jeder von sich — wer greift dann an? — Du siehst, ein Hirngespinnst, dem zuliebe wir solche Unmassen an Geld und Arbeitskraft opfern.“
„Man muß aber doch vorbereitet sein.“
„Daran liegt es eben. Immer dieses Mißtrauen.“
„Was sollen wir denn tun? Abrüsten vielleicht und warten, daß uns der Feind aus dem Lande jagt? Verzeih’, liebe Tante, Du meinst es ja gewiß recht gut, und es paßt auch viel besser für eine Frau, mitleidig als grausam zu sein — aber Du urteilst da über Dinge, die wir Männer naturgemäß besser verstehen.“
„Und doch gibt es manche Frauen, die viel vernünftiger und klüger sind, als manche Männer“, konnte ich mich nun nicht enthalten, zu bemerken.
Jetzt hielt er es für geraten, einzulenken. „Du nimmst mir immer Alles übel. — Wie denkst Du es Dir eigentlich möglich, den Krieg abzuschaffen?“
„Ich denke, daß sich durch guten Willen und festes Zusammenhalten Alles erreichen ließe.“
„Aber praktisch durchgeführt?“
„Hast Du noch nie etwas von der Friedensbewegung gehört?“ erwiderte mit bewunderungswürdiger Geduld an meiner Statt die Tante. „Sie strebt die Vereinigung aller europäischen Völker zu einem einzigen großen Bunde an, und an Stelle des Krieges soll ein permanentes Schiedsgericht treten, durch das allfällige Streitigkeiten auf unblutigem Wege ausgetragen werden.“
„Aber die Menschen werden sich nie einem solchen Urteil fügen, wenn es sich um eine Existenzfrage handelt.“
„Die Einzelnen wollen ja gar nicht den Krieg.“
„Aber sie gehen doch.“
„Weil sie eben nicht gefragt werden. Und zudem wenden die paar Schreier, denen es daran liegt, ihre selbstischen Zwecke zu erreichen, alle nur möglichen Mittel an, um die Menge zu betören, sie ihres gesunden Urteils zu berauben. Eine Art Hypnose, diese ansteckende plötzliche Begeisterung. Die Meisten sind Herdentiere, die hinter dem Leithammel dreinfolgen.“
„Nun eben. Da siehst Du’s ja selbst. So werden sie es immer machen.“
„Bis ihr Selbstgefühl, ihr „Menschenbewußtsein“ stark genug ist, sie vor solcher Torheit zu schützen. Und das zu heben, daran sollen wir nach Kräften arbeiten. Und heute ist schon ein großer Schritt vorwärts getan. Ich zweifle gar nicht an dem Erfolge der Friedensbestrebungen.“
„Und Du glaubst wirklich, das Du das erleben wirst.“
„Es könnte wohl sein, aber wahrscheinlich ist es nicht. Die Verwirklichung jedes großen Gedankens erfordert Zeit, viel Zeit. Unser Auge verträgt kein zu grelles Licht, es muß sich erst langsam daran gewöhnen. Jede neue Lehre, jede große Idee hat im Beginn mit Hindernissen zu kämpfen.“
„Ja, also dann“ — —
„Begreifst Du nicht, daß man sich für solch’ ein Ding erwärmen kann.“
„Offen gestanden nein. Wenn man so gar nichts davon hat.“
„Wenn man immer nur arbeiten wollte, des Lohnes halber! In einem normalen Menschen wohnt der Drang, etwas zu leisten, ein klein wenig zum Wohle der Gesammtheit beizutragen. Eine innere Stimme sagt uns: „Du mußt“, und dann können wir einfach nicht anders. — Hätten unsere Vorfahren so gedacht, dann stünden heute nicht die vielen herrlichen Bäume im Garten, dann gäbe es nur Haideland und keine Wälder.“
„Ja — das schon“, sah sich Robert nun gezwungen, beizupflichten. „Die Idee vom Schiedsgericht ist auch jedenfalls gut ausgedacht, genial, aber — hm“, und er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Was aber?“
„Undurchführbar.“
Wir schwiegen Beide, da wir einsahen, daß ein weiteres Wort die Mühe nicht gelohnt hätte. Mit welch’ impertinenter Überlegenheit er es gesagt, das: „Undurchführbar!“
**
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Tante Laura und ich, wir standen ziemlich allein da mit unseren Ansichten und vermieden es, darüber zu sprechen. Großpapa stack bis über den Ohren in den alten Traditionen und fand an jeder Neuerung etwas auszusetzen. In gewisser Beziehung erinnerte er an Robert, nur besaß er mehr Liebenswürdigkeit wie dieser und eine durch nichts zu trübende Heiterkeit. Er führte stets das große Wort und war genau informiert über die Vorgänge in der Welt. Aus einer Art Pflichtgefühl ließ er sich täglich die Zeitung vorlesen, denn im Grunde ärgerte er sich mehr dabei, als er sich freute. „Ich sag’s ja immer, die neue Schule. Das sind die Resultate“, wenn ein Liebespärchen sich aus dem Staub gemacht, oder: „die Herren Socialdemokraten“, das kommt davon, wenn man den Leuten solche Dummheiten in den Kopf setzt.“
„Die Socialdemokraten sind“, hub Don an — —
„Na ja, Sie sind ja selber Einer, Sie Chineser.“
„Weil der Herr Baron immer glauben, nur früher war Alles gut“, stieß er lachend hervor. Diese kleinen Dispute waren seine einzige Unterhaltung. „Früher sind die jungen Leute auch schon miteinander durchgegangen. Vide „Conradine Romana.““
„A so. No ja, sie hat’s aber auch büßen müssen. Oder haben wir nicht neulich in der Urkunde von 1746 gelesen, daß die Maria Teresia sie einfangen und ins Kloster sperren ließ?“
Dieses Gespräch bezog sich auf eine Steindorf, deren Portrait im Speisesaale hieng. Ein hübsches Gesichtchen, dem der Schelm aus den Augen sah. Mir hatte es immer den Eindruck gemacht, als sei der steife Seidenstoff zu schwer für diese frische, rosige Jugend, als strebe sie, heraus zu schlüpfen und als wollten die übermütigen, krausen Löckchen nichts wissen von einer regelrechten Frisur. Und so war es in der Tat. Das siebzehnjährige Mädchen war sterblich verliebt in ihren Vetter, und da der Vater nichts wissen wollte, und sie nur umso strenger überwachen ließ, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Die kurzsichtige Erzieherin ahnte nicht, daß sie den Abendsegen über einen verkleideten Haubenstock gesprochen, und als sie am nächsten Morgen ihren Irrtum entdeckte, war das edle Fräulein über alle Berge.
Großmama mengte sich niemals in politische Gespräche, dennoch war es nicht zu verkennen, daß auch sie die jetzigen Zustände nicht billigte, und die Zeiten vorzog, wo Robbot und Zehent an der Tagesordnung war, und die „Herrschaft“ noch etwas galt. Und Großpapa stimmte ihr bei.
„Ich weiß mich noch ganz genau zu erinnern, wie ein jeder Bauer seinen Tribut gebracht hat. Der Getreideboden, der Keller sind das ganze Jahr nicht leer geworden. Und in unserer Gegend hat es einen berühmt guten Wein gegeben. Stark wie der Teufel und moussierend wie Champagner. Da hat die Mama einmal einen kleinen Tampus bekommen. Als junges Fräulein hat sie nämlich nie einen Tropfen getrunken.“
Er sucht mühsam die Bissen auf dem Teller zusammen, wobei gewöhnlich die Hälfte zurückfällt. Großmama hackt so energisch darin herum, um ihm die Stücke zurecht zu schieben, als wäre das Fleisch ein Walfisch, und die Gabel eine Harpune. „Geh’ lieber Ferdinand, so nimm’ Dich doch ein wenig zusammen. Es ist ja eine Schande, wie Du ißt.“
„Du darfst nicht vergessen, daß ich blind bin“, erwidert er ruhig.
„Ich weiß schon, aber wenn Andere es können. Der König von Portugal, der war ja auch stockblind, und wenn ich nehme, wie der appetitlich aß!“
Don für sich: „Der König von Portugal, der ist mir ganz egal.“
„Aha hörst Du was der Don sagt. Ich find’, der Mensch ist schrecklich keck.“
„Wenn Du den Don nicht hättest! Nicht wahr, Fellner“, fuhr sie zum Gesellschafter gewandt fort, „ich weiß wirklich nicht, was mein Mann ohne Sie anfangen würde.“
Don tut solches Lob sehr wohl. Er verlangt ja nichts, als dieses bischen Anerkennung. Überhaupt ein anspruchloses, kindliches Gemüt. Er fühlt sich wohl, trotz seines Automatenlebens. Mich aber ergreift bisweilen etwas wie Mitleid, wenn ich ihn betrachte. Nicht, daß er einen überarbeiteten Eindruck macht! Nein, wahrlich nicht. Sein rundes, gerötetes Gesicht, und die über das Maß behäbige Gestalt erinnern vielmehr an die lustigen Mönche auf den Grütznerbildern. Es kommt daher, weil er fast keine Bewegung macht und seinen Teller stets bis an den Rand füllt. Vom Morgen bis Abend muß er trockene Geschäftsdiktate schreiben, aus alten Urkunden vorlesen, förmlich Verzicht leisten auf seine Individualität. Für solche Menschen wird das selbstständige Denken Luxussache, sie gestatten es sich nur in den seltensten Fällen, gewöhnen es sich schließlich ganz ab und leben dahin, wie das liebe Tier.
„Na ja natürlich. Es ist immer Alles recht, was Dein lieber Fellner tut“, versetzt Großpapa in eifersüchtigem Ton.
„Es ist schon gut. Jetzt ein bissel ruhig sein, lieber Ferdinand, sonst überzuckst Du Dich.“
„Du hast aber viel an mir auszusetzen. Früher, da hast Du immer nur die guten Seiten gesehen.“
„Du warst aber auch ganz anders. Aussehen und Manieren wie ein Prinz“, versicherte sie mir.
„Natürlich, man wird alt.“ Und dann intoniert er mit zitternder Stimme die schöne schwermütige Melodie aus dem „goldenen Kreuz“: „Jenun, man trägt, was man nicht ändern kann.“ Ja, das waren Zeiten damals. Soll ich Euch erzählen, wie ich die Mama kennen lernte? Und trotz einstimmigen Protestes beginnt er die Geschichte von Neuem:
„Ich habe mit ihrem Bruder am Gymnasium studiert. Wir waren sehr gut miteinander und er hat mich im Hause meiner nachmaligen Schwiegereltern aufgeführt. Constanze saß am Fenster neben ihrer Mutter und arbeitete an einer Stickerei. Damals haben die Damen Locken getragen, und ich schwärmte seit jeher für blondes Haar. Und sie hat so herrliches gold-blondes Haar gehabt, — eine Locke, die ihr bis unter die Taille hieng. Sie sehen und mich verlieben war eins. Mein Vater war ganz wild, weil ich ihm erklärte, daß ich bereits meine Wahl getroffen hatte. Die oder Keine. „Dummer Bub“ hat er gesagt, „lern’ Du lieber. Mit dem Heiraten hat es schon noch Zeit.“
„Das glaub’ ich“, mengte sich Don höchst respektswidrig ins Gespräch. „Der Herr Baron sind ja noch vor der Schultafel gestanden.“
Großmama, die sich zuerst ablehnend verhalten, lächelte nun doch etwas geschmeichelt, und er fährt fort:
„Vier Jahre, sage vier Jahre — beinahe so wie der Jakob um Rebekka, hab’ ich um die Mama geworben. Und weil mein Vater sah, daß ich meinem Entschlusse treu blieb, gab er nach. Aber er sekierte mich in einemfort und sagte: „Geh’ bild’ Dir nur ja nichts ein: die Constanze mag Dich ja gar nicht.“ Die Mama wollte mir nämlich nie öffentlich einen Kuß geben, aus übertriebenem Schicklichkeitsgefühl. Schließlich mußte er seine Vermutung doch aufgeben.“
„Genug, genug, lieber Ferdinand,“ bestimmte Großmama, doch diesmal fügte er sich ihrem Wunsche nicht: „O nein Mylady: jetzt kommt gerade das Piquante.“
„Schämst Du Dich denn nicht, vor dem Kind?“ Ich war nämlich noch immer das Kind.
„Nein, gar nicht. Es war bei einem Spaziergang. Die Eltern giengen ein Stück voraus und ich schlich zu Constanze, die etwas im Zimmer vergessen hatte. Wir benutzen die Gelegenheit, und wie wir mit einander schnäbeln, steht plötzlich mein Vater vor dem Fenster und ruft in seiner ungenierten Art herein: „Ah, da schaut’s nur einmal her: Tut’ immer als ob’s nicht Drei zählen könnt’ und laßt sich dann von ihm abbusseln.“ — Wie die Mama erschrocken und verlegen war! Ganz feuerrot. Geweint hat sie vor Verzweiflung. Gelt Mylady?“ und er tastet nach ihrer Hand.
Um Ruhe zu haben, reicht sie ihm die Fingerspitzen und während er sie an seine Lippen führt, murmelt sie, den Blick himmelwärts gerichtet, als riefe sie unhörbare Zeugen an: „Nein — nein diese Fadheiten.“
Und Tante Nilla rümpft die Nase und ißt stillschweigend weiter. Sie spricht jetzt womöglich noch weniger als früher. — Man sieht und hört sehr wenig von ihr. Nur wenn die Turmuhr Mittag verkündet, tritt sie in einen dicken Mantel gehüllt, das Gesicht mit einem Schleier so vermummt, daß man gar nichts von ihren Zügen sieht, auf die Terrasse. In der einen Hand trägt sie einen Marktkorb, in der anderen eine enorme Gießkanne. Rechts und links von Hunden in einer abenteuerlichen Uniform — marineblau mit grauen Borten — flankiert, so findet sie sich bei ihren Schützlingen ein.
An einer entlegenen Stelle des Gartens ragt eine stattliche Colonie empor, an der beständig hinzugefügt, vergrößert wird. Nie haben altersschwache Eichkätzchen, flügellahme, hinkende Krähen eine fürsorglichere Pflegerin, ein comfortableres Heim besessen.
Und hier taucht die schweigsame Tante auf. Sie spricht mit diesen stummen Geschöpfen, als wenn es ihresgleichen, vernünftige Wesen wären, und legt eine Zärtlichkeit in ihre Stimme, wie sie nur weichen Gemütern eigen ist. Sie tadelt und lobt, streichelt sie, und lacht fast übermütig auf, wenn Eines oder das Andere Allotria treibt. Es ist nicht mehr dieselbe, etwas düstere Erscheinung, wie wenn sie unter Menschen weilt. Nichts von jener unnahbaren Haltung, die von vornherein jedes herzliche Verhältnis ausschließt.
Und es ist, als ob die Tiere sie verständen. Jedes kennt seinen Namen und niemals meldet sich ein falscher. „Nirps!“ und der Doyen der Krähen, ein einäugiger, ziemlich zerzupfter Gesell kommt herangetänzelt und dienert vor ihr, oder „Stutzl“, das Eichhörnchen mit dem angeschossenen Bein versucht einen Purzelbaum zu schlagen. — Im Großen und Ganzen eine traurige Gesellschaft. Mir tut ihr Anblick weh.
Ich blicke mit einer Art Staunen zur Tante hinüber: sie ist eine von Jenen, aus denen man nicht klug wird. Vielleicht war ihr einmal Böses widerfahren und der alte Groll lebt in ihr fort und macht sie fühllos den Menschen gegenüber. Wer weiß! Ich hätte etwas darum gegeben, dieses Problem zu lösen, doch es gelang mir nie. Tante Nilla wußte ihre Persönlichkeit und alles was damit zusammenhieng, in das undurchdringlichste Dunkel zu hüllen. Sie war und ist mir immer ein Rätsel geblieben. Ihre Liebe zu den Tieren bildete sozusagen das einzige Bindeglied zwischen uns. Denn auch ich schwärmte für so etwas Kleines, Vierbeiniges, das wir im Garten hatten, ein junges Reh. Es ist eine Waise und — namenlos.
Wir nennen ihn nur: „Er.“ — Das sagt aber auch Alles. Er ist eines jener bevorzugten Wesen, die sich die Herzen Aller im Flug erobern, ohne selbst etwas dazu zu tun. „Er“ ist, „er“ existiert und das genügt vollkommen, dadurch erfüllt „er“ seine Pflicht. Nicht, daß er sich etwa keiner äußeren Vorzüge rühmen darf: ganz im Gegenteil, er ist in Allem und Jedem der comble der Vollkommenheit. Welche Anmut, welch’ hinreißende Grazie er besitzt, das hält nur Jener für möglich, der ihn selbst gesehen. In seiner Haltung, dem stolzen Tragen des Kopfes, dem leicht gewiegten Gang liegt eine Poesie ohnegleichen. Er hat eine Art und Weise, Einen anzublicken, die wie Sonnenschein ins Innere dringt; im feuchten Glanz der großen dunklen Augen liegt etwas, das zum Guten mahnt, und einem Jünger Apoll’s die lieblichen Worte entlockte.
„Hat diese Welt als einz’gen Lohn
Für mein Bemühen, Spott und Hohn,
Kann nichts mein Herz so tief erquicken,
Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“
Und er war tatsächlich im Zeichen der Poesie geboren. „Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da war sein Lebenslichtlein aufgegangen.“ Im Waldesschatten, nahe dem murmelnden Bach, hatte seine Wiege gestanden; bemooster Boden, um den sich zartgrünes Brombeergestrüpp schlang, und dort habe ich „ihn“ gefunden.
Sein Vater hatte sich in Ermangelung jeden Sinnes für Familienpflichten auf und davon gemacht, und da „ihm“ ein tückisches Schicksal die natürliche Ernährerin von der Seite gerissen, stand „er“ allein und hilflos da, inmitten der weiten Welt.
Wie er zitterte in seinem Versteck und mit der weichen Sammetschnauze meine Lippen beschnupperte! Dann begehrte „er“ infolge einer optischen Täuschung stürmisch nach meinem Handschuh, den ich ihm auch bis auf Weiteres willig überließ.
Ich drückte das liebe kleine Ding mit dem gefleckten Fell zärtlich an mich, mit der Empfindung, einen Schatz gefunden zu haben. Aber mit zärtlichen Gefühlen allein nährt man kein monataltes Reh, und so hieß es denn, die materielle Seite in’s Auge zu fassen. Ich machte mich mit meiner leichten Bürde auf den Heimweg und sah der Zukunft frohgemut entgegen, denn die Adoption schien mir, wenigstens vorderhand, mit keinen unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden. Ein eingezäunter Platz der Obstwiese sollte sein neues Heim werden, und zur Wärterin bestellte ich mich selbst. Die Bedürfnisse meines kleinen Kostgängers waren recht bescheidene, und der Dank, mit dem er jede Aufmerksamkeit entgegennahm, verdoppelte die Freude, für ihn zu sorgen.
Wenn ich ihn in den Armen hielt und er heißhungrig die mit warmer Ziegenmilch gefüllte Saugflasche bearbeitete, bot sich mir Gelegenheit, ihn bis in’s Detail zu studieren, und ich gewahrte Schönheiten, die mir im ersten Augenblick entgangen waren. So weich und harmonisch war Alles an ihm, so rührend der Ausdruck des Köpfchens, mit den langen, aufgebogenen Wimpern und den seidigen Losern. Dann stellte ich ihn auf die Erde und er machte kleine, furchtsame Schritte, wobei er jedoch die übermäßig langen Beine mit einer Behutsamkeit und Grandezza voreinander setzte, als wäre er ein Tanzmeister in Lackschuhen. Er folgte mir auf Schritt und Tritt, benahm sich immer gut und würdevoll. — „Er“ ist zum Tagesgespräch geworden und es machte uns Spaß, ihn im Geiste in den verschiedensten Verkleidungen vor uns zu sehen. Bald stellten wir ihn uns als Troubadour vor, an der Mandoline zupfend, bald wieder im kleidsamen Rokokocostüm mit Zweispitz und Hackenschuhen, auch im Spitzhut des Touristen, bis wir zum Resultate kamen, daß er überhaupt nicht mehr schöner sein könne, als er war.
Wir erfanden ganze Geschichten, die wir zum Schlusse für wirklich wahr hielten und in denen „Mutzamein“, eine zarte, weiße Katze, die Hauptrolle spielte. Es gieng das Gerücht, daß „er“ sie zur Wirtschafterin engagiert habe und wenn wir vor der Thür ihr „Miau“ vernahmen, frugen wir, als ob es sich von selbst verstände: „Was will denn der gnädige Herr?“ — „Gnädiger Herr?“ Im Grunde aber hegten wir die feste Überzeugung, daß er bedeutend höher auf der socialen Leiter stünde, etwa „Chevalier“ war, Marquis oder spanischer Grand. Alles sprach dafür, wenn man auch keine bestimmten Tatsachen nachweisen konnte. Sein elegantes Auftreten, sein vornehmer Geschmack. Er nahm nur Delicatessen zu sich, das Erste, Saftigste, was die jeweilige Jahreszeit bot — Veilchen, frische Rettigblätter, die er mit Kennermiene verzehrte, Rosen, Erdbeeren und geschnittene Äpfel.
Sehr komisch war es anzusehen, wenn er Baumäste und niederes Buschwerk attaquierte und dazu die tollsten Sprünge machte. Er konnte eben tun, was er wollte, wir fanden Alles „herzig“, unnachahmlich.
Robert schien sein Anblick zu ergötzen und das stimmte mich milder gegen ihn. Ich hatte mich indes getäuscht.
„Im nächsten Frühjahr kann er ein ganz passabler Bock sein. Dann lassen wir ihn hier im Garten aus und veranstalten eine Jagd.“
Obwohl es halb im Scherz gesagt war, empörte mich die Äußerung. Es lag so viel Taktlosigkeit darin, so viel Rohheit des Gefühls.
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Ein Tag vergieng wie der andere, — und die Jahre flossen dahin in ruhiger Gleichmäßigkeit. Ich merkte es kaum — es war mir zur zweiten Natur geworden, dieses Leben, arm an Ereignissen und reich an Arbeit.
Ab und zu kam Besuch aus der Nachbarschaft und da erzählten dann die jungen Mädchen von den Erlebnissen im Fasching und in der Stadt. Bälle, Rennen, Toiletten und Courmacher. Sie kannten kein anderes Thema, ich wußte nicht mitzureden und so blieben wir uns fremd.
Und doch, wenn sie gegangen, beschlich es mich wie leise Wehmut. Eine so eigentümliche Empfindung. Ich kann nicht sagen, was es ist. Es lehnt sich etwas in mir auf. Es fehlt mir etwas. Dann eile ich, von innerer Rastlosigkeit getrieben, von einem Zimmer in das andere, hinaus in den Wald, und da wird mir leichter.
Es ist so ruhig und friedlich um mich her. Ich schließe wie unbewußt die Augen und atme in langen Zügen die würzige Harzluft ein. Das Rauschen der Bäume klingt wie Musik an mein Ohr. Welch’ eigentümlicher Zauber liegt doch in dem Zusammenklang dieser mannigfachen Töne, welche Harmonie in dem bald nahen und lauten Flüstern, bald weit und leise schallendem Echo!
„Tok-tok“ tönt es in regelmäßigem Rytmus vom nahen Baumstamm herüber. Meister Specht hat wohl eine Postarbeit zu vollenden, und unwillkürlich muß ich über die Geschäftigkeit des bunten Vogels lächeln. Die alten Tannen neigen zustimmend das Haupt, und die zwei Eichkätzchen, auf deren Fell gerade ein Sonnenstrahl fällt und es goldig schimmern macht, halten in ihrem Haschen inne, als schämten sie sich ihrer Spielsucht, aber schon im nächsten Moment beginnt die tolle Jagd von Neuem. Leichtfertige, schnelle Dinger! — Glückliche Geschöpfe, die nichts ahnen vom schnellen Entschwinden der Zeit, nur die Lust des Augenblickes kennen, ohne Furcht und Reue. Wer weiß, sie sind vielleicht klüger als Jene, denen so manches Vorurteil das volle Genießen verbittert.
Ein welkes Laub wirbelt mir in den Schoß und ich schrecke nicht zurück vor der Berührung mit dem bleichen Gespenstchen; es will mir fast wie ein Widerspruch scheinen, denn auch hier weht mir kalter, erbarmungsloser Todeshauch entgegen. Auch in diesen zarten Äderchen hat noch vor Kurzem Leben pulsiert, frisches, warmes Leben, das ein einziger Windstoß, ein leiser Ruck vernichtet hat. Ich seufze auch nicht, während ich es zu Boden gleiten lasse. Mag es hier auf der feuchten Erde liegen bleiben und vermodern, mögen achtlose Menschenfüße es zu Staub zertreten, es hört nicht auf zu sein, wenn auch in anderer Form und Weise. Mutter Natur hat ein zu großes, liebendes Herz, sie hängt auch am kleinsten ihrer Kinder und will sich von ihm nicht trennen.
Alles um mich her strömt intensive Lebensfreude aus. Ein schillernder Schmetterling wiegt sich im Cyclamenbecher und schlürft berauschenden Trank.
Die kleinen naseweisen Ameisen summen etwas von „fleißig sein.“ Offenbar behagt ihnen mein müßiges Träumen nicht. „Nun laßt aber auch sehen, ob ihr vollkommen genug seid, um Anderen gute Lehren zu erteilen?“
Behutsam nähere ich mich dem aus Erde und Tannennadeln gebildeten Haufen, in dem es schwarz wimmelt. Ich halte den Atem an und sehe gespannt dem regen Treiben zu. Was das für geschickte Baumeister sind! Wie klug und systematisch die Strohhalme, Nadeln und Holzspähne auf einander geschichtet sind! Aus der winzigen Baumhöhle schöpfen sie unermeßliche Reichtümer aus selbstfabricierten Sägespähnen. Eine Ameisenabteilung steht auf dem balconähnlichen Vorsprung und wirft aufrecht stehend, mit den Vorderfüßen den unten harrenden Cameraden staubähnliche Splitter zu. Jene Anderen, welchen die Sorge für die Mittagstafel obliegt, schleppen mühsam einen Käfer, ein totes Würmchen herbei; sie keuchen gewiß unter der schweren Last, aber Entmutigung kennen sie nicht. Nach minutenlanger Rast nehmen sie die Bürde wieder auf und frisch geht es dem Ziele zu. „Nur nicht verzagen“, das ist ihr Motto.
Ich lasse mich auf einen Reisigbündel nieder und meine Betrachtungen schweifen von der emsigen Colonie dem blauen, wolkenlosen Himmel zu. Wie gleichmäßig spannt er sein Zelt aus, wie unergründlich ist sein Lächeln, das er auf so viel Glück und auf so viel — Elend herabsendet! ... Ich kehre wieder zur Erde zurück und lenke den Blick auf die vor mir liegende Waldpartie. Nicht ohne Wohlgefallen wende ich das Auge von den alten hundertjährigen Buchen- und Eichenbeständen zu den Kindern späterer Zeit, deren Prachtentfaltung der Zukunft gehört. Es macht einen angenehmen Eindruck, dieses frische, saftige Grün, im Gegensatz zu dem ernsten Dunkel, das wie ein Schatten, eine erfahrungsreiche Mahnung zur Jugend hinübersieht. „Was könnten wir Euch erzählen, wie trefflich Euch raten; noch verschmäht Ihr unsere Warnungen, einstens aber werdet Ihr an uns denken.“ — Vergeßt Ihr wieder einmal, Ihr Alten, daß auch Ihr in Jugendfülle und Übermut dastandet, den Lenzhauch in Eueren Ästen rasten ließet und die gefiederten Liebespaare in Eueren Zweigen beherbergtet?“
Im Grase zu meinen Füßen schimmert es in schillernder Taupracht. Es zittert und weht hin und her, wie der zarteste mit Goldfiligran verwobene Spitzenschleier. Bedächtig zieht sie einen Faden um den andern, die langbeinige Spinnerin, ganz unbekümmert um die arme gefangene Eintagsfliege, die Todesqualen leidet. „Warte nur, Du grausamer Tyrann! Wir leben nicht mehr in der Zeit des Faustrechtes; einer schöneren Periode geht es entgegen, wo es keine Hinterlist, keinen Betrug und — keinen Krieg mehr giebt.“ Ich fahre mit der Schirmspitze in den flimmernden Dunst und jetzt ist es mir leichter. „Lebe, kleine Fliege und schwing’ Dich mit den glashellen Flügeln in den blauen Äther empor.“
Brombeerstauden umschlingen die Baumstümpfe des Holzschlages und die schwarzen Früchte blicken mir verlockend entgegen. Ist es denn so lange her, daß ich an diesem Plätzchen gekniet und Erdbeerlese gehalten habe? — Ja, das Rad der Zeit rollt unaufhaltsam fort. Auch der Frühling, die Jugend entflieht und der Herbst meldet sich. Doch es gibt ein schönes, frohes Alter, es entsprießen ihm süße, erquickende Früchte, wenn ein Lenz der Gewissenhaftigkeit, ein Sommer treuer Pflichterfüllung vorausgegangen.
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Die Tante und ich, wir nahmen seit längerer Zeit regen Anteil an der Friedensbewegung und waren mit vielen Gleichgesinnten in schriftlichen Verkehr getreten. Und wir hätten es nur natürlich gefunden, wenn das gesammte weibliche Geschlecht sich verbündet hätte, um der Kriegsfurie Einhalt zu gebieten. Mußte denn nicht jedes Mutterherz bluten, bei der Vorstellung, daß sein Kind eines Tages verstümmelt, zerfetzt, unter namenlosen Qualen zugrunde gieng? — Doch nein, es war noch immer Mode, die Söhne altadeliger Familien in militärischen Anstalten erziehen zu lassen, und wer es wagte gegen den Strom zu schwimmen, wurde mit scheelen Blicken angesehen.
Zudem gab es mehr als einen Retrograden, der aus Princip ein wütender Gegner der Bewegung war, sich mit Händen und Füßen wehrte, und ihr mit beißendem Hohn begegnete.
In unserem Dorfe selbst verhielten sich die meisten Leute, namentlich zu Beginn, ziemlich mißtrauisch. Wenn sich einmal ein Bauer etwas in den Kopf setzt, läßt er es sich nicht so leicht wieder ausreden, und sie hatten von jeher an dem Grundsatz festgehalten: „Nur ja schön vorsichti sein, sonst sitzt mer mir nix, Dir nix in der Patschen. Und gar wann’t Herrschaft d’ Hand im Spüll hat — die kunnt an ausnutzen und dabei no profitieren.“
Diesen Leuten gegenüber mußte man also eine eigene Taktik einschlagen. Ihnen schroff begegnen, hätte sie abschrecken geheißen von allem Anfang an, und sie bitten, wäre ebensowenig das Richtige gewesen. Es blieb nur eine Möglichkeit: sie selbst zum Denken zu bringen. Wir verteilten Flugschriften unter die Erwachsenen und beschenkten die Kinder mit kleinen hübschen Geschichten. Und war gerade der Büchervorrat erschöpft, so erhielten sie Spielzeug und andere Kleinigkeiten. Hin und wieder nahm ich die Vernünftigeren auf einen Spaziergang mit, und das schmeichelte den Eltern ungemein: „Mußt schön fleißi sein und Dein G’setzel auswendi lernen, nachha darfst an ein Sunndag mit der Baroneß Mimi gehen“, und die Kinder folgten gern.
Und im Verkehr mit diesen jungen Geschöpfen fühlte ich mich selbst in meine Kindheit zurückversetzt. Meine Lieblingspuppe „Clementine“ hatte ich dem kleinen Hauer-Reserl geschenkt und die trennte sich nicht mehr von ihr. „Wissen’s Baroneß, ich hab’ die Tini so gern, weil’s Ihnen g’hört hat“, versicherte sie ernst. „Überhaupt, wann Sie mir was schaffen, so freut’s mi immer. Das war so schön, was mer neuli zum Lesen geben haben.“
„Was war das Reserl? Ich erinnere mich nicht mehr.“
„No die G’schicht vom Soldaten, der stirbt, und wie sei kleine Tochter ins Spital kommt und sagt, daß ohne Vattern nit leben will.“
„Ja, Reserl, gelt’ das is traurig, wenn’s so anem Kind sein Liebstes erschießen!“
„Und ob.“ Drauf ward sie schweigsam. — — Sie gieng mit zaghaften Schritten neben mir her; das Köpfchen hielt sie etwas gesenkt und die langen schwarzen Wimpern warfen dunkle Schatten auf ihr blasses, schmales Gesicht. Sie war kein schönes Kind, aber eigenartig durch und durch. Für mich hatte sie eine große Schwärmerei, — ich glaube sie hieng noch mehr an mir als an den Eltern — und dann noch für die dunklen Pensèes, die in mannigfachen Farbenzusammenstellungen unsere Gartenbeete zierten.
„Goldblumen“ so nannte sie sie, meine stummen Rivalinnen. Ich habe die Kleine einst belauscht. Sie kniete, winzig wie ein Käferchen, vor einer Gruppe der genannten Blumen, den Oberkörper etwas nach vorn gebeugt, die Arme wie segnend ausgebreitet, während ihre Augen in unbeschreiblicher Verzückung an den dunklen und gelben Köpfchen hiengen. Ein Lächeln, das ich nie vorher an ihr gewahrt, verklärte ihre Züge und dann plauderte sie mit den sammtenen Geschöpfen. „O wie schön Ihr seid, meine lieben Goldblumen, schöner, viel schöner als die Rosen und Nelken, — ein Jed’s ein anderes G’sichterl. Ihr solltet’s nie verdorren. Habt’s nur keine Angst. Ich pflück’ Euch nicht: ich tu’ Euch nichts zu Leide.“ Und dann küßte sie jede einzelne auf das sanfte Blumengesicht.
Ich lauschte stumm und tiefergriffen. Es gab also Kinder mit angeborenem poetischen Empfinden, das der Schlamm, der Schmutz, in dem sie ausgewachsen, nicht zu ersticken vermocht. Was konnte aus einem solchen Wesen werden, wenn es in die richtigen Hände geriet — und umgekehrt. — — —
Die paar Stunden in der Schule und dann sich selbst überlassen, den lieben langen Tag. — — Wieviel schöne Anlagen, die nie zur Ausbildung gelangen, wieviel Talente, von denen Niemand ahnt. — Aber freilich, wo soll der Staat das Geld hernehmen für die Erziehung, wenn er es so nötig braucht für neue Uniformen und Gewehre.
Sie war nur eine der Vielen, die den trostlosen Verhältnissen zum Opfer fallen und ich wurde unendlich traurig bei dem Gedanken. „Armes, armes Reserl.“
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Bei meinem Vetter gieng etwas nicht mit rechten Dingen zu: wir merkten es ihm deutlich an, und schließlich rückte er mit der Sprache heraus. Um doch irgendwie die Zeit totzuschlagen, hatte er sich dem Spiritismus gewidmet. Er befaßte sich mit Tischklopfen und Geisterschrift und gab sich alle erdenkliche Mühe, uns für seinen neuesten Sport zu gewinnen. „So versucht es doch nur einmal. Ich begreife gar nicht, wie man an dem Einwirken überirdischer Mächte zweifeln kann.“
„Wir läugnen auch gar nicht, daß es noch unerforschte Kräfte gibt, in der Natur: ich selbst glaube — d. h. bis zu einem gewissen Grade an Suggestion, und an Hypnose: doch das hat mit Deinen Geistern nichts zu tun“, erwiderte Tante Laura.
„Du willst also nicht zugeben, daß welche existieren. Wir haben aber Beweise dafür.“
„Du bist jedenfalls sehr genügsam, Robert, wenn Du Dich damit zufrieden gibst, daß sich im finstern Zimmer ein Tisch bewegt, oder wenn Du fragst, Antworten erteilt, die Dir der erste beste Bauer geben könnte. Ich verlange da schon etwas mehr.“
„Was sollten sie denn sagen? Sie müssen ja auf das Niveau unserer Vernunft herabsteigen, um sich uns verständlich zu machen.“
„Sie müßten im Gegenteil unseren Geist erleuchten, unser Auffassungsvermögen erweitern, damit wir ihnen über die Alltäglichkeit hinausfolgen könnten. Uns ganz ungeahnte, verblüffende Dinge enthüllen, uns von der Zukunft prophezeien. Kannst Du mir etwas in dieser Art anführen?“
„Es ist sehr schwer mit Solchen zu discutieren, die von vornherein nicht glauben wollen.“
„Wenn es Dir gelänge, mich zu überzeugen, würde ich mich gewiß nicht sträuben: aber bis jetzt habt Ihr nichts Markantes aufzuweisen. Im Gegenteil, es ist ja nachgewiesen, daß die paar Haupteffekte, mit denen sich die Spiritisten so gerne brüsten, auf schwindelhaften Manipulationen beruhen. Weshalb scheuen Euere hohen, freien Geister das Tageslicht? Soll nur einmal Einer eine séance bei Sonnenschein halten! Das versuchen sie aber wohlweislich nicht: „im Dunkeln ist’s gut munkeln.“ Und, soll ich Dir offen meine Meinung in dieser Frage sagen?“
„Gewiß“, versetzte er zögernd.
„Ich halte es geradezu für ein Unrecht, für einen Betrug, der dummen, leichtgläubigen Menge solchen Hokuspokus vorzumachen, sie auf den Holzweg zu führen.“
„Aber Du, die Du so viel auf Ethik gibst, siehst Du denn nicht das veredelnde, erhebende Moment? Die Leute werden sich mit ihrem Schicksal viel eher aussöhnen, wenn sie in der Erwartung eines idealen Jenseits leben.“
„Robert Robert, Du tust mir wirklich leid. Ich finde keine Spur von Ethik, noch von Ästhetik in wandelnden, weißdrapierten Gerippen, die um Mitternacht in den Möbeln rumoren, und furchtsame Leute an den Ohren zupfen.“
„Immer die realistische Auffassung.“
„Aber doch mit Recht. Und Scherz beiseite, nur Leute im höchsten Grade der Nervenzerrüttung, anormale und schwache Menschen, die einen Profit erhoffen, die nicht Mut genug besitzen, sich in das Unabänderliche einer Trennung zu fügen, sind Euere Genossen. — Ja, wenn die Lieben widerkämen“, fügte sie in Selbstvergessenheit hinzu, „dann freilich wär’ der Abschied nicht so bitterhart. Aber bloß weil wir es wünschen — das genügt nicht.“
Auch ich seufzte auf und Robert trachtete meine Stimmung auszunützen: „Du hast kein Wort gesagt? Du hältst es doch wenigstens nicht für unmöglich?“
„Ich glaube nicht daran.“ „Wahr, wahr in allen Consequenzen, und wenn das Herz darüber bricht“, es war sein heiliges Vermächtnis.
„Das reine Echo Deiner Tante“, versetzte er spitz und gieng.
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Mein Geburtstag. Ich bin 24 Jahre alt geworden. Wie ist das nur gekommen, so rasch, so unvermerkt? Was war mein Leben bis jetzt gewesen, und was würde es in Zukunft sein? — —
Es klopft.
„Herein!“
Hannerl in ihrem besten Staat wünscht mir alles erdenkliche Gute. Ihr Gesicht strahlt vor eitel Wonne, seit Großmama auf unser Zureden, ihre Einwilligung zur Heirat mit Fertel gegeben, der nun zum Förster avanciert war.
Im Winter sollte Hochzeit sein, und täglich nach Feierabend arbeiteten sie an der Einrichtung ihres neuen Heims. Hannerl wurde nicht müde, mir darüber zu berichten:
„Das erste Zimmer soll lichtgrün werden — der Plafond mit Blumen in den Ecken — und der Glaskasten soll“ — — „Ein weißes Haar“ — „da schauen Baroneß“, und mit naivem Interesse hielt sie mir die eine Flechte hin. „Aber nicht ausreißen“, bat sie, als ich es herausziehen wollte — — „das ist ja schön“, und sie plauderte weiter.
Ich aber war nachdenklich geworden. Und wieder kam es über mich, jenes ängstliche, beklemmende Gefühl, das mich in letzter Zeit so häufig beschlich. Eine Art Schwindel und dabei ein Prickeln unter der Haut wie von 1000 Nadelstichen. — — Ich fühlte mich abgespannt und müde; dabei ward es mir zu eng im Zimmer, ich meinte zu ersticken.
Vor dem Tor erwartete mich die Schar der kleinen Gratulanten aus dem Dorf. Sie waren komisch anzusehen, wie sie dastanden, geschniegelt und gestriegelt, und in sichtlicher Befangenheit an ihren Schürzen zupften. Atemlos, als jage Jemand hinter ihnen drein, plapperten sie ihren Vers herunter und seufzten erleichtert auf, als sie damit zu Ende waren.
Nur Reserl hielt mir stumm einen Strauß Reseden hin und küßte mir die Hand. Da stieg es mir heiß in die Augen und ich wandte mich rasch ab — — es sollte Niemand sehen, wie unaufhörlich mir die Tränen über die Wangen rannen, hinab auf die Hände, die hellen, salzigen Tränen.
Das Laub prangt in den glühenden, satten Farben des Herbstes, und feuchte Nebel rieseln herab. Ein eigentümlicher Modergeruch erfüllt die Luft, und zahllose welke Blätter bedecken die Erde. — Ein winziger Vogel hüpft von Ast zu Ast und singt — — es klingt so traurig und gemartert.
Graue Wolken jagen am Himmel dahin: eine unerklärliche Lust erfaßt mich; sie zu haschen, die so rasch entfliehen. „Bleibt, eilt nicht so!“ — — Alles vergeht, ich komme mir so alt vor, und erst später — wie lang wird’s dauern!
Namenlose Traurigkeit erfüllt mich. Ich möchte mich hinlegen zu den toten Blättern und mit vergehen im großen Sterben der Natur.
Müde lassen die letzten Blüten ihre Köpfchen hängen, als hätten sie gar Schweres zu tragen. Wer weiß! Es kann ja Niemand in einer Rosenseele lesen!
Auf den Wiesen spannt der Altweibersommer seine Fäden aus. — — Langgezogen und schwermütig tönt der Pfiff der Eisenbahn zu mir herüber, wie der letzte, jammervolle Aufschrei einer gequälten Seele.
Dann ist es still. Das Ende. Wie öde, wie leer! Und plötzlich kommt mir ein Lied in den Sinn, das ich die Tante singen gehört, das Tosti’sche „Ninon“:
„Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?
Rose ce soir, demain flétrie.
Comment vis-tu?
Toi qui n’as pas d’amour?“
Morgen schon „vorbei“. — — Jede Minute arbeitet langsam aber sicher am Zerstörungswerk. Unaufhaltsam treibt die Natur ihr grausames Spiel. Sie schafft mit Feenhänden, um mit Keulenschlägen zu zertrümmern.
Nichts bringt uns das Heute zurück. — Das Leben ist so kurz — und im Weibe wohnt der Drang — sich hinzugeben in der Rosenzeit. Es ist so traurig, dahinzuwelken, ohne geblüht zu haben.
„Vierundzwanzig Jahre“, und ich betrachtete mich lang im Spiegel. — Ich sah bedeutend jünger aus. — — Aber es war doch nicht mehr der taufrische Teint, der leuchtende Blick von früher. — Und dann auf der Stirne, um die Mundwinkel — die ersten Fältchen, unmerklich dünne Linien noch — aber wie lange?
Vielleicht war ich überhaupt nie jung gewesen? Eine Scheintote, die plötzlich aus dem Sarge steigt um die Rechte der Lebenden zu fordern „Glück und Liebe.“
In der Arbeit liegt Befriedigung: ich hatt’ es selbst erfahren. — — Aber alles ersetzen — nein — — das hat sie nicht vermocht.
Mein Herz begann zu klopfen, so laut und bang. Ich hörte seine Stimme deutlich: sie sprach von „Leben und Genießen.“
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Der Winter zeigte sich ganz besonders hartnäckig in diesem Jahr und die Post hatte infolge der argen Verwehungen wieder einmal Verspätung. Der alte Witzelsberger lädt uns ein, in der Wohnstube Platz zu nehmen, und wir folgen der Aufforderung gerne, denn er ist ein guter Mensch, und einer von den Wenigen, die Schritt zu halten wissen mit ihrer Zeit, so weit man es von einem simplen Bauer verlangen kann. In seinen Mußestunden — d. h. wenn er nicht amtlich zu tun hat — betreibt er das Schusterhandwerk, und während er auf seinem Dreifuß sitzt und die Ahle durch das spröde Leder gleiten läßt, schweift sein Geist in höheren Regionen. Er dichtet nicht, wie Hans Sachs, hat aber einen offenen, empfänglichen Sinn für Alles, was die Welt bewegt. Eine gesunde, derbe Vernunft leuchtet durch jede seiner Äußerungen, und unter dem groben Barchentkittel steckt ein braves, ehrliches Herz.
Eben befestigt er eine Sohle an winzigen Kinderschuhen: „Die san für die klane Bucher-Lisi aus Polenz“ erklärt er uns. „S’ war ja eh nimmer zum Anschaun, was das arme Hascherl g’froren hat. Blaurote Füß und kein Feuer im Ofen! — Ja, wenn mer so in die Häuser einerschauert, da hätt’ mer bald g’nua. S’ Armsein, ja!! — Wann eins no g’sunde Glieder hat, und was verdienen kann, aber so an Existenz wie die sieche Hablarin — kan Menschen zur Pfleg, und nit allemal a Stückel trockenes Brot im Haus — wahrhafti, s’ Herz kunnt’s Einem im Leib umdrahn. — Und da kauft si so a Millionarstochter um 30000 Gulden (nochmals, und sehr gedehnt) um dreißigtausend Gulden eine seltene Pflanzen. Ja, versteh’ns denn dös? I hab’s rein nöt glauben wollen, wier’ is g’lesen hab’. — Die Blumen, und wenn’s a no so schen is, wie lang dauert’s denn, und sie laßt ’n Kopf hängen? Und herentwegen, wie vüll Gut’s ließert si mit dem Geld machen. Die wissen’s Alle miteinander nicht, die reichen Leut’, was für a furchtbare Verantwortung als’ haben.
Vor ein paar Täg’ is in der Zeitung g’standen, daß ein Abgeordneter — der Namen fallt mir nit glei ein — von an Steuerzuschlag g’sprochen hat. Viel macht’s für’n Einzelnen nit aus, — die paar Kreuzer mehr, die tun auch Unsereins nit weh — und z’sammenkommen tät halt do hübsch was, und die armen Leut’ braucherten doch wenigstens nit zu derhungern. Da wüßt’ mer do für was, mer hätt’ was davon. Es is ja a Schand — in an ordentlichen Staat darf ja so was gar nicht vorkommen. Das Richtige g’schieht so nit alleweil — — no freili, ma traut si’s nit z’ sagen, sonst kommert mer in Verruf. — — Zu was denn um Herrgottswillen, das viele Müllitär? — — Anfangen mag do Keiner, weil Jeder si fürcht’, — no ja, selbstverständli — no also, jetzt steh’ns da — und warten — — is dös vielleicht a a Beschäftigung? — Und leben müssen’s do — Geld brauchen’s — her damit.“
„Ja, Recht hab’ns Witzelsberger,“ versetzt die Tante. „Nicht nur, daß das Rüsten ins Blaue hinein, Unsummen kostet, — es erregt vor Allem Mißtrauen, und das ist eine große Gefahr.“
„No freili — so hab’n sie die großen Krieg no immer ang’fangen. Mannigsmal schielt a der Ane oder der Andere von die hohen Herren über die Grenz, und wann ihm halt beim Nachbarn a Stückerl gar z’ gut g’fallt — nachher geht’s los. — Bitt’ Ihnen, für a Fleckerl Erden — is denn dös im Verhältnis — wenn mer denkt, wie viel tausend drunter leiden? Wir hab’n do nix davon — na uns fragt mer aber a nit. — Sonst, wier’s Volk heutzutag is, a jeder Anzelne tat Ihnen antworten: „Ah na, i bin nit für n’ Krieg, — i nit.“ S’is ja a Jammer, wann die Burschen fort müssen — drei Jahr lang dienen — wann’s nachher hamkommen, da hab’ns das Bissel, was konnt haben, a no verlernt; spielen si auf ’n nobligen Herrn aus, trinken, machen Schulden, tun den Dirn’ schön und lassen’s sitzen, wenn se ’s ins Unglück bracht haben. Na ja, von vorn anfangen, das g’freut’s net; so is kommoder — und a Posten zu an Officiern find’ si a nit allemal.“
Er war plötzlich nachdenklich geworden. — „Ja wann i mi so an’s Jahr 66 erinner’“, fuhr er nach einer kleinen Pause fort — „die Herrschaft war dazumal auf Reisen — weil mer kei Kirchen im Ort g’habt haben, da san mer’s ganze Dorf an ein Sunndag in die Meß übrigangen nach Blauenstein. I hab’ früher Flöten blasen auf’n Chor, und war immerdar der Eifrigste im Gotteshaus. Wie aber dann der Herr Pfarrer — jetzt tut ihm a kan Zahn mehr weh — ang’fangt hat in’s Hetzen, daherzureden, als wann die Preußen kane Menschen nit wären, da hat’s mer nimmer g’fallen. Nachha bin i ausblieben. „Pfarrer“, hab’ i simuliert, „Pfarrer, is denn dös in der Urdnung, is denn dös a Christlichkeit, daß’t machst, als dürft’ mer an Fremden hassen? Hat do der Herr Jesus Christus selber g’sagt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst — tue Gutes Deinen Feinden.“ Der Bischof hat’s bald derfahren, na dem war’s halt a nit Recht und drum hat er uns an andern Seelsorger verschrieben. Das war ein Mann, sag’ i Ihnen, Frau Baroneß, den hätten’s sollen predigen hören! „Vor unserm Hergott san mer Alle gleich — nur durch gute Werke und rechtschaffenes Leben können mer uns vor seine Augen wohlgefälli machen. Alle san mer unserm himmlischen Vater sei Kinder, ob mer aus Frankreich oder Deutschland kommen, Juden oder Christen sind. Keiner darf’n Andern was z’ leid tun, a Jeder soll schön staat vor seiner Tür kehren. Da hat er nur Recht g’habt, der geistliche Herr — Gott hab’n selig. — Wenn der heut aufständ’, der möcht’ dem Lueger, der ganzen Antisemitenpartei urdentlich den Text lesen. Na i gunnert’s ihnen, s’ war ihnen recht g’sund.
Ja alsdann — vom Jahr 66 hab’ i Ihnen derzälen wollen. War dös a Zeit — i wollt’s nimmer mitmachen, na i nöt. Aber i siehs vor meiner, akkarat als ob’s gestern wär. Im Frujahr, da san die Burschen wie g’wönli assentiert worden. Jeder hat zum Müllitär wollen, weil’s als was B’sonders golten hat. — Na, und die Madeln haben’s trieben! Wann Aner mit’n farbigen Büschel auf’n Hut z’ruckkommen is, no nachha war’s aus. Busseln hat’s geben, uje — und Augen verdraht haben’s, wie nit recht g’scheit. Ganz selbstverständli hat si da so a junger Mensch einbildt’, daß er was Extra’s is. No und mei Hannes, der hat’s halt a nit derwarten können, und die Freud, wie’s ihn g’halten haben! I hab’ in der G’huam immer g’hofft, sie nehmen ihn viellei do nit. — Aber er war a g’sunder starker Mensch: wir hab’n unsere Freud’ an ihm g’habt. Ja, dös hätt’ mer a nit denkt“, setzte er mit verschleierter Stimme hinzu und fuhr sich mit der rauhen Hand über die Augen. „Selbigs Jahr hat er mitmüssen, — na z’ruckkommen is er a — aber wie — mir wär’s meiner Söll lieber g’wesen, wenn ihn a Kugel glei mitten nei’ ins Herz troffen hätt’. Bei der Schlacht von Königgrätz hab’ns ihm an Fuß wurz abg’schossen und den Arm so verwundt, daß er’n hat in der Schlingen tragen müssen. — Er war schon so tüchti in der Wirtschaft g’west; hat Alles verstanden, i hab’ mi um nix net z’ kümmern braucht; — mit’n Arbeiten war’s halt dann aus, in Dienst hat’n a kaner mehr g’nommen und froh — dös is er sei Lebtag nimmer g’worden. Mit die paar Kreuzer, die ein Invalid auf’n Tag kriegt, — da wird er nit satt davon. Ganz schwermüti is er g’worn, der Hannes, zu trinken hat er ang’fangt, um net alleweil an sein Unglück zu denken. Was wir ihn beten hab’n: „Geh, sei g’scheit, laß’ stehen, thus Dein’ Eltern z’Lieb!“ All’s umasunst. S’hat nix g’nutzt, er hat net aufg’merkt — und am End’ is er d’ran zu Grund gangen. Dös hat „uns“ der Krieg bracht.“
Ich blickte mich scheu um in dem armseligen Raum, wo sich eine Tragödie abgespielt, wuchtiger, düsterer vielleicht, als auf mancher Großstadtbühne. Auch hier war der Todesengel eingekehrt, um ein blühendes Leben zu fordern: Schmerz und Verzweiflung folgte seinen Spuren.
„Wie san’ mer an den Buab’n g’hangen! — Kan Arbeit war uns zu schwer und wie er aufg’schossen is und so fleißi g’lernt hat, da hab’n mer uns net auskennt vor Freud. — — Nur, wenn er mit die Holzsoldaten g’spielt hat, und „Schießen“ kommandiert, da is mer urdentli bang g’worn. Wann’st mer Du nur net a anmal so derschossen wirst.“
„Von die Sieben san im Ganzen Dreie hamkommen; i war net der Anzige, den’s troffen hat. Ja, ja, Frau Baroneß, so geht’s schon. — Zwa san auf’n Schlachtfeld blieben — wer weiß, wo die begrab’n san! Dutzendweis habn’s es in die Gruben g’worfen, die Preußen und die Österreicher kunterbunt durcheinand — jetztan haben’s si halt do vertragen müssen. No, und die andern Zwa san an der Cholera g’storben. Die Sterblichkeit dazumal war ganz erschrecklich. — Keine Famüli, wo’s nit a paar Tote geben hat.“
„Ja schrecklich, schrecklich — und für was?“, schaltete die Tante ein.
„Dös sag’ i a. Mer bringert ja gern an Opfer, wenn mer an Zweck hätt’, wann mer meint, si oder an Andern damit z’helfen, was Gurt’s z’tun. — Aber All’s hergeben für nix und wieder nix! — — Na — wer dös begreifert! — I hab’ drum mein Vaterland nit weniger lieb und wann Aner von uns was leist’, wann mer von ihm redt, nachher bin i ganz stolz. „Schau, Witzelsberger is halt a an Österreicher“, denk i dann. Der Verstand, dös is ja, was’n Menschen ausmacht. — Wann wilde Viecher si zerschinten und auffressen, — das is was anders, aber der Mensch, der dürft’ do nit vergessen, daß er Gottes Ebenbild is. — Und dien’ i denn mein Vaterland besser, wann i mir die graden Glieder abschießen lass’ und Krüppel werd? Was kann i dann no leisten, was denn? — Und praktisch g’nommen, Profit, daß der Anzelne a was davon merket, das hat do Kaner, nit der Sieger und net der g’schlagen wird. — Steuerzahlen muß mer grat a so, und besser leb’n turt mer do nit. Reich werden höchstens a paar Leut: der Müllitärschneider und die Waffenfabrikanten — und dadafür — ah’s is ja verruckt. — — Segn’s Frau Baroneß, in mancher Weis waren die Menschen früher gescheiter. Da hat do no der Krieg an Sinn g’habt, weil’s persönliche Tapferkeit geben hat, aber irzt? — — S’Gewehr laden und’n Hahn losdrücken, das bringt bald Aner zu Stand, auch der Feigste. — Und wenn’s schon net anders geht, wenn schon absolut g’stritten sein muß, so sollen halt Zwa die Sach’ austragen. — Da waß i aus maner Kinderzeit, hat uns amal der Lehrer derzölt, oder is in der G’schicht standen, dös was i nimmer — da haben’s es akkarat a so a getan.“
„Ja natürlich ist’s vernünftiger. Übrigens kann man einen Streit auf ganz unblutige Weise entscheiden“, und sie setzte ihm in wenigen Worten die Schiedsgerichtsidee auseinander.
„Sölchs war das Richtige“, erklärte er bestimmt, „na und warum sollert’ mers denn nit dahin bringen? S’ wär’ ja nur a Woltat“.
„Ja lieber Witzelsberger, gewiß. Wenn aber nur Alle so dächten wie Sie.“
„No wegen dem war’s nöt. I bin der festen Manung, daß a Jeder hier im Dorf — is wer der wüll, vor’n Bettgehen sein G’setzel hersagt: „Lieber Hergott, bewahre uns vor jedem Übel, vor Krankheit, Hungersnot und Krieg.“ Nur trauen’s si halt nit, offen zu bekennen. Wann mers fragert, a Jeder schauert auf’n Andern, und Kaner muxert si. Bei si aber, in sein Innern da denkt er do, daß der Krieg an Unsinn is, a Sünd. — Ja, wann’t Menschen g’scheiter wär’n, wird si a Mannigs ändern.“
„Vater, die Post kommt.“ Es ist seine Tochter, ein bildhübsches Geschöpf von 18 Jahren. Das Haar umgibt in goldiger Fülle ein blasses Gesichtchen, aus dem ein paar traurige Rehaugen blicken.
„Ja, Franzel, geh’ nur — i kumm glei nach.“ — „Das Madel will mer nit gefallen — vielleicht a a Liebschaft. Jetztan laßt’s alleweil den Kopf hängen, hats Lachen ganz verlernt.“
„No aber, Sie können doch eine Freud’ haben mit so einer hübschen Tochter.“
„Dös wol. Freili bin i stolz — nit weg’n der Schönheit — das vergeht — sondern weil’s a so a braves, rechtschaffens Ding is. Hat mer, so lang i denken kann, no niemals keine böse Stund’ nit g’macht“, und damit rückt er die Hornbrille fester auf die Nase und begibt sich in die Amtsstube.
„Der brave Alte.“ Einer momentanen Eingebung folgend, nähert sich ihm die Tante und drückt die arbeitsharte schwielige Hand.
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Langsam, ruckweise löst sich der Schnee von Bäumen und Dächern und klatschend fallen die Tropfen zur Erde. Nur noch an einzelnen Stellen bildet er eine schmutzigbraune Maße, die seltsam von dem jungen Grün absticht, das wie ein weicher Teppich den Grund bedeckt.
Verheißend weht ein laues Frühlingslüftchen, und die knorrigen Weidenbäume scheinen in hellen Flammen zu stehen. Die Sonne läßt ihre kahlen Äste erschimmern wie pures Gold, die Tausendkünstlerin, die liebe, liebe Sonne.
Die ersten Palmkätzchen recken die flaumigen Köpfchen und die ungestümen Kibitze flattern auf, mit klagendem Geschrei.
Paarweise und in Gruppen, dicht aneinander geschmiegt, fest in die Silberpelzchen gehüllt, stehen die Anemonen da und ab und zu gewahrt man auch schon eine Primel.
Wie lange noch, und Alles steht in Blüte! Mir wird so weich, so warm um’s Herz — eine eigentümliche Rührung überkommt mich und treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weine jetzt so leicht. — Es überläuft mich kalt. Die bösen Nerven. Und so müde: so schwer die Glieder. Vielleicht dachte ich zu viel an mich? Und dann empfand ich plötzlich ein intensives Bedürfnis, Jemand ein paar gute Worte zu sagen, eine Freude zu bereiten.
In der Entfernung taucht eine dunkle Gestalt auf. Es ist die Witzelsberger-Franzel. Welch’ anmutiger Gang, welch’ elegante Haltung. Ein schöner Edelstein in plumper Fassung. In zehn Jahren, vielleicht schon früher würde sie ein welkes, abgearbeitetes Bauernweib sein, ohne jeden Reiz.
Sie war auch mir in letzter Zeit still und traurig erschienen. Sollte sie auch ihren Kummer haben?
„Franzel.“
Sie beschleunigte ihre Schritte, und vermied es, nach meiner Richtung zu sehen. Ich rief mechanisch noch ein zweitesmal, und da war’s, als besänne sie sich. Sie blieb einen Augenblick stehen, und kam dann langsam auf mich zu.
„Wo warst denn Franzel?“
„In Sahning“, kam es stockend zurück.
„Muß schön gewesen sein im Wald. Gelt’ wir haben’s halt doch besser als die Stadtleut, die den ganzen Tag im finstern Zimmer sitzen müssen. Oder möchtest gern nach Wien?“
„O Gott, mir is’ alles eins — am liebsten wär’ ich tot.“
„Aber geh Franzel, wer wird denn so reden? Was tät denn Dein Vater ohne Dich?“ Jetzt erst fielen mir ihre verweinten Augen auf. „Is Dir denn was Unangenehmes geschehen?“
Sie blickte beharrlich zu Boden.
„Ja, wenn Du’s nicht sagen willst.“ —
„Es nutzert ja nix. S’ is Alles — Alles aus.“ Dabei brach sie in krampfhaftes Schluchzen aus. „I hab’n halt so vüll gern und hab glaubt an ihn, wie an’ Herrgott selber.“
„Dein Schatz, Franzel? So ist er Dir untreu geworden?“
„Ja, jetzt, wo’s Unglück über mich kommt, will er nix mehr von mir wissen. Früher, da hat er mir schön tan und immer g’sagt: „Franzel, ich versprech’ Dir, daß ich Dich heirat’, verlaß Dich nur ganz auf mich!“
„Das ist nicht recht von ihm. Hat er nicht gesagt, warum er nicht mehr will?“
„Weil er fort muß. Sein Urlaub is aus — Sie wissen’s ja so.“
„Aber Franzel, woher soll ich es denn wissen? Ich weiß ja gar nicht wer er ist.“
„Das haben’s wirkli nit gewußt?“ Sie fragte ganz erstaunt. „Weil’s ihn so oft im Schloß drin sehen, hab’ i mer denkt, daß er Ihnen was g’sagt hat. Jesses nein — i trau mich gar nicht z’ Haus, zum Vater — der jagt mich noch am End davon.“ Sie sah mich verzweifelt und hilfesuchend an, als erwarte sie ihre Rettung von mir.
Ich aber war so empört, so erbittert über Robert, daß ich kein Wort des Trostes fand. Und dann, was war zu tun? Ich sann hin und her, ohne einen Ausweg zu finden. Schweigend standen wir uns eine Weile gegenüber, dann ergriff ich Franzels Hand: „Hast’n wirklich so gern?“
„Seh’ns das ist auf einmal so kommen. Zuerst hab’ ich ihn gar nit mögen. Dann aber, wie er so viel bettelt hat, daß er ohne mich nicht leben kann, hat er mir erbarmt. Und jetzt — jetzt“ — —
„Armes Ding! Vielleicht, daß sich doch was machen läßt. Ich will nachdenken. Eigentlich, wenn er Dir’s versprochen hat, muß er Dich ja heiraten.“
„Das hab’ ich auch geglaubt. Er sagt aber s’ist ein Unsinn.“
„Sein Wort halten, ein Unsinn? Da irrt er sich. Sei ruhig, Franzel — er muß es gut machen.“
„Glauben’s wirkli?“ Sie fiel mir um den Hals und jubelte unter Tränen „wirkli?“ Dann plötzlich mit unheimlicher Entschlossenheit: „Na ja, sonst blieb’ mir nur eins übrig. Dem Vater könnt’ ich ja die Schand’ nit antun.“
Es war plötzlich finster geworden. Graue Wölkchen ballten sich zu einem Klumpen zusammen, verhüllten die Sonne, und ein feiner Regen sprühte uns in’s Gesicht.
„Muß schon spät sein. Wenn ich nicht schnell geh’, komm’ ich nicht zu Mittag nach Haus.“
„Ja, geh’ Franzel und sei ruhig.“
Die Dorfuhr schlug dumpf die zwölfte Stunde, und so oft sie zu neuem Schlage aushub, gab es mir einen Stich in den Kopf. Was ich da soeben gehört, schien mir wie ein dunkler Fleck auf blendenden Rosenwolken, etwas so Häßliches, Düsteres. Da hatte man mir wieder ein Stückchen Illusion geraubt. Ich wußte ja, wie es zugieng in der Welt — ich konnte es tagtäglich in der Zeitung lesen, und dennoch sträubte ich mich, daran zu glauben. Und dann lag es vielleicht auch daran, weil das Echo der Großstadt nur gedämpft zu mir herüberdrang, während ich heute dem Elend gegenübergestanden, ihm ins Auge geblickt.
Mit einemmale überkam mich ein solcher Ekel vor den Menschen; ich fühlte kein Mitleid mehr mit ihnen, nur unsägliche Verachtung.
Ich war dem Dorfe näher gekommen und hörte das schrille Gebrüll eines Schweines. Es tat mir in den Ohren weh; ich bog rasch um die Ecke, und was ich jetzt sah, erfüllte mich mit solchem Entsetzen, daß ich mich an einen Baum halten mußte, um nicht umzufallen.
Unter einem geöffneten Haustor wurde ein Schwein geschlachtet. Das Tier lag gebunden, blutüberströmt im Trog und ein Mann versetzte ihm mit Wonne Stiche, ermutigt von den Zurufen der Umstehenden: „Nur zu, a so, recht fest eini.“ Zwei kleine Buben verfolgten mit Spannung den Vorgang. Ich wollte auf sie zulaufen, sie wegreißen, ihnen sagen, daß das abscheulich sei, aber ich vermochte keinen Schritt zu machen. Ich hörte nur das verzweifelte, gellende Schreien, zuerst laut und fortgesetzt, dann immer seltener und schwächer — in meinem Kopfe wirbelte Alles durcheinander, bis ich nichts mehr wußte.
Ich wahr ohnmächtig vor dem Tor zusammengefallen und ins Schloß getragen worden. Abends jedoch hatte ich mich bereits vollständig erholt und erzählte der Tante die Geschichte mit der armen Franzel, in der Robert eine so erbärmliche Rolle gespielt. Sie war so empört und außer sich, daß ich erschrack. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, untersagte sie mir jedwede Einmengung, da sie es für angezeigter hielt, daß ich mich von solchen Dingen fernhalte — sie selber wolle mit ihm reden, an seine Ehre appellieren, falls er überhaupt noch einen Funken dieses Gefühles besaß.
Während die Tante mit ihm verhandelte, bemächtigte sich meiner eine große Unruhe. Was wird er sagen und wie soll es enden? Es war eine böse, traurige Geschichte und unaufhörlich schwebte mir Franzel’s verweintes, angstvolles Gesicht vor. Es gab nur einen Ausweg, das begangene Unrecht zu sühnen: er durfte nicht anders handeln, es war seine heilige Pflicht und Schuldigkeit. Die Tante kam zurück, blaß und erregt. Die Augen sprühten Funken und die Fingerspitzen zuckten nervös. Sofort begriff ich, wie es stand: „Er will also nicht?“
„Nein. Er weigert sich — der Elende. Von heute ab sind wir geschiedene Leute. O, man könnte oft verzweifeln an den Menschen! Diese verkehrten, hirnverbrannten Ansichten, diese Gemeinheit der Gesinnung. Wahrlich, wir Aristokraten haben’s not, uns aufzublähen, uns was zu Gute zu tun auf unsere Noblesse. Ein armer Flickschuster ist oft tausendmal mehr wert, als so ein vornehmer Taugenichts.“
Dann schilderte sie die Unterredung. Wie er zuerst — ahnungslos, daß sie um die Sache wisse — sondiert, ob ich ihn nicht vielleicht doch nehmen wolle. Sie solle mich bei der Gefühlsseite, beim Mitleid packen: er müsse jetzt wieder zum Regiment, in ein entlegenes Nest, sei allerlei Versuchungen ausgesetzt, denen er erliegen würde. „Mimi kann mich retten, mit mir tun, was sie will: ich wäre Wachs in ihrer Hand.“
„Würdest ihr zu Liebe wohl auch Deine Ansichten zum Opfer bringen? Denn wie Du jetzt denkst, ist ja eine Verständigung nicht möglich?“
„Alles, was sie will.“
„Nun, das spricht nicht zu Deinen Gunsten. Sie müßte ja einen Mann verachten, der seine Überzeugung für irgend einen Vorteil hingibt.“
„Wie Du immer Alles drehst. Es scheint übrigens, daß Du an meiner Ehrenhaftigkeit zweifelst. Ich wüßte nicht daß ich Dir Grund dazu gegeben.“
„So? Wie vergeßlich! Nun da muß ich Deinem Gedächtnis schon etwas nachhelfen. Es ist gar nicht so lange her — — übrigens vielleicht täusche ich mich in Dir. In diesem Falle würde ich Dir das Unrecht herzlich gern abbitten.“
„Aber worum handelt es sich denn?“ Er zupfte verlegen an seinem Schnurbart.
„Du mußt die Franzel heiraten.“
Er schnellte von seinem Stuhl empor. „Bitt’ Dich, laß doch jetzt solche Spässe beiseite. Mir ist wirklich nicht zum Lachen zu Mute.“
„Das begreife ich. Weinen solltest Du im Gegenteil. Ich denke, Du kennst mich genügend, um zu wissen, daß es mir bitterer Ernst ist mit dem, was ich sage.“
„Ja, aber seid Ihr denn Alle miteinander“ — er hielt es für angezeigt, das letzte schmeichelhafte Wort zu unterdrücken.
„Wenn „anständig handeln“ verrückt ist, dann bist Du allerdings superweise.“
„Aber um des Himmels Willen, Du wirst mir doch nicht zumuten, ein Bauernmädchen zu heiraten. Wo denkst Du denn nur hin? Das verstößt ja gegen alle Familientraditionen.“
„Da hätte ich beinahe meine Selbstbeherrschung verloren und ihm einen Schlag ins Gesicht gegeben“, fuhr Tante Laura fort, „doch ich bezwang mich und frug, ob er nicht absichtlich diese falsche Auffassung vorschütze. Ob die Ahnen es ehrenwerter fänden, wenn ihr Abkömmling schlecht handle und keine Reue empfinde, als wenn er sich bemühe, den Mackel von seinem Namen zu tilgen.“
„Aber geh’, so denkt ja kein Mensch. Es ist Gang und Gäbe bei den jungen Leuten, Liebeleien anzuknüpfen, wo sich ihnen Gelegenheit bietet. Aber Verpflichtungen? — — —“
„Du hast ihr Dein Wort gegeben.“
„Aber doch nur pro forma. Könnte mir nicht im Traum einfallen, sie zu meiner Frau zu erheben.“
„Das ist ein kurioser Ausdruck. Wenn Dich Eine nimmt, wird sie herabsteigen müssen — und zwar sehr tief.“
„Sehr liebenswürdig. Und das Alles, weil ich mich weigere, diese Gans zu heiraten. Nein, den Großeltern, der Familie, mir selbst diese Schmach anzutun, dazu gebe ich mich nicht her.“
„Ich kann nur staunen über diese neue Moral, die jedem Anstandsbegriff ins Gesicht schlägt. Ein Mädchen, das nichts hat als ihren anständigen Namen, unter falschen Vorspiegelungen ins Verderben stürzen, sein Wort brechen, sie im Stich lassen und dann stolz von dannen ziehen mit dem Mäntelchen „Ehrenhaftigkeit“ um die Schultern, ich muß schon sagen, da gehört eine Gewissenlosigkeit sondergleichen dazu.“
„Du bist der Person ganz einfach aufgesessen. Ich wett’, die prahlt vor dem ganzen Dorf damit, daß sie einen „Baron“ gehabt habt. Das passiert nicht einer Jeden.“ Er sagte das mit einem Cynismus, der mir das Blut erstarren ließ. Ich verließ das Zimmer.“
Der armen Franzel konnte also nicht geholfen werden. Sie gestand dem Vater Alles und er versetzte Robert inmitten der Dorfstraße eine schallende Ohrfeige. Es war dies die letzte Erinnerung, die Baron Steindorf von seinem Urlaub mitnahm. Wir hörten noch ab und zu von ihm, sahen ihn aber nicht wieder.
Es hieß, daß er Schulden mache und seine militärischen Pflichten sehr nachlässig erfülle. Schließlich wurde er ein Trinker und gieng in noch jungen Jahren am delirium tremens zu Grunde.
Niemand weinte um ihn. Das einzige Wesen, das ihn geliebt, Franzel, starb, nachdem sie ein totes Kind zur Welt gebracht.
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