Ein Berichterstatterstück.
Jawohl, meine verehrten Herrschaften, zu jener Zeit gab es im Staate Nevada betriebsame Zeitungen, das kann ich Sie versichern.
Mein Hauptnebenbuhler in der Presse war Boggs von der ›Union‹, ein ganz vorzüglicher Berichterstatter.
Alle drei oder vier Monate betrank er sich einmal ein wenig, aber er war im allgemeinen kein unvorsichtiger oder leidenschaftlicher Trinker, wenn er sich auch gern dann und wann einen kleinen Spitz holte.
In einer Beziehung hatte er entschieden etwas vor mir voraus; ihm stand nämlich stets der monatliche Schulbericht zur Verfügung und mir nicht, weil der Direktor der Volksschule mein Blatt, den ›Fortschritt‹, nicht leiden konnte.
Um die Zeit, da der Bericht gewöhnlich erschien, machte ich mich einmal an einem Winterabend auf, kummervoll überlegend, wie ich ihn mir verschaffen solle.
Ich war nur wenige Schritte gegangen, als ich in der fast menschenleeren Straße auf Boggs stieß, den ich fragte, wohin er wolle.
»Den Schulbericht holen.«
»Dann komme ich mit.«
»Nicht doch, Verehrtester, das wäre vergebliche Mühe.«
»So – meinen Sie?«
Eben trug der Kellner der nahen Schenkwirtschaft eine Bowle voll dampfenden Punsches an uns vorbei und Boggs sog den Wohlgeruch mit gierigen Zügen ein. Sehnsüchtigen Blickes folgte er dem Träger und sah ihn die Treppe zum Bureau des ›Fortschritt‹ hinaufsteigen.
»Schade,« sagte ich, »daß Sie mir nicht zu dem Schulbericht verhelfen können; da das aber nun einmal unmöglich ist, will ich sehen, ob ich nicht in der Redaktion der ›Union‹ einen Abzug bekomme, nachdem der Bericht gesetzt ist. Ich glaube es zwar nicht, aber man kann's doch versuchen. Gute Nacht!«
»Warten Sie noch einen Augenblick. Meinetwegen will ich den Bericht holen und dann eine Weile oben bei den Jungens sitzen bleiben, bis Sie ihn abgeschrieben haben. Kommen Sie nur mit zum Direktor.«
»Das nenne ich einmal vernünftig gesprochen. Also vorwärts.«
Wir trabten einige Straßen weiter durch den Schnee, erhielten den Bericht und bald war das kurze Schriftstück in unserm Bureau abgeschrieben.
Boggs that sich derweil an dem Punsch gütlich.
Nachdem ich ihm das Manuskript zurückgegeben, gingen wir beide wieder fort, weil es uns noch an einer Leichenschau fehlte.
Um vier Uhr morgens, als unser Blatt in der Presse war, und wir wie gewöhnlich zur Erholung ein Konzert veranstalteten – denn einige von den Setzern waren gute Sänger, andere spielten hübsch die Guitarre und das gräßliche Instrument: die Ziehharmonika, – kam der Besitzer der ›Union‹ mit großen Schritten herein und fragte, ob wir nicht wüßten, was aus Boggs und dem Schulbericht geworden sei.
Wir teilten ihm den Sachverhalt mit und rückten dann alle aus, um nach dem Missethäter zu suchen.
In einer Schenkstube fanden wir ihn, mit einer alten Blechlaterne in der einen Hand und dem Schulbericht in der andern, auf dem Tische stehen und einem Haufen ›angeheiterter‹ Bergleute eine Rede darüber halten, wie gottlos und ungerecht es sei, die öffentlichen Gelder für Volksunterricht zu verschleudern, während Hunderte von Arbeitern, die sich's redlich sauer werden ließen, buchstäblich wegen Mangels an Whiskey verdursten müßten.
Er hatte diesen Leuten stundenlang bei einer herrlichen Kneiperei Gesellschaft geleistet.
Wir schleppten ihn fort und brachten ihn zu Bette.
Natürlich konnte der Schulbericht in der ›Union‹ nicht erscheinen und Boggs machte mich dafür verantwortlich, obwohl ich doch weder gewünscht noch beabsichtigt hatte, dies zu veranlassen und es mir von Herzen leid that, daß ihm jenes Mißgeschick zugestoßen war.
Aber wir blieben trotzdem auf ganz freundschaftlichem Fuße.
An dem Tage, als der Schulbericht abermals fällig war, schickte uns der Eigentümer des Tennessee-Bergwerks einen Einspänner mit der Bitte, dorthin zu fahren, sein Besitztum in Augenschein zu nehmen und es in der Zeitung zu besprechen – kein ungewöhnliches Verlangen und eins, dem wir immer mit Vergnügen nachkamen, wenn uns dazu ein Einspänner geliefert wurde, denn wir machten ebenso gern Spazierfahrten als andere Leute.
In das ›Bergwerk‹, ein 90 Fuß tiefes Loch im Boden, konnte man nur gelangen, wenn man sich an einem Tau festhielt und mittelst einer Winde herabgelassen wurde.
Die Arbeiter mußten wohl gerade irgend wohin zum Essen gegangen sein.
Ich war nicht stark genug, um einen Menschen von Boggs' Körpergewicht hinabzuwinden, so nahm ich denn eine unangezündete Kerze zwischen die Zähne, machte in das Ende des Taues eine Schlinge für meinen Fuß, bat Boggs die Winde festzuhalten, auch ja nicht einzuschlafen und schwang mich hinaus über den Schacht.
Ich erreichte den Boden desselben wohlbehalten, wenn auch etwas schmutzig und mit geschundenen Ellenbogen, zündete die Kerze an, untersuchte die Felswand, steckte verschiedene Proben des Gesteins in die Tasche und rief dann Boggs zu, mich wieder hinauf zu ziehen.
Keine Antwort.
Bald darauf erschien oben in der Rundung ein Kopf, vom Tageslicht beleuchtet, und eine Stimme schallte herab:
»Sind Sie ganz fertig?«
»Jawohl – winden Sie nur tapfer zu.«
»Ihnen ist doch nicht unbehaglich zu Mute?«
»Gar nicht.«
»Könnten Sie vielleicht ein Weilchen warten?«
»O ja – ich habe keine besondere Eile.«
»Nun – dann leben Sie wohl!«
»Wie so? – wo wollen Sie hin?«
»Den Schulbericht holen.«
Das that er denn auch.
Ich blieb eine Stunde da unten und setzte die Bergleute sehr in Erstaunen, als sie beim Aufwinden statt eines Kübels voll Steine einen Menschen am Tau hängen fanden. Dann begab ich mich nach Hause, fünf Meilen weit, zu Fuß und bergan.
Am nächsten Morgen fehlte bei uns der Schulbericht – aber die ›Union‹ brachte ihn.