III.

Der Rathaussaal hatte noch nie so prächtig ausgesehen. Im Hintergrund der Rednerbühne, sowie längs den Wänden und Galerien war der ganze Raum mit reichem Flaggenschmuck verkleidet und behängt; sogar um die Säulen schlangen sich bunte Fahnen. Dies Festgepränge sollte einen mächtigen Eindruck auf die Fremden machen, die, wie man vorausgesehen hatte, von nah und fern herbeiströmten; unter ihnen auch eine Menge Berichterstatter der hervorragendsten Zeitungen. Der Saal war zum Erdrücken voll. Nicht nur die 412 festen Plätze waren sämtlich besetzt, sondern auch 68 Extrastühle, welche man hier und da verteilt hatte, sowie die Stufen zur Rednerbühne. Auf dieser selbst befanden sich Ehrensitze für die vornehmsten Gäste, und Tische in Hufeisenform, an denen die Herren von der Presse Platz genommen hatten.

Die Damen waren in großer Toilette; solchen Staat hatte Hadleyburg noch nie erblickt. Dem Anschein nach fühlten sich einige von ihnen nicht sehr behaglich in den kostbaren Gewändern. Wenigstens machten die Einheimischen diese Bemerkung, was aber wohl daher rühren mochte, daß sie genau wußten, jene Damen hätten in ihrem ganzen Leben noch niemals solche Kleider angehabt.

Im Vordergrund der Rednerbühne, auf einem kleinen Tisch, wo alle Welt ihn sehen konnte, lag der Goldsack. Dorthin wandten sich die meisten Blicke mit brennender Begierde und schmerzlich sehnsüchtigem Verlangen, während neunzehn Ehepaare den Sack mit einem liebevollen Eigentumsgefühl betrachteten. Die männlichen Hälften dieser glücklichen Minderzahl wiederholten sich dabei im stillen die hübsche kleine Rede aus dem Stegreif, mit welcher sie alsbald ihren Dank für die Glückwünsche der Menge auszudrücken gedachten. Von Zeit zu Zeit zog bald dieser bald jener Herr ein Stück Papier aus der Westentasche, um seinem Gedächtnis nachzuhelfen.

Anfänglich herrschte ein lebhaftes Stimmengewirr; als aber Pastor Burgeß aufstand und seine Hand auf den Sack legte, wurde es totenstill im Saal; man hätte eine Mücke husten hören können. Der Pastor erzählte die wunderbare Geschichte des Sacks und erging sich dann in warmen Worten über Hadleyburgs wohlverdienten Ruf fleckenloser Redlichkeit, auf den die Stadt mit Recht stolz sein könne. Dieser Ruf, sagte er, sei ein Besitz von unschätzbarem Wert, auf welchem auch Gottes Segen sichtlich ruhe. Denn durch jene merkwürdige Begebenheit habe sich Hadleyburgs Ruhm allenthalben verbreitet, so daß die Blicke von ganz Amerika jetzt auf diese Stadt gerichtet seien und ihr Name für alle Zeiten, wie er glaube und hoffe, als Sinnbild unbestechlicher Treue in Handel und Wandel gelten werde. [Beifall.] »Wer aber soll der Hüter dieses kostbaren Schatzes sein? Etwa die ganze Gemeinde? O nein! Jeder Einzelne ist dafür verantwortlich. Von heute ab hat jeder Bewohner dieser Stadt persönlich Sorge zu tragen, daß unser herrlichstes Besitztum unangetastet bleibt. Wollt ihr diese große Verantwortung auf euch nehmen? [Brausende Rufe der Zustimmung.] Dann ist alles wohl bestellt. Vererbt den Schatz auf eure Kinder und Kindeskinder! Bisher hat niemand eure Lauterkeit antasten können – möge es immer so bleiben. Kein einziger von unsern Mitbürgern würde sich heute verführen lassen, auch nur einen Pfennig anzurühren, der ihm nicht gehört – sehet zu, daß ihr in solcher Tugend beharrt.« [»Ja, ja, das wollen wir!«] »Hier ist nicht der Ort, um einen Vergleich zwischen uns und andern Gemeinden anzustellen, von denen einige kein Wohlwollen für uns hegen. Sie haben ihre Sitten und Gebräuche und wir die unsrigen – daran soll uns genügen. [Beifall.] Ich bin zu Ende, meine Freunde. Hier lege ich die Hand auf den Goldsack, dies beredte Zeugnis für die Anerkennung, die ein Fremder unserer Tugend zollt. Sie wird durch ihn jetzt und für alle Zeit in der ganzen Welt verkündet werden. Der Mann ist uns unbekannt, aber ich spreche ihm in euer aller Namen unsern tiefgefühlten Dank aus und bitte euch, mit mir in ein Hoch auf ihn einzustimmen.«

Der ganze Saal erhob sich, und minutenlang schallten die Wände von donnernden Hurrarufen wieder. Als die Ruhe hergestellt war, zog Pastor Burgeß einen versiegelten Briefumschlag aus der Tasche, öffnete ihn und nahm einen Papierstreifen heraus. In atemloser Spannung lauschten die Anwesenden auf die Zauberworte, von denen jedes einen Klumpen Gold wert war und die der Pastor jetzt langsam und nachdrücklich vorlas:

»Die Aeußerung, welche ich dem armen Fremden gegenüber that, lautete: ›Ihr seid noch lange kein ganz schlechter Mensch. Geht hin und bessert Euch.‹« Dann fuhr Burgeß fort: »Wir wollen uns nun überzeugen, ob diese Aeußerung gleichlautend ist mit den Worten, die der Sack enthält. Dies wird unzweifelhaft der Fall sein, und sobald es bewiesen ist, gehört der Goldsack einem unserer Mitbürger, der fortan bei allem Volk als Inbegriff und Vertreter jener besonderen Tugend gelten wird, die den Ruhm unserer Stadt in ganz Amerika ausmacht. Sein Name ist – Billson!«

Alle hatten sich schon zu einem gewaltigen Beifallssturm gerüstet; jetzt schienen sie plötzlich wie vom Frost erstarrt. Eine unheimliche Stille lagerte über der Versammlung, dann hörte man allmählich ein leises Flüstern, das immer deutlicher wurde: »Billson! Nanu – wer das glaubt! Zwanzig Dollars hätte der einem Fremden gegeben? Nicht im Traum würde es ihm einfallen. Ja, Prosit – so was lassen wir uns nicht aufbinden!« Aber ihrer wartete noch eine größere Ueberraschung. Während an einer Stelle des Saales der Kirchenrat Billson mit demütig gesenktem Haupt dastand, hatte sich an einer andern Rechtsanwalt Wilson erhoben. Verwundert schwieg die Menge eine Weile, und die Entrüstung der neunzehn Ehepaare war groß. Billson und Wilson hatten sich umgewandt und starrten einander an.

»Weshalb stehen Sie auf, Herr Wilson?« fragte Billson in beißendem Ton.

»Weil ich ein Recht dazu habe. Vielleicht würden Sie so freundlich sein, den Anwesenden zu erklären, warum Sie nicht sitzen bleiben.«

»Mit Vergnügen. Ich habe den Zettel dort geschrieben.«

»Das ist eine unverschämte Lüge. Er ist von meiner Hand

Jetzt war die Reihe an Burgeß, sich zu verwundern. Er stand stumm da und starrte bald den einen, bald den andern an, ohne zu wissen, was er thun sollte. Endlich nahm Wilson das Wort:

»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte er, »den Namen zu lesen, mit welchem das Papier unterzeichnet ist.«

Das brachte den Pastor wieder zu sich.

»John Wharton Billson,« las er.

»Da haben Sie’s,« schrie Billson. »Wie wollen Sie sich nun herausreden und sich wegen der Beleidigung entschuldigen, die Sie mit Ihrer frechen Täuschung nicht nur mir, sondern dieser ganzen Versammlung zugefügt haben?«

»Von Entschuldigung ist gar keine Rede. Im Gegenteil, mein Herr, ich klage Sie hiermit öffentlich an, daß Sie dem Pastor Burgeß meinen Zettel entwendet und eine Abschrift untergeschoben haben, auf der Ihr Name steht. Dies ist die einzige Art, wie Sie zur Kenntnis der bewußten Aeußerung gelangt sein können, denn außer mir weiß kein Mensch in der ganzen Welt, wie jene Worte gelautet haben.«

Der Sache mußte ein Ende gemacht werden, wollte man nicht das ärgerlichste Aufsehen erregen und der Klatschsucht Thür und Thor öffnen. Alle sahen bestürzt nach den Stenographen hin, die in rasender Eile immer weiter schrieben. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« rief man von allen Seiten dem Vorsitzenden zu, bis dieser mit dem Hammer auf den Tisch klopfte.

»Meine Herren, lassen Sie uns die Würde dieser Versammlung aufrecht halten und den Anstand nicht verletzen,« sagte Burgeß. »Offenbar liegt hier ein Irrtum vor, weiter nichts. Wenn Herr Wilson mir ein Couvert gegeben hat, wie mir jetzt erinnerlich ist, so befindet sich dasselbe auch noch in meinem Besitz.« Er zog einen Umschlag aus der Tasche, öffnete ihn, warf einen Blick hinein, machte ein verstörtes, bekümmertes Gesicht, stand eine Weile in ratlosem Schweigen da, erhob dann unwillkürlich die Hand und versuchte mehrmals zu sprechen, brachte aber kein Wort heraus.

»Vorlesen! Vorlesen!« riefen viele Stimmen. »Was steht darin?«

Mechanisch und wie ein Träumender gehorchte Burgeß der Aufforderung:

»Die Aeußerung, welche ich dem unglücklichen Fremden gegenüber that, lautete: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch [die Zuhörer schauten ihn verblüfft an]. Geht hin und bessert Euch.‹« [Gemurmel: »Wunderbar! Was soll das nur bedeuten!«] »Dies ist Thurlow G. Wilson unterschrieben,« sagte der Vorsitzende.

»Habe ich’s nicht gesagt,« schrie Wilson; »jetzt ist es sonnenklar. Ich wußte ja gleich, daß mein Brief abgeschrieben worden ist.«

»Das ist erlogen,« tobte Billson; »ich verbitte mir dergleichen von Ihnen und Leuten Ihres Gelichters.«

Der Vorsitzende: »Ich muß Sie zur Ruhe verweisen, meine Herren, und Sie beide ersuchen, Ihre Plätze wieder einzunehmen.«

Murrend, unter zornigem Widerspruch folgten sie der Aufforderung. Die Versammelten sahen einander kopfschüttelnd an, keiner wußte sich den seltsamen Fall zurechtzulegen. Endlich stand der Hutmacher Thomson auf. Er wäre gern einer der neunzehn angesehensten Bürger gewesen, allein das war ihm nicht beschieden; für solche Würde war sein Hutlager nicht groß genug.

»Ich erlaube mir, dem Vorsitzenden zu bemerken,« sagte er, »daß die beiden Herren dem Fremden gegenüber schwerlich genau dieselben Worte gebraucht haben. Nach meiner Ansicht ist das ein Ding der Unmöglichkeit.«

Hier wurde Thomson von dem Lohgerber unterbrochen, der zu den Unzufriedenen gehörte, weil er nicht als ein Neunzehner anerkannt wurde, wiewohl er Anspruch darauf zu haben meinte. Dies gab seiner Art und Weise einen etwas unangenehmen Beigeschmack.

»Bah,« rief er, »das ist gar nicht der Punkt, auf den es ankommt. So etwas könnte geschehen – alle hundert Jahre einmal –; aber das andere liegt außer dem Bereich der Möglichkeit: Keiner von beiden hat die zwanzig Dollars gegeben!« [Schallender Beifall.]

Billson: »Ich habe es gethan!«

Wilson: »Nein, ich habe es gethan!«

Wieder beschuldigten sie einander des Diebstahls.

Der Vorsitzende: »Ruhe, sage ich. Setzen Sie sich, meine Herren. Keins der beiden Couverts ist mir auch nur einen Augenblick aus der Hand gekommen.«

Eine Stimme: »Gut – damit ist das abgemacht.«

Der Lohgerber: »Ich weiß, wie es zugegangen sein muß: Einer der Männer hat sich unter dem Bett des andern versteckt und seine Familiengeheimnisse belauscht. Wenn es nicht unparlamentarisch ist, möchte ich die Behauptung aufstellen, daß man allen beiden so etwas zutrauen kann.« [Der Vorsitzende: »Zur Ordnung, zur Ordnung!«] »Ich ziehe meine Bemerkung zurück und will nur noch erwähnen, daß, wenn der eine gehört hat, wie der andere die wichtige Aeußerung seiner Frau mitteilte, wir jetzt bald hinter seine Schliche kommen werden.«

Eine Stimme: »Wieso?«

Der Lohgerber: »Nichts leichter als das. Die Aeußerung ist von beiden nicht genau in denselben Worten wiedergegeben worden. Das würde den Anwesenden auch aufgefallen sein, wenn die zweite Lesart nicht erst nach einiger Zeit und nach aufregenden Streitigkeiten vorgetragen worden wäre.«

Eine Stimme: »Was ist der Unterschied?«

Der Lohgerber: »Auf Billsons Zettel steht das Wort ganz – auf dem andern nicht.«

Viele Stimmen: »Richtig, richtig, so ist es!«

Der Lohgerber: »Wenn nun der Herr Vorsitzende die Probe macht und den Zettel im Sack liest, werden wir erfahren, wer von den beiden Betrügern –« [Der Vorsitzende: »Zur Ordnung!«] »wer von diesen zwei Glücksjägern –« [Der Vorsitzende: »Zur Ordnung!«] »wer von den beiden Ehrenmännern –« [Gelächter und Beifall] »die Auszeichnung genießen soll, der erste Halunke zu sein, der je in unserer durch ihn entehrten Stadt geboren und erzogen worden ist. Sein fernerer Aufenthalt hier dürfte für ihn etwas unbehaglich werden.« [Lebhafter Beifall.]

Viele Stimmen: »Oeffnen, öffnen – den Sack öffnen!!«

Burgeß machte einen Schlitz in den Sack, steckte die Hand hinein und zog ein Couvert heraus, welches zwei zusammengefaltete Papiere enthielt. Dann sagte er:

»Hier auf diesem Zettel steht: ›Erst zu öffnen, nachdem alle schriftlichen Mitteilungen, die der Vorsitzende etwa erhalten hat, gelesen worden sind.‹ Das andere Papier trägt die Aufschrift: ›Die Probe‹. Mit Ihrer Erlaubnis will ich den Inhalt lesen; er lautet:

»Ich verlange nicht, daß die Aeußerung, welche mein Wohlthäter mir gegenüber gethan hat, in ihrer ersten Hälfte dem Wortlaut nach genau wiedergegeben sein soll; sie war unbedeutend und er hat sie möglicherweise vergessen. Die letzten Sätze aber sind so schlagend, daß sie ihm sicherlich im Gedächtnis geblieben sind. Stimmen diese nicht mit der Probe überein, so hat man es mit einem Betrüger zu thun. Mein Wohlthäter begann mit der Bemerkung, daß er selten guten Rat erteile, thäte er es aber einmal, so sei sein Rat auch von erster Güte. Was er nun sagte, hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹«

Viele Stimmen: »Das ist entscheidend – das Gold gehört Wilson. Er soll reden! Wilson hat das Wort!«

Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, sie umringten Wilson, schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm von Herzen Glück, während der Vorsitzende immer lauter mit dem Hammer auf den Tisch klopfte und rief:

»Ruhe! Ordnung, meine Herren! Ich bitte um Ruhe! Lassen Sie mich den Zettel zu Ende lesen. –«

Als sich der Sturm gelegt hatte, fuhr Burgeß fort:

»›Geht hin und bessert Euch. Thut Ihr es nicht, so werdet Ihr eines Tages sicherlich in Euern Sünden sterben und zur Strafe in die Hölle kommen, oder nach Hadleyburg – ersteres wäre noch vorzuziehen.‹«

Eine unheimliche Stille entstand. Zuerst lagerten sich dunkle Zorneswolken auf der Stirn aller Hadleyburger, doch allmählich erheiterten sich die Gesichter wieder, ja es schien, daß sie große Mühe hatten, den Lachkitzel zu unterdrücken, der sich ihrer unwiderstehlich bemächtigte. Die Berichterstatter, die Bürger aus Brixton und sämtliche fremde Gäste hielten sich die Hand vors Gesicht oder saßen mit gesenktem Kopf da, während sie sich aus Höflichkeit aufs äußerste anstrengten, ihre Lachmuskeln zu beherrschen. In diesem verhängnisvollen Augenblick unterbrach Jack Halliday plötzlich das allgemeine Schweigen, indem er mit lauter Stimme rief: »Das Ding ist echt – ein Rat erster Güte!«

Jetzt platzte die ganze Versammlung heraus, Fremde wie Einheimische, und als sogar Burgeß seine Ernsthaftigkeit nicht behaupten konnte, legte sich niemand mehr Zwang auf. Ein ungeheures Gelächter erscholl, das lange kein Ende nehmen wollte. Ein paarmal wischten sich die Leute schon die Augen aus und der Vorsitzende nahm sich gewaltig zusammen, um die Verhandlung fortzusetzen, aber immer von neuem brachen die Lachsalven unaufhaltsam hervor, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe Burgeß endlich anhub:

»Es würde nutzlos sein, wollten wir versuchen, uns die Thatsache zu verhehlen, daß es sich hier um eine sehr ernste Sache handelt, denn die Ehre und der gute Name unserer Stadt stehen auf dem Spiel. Schon der Umstand, daß die beiden Zettel der Herren Wilson und Billson sich nur durch ein Wort unterschieden, war von schwerwiegender Bedeutung, da derselbe klar bewies, daß einer von ihnen sich des Diebstahls schuldig gemacht hatte –«

Die beiden Männer, welche in großer Niedergeschlagenheit dagesessen hatten, sprangen bei diesen Worten wie elektrisiert in die Höhe.

»Setzen Sie sich,« befahl der Vorsitzende streng, und sie gehorchten. »Wie gesagt, der Umstand war unheilvoll, doch nur für einen der Beteiligten. Jetzt aber erhält die Sache ein noch weit schlimmeres Ansehen, denn die Ehre beider ist nicht nur bedroht, sondern ich darf wohl sagen unrettbar verloren. Beide haben die letzten Sätze mit den entscheidenden Worten ausgelassen.« Er hielt inne und die lautlose Stille, welche entstand, erhöhte noch die eindrucksvolle Wirkung des Augenblicks. Dann fuhr er fort:

»Mir scheint, daß es hier nur eine mögliche Erklärung giebt – deshalb frage ich die Herren – geschah dies auf Verabredung – in heimlichem Einverständnis?«

Ein Flüstern ging durch den Saal: »Er hat sie beide in der Falle,« murmelte die Menge.

Billson war einer so schwierigen Lage nicht gewachsen; er saß in völliger Hilflosigkeit da. Aber Wilson, der Advokat, hatte sich ermannt; mit bleicher, verstörter Miene richtete er sich empor.

»Ich bitte die geehrten Anwesenden um Nachsicht bei der Erörterung dieser höchst peinlichen Angelegenheit. Nur ungern ergreife ich das Wort, denn ich weiß, daß ich durch meine Aussage Herrn Billson, den ich immer geachtet und hochgeschätzt habe, den schwersten Schaden zufüge. Wie alle übrigen habe auch ich bisher geglaubt, daß seine Rechtschaffenheit jeder Versuchung trotzen würde; aber meine eigene Ehre verlangt, daß ich offen zu Ihnen rede. Mit Beschämung muß ich gestehen – und ich bitte Sie herzlich, es mir zu vergeben –, daß ich mich dem mittellosen Fremden gegenüber ganz so geäußert habe, wie es auf dem Zettel im Sack verzeichnet ist, sogar den schimpflichen Schlußsatz mit inbegriffen. [Große Erregung.] Mir war das noch vollkommen erinnerlich, als ich beschloß, Anspruch auf den Sack zu erheben, der mir von Rechts wegen zukam. Versetzen Sie sich bitte einen Augenblick in meine Lage: Die Dankbarkeit des Fremden war grenzenlos gewesen an jenem Abend; er sagte selbst, er könne unmöglich Worte dafür finden, doch würde er mir die Wohlthat tausendfach vergelten, wenn er je im stande wäre, es zu thun. Nun fragen Sie sich einmal, ob sich bei dieser seiner Gesinnung erwarten ließ, ja, ob es auch nur denkbar war, daß er mir so übel mitspielen würde, jenen ganz unnötigen Schlußsatz auf seinem Zettel beizufügen, mich in die Falle zu locken und in einer öffentlichen Versammlung als Verleumder meiner Vaterstadt bloßzustellen? Dergleichen anzunehmen wäre höchst widersinnig gewesen. Ich zweifelte daher keinen Augenblick, daß auf jenem Papier nur der ganz harmlose Anfang meiner Aeußerung stehen würde. Sie hätten das auch geglaubt und einem Menschen, dem Sie aus der Not geholfen und dem Sie kein Leid gethan, niemals zugetraut, daß er schmählichen Verrat an Ihnen üben würde. So schrieb ich denn mit voller Zuversicht den Eingang nebst den Worten ›Geht hin und bessert Euch‹ und setzte meinen Namen darunter. Als ich den Zettel eben in einen Umschlag thun wollte, wurde ich abgerufen und ließ ihn in meiner Sorglosigkeit offen auf dem Schreibtisch liegen.« Hier hielt der Redner inne, wandte den Kopf langsam nach Billson hin, wartete noch ein paar Sekunden und sagte dann: »Als ich etwas später zurückkam, machte Herr Billson eben meine Hausthür hinter sich zu – urteilen Sie selbst, was das zu bedeuten hatte.« [Große Erregung.]

Doch schon war Billson aufgesprungen: »Es ist eine schändliche Lüge!« schrie er, rot vor Zorn.

Der Vorsitzende: »Setzen Sie sich! Herr Wilson hat das Wort.«

Billsons Freunde zogen ihn auf seinen Platz zurück und suchten ihn zu beruhigen, während Wilson fortfuhr:

»Ich teile Ihnen nur Thatsachen mit. Mein Zettel lag nicht mehr an derselben Stelle auf dem Tisch, wohin ich ihn gelegt hatte. Ich sah das wohl, beachtete es aber nicht weiter, in der Meinung, ein Zugwind habe ihn dahin geblasen. Daß Herr Billson ein Privatpapier lesen würde, kam mir nicht in den Sinn; er mußte das als Ehrenmann für unter seiner Würde halten. Hätte sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen, so würde er das Wort ganz nicht hinzugefügt haben. Ich bin der einzige Mensch in der Welt, der jene Aeußerung – auf ehrenhafte Weise – genau wiedergeben konnte. Weiter habe ich nichts zu bemerken.«

Für den schlauen und gewandten Redner ist es von jeher ein Leichtes gewesen, die Denkfähigkeit einer Zuhörerschaft, die an das täuschende Blendwerk der Redekunst nicht gewöhnt ist, zu verwirren und sie zu maßlosen Gefühlsäußerungen fortzureißen. Als Wilson wieder Platz nahm, war sein Sieg gewonnen. Ein nicht enden wollender Beifallssturm erschallte; Freunde und Bekannte umringten ihn, schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm Glück. Billson versuchte umsonst in dem Getümmel zu Worte zu kommen. Selbst der Vorsitzende strengte seine Lunge vergebens an, und wie laut er auch mit dem Hammer klopfte, niemand gab acht darauf.

Endlich wurde es einigermaßen still. »Fahren wir nun mit der Verhandlung fort!« rief Burgeß.

»Was ist denn da noch zu verhandeln?« hieß es; »man braucht ihm doch bloß den Sack zu geben.«

Viele Stimmen: »Jawohl, jawohl! Wilson soll vortreten!«

Der Hutmacher: »Ich fordere Sie auf, mit mir Herrn Wilson hoch leben zu lassen, als Inbegriff und Vertreter der besonderen Tugend, welche – –«

»Hoch! hoch! hurra!« hallte es mit Donnergetöse durch den Saal. Wilsons Bewunderer hoben ihn auf ihre Schultern, und man schickte sich eben an, ihn im Triumph auf die Rednertribüne zu geleiten, als die Stimme des Vorsitzenden den Lärm übertönte:

»Ruhe! Ordnung! Platz nehmen! – Erinnern Sie sich doch, meine Herren, daß ich noch ein Schriftstück zu verlesen habe.« –

Es ward wieder still im Saal; Burgeß nahm das zweite Papier zur Hand, legte es aber wieder hin. »Fast hätte ich vergessen, daß ich zuvor alle Zuschriften lesen soll, welche ich erhalten habe.« Er zog ein Couvert aus der Tasche, öffnete es, überflog den Inhalt und schien starr vor Verwunderung.

»Was ist es? Vorlesen! Vorlesen!« schrieen zwanzig bis dreißig Stimmen auf einmal.

Langsam und bedächtig, als traue er seinen Augen kaum, las Burgeß:

»Die Aeußerung, welche ich dem Fremden gegenüber that – [Mehrere Stimmen: »Hallo, wie geht das zu?«] – lautete: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. [Mehrere Stimmen: »Gerechter Himmel!«] Geht hin und bessert Euch.‹ [Eine Stimme: »Da schlag’ doch das Donnerwetter drein!«] Gezeichnet von Herrn Bankier Pinkerton.«

Jetzt brach ein Höllenlärm los, über den die besonneneren Leute trauernd ihr Haupt schüttelten. Wer sich nicht mehr halten konnte, lachte daß ihm die Thränen über die Wangen liefen. Die Berichterstatter wälzten sich vor Lachen und machten solche Krakelfüße auf dem Papier, daß es nicht menschenmöglich war, nur ein Wort zu entziffern. Ein Hund, der im Winkel geschlafen hatte, schreckte auf und geriet über das Getöse so in Wut, daß er wie wahnsinnig zu bellen anfing. Jeder schrie und brüllte, was ihm gerade durch den Kopf fuhr. »Oho, immer toller! – Jetzt besitzen wir zwei Inbegriffe von Treue und Redlichkeit! – Nein, drei – man muß auch Billson mitzählen – je mehr, desto besser! – Richtig, richtig, Billson gehört dazu! – Was ist doch Wilson für ein armes Opferlamm – zwei Diebe haben ihn beraubt!«

Eine mächtige Stimme: »Stille! Der Vorsitzende holt wieder etwas aus der Tasche.«

Andere Stimmen: »Hurra! Was giebt es Neues? Vorlesen! Vorlesen!«

Der Vorsitzende (liest): »Die Aeußerung, welche ich u. s. w. ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. Geht hin‹ u. s. w. Unterschrift: Gregor Yates.«

Dröhnende Rufe: »Vier Inbegriffe! – Der ehrliche Yates soll leben! – Weiter, weiter!«

Das Gebrüll im Saal wollte jetzt kein Ende nehmen; es galt, den Kapitalspaß von Grund aus zu genießen. Als einige von den Neunzehnern aufstanden und sich mit bleichen, angstvollen Mienen nach dem Ausgang hin zu drängen suchten, wurden von allen Seiten Rufe laut:

»Schließt die Thüren! Zieht die Schlüssel ab! Kein Ehrenmann darf den Saal verlassen! Hinsetzen! Hinsetzen! Jeder auf seinen Platz!«

Alle folgten der Aufforderung.

»Immer mehr! – Vorlesen! Vorlesen!«

Burgeß zog abermals ein Couvert hervor und las die wohlbekannten Worte: »›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹«

»Der Name! Der Name! Was steht darunter?«

»Ingoldsby Sargent.«

»Fünf Auserwählte! Ein ganzer Haufen Inbegriffe! Weiter, weiter!«

»›Ihr seid noch lange kein –‹«

»Den Namen her!«

»Nikolas Whitworth.«

»Hurra! hurra! Hoch soll er leben!«

»Hoch soll er leben!« fiel der ganze Saal ein; »hoch soll er leben! Dreimal hoch!!!«

»Jetzt noch ein Lebehoch für Hadleyburg, das Vorbild unbestechlicher Tugend, und für alle seine Inbegriffe und würdigen Vertreter!«

»Hadleyburg und seine Tugendspiegel sollen leben – hoch!« brüllte der Chor; »dreimal hoch!!!«

»Weiter, weiter!« tönte es jetzt aus vielen Kehlen. »Wir wollen mehr hören! Vorlesen! Alles vorlesen, was da ist!«

»Jawohl, jawohl! Das wird unsern Ruhm auf ewig begründen.«

Jetzt standen einige Männer auf, um Widerspruch zu erheben. Sie sagten, ohne Zweifel hätte sich irgend ein erbärmlicher Spaßvogel dies Possenspiel ausgedacht, das ein Schimpf für das ganze Gemeinwesen sei. Die Unterschriften müßten alle gefälscht sein, nur so ließe sich die Sache erklären. Aber sie predigten tauben Ohren.

»Oho! Schweigt nur und setzt euch wieder,« hieß es. »Ihr bekennt euch bloß schuldig – nächstens werden eure Namen an die Reihe kommen!«

»Wir fragen den Vorsitzenden, wie viele solche Briefumschläge er bekommen hat.«

»Es waren, glaube ich, neunzehn, alles in allem.«

Ein Hohngelächter erfolgte. »Vielleicht enthalten sie sämtlich das Geheimnis. Ich stelle den Antrag, von jedem derartigen Zettel die sieben ersten Wörter und die Unterschrift zu lesen. Wer stimmt dafür?«

Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen und zum Beschluß erhoben. Da stand plötzlich der arme alte Reichard auf und ihm zur Seite seine Frau, das Haupt gesenkt, um ihre Thränen zu verbergen. Der Gatte gab ihr den Arm, sie zu stützen, und begann mit vor Erregung bebender Stimme:

»Freunde und Mitbürger, ihr kennt uns beide, Mary und mich von Jugend auf, und habt uns stets Liebe und Achtung erwiesen –«

»Entschuldigen Sie, Herr Reichard,« unterbrach ihn der Vorsitzende; »was Sie sagen, ist zwar die lautere Wahrheit – die ganze Stadt kennt Sie nicht nur, sondern ehrt und liebt Sie beide, aber –«

Hier ließ sich Hallidays Stimme vernehmen: »Wenn das auch die Meinung der Versammlung ist, so schlage ich vor, das Ehepaar Reichard leben zu lassen. Hurra, hoch!«

Lautes Beifallklatschen war die Antwort; zahllose Taschentücher wurden geschwenkt und donnernde Hochrufe erschallten. Dann fuhr der Vorsitzende fort:

»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben, Herr Reichard, daß es zwar Ihrem guten Herzen Ehre macht, wir aber in diesem Fall den Missethätern keine Nachsicht gewähren dürfen.« [Zurufe: »Nein, nein!«] »Die edle Absicht steht Ihnen im Gesicht geschrieben; allein ich kann nicht gestatten, daß Sie sich für jene Männer verwenden –«

»Aber ich wollte ja nur –«

»Setzen Sie sich, bitte, Herr Reichard. Wir müssen erst die übrigen Zuschriften lesen. Das verlangt schon die Billigkeit den Leuten gegenüber, deren Schuld wir bereits ans Licht gezogen haben. Sobald dies geschehen ist, wollen wir Sie anhören, das verspreche ich Ihnen.«

Zögernd nahm das Ehepaar wieder Platz. »Das Warten ist eine rechte Qual,« flüsterte Reichard seiner Frau zu. »Nun wird unsere Schande um so größer sein, wenn es sich herausstellt, daß wir nur für uns selber um Nachsicht bitten wollten.«

Jetzt ging der Spaß von neuem los; die Namen wurden gelesen.

»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹ Unterschrift: ›Robert Titmarsch.‹

»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹ Unterschrift: ›Eliphalet Wenks.‹

»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹ Unterschrift: ›Oskar Wilder.‹«

Als der Vorsitzende so weit gekommen war, gerieten die Zuhörer auf den Einfall, ihn der Mühe zu überheben, jedesmal die sieben Wörter zu lesen, womit er sehr einverstanden war. Er hielt nun nur noch den Zettel in die Höhe und wartete, bis die Versammlung in volltönendem Chor, der fast klang wie die Melodie eines bekannten Kirchenliedes, feierlich die sieben Wörter sang: »Ihr seid noch la-an-ge kein schle-ech-ter Mensch.« Dann las er die Unterschrift: »Archibald Wilcox.« So ging es immer weiter unter allgemeinem Gaudium und zur Qual der unglücklichen Neunzehner. Jedesmal, wenn ein besonders angesehener Name verlesen ward, ließ der Chor den Vorsitzenden warten, sang die ganze Litanei von Anfang an bis zu den Worten: »zur Strafe in die Hölle kommen, oder nach Hadleyburg – ersteres wäre noch vo-o-or-zu-ziehn« – und schloß dann mit einem mächtigen »A-a-a-a-men!«

Immer kleiner wurde die Zahl der noch zu verlesenden Papiere; Reichard wußte genau, wie viele noch fehlten und zuckte zusammen, so oft ein Name dem seinigen glich. Er wartete in qualvoller Spannung auf den Augenblick, wenn die Reihe an ihn kommen würde. Dann wollte er sich erheben und die Versammlung etwa mit folgenden Worten um Erbarmen für sich und Mary anflehen: »Bisher sind wir unsern Weg unsträflich gewandelt und haben noch nie in eine Sünde gewilligt. Aber wir sind alt und sehr arm, haben auch weder Sohn noch Tochter zur Stütze; die Versuchung war groß und wir sind unterlegen. Als ich vorhin aufstand, wollte ich mein Unrecht bekennen und bitten, daß man meinen Namen nicht öffentlich vorlesen möchte, weil ich glaubte, die Schande nicht überleben zu können; man ließ mich jedoch nicht ausreden. Ich weiß, es ist nur gerecht, wenn wir vor den andern nichts voraus haben; aber die Strafe ist hart. Unser Name war bis jetzt immer unbescholten; habt Erbarmen, denkt, daß wir stets rechtschaffene Leute gewesen sind, und laßt uns den Fehltritt nicht allzuschwer büßen.« So weit war er in seinen Gedanken gekommen, als Mary ihn anstieß, um ihn aus der Träumerei zu wecken. Eben sang der Chor: »Ihr seid noch la-a-nge kein« u. s. w.

»Mach’ dich bereit,« flüsterte Mary. »Jetzt ist die Reihe an dir; achtzehn Namen sind schon verlesen.«

»Weiter, weiter!« schrie die ungeduldige Menge. Langsam und zitternd erhob sich das alte Ehepaar. Burgeß steckte die Hand in die Tasche und schien einen Augenblick zu suchen. »Ich muß die Zettel alle gelesen haben,« sagte er dann.

Fast überwältigt von freudiger Ueberraschung sanken Reichard und seine Frau auf ihre Plätze zurück. »Gerettet!« flüsterte Mary; »Gott sei Dank. Er hat unsern Zettel verloren. Hundert Goldsäcke würden mich nicht so glücklich machen!«

Der Chor brüllte nun noch ein Lebehoch auf Hadleyburgs Redlichkeit und die achtzehn unsterblichen Vertreter seiner Tugend. Dann stand Wingate, der Sattler, auf, um den wackersten Mann in der Stadt leben zu lassen, den einzigen aus der Klasse der angesehensten Bürger, der keinen Versuch gemacht habe, das Gold zu stehlen – Eduard Reichard.

Die Menge stimmte mit wahrer Begeisterung ein, und man pries Reichard laut, als den einzigen treuen Hüter der geheiligten Hadleyburger Ueberlieferung.

»Aber wer bekommt nun den Sack?« fragte eine Stimme.

Der Lohgerber (mit bitterem Spott): »Das liegt doch auf der Hand. Das Gold muß unter die achtzehn Tugendhelden verteilt werden. Jeder von ihnen hat dem armen Fremdling zwanzig Dollars gegeben – und jenen kostbaren Rat. Zweiundzwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie einer nach dem andern bei ihm vorübermarschiert sind. Was sie für den Fremden eingezahlt haben, betrug alles in allem dreihundertsechzig Dollars; sie möchten nur ihr Geld und die Zinsen zurückhaben – die sich mit dem Kapital auf vierzigtausend Dollars belaufen.«

»Hahaha! Die armen Leute!« Allgemeines Hohngelächter.

Der Vorsitzende: »Ich bitte um Ruhe, damit ich die letzte Zuschrift des Fremden vorlesen kann. – Sie lautet: ›Falls sich niemand meldet, um Anspruch auf den Sack zu erheben, [Lautes Seufzen und Stöhnen aus der Menge] so soll das Geld unter die ersten Bürger der Stadt verteilt werden, damit sie es aufs beste verwenden, um den ehrenwerten Ruf Hadleyburgs auch ferner zu erhalten und immer weiter auszubreiten. Dafür, daß sie dies nach besten Kräften thun werden, bürgt schon ihre eigene Unbescholtenheit und allgemein anerkannte Vortrefflichkeit.‹ [Spöttische Beifallsrufe von allen Seiten und lautes Händeklatschen.] Halt! Ich bin noch nicht zu Ende – hier ist eine Nachschrift:

»›P. S. – Bürger von Hadleyburg!

Die ganze Sache beruht auf Erfindung – kein Mensch hat jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche Aufregung.] Sowohl der fremde Bettler als die geschenkten zwanzig Dollars samt dem guten Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der Luft gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und belustigter Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit wenigen Worten meine Geschichte erzähle: Als ich eines Tages durch Hadleyburg reiste, that man mir eine schwere, unverdiente Beleidigung an. Jeder andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde mich eine so geringfügige Rache kaum entschädigt haben. Konnte ich euch auch nicht allen das Leben nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen der Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen, wenn auch nicht an Leib und Gut, so doch an ihrer Eitelkeit – der Stelle, wo schwache und thörichte Menschen am verwundbarsten sind. Verkleidet kam ich zurück und lernte euch näher kennen. Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet einen Schatz, den ihr wie euern Augapfel hütetet, den altbewährten, hohen Ruhm unantastbarer Redlichkeit, der euern ganzen Stolz ausmachte. Sobald ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt und Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern Kindern fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr einfältigen Menschen! Es giebt ja nichts Schwächeres auf Erden, als eine Tugend, die nicht im Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht war, dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm zu nehmen und fast ein halbes Hundert bisher untadeliger Männer und Frauen, die in ihrem ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und keinen Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und Lügnern zu machen. Eine Liste von Namen hatte ich bald entworfen; nur Goodson, der kein eingeborener Hadleyburger war, stand meinem Plan im Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief vorlegen lassen, so würdet ihr ohne Zweifel gesagt haben: ›Goodson ist der einzige Bürger unserer Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars schenken könnte‹ – und ich fürchte, ihr wäret nicht in meine Falle gegangen. Sobald aber der Himmel Goodson von dieser Welt abgerufen hatte, warf ich den Köder mit vollster Zuversicht aus – ich wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete Aeußerung mit der Post geschickt habe, die meisten jedoch sicherlich, wie ich den Charakter der Hadleyburger kenne. Bei ihrer verkehrten Erziehung und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand, daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie nicht hindern, es fälschlich an sich zu bringen. So hoffe ich denn, euern Stolz auf ewige Zeiten zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich allenthalben verbreiten wird und den es nie wieder loswerden soll. Wenn mein Zweck erreicht ist, so öffne man den Sack und ernenne einen Ausschuß zur Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger Ruhmes.‹«

Viele Stimmen: »Der Ausschuß ist bereits erwählt. Die achtzehn Tugendhelden sollen vortreten!«

Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm eine Handvoll großer gelber Münzen heraus, die er durcheinander schüttelte und genau betrachtete.

»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben aus vergoldetem Blech.«

Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens rief man nach den Mitgliedern des Ausschusses, um ihnen das Gold einzuhändigen, keiner rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler das Wort:

»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich nur einer als redlich bewährt. Der Mann braucht Geld und verdient eine Unterstützung. Ich schlage daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält, den Sack voll vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier öffentlich zu versteigern und den Ertrag Herrn Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein Mann von echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg mit Freuden alle Ehre erweist.«

Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte und die Versteigerung begann. Zuerst bot der Sattler einen Dollar; mehrere Bewohner von Brixton und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig in die Höhe. Bei jedem neuen Angebot jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die Bietenden wurden hartnäckiger und kühner. Von einem Dollar stieg der Preis auf fünf, auf zehn, auf zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und immer höher.

Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard seiner Frau in kläglichem Ton zugeflüstert: »O Mary, das dürfen wir nicht gestatten; es ist ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters, ein Ehrengeschenk, und – und – wir können es doch nicht dulden! Sollen wir nicht lieber aufstehen und – Mary, was fangen wir nur an – was meinst du, daß wir –«

(Hallidays Stimme: »Fünfzehn für den Sack! Fünfzehn zum ersten – zwanzig – danke bestens – dreißig – dreißig zum – höre ich recht? – Vierzig – bieten Sie weiter, meine Herren – fünfzig zum ersten, zum zweiten, zum – siebzig – neunzig – bravo! immer höher! – hundert – hundertzwanzig – vierzig – noch ist es Zeit! – hundertfünfzig – zweihundert – zweihundertfünfzig – keiner mehr? –«)

»Es ist eine neue Versuchung, Eduard – ich zittere an allen Gliedern. Aus der ersten sind wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur Warnung dienen –« [»Habe ich recht gehört? Sechs – meinen Dank – sechshundertfünfzig – siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht bedenkt, – kein Mensch argwöhnt –« [»Achthundert Dollars! Hurra! Neunhundert wäre noch besser! – Haben Sie neunhundert gesagt, Herr Parsons? – Ganz recht – also dieser schöne Sack, mit echtem Blech gefüllt, soll samt der Vergoldung für nur neunhundert Dollars – tausend – sehr verbunden! Will niemand elfhundert bieten für den Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten in den Vereinigten Staaten –«] »O Eduard,« schluchzte Mary, »wir sind so arm – aber – thu’ was dir am besten dünkt – ich hindere dich nicht.«

Eduard erlag der Versuchung, das heißt, er saß still und beschwichtigte sein Gewissen damit, daß die Umstände ihm keine Wahl ließen.


Während der ganzen Zeit war ein Fremder, welcher aussah wie ein als englischer Graf verkleideter Geheimpolizist, den Verhandlungen mit dem größten Interesse gefolgt. Jetzt trug sein Gesicht einen hochbefriedigten Ausdruck, und was er bei sich dachte, war ungefähr folgendes: »Die achtzehn Tugendhelden bieten nicht mit, das ist nicht in der Ordnung, es verstößt gegen die poetische Gerechtigkeit. Sie müssen im Gegenteil den Sack kaufen, den sie stehlen wollten, und einen ordentlichen Preis dafür zahlen – denn es sind reiche Leute darunter. Außerdem hat der einzige Hadleyburger, der meine Berechnung zu Schanden gemacht hat, eine hohe Prämie verdient, und sie darf ihm nicht entgehen. Der arme alte Reichard ist ein ehrlicher Mann, das muß ich zugeben, obgleich es mir unfaßlich scheint. Jedenfalls soll er den Glückstopf ausleeren, wie es ihm von Rechts wegen gebührt. Daß er mich Lügen gestraft hat, will ich ihm nicht nachtragen.«

Gespannt beobachtete der Fremde den weiteren Verlauf der Auktion. Nachdem tausend Dollars geboten waren, ging der Preis nur noch langsam in die Höhe. Ein Liebhaber nach dem andern zog sich zurück. Nun bot der Fremde selbst ein paarmal mit, erst fünf Dollars mehr, jemand steigerte ihn noch um drei Dollars, dann fügte er rasch fünfzig hinzu und der Sack wurde ihm für eintausendzweihundert­undzweiundachtzig Dollars zugeschlagen. Die Menge brach in schallende Hochrufe aus, doch trat gleich darauf eine lautlose Stille ein, als der Fremde mit der Hand winkte und zu reden begann:

»Gestatten Sie mir ein Wort, geehrte Anwesende. Ich bin Raritätenhändler und habe in der ganzen Welt Verbindungen mit Leuten, die seltene Münzen sammeln. Zwar könnte ich den Sack, so wie er ist, mit Gewinn verkaufen, aber einen ungleich größeren Vorteil würde ich daraus ziehen, wenn Sie mir eine Bitte gewähren wollten, welche ich Ihnen sogleich vortragen werde. Ich könnte dann jede einzelne dieser blechernen Münzen mindestens für ein echtes Zwanzigdollarstück verkaufen und würde gern einen Teil meines Profits Ihrem Mitbürger, Herrn Reichard, überlassen, dessen unerschütterliche Redlichkeit heute von Ihnen mit vollem Rechte anerkannt und gepriesen worden ist. Sein Anteil würde zehntausend Dollars betragen, die ich ihm morgen einhändigen will.« [Großer Beifall der Menge; Reichard und seine Frau wurden dunkelrot bei dem Lob, das schadete jedoch nichts, man legte es ihnen als Bescheidenheit aus.] »Der besondere Wert einer Rarität hängt meistens davon ab, ob sie die Wißbegierde reizt oder viel besprochen wird. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, daß ich auf diese vergoldeten Blechmünzen hier die Namen der achtzehn Herren stempeln lassen darf, welche –«

Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit erhob sich die ganze Versammlung wie ein Mann, um unter Lachen und Beifallklatschen ihre Zustimmung zu geben. Als jedoch der Fremde seinen Dank dafür aussprechen wollte, daß man so bereitwillig auf seinen Vorschlag eingegangen war, erhoben sämtliche Tugendhelden außer Doktor Harkneß den heftigsten Widerspruch; sie wollten es sich nicht gefallen lassen, daß man ihnen solchen Schimpf anthäte, und stießen sogar Drohungen gegen den Fremden aus, der jedoch ganz ruhig blieb.

Während nun die andern Siebzehn fortfuhren, zu bitten und zu drohen, benutzte Harkneß die günstige Gelegenheit, welche sich ihm bot. Er und Pinkerton waren die reichsten Männer der Stadt und Gegenkandidaten bei der Abgeordnetenwahl, um die ein heißer Kampf zwischen ihnen entbrannt war. Im Repräsentantenhaus verhandelte man gerade über den Bau einer neuen Eisenbahn; beide Männer besaßen große Strecken Landes und jeder hoffte, es bei der Regierung dahin zu bringen, daß die Bahn durch sein Besitztum geleitet würde, was ihm ein Vermögen einbringen mußte. Eine einzige Stimme konnte dabei vielleicht den Ausschlag geben. Vor einer gewagten Spekulation zurückzuschrecken, war Harkneß’ Sache nicht, und hier galt es ein hohes Spiel. Der Fremde saß in seiner Nähe und die Unruhe im Saal war groß. Rasch beugte sich Harkneß vor und sagte:

»Wieviel verlangen Sie für den Sack?«

»Vierzigtausend Dollars.«

»Ich biete Ihnen zwanzigtausend.«

»Nein.«

»Fünfundzwanzig.«

»Nein.«

»Was sagen Sie zu dreißig?«

»Ich fordere vierzigtausend Dollars und keinen Pfennig weniger.«

»Sehr wohl; ich will den Preis zahlen. Morgen früh um zehn Uhr komme ich zu Ihnen ins Hotel; doch möchte ich nicht, daß es bekannt würde; ich wünsche Sie allein zu sprechen.«

Der Fremde war damit einverstanden; dann erhob er sich, um sich bei der Versammlung zu verabschieden; er dankte den Anwesenden nochmals für die Gewährung seiner Bitte, ersuchte den Vorsitzenden, ihm den Sack bis morgen aufzuheben und Herrn Reichard einstweilen drei Fünfhundertdollarscheine einzuhändigen. Nachdem Burgeß dieselben in Empfang genommen, fuhr der Fremde fort: »Morgen früh um neun will ich den Sack abholen und um elf Uhr Herrn Reichard den Rest der zehntausend Dollars persönlich in seinem Hause übergeben. Gute Nacht!«

Er entfernte sich rasch aus dem Saal, wo der Lärm jetzt von neuem anhob: Hurrarufe, Zischen, Beifallklatschen, Hundegebell, und dazwischen der Chorgesang: »Ihr seid noch la-a-nge kein schle-e-ech-ter Mensch –« erschallten in wildem Durcheinander.