1. c. 28,23–29.
Diese Dichtung enthält ein dem Landbau entnommenes Gleichnis, welches das Verhalten Jahwes seinem Volke gegenüber abbilden soll.
Sie hat eine besonders feierliche Einleitung, wie sie der Volkssänger gebraucht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und wie sie auch Jesaia in dem Gleichnisse vom Weinberge c. 5,1 nachgeahmt hat. Schon dadurch wird es unwahrscheinlich, dass ihr eine längere oder kürzere Rede voraufgegangen sei. Selbst Dillmann findet es wahrscheinlich, dass v. 23–29 ursprünglich nicht in unmittelbarer Fortsetzung von v. 7–22 gesprochen ist.[37]
Aber auch inhaltlich steht dies Maschal mit v. 7–22 in keinem Zusammenhange, so dass man annehmen könnte, Jesaia habe es nachträglich selbst als Fortsetzung an seine jetzige Stelle gesetzt. Die Ausleger geben sich vergeblich Mühe, den Zweck und Inhalt der Parabel mit dem Vorangegangenen in Einklang zu bringen.[38]
Betrachtet man die Parabel für sich, so kann ihr Inhalt nur tröstlicher Art sein. Wie der Landmann nicht immerfort pflügt und eggt, sondern auch säet, nachdem er den Boden geebnet hat, so wird — das ist die einzig richtige Parallele, auch Jahwe nicht immerfort zerstören, sondern auch bauen. Wie Dill und Kümmel nicht mit der Schleife gedroschen, sondern mit dem Stecken geklopft wird — nämlich, damit sie nicht beschädigt werden — so wird auch Jahwe sein Volk nicht zu Grunde richten, sondern nur züchtigen. Ebenso: wie Brotkorn nicht vom Rade des Wagens zermalmt wird, sondern nur von der Spreu geschieden, so wird Jahwe auch sein Volk nicht zermalmen, sondern es nur so lange strafen, bis es gereinigt und geläutert ist. Denn wunderbar ist sein Rat, gross seine Einsicht.
Enthält aber das Maschal Tröstung, wie passt es dann als Fortsetzung zu v. 7–22. Denn dass Jesaia, wie Meinhold[39] will, eine versteckte Drohung gegen die Magnaten darin habe aussprechen wollen, ist gänzlich unverständlich. Und noch dazu soll Jesaia das Maschal eigens dazu gedichtet haben, die vorstehende Drohrede zu verstärken und die Grossen zu erschrecken! In der That, diese Erklärung ist kaum wunderbarer, als der Fehlgriff Ewalds, der, auf die vorhergehenden Drohungen wider die trunkenen Judäer zurückgehend, in der Bilderrede v. 23–29 eine symbolische Abmahnung von der Unmässigkeit im Trinken erblickt.
Auf andere Art sucht Dillmann darzuthun, dass sich das Maschal noch „im Gedankenkreis des vorigen Abschnittes bewegt“. Denn teils ist es die Bewunderung des göttlichen Verstandes, worauf das Ganze hinausläuft (v. 29), und darin berührt es sich mit v. 21, teils wird aller Nachdruck darauf gelegt, dass der Landmann nicht immerfort den Boden umbricht, und darin berührt es sich mit v. 16 f., wonach „Gott nicht blos zerstört, sondern aufbaut“.
Aber v. 21 und 29 berühren sich nicht so, wie Dillmann sagt. Beide Verse drücken zwar eine Verwunderung aus, und zwar über Gottes Thun. Trotzdem besagt v. 29 so ziemlich das Gegenteil von v. 21. In v. 21 wundert sich der Prophet über Gottes Thun, weil er es nicht versteht. „Dem Propheten selber ist offenbar höchst fremd zu Mute, wenn er sich jenes Werk vorstellt, dass Jahwe mit Assurs wilden Scharen gegen Juda zu Felde ziehen soll: fremd seine That, wildfremd sein Werk!“ (Duhm). Aber freilich, nach Dillmann thut Jesaia den Ausruf, weil er es durchschaut, dass Jahwe schliesslich doch nicht Zion vertilgen, sondern durch die Strafe seine Verklärung bewirken wird![40] Wo steht davon auch nur ein Wort? Aber der wuchtigen Rede des Jesaia wird alles Mark entzogen, wenn er am Schlusse seiner Drohungen theologisch spintisiert und diesen unausgesprochenen Reflexionen durch Worte der Bewunderung Ausdruck gegeben hätte! Nein, er durchschaut eben den Ratschluss Gottes nicht, daher die Ausdrücke זר und נכריה, aber die Thatsache ist ihm gewiss: er hat Vertilgung als festen Beschluss Jahwes vernommen (v. 22), und es ist auch ihm eitel Entsetzen, Orakel zu deuten (v. 19).
Ganz anders in v. 29, wo auch durch das גם זאת am Anfange deutlich der Gegensatz zu v. 21 zum Ausdruck kommt. Insofern stehen allerdings beide Verse in Berührung. In den vorhergehenden Versen ist durch mehrere dem Landbau entlehnte Vergleiche das Thun Jahwes verständlich gemacht. Jahwe sucht sein Volk heim. Aber wer sich in seine Wege vertieft, der wird erkennen, dass das Pflügen und Dreschen zwar notwendig ist, aber nicht ewig währen kann. Wunderbarlich ist sein Raten; aber er führt es herrlich hinaus. Hier ist theologische Reflexion. Mit Recht sagt Duhm[41]: „Das Stück löst keine scheinbaren Widersprüche, die in v. 7–22 enthalten wären und die auch Dillmann erst nachträglich einfallen.“
Aber ich kann auch Duhm[41] darin nicht beistimmen, dass das Maschal den Propheten wider den spöttischen Vorwurf verteidige, dass seine Drohungen nicht eintreffen. Denn es setzt ja Trübsal voraus und verkündet nicht das Eintreffen der Drohung, sondern das Ende der Plagen. Nur mit völliger Umbiegung seines einfachen Wortsinnes kann man ihm im Zusammenhange eine solche Deutung geben, wie auch Duhm es thut.
Richtiger nach seinem Wortsinne deutet Guthe[42] das Gleichnis: „So hat auch die Strafe Jahwes ein Ende, wenn die Zeit des Segens herbeigekommen ist.“ Aber um es so deuten zu können, muss er es aus dem Zusammenhange entfernen. Doch giebt er ihm aus seiner Konstruktion eines zweifachen Zukunftsbildes eine Nutzanwendung, die unhaltbar erscheint.[43]
Das Maschal ist also weder direkte Fortsetzung von v. 7–22, noch kann es später von dem Propheten an seine jetzige Stelle gesetzt sein. Ja, es stammt überhaupt nicht von Jesaia.
Das Gleichnis enthält eine tröstliche Verheissung an das heimgesuchte und geplagte Volk. Die Situation, die es voraussetzt, ist die, dass das Volk schon lange Zeit unter den Schlägen Jahwes zu leiden hat. Darauf liegt aller Nachdruck. So beginnt das Gleichnis schon mit der schmerzlichen Frage הכל היום, die es ja mit einem tröstlichen „nein“ beantwortet. Ebenso heisst es v. 28: כי לא לנצח אדוש ידושנו. Das ist bisher von den Auslegern übersehen worden, weil sie immer den Jesaia als Autor vor Augen hatten. Und doch liegt in dem ganzen Maschal der Hauptton darauf, dass das Volk gerade deshalb, weil es schon lange Zeit, eine Ewigkeit (v. 28,23) unter der Zuchtrute Jahwes zu leiden hat, und deswegen an der Hülfe und Erlösung zu zweifeln anfängt, durch den aus dem Landbau genommenen Vergleich auf die einst doch und gewiss eintretende Zeit des Segens vertröstet werden soll.
Diese Situation passt allerdings gar nicht auf die Zeit Jesaias, wohl aber sehr gut auf die nachexilische Gemeinde. Jesaia hat auch das Volk nie in seinen Reden als ein solches angesehen, das schon zu lange Zeit unter den Schlägen Jahwes leidet, so dass es nun auf Erlösung hoffen dürfte[44], sondern immer als ein solches, dem das gewaltige Drohgericht Gottes noch bevorsteht.
Das durch den Inhalt des Maschals gewonnene Resultat findet nun noch mehrfache anderweitige Bestätigung. Zunächst ist befremdlich, dass es ganz allgemein gehalten ist und ohne weitere Nutzanwendung bleibt. Das ist sonst nicht Jesaias Art. Das Lied vom Weinberge c. 5,1 ff. erhält sofort seine konkrete Beziehung. Für das nachexilische Judentum bedurfte es einer solchen nicht. Da war die Situation immer dieselbe.
Auf die nüchterne, theologisierende Reflexion ist oben schon aufmerksam gemacht worden. Das Bild des Landbaues ist an sich passend; doch wird es durch immer neue Wendungen breit ausgeführt, ohne doch einen neuen Gedanken zu bringen. Auch der Stil ist matt und raisonnierend vgl. das הלוא אם v. 25 und den Anfang von 28 לחם יודק, den man als Frage auffassen muss, um überhaupt einen Sinn zu erhalten.
Oben ist gesagt, dass der Eingang der Einleitung eines Volksliedes nachgeahmt ist; aber doch nicht sehr geschickt, durch blosse Häufung von Imperativen, von denen der eine (שמעו) doppelt vorkommt. Ausserdem hat Meinhold, wenn auch in anderer Absicht, darauf aufmerksam gemacht, dass in der älteren klassischen Zeit mit שמעו immer eine Drohung eingeführt werde; erst in späterer Zeit, wo man für das unterdrückte Volk keine Drohungen mehr hatte, gebrauchte man das Wort auch zur Einleitung in Trostreden (Jes. 36,1. 4. Jes. 37,4 f. 46,3. 12 etc.).
Wenig geschickt ist die Vorwegnahme des Säens in v. 24 (לזרע), wovon doch eigentlich erst v. 25 redet; künstlich die Konstruktion von v. 26, der das Subjekt erst im 2. Stichos bringt; v. 28 ist auch in seiner zweiten Hälfte schwerfällig und wird nicht leichter, wenn man auch die Pferde durch Korrektur beseitigt und וּפְרָשׂוֹ ולא liest (Duhm). Denn der erste Stichos giebt sich nicht als erster Vordersatz zu erkennen und der Sinn wird verbogen; denn nicht darauf kommt es an, ob das Brot nach dem Dreschen zermalmt wird, sondern dass das nicht durch das Dreschen geschieht. In v. 29 streicht Duhm das צבאות, weil Jahwe als Gott der Heerscharen nicht der Lehrmeister der Bauern war. Gewiss nicht für Jesaia; aber wohl für einen Späteren, für den der Begriff die konkrete Färbung nicht mehr hatte. Überhaupt ist die ganze Auffassung, dass Jahwe Lehrmeister der Bauern sei, zu Jesaias Zeit angesichts solcher Stellen wie Hosea 2,4 ff. kaum so volkstümlich gewesen, wie unser Gedicht voraussetzt.
Sprachlich Ausschlag gebend ist vor allem das Wort תושיה, das zum Wortvorrat der Weisheitslehrer gehört (Pr. 2,7. 3,21. 8,14. 18,1. Tob. 5,12. 6,13. 11,6. 12,6. 26,3 und die späte und verstümmelte Stelle Mi. 6,9). Das Wort wird also nicht, wie Duhm meint, durch unsre Stelle als alt erwiesen. Endlich sei noch auf die beiden Begriffe נסמן und שורה hingewiesen, die sehr jung und für uns unübersetzbar sind. Da sie die LXX nicht hat (nur Cod. R hat für שורה κέγχρον), streichen sie viele Ausleger, wogegen aber Dillmann Einspruch erhebt.
Die Verse 23–29 sind nach alledem nicht von Jesaia; sie sind vielmehr erst spät verfasst und mit der Drohung v. 14–22 verbunden worden, um derselben einen Trostspruch gegenüberzustellen. So erklärt sich auch das גם זאת v. 29 am leichtesten, das, auf v. 21 f. zurückblickend, den festen Vertilgungsbeschluss Jahwes im Blick auf sein wunderbar weises Walten korrigiert.[45]