II.

London.

Noch heute muß ich Euch, liebe Eltern, schreiben, sonst hole ich den Faden in meinem Leben nicht ein.

Mein Vormittag verfloß also im British Museum, in der Nationalgalerie und in Westminster Abbey (siehe Bemerkungen im letzten Briefe); dann weihte ich meinen neuen ewiglangen Ueberrock ein, machte mich überhaupt sehr schön und fuhr mit Hoyen nach St. George’s Chapel. Hier finden die meisten vornehmen Hochzeiten statt, und hier wurde heute der eben großjährig gewordene älteste Sohn des Eisenbahnkönigs Hughes mit der eleganten, etwa vierundzwanzigjährigen Honourable Mabel Carleton getraut. Die bekannten „Sacs et Parchemins“, eine nirgends mehr auffallende, hier in England, wo neugebackener Reichthum sich schnell und gründlich mit der Landesaristokratie verschmilzt, eine besonders beliebte Mischung. Schutzleute hielten die herumstehende Menge zurück, und nur nach Vorzeigung der Einladungskarte gelangte man in die dichtgedrängte Kirche. Ueberall eine entzückende Blumenfülle, riesige weiße Clematis und stark duftende Lilien verdeckten fast die Stickereien und Gefäße des Altars. Dort harrte, blaß, verlegen und unglücklich, der Bräutigam, während neben ihm sein „best man“, welcher die Stelle unseres Brautführers vertritt, in höhnischer Ruhe die Versammlung musterte. Ich that dasselbe, nur in bescheidener Bewunderung, denn wie gestern Abend, wie heute im Park erstaunte mich die Schönheit dieser Leute. Zwar hatte ich die unteren Classen bei meinen Wanderungen durch die City so unansehnlich wie andere Großstadtbewohner gefunden, aber unter den Ladenverkäuferinnen, unter den Mädchen und Frauen des kleinen Mittelstandes sah ich eine Menge entzückender Gesichter und schön gewachsener Gestalten, und hier in der „Gesellschaft“ waren diese prachtvollen interessanten Männerköpfe, die vornehmen, älteren Frauengesichter und diese vielen jugendlichen schönen Erscheinungen mit den sensitiven, feingeschnittenen Zügen im höchsten Grade auffallend. Dazu diese kostbaren, seidenknisternden Damenkleider, die vollendete Einfachheit der Herren und nirgends die Spur jenes Aufgeputztseins, welches so manche festliche Gelegenheit bei uns kennzeichnet.

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GRÖSSERES BILD]

Auf einmal schwieg das leise Stimmengesumme, zu den Klängen des Lohengrin’schen Brautmarsches (!) zog feierlich der weißgekleidete Kirchenchor, die Geistlichkeit und der Bischof in vollem Ornat herein. Dann erschien im Spitzenschleier und reichem Diamantschmuck die niedliche, von ihrem Vater geführte Braut. Zwei in rosa Sammet gekleidete Pagen trugen ihre Schleppe, dann folgten paarweis schreitende Brautjungfern, Alle gleich, in irgend etwas Hellgelbem gekleidet und mit Marschallnielrosen in den Händen. Es gab keine Predigt, aber eine feierliche, wenn auch hier und da etwas sehr mittelalterlich deutliche Liturgie. Die Rührung war mäßig, Thränen sind wohl altmodisch; nur einmal, als die Braut mit zitternder Stimme nachsprach, „bis daß der Tod uns scheide,“ wurden einige Matronen sichtlich ergriffen. Zum Schluß wurde, wie bei uns, die junge Frau ziemlich allseitig abgeküßt, und dann begab sich Alles zur Lady Carleton, wo großer Nachmittagsempfang stattfand. Die Braut zerschnitt einen monumentalen, kunstvollen Hochzeitskuchen, man trank herben Sect, aß Treibhauspfirsiche und bewunderte die nach unseren Begriffen unglaublich zahlreichen und kostbaren Hochzeitsgeschenke. Zwei Cousinen erzählten sich, daß „die arme Mabel“ ganz trostlos über ihre achtundzwanzig silbernen Sahnentöpfchen und fünfundvierzig Armbänder sei und berathschlagten, wie man diesen Ueberfluß am zweckmäßigsten verwenden könne. Das eine junge Mädchen war bildhübsch: blond, zart und mit einem süßen, etwas kecken Profil. Auch erwies sie sich ganz gnädig, und ich klettete mich an sie, bis Hoyen mich zur Abfahrt des Paares fortholte. Alle jüngeren Damen und Herren drängten sich bis an den „Square“ herein, die Hausthüre umstanden sämmtliche Brautjungfern — ein hübsches Bild — und als die jungen Eheleute vergnügt und strahlend fortfuhren, bewarf man sie mit einem Regen von Reiskörnern und einigen weißen, seidenen Schühchen.

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Nun verabschiedeten wir uns und gingen durch den schönen, alten St. James’s-Park nach dem Parlamentshaus, da Hoyen, Dank vieler Anstrengung, in den beneideten Besitz von Karten zur großen irischen Debatte gelangt war. Vorzeitig erreichten wir die mächtigen, thurmreichen Gebäude, und ehe ich es ahnte, führte mich Hoyen in den vielleicht geschichtsreichsten Raum der Welt, Westminster Hall. Kein Mensch war da, es hallten unsere Schritte, vernehmlich sprachen die Steine und die dunkeln Wände. Wie hypnotisirt starrte ich umher und lauschte dem Spuk. Auch Hoyen schwieg; dann sah er nach der Uhr, und wir gingen hinaus in das Lärmen der Wagen, in das rastlose Gewirr der vorbeiströmenden Menge.

Durch gothische Portale und schmale steinerne Gänge gelangten wir auf unsere Plätze in der Galerie. Die Verhandlungen nahmen eben ihren Anfang; herein kam der „Sprecher“ (Vorsitzende) mit weißer, wallender Perücke, schwarzseidenem, schleppendem Mantel, Kniehosen und seidenen Strümpfen; ihm folgten zwei Beamte, ebenfalls in Perücken und Talaren, und dann der Caplan. Am Tisch des Hauses begann dieser die vorgeschriebene Litanei, an seiner Seite stehend las der Sprecher mit geschäftsmäßig lauter Stimme die Responsorien, dann fuhr der Geistliche fort: „Laßt uns beten,“ und wie automatische Holzpuppen drehten sämmtliche Abgeordnete sich um und betrachteten die Wand. Schließlich verbeugten der Caplan und der Sprecher sich tief gegen einander, der Caplan zog mit seinem Gebetbuch ab und der Sprecher setzte sich bequem in seinen hohen geschnitzten Baldachinsessel zurück. Man erledigte einige geschäftliche Mittheilungen, dann wurde die zweite Lesung der irischen Vorlage beantragt, und zusehends füllte sich jeder Sitz-, ja fast jeder Stehplatz dieses verhältnißmäßig kleinen Raums.

Den Reigen eröffnete Mac Swiney, ein Nebenbuhler Parnell’s, und mit geballter Faust schmetterte er leidenschaftliche Anklagen gegen die Regierung, gegen Balfour (den irischen Staatssecretär) heraus. In immer heftigeres Feuer gerieth der kleine, etwas aufgedunsene Celte, er schäumte vor dem Mund, es zuckten ihm die Glieder.

Auf der Ministerbank dehnte sich der lange irische Staatssecretär; sein überkreuzter, sorgfältig beschuhter Fuß war in gleicher Höhe mit dem hintenüber gesunkenen vergeistigten, etwas blasirten Gesicht, sanft waren die Augen geschlossen.

Da hörten die schrill geschrienen Perioden auf, und nachdem der frenetische Jubel der Iren verbraust war, erhob sich langsam Balfour’s schlanke, noch jugendliche Gestalt. Mit gedämpfter, nachlässiger Stimme bat er um Entschuldigung, wenn er den persönlichen Anklagen des verehrten Mitgliedes für X..... augenblicklich nicht die nöthige Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Es wäre manchmal etwas schwer, mit der nöthigen Frische zu reagiren, unwillkürlich stumpfte das Gefühl sich ab. Und aus der Tasche einige Zeitungsabschnitte irischer Localblätter ziehend, verlas er mit milder, matter Stimme einige gegen ihn geschleuderte rabiate Beschuldigungen, die in ihrer unfreiwilligen Komik geradezu zündend wirkten. Dann reckte er sich etwas in die Höhe und widerlegte an der Hand statistischer Zahlen und officieller Berichte die Behauptungen des Vorredners.

Unterdessen war Gladstone hereingetreten und saß Balfour gegenüber, weit vorgebeugt, die Hand am Ohr, seinen jungen Nebenbuhler mit den tief auflodernden Augen verschlingend. Dann erhob er sich zum Wort, nur der Tisch des Hauses trennte die Beiden, trennte den gewaltigen Führer vergangener Generationen von dem Führer einer kommenden. Gemessen und würdevoll rollte das reiche Gefüge der glänzenden, tönenden Sätze dahin, den berühmten „goldenen“ Klang seiner Stimme hatten die mehr als achtzig Jahre nicht gedämpft; er ist ein imponirender Greis. Es war eine prachtvolle oratorische Leistung, und ich weiß nicht, weshalb sie mich nicht so hinriß wie die schneidende, geistvolle, jetzt leidenschaftlich bewegte Entgegnung Balfour’s.

Was nun noch folgte, fiel außerordentlich ab; gern nahmen wir die Einladung eines Abgeordneten an und gelangten durch lange, gothische Gänge in die natürlich ebenfalls gothischen Speiseräume, wo man zwischen acht und neun zu Mittag ißt, während im Sitzungssaal einige redebegierige Lückenbüßer die Stenographen beschäftigen. Da Lord Randolph Churchill, auf den ich mich gespitzt hatte, schließlich doch nicht sprechen wollte, empfahlen wir uns nach Tisch, und wieder kramte Hoyen aus seiner Tasche eine Menge Einladungskarten zum heutigen Abend hervor, um einen sinnreichen Schlachtplan zu entwerfen. Dann fiel ihm ein, daß er einer guten Bekannten schon lange versprochen hatte, ihre Schöpfung, ein „Music Hall“ im Osten Londons, zu besuchen, und da dieses mir durchaus einleuchtete, gelangten wir auf der Stadtbahn in eine der schlimmsten Gegenden des schlimmen Londoner Ostens.

Vor einem großen, hell erleuchteten Gebäude hielten wir an, lösten Billete (Fremdenloge zu einer Mark) und befanden uns in einem stattlichen roth und gold ausgemalten Theaterraum. Auf der offenen Scene sang eine Dame im Ballstaat ein gefühlvolles Lied, den Zuschauerraum füllte eine ärmlich gekleidete Menge, welche aufmerksam lauschte und am Schluß der Ballade lebhaften Beifall spendete. Die Schriftführerin, Miß Mount Dawling, hatte Hoyen erkannt, setzte sich zu uns und erzählte, wie einige wohlhabende Bekannte sich vor etwa fünf Jahren zusammengethan und dieses im allerschlimmsten Verruf stehende „Music Hall“ (Tingel-Tangel) aufgekauft hätten. Sie wünschten recht allmälig vorzugehen und deshalb Theile des alten Repertoires mit herüberzunehmen, doch war unter den Hunderten von Liedern kein einziges unanstößiges zu finden. Jetzt gibt es dreimal wöchentlich richtige Music-Hall-Vorstellungen mit leichten, aber anständigen Liedern, mit Tausendkünstlern und Specialitäten aller Art; an einem Abend findet, wie heute, ein besseres Concert statt, zu dem man oft recht bedeutende Künstler heranholt, an einem anderen Abend gibt es populäre wissenschaftliche Vorträge mit Transparentbildern, einmal wöchentlich veranstalten vornehme Damen und Herren aus dem Westen ein Dilettantenconcert, und jeden Sonntag gibt es geistliche Musik. Alle Vorstellungen werden von der nur den untersten Schichten angehörenden dichtbevölkerten Nachbarschaft gut besucht, das geringe Eintrittsgeld wird gern bezahlt und in ganz auffallender, unverhoffter Weise hat sich das Benehmen dieser Leute verändert. Während sonst tumultuarische Auftritte und der schlimmste „Radau“ in einem fort die frühzeitige Schließung der Vorstellungen bedingte, während sonst, trotz einer ständigen Polizeiabtheilung, mehrere Morde alljährlich in diesen nämlichen Räumen stattfanden, wird jetzt auch die kleinste Ruhestörung, auch die geringste Unschicklichkeit von den Zuschauern selbst durch unweigerliche Entfernung des Schuldigen bestraft. Früher war es durchgängig Sitte, daß die jungen Fabrikarbeiterinnen auf dem Schoß ihrer Begleiter saßen, nachdem ihnen aber Seitens der stets anwesenden Vorstandsdamen nahegelegt wurde, daß solches Betragen nicht recht „ladylike“ und hübsch sei, unterblieb es. Während einer Pause gingen wir in den breiten Gängen und Erholungsräumen, wo leichte Erfrischungen zu kaufen waren, herum, und unsere Begleiterin unterhielt sich mit einigen ihrer besonderen Freunde, Waschfrauen, Briefträgern, Ladenmädchen, Werftarbeitern und dergl. Die größte Ueberraschung des Abends war aber vielleicht die spontane Begeisterung, welche eine neu aufgefundene, verzopfte Händel’sche Arie erweckte. Dieselbe war in der That schön, doch hätte man sie bei uns nur etwa einem Singakademie-Publicum zu bieten gewagt, und ich constatire diesen Geschmack des als unmusikalisch verschrieenen englischen Volkes, ohne eine Erklärung zu bieten. Auch ist es Zeit, zu schließen — ich umarme Alle, und Thilda ganz besonders.

Euer
Udo.