V.
Marwood Cottage, Haslemere.
Liebe Eltern!
Hier ist es fabelhaft hübsch, durch das winzige Fenster klettern Rosen, dann kommen jenseits vom Rasen lange Rabatten von Lilien und Mohnblumen, dann saftige, sonnige Wiesen und schattige Bäume, und dann wieder Viehweiden und Hecken und immer dunstiger werdende Bäume, und endlich ferne, umflorte, blaßblaue Berge. Die Gegend erscheint still und weltentrückt, und erst beim längeren Herumspazieren zeigen sich die von Bäumen und Büschen umstandenen malerischen Gehöfte und die vielen neuen Häuschen im gefälligen, anspruchslosen „cottage“-Stil, d. h. rother, leicht verwitternder Backstein, unregelmäßige Giebel, Erkerfensterchen, ein kleines Hauptportal, Alles von Jelängerjelieber, Clematis und Heckenrosen umrankt. Hier und da gibt es auch alte herrschaftliche Landhäuser, hier und da haben reiche Londoner Kaufherren sich prachtvolle Besitzungen geschaffen, aber besonders häufig und für die Gegend besonders charakteristisch sind diese anheimelnden „cottages“, in welche Maler, Schriftsteller und Gelehrte sich aus der Großstadt herausflüchten. Jeder sich neu anbauende Mensch gilt natürlich anfänglich als Volksfeind, der aus krassem Egoismus diese unberührte Ländlichkeit zu zerstören gedenkt. Die Gefahr liegt ja auch nahe, aber noch verbergen die üppigen Bäume jedwede Londoner Eindringlinge, und der hier bestehende geistig angeregte Verkehr kommt wohl sonst auf dem Lande nicht leicht wieder vor.
Die Euston Browns gehören zu den „ästhetischen“ Kreisen, welche die gute Miß Stevens uns so oft und so begeistert beschrieb. Während aber ihre Bekannten den Ruskin, Dante, Botticelli und die Hochkirche anhimmelten, schart sich die Euston Brown’sche Gemeinde um Swinburne, Schopenhauer, Wagner, Villon, die „Décadents“ und ähnliche Herrschaften. Ich braver Märker kam mir natürlich etwas entgleist vor, doch Hoyen macht auch dieses mit und erwähnte bereits in der ersten Stunde die „Princesse Maleine“, den „Uebermenschen“ und Whistler. Unsere Wirthe sind beide noch jung, sie ist blaß, schmal, nicht eigentlich hübsch, wenn ihr auch gestern Abend ein matt-lila faltiges Kleid aus schmiegsamer Seide und der Reif antiker Münzen in den zerzausten braunen Locken vorzüglich stand. Er trägt Jacken und Kniehosen aus Sammet, hat längliches Haar, ist aber im Uebrigen wirklich ein durchaus netter, anständiger Mensch. Seine Bilder sollen von mehreren Collegen und einem Kritiker außerordentlich geschätzt werden; sie sind „Naturempfindungen“, und man muß sie aus einer möglichst großen Entfernung besehen. In Anbetracht der Kleinheit des Hauses stellten wir uns im Eßzimmer auf und sahen durch die offene Thür über den Flur in das Atelier, wo die Staffelei sich ganz hinten befand. Erst starrte man perplex auf einzelne Farbenflecke, dann allmälig bekam man den Eindruck von Nebel und Nässe und einem einsamen Schaf, oder von ebbender Fluth und abendlichem Dunst und einem geflickten Netz — aber schließlich empfand man doch wirklich die betreffende Stimmung und wurde wirklich dorthin versetzt.
Zu Tisch hatten sie einige Nachbarn, den berühmten Professor Tuxley und den Schriftsteller Dennison geladen. Tuxley machte einen recht humanen Eindruck und erzählte in interessanter Weise über seinen Collegen Darwin; der Andere ist Hauptapostel der Comtisten in England und ritt geistvolle Principien nach Tisch. Die Unterhaltung war eine allgemeine, an der auch die Damen sich lebhaft betheiligten. Ich saß neben Miß Tuxley, einer wohlgenährten, vergnügten Lehrerin der Mathematik in einem Oxforder Frauen-College und neben der schönen Mrs. Dennison, welche ihre sieben Kinder nach Comtistischen Grundsätzen in ursprünglicher Einfachheit erzieht. Das Essen war anspruchslos, aber auf das Sorgfältigste zugerichtet, nur ein Wein wurde herumgereicht; der Tisch war allerliebst mit schillerndem venetianischen Glas, mit Heckenrosen und Zittergräsern geschmückt.
Da die Euston Browns ein sehr geringes Vermögen besitzen und seine Kunstwerke noch nie einen zahlungsfähigen Liebhaber fanden, müssen sie sich einschränken, und die junge Hausfrau erzählte mir, daß sie mit einem Dienstmädchen und dem Stalljungen auskommen und daß sie in Folge dessen sich die ersten drei bis vier Morgenstunden auf das Eingehendste mit der Wirthschaft beschäftigt. „Zum Luncheon bin ich aber fix und fertig, und mein Mann verlangt, daß ich den übrigen Tag mit ihm spazieren gehe, Tennis spiele, musicire, Besuche mache und die häuslichen Angelegenheiten, die kleinen Miseren nie mit einer Silbe erwähne.“ Ihre ultra-subtilen, etwas überspannten ästhetischen und ethischen Ansichten scheinen ihren praktischen Menschenverstand aber keineswegs zu beeinträchtigen, denn als wir drei Herren von einem längeren Spaziergang kurz vor dem Luncheon zurückkamen, lag Frau Enid im weißen Kleid in der Hängematte unter den Apfelbäumen und las Rossetti’sche Gedichte, während das kleine Hauswesen auf das Netteste und Pünktlichste geordnet war.
Am Nachmittag fuhr mich Euston Brown im kleinen Wägelchen nach dem Schauplatz von Armgard’s Lieblingsroman, „Robert Elsmere,“ nach der Pfarre, wo er und Catherine die ersten, ereignißreichen Ehejahre verlebten. Mrs. Humphrey Ward hatte dieses Haus einen Sommer über bewohnt und sich in ihrem Buch ganz streng an die Oertlichkeit gehalten. Der Pfarrer findet sich mit gutem Humor in die Rolle des „Nachfolgers“ und zeigte uns die verschiedenen Zimmer und die verschiedenen Stellen im Garten, wo diese erfundenen Auftritte, die doch viel tausend Menschen bewegt haben, sich abspielten. Von „Robert Elsmere’s Pfarrhaus“ wissen jetzt aber leider auch Andere, und diesen Sommer lagerten wißbegierige Amerikaner in den benachbarten Feldern, mit Operngläsern und Butterbrot versehen. Recht ähnlich war aber auch unser Betragen, als wir einen abgelegenen, von Haidekraut und Farren bedeckten Bergrücken bestiegen, um von dort aus nicht nur die weite Aussicht aus das bewaldete hügelige Land zu genießen, sondern auch mit Feldstechern das nur von diesem hohen Standpunkt aus ersichtliche, in Waldungen sorgsam versteckte Haus des großen, halb mythischen Einsiedlers Tennyson zu erspähen.
Abends gehen wir mit den Euston Browns zu einem reichen Ingenieur. Auf einer dieser Anhöhen soll er sich ein wahres Paradies erschaffen haben; außerdem ist er leidenschaftlicher Wagnerianer, und nach Tisch wollen die hervorragendsten Londoner Musiker nach Kräften götterdämmern.
So nimmt dieser erste englische Sonntag einen recht unerwarteten Verlauf, ist aber auch, wie Hoyen mir eindringlich vorhält, keineswegs der echte, typische, sondern nur die Abart einer vorgeschrittenen Londoner Sippe. Ich wollte besagten Sonntag noch benutzen, um mich recht eingehend für Eure Briefe zu bedanken, doch reicht weder Zeit noch Papier und ich schließe, von Herzen
Euer
Udo.
Nachtrag. Früh morgens.
Schließlich verlief der gestrige Abend ganz anders. Kaum war obige Epistel beendet, als Hoyen aufgeregt auf mein Zimmer kam und mir verkündete, ich hätte frevelhaftes Glück. Er sei eben einer Mrs. Groven begegnet, welche ihn und mich gleich auf der Stelle zum heutigen Mittagessen eingeladen hätte, wir würden ihre Nichte Dolly Vere und mehrere der leitenden „Seelen“ bei ihr treffen. Mein Gesichtsausdruck war wohl auffallend unintelligent, denn Hoyen, peinlich berührt, fuhr fort: „Du willst mir doch nicht einreden, daß Du fast eine Woche in England verbracht hast, ohne von Dolly Vere und ohne von den ‚souls‘ gehört zu haben?“ Beschämt gab ich es zu, und nun erläuterte er mir, daß Dolly Vere die berühmteste unverheirathete Dame von ganz England sei. Sie wäre die kühnste Reiterin, die beste Tänzerin, hätte ein überraschend klares und feines Urtheil über Menschen, Kunst und Literatur, sei schlagfertig im Wortgefecht und übersprudelnd von originellen Einfällen. Sie hätte Dutzende von Herzen gebrochen oder wenigstens dauernd beschädigt, ein sehr gelesener satirischer Roman wäre kürzlich über sie erschienen, und die bedeutendsten Menschen suchten ihre Bekanntschaft. Jetzt bildet sie zugleich mit Arthur Balfour unbestritten den Mittelpunkt der „Seelen“, d. h. des neuesten „inneren Kreises“, welcher alle höhere, geistige, ethische und künstlerische Cultur für sich pachtet. „Bester Willy,“ bat ich demüthig, „gehe lieber allein hin; ich habe überreichlich viel Geist in den letzten vierundzwanzig Stunden genossen! Ich bin ein simpler preußischer Assessor und zukünftiger Landjunker und mache faktisch keine Ansprüche darauf, eine ‚Seele‘ zu sein, noch zu ‚Seelen‘ zu passen.“ Aber Hoyen kannte kein Erbarmen. Die Euston Browns hätten sich über unser unverhofftes Glück so gefreut, hätten es mir speciell so gegönnt und würden uns beim Ingenieur schon entschuldigen. Alles wäre eingerichtet, und ich sei schauderhaft undankbar gegen meinen Stern.
Das war ich auch, denn bewußt oder unbewußt war die Gesellschaft höchst unterhaltend.
Wir hatten uns Alle im Wohnzimmer versammelt, ehe die berühmte Miß Dolly hereinkam, und bei ihrem Erscheinen war es, als ob eine gesteigerte Vitalität uns durchfuhr. Es liegt etwas geradezu ansteckend Lebhaftes in ihren sprühenden dunkeln Augen, in ihrem wirren kohlschwarzen Haar, in ihren feinen, zuckenden Lippen. Jede Bewegung der schlanken, von rauschender gelber Seide umflossenen Gestalt hat eine eigenthümliche, nervöse Grazie, und ohne laut zu sein, hat ihre Stimme, ihr Lachen eine vibrirende, aufregende Färbung. Als wir eben zu Tisch gingen, rief sie entsetzt, wir wären ja Dreizehn, das sei gegen ihre Grundsätze, und sie würde sich einen Vierzehnten besorgen. Resignirt setzte sich ihre Tante wieder hin, sanft bemerkend: „Wen Dolly uns nur holen wird? Wahrscheinlich Bob“ (die betreffende junge Dame reist immer mit zwei Reitpferden und ihrem Groom). Es war aber nicht der Groom, sondern das Skelet aus dem Laboratorium des seligen Hausherrn, mit welchem sie triumphirend zurückkehrte. Matt protestirte die Tante, aber Dolly bestand auf den Vierzehnten ihrer Wahl, ging Arm in Arm mit dem fletschenden Klappergerüst zu Tisch und setzte dasselbe mit liebender Sorgfalt auf den Stuhl zu ihrer Seite.
Der stumme Gast störte augenscheinlich keinen, denn ein gewandteres, interessanteres Tischgespräch habe ich wenigstens noch niemals gekannt. Mit unmerklichen Uebergängen glitt man von einem Gegenstand zum anderen, von Paul Verlaine auf Charcot’sche Versuche, von der Tragweite der Belfastischen Riesenversammlung auf die Charakterentwicklung des deutschen Kaisers, vom psychologischen Problem des jetzt zur Verhandlung kommenden Mordes auf Burne Jones’s letzte Schöpfung. Dolly Vere und ein junger Parlamentarier, Reginald Pane, gaben den Ton an, ohne das Gespräch jedoch an sich zu reißen, alle Uebrigen hatten ihr Wörtlein zu reden, konnten aber auch meisterhaft zuhören. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir der hinreißende Zauber, den französische Salons in den alten Zeiten ausübten, an einem lebenden Beispiel erläutert.
Nach Tisch zogen wir Alle, der englischen Sitte schnurstracks entgegen, in das anstoßende Treibhaus, wo man sich paarweise in den lauschigen verstreuten Rohrstühlen niederließ, Cigaretten rauchte und gründlich „flirtete“. In einem von Palmen, Venushaar und Schlingpflanzen geformten Versteck saß ich einträchtiglich auf einer kleinen Bank mit der hübschen Lady Olivia, und sie erzählte mir von den Einflüssen ihrer Jugend und von ihrer seelischen Entwicklung. Sie erzählte gut, hatte weiche, weiße Arme und schläfrige, halb verschlossene Augen; so war ich keineswegs beglückt, als aus dem Nebenraume Klänge ertönten und einige vorbeihuschende Paare uns zuriefen, wir müßten augenblicklich ins Wohnzimmer, Dolly würde tanzen. (Alle Seelen, Männlein wie Fräulein, nennen sich beim Vornamen und in Momenten großer Erregung küssen sie sich öfters.)
Vor einem großen Spiegel, in der mit japanischer Goldtapete bekleideten Wand, führte Miß Vere in einem faltigen, schillernden Gazegewand einen Serpentintanz vor. Bald war er schmachtend, bald wild belebt. Ich harmloser Mensch kannte so etwas bisher nur von „Ronacher“ oder vom „Wintergarten“, und der Gedanke, daß ein hoffähiges, junges Mädchen dergleichen producirte, war mir etwas verblüffend. Freilich so poetisch war mir noch niemals ein Tanz vorgekommen, und wieder schien jede Bewegung, jedes Lächeln dieser Dolly eine erhöhte Vitalität um sich her zu verbreiten — sie ist eben eine Persönlichkeit.
Die ganze Nacht hat sie mir vorgespukt, und ich habe verwünscht schlecht geschlafen.