Der dankbare Gatte.

Eine Dame fuhr einmal mit ihrem Söhnchen durch die Hauptstraße einer großen Stadt, als plötzlich die Pferde scheu wurden und in wildem Laufe davonjagten. Der Kutscher ward vom Bock geschleudert und die Insassen des Wagens bebten vor Todesangst. Aber ein wackerer Jüngling, der gerade mit seinem Gemüsewagen des Weges fuhr, fiel den durchgehenden Pferden in die Zügel und es gelang ihm mit Gefahr seines eigenen Lebens, sie in ihrer Flucht aufzuhalten. Die gerettete Dame ließ sich seine Adresse sagen und erzählte daheim die Heldenthat ihrem Gatten (der das Buch mit den moralischen Erzählungen gelesen hatte). Dieser vergoß Thränen der Rührung bei dem erschütternden Bericht und dankte im Verein mit seinen ihm wiedergeschenkten Lieben dem Allgütigen, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, für die wunderbare Hilfe. Dann sandte er nach dem wackern, jungen Mann, überreichte ihm einen Wechsel auf 500 Dollars und sagte: »Nimm dies zum Lohn für deine edle That, William Ferguson, und wenn du je eines Freundes bedarfst, so erinnere dich, daß Thomas Spadden ein dankbares Herz hat.«

Laßt uns hieraus lernen, daß jede gute That dem der sie thut, nützt und frommt und wenn er auch aus dem niedrigsten Stande wäre.

Fortsetzung.

In der folgenden Woche fand sich William Ferguson bei Herrn Spadden mit der Bitte ein, er möge ihm durch seinen Einfluß eine bessere Beschäftigung verschaffen, da er Größeres leisten könne, als den Gemüsewagen zu fahren. Herr Spadden verhalf ihm denn auch zu einer Bureaustelle mit gutem Gehalt.

Bald darauf wurde Williams Mutter krank und er – doch ich will mich möglichst kurz fassen: Spadden willigte ein, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Nicht lange, so fühlte sie Sehnsucht nach ihren jüngern Kindern, worauf Marie, Julie und Jaköbchen gleichfalls bei Spadden Aufnahme fanden. Jaköbchen hatte ein Taschenmesser, mit dem er sich eines Tages allein ins Wohnzimmer begab, und ehe noch Dreiviertelstunden vergingen, war das Mobiliar, welches etwa zehntausend Dollars gekostet hatte, so von ihm bearbeitet worden, daß sein Wert sich nicht mehr schätzen ließ. Einige Tage später fiel Jaköbchen die Treppe hinunter und brach den Hals. Siebzehn Anverwandte kamen in das Haus, um seiner Leiche zu folgen. Bei der Gelegenheit wurden sie dort bekannt und fanden sich seitdem häufig in der Küche ein. Auch bekamen die Spaddens vollauf zu thun, um ihnen nicht nur einmal Stellen zu verschaffen, sondern auch immer von neuem wieder, wenn sie Abwechslung brauchten.

Die alte Frau Ferguson war trunksüchtig und führte oft gottlose Reden: da hielten es denn die Spaddens, aus Erkenntlichkeit gegen den Sohn, für ihre Pflicht, sie von diesen Lastern zu bekehren und widmeten sich der Aufgabe mit hohem Edelsinn. William kam häufig, erhielt immer kleinere Geldbeträge und forderte immer höhere und einträglichere Beschäftigung, zu welcher ihm die dankbaren Spaddens mehr oder weniger rasch verhalfen. Nach verschiedenen Einwendungen verstand sich Spadden sogar dazu, William auf die Universität zu schicken; als aber der Held vor den ersten Ferien das Verlangen stellte, man möge ihn aus Gesundheitsrücksichten nach Europa reisen lassen, da empörte sich der bedrängte Spadden endlich gegen seinen Tyrannen. Er schlug ihm die Forderung rundweg ab.

William Fergusons Mutter war darüber so verblüfft, daß sie die Schnapsflasche fallen ließ und eine Verwünschung ihr in der Kehle stecken blieb. Als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte, stieß sie keuchend hervor: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Wo wäre Ihre Frau und Ihr Junge jetzt ohne meinen Sohn?«

William sagte: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Sagen Sie einmal – habe ich Ihrer Frau das Leben gerettet oder nicht?«

Sieben Anverwandte liefen aus der Küche herbei und sagten einer nach dem andern: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit?«

Williams Schwestern standen starr vor Verwunderung. »So also beweisen Sie – –« fingen sie an, kamen jedoch nicht weiter, da ihre Mutter sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme unterbrach und rief: »Und im Dienst eines solchen Ungeheuers hat mein seliger kleiner Jakob sein teueres Leben geopfert!«

Da schwoll dem empörten Spadden der Mut und in der Erregung des Augenblicks rief er voll edlen Zornes:

»Hinaus aus meinem Hause, ihr Bettlerpack! Ich weiß es jetzt, jenes Geschichtenbuch hat mich bethört, aber es soll mich nie wieder zum Narren halten. – Ja, du hast meiner Frau das Leben gerettet,« donnerte er William an, »und dem nächsten, welcher das thut, mache ich auf der Stelle den Garaus!« –


Zum Schluß bemerke ich noch, daß sich die Geschichte mit William Ferguson in meiner persönlichen Bekanntschaft wirklich zugetragen hat; doch sind von mir alle Einzelheiten dergestalt verändert worden, daß William sein Spiegelbild nicht wiedererkennen wird.

Jeder Leser dieser Skizze ist wohl einmal den ›Beispielen des Guten‹ gefolgt, von welchen die Bücher berichten, und hat in irgend einer schönen, begeisterungsvollen Stunde seines Lebens eine edelmütige That vollbracht. Es wäre mir lieb zu erfahren, wie viele dieser Großmütigen Lust haben, über jenes Erlebnis nachträglich zu reden und sich gern an die Folgen erinnern lassen, welche aus demselben entstanden sind!? –