Fünftes Kapitel.
Wir versuchten irgend einen Plan aufzustellen, konnten aber nicht einig werden. Jim und ich waren dafür, umzukehren und wieder nach Hause zu fahren. Tom aber meinte, wir sollten lieber den Tagesanbruch abwarten, um ordentlich sehen zu können; bis dahin aber würden wir so nahe bei England sein, daß wir ebensogut dorthin fahren könnten; wir könnten dann zu Schiff zurückkehren, und was wäre das nicht für ein Ruhm, wenn wir später so etwas von uns sagen könnten!
Gegen Mitternacht legte sich der Sturm; der Mond kam hervor und beschien die Meeresfläche; uns wurde ganz behaglich zu Mute und der Schlaf kam über uns. Wir streckten uns auf den Bänken aus und schliefen ein und wachten nicht früher auf, als bis die Sonne am Himmel stand. Die See funkelte wie von lauter Diamanten und es war schönes Wetter und sehr bald waren alle unsere Sachen wieder trocken.
Wir gingen achter, um uns etwas zum Frühstück zu suchen, und das erste, was uns in die Augen fiel, war ein trübes Lichtchen, das in einem Kompaß unter ’nem Glasdeckel brannte. Tom machte sich sofort Gedanken darüber und sagte:
»Ihr könnt euch wohl denken, was das bedeutet! Nichts anderes, als daß hier jemand auf Wache stehen und dies Ding steuern muß, genau wie ein Schiff gesteuert wird. Denn wenn der Ballon nicht gesteuert wird, so treibt er sich in der Luft herum und segelt, wohin der Wind ihn führt.«
»Hm,« sagte ich, »was hat denn unsere Gondel gemacht, seit wir … eh … seit wir den Unfall hatten?«
»Sich herumgetrieben,« antwortete er, ein bißchen aus seiner Ruhe gebracht, »sich herumgetrieben – ohne allen Zweifel! Jetzt haben wir einen Wind, der uns südöstlich treibt; wir können nicht wissen, wie lange wir schon diesen Kurs halten.«
Er stellte das Steuer wieder auf Osten und sagte, er wolle so lange aufpassen, bis wir das Frühstück fertig gemacht hätten. Der Professor hatte sich so gut verproviantiert, wie man’s nur wünschen konnte. Da war alles in Hülle und Fülle vorhanden. Milch gab es allerdings nicht zum Kaffee, aber Wasser war vorhanden und alles, was man sonst nötig hatte, auch ein Kochofen mit Holzkohlenfeuerung und mit dem erforderlichen Geschirr, und Pfeifen und Zigarren und Zündhölzer. Ferner Weine und Liköre – wofür wir allerdings keine Verwendung hatten; dann Bücher und Land- und Seekarten und ’ne Ziehharmonika – und Pelze, Decken und eine unendliche Menge von allerlei Tand, wie Messingperlen und dergleichen Zierat. Das war, wie Tom bemerkte, ein sicheres Anzeichen, daß er darauf gerechnet hatte, mit Wilden zusammenzukommen. Auch Geld war da. Ja, der Professor war nicht schlecht ausgerüstet.
Nach dem Frühstück zeigte Tom mir und Jim, wie das Steuer gehandhabt wurde; dann verteilte er die Wachen, für jeden immer vier Stunden. Als er mit seiner Wache fertig war, löste ich ihn ab, und er holte des Professors Papier und Schreibzeug heraus, und setzte sich hin und schrieb einen Brief nach Hause an seine Tante Polly. Darin erzählte er ihr alles, was uns passiert war, und als er fertig war, datierte er den Brief:
›Im Firmament, in der Nähe von England‹, und faltete ihn säuberlich zusammen und versiegelte ihn mit einer roten Oblate. Dann adressierte er ihn und über der Adresse schrieb er mit dicken Buchstaben:
Von Tom Sawyer, dem Erronauter
und er sagte, wenn der Brief mit der Post ankäme, da würde der alte Nat Parsons, der Postmeister, einfach auf den Rücken fallen.
Ich äußerte meine Meinung, wir wären ja doch nicht im Firmament, sondern in einem Luftballon; aber über so etwas war mit Tom nun einmal nicht zu diskutieren. Im Grunde wußte ich auch nicht so recht, was eigentlich ein Firmament ist; Tom wollte es mir erklären, aber Jim und ich bekamen trotzdem keinen rechten Begriff davon, und schließlich ließen wir es sein und sprachen davon, was ein Erronauter sei.
Ein Erronauter, sagte Tom, wäre ein Mensch, der in Luftballons ’rumführe, und es wäre ganz was Anderes und viel was Feineres, wenn er sich ›Tom Sawyer, den Erronauter‹ nennen könnte, als wenn er bloß ›Tom Sawyer, der Reisende‹ wäre. Man würde überall auf der ganzen Welt von uns sprechen, wenn wir nur das Ding zum rechten Ende brächten, und darum hustete er von jetzt an was drauf, ›Tom Sawyer, der Reisende‹ zu heißen.
Als die Mitte des Nachmittags herankam, machten wir alles zum Landen fertig, und uns war recht leicht ums Herz und wir fühlten einen mächtigen Stolz in uns. Wir guckten fortwährend durch unsere Ferngläser, wie Kolumbus, als er Amerika entdecken wollte. Aber wir sahen nichts als lauter Ozean und Ozean. Der Nachmittag verstrich, die Sonne ging unter und immer noch war nirgendwo Land zu sehen. Die Sache kam uns sonderbar vor, aber wir dachten, sie würde schon in Ordnung kommen. Wir blieben also dabei, ostwärts zu steuern, nur stiegen wir etwas höher hinauf, damit wir nicht im Dunkel gegen einen Berg oder sonstige Hindernisse anstoßen möchten.
Von acht Uhr abends bis Mitternacht hatte ich die Wache, dann löste Jim mich ab; aber Tom blieb auf, weil Schiffskapitäne, wie er sagte, das immer täten, wenn sie dicht beim Lande wären.
Als es nun Tag wurde, da stieß auf einmal Jim ein lautes Geschrei aus und wir sprangen auf und guckten über den Rand der Gondel und richtig! da war das Land – rund um uns herum nichts als Land, soweit das Auge reichte, und vollkommen flach und ganz gelb! Wir wußten nicht, wie lange wir schon über dem Land gewesen waren, denn da waren weder Bäume, noch Berge, noch Felsen, noch Städte, und Tom und Jim hatten gedacht, es sei das Meer, das spiegelglatt unter ihnen daläge; übrigens hätte es von der Höhe aus, in der wir uns befanden, spiegelglatt ausgesehen, selbst wenn die Wellen haushoch gegangen wären.
Wir waren jetzt alle riesig aufgeregt und nahmen schnell die Ferngläser vor die Augen und suchten überall nach London, aber da war nicht das geringste weder von London noch überhaupt von einer menschlichen Niederlassung zu sehen – nicht ’mal ein See oder ein Fluß war zu erblicken. Tom war ganz kleinlaut geworden. Er sagte, so einen Begriff hätte er sich von England nicht gemacht; er hätte immer gemeint, England sähe genau so aus wie Amerika. Er schlug schließlich vor, wir wollten lieber unser Frühstück essen und dann den Ballon herunterlassen und uns erkundigen, wie wir auf dem kürzesten Wege nach London kämen. Mit dem Frühstück waren wir sehr schnell fertig – unsere Ungeduld war zu groß. Als wir nachher uns in niedrigere Regionen herabließen, begann das Wetter milde zu werden, und sehr bald zogen wir unsere Pelze aus. Aber es wurde immer noch milder, und im Nu war’s beinahe zu milde. Wir waren nämlich jetzt dicht über dem Erdboden und da herrschte geradezu eine Backofenhitze.
Ungefähr dreißig Fuß über dem Lande machten wir Halt; ich sage ›Land‹, indem ich annehme, daß man so etwas Land nennen darf; denn da gab es nichts als reinen Sand! Tom und ich kletterten die Leiter herunter und fingen an zu laufen, um unsere Beine wieder ein bißchen geschmeidig zu machen; den Beinen tat denn auch die Bewegung wunderbar gut – aber den Füßen weniger, denn der Sand verbrannte uns die Sohlen, als wären wir auf glühende Kohlen getreten. Nicht lange, so sahen wir jemanden herankommen, und sofort liefen wir ihm entgegen; aber wir hörten Jim schreien und drehten uns nach ihm um und sahen, daß er wie ein Besessener herumsprang und Zeichen machte und schrie. Was er sagte, konnten wir nicht verstehen, aber wir kriegten es doch mit der Angst und liefen so schnell wir konnten nach dem Luftschiff zurück. Als wir nahe genug gekommen waren, unterschieden wir seine Worte, und mir wurde ganz übel zumute, als ich sie hörte:
»Rennt!« schrie er. »Rennt, wenn euch euer Leben lieb is. Das is ’n Löwe! Ich seh ihm durch die Fernglas! Rennt Jungens! Rennt, was das Zeug halten will! Er is gewiß aus die Menascherie gelaufen un da is niemand, der ihn wieder kriegen kann!«
Tom flog wie ein Pfeil dahin, aber mir schlotterten die Beine, als wenn ich gar keine Knochen mehr drin gehabt hätte. Ich konnte mich bloß so hinschleppen, wie’s einem im Traum manchmal passiert, wenn ein Gespenst hinter einem her ist.
Tom war natürlich der Erste bei der Leiter; er kletterte ein Stück hinauf und wartete auf mich; sobald ich glücklich auf der untersten Stufe stand, rief er Jim zu, er sollte losrutschen. Aber Jim hatte völlig den Kopf verloren und sagte, er wüßte nicht mehr, wie’s gemacht würde. Tom kletterte daher weiter hinauf und sagte, ich sollte nachkommen; aber der Löwe war schon ganz in der Nähe und stieß bei jedem Sprung ein ganz fürchterliches Gebrüll aus; davon zitterten mir die Beine dermaßen, daß ich nicht wagte, mich von der Sprosse zu rühren, denn ich dachte, wenn ich den einen Fuß hochhöbe, so würde der andere allein mich nicht mehr tragen können.
Inzwischen aber hatte Tom sich in die Gondel hineingeschwungen; er ließ den Ballon ein Stück in die Höhe gehen, hielt aber sofort wieder an, als das Ende der Strickleiter zehn oder zwölf Fuß über dem Boden war.
Und da war auch schon der Löwe. Wie tobte er unter mir herum, wie brüllte er, wie sprang er in die Höhe und schnappte nach der Leiter! Es sah aus als verfehlte er sie nur um Viertelszollbreite. Es war ja köstlich, wirklich köstlich, außer seinem Bereich zu sein, und ich empfand dies als ein ungeheuer angenehmes Gefühl, wofür ich herzlich dankbar war; andererseits aber hing ich hilflos da und konnte nicht hochklettern, und dabei wurde mir denn wieder sterbensübel zu Mute. Es kommt wohl sehr selten vor, daß jemand derartig gemischte Gefühle empfindet, und im großen und ganzen kann ich eine derartige Situation nicht für empfehlenswert erklären.
Tom fragte mich, was er anfangen sollte, aber ich konnte ihm daraufhin keinen Bescheid geben. Er meinte, ich könnte mich vielleicht so lange festhalten, bis er nach einem sicheren Platz gesegelt wäre, wohin der Löwe nicht so schnell mitlaufen könnte. Ich antwortete, es würde mir wahrscheinlich möglich sein, wenn er den Ballon nicht höher steigen ließe; aber wenn er höher ginge, so würde ich ganz gewiß schwindlig werden und herunterfallen.
»Halt dich nur ordentlich fest!« rief Tom, und damit segelte er los.
»Nicht so schnell!« schrie ich. »Mir wird schon gelb und grün vor den Augen!«
Er war nämlich mit Blitzzugsgeschwindigkeit abgefahren. Tom mäßigte die Schnelligkeit und wir glitten langsamer über den Sand hin; aber es ist und bleibt doch im höchsten Grade ungemütlich, wenn man in lautloser Stille den Boden so unter sich weggleiten sieht.
Mit der Lautlosigkeit nahm es indessen sehr bald ein Ende, denn der Löwe kam uns nachgesprungen. Und sein Gebrüll wurde beantwortet. Wir sahen die Bestien aus allen Himmelsrichtungen herangehopst kommen und im Nu waren ein paar Dutzend unter mir. Sie sprangen nach der Leiter und fauchten sich gegenseitig an und schnappten nacheinander. So rutschten wir übers Land hin und die braven Löwen taten, was in ihren Kräften stand, um uns das Erlebnis unvergeßlich zu machen; und es kamen immer mehr Bestien – sie schienen es nicht für nötig zu halten, eine Einladung von uns abzuwarten – und das Getümmel unter uns wurde unbeschreiblich.
Wir sahen ein, so konnte es nicht weiter gehen. Wenn wir nicht schneller segelten, wurden wir die Löwen nicht los, und ich konnte mich nicht ewig an der Strickleiter festhalten, denn dazu reichten meine Kräfte nicht.
Tom dachte über den Fall nach und kam auf eine andere Idee: einer von den Löwen mußte mit des Professors Revolver totgeschossen werden, und während die anderen Halt machten, um ihren Kameraden zu verspeisen, konnten wir verschwinden.
Gedacht, getan! Tom hielt den Ballon an, schoß eine von den Bestien über den Haufen und der Spektakel ging los, ganz wie wir’s erwartet hatten. Wir segelten eine Viertelmeile weiter und Tom und Jim halfen mir in die Gondel hinein.
Kaum waren wir damit fertig, so war auch die Löwenbande wieder da. Aber es war zu spät für sie. Und als sie sahen, daß sie uns nicht mehr kriegen konnten, da setzten sie sich auf ihre Hinterbacken und sahen uns mit so schmerzlich enttäuschten Gesichtern nach, daß die armen hungrigen Löwen uns wirklich leid taten.