II.
Vier Wochen später unterhielt Herr Sidney Algernon Burley eine fröhliche Frühstücksgesellschaft in einem prächtigen Salon auf Telegraph Hill mit einigen köstlichen Nachahmungen der Stimmen und Gebärden gewisser beliebter Schauspieler, gewisser Litteraten aus San Francisco und Bonanzaer Granden.[7] Er war eine elegante Erscheinung, und – abgesehen von einem unbedeutenden Schielen – ein hübscher Mensch. Er schien sehr guter Stimmung zu sein, trotzdem blickte er von Zeit zu Zeit voll unruhiger Erwartung nach der Thüre. Endlich erschien ein Lakai, welcher der Frau vom Hause eine Botschaft brachte, worauf die Dame verständnisvoll mit dem Kopf nickte. Das schien Burleys Erwartung ein Ende zu machen; seine Lebhaftigkeit nahm nach und nach ab und sein Gesicht einen niedergeschlagenen Ausdruck an.
[7] Besitzer von großen Farmen, sogenannten ›Bonanzafarmen‹.
Anm. des Uebers.
Die Gesellschaft entfernte sich, als es an der Zeit war, und er blieb allein mit der Hausfrau, zu der er sagte:
»Es kann kein Zweifel mehr sein: sie weicht mir aus, sie entschuldigt sich fortwährend. Wenn ich sie nur sehen, nur einen Augenblick mit ihr sprechen könnte – aber diese Ungewißheit –«
»Vielleicht ist ihr scheinbares Ausweichen bloßer Zufall. Gehen Sie in das kleine Empfangszimmer droben und warten Sie einen Augenblick. Ich muß rasch einen häuslichen Auftrag geben, der mir eben einfällt, und will dann auf ihr Zimmer gehen. Sie wird sich gewiß bestimmen lassen, Sie zu empfangen.«
Herr Burley ging die Stiege hinauf in der Absicht, das kleine Empfangszimmer aufzusuchen; als er aber an ›Tante Susannes‹ Boudoir vorüberging, dessen Thüre ein wenig offen stand, hörte er ein ihm wohlbekanntes fröhliches Lachen; so ging er denn ohne anzuklopfen und unangemeldet hinein. Ehe er aber seine Nähe bemerklich machen konnte, hörte er Worte, die ihm schwer auf die Seele fielen und sein Blut erkalten machten. Er hörte vor dem Telephon eine Stimme sagen: »Liebste, es ist angekommen, es ist da.«
Dann hörte er Rosannah Ethelton, die mit dem Rücken gegen ihn stand, antworten: »Das deinige auch, Teuerster!«
Er sah ihre vorgebeugte Gestalt sich noch tiefer herabbeugen; er hörte sie etwas küssen – nicht bloß einmal, sondern wieder und wieder! Seine Galle kochte in ihm. Die herzbrechende Unterredung wurde fortgesetzt:
»Rosannah, ich wußte, daß du schön sein müßtest; aber dein Bild übertrifft meine Ahnung: ich bin völlig geblendet!«
»Alonzo, es macht mich überglücklich, daß du das sagst. Ich weiß zwar, daß es nicht wahr ist; aber ich bin trotzdem dankbar, daß du es glaubst! Ich wußte, daß du edle Züge haben müßtest, aber die Anmut und Majestät der Wirklichkeit machen die Schöpfung meiner Phantasie zu einem armseligen Schattenbild.«
Burley hörte wieder jenen prasselnden Schauer von Küssen.
»Ich danke dir, meine Rosannah! Die Photographie schmeichelt mir, aber daran mußt du nicht denken. – Mein Schätzchen?«
»Ja, Alonzo?«
»Ich bin so glücklich, Rosannah.«
»O, Alonzo. Jetzt weiß ich, was Liebe ist. Ich schwebe in einem prächtigen Wolkenland, in einem grenzenlosen Himmel zauberhaften und sinnberauschenden Entzückens.«
»O, meine Rosannah! – denn du bist ja mein, nicht wahr?«
»Ganz, o, ganz dein, Alonzo, jetzt und immerdar! Den ganzen Tag hindurch und in meinen nächtlichen Träumen höre ich immer ein Lied, dessen holder Refrain lautet: Alonzo Fitz Clarence, Alonzo Fitz Clarence zu Eastport im Staate Maine!«
»Verwünscht sei er! – ich habe jetzt wenigstens seine Adresse!« brüllte Burley innerlich und eilte fort.
Hinter dem ahnungslosen Alonzo aber stand plötzlich seine Mutter, ein Bild des Staunens. Sie war vom Kopf bis zu den Füßen in Pelze gehüllt, so daß außer Augen und Nase nichts von ihr zu sehen war. Sie stand da, wie eine gute Allegorie des Winters, über und über mit feinen Schneeflocken bestreut.
Hinter der ahnungslosen Rosannah stand Tante Susanne, ein zweites Bild des Staunens. Sie war eine gute Allegorie des Sommers, denn sie war leicht gekleidet und kühlte sich mit einem Fächer das heiße Gesicht.
Beiden Frauen standen Freudenthränen in den Augen.
»Haha!« rief Frau Fitz Clarence aus, »das erklärt, weshalb dich seit sechs Wochen niemand aus deinem Zimmer zu bringen vermochte, Alonzo!«
»Aha!« rief Tante Susanne aus, »jetzt weiß ich, weshalb Sie in den letzten sechs Wochen eine Einsiedlerin waren, Rosannah!«
Die jungen Leute waren im Nu auf den Füßen, und standen betreten da, wie Schmuggler von Gold und Juwelen, die man beim Handwerk ertappt hat.
»Sei gesegnet, mein Sohn! Ich bin glücklich in eurem Glück. Komm' in deiner Mutter Arme, Alonzo!«
»Sei gesegnet, Rosannah, um meines lieben Neffens willen. Komm' in meine Arme!«
Die Herzen schwammen in Wonne auf Telegraph Hill und in Eastport Square.
An beiden Orten wurden Diener gerufen. Dem einen wurde der Befehl gegeben: »Wirf noch mehr Walnußbaumholz ins Feuer und bringe mir ein siedheißes Glas Glühwein.« Dem andern wurde der Auftrag erteilt: »Lösche das Feuer und bringe mir zwei Palmblattfächer und eine Flasche Eiswasser.«
Dann wurden die jungen Leute weggeschickt, und die beiden älteren setzten sich nieder, um die angenehme Ueberraschung zu besprechen und Heiratspläne zu entwerfen.
Einige Minuten vorher stürzte Herr Burley aus dem Hause auf Telegraph Hill, ohne jemandem zu begegnen oder von jemand förmlichen Abschied zu nehmen. In unbewußter Nachahmung einer bekannten Stelle in einem Melodrama zischte er zwischen den Zähnen hervor: »Sein soll sie niemals werden! Ich hab's geschworen! Ehe die Natur ihren Winterhermelin abgelegt haben wird, um den Smaragdschmuck des Frühlings anzulegen, soll sie mein sein!«