IX.

Harting Hall.

Vielen Dank, liebe Eltern, für die willkommenen Briefe und Nachrichten. Thilda’s Tennissieg erfüllt mich mit Stolz und Bewunderung!

Soeben habe ich meinen ersten, unverfälschten englischen Sonntag absolvirt und den Eindruck einer anheimelnden, poetisch verklärten Langeweile davongetragen. Um halb elf begannen die Glocken zu läuten; jede Kirche hat ihr eigenes, eng mit dem Heimathsgefühl verwachsenes Glockenspiel, und in der tiefen sonntäglichen Stille hörte man das schwache Läuten weit entfernter Kirchen. Unterdessen versammelten wir uns, äußerst schön gekleidet, in der Halle und schlenderten zu Fuß (nur im Nothfall beraubt man Kutscher und Pferde ihres Ruhetages) durch Garten und Park nach der gleich anstoßenden Kirche. An die Eingangspforte und an die schlichten Grabsteine lehnten sich leise schwatzende Männer und Knaben mit rothen Händen und steifen, schwarzen Röcken. So standen allsonntäglich an dieser Stelle ihre Vorahnen herum, und so werden ihre Enkel es ebenfalls thun.

Unsere Gesellschaft vertheilte sich auf die alten, geschnitzten Bänke, rings herum hingen Grabinschriften vergangener Farringham’s; durch ein hohes Bogenfenster fiel grünliches Licht auf die liegende Statue eines Ritters. Im Chor saß die Dorfjugend und sang die Responsorien, Psalme und Choräle mit kräftigen Lungen und anzuerkennendem guten Willen. Der Altar war reich mit bestickten Sammetdecken belegt, und weiße Rosen füllten die streng geformten, messingnen Gefäße. Nach der kurzen, hausbackenen Predigt verließ ein Theil der Gemeinde die Kirche, während alles Uebrige, auch unsere ganze Gesellschaft, am Abendmahlsgottesdienst Theil nahm. Ich verließ meinen Sitz, blieb aber unten in der Kirche stehen. Obgleich die Feier monatlich stattfindet und keine besonderen Kleiderbestimmungen oder äußere Vorbereitungen wahrnehmbar sind, erschien mir die Ceremonie mit der schönen, uralten Liturgie durchaus würdevoll und feierlich, und die Gemeinde machte einen gerührten und gesammelten Eindruck. Nachher gingen wir Alle bis zum Luncheon in den Gärten und Gewächshäusern herum, und Nachmittags unternahmen Agneta und ich einen längeren Spaziergang nach einer hübsch gelegenen Pfarre, wo wir mit den Töchtern des Hauses in der rosenumrankten Veranda den Thee tranken. Unser Weg führte durch üppige Fluren und Felder: unter Bäumen versteckt lag eine graue, verschimmelte Mühle am Wasser, hinter der Hecke saßen heitere Kinder und sangen Choräle unter Anführung der eben erwachsenen älteren Schwester. Ueber den Wiesen, unter den Weiden zogen ferne Gestalten nach der Kirche. Als wir heimkehrten, saß die anmuthige, kleine Mrs. Willoughby Greene unter den Cedern auf dem Rasen, um sie herum ihre vier Kinder, und Alle in eine Bilderbibel vertieft, aus welcher sie Geschichten erzählte.

Das Mittagessen wurde des Ruhetages wegen etwas vereinfacht, und vor dem Schlafengehen gab es eine Abendandacht, in der Lord Marsh ein längeres Gebet improvisirte. Vorher hatte Mrs. Polmache sich meiner sie geradezu erschreckenden Unwissenheit betreffs der Strömungen im englischen religiösen Leben erbarmt, und in meinem Kopf schwirrt es bedenklich von high, broad und low-church, von Secten und atheistischem Unfug.

Außerdem ist es spät — also lebt sämmtlich recht wohl. Stets

Euer liebender
Udo.