Die 1 000 000 Pfund-Note.
Mit siebenundzwanzig Jahren nahm ich in San Francisco eine Stellung auf dem Kontor eines Minenmaklers ein und hatte mir dabei eine gründliche Kenntnis dieses Geschäftszweiges erworben. Ich stand allein auf der Welt, nichts nannte ich mein eigen als meinen gesunden Verstand und einen fleckenlosen Ruf, und diese beiden Güter hatten sich mir bisher als kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, frohen Mutes schaute ich also in die Zukunft.
Sonnabends hatte ich den Nachmittag für mich und brachte diese freie Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in einem kleinen Segelboot in der Bucht herum tummelte. Eines Tages wagte ich mich zu weit hinaus und wurde in die offene See getrieben. Schon brach die Nacht herein, meine letzte Hoffnung begann zu schwinden, da nahm mich eine kleine Brigg, die auf ihrem Weg nach London vorüber segelte, an Bord.
Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das Reisegeld als gemeiner Matrose abdienen. In zerlumpten, abgeschabten Kleidern stieg ich in London ans Land, einen einzigen Dollar in der Tasche. Dafür verschaffte ich mir Nahrung und Obdach für die ersten vierundzwanzig Stunden. Die folgenden vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese schätzenswerten irdischen Güter.
Am folgenden Morgen schleppte ich mich, müde und hungrig, – es mochte etwa zehn Uhr sein – an Portland-Place vorüber, als ein Kind, das an der Hand seiner Wärterin des Weges kam, eine köstliche große Birne, die es eben erst angebissen hatte, in den Rinnstein fallen ließ. Ich machte natürlich sofort Halt und heftete meinen begehrlichen Blick auf diesen schmutztriefenden Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen bäumte sich, jede Faser an mir lechzte darnach. Aber so oft ich Miene machte nach der Birne zu greifen, bemerkte jedesmal das Auge eines Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich richtete ich mich dann stets wieder kerzengerade auf und nahm eine gleichgiltige Miene an, als hätte ich überhaupt niemals im entferntesten an diese Birne gedacht. So ging es immer und immer wieder, und ich konnte ihrer nicht habhaft werden. Meine Verzweiflung hatte bereits einen solchen Grad erreicht, daß ich allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe war, die Birne aufzuheben. Da ging hinter mir ein Fenster auf und ein Herr richtete die Worte an mich:
»Bitte, kommen Sie hier herein.«
Ein reich galonnierter Lakai ließ mich ein und führte mich in ein kostbar eingerichtetes Zimmer, in welchem zwei ältliche Herren saßen. Nachdem sie den Diener weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz zu nehmen. Sie waren eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden, und der Anblick seiner Ueberreste ging fast über meine Kräfte. Ich vermochte kaum meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese Herrlichkeiten da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht aufforderte, davon zu kosten, so mußte ich mich in meine Lage fügen so gut es ging.
Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, blieb mir selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem Leser dagegen will ich ihn gleich jetzt mitteilen. Die beiden Brüder hatten am Tage vorher einen ziemlich heftigen Disput gehabt, den sie ganz nach Landessitte schließlich in Form einer Wette beilegten.
Die Bank von England hatte seinerzeit einmal bei Gelegenheit eines Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen Macht abschloß, eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von je einer Million Pfund Sterling ausgegeben. Aus irgend einem Grunde war nur die eine der beiden Noten hiebei gebraucht und dann entwertet worden, während die andere noch in den Gewölben der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder im Laufe des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage gekommen: wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten Fremden ergehen würde, der in London auftauchte, ohne dort einen Menschen zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz außer dieser Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, sich über deren Erwerb auszuweisen? Bruder A. behauptete, der Betreffende müsse einfach Hungers sterben, während Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung war. Bruder A. machte geltend, der Besitzer der Note könnte ja die Note weder bei der Bank noch sonst wo anbringen, ohne auf der Stelle festgenommen zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin und her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage lang unfehlbar von der Millionennote leben könne und zwar ohne ins Gefängnis zu kommen. Bruder A. nahm die Wette an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug nach der Bank begab und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht: geradeswegs forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner Angestellten einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen, und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen Tag lang auf einen Vorübergehenden, der darnach aussähe, als käme bei ihm das inhaltschwere Schriftstück in die richtigen Hände.
Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht gescheit genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte der Fall war, viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber diese waren dann entweder nicht arm genug oder, wenn auch dieses stimmte, doch keine Fremden. Stets hatte die Sache irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei mir hatten beide sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in vollem Umfang erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu man mich eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein eingehendes Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu bestehen, infolgedessen sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte bekannt waren; das Ergebnis war: ich sei ganz der richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte, das sei mir höchst erfreulich, ich bäte nur, mir sagen zu wollen, worin dieses bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der Beiden einen verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darin sei die Erklärung enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres öffnen, allein er ließ dies nicht zu; ich solle denselben nur mit nach Hause nehmen, den Inhalt aufmerksam ansehen und dann mit vollem Bedacht und ruhiger Ueberlegung handeln. Einigermaßen verdutzt meinte ich, es wäre mir doch lieber, wenn die Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie ließen sich jedoch nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn, tief gekränkt über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit mir erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, in der ich mir diesen Schimpf von so reichen und mächtigen Leuten ganz ruhig mußte gefallen lassen.
Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor aller Welt verzehrt, aber sie war nicht mehr da. Also auch um sie hatte mich die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung war nicht dazu angethan, mich den beiden alten Herren gegenüber sanfter zu stimmen. Sobald ich aus der Sehweite des Hauses war, öffnete ich den Umschlag. Ich erblickte eine Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich auf einmal in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche und lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. Nun, wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich nichts mehr in mich hineinging, nahm ich die Note aus der Tasche und faltete sie auseinander. Beim ersten Blick darauf wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Fünf Millionen Dollars!! Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen Vorstellung.
Eine volle Minute dauerte es, bis ich aus der Betäubung, in welche mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder ordentlich zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, war der Wirt. Wie versteinert stand er da, starr den Blick auf die Banknote gerichtet. Es sah aus, als sei er vor lauter Verzückung nicht mehr imstande ein Glied zu rühren. Augenblicklich hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei dieser Sachlage der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note hin und sagte dabei in ganz unbefangenem Tone:
»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.«
Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. Er erschöpfte sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei die Note zu wechseln, und wollte sie um keinen Preis annehmen. Nur anschauen wollte er sie, immer wieder anschauen; es war, als könnte er sich nicht satt daran sehen; vor ihrer Berührung dagegen scheute er zurück, als wäre es ein geweihter Gegenstand, viel zu heilig für die Hände eines Sterblichen.
»Es thut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann ich wieder, »allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf die Note herausgeben, ich habe kein Geld sonst.«
Das mache ganz und gar nichts, versetzte er, er lasse diese unbedeutende Zeche ganz gern bis zum nächstenmal stehen. Ich erwiderte, es könne lange dauern, bis ich wieder bei ihm vorbei komme; allein er versicherte abermals, das habe nichts auf sich, er könne wohl warten, ich könne überhaupt zu jeder Zeit bei ihm haben was ich wolle und den Betrag dafür stehen lassen, so lange es mir beliebe. Ich werde doch nicht von ihm glauben, daß er einem so reichen Herrn wie ich, bloß deshalb kein Vertrauen schenke, weil ich ein lustiger Kauz sei, der zum Ulk gerne in geringer Kleidung unter die Leute gehe. Unterdessen hatten sich weitere Gäste eingefunden; auch jetzt gab er mir noch durch Zeichen zu verstehen, ich solle das Ungetüm doch nur wieder einstecken; und als ich fortging, machte er einen Bückling um den andern hinter mir drein bis zur Thür. Ich machte mich schnurstracks wieder auf den Weg nach der Wohnung des Brüderpaars, um die Leutchen von der vorgekommenen Verwechslung in Kenntnis zu setzen, ehe ich durch polizeiliche Nachforschungen hiezu veranlaßt würde. Es war mir gar nicht recht wohl bei der Sache, ja, ich hatte eigentlich ganz gehörig Angst, obwohl mich natürlich durchaus keine Schuld traf. Aber ich kannte die Welt und wußte nur zu wohl, daß, wenn jemand aus Versehen einem Bettler statt einer Einpfundnote eine Millionenbanknote giebt, er unfehlbar in eine gräßliche Wut auf den armen Teufel gerät, anstatt sich für seine Kurzsichtigkeit nach Gebühr an der eigenen Nase zu fassen. Als ich in die Nähe des Hauses kam, begann sich meine Aufregung etwas zu legen, denn da war alles still und ruhig. – Offenbar war der Streich noch nicht entdeckt worden. Ich klingelte. Derselbe Bediente wie das erstemal erschien wieder. Ich fragte nach den beiden Herrn.
»Sie sind fort,« erwiderte er in dem hochmütigen, kalten Ton, den seinesgleichen meist an sich haben.
»Fort? Wohin?«
»Verreist.«
»In welcher Richtung?«
»Wahrscheinlich nach dem Kontinent.«
»Dem Kontinent?«
»Jawohl.«
»Welchen Weg haben sie eingeschlagen?«
»Kann ich nicht sagen.«
»Wann kommen sie denn zurück?«
»In einem Monat, wie sie sagten.«
»In einem Monat! Ach, das ist ja schrecklich! Geben Sie mir doch nur irgend einen noch so entfernten Anhaltspunkt, wie ich ihnen ein Wort zukommen lassen kann. Es ist von der allerhöchsten Wichtigkeit.«
»Kann ich wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gereist sind.«
»Dann muß ich irgend ein Angehöriges der Familie sprechen.«
»Die Familie ist ebenfalls fort, auf Reisen schon seit Monaten – in Aegypten, Indien, glaube ich.«
»Mann, es ist ein ungeheures Versehen vorgekommen. Noch vor Nacht kommen die Herren gewiß zurück. Wollen Sie ihnen dann sagen, ich sei dagewesen und werde so lange immer wieder kommen, bis die Sache in Ordnung sei. Sie dürften also ganz unbesorgt sein.«
»Ich will es ihnen sagen, falls sie zurückkommen, aber ich erwarte sie nicht zurück. Die Herren sagten, daß Sie schon in einer Stunde wieder erscheinen würden, um nachzufragen. Ich solle Ihnen aber nur sagen, es sei alles in Ordnung, sie würden schon zur rechten Zeit zurück sein und Sie erwarten.«
Nun mußte ich mein Vorhaben freilich aufgeben und wieder fortgehen. – Dieses unergründliche Rätsel! Mir war, als müßte ich den Verstand darüber verlieren. Sie würden »zu rechter Zeit zurück sein.« Was konnte das zu bedeuten haben? O, in dem Briefe würde ich vielleicht Aufklärung darüber finden. Den hatte ich ganz vergessen. Ich zog ihn aus der Tasche und las ihn durch. Er lautete:
»Gescheit und ehrlich sind Sie, das sieht man Ihnen am Gesichte an. Wie wir weiter annehmen dürfen, sind Sie außerdem mittellos und fremd. Inliegend finden Sie einen Geldbetrag, der zu einem unverzinslichen Darlehen für Sie auf die Dauer von dreißig Tagen bestimmt ist. Nach Verlauf dieser Zeit sprechen Sie wieder hier vor. Ich habe eine Wette auf Sie gemacht. Gewinne ich sie, so sollen Sie jede beliebige Stellung erhalten, die ich zu vergeben habe – d. h. vorausgesetzt natürlich, das solche Ihrer bisherigen Thätigkeit entspricht und daß Sie die Fähigkeit besitzen, sie auszufüllen.«
– Keine Unterschrift, keine Adresse, kein Datum. –
Nun, da steckte ich in einer netten Klemme. Der Leser kennt ja die Vorgeschichte des Falles, ich selbst dagegen hatte keine Ahnung davon. Für mich war das Ganze lediglich ein unergründliches, dunkles Rätsel. Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, um was es sich bei der Sache handelte und ob es dabei gut oder schlecht mit mir gemeint war. In einer öffentlichen Anlage ließ ich mich auf einer Bank nieder, um hier die Sache gründlich zu überdenken und mich über mein ferneres Verhalten schlüssig zu machen.
Nach Verlauf einer Stunde hatte bei mir an der Hand meiner Erwägungen die folgende Auffassung endgiltige Gestalt gewonnen: Ob es die beiden Herren gut mit mir meinen oder schlecht, ist eine Frage, die ich nicht zu ergründen vermag, – also: ruhig zusehen. Es handelt sich dabei um einen Scherz, eine Idee oder ein Experiment irgend welcher Art, worüber ich ebensowenig ins klare kommen kann, – also wiederum ruhig zusehen. Man ist auf mich eine Wette eingegangen, deren Gegenstand ich unmöglich zu erraten imstande bin – also abermals ruhig zusehen. Damit wären die unfaßbaren Größen abgethan; die übrigen in Betracht kommenden Faktoren sind dagegen sämtlich greifbarer, reeller Art und lassen sich ganz genau zum voraus bestimmen und berechnen. Wenn ich bei der Bank von England darum nachsuche, die Note dem Eigentümer auf Rechnung zu stellen, so wird man allerdings meinem Antrage nachkommen, denn dort kennt man ja seinen Namen, wenn auch ich ihn nicht weiß; aber dann wird man mich weiter fragen, wie ich in den Besitz der Note komme? Sage ich die Wahrheit, so sperrt man mich selbstredend in ein Irrenhaus, lüge ich dagegen, so erhalte ich Quartier in Numero Sicher. Genau ebenso würde es mir ergehen, falls ich versuchen wollte, die Note irgendwo sonst einzulösen oder Geld darauf aufzunehmen. Ich muß diese unerträgliche Last mit mir herumschleppen, bis jene Herren zurückkommen, ob ich will, oder nicht. Sie ist ohne allen Wert für mich, so wertlos wie eine Hand voll Asche, und doch muß ich sie aufs sorgfältigste behüten und bewahren, während ich dabei auf fremde Mildthätigkeit angewiesen bin, um mein Leben zu fristen. Nicht einmal verschenken könnte ich die Note, wenn ich wollte; denn kein ehrlicher Bürger, ja selbst nicht der gemeinste Straßenräuber würde sie annehmen oder das geringste damit zu thun haben wollen. Das Bruderpaar ist in jedem Falle vollkommen gedeckt, – selbst wenn ich die Note verliere oder verbrenne; denn im ersten Falle brauchen sie nur Zahlungssperre zu veranlassen, im zweiten dagegen ersetzt ihnen die Bank den vollen Wert. Ich dagegen muß inzwischen einen ganzen Monat voll unerhörter Qualen durchmachen, ohne im geringsten Entgelt oder Lohn dafür zu erhalten, – wofern ich nicht jene Wette gewinnen helfe, sie mag sich nun beziehen worauf sie wolle, und dafür die mir zugesagte Stellung erhalte. Ja freilich, wenn ich die bekäme! – So große Herren haben oft Pöstchen zu vergeben, nach denen man sich die Finger leckt.
Von dem Gedanken an diesen Posten konnte ich mich nun nicht mehr losreißen. Ich begann, mich mit hochfliegenden Hoffnungen zu tragen. Zweifelsohne war ein glänzender Gehalt damit verbunden, der mit nächstem Monat beginnen mußte, und damit war ich ja dann wieder völlig flott. Diese frohen Aussichten versetzten mich rasch in eine sehr gehobene Stimmung, obwohl ich vorläufig noch immer ziellos in den Straßen umherirrte. Als ich an einem Kleiderladen vorbei kam, erfaßte mich das sehnlichste Verlangen, meine Lumpen abzuwerfen und mich wieder einmal anständig zu kleiden. Konnte ich mir das leisten? Nein, denn ich besaß wohl eine Millionenpfundnote, aber sonst nichts auf der Welt. So zwang ich mich denn, an dem Laden vorüberzugehen. Aber bald stand ich wieder davor. Die Versuchung war zu grausam; gewiß sechsmal ging ich bis an den Laden hin und wieder fort, während ich heldenmütig gegen sie ankämpfte. Aber schließlich gab ich mich überwunden – ich konnte nicht anders. Ich fragte nach einem verschnittenen Anzug, der ihnen vielleicht liegen geblieben sei. Der Bedienstete, an den ich mich gewendet hatte, nickte nur stumm einem andern zu. Als ich auf diesen zuging, wies er mich in gleicher Weise an einen dritten, der mir nun zurief:
»Werde Sie sogleich bedienen!«
Ich wartete, bis er mit seinem augenblicklichen Geschäfte fertig war, dann führte er mich in ein Hinterzimmer, wo er aus einem ganzen Haufen verschnittener Anzüge den schlechtesten für mich heraussuchte. Ich zog ihn an. Er paßte nicht, war auch durchaus nicht hübsch, dagegen war er völlig neu und somit für mich höchst begehrenswert. Ich hatte also nichts daran auszusetzen und bemerkte in etwas unsicherem Tone:
»Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie einige Tage auf den Betrag warten könnten. Ich habe kein kleines Geld bei mir.«
Der Kerl nahm eine unverschämt spöttische Miene an und erwiderte:
»Ach, wirklich! Nun, das habe ich mir gleich gedacht. Herren wie Sie, haben gewöhnlich nur große Scheine in der Tasche.«
Aergerlich über diese Unverschämtheit versetzte ich:
»Lieber Freund, Sie müssen jemand, den Sie nicht kennen, nicht immer nach den Kleidern beurteilen, die er trägt; ich bin wirklich ganz wohl imstande, den Anzug zu bezahlen. Ich wollte Ihnen nur die Mühe ersparen, eine große Note zu wechseln.«
Darauf milderte er seinen Ton ein wenig und erwiderte, immer noch ziemlich von oben herab:
»Ich wollte Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber wenn wir uns denn doch einmal gegenseitig die Wahrheit sagen, so finde ich es nicht gerade am Platze, daß Sie sich daran zu zweifeln erlauben, ob wir auf eine Banknote, die Sie bei sich tragen, auch herausgeben können. Wir geben auf jede heraus.«
»O, das ist etwas anderes; dann bitte ich um Vergebung,« erwiderte ich und reichte ihm die Note hinüber. Mit einem Lächeln nahm er sie entgegen, mit jener Art von Lächeln, die das ganze Gesicht mit einem System von Falten, Runzeln und Schlangenlinien überzieht, wie die Ringe auf einer Wasserfläche, wenn man einen Stein hineingeworfen hat. Als er aber den Blick auf die Note gleiten ließ, wurde dieses Lächeln plötzlich zu Stein und nahm eine graugelbe Farbe an, so daß es aussah, wie die Lavastücke, die man zu wellenförmig gewundenen Gebilden erstarrt an den Abhängen des Vesuv findet. Das war das erstemal in meinem Leben, daß vor meinen Augen ein Lächeln so vollkommen unverändert stehen blieb. Immer noch stand der Mensch, die Note in der Hand, mit demselben Ausdruck da, bis endlich der Prinzipal herbeigeeilt kam, um zu sehen, was denn sei.
»Nun, was giebt's?« fragte er, »was ist los? wo fehlt's?«
»Es giebt gar nichts,« versetzte ich, »ich warte nur auf mein Kleingeld.«
»So geben Sie ihm doch heraus, White, frisch vorwärts!«
»Herausgeben!« rief der Commis, der nun auch wieder zum Leben erwachte, »das ist leicht gesagt; sehen Sie nur erst die Note einmal an!«
Der Prinzipal warf einen Blick darauf, dann pfiff er in vielsagender Weise halblaut durch die Zähne und machte sich über den Haufen verschnittener Anzüge her, indem er sie fortwährend von einer Seite zur andern warf. Dabei machte er seiner Aufregung durch folgendes Selbstgespräch Luft:
»Einem exzentrischen Millionär einen solch unsagbar scheußlichen Anzug zu verkaufen! White ist ein Narr, ein geborener Narr. Immerfort macht er solche Streiche. So oft ein Millionär in den Laden kommt, treibt er ihn mir wieder hinaus, weil er es in seinem ganzen Leben noch nicht so weit gebracht hat, daß er einen Millionär von einem Bettler zu unterscheiden imstande ist. So, da hab' ich, was ich suchte,« wandte er sich nun an mich. »Bitte, legen Sie doch das Zeug da wieder ab und werfen Sie es ins Feuer. Thun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie dafür dieses Hemd an und diesen Anzug hier. Das ist das einzig Richtige, das einzig Wahre – einfach und doch reich, wahrhaft fürstlich und doch nicht im mindesten auffallend. Wurde für eine ausländische Fürstlichkeit eigens angefertigt; der Besteller konnte es aber nicht brauchen und mußte einen Traueranzug dagegen nehmen, weil man meinte, seine Mutter liege im Sterben – und dann starb sie nicht. Aber das ist Nebensache, es geht eben nicht immer wie wir eh, eh – das heißt wie man – Da! die Hosen sind ganz recht, sitzen Ihnen wunderbar. Jetzt die Weste. Aha, ebenfalls vorzüglich! Jetzt den Rock! – Guter Gott, schauen Sie nur her, großartig, unübertrefflich! das Vollkommenste, was je aus meinem Geschäfte hervorgegangen ist.«
Ich konnte nicht umhin, meiner Befriedigung Ausdruck zu geben.
»O gewiß, gewiß. Für einen fertigen Anzug paßt er ja ganz gut, das muß ich selber sagen. Aber warten Sie nur, was wir Ihnen erst nach Maß liefern werden. Vorwärts, White, Buch und Feder, aber rasch!« Dann fing er an: »Beinlänge 32,« und so fort. Ehe ich eine Silbe dagegen vorzubringen vermochte, hatte er mir das Maß zu Gesellschaftsanzügen, Morgenanzügen und allem möglichen sonst genommen. Als ich endlich zu Worte kommen konnte, sagte ich:
»Aber, mein werter Herr, ich kann das alles unmöglich bestellen, wenn Sie nicht mit der Bezahlung auf unbestimmte Zeit warten oder die Note wechseln können.«
»Auf unbestimmte Zeit! Das will ja gar nichts heißen, gar nichts. In alle Ewigkeit – so müssen Sie sagen. White, lassen Sie die Sachen schleunigst anfertigen und dem Herrn dann unverzüglich in die Wohnung schicken. Die kleineren Kunden mögen warten. Notieren Sie die Adresse des Herrn.«
»Ich bin eben im Umzug begriffen; ich komme dann wieder herüber und gebe Ihnen meine neue Adresse,« warf ich ein.
»Ganz schön, ganz schön. Nur einen Augenblick, bitte, dann werde ich Sie zur Thür geleiten. So, hier – habe die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen!«
Nun, so mußte es ja wohl kommen, nicht wahr? Auf dem allernatürlichsten Wege war ich bald dahin gelangt, daß ich überall einfach verlangte, was ich haben wollte und dann beim Bezahlen mit meiner Millionennote vorrückte. Noch bevor eine Woche um war, wohnte ich kostbar eingerichtet im größten Luxus und von aller Bequemlichkeit umgeben in einem teuren Privathotel in Hanover Square. Hier nahm ich auch das Diner ein, zum Frühstück dagegen suchte ich regelmäßig die kleine Speisewirtschaft auf, in der mir meine Millionennote zu meinem ersten Mahl verholfen hatte. Die Wirtschaft gelangte durch mich zu ungeahnter Blüte. Allenthalben sprach man davon, daß der fremde Kauz, der die Millionen nur in der Westentasche herumtrage, ihr seine Gönnerschaft zuwende. Dies genügte, um aus dem armseligen, elenden Ding, das mit Mühe sein Dasein fristete, ein berühmtes, stets überfülltes Lokal zu machen. In seiner Dankbarkeit drängte mir der Wirt ein Darlehen nach dem andern auf und ließ schlechterdings keine Weigerung gelten, so daß ich trotz meiner Bettelarmut im Gelde schwamm und ein wahres Herrenleben führte. Dabei sagte ich mir wohl, daß ich einem unvermeidlichen Krach entgegengehe; aber nun war es einmal so weit gekommen und jetzt hieß es, mit dem Strome schwimmen oder untergehen. Man sieht, ohne dieses Vorgefühl eines drohenden Unheils würde meine Lage einfach lächerlich erschienen sein; aber so erhielt sie dadurch eine sehr ernste, nüchterne Seite, ja geradezu einen tragischen Zug. Nachts im Finstern drängte sich dieses Gefühl besonders in den Vordergrund, warnend und drohend, so daß ich mich seufzend auf meinem Lager herumwarf, und nur mit Mühe Schlaf finden konnte. Aber im frohen Schimmer des Tageslichts war dieser tragische Zug immer sehr bald wieder verflogen und dann schwebte ich in höheren Regionen und wiegte mich in einem wahren Taumel, in einem förmlichen Rausche des Glücks.
Und das war auch ganz natürlich. War ich doch zu einer der Merkwürdigkeiten der größten Stadt der Welt geworden. Das war mir denn zu Kopfe gestiegen, und zwar nicht etwa nur so ein klein wenig, sondern ganz gehörig. Keine Zeitung im ganzen Vereinigten Königreich konnte man mehr zur Hand nehmen, ohne auf einen oder mehrere Artikel über den ›Mann mit der Million in der Westentasche‹ und auf Berichte über das Neueste, was er gesagt und gethan, zu stoßen. Zuerst waren diese Notizen am Fuße der Personalnachrichten erschienen, bald aber kam ich über die Ritter, dann über die Baronets und so immer höher hinauf, je berühmter ich wurde, bis ich schließlich den höchsten für mich möglichen Ehrenplatz einnahm, auf dem mir nur noch Prinzen von königlichem Geblüt und der Primas von ganz England vorgingen. Aber, wohl gemerkt, das war noch kein wahrer Ruhm, was ich bis jetzt besaß, nur Berühmtheit; da kam ein Knalleffekt, der mit einem Schlage das vergängliche Blech der Berühmtheit in das gediegene Gold des Ruhmes verwandelte: im ›Punch‹ erschien eine Karikatur von mir. Ja, jetzt war ich ein gemachter Mann; jetzt war mir mein Rang gesichert. Witze durfte man nun wohl noch über mich machen, aber nur ganz respektvolle, keine spöttischen oder rohen mehr. Man konnte über mich lächeln; auslachen dagegen durfte man mich nicht mehr. Diese Zeiten waren vorüber. Der ›Punch‹ bildete mich ab wie ich ganz in Lumpen gehüllt mit einem wohlgenährten Protzen um den Londoner Tower würfelte. Nun, man kann sich einbilden, wie das auf einen jungen Menschen wirken mußte, um den sich bisher kein Mensch gekümmert hatte, wenn er sah, daß er kein Wort mehr sagen konnte, ohne daß es aufgeschnappt und von allen Lippen wiederholt wurde; wenn er überall, wo er sich sehen ließ, die Bemerkungen von Mund zu Mund fliegen hörte: »da geht er«; »das ist er«; wenn er sein Frühstück nicht einnehmen konnte, ohne dabei von einer gaffenden Zuschauermenge umlagert zu werden und sich in keiner Opernloge zeigen durfte, ohne augenblicklich einem Kreuzfeuer von tausend Gläsern ausgesetzt zu sein. Kurz und gut – ich schaukelte mich den ganzen Tag auf einem wahren Ozean von Ruhm.
Ich hatte sogar meinen zerlumpten Anzug behalten und ging ab und zu darin aus, um das Vergnügen wieder einmal durchzukosten, mich beim Einkauf irgend einer Kleinigkeit beleidigen zu lassen und dann den Unverschämten mit meiner Millionennote niederzuschmettern. Aber lange konnte ich das nicht fortführen. Aus den illustrierten Zeitungen war meine Erscheinung so allgemein bekannt, daß ich mich in diesem Aufzuge stets augenblicklich erkannt und von einer Menschenmenge verfolgt sah; und sobald ich Miene machte, etwas kaufen zu wollen, bot mir der Geschäftsinhaber seinen ganzen Laden auf Kredit an, noch ehe ich dazu kommen konnte, meine Note auf ihn los zu lassen.
Etwa zehn Tage, nachdem ich zu dieser Berühmtheit gelangt war, dachte ich daran, meiner patriotischen Pflicht nachzukommen, indem ich dem amerikanischen Gesandten meine Aufwartung machte. Er empfing mich mit dem meinem Falle angemessenen Entzücken, machte mir Vorwürfe, daß ich die Erfüllung dieser meiner Pflicht so lange habe anstehen lassen und erklärte mir, nur dadurch könne ich mir seine Vergebung erkaufen, daß ich bei einer am Abend in seinem Hause stattfindenden Gesellschaft den Platz eines durch Krankheit verhinderten Gastes einnehme. Ich sagte zu, und wir kamen allmählich tiefer ins Gespräch. Dabei stellte sich heraus, daß er mit meinem Vater auf einer Schulbank gesessen und später zusammen mit demselben im Yale College studiert und bis zu meines Vaters Tode Freundschaft mit ihm unterhalten hatte. So lud er mich denn ein, jede freie Stunde in seinem Hause zu verbringen, was ich natürlich mit Freuden annahm. Genauer gesagt war mir das mehr als angenehm, es war mir vom höchsten Werte. Bei Eintritt des Krachs war er doch vielleicht imstande, mich vor gänzlichem Untergang zu bewahren. Ich konnte mir zwar nicht recht vorstellen, wie das zugehen sollte; allein ich dachte, er würde vielleicht schon einen Weg dazu finden. Für eine Generalbeichte, die ich ihm zu Anfang meines entsetzlichen hiesigen Daseins ohne weiteres abgelegt haben würde, war es bereits zu spät. Nein, das konnte ich nicht mehr riskieren, ich steckte schon zu tief drinnen; das heißt wenigstens so tief, daß es nicht geraten schien, einem Bekannten so neuen Datums genauere Mitteilungen darüber zu machen, wenn sich auch in meinen eigenen Augen die Sache noch nicht so hoffnungslos ausnahm. Denn bei meiner ganzen Borgwirtschaft hielt ich mich höchst sorgfältig innerhalb der Grenzen meiner Mittel – das heißt meines zukünftigen Gehaltes. Bestimmt wissen konnte ich ja natürlich nicht, wieviel derselbe betragen würde, aber eine genügende Grundlage für dessen annähernde Schätzung war doch dadurch gegeben, daß mir der alte Herr die freie Wahl unter sämtlichen Stellungen lassen wollte, die er zu vergeben hätte, vorausgesetzt, daß ich dazu befähigt wäre – und das war doch sicher der Fall, darüber hegte ich keinen Zweifel. Die Wette machte mir auch weiter keine Sorge; in dem Punkte hatte ich stets Glück gehabt. Nun, ich schätzte also meinen Gehalt auf sechshundert bis tausend Pfund im Jahre; sagen wir sechshundert fürs erste Jahr und dann so Jahr für Jahr mehr, bis ich es durch meine Leistungen auf tausend gebracht hätte. Meine Schulden erreichten bis jetzt nur die Höhe meines ersten Jahresgehalts. Von allen Seiten hatte man mir Geld angeboten, allein ich hatte diese Darlehen meist unter irgend einem Vorwand zurückgewiesen; so beliefen sich meine daher stammenden Schulden auf nicht mehr als dreihundert Pfund, während ich die andern dreihundert zur Bestreitung meines Unterhalts und zu Einkäufen gebraucht hatte. Mit dem Gehalt des zweiten Jahres hoffte ich nun bei der nötigen Vorsicht und Sparsamkeit vollends bis zum Ende des Monats zu reichen, und daran wollte ich es gewiß nicht fehlen lassen. War dann mein Monat erst herum und mein Gönner von der Reise zurück, dann war ja alles wieder im schönsten Geleise; dann gedachte ich, einfach Anweisungen auf die beiden ersten Jahresgehalte unter meine Gläubiger zu verteilen und mich tüchtig an die Arbeit zu machen.
Es war eine sehr angenehme Tischgesellschaft von vierzehn Personen: Herzog und Herzogin von S. mit Tochter, Earl und Counteß N., Viscount C., Lord und Lady G., einige Menschenkinder beiderlei Geschlechts ohne Rang und Titel, der Gesandte nebst Gemahlin und Tochter, sowie eine zu Besuch bei der letzteren befindliche junge Engländerin von zweiundzwanzig Jahren, Namens Portia Langham, in welche ich mich im Lauf von zwei Minuten bereits verliebt hatte, ebenso wie sie sich in mich – was ich bemerken konnte, ohne eine Brille dazu nötig zu haben. Dann war noch ein Gast da, ein Amerikaner. – Doch, ich eile meiner Erzählung etwas voraus. Während die Gesellschaft noch in sehnsüchtiger Erwartung des Mahles im Salon beisammen saß und die Zuspätkommenden mit kalter Verachtung musterte, meldete der Diener: »Mr. Lloyd Hastings.«
Dieser neue Gast faßte, sobald die Förmlichkeiten der Begrüßung vorüber waren, mich ins Auge und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu; in dem Augenblick aber, wo er die meinige fassen und schütteln wollte, stockte er plötzlich und sagte mit verlegener Miene:
»Ich bitte sehr um Vergebung, ich glaubte Sie zu kennen.«
»Nun, du kennst mich auch, alter Junge.«
»Nein! Bist du der – das –«
»Das große Westentaschentier? Jawohl, gewiß. Du darfst mich getrost bei meinem Spottnamen nennen, ich bin schon daran gewöhnt.«
»Na, na, na, diese Ueberraschung! Ein oder zweimal war mir dein Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht gekommen, aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß du der fragliche Henry Adams sein könntest. Es ist doch noch kein halbes Jahr her, daß du in San Francisco auf Hopkins' Kontor gebüffelt und um dir einen Nebenverdienst zu verschaffen, ganze Nächte lang mit mir an der Ordnung und Richtigstellung der Bücher und Geschäftsberichte der Gould- und Curry-Extension-Gruben gearbeitet hast. Und jetzt soll ich mir vorstellen, daß du hier in London als vielfacher Millionär und kolossale Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, nicht begreifen – laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.«
»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. Es ist mir selbst unfaßlich.«
»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade drei Monate her, daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant gingen.« –
»Nein, nach dem What-Cheer.«
»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir uns um zwei Uhr morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee geben, nachdem wir sechs Stunden zusammen über den Büchern der Extension geschwitzt hatten. Damals wollte ich dich überreden, mit mir nach London zu kommen und machte mich verbindlich, dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu halten, versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest du nichts von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme doch nichts heraus, und du könntest doch nicht aufs Ungewisse deine ganze Stellung aufgeben, um dann vielleicht nach Jahr und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen. Und nun bist du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das doch! Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller Welt hast du dich so kolossal heraufgebracht?«
»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte – ein ganzer Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, aber nicht jetzt.«
»Wann denn?«
»Ende dieses Monats.«
»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch der menschlichen Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer Woche.«
»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. Nun, wie steht es denn mit den Geschäften?«
Mit einemmal war der heitere Ausdruck in seinen Mienen wie weggeblasen, und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du hattest ganz recht mit deiner Prophezeiung, ganz recht. Wäre ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag gar nicht davon reden.«
»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit mir nach Hause kommen und mir alles erzählen.«
»Wie? Darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden ihm die Augen feucht.
»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.«
»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht habe. Lieber Gott! Auf den Knieen möchte ich dir dafür danken!«
Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und sah in fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen – aus der jedoch nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der verkehrten, widerwärtigen englischen Sitte – man war nicht imstande, sich über die Rangordnung zu einigen und so gab es keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer zum Diner eingeladen wird, so ißt er sich jedesmal zu Hause satt, ein Fremder dagegen, der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in die Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten alle bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, Hastings, hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, daß er getreu dem Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge habe treffen lassen. Trotzdem setzte man sich nun, um den Schein zu wahren, ein jeder Herr mit einer Dame am Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei ging der Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der nur ein Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. Dem gegenüber machte ich meine Rechte geltend, ohne einen Fußbreit nachzugeben. Die Zeitungen wiesen mir im Personalbericht den Platz vor allen Herzögen an, die nicht dem königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz in der Ordnung, daß mir vor diesem Herzog der Vorrang gebühre. Mit allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, kam die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein Gegner so unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; da übertrumpfte ich ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß ich, wie schon mein Name zeige, in gerader Linie von Adam abstamme, während aus dem seinigen zusammen mit seiner normännischen Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der Seitenlinie mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. So bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir, gruppenweise herumstehend, eine bescheidene Erfrischung – bestehend in einem Teller voll Sardinen und ein paar Erdbeeren – einnahmen. Dabei wurde es mit der Heiligkeit der Rangordnung etwas weniger streng genommen; die beiden Höchststehenden loosten miteinander, indem sie ein Geldstück in die Luft warfen. Der Gewinner machte sich darauf zuerst über seine Erdbeeren her, während der Verlierende den Schilling einsteckte. So ging es dann weiter, bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um sechs Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals zum bloßen Vergnügen. Man will durchaus gewinnen oder verlieren – ob das eine oder das andere, ist gleichgiltig – sonst verzichtet man lieber ganz.
Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß Langham und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, daß ich nicht imstande war, meine Trümpfe zu zählen, wenn es über zwei Sequenzen hinaus ging; und wenn ich einen Stich gemacht hatte, übersah ich es jedesmal und fing wieder an auszuspielen, sodaß ich eine Partie um die andere verloren haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau ebenso gegangen. So war es ganz natürlich, daß keins von uns beiden aufkam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten nur, daß wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts wissen und hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört zu sein.
Ich erklärte ihr sogar – wirklich in allem Ernste – ich erklärte ihr, daß ich sie liebe, und sie – nun sie wurde wohl rot bis unter die Haare, hatte aber nichts dagegen – und sagte dies auch. O, es war der schönste Abend meines Lebens! Jedesmal, so oft ich ansagte, oder meine Trümpfe zählte, fügte ich als Postskript bei: »Gott, wie reizend Sie sind!« oder etwas Aehnliches, wofür sie mir dann bei der gleichen Gelegenheit die Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß anhängte: »Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen, schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern auf mich blitzen. O, es war wirklich zu – herrlich!
Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem Mädchen gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt besäße, als eben die eine Millionennote, von der sie schon so viel gehört habe, und daß selbst diese nicht mein Eigentum sei. Dies erregte ihre Neugier, und darauf hin erzählte ich ihr halblaut die ganze Geschichte frisch von der Leber weg. Sie wollte sich darüber fast totlachen. Was sie dabei so lächerlich fand, war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal. Jede halbe Minute erregte irgend ein Umstand ihre Lachlust aufs neue, sodaß ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen lassen mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war mir so etwas vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte – eine Geschichte, die von nichts anderem handelt als von den Leiden, Kümmernissen und Sorgen eines Menschen – eine solche Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört. Und doch hatte ich sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu sein wußte, wo eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es doch ganz darnach aus, als könnte ich eine derartige Frau demnächst recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir wohl ein paar Jahre würden warten müssen, bis ich in Genuß meines Gehaltes käme; hieraus machte sie sich aber nichts und ermahnte mich nur zur größten Sparsamkeit, damit nicht auch noch mein dritter Jahresgehalt angegriffen werden müsse. Dann wurde sie auf einmal besorgt und meinte, ob wir mit unseren Vermutungen über den Betrag meines ersten Jahresgehalts nicht doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machten.
Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar mein Vertrauen in die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür gab sie mir aber auch einen guten, praktischen Gedanken ein, den ich sofort frischweg aussprach: »Portia, mein Schatz, würde es dir etwas ausmachen, mich zu den alten Herren zu begleiten, wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?«
Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N – un, wenn meine Begleitung dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist es denn auch ganz passend, was meinst du?«
»Das wohl schwerlich, oder eigentlich nicht; aber sieh', es hängt so unendlich viel davon ab, daß –«
»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend oder nicht!« erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich stand. »O, der Gedanke macht mich so glücklich, etwas für dich thun zu können.«
»Etwas, mein Herz? Alles thust du, ganz allein. Du bist so schön, so lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite habe, die guten alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen Gehalt bewilligen müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.«
Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die Wangen strömte und ihre Augen in Glück erstrahlten!
»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was du da sagst, aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei der Gelegenheit klar, daß andere Leute mich mit andern Augen betrachten als du.«
Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch erschüttert? Es wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei mir selbst in aller Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert Pfund im Jahr erhöhte. Ich sagte ihr aber davon nichts; das sparte ich mir zu einer Ueberraschung für später auf.
Auf dem ganzen Wege nach meiner Wohnung schwebte ich in höheren Regionen und hörte kein Wort von allem, was Hastings an mich hinsprach. Erst, als wir zu Hause anlangten und Hastings sich beim Eintritt in meinen Salon in begeisterten Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme Einrichtung erging, kam ich wieder zu mir.
»Erst lasse mich einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief er, »damit ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja ein Palast, der leibhaftige Palast! Und da fehlt nichts, bis zum behaglichen Kaminfeuer und dem Abendbrot. Henry, hier kommt man nicht nur zum Bewußtsein, wie reich du bist, nein, hier fühle ich auch im tiefsten Innern, wie arm ich bin, wie arm und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, und vernichtet!«
Hol's der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein kaltes Sturzbad. Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert und zu dem Bewußtsein erwacht, daß ich auf einem Vulkan stehe, der jeden Augenblick ausbrechen konnte. Ich hatte ja nicht gewußt, oder vielmehr, ich hatte eine kurze Zeit selbst nicht eingestehen wollen, daß alles nur ein Traum sei; aber jetzt, – guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen Heller Geld, eines holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal gekettet und dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt, die sich vielleicht – ach nein, gewiß – nie verwirklichen sollte. O, ich bin verloren, rettungslos verloren! –
»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so nebenbei abfällt, würde, –«
»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, damit vertreibe dir die trüben Gedanken. Profit! Oder nein, warte, du bist hungrig; komm, setze dich und –«
»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; ich kann schon ein paar Tage lang nichts mehr essen. Aber trinken will ich mit dir, bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!« –
»Da thue ich mit, so lang du willst! Also, frisch drauf los! Lasse jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch braue.«
»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?«
»Noch einmal? Wie meinst du das?«
»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal von vorne anhören willst.«
»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, das ist wirklich ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du kannst nichts mehr brauchen.«
»Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf dem Weg hierher die ganze Geschichte erzählt?«
»Du?«
»Ja, ich.«
»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört habe.«
»Henry, das ist außerm Spaß. Du beunruhigst mich. Was hast du denn bei dem Gesandten zu dir genommen?«
Jetzt ging mir plötzlich ein wunderbares Licht auf, ich faßte mir ein Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste Mädel auf der Welt habe ich dort – erobert!«
In ungestümer Freude stürzte er auf mich los und wir schüttelten uns die Hände, bis sie uns wehe thaten. Darüber, daß ich von seiner Erzählung, die unsern anderthalb Stunden dauernden Heimweg ausfüllte, nicht das geringste vernommen hatte, sagte er kein Wort. Er setzte sich ruhig hin und erzählte mit der ihm eigenen Gutmütigkeit und Geduld die ganze Geschichte noch einmal von vorne.
Sie lief auf folgendes hinaus: Er war im Auftrag der Besitzer der Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London gekommen, um die Anteile zu veräußern, und es sollte dabei alles, was er über eine Million Dollars lösen würde, ihm verbleiben. In der Hoffnung, dabei ein vortreffliches Geschäft zu machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen, kein ehrliches Mittel unversucht gelassen und fast seinen letzten eigenen Heller daran gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre, einen einzigen Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit Ende des Monats lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zu Grunde gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief:
»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund! Wirst du mich retten? Oder wirst du mich nicht retten?«
»Sage mir nur, wie ich das machen soll? Erkläre dich, mein Junge.«
»Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür eine Million und die Heimreise. Bitte, bitte, sage nicht nein!«
Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich auf dem Punkte, mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, ich bin ja selbst ein Bettler – ohne einen Pfennig Geld und stecke dazu noch in Schulden.« Aber da leuchtete plötzlich ein herrlicher Gedanke blitzähnlich in meinem Kopfe auf. Ich biß die Zähne zusammen und bezwang mich, bis ich so kalt war, wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen geschäftsmäßiger Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.«
»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! Wenn ich je –«
»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht so, wie du meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, die du es dich hast kosten lassen, wäre das nicht anständig an dir gehandelt. Ich brauche keine Minenanteile; an einem Weltplatz wie London kann ich auch mein Geld ohne dies arbeiten lassen, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein, wir machen die Sachen folgendermaßen: Ich kenne ja natürlich dieses Bergwerk ganz genau; ich weiß, welch ungeheurer Wert darin steckt und kann es auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im Lauf der nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine verkaufen, indem du von meinem Namen unbeschränkten Gebrauch machst, und dann teilen wir den Gewinn – halb und halb.«
Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie toll herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und klein geschlagen haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein Bein gestellt und ihn an Händen und Füßen gebunden. Als er so dalag, rief er ganz beseligt aus: »Ich darf deinen Namen gebrauchen! deinen Namen! – Stelle dir nur vor, Mensch! In Scharen kommen sie gelaufen, diese reichen Londoner und prügeln sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen für alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!«
Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache bereits in ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für Tag nichts zu thun, als zu Hause zu sitzen und all den Leuten, die bei mir erschienen, zu sagen: »Jawohl, ich habe ihm gestattet sich auf mich zu beziehen. Ich kenne ihn und kenne das Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die Anteile sind weit mehr wert, als er dafür verlangt!«
Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten mit Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine Silbe, das sparte ich mir zu einer späteren Ueberraschung auf. Wir sprachen immer nur von unserer Liebe und vom Gehalt, bald von dem einen, bald von dem andern, manchmal auch von beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse, das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit nahmen und die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, um uns vor Störungen zu schützen und den Gesandten nicht hinter die Sache kommen zu lassen – ach, es war wirklich allerliebst von den beiden!
Als der Monat um war, besaß ich ein Guthaben von einer Million Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings stand ebenso. In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place vorbei. Als ich mich an dem Aussehen der Wohnung überzeugt hatte, daß meine Vögel wieder zu Neste geflogen sein mußten, holte ich meinen Schatz bei dem Gesandten ab und fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland Place. Während der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei hinein redete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr auszuhalten war.
»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du jetzt aussiehst, wäre es ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend Pfund im Jahre zu verlangen.«
»Henry, Henry, du richtest uns noch zu Grunde,« erwiderte sie.
»Sei unbesorgt! Sieh nur so aus und verlasse dich auf mich. Ich will die Sache schon machen.«
Es war soweit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege ihr Mut zusprechen mußte. Sie selbst redete noch fortwährend auf mich ein:
»Bedenke doch, daß, wenn wir zu viel verlangen, wir vielleicht gar keinen Gehalt bekommen; und was soll dann aus uns werden, wenn wir nicht wissen, womit wir unsern Unterhalt verdienen wollen?«
Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da waren sie auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren sie höchlich überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite. Ich erklärte jedoch:
»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, es ist meine zukünftige Lebensgefährtin.« Darauf stellte ich ihr die Herren mit ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber gar nicht erstaunt; sie dachten vermutlich, daß ich so gescheit gewesen sein würde, im Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten uns auf, Platz zu nehmen und behandelten mich mit größter Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe, meiner Begleiterin durch freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit hinweg zu helfen. Endlich sagte ich:
»Meine Herren, ich komme, Ihnen Bericht zu erstatten.«
»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, »dann können wir ja die Wette zwischen mir und meinem Bruder Abel jetzt zur Entscheidung bringen. Falls Sie für mich gewonnen haben, dürfen Sie sich jede beliebige Stellung wählen, die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im Besitz der Millionennote?«
»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe.
»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps auf den Rücken. »Nun, was sagst du jetzt, Bruder?«
»Ich sage, er hat es überlebt und ich habe zwanzigtausend Pfund verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!«
»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und zwar ziemlich viel. Ich bitte, mir demnächst eine Stunde bestimmen zu wollen, um Ihnen meine Erlebnisse während dieses ganzen Monats genauer zu schildern. Sie können sich darauf verlassen, es lohnt sich den Bericht anzuhören. Inzwischen wollen Sie gefälligst dies hier in Augenschein nehmen.«
»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200 000 Pfund? Gehört das Ihnen?«
»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, den ich von dem kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir gütigst gewährten. Und dieser Gebrauch bestand lediglich darin, daß ich von Zeit zu Zeit einen kleinen Einkauf machte und beim Bezahlen allemal die Banknote zum Wechseln hingab.«
»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!«
»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis liefern. Sie brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort zu glauben.«
Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Portia. Mit weit geöffneten Augen fragte sie:
»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die Unwahrheit gesagt?«
»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß, du bist mir deswegen nicht böse.«
»O, doch!« schmollte sie. »Es war abscheulich von dir, mich so hinters Licht zu führen.«
»Ach, gewiß. Es war ja nur ein schlechter Scherz, weißt du. Komm, wir wollen uns jetzt verabschieden.«
»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie wissen ja. Ich muß Ihnen doch den Posten geben,« warf mein Gönner ein.
»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber ich brauche wirklich keinen.«
»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu vergeben habe.«
»Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch diesen brauche ich nicht.«
»Schäme dich, Henry! Du bist dem guten Herrn nicht halb so dankbar als er es verdiente. Darf ich ihm an deiner Statt den Dank abstatten?«
»Freilich, mein Liebchen. Ich bin nur neugierig, wie du das machen willst.«
Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den Schoß, schlang ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund. Dabei wußten sich die beiden alten Herren vor Lachen kaum zu fassen, während ich selbst vor Erstaunen wie versteinert dastand, bis Portia sagte:
»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben hast, wolle er keinen einzigen annehmen, und das thut mir so weh, gerade als ob –«
»Wie, lieber Schatz, dies ist dein Papa?«
»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den es auf der ganzen Welt giebt. Nicht wahr, nun begreifst du, warum ich bei dem Gesandten so lachen mußte, als du, ohne mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu kennen, mir die Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich versetzt hatte.«
Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife ganz wie mir ums Herz war.
»Mein verehrter Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung zurücknehmen. Eine Stellung haben Sie doch zu vergeben, die ich sehr gern haben möchte.«
»Welche ist das?«
»Die Stelle eines Schwiegersohnes.«
»So? Aber wenn Sie als solcher noch nie bedienstet waren, so sind Sie auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, das in unserem Abkommen zur Bedingung gemacht ist und so –«
»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! Nur so dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit mir, und wenn dann –«
»Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. So nehmen Sie Portia.«
Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte genug, um es auszudrücken. Und das Geschwätz und das Vergnügen in ganz London, als nach ein paar Tagen alle meine Erlebnisse mit der Banknote bekannt wurden, nebst der Wendung, welche die Sache zuletzt genommen! Du guter Gott! –
Portias Papa gab die gastliche Note der Bank zurück und ließ sich ihren Betrag auszahlen. Die Bank setzte sie sodann außer Kurs und verehrte sie ihm, worauf er uns damit ein Hochzeitsgeschenk machte. Seither hängt sie unter Glas und Rahmen im Allerheiligsten unseres Heims. Denn ihr verdanke ich den Besitz meiner Portia. Wäre diese Note nicht gewesen, so hätte ich nicht in London bleiben können, ich hätte mich dem Gesandten nicht vorgestellt und wäre niemals mit Portia zusammengetroffen. Deshalb sage ich immer: »Sie lautete zwar klar und deutlich auf eine Million Pfund; und doch war es während der ganzen Zeit ihrer Giltigkeit nur einmal möglich, einen einzigen Gegenstand dafür zu kaufen, und auch dieser wurde mindestens zehnfach unter seinem Werte bezahlt!«
Verlag von Robert Lutz in Stuttgart.
Bret Harte's
Ausgewählte Erzählungen
5 Bände à 2 M. brosch., à 3 M. in Lwd. geb.
= Jeder Band einzeln käuflich =
I. Drei Teilhaber. Roman. – II. Jack Hamlin als Vermittler u. a. Erz. – III. Die Postmeisterin von Laurel Run u. a. Erz. – IV. Der Sheriff von Siskyou u. a. Erz. – V. Das Geheimnis der Sierra.
Einige Urteile:
Richard Weitbrecht: »Es ist ein wahrer Genuß, nach so vielen lahmen Mittelmäßigkeiten einem temperamentvollen, auf jeder Seite fesselnden, lebendigen Erzähler zu lauschen … Doch es bedarf nicht des Vergleichs mit geringerem, noch ist not, über Bret Harte's längst anerkannte Erzählungskunst mit ihrer glücklichen Verbindung von Psychologischem, Abenteuerlichem und Romantischem viel zu sagen. Mich hat's bei seinen »Drei Teilhabern« ganz merkwürdig überkommen – ich las fast mit denselben Gefühlen, mit denen ich einst in meiner Jugend Marryats und Gerstäckers amerikanische Geschichten verschlungen habe, und wie damals vergaß ich dabei alle Kritik. Darum soll auch jetzt keine geschrieben werden, und ich wünsche nur, daß andere sich an Bret Harte ebenso auf ein paar Stunden jung lesen wie ich.«
Straßburger Post: »Sein Humor ist der Schmerz lösende und Groll verscheuchende, der uns stets erwärmt. Seine Gestalten haben Fleisch und Blut wie die des Jeremias Gotthelf und – nirgends moralisiert er, was eben den echten Künstler zeigt. Bret Harte schildert für alle Menschen und nicht nur für Amerika; im literarischen Weltkonzerte gehört er zu denen, die neue Gebiete erobert haben.«
Deutsche Tageszeitung: »Der kalifornische Dichter gehört zu den Erscheinungen der modernen amerikanischen Literatur, die verdienen, auch in Deutschland nicht vergessen zu werden. Niemand wird die Erzählungen ohne innere Befriedigung aus der Hand legen.«
W. W. Jacobs
Seemannshumor
Geschichten und Schwänke von der Wasserkante
I. Band: 13 Erzählungen. – II. Band: 15 Erzählungen.
Jeder Band ist einzeln käuflich
zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd. gebunden.
Einige Urteile:
Hamburger Nachrichten: »Es herrscht hier ein wirklicher, behaglicher Humor, voll der tollsten Einfälle und reger Phantasie. Echt und frisch sind die wetterharten Gestalten gezeichnet. Es kichert und lacht in und zwischen den Zeilen.«
Intern. Literaturberichte: »Wer einmal recht herzlich lachen will, mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.«
Nordd. Allg. Zeitung: »Jede einzelne der Erzählungen ruft herzliches Lachen hervor.«
Deutsche Tageszeitung: »Die Geschichten zeugen von einem ganz prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor.«
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 131: Bartholomäus M. → Bartholomäus W. (nach engl. Original)
den Kontrakt seinem Sohn [Bartholomäus W.]
S. 132: Anton E. Rogers → Anson G. Rogers (nach engl. Original)
die Schriftstücke [Anson G. Rogers]