IV.

Während der nächsten zwei Monate ereignete sich viel. Es war bald kund geworden, daß Rosannah (die arme duldende Waise!) weder zu ihrer Großmutter zu Portland in Oregon zurückgekehrt war, noch ihr irgendwelche Nachricht gesandt hatte, außer einer Abschrift der leidvollen Notiz, die sie in dem Hause auf Telegraph Hill zurückgelassen hatte. Wer ihr auch ein Obdach gewährte, – wenn sie noch lebte, – war ohne Zweifel von ihr beredet worden, ihren Aufenthalt nicht zu verraten, denn alle Versuche, sie aufzufinden, waren mißlungen.

Gab Alonzo sie auf? Keineswegs. Er sagte bei sich: »Sie wird jenes holde Lied singen, wenn sie schwermütig ist; ich werde sie finden.« Und so nahm er seinen Reisesack und ein tragbares Telephon und schüttelte den Schnee seiner Vaterstadt von seinen Füßen und ging hinaus in die Welt. Er wanderte weit und breit hin und her und durch viele Staaten; wieder und wieder blickten Fremde erstaunt auf einen abgezehrten, blassen, melancholischen Mann, der mühevoll an winterlichen und einsamen Orten eine Telegraphenstange erklomm, dort traurig eine Stunde saß mit dem Ohr an einem kleinen Kästchen, dann seufzend herabkam und müde weiterwanderte. Manchmal wurde auf ihn geschossen, weil man ihn für verrückt und gefährlich hielt. Seine Kleider wurden von Kugeln zerfetzt und er selber am Ende schwer verletzt; aber er ertrug alles geduldig.

So verflossen langsam sieben Wochen, und endlich ergriffen ihn einige Menschenfreunde und brachten ihn in eine Privatirrenanstalt zu New York. Er wehklagte nicht, denn alle seine Kraft war dahin, und mit ihr aller Mut und alle Hoffnung. Der Oberaufseher trat ihm mitleidig seine eigenen behaglichen Gemächer, Wohn- und Schlafzimmer ab und pflegte ihn mit liebender Hingebung.

Nach Verlauf einer Woche war der Patient imstande, zum erstenmale das Bett zu verlassen. Er lag, auf Kissen gestützt, bequem auf dem Sofa und lauschte den Klagelauten der frostigen Märzwinde und dem dumpfen Ton der Fußtritte auf der Straße drunten, – denn es war etwa sechs Uhr abends, und New York ging von der Arbeit heim. Er hatte ein helles Feuer und zur Erhöhung der Behaglichkeit zwei Studierlampen, und so war es warm und behaglich drinnen, wenn auch draußen frostig und rauh.

Ein schwaches Lächeln glitt über Alonzos Antlitz bei dem Gedanken, daß seine Streifereien aus Liebe ihn in den Augen der Welt zu einem Verrückten gemacht hatten, und er wollte eben seinen Gedankengang weiter verfolgen, als eine schwache, holde Melodie – sozusagen ein Tonschatten, so fern und dünn schien sie – an sein Ohr schlug. Seine Pulse hörten auf zu schlagen; er lauschte mit offenen Lippen und verhaltenem Atem. Das Lied tönte weiter – er harrte, lauschte, erhob sich langsam und unbewußt aus seiner Rückenlage und rief endlich frohlockend aus:

»Sie ist's! sie ist's! O, die göttlichen, um einen halben Ton zu tiefen Noten!«

Er schleppte sich begierig zu der Ecke, aus der die Töne kamen, riß einen Vorhang auf die Seite und entdeckte ein Telephon. Er beugte sich darüber, und als die letzte Note erstarb, brach er in den lauten Ausruf aus:

»O, dem Himmel sei Dank, endlich gefunden! Sprich mit mir, teuerste Rosannah! Das qualvolle Geheimnis ist enthüllt; es war der schurkische Burley, der meine Stimme nachahmte und dich mit unverschämter Rede beleidigte!«

Es folgte eine atemlose Pause, für den wartenden Alonzo ein Menschenalter; dann kam ein schwacher Laut, der sich zur Rede formte:

»O, sage diese köstlichen Worte nochmals, Alonzo!«

»Sie sind die Wahrheit, die reinste Wahrheit, meine Rosannah, und du sollst den Beweis haben, glänzenden und vollen Beweis!«

»O, Alonzo, bleibe bei mir! Verlasse mich keinen Augenblick! Laß mich fühlen, daß du mir nahe bist! Sage mir, daß wir nie wieder getrennt sein sollen! O, diese glückliche Stunde, diese gesegnete, denkwürdige Stunde!«

»Wir wollen sie uns ins Gedächtnis einprägen, meine Rosannah; jedes Jahr, wenn die Uhr diese Stunde schlägt, werden wir sie mit Dankgebeten feiern, unser ganzes Leben lang.«

»Das wollen wir, Alonzo, – ja, das wollen wir!«

»Vier Minuten nach sechs Uhr abends, meine Rosannah, soll hinfort – –«

»Zwölf Uhr dreiundzwanzig Minuten nachmittags – –«

»Ei, Rosannah, mein Schatz, wo bist du denn?«

»In Honolulu auf den Sandwichsinseln. Und wo bist du? Bleibe bei mir; verlasse mich keinen Augenblick! Ich könnt' es nicht ertragen. Bist du daheim?«

»Nein, Teure, ich bin in New York – ein Patient in ärztlicher Behandlung.«

Ein qualvoller Schrei drang in Alonzos Ohr, es klang wie das scharfe Summen einer verletzten Fliege: die Reise von ein paar tausend Meilen hatte die Kraft des Lautes abgeschwächt. Alonzo sagte rasch:

»Beruhige dich, mein Kind. Es ist nichts; ich werde bereits wieder gesund durch die Heilkraft deiner holden Nähe. – Meine Rosannah!«

»Ja, Alonzo? O, wie du mich erschreckt hast! Fahre fort.«

»Bestimme den Hochzeitstag, Rosannah!«

Es folgte eine kleine Pause; dann antwortete eine schüchterne, leise Stimme: »Ich erröte – aber vor Freude, vor Glück. Möchtest du es gerne bald haben?«

»Noch in dieser Nacht, Rosannah! nur nicht das Wagnis eines weiteren Verzuges! Warum nicht gleich? – noch in dieser Nacht, in diesem Augenblick!«

»O, du ungeduldiger Mann! Ich habe niemand hier als meinen guten alten Onkel, einen früheren Missionar – niemand als ihn und seine Frau. Es würde mir so von Herzen lieb sein, wenn deine Mutter und deine Tante Susanne – –«

»Unsere Mutter und unsere Tante Susanne, meine Rosannah!«

»Ja, unsere Mutter und unsere Tante Susanne – ich will gerne so sagen, wenn es dir recht ist; es wäre mir so lieb, wenn sie bei der Trauung zugegen wären.«

»Ich möchte es auch. Wie wär's, wenn du an Tante Susanne telegraphiertest? Wie lange würde es dauern, bis sie käme?«

»Der Dampfer geht übermorgen von San Francisco ab und ist acht Tage unterwegs; sie würde also am 31. März hier sein.«

»Dann bestimme den 1. April, teuerste Rosannah!«

»Ums Himmels willen, Alonzo, da würden wir ja zu Aprilnarren!«

»Wir würden dann jedenfalls die glücklichsten, welche die Sonne jenes Tages auf dem ganzen weiten Erdenrund bescheint; was ficht's uns also an? Sage am 1. April, Teure.«

»Nun denn, von Herzen gern, der 1. April soll es sein.«

»Wie herrlich! Bestimme auch die Stunde, Rosannah.«

»Ich liebe den Morgen mit seiner Frische und Heiterkeit. Paßt es dir um acht Uhr morgens, Alonzo?«

»Die schönste Stunde des Tages – da sie dich zu der meinigen macht.«

Es folgte eine Pause, während welcher ein Ton hörbar war, als ob körperlose Geister Küsse austauschten; dann sagte Rosannah: »Entschuldige mich nur für einen Augenblick, Lieber; ich muß einen Besuch erwarten, drüben im andern Zimmer.«

Das junge Mädchen eilte in das Besuchszimmer und nahm an einem Fenster Platz, das die Aussicht auf eine schöne Landschaft gewährte. Zur Linken konnte man das hübsche Nuuanathal, eingesäumt von einer üppigen Fülle tropischer Blumen und graziöser Kokospalmen, überschauen; die anstoßenden niederen Hügel waren in das leuchtende Grün von Zitronen- und Orangenbäumen gekleidet; die geschichtlich berühmte Schlucht drüben, in welche der erste Kamehameha seine dem Untergange geweihten Feinde hineintrieb, hatte wahrscheinlich ihre grausige Geschichte vergessen, denn wie gewöhnlich am Mittag wölbte sich eine Anzahl von Regenbogen über ihr. Gerade vor dem Fenster sah man die wunderlich gebaute Stadt und hie und da eine Gruppe von dunkelfarbenen Eingeborenen, die sich des fast unerträglich heißen Wetters freuten; und weitab zur Rechten lag der ruhelose Ozean, der seine weiße Mähne im Sonnenscheine schüttelte.

Rosannah saß wartend da, in ihrem leichten weißen Gewand, und fächelte ihr erregtes und erhitztes Gesicht; endlich steckte ein halbnackter, mit einem Cylinderhut bedeckter Kanakenknabe den Kopf zur Thür herein und meldete: »Herr aus 'Friesko!«[8]

[8] Abkürzung für San Francisco.

»Weise ihn herein,« sagte das Mädchen, indem sie sich aufrichtete und eine entschiedene Haltung annahm. Herr Sidney Algernon Burley trat ein, von Kopf bis zu Fuß in blendendes Weiß, d. h. in die leichteste und weißeste irische Leinwand gekleidet. Er trat rasch heran, aber das Mädchen machte eine Bewegung mit der Hand und warf ihm einen Blick zu, der ihn plötzlich stehen bleiben ließ. Sie sagte kalt: »Ich bin hier, wie ich versprach. Ich glaubte Ihren Versicherungen, gab ihrem ungestümen Drängen nach und sagte, ich würde den Tag bestimmen. Ich bestimme den 1. April um acht Uhr des morgens. Und nun gehen Sie.«

»O, meine Teuerste, wenn die Dankbarkeit einer Lebenszeit – –«

»Kein Wort mehr. Erlassen Sie mir Ihren Anblick und jeden Verkehr mit Ihnen bis zu jener Stunde. Nein – keine Bitten; ich will es so haben.«

Als er fort war, sank sie erschöpft in einen Stuhl, denn die lange Belagerung des Kummers, die sie ausgehalten, hatte ihre Kraft geschwächt. Gleich darauf sagte sie: »Mit knapper Not entkommen! Wenn er eine Stunde früher gekommen wäre, – – es schaudert mich, wenn ich daran denke! Denken zu müssen, daß es mit mir dahin gekommen wäre, daß ich mir einbildete, dieses betrügerische, dieses falsche, dieses verräterische Ungeheuer zu lieben! O, er soll seine Schurkerei bereuen!«

Wir wollen diese Geschichte jetzt rasch zu Ende führen, denn es ist nur weniges noch zu sagen. Am 2. April enthielt der Honoluluer ›Anzeiger‹ folgende Notiz:

»Verheiratet. – Dahier, per Telephon, gestern früh um acht Uhr, durch den hochwürdigen Herrn Nathan Hays, unter Assistenz des hochwürdigen Herrn Nathaniel Davis zu New York, Herr Alonzo Fitz Clarence von Eastport in Maine, mit Fräulein Ethelton von Portland in Oregon. Zugegen war Frau Susanne Howland von San Francisco, eine Freundin der Braut, gegenwärtig zu Gast bei Herrn und Frau Hays, dem Onkel und der Tante der Braut. Auch Herr Sidney Algernon Burley von San Francisco war zugegen, blieb aber nicht bis zum Schluß der Trauungsfeierlichkeit. Kapitän Hawthornes hübsche und geschmackvoll dekorierte Yacht wartete im Hafen, und die glückliche Braut und ihre Freunde brachen gleich darauf zu einem Ausflug nach Lahaina und Haleakala auf.«

Die New Yorker Zeitungen vom selben Datum enthielten folgende Notiz:

»Verheiratet. – Dahier, gestern, per Telephon, um halb drei Uhr in der Frühe, durch den hochw. Herrn Nathaniel Davis, unter Assistenz des hochw. Herrn Nathan Hays zu Honolulu, Herr Alonzo Fitz Clarence von Eastport in Maine und Fräulein Rosannah Ethelton von Portland in Oregon. Die Eltern und mehrere Freunde des Bräutigams waren zugegen. Nachdem die Gesellschaft ein festliches Frühstück genossen und sich bis gegen Sonnenaufgang vergnügt unterhalten, brach sie zu einem Ausflug nach dem Aquarium auf, da des Bräutigams Gesundheitszustand keine ausgedehntere Reise zuläßt.«

Gegen das Ende jenes denkwürdigen Tages waren Herr und Frau Alonzo Fitz Clarence in ein zärtliches Gespräch über die Vergnügungen ihrer beiderseitigen Hochzeitsausflüge vertieft, als plötzlich die junge Frau ausrief: »O Lonny, ich vergaß ganz! Ich that, was ich mir vorgenommen.«

»Was, Geliebte?«

»Ich machte ihn zum Aprilnarren! Und ich sagte es ihm auch! O, es war eine reizende Ueberraschung! Da stand er, schmorend in einem schwarzen Anzug, während das Thermometer oben zur Röhre hinauswollte, in Erwartung der Trauung. Du hättest die Miene sehen sollen, die er machte, als ich es ihm ins Ohr flüsterte! Ach, seine Verruchtheit hatte mir viel Herzeleid gebracht und manche Thräne erpreßt; aber in jenem Augenblick war alles quitt. Das Gefühl der Rache wich gänzlich aus meinem Herzen und ich lud ihn ein zu bleiben und sagte, ich habe ihm alles vergeben; aber er wollte nicht. Er schwur, sich grimmig zu rächen und unser Leben zu einem Fluch für uns zu machen. Aber das kann er nicht, mein Teuerster, nicht wahr?«

»Niemals in dieser Welt, meine Rosannah,« antwortete Alonzo innig. –


Tante Susanne, die Großmutter in Oregon, das junge Paar und ihre Mutter zu Eastport sind alle glücklich, während ich dies schreibe, und werden es wohl auch bleiben. Tante Susanne holte die Braut von den Sandwichsinseln ab, begleitete sie über den amerikanischen Kontinent und hatte das Glück, die entzückte Begegnung zweier sich anbetender Ehegatten mitanzusehen, die bis dahin einander nie gesehen hatten.

Ein Wort über den nichtswürdigen Burley, dessen verruchte Ränke beinahe die Herzen unseres lieben jungen Paares gebrochen und ihr Leben elend gemacht hätten, wird genügen. Bei einem Anfall auf einen verkrüppelten und hilflosen Arbeiter, der ihm, wie er sich einbildete, eine geringfügige Beleidigung angethan hatte, zersprang sein Revolver und tötete ihn auf der Stelle.