Vorgeschlagene Alternativen

Für mich ist das einzige Heilmittel gegen die tödliche Ungerechtigkeit, das endlose Elend, die oft unheilbaren Leiden­schaften, welche die Verbindung der Geschlechter stören, die Freiheit, die Ehefesseln zu sprengen und neue zu schmieden. George Sand.

Solange das Eheband nicht geschmeidiger geworden ist, wird die Ehe immer ein Risiko sein, auf welches besonders die Männer nur mit Besorgnis eingehen werden. H. B. Marriott-Watson.


[ I.] Die Probeehe à la Meredith

„Nach zwanzig Jahren Liebesaffären sieht eine Frau wie ein Wrack aus, nach zwanzig Jahren Ehe wie ein öffent­liches Gebäude.“ Oscar Wilde.

Die Probeehe war einer der Gebräuche der frührömischen Gesell­schaft. Heutzutage hat sie einen revolutionären Beigeschmack und ist so offenkundig unanwendbar, daß es kaum nötig wäre, sie hier weiter zu berühren, wenn ihr jüngster und vornehmster Anwalt in der Moderne nicht George Meredith wäre. Jeder von dieser Seite kommende Vorschlag muß sorgfältig beachtet werden. Auch ist diese Form der Ehe von dem großen Philosophen Locke und von Milton in Betracht gezogen worden. — Vor kaum drei Jahren warf unser großer Romancier diese Bombe in eine entzückte, obgleich keinen Beifall zollende Presse, aber da das Gedächtnis heutzutage sehr kurz ist, dürfte eine kurze Rekapitulation der näheren Umstände am Platze sein.

Der Anfang der Geschichte war ein Brief an die „Times“ von Cloudesly Brereton, in welchem über die wachsenden Hemmungen der Ehe geklagt und der Gepflogenheit gemäß die Frau als deren Urheberin angegriffen wurde. Der Verfasser konstatierte, daß in dem Mittelstand „die Anforderungen der modernen Frauen die Anziehungskraft der Ehe stetig untergraben. Mit ihren stets wachsenden Ansprüchen an die Zeit, die Energie und die Geldmittel ihrer Gatten bilden die modernen Ehefrauen einen sehr ernstlichen Hemmschuh, und in den unteren Gesell­schafts­klassen erschwert die Ehe direkt die Chancen des Mannes, Arbeit zu finden.“ Wie man die Frauen für diese letztere Ungerechtigkeit verantwortlich machen kann, war klugerweise nicht gesagt. Es wäre, glaube ich, schwer, die Anklage zu erhärten.

Das Interessanteste an diesem Dokument war die darauffolgende Diskussion in „The Daily Mail“ und die gelungene Tatsache, daß der Verfasser sich wenige Wochen nach Erscheinen der Zuschrift verheiratete! Die übliche Schmähung der Ehe im allgemeinen und der Frauen im besonderen folgte, bis die verstorbene Mrs. Craigie sich der Diskussion anschloß und jene besonderen Eigenschaften zarten Verständnisses und wunderbarer Einsicht in die Frauenseele zur Anwendung brachte, die zu den hervorragendsten Merkmalen ihres glänzenden Werkes gehören. Es wäre schade, aus einem solchen Brief bloß zu zitieren, und so gebe ich ihn denn ganz wieder:

„Die Frauen sind da, wo es sich um Gefühle handelt, nicht eigennützig genug. Sie schlagen sich nicht zu hoch, sondern zu niedrig an. Die gegen ihre eigene Existenz gerichtete Selbstlosigkeit der modernen Frau ermöglicht den Eigennutz des modernen Junggesellen. Die Junggesellen sind nicht alle Weiberfeinde, und die Tatsache, daß ein Mann ledig bleibt, ist kein Beweis dafür, daß er für die Reize der weiblichen Gesell­schaft unempfänglich ist, oder daß er diese Gesell­schaft nicht in unverbind­lichen Beziehungen in ganz gehörigem Maße genießt. Warum soll der junge Mann des Durchschnitts, der durch Anlagen oder Erziehung egoistisch ist, schwer arbeiten oder Opfer bringen um einer besonderen Frau willen, wenn so viele geneigt sind, sein Leben zu teilen, ohne daß er sich bindet, und noch so viele andere eifrig hinter ihm her sind, um jede Ritter­lichkeit oder Zärtlichkeit, die ihm angeboren sein mag, zu zerstören? Die modernen Frauen geben den Junggesellen keine Gelegenheit, sie zu vermissen, und keinen Anlaß, ihrer zu bedürfen. Ihre Hingebung entbehrt der Selbstzucht, und sie wird eher ein Fluch als ein Segen für ihren Gegenstand. Warum? Weil die Frauen diese seltsame Macht der Konzentration und Selbstverleugnung in ihrer Liebe haben. Sie können sich nicht genug tun, um ihre Liebenswürdigkeit zu beweisen. Und wenn sie alles getan und sich nicht die Mühe genommen haben, ihre eigene Lage zu sichern, dann erkennen sie, daß sie durch ein Übermaß an Edelmut und den Wunsch angenehm zu sein, gefehlt haben. Das ist die den Junggesellen bezeigte Selbstlosigkeit.“

In einer Antwort auf diesen Brief forderte eine andere Romanschrift­stellerin, Florence Warden, von Mrs. Craigie Auskunft über die Existenz solcher Frauen, aber sie erzielte keine weitere Erwiderung. „The Daily Mail“ erläuterte dies folgendermaßen: „Hunderttausende unserer Leser können aus eigener Erfahrung eine Antwort auf diese bemerkenswerte Behauptung geben, und wir sind nicht im Zweifel über den Inhalt ihrer Antwort.“ Man kann sich vorstellen, daß das mit Hinsicht auf die Leser an den Frühstückstischen der Villenkolonien geschrieben wurde; aber die Männer und Frauen, die im Leben stehen, deren Erfahrung nicht auf die Villenkolonien beschränkt ist, werden die unzweifelhafte Wahrheit der Behauptungen von Mrs. Craigie anerkennen. Wenn ich auch zugebe, daß der von ihr beschriebene Stand der Dinge zwischen den Geschlechtern richtig ist, wage ich ergebenst über die Ursachen dieses „Übermaßes an Edelmut“ anderer Meinung zu sein. Bei den Frauen ist riesig viel Selbstlosigkeit angesammelt, aber sie wird meiner Meinung nach nicht in dieser Richtung verausgabt. Das Motiv ist vielmehr der leiden­schaftliche Wunsch nach eigener Freude, Befriedigung ihrer eigenen Eitelkeit durch den Beifall seitens des männlichen Geschlechts, die oft auf Kosten ihrer Selbstachtung geht. H. B. Marriott-Watson nimmt denselben Standpunkt in einem späteren Brief ein: „Die Selbstlosigkeit erstreckt sich nicht auf die Liebessphäre. Geschlechts­anziehung ist praktisch unvereinbar mit Altruismus, und der Grad des Verzichts ist dem Grad der Neigung gerade entgegengesetzt. Diese Ordnung der Dinge hat die Natur so eingerichtet, und es nützt nichts, sie bannen zu wollen. Eine Frau mag ihr Leben für den Mann, den sie liebt, dahin geben, aber sie wird ihn nicht einer Rivalin ausliefern.“

Ein anderer interessanter Brief kam von Helen Mathers, die konstatierte, daß „alle Frauen heiraten sollten, aber kein Mann“ — da die Vorteile des Ehestandes ihrer Meinung nach einzig und allein auf seiten der Frauen seien.

In diesem Augenblick erschien der Beitrag von George Meredith zur Diskussion in der weniger autoritativen Form eines Interviews, nicht als Brief oder Artikel, wie nach diesem Zeitabschnitt sehr viele Leute zu glauben scheinen. Als ich dieses Interview neulich wieder durchlas, war ich von den besonders altmodischen Vorstellungen George Merediths über die Frauen betroffen. Wo es sich um die Frauenfrage handelt, da scheint er um mehrere Jahrzehnte im Rückstand zu sein.

„Das große Übel der Sache“, behauptet er, „ist, daß die Frauen so unerzogen, so unfertig sind. Die Männer brauchen zu oft eine Sklavin und denken häufig, daß sie eine bekommen haben; nicht, weil die Frau nicht oft gescheiter ist als ihr Mann, aber weil sie so unausgesprochen und nicht genug dazu erzogen ist, ihren wirklichen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“

So war es, bevor die Suffragettes aufkamen; aber es ist eine genügend überraschende Behauptung für das Jahr 1904. Er fährt fort: „Ich frage mich, ob ein junges, des Lebens äußerst unkundiges Mädchen, das, sagen wir, mit achtzehn Jahren heiratet, wenig von dem Mann, den sie heiratet, und noch weniger von irgend einem Mann auf der Welt versteht, dazu verurteilt werden soll, mit ihm den Rest ihrer Tage zu verbringen. Bald sympathisiert sie nicht mehr mit ihm, ja, sie hat keine Neigungen gemein­schaftlich mit ihm, keine wirkliche Gemein­schaft außer einer physischen. Das Leben ist ihr fast unerträglich, und doch führen es viele Frauen weiter, aus Gewohnheit oder weil die Anschauungen der Welt sie terrorisieren.“

Das ist allerdings wahr. Aber Meredith spricht, als wenn es wie zu unserer Großmütter Zeiten noch die Regel wäre, daß Mädchen unter zwanzig Jahren heiraten, während es doch jetzt geradezu die Ausnahme ist. Mit jedem Jahr scheint das Heiratsalter hinauf zu gehen, und errötende Bräute im Myrtenkranz werden in einem Alter zum Altar geführt, in dem sie vor fünfzig Jahren alte Jungfern mit Haube und Pulswärmern gewesen wären. Wenn ein Mädchen verrückt genug ist, gleich nach Verlassen der Schulstube zu heiraten, dann muß sie auf das enorme Risiko gefaßt sein, das die Wahl eines Gatten in so unreifen Jahren mit sich bringt.

An anderer Stelle sagt Meredith: „Die Ehe ist so schwer, ihre modernen Bedingungen so erschwerend, daß man zwei gebildeten Leuten, die sie eingehen wollen, nichts in den Weg legen sollte . . . Gewiß werden eines Tages die gegenwärtigen Bedingungen der Ehe geändert werden, sie wird auf einen bestimmten Termin, sagen wir zehn Jahre — oder ich brauche keinen bestimmten Termin zu nennen — gestattet sein. Der Staat wird darauf sehen, daß genügend Geld weggelegt wird, um für die Kinder zu sorgen und sie zu erziehen; vielleicht wird der Staat dieses Kapital selbst verwalten. Es wird einen höllischen Aufruhr geben, bevor eine solche Änderung durchgeführt wird; es wird eine große Erschütterung sein, aber blickt nur zurück und seht, was für Erschütterungen es schon gegeben hat, und welche Veränderungen dennoch in Ehesachen in der Vergangenheit Platz gegriffen haben.“

„Die Schwierigkeit liegt darin, das Publikum daran zu gewöhnen, einem solchen Problem in die Augen zu sehen. Die Engländer brauchen es mehr denn irgendeine Nation in der Welt, in Disziplin zu leben. Sie wollen nicht vorwärts schauen, besonders nicht die Regierenden. Und es gehört Philosophie dazu; und das englische Volk dazu zu kriegen, daß es das bloße Wort Philosophie in seinen Diskussionen über so ein Thema zuläßt, ist mehr, als man erhoffen kann. Immer wieder, besonders in der Kritik Amerika gegenüber, sieht man, wie die Engländer hartnäckig alle neuen Bestrebungen als Zeichen von Krankhaftigkeit betrachten, und doch sind sie ein Zeichen von Gesundheit.“

Man sieht, daß Meredith den Termin von zehn Jahren als einen Vorschlag behandelt. In einem Essay von Stevenson wird einer Dame gesagt: „Nach zehn Jahren ist einem der Gatte wenigstens ein alter Freund“, und ihre Antwort war: „Ja, und man möchte, daß er einem nur das und nichts anderes wäre.“ Der Abschnitt von zehn Jahren hat eine besondere Bedeutung in der Ehe. Nachdem das erste kritische Jahr vorüber ist, richten sich’s die meisten Paare ziemlich behaglich ein, — bis zum zehnten Jahre. Der Präsident des Ehegerichtshofes hat dieses Jahr den gefähr­lichen Wendepunkt im Eheleben genannt. Ein späterer Brief in der „Daily Mail“, welcher dem von George Meredith zustimmte und die gegenwärtige Form der Ehe „eine Verurteilung auf Lebensdauer“ nannte, schlägt einen noch kürzeren Zeitabschnitt vor, z.B. fünf Jahre, da während dieser Zeit ein Ehepaar Glück oder das Gegenteil gefunden haben kann, und in letzterem Falle müßte man zu lange auf die Freiheit warten.

Ein Mitarbeiter eines anderen Blattes erwähnte Amerika als ein Beispiel der in volle Kraft getretenen Zeitehe. „Es erhellt aus der Statistik eines amerikanischen Bischofs, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten schon jetzt unter den von Meredith vorgeschlagenen Bedingungen lebt. Im Jahre 1903 wurden nicht weniger als 600 000 amerikanische Ehen geschieden. Das bedeutet eine Scheidung auf je vier Ehen. In manchen Gegenden war das Verhältnis fast eins zu zwei, und die häufigste Ursache der Scheidung war das Bedürfnis nach Abwechslung.“

Es scheint mir, daß die Einführung der Probeehe nur allgemeines Elend und Verwirrung zur Folge haben würde, dem gegenüber die gegenwärtige Summe ehelichen Unglücks nur ein Tropfen im Meere wäre. Wenn unsere Ehegesetze abgeändert werden müssen, dann wollen wir hoffen, daß es nicht in dieser Richtung geschieht, ob zwar es ganz klar ist, daß eine solche Änderung Tausenden von Männern und Frauen, die aus irgendeinem Grunde dazu gelangten, ihre Fesseln zu verabscheuen, eine Wohltat wäre. Ob sie nicht auch die prosaische Zufriedenheit, die unter einigen Millionen Menschen als Glück gilt, zerstören würde, ist eine zu weit greifende Frage, um hier mehr als gestreift zu werden.

Das Schicksal jener, die auf Lebensdauer an Mondsüchtige, Verbrecherische und Trunksüchtige gebunden sind, ist gewiß erbarmungswürdig; aber eine Erweiterung der Scheidungsgesetze würde nur die Ausnahmsfälle treffen, ohne das Eheband der Normalen zu beeinträchtigen. Ich habe getrachtet, im folgenden Kapitel auf einige der vielen Schwierigkeiten der Probeehe hinzuweisen.

[ II.] Die Ehe auf Probe in der Praxis
Ein Dialog im Jahre 1999

„Eines fürchten die Frauen mehr als das Zölibat — nämlich, daß man sie verschmäht.“ Marcel Prévost.

(Katharine und Margarete, zwei reizende Frauen im kritischen Alter der Vierziger, nehmen zusammen ihr Frühstück ein. Sie sind alte Freundinnen und haben einander jahrelang nicht gesehen.)

Margarete: Wie hübsch ist es, wieder beisammen zu sein. Aber es tut mir leid, daß du so verändert bist. Du siehst nicht glücklich aus. Was ist dir?

Katharine: Ich sollte glücklich aussehen. Ich habe wirklich Glück gehabt, aber ich bin, aufrichtig gestanden, schrecklich müde. Die Eheverhältnisse sind heutzutage entsetzlich ermüdend, findest du nicht?

M.: Ja, wir entbehren freilich jenes Gefühl des Friedens und der Sicherheit, von dem unsere Mütter sprachen, aber wir haben auch nicht jene entsetzliche Eintönigkeit. Denke dir nur, Jahr um Jahr, dreißig, vierzig, fünfzig Jahre mit demselben Mann zu leben! Wie würde man seiner Launen überdrüssig werden!

K.: Das weiß ich gerade nicht. Die Gleichförmigkeit der Stimmungen ist noch immer besser als die Abwechslung. Alle Leute haben Stimmungen. Und dann kommt es mir vor, daß mit unseren Vätern durchaus nicht so schwer auszukommen war wie mit unseren Gatten. Sieh, in früheren Zeiten wußten sie, daß sie fürs Leben gebunden waren, und das gebot ihnen Einhalt. Das scheint ihnen heutzutage zu fehlen.

M.: Ja, ja, es ist etwas daran. Ich erinnere mich, daß meine Großmutter, die am Ende des vorigen Jahrhunderts verheiratet war, zu sagen pflegte, ihr Mann sei ihr Rettungsanker, und er nannte sie seinen Hafen des Friedens.

K.: Oh, wie beneide ich sie. Das brauche ich eben so sehr: einen Anker, einen Hafen. Wie friedlich müssen sie gelebt haben, bevor dieses schreckliche neue Ehesystem aufkam.

M.: Die Leute fanden das offenbar nicht; denn wozu sollten sie dann Abänderungen getroffen haben? Aber was hast du gegen das System? Du hast vier Männer gehabt und bist von den beiden ersten fast so rasch fort als das Gesetz es erlaubt.

K.: Ja, und ich bin erst einundvierzig Jahre alt. Ich habe zu früh angefangen: mit achtzehn; und man nimmt die Ehe unwillkürlich leicht, wenn man weiß, daß sie nur fünf Jahre zu dauern braucht. Man geht sie ebenso gedankenlos ein, wie unsere glücklichen Mütter ihre Flirts einzugehen pflegten.

M.: Aber die Folgen sind doch ernster. Wir sind enttäuschte Frauen in einem Alter, in dem sie noch frohmütige junge Mädchen waren.

K.: Ja, der Familiennachwuchs macht die Sache so schwer. Die Vaterschaft ist heutzutage direkt ein Kultus geworden. Alle meine Gatten waren Fanatiker der Nachkommen­schaft, und ich habe acht Kinder gehabt.

M.: Acht Kinder! Dann ist es kein Wunder, daß du herabgekommen aussiehst.

K.: Ganz richtig. Meine Mutter wäre entsetzt gewesen. Zwei oder drei, höchstens vier war die richtige Anzahl zu ihrer Zeit, und fünf war ein Verhängnis und sehr selten.

M.: Gut, meine Liebe, du hättest doch nicht so viele haben müssen. Du hättest den Vaterschafts­kultus etwas eindämmen sollen. Keine Frau kann heutzutage gezwungen werden, Kinder zu haben, wie unsere unglück­lichen Großmütter. Hast du alle acht bei dir?

K.: Nein, das ist es eben. Ich mochte nicht so viele haben, aber wenn sie schon einmal da sind, so möchte ich sie auch bei mir haben, und ihre Väter wollen sie natürlich auch.

M.: Oh, meine Liebe, wie ärgerlich. Wenn man heutzutage Kinder hat, ist das das Unangenehmste daran. Manchmal bin ich froh, daß ich keine habe.

K.: Dann kennst du vielleicht nicht das Gesetz über die Kinder in unserem jetzigen Ehesystem? Eine gewisse Summe muß jährlich für jedes Kind in den großen Staatskindertrust eingezahlt werden; wenn die Ehe gelöst wird, wird bloß der Mutter die Aufsicht übertragen, falls der Vater sich nicht daran zu beteiligen wünscht. In letzterem Fall verbringen die Kinder ein halbes Jahr bei der Mutter, ein halbes beim Vater.

M.: Das ist schön.

K.: Das glaube ich. Aber, ach! schrecklich hart für eine Mutter. Meine zwei älteren Mädchen sind beinahe schon erwachsen; sie waren einige Jahre im Pensionat, und es war für George und mich ganz leicht, ihre Ferien zwischen uns zu teilen. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr in der Schule lassen, und sie werden das halbe Jahr bei ihm verbringen. Gott sei Dank ist er schon einige Zeit nicht verheiratet und scheint es auch nicht zu beabsichtigen. So habe ich nicht den Einfluß einer fremden Frau zu fürchten; aber wie kann ich sie leiten, wie kann ich die richtige Kontrolle über sie haben oder irgendeinen Einfluß unter diesen Umständen auf sie ausüben?

M.: Ja, das muß sehr traurig für dich sein.

K.: Es ist schrecklich, aber es gibt noch etwas viel Ärgeres. Gordon, der Vater von Arthur und Maggie, hat wieder geheiratet, und seine Frau ist auf die ältesten Kinder eifersüchtig und sehr ärgerlich, wenn sie bei ihm sind. Und mein kleiner Arthur ist so zart, er braucht soviel Sorgfalt und Studium. Ich habe keinen glücklichen Augenblick, wenn er bei ihnen ist. Er gedeiht auch nicht recht bei den anderen Kindern. Immer, wenn er von den Besuchen zurückkommt, sieht er krank und unglücklich aus. Ich kann dir nicht schildern, was ich wegen Arthur gelitten habe. Oh, wenn ich an ihn denke, könnte ich dieses niederträchtige Ehesystem verwünschen. Es ist wider die Natur.

M.: Ach, meine Liebe, man muß ja auch die Gesetze nicht ausnützen. Warum bist du nicht mit Gordon geblieben oder in erster Ehe mit George? Das kommt sogar jetzt oft vor.

K.: Ich weiß es, ich weiß es, aber George und ich, wir paßten schrecklich schlecht zusammen. Wir heirateten als halbe Kinder. Bei dem alten System kamen gewöhnlich vernünftige Eltern dazwischen, und die jungen Leute mußten warten, bis sie ihrer selbst sicher waren. Aber du weißt ja, wie es jetzt ist. In der ersten jugend­lichen Verliebtheit glaubt man auf wenigstens fünf Jahre sicher zu sein, und darüber hinaus braucht man ja nicht zu sorgen.

M.: Gut. Also du warst vierundzwanzig, als du Gordon heiratetest; warum hast du ihn nicht vorsichtiger gewählt?

K.: Das war zum großen Teil eine „wirtschaftliche Sache“, wie ich in einem alten Stück, genannt das „Frauenstimmrecht“ vor einiger Zeit las — wie wunderlich waren dazumal die Vorstellungen. Es kam auch etwas anderes darin vor, darüber daß „vierundzwanzig Jahre im allgemeinen nicht so jung wäre, es aber mit der Auffassung der Zeit geworden sei.“ Ich war wohl alt genug, um vernünftig zu handeln, aber ich war leichtlebig und liebte den Luxus, und ich konnte mit dem wenigen, was George mir dem Gesetz nach auszuzahlen hatte, nicht auskommen. Ich gebe ihm ja keine Schuld, denn es war alles, was er tun konnte, wenn er die für die Kinder nötige Taxe bestreiten sollte. So heiratete ich Gordon eines Heims halber, und freilich war das abscheulich.

M.: Und dein dritter Mann starb?

K.: Ja, der eine, der hätte leben sollen, stirbt gewöhnlich. Ich verlor ihn nach bloß zweijähriger Ehe, aber ich kann gar nicht von ihm sprechen. Er war für mich das Ideal eines Gatten.

M.: Ach, es freut mich, daß du das gehabt hast.

K.: Oh, ich habe noch Glück gehabt bei allen Mißlichkeiten, ich sagte dir’s ja. Ich blieb vier Jahre, nachdem ich meinen Liebsten verloren hatte, ledig, und ihm wäre ich gerne ewig treu geblieben. Aber ich war nicht stark genug. Trotz der lieben Kinder war ich sehr einsam, da die älteren immer in der Schule waren.

M.: Ja freilich, und man braucht ja auch einen Mann, der einen betreut.

K.: Das ist richtig. Das ist eine verhängnisvolle Schwäche. So heiratete ich zum Schluß meinen lieben, guten Duncan, hauptsächlich um einen Gefährten zu haben. Ich wählte ihn vorsichtig genug. Die Erfahrung hat mich so manches gelehrt, und ich wollte nicht mit vierzig Jahren im Stich gelassen werden, wie es so vielen geschieht.

M.: Es freut mich, daß er gut gegen dich ist. Ja, es ist wirklich entsetzlich, wie viele Frauen verlassen sind, gerade, wenn sie die Fürsorge und die Liebe am meisten brauchen, wenn ihr jugendlich frisches Aussehen dahin und ihre Energie geschwächt ist. Aber warum bist du eigentlich so abgehärmt, wenn du das nicht zu fürchten hast?

K.: Ich bin nicht gerade abgehärmt — ich bin verbraucht. Zwanzig Jahre unsichere häusliche Verhältnisse sind genug, um einen zu erschöpfen. Ich konnte mich nirgends endgültig daheim fühlen oder mich einer Anhäng­lichkeit für einen Ort hingeben oder auch nur einen Garten für mich pflanzen. Der Freundeskreis wechselt immer, die Leute scheinen jetzt keine Häuser und Güter zu kaufen oder sich irgendwo festzuwurzeln. Wie beklagten sie sich vor vierzig Jahren über das gewohnheitsmäßige Leben! Sie wußten wenig davon, wie elend das Leben sein kann aus Mangel einer Gewohnheit.

M.: Ich mag die Einförmigkeit nicht, aber sie hat gewiß ihre Vorteile. Erinnerst du dich an meinen ersten Mann, Dick? So ein schöner Mensch. Er war total vernarrt ins Golf und die Freiluftspiele, und ich nahm ganz seine Lebens­gewohn­heiten an. Da war es denn eine harte Prüfung für mich, als ich Cecil Innes heiratete, der das Freie nicht mochte und sich nur für Bücher und Herumstöbern in Museen interessierte.

K.: Warum hast du Dick verlassen?

M.: Ich wollte ihn nicht verlassen. Wir lebten sehr traulich miteinander. Aber er verliebte sich in eine andere Frau. Er war ganz vernarrt in sie und verlangte, daß ich ihn freigebe. Da ich keine Kinder hatte, hielt ich es nur für anständig, nachzugeben. Cecil interessierte mich im Anfang sehr, und er vergötterte mich. Aber ich hatte ein düsteres Leben bei ihm. Du weißt, ich bin nicht ein bißchen literarisch angehaucht, und er war so schöngeistig und ein solcher Bücherwurm. Er ödete mich tödlich an. Ich war froh, an seiner Statt Jack zu nehmen, meinen jetzigen Mann, aber Cecils Kummer, als ich ihn verließ, war so entsetzlich, daß ich ihn nie vergessen werde, und als er bald nachher starb, hatte ich das Gefühl, eine Mörderin zu sein.

K.: Das muß eine schmerzliche Erfahrung gewesen sein. Aber man gewöhnt sich an diese Tragödien. Man hört von so vielen. Immer will eines frei sein und eines gebunden bleiben.

M.: Ja; und die stillschweigende Tradition, daß es eine Ehrensache ist, den unfreiwilligen Gefährten nie zum Bleiben bestimmen zu wollen, hebt das Gesetz auf, daß die Ehe nur enden kann, wenn beide Teile es wünschen.

K.: Ich bin überzeugt, daß die Tragödien der Trennung, von denen man heutzutage hört, weit ärger sind als die durch die Ehefesseln gelegentlich hervorgerufenen Tragödien der guten alten Zeit — und auch, daß sie viel häufiger sind.

M.: Es wäre keine solche Ironie, wenn irgend jemand etwas davon hätte. Aber soweit ich es beurteilen kann, leiden die Männer fast ebensoviel darunter wie die Frauen, besonders wenn sie alt sind. Den Zeitungen aus dem Anfang des Jahrhunderts zufolge, konnte ein alter Junggeselle oder ein Witwer immer eine junge und reizende Frau bekommen. Aber heute wird niemand einen ältlichen Mann heiraten, ausgenommen eine alte Frau, und an denen liegt den Männern nichts.

K.: Das ist sehr schade. Sie würden auf diese Weise vielem Unglück steuern, das man allerwärts sieht. Auf seine alten Tage ganz verlassen dazustehen, muß schrecklich sein.

M.: Da wir gerade von den Zeitungen reden, muß ich dir sagen, wie belustigend es ist, sie im British Museum zu lesen und aus ihnen zu ersehen, was für Wunder von dem System der Ehe auf Probe erwartet wurden, als man es zuerst gesetzmäßig festlegte. Alle die Mißstände des alten Systems sollten verschwinden: die Scheidung, der Ehebruch, die Prostitution, die Verführung, mit all diesen sozialen Übeln sollte gründlichst aufgeräumt werden.

K.: Wie unsinnig kurzsichtig waren die Leute damals! Die Scheidung ist allerdings abgeschafft, aber die Skandale und der Kummer, die gebrochenen Herzen und die zerstörten Familienleben, die sie verursachte, sind vertausendfacht. Die Untreue mag jetzt weniger häufig sein, aber wenn die Leute dazu Lust und Gelegenheit haben, dann haben sie keine Lust, eine gewisse Anzahl von Jahren zu warten, bis es dem Gesetz nach keine Sünde mehr ist. Ebenso ist es mit den anderen Mißständen. Es wird immer eine große Zahl von Männern geben, die die Ehe aus finanziellen oder anderen Gründen hinausschieben, und eine große Zahl Frauen, die nur auf eine Weise ihr Leben zu verdienen verstehen, und der älteste Erwerbszweig der Welt wird immer im Gang gehalten werden. Auch die Verführung wird nicht aufhören, so lange die Gesetze dieses Vergehen so milde beurteilen. Es wird immer unwissende, dumme und unbeschützte Mädchen geben und immer Männer, die daraus ihren Vorteil ziehen.

M.: Es scheint auch ebensoviele alte Jungfern zu geben wie früher; die Frauen, welche für die Männer nichts Anziehendes haben, bleiben bei jedem System dieselben, und oft sind sie die besten Frauen.

K.: Wie seltsam muß es sein, nie einen Mann gehabt zu haben.

M.: Es muß jedenfalls recht friedlich sein. Aber die alten Jungfern sehen durchaus nicht glücklicher aus als die verheirateten Frauen.

K.: Ich sehe nur ein gutes Resultat des Systems der Ehe auf Probe: daß die Frauen sich jetzt ebensosehr nach der Mutter­schaft sehnen als sie im Anfang des Jahrhunderts bestrebt waren, sie zu vermeiden. Wir altern mit der Furcht vor fast sicherer Verlassenheit und Vereinsamung, und die einzige Hoffnung für unser Alter sind unsere Kinder — ach, verzeihe, ich vergaß, daß du keine hast.

M.: Ach geh — ich denke ja oft daran, und wenn Jack gegen eine andere Frau aufmerksam ist oder sie bewundert, fürchte ich mich schrecklich davor, daß er eine neue Anziehungskraft gefunden hat und mich verlassen könnte. Was für dummes Zeug sie früher über die Notwendigkeit der freien Liebe zusammen­geschrieben haben! Als wenn die Freiheit etwas so Herrliches wäre. Wir sind ja doch alle Sklaven irgendeiner Konvention, einer Leiden­schaft oder einer Theorie. Niemand von uns ist wirklich frei, und wenn wir es wären, würde es uns gar nicht befriedigen. Für die romantische Liebe in den Romanen mag die „Freiheit in der Liebe“ ja ganz schön sein; aber jenes eigene Bedürfnis der Geschlechter nacheinander, das wir in Ermanglung eines besseren Ausdrucks im praktischen Leben „Liebe“ nennen, das muß in ein festes Band geschmiedet werden; oder wie sollen wir arme schwankende Sterbliche uns sonst helfen? Die Liebe muß ein Anker im wirklichen Leben sein — nichts anderes ist gut für uns!

[ III.] Das Fiasko der freien Liebe

Der letzte Gesichtspunkt, aus welchem alle das Betragen der Menschen beurteilen, ist das daraus folgende Glück oder Unglück.

Ein Verhalten, dessen mittelbare oder unmittelbare Endresultate schädlich sind, ist ein schlechtes Verhalten. Herbert Spencer.

Die freie Liebe ist die gefährlichste und trügerischeste Form aller Ehesysteme genannt worden. Sie ist auf einem ganz unmöglichen ethischen Standpunkt begründet. In der Theorie ist sie die ideale Verbindung der Geschlechter, aber sie wird nur dann praktisch möglich sein, wenn Mann und Frau sich sittlich total verändert haben werden. Wenn die Leute alle treu, beständig, seelenrein und äußerst selbstlos sind, dann mag die freie Ehe in Betracht gezogen werden. Selbst dann hätten die Unschönen und Reizlosen keine Chancen.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat noch kein in offener freier Liebe lebendes Paar dieselbe erfolgreich durchgeführt, ich meine mit einem gediegenen, ständigen Erfolg. Ich glaube, es gibt Paare, die ohne ein dauerhafteres Band als ihre gegenseitige Liebe glücklich miteinander leben, aber sie stellen sich klugerweise unter den achtung­gebietenden Schutz des Eherings und nennen sich Mann und Frau. So braucht die eben flügge gewordene freie Liebe nicht gegen die gewaltige Kraft des gesell­schaft­lichen Bannes zu kämpfen, und überdies hat man kein Mittel, zu erfahren, wie lange diese Verbindung den Versuchungen der Zeit widersteht. Die zwei bemerkenswerten modernen Beispiele von freier Liebe, an die ich mich hier natürlich erinnere, sind George Eliot und Mary Godwin. Aber bei beiden waren die Männer schon verheiratet. Sobald Harriet gestorben war, heiratete Mary Godwin den Dichter Shelley und als George Lewes dahinschied, heiratete George Eliot einen anderen Mann, eine Handlungsweise, welche die meisten Leute viel weniger verzeihlich finden als ihr ungeregeltes Verhältnis mit Lewes. Selbst die berühmten Perfektionisten von Oneida fielen nach dem Tode ihres Führers Noyes auf seinen eigenen Wunsch in die gewöhnliche Eheform zurück.

Im Ostende von London ist die Institution der freien Liebe sehr verbreitet, aber nach den Erfahrungen der Polizeibehörde sind ihre Resultate sicher nicht ermutigend. Ich hörte auch, daß sie bei den Kattunarbeitern von Lancashire sehr allgemein ist; das System der „collage“ herrscht auch in den arbeitenden Klassen Frankreichs vor und scheint sich recht gut bewährt zu haben. Aber nur da, wo die Fähigkeit und Gelegenheit der Frauen, sich selbst zu erhalten, vorhanden ist, ist die freie Ehe vom ökonomischen Standpunkt überhaupt durchführbar, und selbst dann bleibt die ernste Frage der unehelichen Kinder. Alle billig Denkenden müssen einsehen, daß die Haltung der Gesell­schaft den unehelichen Kindern gegenüber äußerst ungerecht und grausam ist, da sie die vollkommen Unschuldigen straft. Aber jeder erwachsene Mensch kennt diese Haltung, und jene, welche ihr trotzen, um ihrer Annehm­lichkeit willen oder der Befriedigung einer Experimentier­laune zuliebe, tun es im vollen Bewußtsein, daß auf ihrem Kind sicher der Druck lebensläng­licher Benachteiligung lasten wird. Vielleicht werden viele durch dieses Bewußtsein davon abgeschreckt, das Sittengesetz zu durchbrechen; aber die Zahl der in England und Wales geborenen unehelichen Kinder war im Jahre 1905 37300 und ich glaube, es ist im Interesse dieser unglück­lichen Opfer der Selbstsucht anderer höchste Zeit, daß eine gütigere und weniger engherzige Haltung ihrer entrechteten Stellung gegenüber eingenommen wird.

Ich erinnere mich, als junges Mädchen ein Stück gesehen zu haben mit dem Titel „Ein Veilchenstrauß“. — Die Heldin entdeckt, daß die frühere Frau ihres Mannes noch lebt, und ihr Kind daher unehelich ist. Sie sagt ihrer Tochter, sie möge zwischen ihren Eltern wählen und erklärt ihr die Vorteile des Verbleibens bei ihrem reichen und einflußreichen Vater. Die Ansprache schließt mit den Worten: „Bei mir wirst du arm und in Schmach leben, und du kannst nie heiraten!“ Zweifelsohne wurde dieser Gesichtspunkt einzig und allein in Anbetracht der jungen Mädchen im Zuschauerraum festgehalten, aber seine Unvernunft stieß mich ab. Selbst der beschränkten Intelligenz einer Siebzehnjährigen ist es klar, daß ein unehelich geborenes Mädchen lieber so schnell als sie nur kann heiraten sollte, um einen bürger­lichen Namen zu erhalten, wenn schon ein Name von solcher Bedeutung im Leben ist. Es wurde kürzlich viel über die freie Liebe im Zusammenhang mit dem Sozialismus diskutiert, und höchstwahr­scheinlich dank der Entstellungen gewisser Zeitungen scheint die Vorstellung Platz gegriffen zu haben, daß die Abschaffung der Ehe und ihr Ersatz durch die freie Liebe ein Teil des sozialistischen Programms sei. Es könnte unmöglich eine unwahrere Anklage erhoben werden, wie die Umfrage bei den Führern der verschiedenen sozialistischen Körper­schaften rasch erweisen wird.

Die Leute, welche für die freie Liebe plädieren, führen gern ins Treffen, daß eine so persönliche Angelegenheit nur sie selbst angeht. Alle, die so denken, sollten sich eine cause célèbre der letzten Zeit zur Warnung dienen lassen, in welcher Selbstmordversuch, krüppelhafter Nachwuchs und ein die unschuldigen Kinder bis zur dritten Generation umstrickendes Gewirr von Elend sich als die Folgen einer vor fast dreißig Jahren geschlossenen freien Verbindung ergaben. Diese und noch viele andere Tragödien der freien Liebe, die von Zeit zu Zeit in den Zeitungen veröffentlicht werden, scheinen zu beweisen, wie irrtümlich die Anschauung ist, daß wir für keine unserer Handlungen Rechen­schaft abzugeben haben. Ein Verhältnis, welches die zukünftige Generation beeinträchtigt, kann nie eine private und persönliche Angelegenheit sein. Vor einigen Jahren veröffent­lichte E. R. Chapman einen sehr interessanten Essay über die Ehe, in welchem er sagte: „Die gesetzliche Ehe gegen bloß freiwillige Verbindungen, bloß zeitweise Gemein­schaft austauschen, heißt nicht die Liebe frei machen, sondern ihr den Todesstoß versetzen durch Loslösung von jenem mensch­lichen Faktor, der die richtig verstandene Ehe ist und der die Rücksicht für die Ordnung, die Rücksicht für das allgemeine Wohl über das persönliche Interesse und die bloße Selbst­befriedigung des Augenblicks stellt.“

[ IV.] Die Polygamie an einer höflichen Tafelrunde

„Am schwersten und letzten von allem ist jenes Monopol des mensch­lichen Herzens auszurotten, das als Ehe bekannt ist . . . Es ist mit jener häßlichen und barbarischen Form der Hörigkeit so weit gekommen, daß man den sonderbaren Einfall hat, sie für direkt göttlichen Ursprungs zu halten.“ Grant Allen.

Wir nennen es die höfliche Tafelrunde, weil wir in der Hitze des Meinungsgefechtes immer rückhaltlos derb zu werden pflegen. Bei dieser Gelegenheit war die unvermeidliche Ehediskussion, die fast immer in der einen oder anderen Zeitung zu finden ist, der Gesprächs­gegenstand. Der ‚biedere Börsenmann‘ (unverheiratet) verteidigte herzhaft den heiligen Ehestand. Seine sittliche Haltung ist gewiß etwas langweilig, aber nichtsdesto­weniger gehört er zu jenen Leuten, mit denen man wirklich höflich ist. Obgleich auf dem Gesicht des ‚Familienegoisten‘ eine gewisse Reizbarkeit zu sehen war, hörten wir achtungsvoll zu, ausgenommen der ‚böse Börsenmann‘, dessen Mahlzeit einen viel zu wichtigen Raum in seinem Lebensplan einnahm, um durch ein Gespräch über moralische Themen beeinträchtigt zu werden.

Der ‚verlebte Roué‘ muß natürlich — das ist ihm Ehrensache — allem widersprechen, was der ‚biedere Börsenmann‘ sagt. Ich muß erwähnen, daß der ‚verlebte Roué‘ ein äußerst tugendhafter Mann und ein Mustergatte und -vater ist. Er posiert eine wüste Vergangenheit, was ihm den sarkastischen Spottnamen eingetragen hat, den er durchaus nicht durch seine Aufführung verdient. „Sie vergessen,“ warf er matt ein, als der ‚biedere Börsenmann‘ eine Pause machte, „daß kein Geringerer als Schopenhauer gesagt hat, daß der Mann von Natur aus zur Polygamie, die Frau zur Monogamie neigt.“

„Ich verneine die erste Behauptung“, sagte der ‚biedere Börsenmann‘ erhitzt. Er geriet immer in Hitze, wenn es sich um Sittlich­keitsfragen handelte, und wollte immer genaue Nachweise liefern, was eine einigermaßen langweilige Diskussion zu verursachen drohte, als der ‚Blaustrumpf‘ mit dünner, abgehackter Stimme entschlossen dazwischenfuhr:

„Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, daß die monogamische Ehe eine göttliche Institution ist.“

„Lächerlich, was?“ grinste der ‚verlebte Roué‘. Der ‚biedere Börsenmann‘ sah bekümmert aus und räusperte sich. Bei diesem schreck­lichen Signal schickte sich der ‚Familienegoist‘ — dessen Gereiztheit stetig wuchs, wie die nachgewiesene Verbreitung einer Zeitung — an, sein Wurfgeschoß auf den Kampfplatz zu schleudern. Das hätte jedwede Angeregtheit des Gespräches auf einige Stunden hinaus gehemmt, und es entrang sich allen ein Seufzer der Erleichterung, als unser tapferer ‚Blaustrumpf‘ sich noch einmal dem Lauf des Gespräches entgegenwarf.

„Sie machen ja geradezu einen Kultus aus der Bibel,“ quakte sie höhnisch den ‚biederen Börsenmann‘ an, — „aber Sie scheinen mit dem Alten Testament auf keinem sehr vertrauten Fuß zu stehen. Sie werden dort reichliche Beweise finden, daß die monogamische Ehe nicht göttlicher ist als die Polygamie oder die freie Liebe, auch daß sie keinen himmlischen Ursprung hat, da sie sich je nach Rasse und Klima änderte. Sie ist einfach ein unerläß­licher Schutz der Gesell­schaft.“

„Ich setze einen Schilling drauf“, murmelte der ‚Tölpel‘ (ein unverbesser­licher junger Mann, ganz der Winston Churchill unseres Familienkabinetts), indem er seine übliche Formel anwendete. Ohne auf ihn zu achten, zirpte der ‚Blaustrumpf‘ ernst weiter: „Wenn Sie je Soziologie studiert haben, müssen Sie wissen, daß die Ehe hauptsächlich ein Gesell­schafts­vertrag ist, der ursprünglich auf der Selbstsucht begründet war. Noch jetzt hat sie etwas von ihrer halb barbarischen Form, und jene, welche ohne Gründe ihre bewiesene Heiligkeit predigen, sollten lieber vorschlagen, wie das jetzt in Übung stehende wüste Gesetz den Notwendigkeiten der modernen Verhältnisse angepaßt werden könnte.“

Sie machte eine Pause, um Atem zu schöpfen. — Der ‚biedere Börsenmann‘ war bleich, aber er hielt ihr mannhaft stand. „Bravo, ‚Blaustrumpf‘“, sagte der ‚verlebte Roué‘.

„Eine prächtige Frau, unsere Wortführerin“, sagte der ‚Tölpel‘. — „Ich setze einen Schilling auf sie.“

Der ‚böse Börsenmann‘ nahm eine zweite Portion Salat und aß unbekümmert weiter, während die ‚vornehme Dame‘ an der Spitze der Tafel den ‚Familienegoisten‘ ängstlich beobachtete, der apoplektisch aussah und so bedenklich mit seinem Weinglas spielte, daß er dessen Laufbahn als nützlichen Gebrauchs­gegenstand offenbar abzukürzen im Begriff war.

„Mich hat man gelehrt“, sagte der ‚biedere Börsenmann‘ langsam, „die Ehe als eine geheiligte Institution, als ein heiliges Mysterium zu betrachten.“

„Dann hat man Sie Unsinn gelehrt“, schnauzte ihn der ‚Blaustrumpf‘ an und gab sich so den übelsten Gewohnheiten der höflichen Tafelrunde hin; sie bebte vor intellektueller Begeisterung.

„Eine Anschuldigung“, begann der ‚biedere Börsenmann‘ — („Gelungenes Wort, ich setze einen Schilling darauf“ murmelte der ‚Tölpel‘) — „ist kein Beweis“, setzte der ‚biedere Börsenmann‘ fort.

„Schon möglich, aber was Sie gesagt haben, war Unsinn“, erwiderte der ‚Blaustrumpf‘. „‚Ein heiliges Mysterium, eingesetzt in der Unschuldszeit der Menschheit‘ — ich erinnere mich an das Zitat. Und um welche Zeit war das, wenn ich bitten darf? Beziehen Sie sich auf den Garten Eden oder irgend einen Teil der Bibel? Das erwählte Volk, die Hebräer, war polygamisch von der Zeit des Lamech an, offenbar mit der Zustimmung der Gottheit. Selbst der unberührte David hatte dreizehn Frauen, und der heilige Salomo ein rundes Tausend. Da ist nicht viel von dem heiligen Mysterium in jenen Tagen zu spüren.“

„Lieber ‚Blaustrumpf‘, Sie sind aber wirklich —“ murmelte die ‚vornehme Dame‘.

„Durchaus nicht, sie ist ganz bei Sinnen“, warf der ‚verlebte Roué‘ ein, der sich teuflisch an dem sichtlichen Ärger des ‚biederen Börsenmannes weidete.

„Ich gebe es auf“, sagte der letztere, wobei der ‚Tölpel‘ und der ‚verlebte Roué‘ in ein Freudengeheul ausbrachen. „Ich kann wirklich nicht gegen eine Dame von solch überwältigender Beredsamkeit aufkommen“, fuhr er fort, indem er sich in entzückend galanter Art verbeugte. „Es ist alles eins, ich werde immer glauben, daß die Ehe eine heilige Institution ist.“

„Mein lieber alter Junge,“ sagte der ‚verlebte Roué‘ hastig mit einem Seitenblick auf den ‚Familienegoisten‘, der wirklich an jenem Abend schlecht behandelt wurde, „deine Hochherzigkeit ist geradezu bewunderungs­würdig, aber sie ist nicht am Platze. Sie paßt nicht in moderne Verhältnisse. In der Theorie ist die Ehe gewiß ein heiliges Mysterium. In der Praxis wird sie ein unheiliger Wirrwarr, oft eine Erniedrigung. Ich persönlich glaube an die Polygamie.“

Nur schwer unterdrückten alle ein Lachen bei dem Gedanken an seine wachsame Gattin und seine verschiedenen, schon von Geburt an wachsamen Kinder. „Auch ich, einen Schilling setze ich drauf“, sagte der ‚Tölpel‘ unentwegt. „Nicht für mich selbst natürlich,“ fuhr der ‚verlebte Roué‘ fort, ohne die Spur eines Lächelns, „das heißt nicht — ich meine — nicht jetzt, aber im allgemeinen gesprochen, und ich meine abstrakt genommen, wäre die Polygamie eine vernünftige Institution. Denken Sie nur daran, wie sie unsere modernen Komplikationen vereinfachen und unsere beiden ärgsten sozialen Übel verbessern würde.“

„Ja, denken Sie bitte, das wird genügen“, warf die ‚vornehme Dame‘ hastig ein.

„Und wie es die überflüssige Frauenfrage lösen würde,“ fuhr der ‚verlebte Roué‘ fort. „Denken Sie an die ungeheuere Zahl unglück­licher alter Jungfern, die dann glücklich versorgt wären.“ Der ‚Blaustrumpf‘ ließ ein entrüstetes Gequiek vernehmen.

„Denken Sie an die Ausgaben,“ bemerkte der ‚biedere Börsenmann‘ trocken, und der ‚verlebte Roué‘ sank zusammen wie ein angestochener Gasballon. „Herbert Spencer sagt,“ fuhr der ‚biedere Börsenmann‘ fort, „daß die Tendenz zur Monogamie angeboren ist und alle anderen Formen der Ehe zeitweise Verirrungen gewesen sind, von denen jede die entsprechenden Übel nach sich zog. Schließlich ist die monogamische Ehe zum Schutz der Frauen eingesetzt und wurde in den großen und edlen Zeitaltern der Weltgeschichte heilig gehalten. Ganz abgesehen von dem moralischen Gesichtspunkt könnte die Polygamie jedoch nur in tropischem Klima möglich sein, wo die Lebensbedingungen auf ein Minimum reduziert wären und man von Datteln und Reis leben könnte. Aber der Durchschnittsmann in unserem ruhmreichen Freihandelland kann ja nicht einmal eine Frau in angemessener Weise ernähren, geschweige denn mehrere. Ich frage, wie es im Namen des Bankdiskonto . . . .“

„Ihr Börsenmenschen seid alle so schrecklich knauserig“, erwiderte der ‚verlebte Roué‘. „Habe ich nicht gesagt, abstrakt genommen? Natürlich weiß ich, daß es praktisch nicht möglich wäre, jetzt noch nicht; aber ich glaube wirklich, daß es das ganze sexuelle Problem lösen könnte.“

„Keiner von euch scheint die Frauen in Betracht zu ziehen“, piepste der ‚Blaustrumpf‘. „Glauben Sie denn, daß wir modernen Frauen mit unseren Hilfsquellen und unserer Bildung so einen Gedanken nur einen Augenblick ins Auge fassen würden?“

„Gut, was denken Sie darüber?“ fragte der ‚verlebte Roué‘ mit diplomatischer Ehrerbietung.

Zu unserer Überraschung begann der ‚Blaustrumpf‘ zu erröten, und ihr Erröten ist nicht das sittsame, unverantwortliche Rotwerden eines gewöhn­lichen Mädchens, sondern ein quälendes Zuströmen des Blutes ins Gesicht unter dem Druck tiefernsten Verhaltens, jene Art von Erröten, bei der man wegschauen muß.

„Nun“, sagte sie mit einem Schlucken, — „ich denke, vielleicht — vielleicht würden sie es tun.“

Es war klar, daß es sie etwas gekostet hatte, dies zuzugeben. Wir waren wie vom Donner gerührt. Der ‚Familienegoist‘ vergaß seine brennende Redelust und hörte auf, das Weinglas zu bedrohen, die ‚vornehme Dame‘ war ganz aufgeregt, der ‚verlebte Roué‘ wurde beinahe munter und der ‚biedere Börsenmann‘ sah aus, als wenn er eben in Tränen ausbrechen wollte.

„Ich glaube, wir Frauen wären nicht gegen die Polygamie, — nur um das kleinere Übel zu wählen,“ fuhr der kleine ‚Blaustrumpf‘ tapfer fort, „denn die gegenwärtige Vergeudung der Weiblichkeit in unserem Lande ist ein sehr ernstes Übel. Natürlich machen es die finanziellen Verhältnisse unmöglich, wie der ‚biedere Börsenmann‘ sagt, aber wenn es möglich wäre, wenn es aus ehrenwerten Motiven und in ganz ehrenwerter offener Weise von — ich meine, den geeigneten Persön­lichkeiten — autorisiert und sanktioniert wäre, dann glaube ich, die Frauen könnten es ohne Verlust der Selbstachtung aufnehmen, besonders, wenn die erste jugendliche Liebesglut vorüber ist. Nach diesem Stadium, und wenn eine Frau sich selbst vergißt, dadurch, daß sie sich wirklich erst in der Liebe und der Sorge für ihre Kinder und einer weiteren Auffassung des Lebens und seiner Pflichten selbst gefunden hat, dann denke ich, könnten die meisten Frauen unter solchen Umständen glücklich sein. Ich glaube, es wird eine Menge unsinniges Zeug über die Qualen der mensch­lichen Eifersucht zusammen­geschwatzt, und über die Eifersucht der Frau im besonderen. Die Männer mögen ja darunter leiden, darüber kann ich nicht urteilen, aber ich bin überzeugt, bei den Frauen ist es nicht so. Die Demütigung, die Lieblosigkeit, die Tatsache, ‚betrogen‘ und durch eine andere verdrängt worden zu sein, die verletzen so, wenn ein Mann untreu ist. Aber wenn es ganz anständig und ehrlich wäre, wenn es begriffen würde, daß die Polygamie der Natur des Mannes mehr entspricht und der größten Anzahl von Frauen Glück zu bereiten geeignet ist, — da sie so in der Überzahl sind, daß sie nicht erwarten können, jede einen Gefährten zu finden — dann glaube ich wirklich, nachdem die Frauen sich diesen neuen Verhältnissen anzupassen Zeit gehabt haben — es mag ein oder mehrere Generationen dauern — dann würden sie sie ganz froh anerkennen und Frieden und Befriedigung in ihr finden.“

Der ‚Blaustrumpf‘ machte eine Pause und sah auf die gespannten Gesichter ringsum. Sogar der ‚Tölpel‘ war auf ihre Worte gespannt, aber der ‚biedere Börsenmann‘ hatte seine Blicke abgewendet, und der ‚Blaustrumpf‘ war ganz bleich, als sie fortfuhr.

„Natürlich denkt man bei dem Wort gleich an den Harem und orientalische Frauengemächer, aber nichts von dieser Art würde sich bewähren. Die Frauen müßten getrennt leben, nicht bei dem Manne wohnen, jede in ihrem eigenen Heim, mit ihrem eigenen Interessen- und Pflichtenkreise, jede mit ihrer eigenen Arbeit. Keine dürfte im Müßiggang leben, welcher die Ursache alles Zwistes und aller Trübungen ist. Jede Frau sollte etwas arbeiten und irgend jemandem helfen. Ich denke jetzt natürlich nicht an die glücklich verheirateten und zufriedenen Frauen, sondern an die tausende, die ein elendes, dumpfes und einsames Leben führen und unendlich glücklicher wären, wenn sie sich auf eine bestimmte, in regelmäßigen Intervallen wiederkehrende Woche freuen könnten, in der der Mann mit ihnen leben würde. Es würde Liebe und menschliche Interessen und, was das Wichtigste ist, einen Inhalt in ihr Leben bringen. Ich weiß, es klingt entsetzlich unmoralisch,“ fuhr sie fort und errötete wieder peinlich, „aber ich meine es nicht so. Schließlich ist die Hauptursache, warum die Leute heiraten, die Kamerad­schaft, und diese hauptsächlich fehlt den unverheirateten Frauen nach der heiteren Zeit der ersten Jugend. Der natürliche Gefährte des Weibes ist der Mann. Daraus folgt, da nicht genug Männer da sind, um sie glücklich zu machen, daß es ein größeres Übel gibt als sie zu teilen. Ich behaupte nicht, daß es so befriedigend wäre, als einen treuen Gatten ganz für sich zu haben, aber es könnte für das größte Wohl der größten Anzahl gut sein, und es würde sicherlich bis zu einem gewissen Grade die sozialen Mißstände aufheben.“

Alle klatschten, als sie etwas atemlos geendet hatte. Es war klar, daß es dem braven ‚Blaustrumpf‘ so sehr an dem eigenen Mut der Meinung fehlte, daß sie in tödlicher Verlegenheit war, als sie ihr öffentlich Ausdruck verleihen mußte. Die ‚vornehme Dame‘, die das taktvollste Wesen der Welt ist, stand daher auf, bevor jemand etwas gesprochen hatte, und die beiden Frauen verließen zusammen das Zimmer.

Unter den Männern entstand ein Stimmengewirr, welches der ‚biedere Börsenmann‘ dazu benutzte, auch still zu verschwinden.

„Gebt den Porter weiter!“ sagte der ‚böse Börsenmann‘ munter: „Sie ist ein verteufelt gescheites Weib, aber wie sogar die geistreichen Frauen von einer solchen Lebensunkenntnis sein können, frappiert mich, und auch, wie ihr da solche Heuchler sein könnt! . . .“

„Heuchler! Was meinen Sie?“ brauste der ‚Familienegoist‘ auf, der jetzt vor lauter unterdrücktem Reden fast platzte.

„Nicht Sie, alter Freund, aber der ‚verlebte Roué‘ und der ‚biedere Börsenmann‘, die so herumschwätzen als ob bei uns zulande die Monogamie vorherrschte und die Polygamie etwas Neues wäre. Natürlich erwartet man es von dem ‚biederen Börsenmann‘, aber Sie, ‚verlebter Roué‘, sollten es wirklich besser wissen. Ja richtig, wo ist der ‚biedere Börsenmann?‘“

„Ich glaube, er hat sich um den Blaustrumpf beworben, um sie vor der Polygamie und ihren eigenen Ansichten zu retten“, näselte der ‚verlebte Roué‘, indem er eine Zigarette anzündete.

„Ein schneidiger Kerl; ich glaube wirklich, er hat es getan“, rief der ‚Tölpel‘ aufgeregt. „Ich setze einen Schilling gegen jeden von euch darauf. Ich meine es wirklich.“

„Nun, und wenn er es getan hat?“ sagte der ‚Familienegoist‘ gereizt. „Was macht’s, wenn ein Narr mehr auf der Welt ist? Hört auf, Unsinn zu schwatzen, Kameraden, und laßt den Porter die Runde machen!“

[ V.] Ist die legalisierte Polyandrie die Lösung?

In W. Sommerset Maughams sehr interessanter psychologischer Studie „Mrs. Craddock“ sagt eine der Personen: „Es können nämlich wenige Frauen mit nur einem Manne glücklich sein. Ich glaube, daß die einzige Lösung des Eheproblems die legalisierte Polyandrie[2] ist.“

Es ist nur ehrenwert, diese Sorte von Behauptungen mit Entsetzen entgegenzunehmen; aber wenn die Geheimnisse des weiblichen Herzens bekannt wären, käme heraus, daß ein gut Teil dieses Entsetzens erheuchelt ist. Ich lehne es ab, mein Geschlecht irgendwie auszuliefern. Maugham ist ja ein im Studium des weiblichen Herzens sehr erfahrener Mann und ich kann wohl sagen, er weiß, wovon er spricht. Überdies ist er sicherlich unverheiratet. Aber selbst er verschanzt sich hinter einem der Charaktere seiner Novelle, und warum sollte man von mir größeren Mut erwarten?

Freilich liegt in dem Wort legalisiert eine wunderbare Kraft. Die profansten und entsetz­lichsten Ehen zwischen schönen jungen Mädchen und reichen, adeligen Mummelgreisen, Trunkenbolden oder Trotteln werden als ganz gehörig und ehrenwert betrachtet, weil sie legalisiert sind. Und dennoch würden die Leute, die diese Abscheu­lichkeiten hinnehmen, wahrscheinlich äußerst schockiert sein bei der bloßen Andeutung der Polyandrie, eines weit schick­licheren Geschlechts­verhältnisses, weil es durch wirkliche Geschlechts­anregung geregelt und voraussichtlich frei von krämerischen Rücksichten wäre. Aber gleichviel, ob die legalisierte Polyandrie die eigentliche Lösung des Eheproblems ist oder nicht, sie ist gewiß eine unmögliche für das frauenreiche England, und obgleich die Frauen in den letzten Jahren erschreckend breit ausgegriffen und sich von ungeahnter Lebenskraft besessen erwiesen haben, ist es unwahrscheinlich, daß sie ihre überflüssigen Energien nach dieser Richtung hin verausgaben werden.

[2.] Gesetzlich geregelte Vielmännerei.

[ VI.] Ein Wort für die Duogamie

„Geschaffen hat euch Gott, aber verheiraten müßt ihr euch selbst.“ R. L. Stevenson.

Am Tage nach der höflichen Tafelrunde kamen Isolda, Miranda und Amoret zu mir zum Tee, und ich erzählte ihnen von der Diskussion des vorigen Abends über die Polygamie.

„Ich verstehe schon den Standpunkt des ‚Blaustrumpfs‘“, sagte Isolda nachdenklich. „Die Polygamie mag für die überflüssige Frau, die unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht heiraten kann, annehmbar sein, für das unbefriedigte alte Mädchen, das des Ledigseins so überdrüssig ist, daß es sogar die Polygamie vorziehen würde, aber nie wäre sie es für die Frau, die sich verheiraten kann und sich verheiratet.“

„Und doch, wieviele verheiratete Frauen gehen heutzutage darauf ein“, sagte Miranda. „Gibt es nicht so viele Frauen, die die Untreue ihres Gatten verzeihen und sie so gut als möglich ertragen um der Kinder oder anderer gesell­schaft­licher Vorteile willen, oder weil sie ihrem Manne so ergeben sind, daß sie es vorziehen, ihn mit einer anderen zu teilen, als allein ohne ihn zu leben? Und was ist das anderes, als die Polygamie hinnehmen?“

„Ja, aber dann sind die anderen Frauen nur Geliebte“, rief Isolda aus. „Das mag man unfreiwillig dulden, aber eine andere gesetzliche Frau mit ebensolchen Rechten wie die unseren, und was noch schlimmer ist, mit Kindern, die den unseren gleichgestellt werden — niemals!“

„Gut, vielleicht nicht,“ gab Miranda zu, „ich vermute, eine gesetzliche und ständige Nebenbuhlerin wäre etwas anderes, und schließlich kann man ja nur von dem Mittelstand in England als ausgesprochen monogamisch reden. Die oberen und die unteren Gesell­schafts­schichten sind so polygamisch als nur möglich. Wir tun nur in unserer britischen Heuchelei so, als ob bei uns die Monogamie die Regel wäre.“

„Ziehe nicht gegen die britische Heuchelei los,“ sagte Amoret träge. „Es ist unser kostbarstes Nationalerbe. Die Heuchelei hält den Gesell­schaftsbau zusammen.“

„Zugegeben“, sagte Isolda. „Wir müssen des Friedens halber und dem Ideal zuliebe so tun, als ob wir glaubten, daß die Monogamie die Regel ist. Natürlich weiß jeder, daß es überall eine Menge polygamer Männer und eben deshalb auch polyandrischer Frauen gibt, aber die Heuchelei ist eine zu große Stütze der Schick­lichkeit, und eine Nation muß, in der Theorie wenigstens, Schick­lichkeit haben, wenn schon nicht in der Praxis, sonst würden wir — hm — dem Niedergang zusteuern wie die Römer.“

„Darauf war ich gefaßt, daß eine von euch die Römer erwähnen wird,“ warf Amoret ein, die bei all ihrer Leichtfertigkeit eine gewisse humoristische Verschmitztheit besitzt. „Das ist ein unvermeid­licher Zug aller Diskussionen über die Ehe. Sowie nur jemand etwas von dem Vorschlag verlauten läßt, daß die Ehebande geschmeidiger gestaltet werden sollten, um sich den modernen Verhältnissen anzupassen, zieht jeder der Anwesenden, ausgenommen die unglücklich Verheirateten, ein langes Gesicht und zitiert das entsetzliche Beispiel der Römer. Nun ist mir eine glänzende Idee für die Lösung des Eheproblems gekommen.“

„Sag sie uns“, riefen die drei Anwesenden einstimmig.

„Noch nicht, erledigen wir erst die Römer. Ich vertraute neulich einem Mann meine Idee an; nachdem er mir wie üblich die Römer vorgesetzt hatte, ging ich und sah im Gibbon nach.“

Allgemeines Lachen unterbrach sie. Die Vorstellung, daß unser Schmetterling Amoret über dem Gibbon büffeln sollte, war zu komisch.

„Ja wirklich, ich hab es getan,“ fuhr sie fort, „und was ich herausfinden konnte, war, daß nicht ihre leichtfertigen Ideen über die Ehe ihren Niedergang verursachten, sondern ihre — wie soll ich’s nennen? — allgemeinen lockeren Sitten . . .“

„Ich weiß es,“ sagte Isolda, ihr zu Hilfe kommend, „ich las neulich ein riesig interessantes Buch darüber: Kaiser­licher Purpur. Es war das Erlöschen aller Ideale, die Freigabe aller fleisch­lichen Begierden, der durch Ausschweifungen und üppiges Leben entstehende äußerste Mangel an sittlichem Halt, der die Römer zugrunde richtete; aber wenn eine tüchtige, kaltblütige Nation wie die unserige die beengenden Ehebedingungen lockern wollte und an der Neuerung genau festhielte, dann ist es Unsinn, zu behaupten, daß alle unsere Ideale entarten und infolgedessen das Reich zusammenstürzen würde!“

„Hört, hört! Ganz wie der ‚Blaustrumpf‘!“

„Gut,“ sagte Miranda. „Ich will also auf eure Ideen über die Römer eingehen, schon damit wir in unserem Thema weiterkommen. Nun laß uns deine großartige Idee hören, Amoret.“

„Also folgendes: Duogamie“, sagte Amoret.

„Duo — zwei?“

„Sehr richtig — zwei Partner für jedes. Wir sind heutzutage alle so kompliziert, daß einer uns unmöglich befriedigen kann. Zwei würden gerade genügen. Zwei würden die Spannung des Ehelebens lockern, und doch nicht zu dem führen, was die Zeitungen „Ausschweifung“ nennen. Jeder hätte eine zweite Chance, und was dem ersten Partner fehlt, das würde der zweite einem ersetzen.“

„Es ist keine üble Idee“, sagte Isolda nachdenklich. „Lancelot könnte zur zweiten Frau eine solche wählen, die gut marschiert und Bridge spielt, und ich würde einen Mann zu finden trachten, der die Karten haßt und nie einen Schritt geht, wo er reiten kann.“

„Ich glaube, es ist eine grandiose Idee!“ rief Miranda begeistert. „Lysander könnte eine Frau finden, die ihn am Klavier begleitet und Opern gern hat, und ich würde mich nach einem Mann umsehen, der das ernste Schauspiel pflegt und zwei ständige Sperrsitze im Vedrenne-Barker-Theater hätte.“

„Das wäre ja geradezu die Lösung für alles“, rief Amoret verzückt. „Wenn Theodor unausstehlich gewesen ist, würde ich auf und davon gehen zu meinem „Zweiten“ — und doch mit dem Gefühl, ihn nicht zu vernachlässigen, da er zu seiner „Zweiten“ gehen könnte! Sie wäre wahrscheinlich eine treffliche, beschränkte, einer Stütze bedürftige Dame, die keinen meiner Fehler hätte, und wenn er von ihrer beschränkten Hilfsbedürf­tigkeit genug hätte, dann würde er zu mir zurückkehren, und wißt ihr, sogar meine Fehler würden ihm — dem Gesetz des Kontrastes zufolge — gefallen, und umgekehrt.“

„Es ist wirklich eine wunderbare Idee,“ sagte Isolda nachdenklich, „es wundert mich, daß niemand früher darauf gekommen ist. Es gäbe weniger alte Jungfern, denn die Männer würden die Ehe nicht so scheuen, wenn sie wüßten, daß es noch immer eine zweite Chance gibt. Sie würden von einer Frau auch nicht soviel erwarten wie jetzt. Und stellt euch nur vor, was für eine gute Wirkung es auch auf unser Verhalten ausüben würde — wie lieb und höflich und beherrscht wir wären, aus Furcht, im Vergleich mit der ‚Andern‘ in ungünstigem Lichte zu erscheinen.“

„Ja, es würde uns gewiß auf einem Niveau erhalten, auf dem wir den Erwartungen genügen würden,“ bemerkte Miranda, „unordentliche Frauen würden sich bemühen, nett zu werden, und zänkische würden ihrer Zunge Einhalt tun. In ihrem Bestreben, den ‚Andern‘ aus dem Felde zu schlagen, würden die Ehemänner galant und aufmerksam wie Liebhaber werden.“

„Es würde alle Verwicklungen lösen,“ erklärte Amoret, „nehmt nur einmal die uns persönlich bekannten Fälle. Die Smiths zum Beispiel haben schon drei Jahre nicht miteinander gesprochen, weil Fred sich in Fräulein Brown verliebte und fast seine ganze Zeit mit ihr verbringt. Frau Smith ist tiefbekümmert, Fred sieht recht elend aus — ein Heim, in dem man nichts spricht, muß ja eine Hölle sein —, und die junge Brown droht immer, sich etwas anzutun. Die Sache hat den Smith direkt das Leben verdorben und für die Kinder muß es sehr hart sein, in solch einer Atmosphäre heranzuwachsen. Mein Plan würde all diesem Elend abhelfen: Fred hätte Fräulein Brown heiraten und zeitweise ganz glücklich mit Frau Smith leben können.“

„Aber was würde Frau Smith in den Zwischenpausen tun? Sie hat zufällig keine ‚entgegengesetzte Anziehungskraft‘ gefunden.“

„Nun vielleicht, wenn die Duogamie üblich wäre, hätte sie sich nach einer umgesehen,“ sagte Amoret, „ich bin überzeugt, die meisten Frauen könnten einen zweiten Gefährten finden. Aber übrigens ist ja kein System vollkommen, und es gibt eine Menge Frauen, die überhaupt keinen zweiten Mann haben möchten und nur zu froh wären mit einer Ruhepause, in der man keine Diners anzuschaffen braucht. Nehmt dann den Fall Robinson: Dick Jones verehrt Frau Robinson sehr und ist äußerst unglücklich, weil er ihr nicht mehr als ein Freund sein kann. Sie hat ihn sehr gern und auch ihren Mann; sie könnte beide sehr glücklich machen, wenn sie sich teilen wollten.“

„Ich habe oft empfunden, daß ich zwei Männer beglücken könnte“, sagte Isolda. „Einige meiner besten Eigenschaften sind an Lancelot verschwendet. Er wird auch nie des Landlebens und seines geliebten Golfs überdrüssig, ich aber wohl, und wenn mich wieder einmal meine Sehnsucht nach London überkommt, würde ich mich schnell nach der Stadt aufmachen und eine famose Zeit mit meinem Londoner Gatten verleben.“

„Ohne das Gefühl, irgend ein Unrecht zu tun,“ ergänzte Amoret, deren sichtliche Erfahrung in Gewissensskrupeln mir etwas verdächtig erschien.

„Liebe Kinder, es tut nicht gut“, sagte Miranda plötzlich. „Es tut nicht gut—aus ist’s mit der Duogamie! Denkt an die Dienstboten!“

„Entsetzlich, die Dienstboten!“ sagte Isolda bestürzt.

„Ja, ich fürchtete, daß ihr den wunden Punkt bald herausfinden würdet“, sagte Amoret bedauernd. „Natürlich wäre es schrecklich, zweierlei Dienstboten zu beaufsichtigen zu haben. Ein Gatte könnte sich vier oder fünf leisten und der andere nur ein bis zwei, und jede Diener­schaft würde in Abwesenheit der Frau außer Rand und Band geraten.“

„So hätte man anstatt eines vollständig glücklichen Lebens mit zwei Gatten, die uns um die Wette zu gefallen bestrebt sind, eine fürchterliche Existenz durch fortwährendes Abrichten der Diener­schaft. Kaum, daß man A.’s Diener­schaft in Ordnung gebracht hätte, wäre es Zeit, zu B. zurückzukehren und dort mit dem gleichen zu beginnen.“

„Nein, dafür dank ich,“ sagte Isolda entschieden, „die Dienstboten eines Hauses sind mir gerade genug. Ich habe schon hundertmal gesagt, daß ich bloß wegen der leidigen Dienstboten nicht geheiratet haben möchte. Es wäre verrückt, sich jetzt diese Plage noch zu verdoppeln. Du kannst mich aus der Liste der Duogamistinnen streichen, Amoret, bis die Dienstbotenfrage durch die Erfindung irgend einer neuen Maschine oder den Import von Chinesen gelöst ist.“

„Vielleicht“, warf Amoret hoffnungsvoll ein, „würde dein ‚Zweiter‘ darein willigen, im Hotel zu leben?“

„Solches Glück habe ich nicht,“ sagte Isolda traurig, „wenn ein Mann heiratet, so ist es meistens wegen des Heims — warum sollte er sonst heiraten, abgesehen von den Kindern? Guter Gott! Ich habe ja an die Kinder ganz vergessen. Natürlich gibt das der Sache den Rest.“

„Die ‚Sackgasse aller Reformen‘!“ sagte Amoret tragisch. „Es ist unmöglich, irgend eine Neuerung im Ehesystem vorzuschlagen, die nicht gleich durch die Komplikation des Nachwuchses annulliert wird.“

Wie saßen alle schweigsam in Gedanken versunken; Isolda schauerte zusammen.

„Mit der Duogamie ist’s nichts!“ sagte sie pathetisch, „und ich bin so enttäuscht!“

[ VII.] Die Vorteile der Ehe „auf Sicht“

„Die Ehe ist abschreckend, aber auch ein kaltes und verlassenes Alter ist es.“ R. L. Stevenson.

Von allen revolutionären Vorschlägen zur Verbesserung des gegenwärtigen Ehesystems erscheint mir die Ehe „nach Billigung“ — mit anderen Worten die „Ehe auf Sicht“ die vernünftigste und durchführbarste. Das Verfahren wäre ungefähr folgendes: Ein Paar, das heiraten will, würde einen gesetz­lichen Vertrag schließen des Inhalts, daß sie einander für eine begrenzte Zahl von Jahren — sagen wir drei — zu Gatten wählen. Dieser Zeitraum würde zwei Jahre Versuchszeit bieten, nachdem das abnormale und außergewöhnlich kritische erste Jahr vorüber wäre. Eine kürzere Zeit wäre ungenügend. Nach Ablauf der drei Jahre hätten die Kontrahenten das Recht auf Lösung der Ehe, die Lösung sollte aber erst nach weiteren sechs Monaten in Kraft treten und so jede Gelegenheit bieten, die Echtheit des Scheidungs­wunsches zu erhärten. Wenn keine Scheidung gewünscht wird, würde die Ehe durch eine religiöse oder endgültige gesetzliche Zeremonie genehmigt und für immer bindend werden.

Im Falle einer geschiedenen Ehe hätte jeder Teil die Freiheit, wieder zu heiraten; aber der zweite Versuch müßte vom Anfang an endgültig und bindend sein. Diese Einschränkung ist absolut notwendig, wenn die „Ehe auf Sicht“ nicht in eine Art gesetzlich geregelter „freier Liebe“ ausarten soll, da es viele Männer und manche Frauen gibt, die immer von neuem solche Ehen schließen würden, und das Ende der Sache wäre nichts anderes als die „Probeehe“ für den kurzen Zeitraum von drei Jahren.

Man wird gegen diesen Plan einwenden, daß viele Paare, die am gefähr­lichen Wendepunkte des Ehelebens — d.i. nach ca. zehn Jahren — Malheur haben, in den ersten Jahren vollkommen glücklich sind. Aber da mal die menschliche Liebe so veränderlich ist und die Leute wie die Lebensbedingungen dem Wechsel so unterworfen sind, ist es unmöglich, zu irgend einem feststehenden System zu gelangen, das darauf Rücksicht nimmt. Es muß jedoch daran erinnert werden, daß in der Mehrzahl der unglück­lichen Ehen nicht das System zu tadeln ist, sondern die Individuen. Die Einführung des ehelichen Noviziates würde jedoch die Zahl der Scheidungen dadurch beträchtlich vermindern, daß durch sie das jetzt so häufige Nichtzusammen­passen der Temperamente weit seltener würde. Das eheliche Noviziat würde jenen eine zweite Chance bieten, die eine schlechte Wahl getroffen haben, ohne jedoch in jene Promiskuität auszuarten, die für die Gesell­schaft eine Gefahr und für die höchsten Interessen der Rasse verhängnisvoll ist. Von welchem anderen System kann man das sagen?

Für die im Noviziat lebenden Frauen müßte man eine neue Bezeichnung erfinden, die sie nach gelöster Verbindung beibehalten würden. „Frau“ wäre nach wie vor die unterscheidende Bezeichnung für jene weiblichen Wesen, die in den endgültigen und bindenden Ehestand eingetreten sind. Ob die Frau den Zunamen des Mannes während der Probezeit annehmen sollte, wäre eine andere, durch die Majorität zu entscheidende Frage; ich wäre dafür, daß sie ihren Mädchennamen mit obbesagter Bezeichnung behielte und den Namen des Mannes nur mit dem endgültigen Titel „Frau“ annähme. Aber das sind bloße Details.

Was die wichtige Frage der Kinder anbetrifft, so würde die Nachkommen­schaft aus einer „Probeverbindung“ natürlich legitim sein, aber ich meine, daß kluge Leute darauf bedacht sein würden, keine Kinder zu bekommen, so lange die Ehe nicht endgültig geschlossen ist. Gewiß würden Kinder eher die Ausnahme als die Regel sein, und die Frage ihrer Fürsorge in den Fällen gelöster Ehen würde die durchdachteste Gesetzgebung erheischen. Den Aufenthalt des Kindes zwischen den Eltern zu teilen, ist ein nicht wünschenswertes Auskunftsmittel, das bis zu einem gewissen Grad nachteilig wirken muß, da ein ständiger Aufenthaltsort mit regelmäßigen Gewohnheiten von ungeheurer Wichtigkeit für das Wohlergehen der Kinder ist. Den Vater jedoch ganz zu berauben, ist ebenso unangebracht.

Das „eheliche Noviziat“ ist kein neues System. Es war vor der Reformation in Schottland unter dem Namen „Händeschütteln“ üblich. Die Männer und Mädchen trafen sich bei den jährlichen Jahrmärkten und erklärten einander durch die Zeremonie des „Händedrucks“ zu Gatten auf ein Jahr. Am Jahrestag dieser Zeremonie wurden sie — wenn alles gut gegangen war — durch einen Priester gesetzlich getraut. Wenn sie die Verbindung als einen Mißgriff erkannt hatten, so schieden sie.


[ Vierter Teil]

Die Kinder — die Sackgasse
aller Reformen

„Ein frühes Ergebnis teils des Geschlechtes, teils der passiven Art der ersten Urmutter ist Begründung einer neuen und schönen Gemein­schaftsform — der Häuslichkeit . . . Eine Tages erscheint in diesem Raum ohne Dach jenes Wesen, das bestimmt ist, die Lehrer der Welt zu lehren — ein kleines Kind.“ Henry Drummond.

„Jede echte Frau ist von Natur aus eine Mutter und findet am besten in der Mutter­schaft ihre soziale und sittliche Erlösung. Sie soll durchs Gebären erlöst werden.“ Grant Allen.

„Kinder sind eines Mannes Macht und sein Stolz.“ Hobbes.


[ I.] Kinder oder keine Kinder — die Frage des Tages

„Die Ehe wurzelt daher vielmehr in der Familie als die Familie in der Ehe.“ Westermarck.

Wenn wir die Kinder aus dem Spiel lassen könnten, wäre die Neugestaltung der Ehebedingungen recht einfach. Aber meine Freundin Amoret hat dieses Problem sehr richtig „die Sackgasse aller Reformen“ genannt. Jedes System, sei es Probeehe, freie Liebe, Polygamie, Polyandrie, Duogamie — jedwedes System, das die Vaterschaft des Kindes zu verschleiern oder das Kind der erprobten Vorteile eines ständigen Heims zu berauben trachtet — ist von Anbeginn aussichtslos. Das bezieht sich jedoch nur auf Ehepaare, die Kinder haben. Früher erwarteten alle jene, die heirateten, Nachkommen­schaft und waren enttäuscht, wenn diese Hoffnung nicht erfüllt wurde. Daß es möglich ist, die Zahl der Nachkommen­schaft zu beschränken oder gar die Eltern­schaft ganz zu vermeiden, wußten sie natürlich nicht. Heute ist das alles anders, und die Malthusianischen Lehren herrschen überall.

Bernard Shaw sagt: „Daß man die Ehe künstlich unfruchtbar machen kann, ist die revolutionärste Errungen­schaft des 19. Jahrhunderts.“ Gewiß ermöglicht sie die umstürzlerischen Vorschläge über die Ehe oder würde sie vielmehr durchführbar machen, wenn man die „Errungen­schaft“ allgemein in Praxis umsetzte.

So muß denn der Satz aufgestellt werden, daß da, wo Kinder sind, keinerlei Änderung unseres gegenwärtigen Ehesystems ratsam ist, und daß die Leute, die es mit neuen Ehesystemen versuchen wollen, entschiedenst die „Sackgasse aller Reformen“ vermeiden und kinderlos bleiben müssen.

Kinder oder keine Kinder — das ist heutzutage die Frage. Es gibt kaum ein Thema, über das die Ansichten mehr auseinandergehen. Manche Leute betrachten die Eltern­schaft als das schreck­lichste Unglück; andere wieder meinen, daß es nutzlos leben hieße, wenn man ohne Nachkommen­schaft sterben wollte. Ich hörte ein Mädchen einst sagen: „Ich hasse Kinder; es ist viel besser, sich ein paar liebe Hunde zu halten,“ und das war kein unwissendes oder lebensfremdes Mädchen, sondern ein gesundes, kluges, voll entwickeltes junges Weib von 26 Jahren. Und vor kurzem teilte mir ein anderes Mädchen ihre Verlobung mit und fügte gleich hinzu, daß sie durchaus nicht die Absicht habe, Kinder zu bekommen. George Moore sagt in seinem düsteren und abstoßenden Buch „Die Beichte eines jungen Mannes“: „Möge ich kinderlos sterben, damit, wenn meine Stunde kommt, ich mein Antlitz zur Mauer wenden und mir sagen kann, daß ich das große Unheil mensch­lichen Lebens nicht vermehrt habe — dann werden meine Sünden in Dunst vergehen wie eine Wolke — und wäre ich auch ein Mörder, Zuhälter, Dieb und Lügner gewesen. Aber derjenige, dessen Sterbebett Kinder umstehen — und wäre sein Leben in allem anderen ein vortreff­liches gewesen —, wird von dem wahrhaft Weisen für gottlos gehalten werden und der Makel wird ewig auf seinem Andenken haften.“ (Bei diesen Zeilen wundert man sich, warum George Moore das „große Unheil mensch­lichen Lebens“ in seiner eigenen Person weiter aufrecht erhält, wo er doch seine Existenz so leicht beenden könnte, ohne irgend jemanden zu betrüben!)

Aber ich habe viele Leute, Männer und Frauen, ledige und verheiratete, sagen hören, daß ohne Kinder die Ehe keinen Sinn hat, welcher Meinung ich von Herzen beipflichte. So manches warmblütige, lebensvolle, tapfere junge Weib vertraute mir an, daß sie — gleichviel, ob sie heiraten würde oder nicht — um jeden Preis Mutter zu werden wünsche. Es ist eine der traurigen Folgen der Scheu der Männer vor der Ehe, daß solche prächtige Frauen vorsätzlich ihre herrliche Sehnsucht nach Mutter­schaft unterdrücken müssen, — oder dafür, daß sie ihr unterliegen, einen fürchter­lichen Preis zahlen müssen, den nicht sie allein entrichten, sondern auch das in die Welt gesetzte Kind. Solche Frauen trifft man jedoch nicht oft.

Und jetzt kommen wir zu den Gründen, um deretwillen die Leute keine Kinder haben wollen.

„Wir können es nicht erschwingen“, ist die zumeist gehörte, aber verächtlich selbstsüchtige Entschuldigung. Ich sagte oben, daß jeder Mann es sich erlauben könne, zu heiraten — wenn er die rechte Frau findet.

Nun muß ich hinzufügen, daß jeder Mann, der eine Frau erhalten, auch ein Kind erhalten kann. Leute, die zu egoistisch sind, um für zwei Kinder den Unterhalt zu erübrigen (oder wenigstens für eines, wie traurig es auch für das Kleine ist, weder Bruder noch Schwester zu haben), sollten überhaupt nicht heiraten. Manche Leute sagen, daß sie auch ohne Kinder ganz glücklich sind. Sehr viele Frauen verzichten vorsätzlich auf ihre Mutter­schafts­chancen, weil sie ihre Vergnügungen unterbrechen, die Jagdsaison verderben, und ihrer Reiselust oder ihren Spielpassionen in die Quere kommen würden. Vielleicht werden sie dereinst einsehen, daß sie ihren Passionen zuliebe einen zu hohen Preis gezahlt haben. Andere können Kinder wirklich nicht leiden und wüßten nicht, was sie mit ihnen anfangen sollten, wenn sie welche hätten. Solche Leute sollten füglich keine Kinder haben; man merkt es den armen Kleinen immer an, wenn sie unwillkommen waren.

Auch „Schwächlichkeit“ führen nervöse Frauen als Entschuldigung an, die nicht im geringsten zu schwach sind, zu gebären. Bei wirklicher Kränklichkeit oder einer konstitutionellen Schwäche oder Anomalie ist diese Entschuldigung nur sehr angebracht. Eine sichtlich gesunde Frau sagte mir einmal ganz im Ernst, daß sie gerne ein Kind haben möchte, nur habe sie oft im Winter einen so bösen Husten und möchte nicht riskieren, ihn zu „vererben“. Ihre Lungen waren vollkommen gesund, und es belästigte sie nur ein zeitweiser Husten. Bei derselben Gelegenheit bemerkte eine andere anwesende Dame, daß sie auch gerne ein Kind haben möchte, nur „wäre nicht genug Platz in unserer Wohnung und sie ist so passend, wir möchten nicht gerne ausziehen“.

Meinem durch diese Bemerkungen erzeugten Gemütszustand hätte ich nur dadurch Ausdruck verleihen können, daß ich diese beiden Damen zu Boden geworfen und mit Füßen getreten hätte, und da diese Aufführung bei unserer Gastgeberin keinen Anklang gefunden hätte, so mußte ich mich damit begnügen, bloß recht grob gegen die beiden zu sein.

Ich glaube, all das wurzelt darin, daß der mütterliche Instinkt nicht so allgemein wie früher ist. Die Gründe davon nachzuweisen, bin ich nicht klug genug. Viel mag der größeren Befreiung der Frauen, der Erweiterung ihres Lebens und ihrer ehrgeizigen Bestrebungen, den neuen Beschäftigungen, den neuen Interessen zugeschrieben werden, welche die weibliche Existenz so umgewandelt haben. Die Mutter­schaft und die schmerzhaften und belästigenden Vorgänge ihrer Erfüllung wirken störend auf all das ein. Der Instinkt der Mutter­schaft ist gewiß der Majorität noch angeboren; wenn die Kleinen, oft unwillkommen, das Licht der Welt erblicken, macht sich der Instinkt in der Regel wieder geltend; aber gewiß ist es bei der heutigen Durchschnittsfrau nicht allgemein, daß er sich vor der Ehe oder der auftretenden Mutter­schaft in ihr regt, und ich bin überzeugt, daß die Zahl der Frauen, die gleich der weiblichen Biene dieses Instinktes ermangeln, jährlich wächst. Es ist mir oft vorgekommen, daß die Männer größere Liebe zu Kindern haben als die Frauen. In meinem eigenen Kreise kenne ich keinen Mann, der Kinder nicht gern hat, während ich viele Frauen kenne, die Kinder direkt nicht leiden können und viele andere, die nur die eigenen erdulden, weil sie es eben müssen. Ich habe auch beobachtet, daß ganz zärtliche Mütter alle anderen Kinder nicht ausstehen können, während Männer, wenn sie überhaupt Kinder gern haben, jedem Kind gewogen sind. Man beobachte nur einmal, wie Männer im Eisenbahnkupee ein gar nicht besonders reizendes Kind beachten, während die anwesenden Frauen ganz gleichgültig bleiben. Eine Dame, die viele Jahre eine Mädchenschule hatte, erzählte mir neulich, daß ihrer Ansicht nach das Wesen der Mädchen sich ändert und die Vorliebe für Puppen und kleine Kinder sichtlich in Abnahme begriffen ist. Kann man das verallgemeinern? Und wäre es möglich, daß die höhere Frauenbildung solche bedenkliche Kehrseiten hätte?

Zum Glück für die Ehre und die Ideale unseres Landes ist das Nachwuchs liebende Element noch in überwältigender Majorität und viele Leute, die sich aus verschiedenen Gründen gerade keine Kinder wünschen, bewillkommnen den Storch recht herzlich, wenn er sie mit seinem Besuche beehrt. Nach Jahren werden sie einem dann sagen, daß sie sich gar nicht vorstellen können, wie das Leben ohne das Getrippel kleiner Füßchen im Hause, das Geplapper der süßen Stimmchen und die zarten Kindergesichtchen gewesen wäre.

[ II.] Das Für und Wider des beschränkten Nachwuchses

„Das Kind — des Himmels Gabe.“ Tennyson.

Obgleich ich es bei legitim Verheirateten für den größtmöglichen Mißgriff halte, aus irgend welchen anderen Gründen als geistiger oder körper­licher Degeneration absichtlich kinderlos zu bleiben, bin ich andererseits entschieden gegen die Lutheranische Doktrin von der unbeschränkten Vermehrung. Die Zeiten haben sich seit Luthers Tagen geändert, und im 20. Jahrhundert sind kleine Familien — außer bei den sehr Wohlhabenden — direkt notwendig. Wo das Geld keine Rolle spielt und die Eltern durch und durch gesund sind, mag der Luxus einer zahlreichen Familie gestattet sein. Und es ist ein Luxus, mögen die Zyniker spotten, soviel sie wollen. Wir modernen Eltern mit unseren zwei oder drei Kindern oder unserem einzigen Nesthäkchen, das aus den Augen zu verlieren wir uns kaum trauen, weil es unseren einzigen Schöpfungsversuch verkörpert — wir vermissen viel von dem echten häuslichen Frohsinn, den unsere Mütter und Väter mit dreizehn bis vierzehn lustigen Buben und Mädeln gekannt haben müssen. Unsere Kinder können nicht einmal eine Partie Tennis stellen, ohne sich eins oder mehrere von einer anderen Familie auszuborgen. So manches von der Angst und Qual, die wir unserer spärlichen Nachkommen­schaft halber erleiden, war zu jenen Zeiten unbekannt, wo der Kindersegen reichlich war und die Nachkommen­schaft selbst­verständlich eine zweiziffrige Zahl erreichte.

Heutzutage sind diese Freuden der Luxus der Wohlhabenden, die sich jedoch selten dieses besondere Vorrecht der Reichen zunutze machen. Wo die Bedürfnisse des täglichen Lebens mit jedem Jahr im Preise steigen, eine ständige Panik auf dem Geldmarkt herrscht, und der Konkurrenzkampf beängstigende Formen annimmt, ist eine kleine Familie von zwei bis drei Kindern alles, was der Mann mit mittlerem Einkommen sich erlauben kann. Vier ist schon eine Ausnahmezahl, aber sie ist einige Opfer wert. Professor E. A. Roß hat kürzlich in „The American Journal of Sociology“ konstatiert, daß, obgleich „die Beschränkung des Nachwuchses die Ausbreitung wirtschaft­lichen Wohlstandes zur Folge hat, die Kindersterb­lichkeit herabsetzt, die Übervölkerung verhindert, welche die Hauptursache von Krieg, Massenarmut, dem Konkurrenzkampf bis aufs Messer und dem Klassenstreite ist, ihr dennoch beunruhigende Wirkungen anhaften, und in Ein- oder Zweikinder­familien den Eltern sowie den Kindern viele der besten Lehren des Lebens abgehen; der zum Vorbild zu erhebende Typus ist nicht die Familie mit ein bis drei, sondern mit vier bis sechs Kindern.“ Auch der deutsche Gelehrte Möbius hat der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die allgemeine Einführung des Zweikindersystems zur Degeneration der Rasse führen würde.

Ob aber die Kinderzahl eins oder sechs ist, das ist dem Jesuitenpater Bernard Vaughan ganz gleich, der in seinem heftigen Angriff auf die modernen Eltern keinen Unterschied kennt zwischen dem reichen Mann, der nur ein Kind, und dem schwer arbeitenden Gewerbsmann, der mehrere hat. Den Familiennachwuchs überhaupt zu beschränken ist in seinen Augen eine abscheuliche und verwerfliche Sünde, „ein gemeiner Kniff“, und die Leute, die es tun, sind „Verräter an der hochwichtigen Formel im geheiligten Ehevertrag, zu dem sie Gott als Zeugen anriefen und den sie zu halten versprachen.“ Das letztere ist kaum logisch — niemand von uns ist verantwortlich für den Wortlaut des Ehezeremoniells, und wir können ja nicht das Hersagen der barbarischen Formel mit der Erklärung unterbrechen, daß unserem Wunsche nach Vermehrung Grenzen gesteckt sind.

Der Pater Vaughan sagt auch, daß diese Abneigung gegen die Fortpflanzung „das Erlöschen der christ­lichen Sittlichkeit“ bedeutet und „Trotz gegen Gott“ darstellt. Es ist mir nicht klar, warum ein ehrsames Paar aus dem Mittelstande, das zu dem Schluß gekommen ist, bei einem Einkommen von — sagen wir — 300 Pfund im Jahre drei Kinder für angezeigter zu halten als zwölf oder vierzehn, wegen dieses Beweises von Klugheit und Selbst­beherrschung des „Trotzes gegen Gott“ geziehen werden sollte. Herrscht die Vorstellung, daß die Kinder uns nur geschenkt werden, wenn der Allmächtige sie uns zu schenken wünscht und ist es deshalb gottlos, die Zahl zu regeln? Geradesogut könnte man ein junges Mädchen, das einige Heiratsanträge ausschlägt, beschuldigen, „Gott zu trotzen“, da ER sie offenbar zu verheiraten wünscht. Körperkrankheiten und Unfälle kommen mutmaßlich von derselben göttlichen Instanz, und doch hält es niemand für eine Sünde, gegen dieselben durch Mittel zu kämpfen, die die Wissen­schaft für solche Zwecke in Bereit­schaft hält. Warum macht man uns mit den Mitteln zur Beschränkung des Nachwuchses bekannt, wenn wir sie bei bedroh­licher Übervölkerung nicht anwenden sollen? Die Lehre vom „Freien Willen“ wird geradezu zur Posse, wenn der Pater Vaughan recht hat. Wenn er seine Bemerkungen auf jene beschränken würde, die vorsätzlich gar keine Kinder haben wollen, dann hätte er viele Anhänger gefunden, aber er wird durch die Übertriebenheit seiner Anklagen unserer Sympathie verlustig. Sogar das Bestreben, die Geburten nicht zu rasch aufeinanderfolgen zu lassen, was für die Gesundheit der Mutter von solcher Wichtigkeit ist, brandmarkt er als unmoralisch. Er scheint es angemessen zu finden, wenn eine Frau ungefähr alle elf Monate ein Kleines bekommt, ungeachtet des beschränkten Einkommens des Mannes, bis sie ein kränkelndes, gebrochenes Wesen wird oder infolge der zu vielen Geburten stirbt und eine mutterlose Kinderschar zurückläßt. Seine Bemerkungen richten sich natürlich hauptsächlich an die „vornehme Welt“, aber da der Pater Vaughan Mittellosigkeit nicht als Entschuldigung für eine „vorsätzliche Regulierung des Nachwuchses“ gelten läßt, muß seine Kritik auf alle Gesell­schafts­klassen bezogen werden. Man wäre versucht, mit einer Person aus „The Merry-Go-Round“ auszurufen: „In dieser Welt sind’s die Braven, die alles Unglück anrichten!“

Im Jahre 1872 erschien, noch bevor die Geburtsziffer merklich zu sinken begann, ein Artikel von Montagu Crackenthorpe in der „Fortnightly Review“, der behauptete, daß kleine Familien eher ein Zeichen des Fortschrittes als des Rückschrittes seien. Dieser Artikel erschien kürzlich in einem Buche „Bevölkerung und Fortschritt“ wieder. Über dieses Thema gibt es eine Menge anderer Bücher, und auf sie muß ich jene meiner Leser verweisen, die ausgebreitetere Kenntnisse über diesen höchst wichtigen Gegenstand zu erwerben wünschen. Der Raum hier gestattet mir leider keine erschöpfende Behandlung desselben. Die Sache wird von den meisten von einem engen, persön­lichen Standpunkt aus betrachtet; denn man kann unmöglich von Leuten, die im Daseinskampfe stecken, erwarten, daß sie „imperalistisch“ denken und die Bedürfnisse des „Imperiums“ über die Beschränkungen ihres Einkommens setzen. Vom volkswirt­schaft­lichen Standpunkt aus wurde die Frage von dem Meister der Nationalökonomie, Sidney Webb, in einer Broschüre unter dem Titel „Das Sinken der Geburtsziffer“ (im Verlage der Fabian Society) erschöpfend behandelt.

Ich wollte, ich könnte die Leute davon überzeugen, was für ein Unrecht es ist, nur ein Kind zu haben. Der Verlust für die Eltern ist schwer und für das Kind unberechenbar. Alle Eltern, die in dieser Lage waren, kennen die Nachteile bei der ersten Erziehung, „wenn niemand da ist, mit dem man spielen kann“ und niemand, der das Spiel wieder aufgibt und das Kind sich selbst überläßt, — vielleicht die wichtigsten Lehren, die das Leben uns erteilt. Zwei oder mehrere Kinder, die zusammen aufwachsen, sind noch einmal so leicht zu lenken und zu unterrichten als eines allein und in jeder Hinsicht unvergleichlich glücklicher. Später füllen Schulkameraden bis zu einem gewissen Grade die Lücke aus, aber das einzige Kind ist ebenso wie seine Eltern noch immer zu bedauern. Alle Hoffnungen der Eltern konzentrieren sich auf das eine Kind, und da die Umstände fast unausweichlich dazu beitragen, es zu verderben, werden ihre Hoffnungen mehr oder weniger getäuscht. Zu spät sehen dann die Eltern ein, daß sie einen Fehler begangen haben.

Ich war vor kurzem in einer Kindergesell­schaft, wo solche „einzige Hoffnungen“ in der Majorität waren. Ein herziges kleines Familientrio, aus einem Knaben und zwei winzigen Mädchen bestehend, wurde viel bewundert, und die Mutter geradezu beneidet. Mehrere der anwesenden Mütter meinten, sie hätten sich oft für John oder Tommy ein Brüderchen oder Schwesterchen gewünscht; da wenige der betreffenden Kinder älter als fünf Jahre waren, schien die Schwierigkeit nicht unüberwindlich zu sein. Aber es herrschte nur eine Meinung unter den Damen: daß es zu spät sei, „wieder mit der Kleinkinderstube zu beginnen“. „Es täte nur gut, wenn beide zusammen aufwachsen könnten; fünf Jahre sei ein zu großer Altersunterschied“ und so weiter. Gewiß werden sie dereinst ihre Zaghaftigkeit bitter bereuen, wie es bei vielen Frauen aus meiner persön­lichen Bekannt­schaft der Fall war. — John oder Tommy können ihnen genommen werden, oder, was schlimmer ist, sie können lieblos und ungehorsam werden, und in jener traurigen Zeit werden sie kein anderes Kind als tröstenden Ersatz haben.

Wenn die seichten Verfasser jener endlosen Zeitungsartikel über die Degeneration der modernen Frauen ihre Sache wirklich gut machen wollen, dann sollten sie ihre törichten Klagen aufgeben über die Unfähigkeit der Frauen, das Spinnrad zu drehen oder Früchte einzulegen oder zu anderen, durch den maschinellen Fortschritt unnötig gewordenen Leistungen. Statt dessen sollten sie ihre auf den Beweis der Degeneration zielende Aufmerksamkeit lieber auf die seltsame Hilflosigkeit lenken, die den Frauen des Mittelstandes bei Aufziehung ihrer Kinder eigen ist, und auf ihr Grauen vor Komplikationen in der Kleinkinderstube. Ich kenne so manche Frau, deren finanzielle Begabung und organisatorische Fähigkeit ans Geniale grenzt, die gewiß nicht in Verlegenheit wäre, mit einem Einbrecher zu verhandeln, jedoch unter keiner Bedingung den Schrecken einer längeren Eisenbahnfahrt mit ihrem zwei Jahre alten Kinde trotzen würde, während die Tatsache, das Kleine einmal während der Abwesenheit der Kinderfrau nachts übernehmen zu müssen, ein nerven­erschütterndes Experiment bedeutet, das zumindest einen Tag vollständiger Bettruhe nötig macht.

„Mit der Kleinkinderstube und ihrem vielverzweigten Apparat wieder zu beginnen“, wenn das „Einzige“ über das Zahnen hinaus ist, gehen, allein essen kann und umgänglich ist, das ist eine Sache, vor der die modernen Mütter zu verzagen scheinen. Um dem abzuhelfen, sollte man die Zahl der kleinen Stubenbewohner vermehren, ehe Nr. 1 der Kinderstube entwachsen ist, so daß dieselbe um viele Jahre länger belebt ist, als es heutzutage modern, jedoch durchaus nicht eine unbegrenzte Zeit lang, wie es der Pater Vaughan und andere im Zölibat lebende, der Kleinkinderstube und ihrer Forderungen total unkundige Priester lehren!

[ III.] Die Elternschaft — die höchste Bestimmung

„O seliger Gatte! Seliges Weib!

Der köstlichste Segen, den der Himmel gewährt,

Das lieblichste Kleinod aus des Lenzes Kranz,

Wird eurem Lebenspfad beschert!“

Gerald Massey.

Man wird mir vielleicht vorwerfen, daß ich das Ehethema zu oberflächlich behandle. Die meisten Abhandlungen, die ich gelesen habe, haben in entgegengesetzter Richtung gefehlt und den Gegenstand von einem ermüdend transzendentalen Gesichtspunkt aus erörtert. Ich habe absichtlich versucht, über Wirklichkeiten, Tatsachen, über die Ehe, wie sie in der alltäg­lichen Welt wirklich ist — das heißt, wie sie mir wirklich erscheint — zu sprechen, und nicht, wie sie in einer erhabenen idealen Welt edler Seelen sein mag.

Der Ehe — wie sie von der großen Majorität durchgeführt wird — scheint meiner Ansicht nach wirklich nicht viel Heiliges innezuwohnen. Was ist an zwei mensch­lichen Wesen Heiliges, die sich aus rein sozialen oder häuslichen Rücksichten, welche oft von stark kommerziellen Beweggründen durchsetzt sind, dahin einigen, zu eigenem Behagen miteinander zu leben? Gewiß liegt in jeder Liebe eine gewisse Heiligkeit, aber unter den verschiedenen Spielarten mensch­licher Liebe scheint die Geschlechtsliebe am wenigsten Heiligkeit an sich zu haben. Die Familienliebe, bei der die Bande des Blutes bestehen, die Liebe zwischen Freunden — die reinste von allen Neigungen — sind oft im Kerne heiliger als die sogenannte „heilige Gattenliebe.“

Die Ehe, die bloße soziale und physische Verbindung von Mann und Weib, abgesehen von der Eltern­schaft, ist einfach eine Gemein­schaft — aus der, ich gebe es zu, eine ungeheure Steigerung an Glücksmög­lichkeiten für die beiden Teilhaber ersteht — im großen und ganzen ein ausgezeichneter Kontrakt, aber alles in allem ein bloß weltlicher Kontrakt. Aber wenn die Kinder kommen, wenn das göttliche und herrliche Wunder vollbracht ist, dann ist die Ehe wohl auf einen ganz anderen Grund gestellt, und ich streife gerne die Schuhe von den Füßen, wenn ich ihren Bereich betrete, denn es ist heilig.

Bei der Geburt eines Kindes erhält die Ehe, der es entsprossen, eine unsterbliche Bedeutung. Die Verbindung, die früher nur für die beiden Beteiligten von Wichtigkeit war, ist jetzt von Bedeutung für den Staat und die Nachwelt, und daher fällt den Eltern eine wirklich schreckliche Verantwortung zu. Von dem Physischen, dem Charakter, der Intelligenz jedes Kindes kann das Schicksal zukünftiger Generationen abhängen. Wenn wir unser Kind nicht ordentlich ernähren, kann es rhachitisch werden, und eine künftige Generation kann durch unsere Sorglosigkeit verkrüppelt sein. Wenn wir ihm die Pflicht der Selbst­beherrschung nicht gründlich einprägen, kann es ein Trunkenbold oder ein Wüstling werden, und der Fluch von tausend daraus entstehenden Übeln kann auf unseren Enkeln lasten. „Vor der Verantwortung, das Dasein einer Rasse mit all ihren unermeß­lichen Möglichkeiten an Sünden und Leiden fortzupflanzen, mögen wohl die Kühnsten zurückweichen. Aber das einzige tatsächliche Mittel, das Los der Menschen zu verbessern, ist, eine neue Generation von besserer Beschaffenheit aufzuziehen. Denn die Umgehung der Eltern­schaft zu erwägen, hieße die Zukunft der Brut unüberlegten Sinnenfrönens überlassen. Auf dem großen Schlachtfeld der Welt gibt es keine höhere Pflicht, als die Reihen derer, die für das Licht kämpfen, wohl besetzt zu erhalten. Nicht zum Feiern sind unsere Nachkommen berufen, nein, zu einem langen, schweren Kampf, der mit dem unvermeid­lichen Tod endet.“ (W. T. Stead, Review of Reviews, January 1908.)

Es ist sehr richtig behauptet worden, daß die Kinder der Wohlstand der Nationen sind: wenn wir unsere Eltern­schaft wirklich sehr ernst nehmen würden — viel, viel ernster als es jetzt der Fall ist —, dann würde sie gewiß den stärksten Schutz gegen den sittlichen und physischen Verfall bieten, von dem wir so oft hören. Ich möchte die Eltern­schaft zur Würde eines hohen geistigen Ideals erhoben sehen. Nicht, daß ich der übertriebenen Verhimmlung der bloßen Fortpflanzung das Wort rede, obgleich es eine köstliche Sache ist, schöne und gesunde Kinder in die Welt zu setzen, eine Sache, auf die Männer und Frauen sehr stolz sein sollten, aber: „eine unsterbliche Seele ins Leben zu rufen — was kann sich damit vergleichen?“ Den neugeborenen Geist der Sonne entgegenwachsen zu lassen, die edleren Möglichkeiten des vielfältigen mensch­lichen Organismus durch stetes Bemühen zur Entwicklung zu bringen und aus ihm „einen aufrechten, himmelstürmenden Redner“ zu machen —, welch besseres Lebenswerk kann ein Mann oder eine Frau zu vollenden hoffen, welch größeres Denkmal hinterlassen?

Würde die Eltern­schaft ein hohes Ideal werden, dann würde nach einiger Zeit die öffentliche Meinung — jene mächtige Waffe — so stark werden, daß eine unwürdige Eltern­schaft von allen anständigen Leuten mißliebig aufgenommen würde. Die Untaug­lichen dürften es nicht wagen, das Verbrechen der Fortpflanzung ihrer Gattung zu begehen und der dieser Sünde gegen die Gemein­schaft anhaftende Makel würde vielleicht sogar dem Makel gleichkommen, der heutzutage dem schreck­lichen Verbrechen des Falschspiels anhaftet! — Erfüllt von dem Ideal edler Eltern­schaft, würden die jungen Mädchen bei ihren Bewerbern auf das väterliche Gemüt sehen, die Männer würden bei den Mädchen, die sie freien, die schönen, mütter­lichen Eigenschaften suchen, und die materiellen Erwägungen, die jetzt beide Teile so sehr beeinflussen, würden immer weniger ausschlaggebend sein. Hundertfach würde das Eheband befestigt werden. Die Untreue wäre seltener, denn die Gatten, die mit Kindern gesegnet sind, würden fühlen, daß ihrer Verbindung die Weihe verliehen wurde und sie wahrhaft unlöslich geworden ist. Vater und Mutter, die sich zum erstenmal über dem kleinen Körper ihres ersten Kindes küssen, könnten diesen unbeschreib­lichen Augenblick nie vergessen. Der Mann und die Frau, denen ein Kindlein zusammengehörte, die es sprechen und spielen gelehrt und seine ersten strauchelnden Schritte gelenkt haben, könnten nie leichthin die Schwüre außer acht lassen, die sie aneinander banden. Die sanften kleinen Kinderhände sind dazu geschaffen worden, die Herzen von Mann und Frau aneinander zu schmieden, und sie erfüllen wunderbar ihre Sendung!

„Erst wenn wir Väter und Mütter werden, vollbringen wir all das, was unsere Väter und Mütter für uns getan haben“ — und welche Offenbarung ist es! Welch neuer Himmel, welch neue Erde werden uns durch den Zauber erschlossen, den die Gegenwart eines kleinen Kindes in unserem Hause ausübt — des kleinen Körpers, der geheimnisvoll nach unserem Ebenbilde geschaffen, der kleinen Seele, die unserer Fürsorge anheimgegeben wurde!

Wärs nicht der Kinder wegen, die Ehe wäre wirklich ein allgemeiner Mißgriff. In ihrem Interesse ist sie geschaffen worden, und sie nur machen sie möglich. Kinder machen eine glückliche Ehe vollkommen und eine gleichgültige glücklich. Sehr oft gestalten sie eine recht verfahrene Ehe zu einer wenigstens erträg­lichen Gemein­schaft. Wenn eine kinderlose Ehe glücklich ist, — wirklich glücklich, dann ists gewöhnlich, weil Mann und Frau einander besonders zugetan oder Leute von ungewöhn­lichem Charakter sind.

Man kennt seltene Beispiele, wo die Gatten sich eben deshalb fester und liebevoller aneinander­schlossen, weil sie keinen anderen Gegenstand hatten, auf den sich ihre Neigung erstrecken konnte. Die Frau, die weniger Sorgen hat und die die Geliebte nicht in der Mutter aufgehen lassen muß, bleibt in den Augen des Mannes jugend­licher, als es sonst möglich wäre, während sie an den Mann ebenso ihre mütterliche als ihre weibliche Hingabe, verschwendet und er ihr Gatte und Kind zugleich ist. In einer solchen Ehe kann man etwas Heiliges sehen, obzwar sie keine Kinder hervorgebracht hat; ein solches Paar scheint die Kleinen, die nie kommen, nicht zu vermissen. Dasselbe findet sich manchmal bei Künstlern, deren ganze Interessen und schöpferische Energien in ihrem Werke aufgehen.

Von ganzem Herzen verachte ich jene verheirateten Leute, die, in vollem Besitz von Gesundheit und Kraft, vorsätzlich kinderlos bleiben. Von ganzem Herzen bedauere ich die Ledigen und Jene, denen Kinder versagt sind. Jedoch haben sie Entschädigungen; wenn ihnen die Wonne entgeht, so bleiben ihnen auch die endlosen Sorgen, die zahllosen Kümmernisse, die ständige Selbstaufopferung, die oft bitteren Enttäuschungen erspart. Die Kinder machen einem gar manche andere Schmerzen als die der Geburt. Tennyson sagt: „Das traurigste Wesen auf der Welt ist jene Mutter, die ein Kind hat und es vom Pfade abirren sieht!“ Und doch sind durch geheimnisvolles Naturwalten die Saiten des Mutterherzens oft für die Kinder, die irren, am zärtlichsten gestimmt. Zu den schönsten Versen, die je geschrieben wurden, gehören meiner Ansicht nach jene in Stephen Philips „Marpessa“: als die junge Marpessa den Gott ihres geringen sterblichen Liebhabers halber verschmäht, sagt sie von diesem:

„Und er wird warmfühlende Kinder mir schenken,

Keinen strahlenden Gott, der die irdische Mutter verachtet,

Nein, Wesen mit zappelnden Gliedern und kleinen Herzen, die irren!“

Aber die „zappelnden Glieder“ werden bald so groß, daß man sie nicht wieder erkennt; die kleinen Herzen werden klug und weltlich und irren auf weniger erwünschte Weise — unsere warmfühlenden Kinder entwachsen uns heutzutage schnell. Das ist die wahre Tragödie der Mutter­schaft — daß die Kinder ihr entwachsen.


[ Fünfter Teil]

Wie man, obgleich verheiratet,
glücklich werden kann

„Um glücklich miteinander zu leben, sollten sie mit den Feinheiten des Seelenlebens vertraut und mit der Fähigkeit geboren sein, nachzugeben und sich auszugleichen.“

„Die Güte in der Ehe ist ein verwickelteres Problem als die bloße Tugend, denn es sollen in der Ehe ja zwei Ideale verwirklicht werden.“

R. L. Stevenson.


[ I.] Einige Reformvorschläge

Im Laufe der letzten 25 Jahre sind die ärgsten Ungerechtigkeiten unseres Ehegesetzes richtig gestellt worden, und im Vergleich zu ihnen erscheinen die noch bleibenden Übelstände verhältnismäßig gering. Es ist in der heutigen Zeit der fortgeschrittenen Frauen kaum zu glauben, daß sich vor einigen Jahren ein Mann noch das Besitztum des Weibes aneignen und es nach Belieben ausgeben konnte oder, was noch ungeheuer­licher ist, einen Fremden als einzigen Vormund seiner Kinder nach seinem Tode bestellen durfte, ohne auf die natürlichen Rechte der Mutter auch nur zu achten.

Die schwerste noch bestehende Ungerechtigkeit ist, daß die Erleichterung durch die Scheidung den Männern zugäng­licher ist als den Frauen. Dieses Gesetz wurde von den Männern zu ihren eigenen Gunsten abgefaßt, aber seine Existenz ist ein Schandfleck auf der Ehre der englischen Justiz und der englischen Sittlichkeit, ebenso wie der Umstand, daß die Untreue eines Gatten so leicht genommen wird. Wir wollen hoffen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo die Scheidungs­bedingungen für beide Parteien genau dieselben sein werden.

Es wird heutzutage fast allgemein die Ansicht gehegt, daß die Lösung der Ehe nur erreicht werden soll, wenn einer der beiden Teile ein ausgesprochener Trunkenbold, mondsüchtig oder ein zu langer Kerkerstrafe Verurteilter ist. Wie erniedrigend ist es für die besten Instinkte unseres Geschlechtes, daß die Frau eine Ungültig­keits­erklärung der Ehe dadurch erhalten kann, daß sie eine gewisse physische Unfähigkeit des Mannes beweist, die in keiner Weise ihr Glück, ihre Gesundheit oder ihre Selbstachtung beeinträchtigt, aber auch nicht einmal die teilweise Erleichterung der Trennung erreichen kann, wenn ihr Mann ein Trunkenbold, ein Ehebrecher oder ein Verbrecher ist, solange sie nicht noch dazu seine Grausamkeit oder sein böswilliges Verlassen beweisen kann! Es ist ferner eine Ungerechtigkeit, daß die Scheidung so kostspielig ist, daß nur reiche Leute oder die ganz armen (durch Beibringung eines Armutszeugnisses) sich sie gestatten können.

Vielleicht die nötigste aller Reformen ist, daß die Ehe der geistig und physisch Ungeeigneten gesetzlich verhindert werde, oder vielmehr, daß sie verhindert werden, Kinder zu haben, was ja die Hauptsache ist. Es wäre ganz gut durchführbar, die Kinderlosigkeit der Ungeeigneten zu sichern, obgleich ein Gesetz hierüber die taktvollste Handhabung erfordern würde, und man sich kaum ein Parlament von Männern denken kann, das es mit irgendeinem Erfolg durcharbeiten könnte. Vielleicht wird das Gesetz dann durchgehen, wenn wir die „ideale Regierung“ haben, in der beide Geschlechter und alle Klassen vertreten sein werden. Ein von einem in Staatsdiensten stehenden Arzt unterzeichnetes Zertifikat sollte jedenfalls obligatorisch sein, bevor eine Heirat bestätigt wird. Wenn der Krebs, die Tuberkulose, der Wahnsinn und alle mit dem Alkoholismus und dem ausschweifenden Leben verbundenen Übel jede Familie im Land infiziert haben werden, dann werden unsere weitsichtigen Gesetzgeber die Notwendigkeit einer derartigen Einschränkung einzusehen beginnen. Gegenwärtig wird die Freiheit des Individuums als ein für die Rasse zu schwer wiegender Wert bewahrt.

Eine andere äußerst nötige Reform ist, daß die unehelich geborenen Kinder durch die nachträgliche Heirat der Eltern, so wie in vielen anderen Ländern, legitimiert werden sollen. Das würde niemandem schaden, könnte auch nicht das Laster ermutigen und würde sehr viel bitteres Unrecht gut machen. Die gegenwärtige Regelung ist äußerst unvernünftig.

England ist beinahe das einzige europäische Land, wo es nicht angestrebt wird, den Töchtern eine Mitgift zu geben, außer in den wohlhabenden Klassen. Ganz bemittelte Engländer halten es für unnötig, ihren Töchtern zu Lebzeiten irgend etwas zu geben, obgleich sie geneigt sind, sich ernste Einschränkungen aufzuerlegen, um ihre Söhne im Leben gut zu stellen. Die englischen Väter geben alles ihren Söhnen, in vielen Ländern des Kontinents kommen die Töchter dem Rechte nach zuerst und in allen Klassen, den reichen und den armen, trachten die Eltern auf irgendeine Weise für eine Mitgift zu sorgen, indem sie vom Tage der Geburt des Kindes an zu sparen beginnen.

Ich bin überzeugt, daß ein ungeheuerer Anstoß zur Ehe gegeben würde, wenn die Mitgift für die Töchter in England üblich würde und viele Mißhelligkeiten zwischen Mann und Frau könnten vermieden werden, wenn die Frau eigene, wenn auch noch so geringe Mittel hätte. Es ist gewiß äußerst demütigend und unangenehm für eine bessere Frau, von ihrem Mann wegen jeder Omnibusfahrt und jedes Päckchens Haarnadeln abzuhängen.

Die Engländer sind jedoch darnach, sich mit ihren Fehlern zu brüsten und überdies so heillos sentimental, daß sie sich’s als Ehre anrechnen, in dieser Hinsicht eine Ausnahme von allen Ländern zu bilden, und noch damit prahlen, daß bei ihnen die Ehen nur aus Liebe geschlossen werden. Demselben unsinnigen und unfürsorg­lichen Geist entspringt die übliche Abneigung, den Töchtern etwas zu vermachen. Nur bei einem sehr reichen Mann erwartet man das, während es doch nur gerecht ist, daß jeder Mann seiner Frau etwas vermacht, wenn auch nur die Einrichtung oder die Versicherungs­police.

Ein Kapitel über die Ehereformen wäre nicht vollständig ohne Hinweis auf unsere barbarische kirchliche Ehezeremonie. Nützt es noch etwas, darüber Klage zu führen? Seit ich lesen kann, lese ich Angriffe darauf. Es ist klar, daß niemand ein Wort zu ihrer Verteidigung hat, nicht einmal die Priester, und doch bleibt sie genau so, wie sie zu Zeiten James I. vorgeschrieben wurde. Wenn je eine von den Männern verfaßte religiöse Formel einer Revision bedurfte, um mit den Gedanken der Zeit gleichen Schritt zu halten, so ist es diese. Wie kann die Kirche erwarten, daß wir die Ehe als ein Sakrament betrachten, wenn ihre Bedingungen in so roher Sprache und von einem so falschen Gesichtspunkte aus bezeichnet werden. Ist es nicht falsch, jene Personen zu verherr­lichen, die die „Gabe der Enthaltsamkeit“ haben, eine „Gabe“, die bald zum Aussterben des Menschen­geschlechtes führen würde, wenn sie der Majorität eigen wäre? Diese spezielle Formel ist für eine reine, unschuldige Braut eine schmähliche Beleidigung und ganz unnütz. Wenn schon keine andere Verbesserung angebracht wird, so könnte diese einleitende Erklärung der „Gründe für die Einrichtung der Ehe“ wohl ausgelassen werden, wenn auch nur der Tatsache halber, daß der Hauptzweck der Ehe, nämlich „gegenseitig Hilfe und Trost zu sein“ in ihr an letzter Stelle erscheint. Die Kirche Englands kann von den Quäkern oder der „Neu-Jerusalemer Kirche“, einer auf den Schriften des großen Mystikers Emanuel Svedenborg gegründeten religiösen Gemein­schaft, lernen. Bei dem „Freund­schaftsbund“ ist das Verfahren äußerst einfach. Nachdem eine Zeit in stillem Gebet verbracht wird, erheben sich die Parteien und sagen einer nach dem andern feierlich, indem sie sich bei der Hand halten: „Freunde, ich nehme diese meine Freundin A. B. zum Weibe und verspreche, mit göttlichem Beistand ihr ein liebender und treuer Gatte zu sein, bis es dem Herrn gefallen wird, uns durch den Tod zu trennen.“ Die Formel der „neuen Kirche“ ist länger, aber ebenso schön und einwandfrei.

[ II.] Einige praktische Winke für Ehemänner und -frauen

„Man braucht in der Ehe nicht eine Menge schöner Gefühle, sie nützen nichts.“ W. Sommerset-Maugham.

Der beste Rat, den man einem Paare auf den „langen, geraden und staubigen Weg“ der Ehe mitgeben kann, ist: „Gesegnet sind die, die wenig erwarten.“ Der zweitbeste ist: „Trachtet euer Ideal zu verwirk­lichen, aber nehmt die Niederlage philosophisch hin“. Es ist schwer, mit jemandem zu leben, der eine ideale Vorstellung von uns hat; es ruft in uns den ruchlosen Wunsch wach, so schlecht als möglich zu sein. Miranda sagt mir oft: „Die Ursache, warum Lysander und ich so vollkommen glücklich sind, ist, weil wir uns nie etwas daraus machen, einander unsere schlechtesten Seiten zu zeigen, und auch nie die Notwendigkeit fühlen, uns besser zu machen, als wir sind.“ Merkt euch das, Braut und Bräutigam! Bedenkt, daß ein Piedestal ein sehr ungemüt­licher Aufenthaltsort ist, und weiset eurem Lebensgefährten diesen unbequemen, erhöhten Platz nicht an. Es sind mehr Ehen daran gescheitert, daß man zuviel voneinander erwartet hat, als durch irgend welche Laster oder Verirrungen.

Andererseits muß ich auf die Gefahr hin, trivial zu erscheinen, wiederholen, daß das Wichtigste in der Ehe die gegenseitige Achtung ist. Sie geht über Liebe, Verträg­lichkeit, ja sogar über den unschätzbaren Sinn für Humor. Die Achtung wird das schwankende Gebäude der Ehe zusammenhalten, wenn die Leiden­schaft erloschen und selbst wenn die Liebe dahin ist. Die Achtung wird sogar die „entsetzliche Intimität“ erträglich machen und über die bedenk­lichsten Unannehm­lichkeiten ohne „Quetschungen der Seele“ hinwegheben, was immer das Herz auch für Verwundungen davontragen mag. Darum, Bräutigam und Braut, erhaltet die gegenseitige Achtung um jeden Preis, und, Männer und Frauen, heiratet nie jemanden, den ihr nicht wirklich achtet, wenn ihr ihn auch noch so leiden­schaftlich liebt. Ich glaube, man kann in einer Ehe ohne Liebe recht glücklich sein, wenn die Glut und Vernarrtheit der ersten Jugend vorüber ist, aber ohne Achtung kann man nie etwas anderes als unglücklich werden.

„Es ist immer einer, der liebt, und einer, der geliebt wird.“ Wenn ihr findet, daß ihr der eine seid, der liebt, dann merkt es wohl: es ist der bessere Teil, besonders für die Frauen. Ermüdet euren Gefährten nicht mit fortwährenden Ansprüchen, Szenen, Vorwürfen, Tränen, Bitten, es wird euch nichts nützen, und das geliebte Wesen euch nur entfremden, und da wir gerade bei den Tränen sind, so laßt mich alle Frauen dringendst davor warnen, dieser natürlichen weiblichen Schwäche zu frönen. Die vernünftigen, nüchternen, überaus kräftigen modernen Mädchen machen sich gewöhnlich darüber lustig; aber in der Ehe kommen Anlässe zum Weinen, von denen diese selbstsicheren jungen Mädchen keine Ahnung haben. Aber die alte Vorstellung, daß Tränen beim Manne den Sieg davontragen und so oft dazu dienen, das härtere männliche Herz zu besänftigen, ist ganz erloschen. Und wenn die Frauen es nur einsehen wollten: die Tränen erzeugen ein Gift, das auf die Liebe verhängnisvoll irritierend wirkt und sie oft tötet. Nur im Anfang, wenn der Mann noch ganz jung und auf der Höhe seiner Glut ist, mögen die Tränen ihn beeinflussen, aber nicht für lange, und sehr selten nach der Verheiratung. Dennoch erreichen sie oft ihren Zweck, da ausnehmend zartbesaitete Männer oft die Tränen so fürchten, daß sie sofort nachgeben, wenn dieses Warnungssignal auf der Bildfläche erscheint. Aber ihre Gereiztheit ist deshalb nicht geringer, und oft können sie die Frau schließlich nicht leiden, die auf ihre Sanftmut gebaut und daraus einen in den Augen des Mannes ungerechten Vorteil gezogen hat. Die Frau, die fortwährend weint, wenn etwas schief geht, flößt niemandem Achtung oder Sympathie ein und treibt ihren Mann dazu, die Gesell­schaft anderer Frauen aufzusuchen. Die Männer können es nicht leiden, wenn daheim andere Gesichter als ihr eigenes traurig sind. Wenn sie sehr unglücklich sind, fühlen sie sich berechtigt, sich gehen zu lassen; aber ihre Frauen dürfen das nicht, und wenn sie es tun, darf es gewiß nicht die Form von Tränen annehmen. Der glänzende anonyme Verfasser von „Die Wahrheit über den Mann“ schärft den Frauen ein, stets eingedenk zu sein, daß man „den Männern nie widersprechen, nie ihnen Vorwürfe machen und sie nie kritisieren darf“. Hierzu möchte ich nachdrück­lichst sagen, daß man ihnen auch nie aus irgendeinem Grunde etwas vorweinen soll.

Ist es nötig, für die Aufrechterhaltung der vollkommensten Höflichkeit zwischen Mann und Frau zu plädieren? Im Anfang wohl nicht, aber mit der Zeit wird es notwendig werden. Es kann sogar die Zeit kommen, wo Perseus seine Stimme erhebt und seine Unzufriedenheit mit Persephone hinausposaunt. Ein gewisser Typus von Männern wettert bei Verdruß natürlich nicht seinen Freunden oder Kunden gegenüber, sondern bloß in Anwesenheit seiner Angestellten, seiner Diener­schaft, seiner Frau und der Leute, die sich vor ihm fürchten. Das war eine häßliche Gewohnheit unserer Großväter, und moderne Frauen sind kaum sanft genug, sie lange ruhig hinzunehmen. Sollte sich jedoch Perseus durch eine wunderlich atavistische Laune je in dieser Hinsicht so weit vergessen, dann wird Persephone die biblisch sanfte Antwort wirksamer finden als den lautesten Stimmenwiderhall. Wenn man mit äußerst sanfter Stimme spricht, wird man die Schreier beiderlei Geschlechts immer beschämend zum Schweigen bringen.

Die Höflichkeit zwischen Mann und Frau ist nötiger als in irgendwelchen anderen Beziehungen zwischen den Menschen. Sehr viel Bitterkeit könnte erspart bleiben, wenn man sich stets daran erinnern wollte. Nichts ist peinlicher, als ein Ehepaar miteinander grob verkehren zu sehen, und die Gebote der Höflichkeit würden all jenen Bemerkungen vorbeugen, die in die Kategorie der „besser nicht gesagten“ gehören. Besonders die Frauen haben manchmal die sehr tadelnswerte Gewohnheit, ihrem Manne Wahrheiten aus dem häuslichen Leben an den Kopf zu werfen, wenn ihnen der Kamm schwillt, und die meisten Männer sind unter ihrem Schild vornehmer Gleichgültigkeit empfindsam genug, um das sehr übel zu nehmen und an solche stichelnde Worte noch viele Jahre lang zu denken. Die Tatsache, daß diese Worte gewöhnlich äußerst zutreffend sind, macht sie nicht weniger tadelnswert; manche Frauen, die ihren Männern wirklich sehr ergeben sind, setzen sie dennoch zu Hause und vor den Leuten fortwährend herab, und obwohl ein Mann es selten zugeben wird, ärgert ihn das mehr, als so manche des Männerherzens Unkundige für möglich halten. Es ist nämlich Tatsache, daß die Männer Bewunderung und Lob ebenso gerne haben wie die Frauen, obzwar es ein Teil ihres seltsamen Kodex ist, diese Tatsache zu verbergen. Sie nehmen einen Verweis genau so übel wie die Frauen; und warum sollten sie es auch nicht?

Da wir gerade dabei sind, so möchte ich der Persephone zuflüstern, was für eine wunderbar besänftigende Wirkung eine leichte, vernünftige Schmeichelei auf die Männerwelt ausübt und wie lautlos sich durch sie die Räder des Ehekarrens drehen. Ich meine nicht falsche, abgeschmackte Schmeichelei, wie sie uns die Männer so oft vorsetzen, wenn sie uns gefallen wollen, ohne einzusehen, daß die dick aufgetragenen Komplimente eine Beleidigung für unsere Intelligenz sind. Also natürlich nichts von dieser Sorte, aber zarte, feine, liebevolle Schmeichelei. Eine leise bewundernde Haltung, möglichst gemildert für den öffent­lichen Gebrauch, die jedoch immer die Wertschätzung durchblicken läßt, wird euch ihm nicht nur viel liebenswerter machen als es irgendwelche Liebes­beteuerungen täten, sondern sie wird auf seinen Geist und sein Gemüt glänzend wirken. Geradeso wie ihr in Gesell­schaft von Leuten, die euch bewundern, fühlt, daß ihr blendend seid, und in Gegenwart jener, die euch für gescheit halten, großartig sprecht, wird auch Perseus durch eure (wirkliche oder angebliche) Bewunderung angespornt, sie zu rechtfertigen.

Dasselbe gilt auch von dir, galanter Perseus; ein Kompliment über Persephones strahlende Augen, ein Wort scheuer Bewunderung für ihren neuen Hut, oder des Lobes für ihre Haltung als Hausfrau wird sie nicht nur unsinnig glücklich machen, sondern dein Kapital in der Liebesbank dadurch bedeutend erhöhen, daß du Schätze für dich in Persephones Herz ansammelst.

Um dies zu illustrieren, will ich zwei wirkliche Gespräche erwähnen, die ich vor kurzem hörte. Das erste war zwischen einem jungen Paar Pelleas und Nicolette, die erst kürzlich mit einem kleinen Einkommen den Haushalt begonnen hatten. Sie gaben eine Nachmittags­gesell­schaft und alle Gäste waren fort außer mir. (Ich habe nämlich ein Privilegium, wie Sie schon bemerkt haben dürften; niemand geniert sich, vor mir natürlich zu sein.)

Nicolette stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sich die Haustüre zum letzten Male schloß und wandte sich mit glänzenden Augen zu Pelleas.

„War’s nicht sehr schön?“ sagte sie begeistert.

„Nicht übel“, sagte Pelleas.

„Sind die Blumen nicht wunderbar, und habe ich die Zimmer nicht reizend hergerichtet? Findest du nicht, daß alles sehr nett war, Liebster? Ich habe mich so angestrengt“, fügte sie, nach einem Wort des Lobes schmachtend, hinzu.

„Pah, nennst du ein paar Kuchen aufschneiden auch sich anstrengen?“ war die Antwort.

Nicolette war zufällig eine taktvolle Frau, die weiß, wann man zu schweigen hat, aber sie sah traurig aus, und ihre ganze Freude an der kleinen Unterhaltung war verdorben. Wie froh wäre sie gewesen, wenn Pelleas sie geküßt und ihr gesagt hätte, daß sie eine reizende Hausfrau war und alle ihre Anordnungen aufs beste getroffen hatte. Das Ärgerliche daran ist, daß er es wirklich glaubte, er zerplatzte vor Stolz über sein Haus und seine Frau und war geneigt, sich für einen sehr schneidigen Kerl zu halten, da er eine so reizende und gescheite Frau erobert hatte. Aber es lag nicht in seiner Art, es zu sagen.

Der zweite Fall ist der, wo ich Geraint und seine Frau versöhnen mußte. Ich habe den lieben guten Geraint immer recht gern gehabt, und sein schrecklich unglück­liches Eheleben war für mich eine Quelle ernster Betrübnis. Bei dieser Gelegenheit sprachen wir uns frei aus, und aus der Tiefe seines kummervollen Herzens brachte er mir Klage um Klage vor.

„Noch ein Beispiel“, sagte er schließlich. „Es ist geradezu lächerlich, aber Sie werden nicht über mich lachen, das weiß ich. Es ist ein Unsinn von mir, daß ich daran denke, aber kurz und gut, ich tue es. Sie saß aufrecht im Bett und bürstete ihr Haar, ich kam ins Zimmer, um zu fragen, ob ich ihr etwas aus der Stadt bringen könne; ich trat zufällig vor ihren Toilettetisch und zog meine Kravatte fester zu. Der Spiegel warf unser Bild zurück, und sie sagte plötzlich mit leisem Lachen: Wie häßlich Du bist . . . .“ Das ist alles. Sie sagte es ganz höflich, aber es verletzte mich wahnsinnig. Es war so teuflisch überflüssig. Und ich glaube, es ist auch wahr, früher hatte ich nie daran gedacht, aber seither sehr oft . . .“

Noch ein Beispiel, wie man’s nicht machen soll: „Wenn ich schäbig angezogen bin,“ erzählte mir einmal eine verzweifelnde Frau, „dann sagt er: ‚Warum siehst du nicht fein aus?‘ Wenn ich elegant bin, sagt er: ‚Schon wieder neue Kleider, ich weiß nicht, wer die zahlen wird!‘ Wenn etwas Außergewöhn­liches zu Tische kommt, sagt er: ‚Diese extravaganten Sachen werden mich zugrunde richten‘, und wenn das Essen einfach ist, dann fragt er: ‚Ist das alles?‘“

Ich habe vorhin auf die Männerklubs als eine Wohltat für die Frauen hingewiesen, und als solche sind sie mir immer erschienen. Aber diese Meinung wird offenbar nicht von allen geteilt, da eine Anzahl Frauen kürzlich im Druck ihre Absicht kundgaben, nach Erlangung des Stimmrechts für die vollkommene Abschaffung oder wenigstens obligatorisch frühe Schließung aller Männerklubs zu agitieren. Es scheint betrübend lächerlich, daß die Frauen durch einen Parlamentsakt ihre Männer zur bestimmten Stunde nach Hause zwingen wollen. Ich will mich bemühen, euch irregeleitete Frauen zu bekehren, falls eine davon sich herablassen sollte, dieses Buch zu lesen.

Meine lieben Frauen, fast alles, was euer Mann zu Hause nicht bekommen kann, kann er im Klub bekommen — je mehr seine Bedürfnisse befriedigt werden, desto vergnügter wird er leben, und euer Familienleben folglich um so glücklicher sein! Wenn die Männer eine Passion haben, so wählen sie gewöhnlich einen damit verbundenen Klub oder einen, wo sie andere, durch ähnliche Dinge gefesselte Männer treffen können, mag es Politik, Sport, Pferde, Karten, Musik, Golfspiel oder Theater sein, — wenn es in ihnen steckt, muß es heraus, und gescheite Frauen lassen es geschehen. Eine unterdrückte Manie bedeutet einen verbitterten Gatten. Im Klub können sie ihr Whist haben oder ihrer Empörung gegen die Regierung freien Lauf lassen, sie können einen halben Sovereign als Spieleinsatz geben und die Aufzeichnungen über die großen Gewinste beim gestrigen Whistspiel, über das letzte Loch beim Golfspiel oder wie sonst der Fachausdruck lautet, vergleichen. Im Klub können sie andere Männer treffen und eine vollkommene Abwechslung von Bureau oder Familienleben haben, und sie kehren daher zur Arbeit und zur Frau erfrischt und angeregt zurück.

Wenn es eurer Köchin auf die ihr eigene rätselhafte Weise gelungen ist, ein Mittagessen zu Hause unratsam oder unmöglich zu machen, dann telephoniert es eurem Herrn und Gebieter, denn kann er im Klub nicht königlich und dabei ökonomisch speisen? Wenn ihr an einem Feiertag fort seid, kann er dasselbe tun und einen angenehmen Abend dort verbringen, anstatt im leeren Hause allein und gelangweilt herumzugehen. Wenn ihr euch Unannehm­lichkeiten störender Natur leistet, — wenn ihr dies je tut, — so steht ihm derselbe freundliche Hafen offen, gewiß für euch etwas Tröstlicheres, als wenn er über das Haus schimpft, während die kleine Meinungs­verschiedenheit beigelegt werden soll. Kurz und gut, der Segen und die Vorteile eines Klubs für den Ehegatten haben kein Ende und warum ihr, liebe Frauen, sie abschaffen wollt, das kann ich mir wirklich nicht erklären.

Freilich sollte die nötige Mäßigkeit beobachtet werden wie bei allen guten Dingen, und ein- oder zweimal die Woche die Nacht im Klub zu verbringen, sollte genügen. Bei diesen Gelegenheiten kann die Frau ein primitives Abendessen haben, was immer eine Wohltat für die Frau ist, mit einem Buch neben dem Teller, sie kann sich gehen lassen und ihre Köchin ausschicken, oder wenn sie zum rastlosen Typus gehört, kann sie den freien Abend benützen, um ihre Rechnungen und ihre Korrespondenz in Ordnung zu bringen. Ist sie heiterer Natur, so kann sie mit einem schüchternen Verehrer oder auch nur mit einer Freundin ins Theater gehen und nachher soupieren. Man mag über den Klub denken wie man will: wenn ein Mann ihn nicht mißbraucht, so ist er ein reiner Segen fürs Eheleben.

Aber vielleicht ist es das tragische Verhängnis der in Rede stehenden Frauen, daß sie ihren Männern nicht vertrauen können, und mit Recht. Vielleicht lebt in ihrem Herzen das betrübende Bewußtsein, hintergangen zu werden, und sie fürchten, daß der Klub als Vorwand für einen Abend gebraucht wird, dessen Gesell­schaft dem weiblichen Standpunkt weniger wünschenswert erscheint. Selbst dann ist der Klub ein Segen; denn wenigstens kann eine Frau hoffen und zu glauben trachten, daß ihr Mann wirklich dort ist, während, wenn er keinen Klub hat, die Durchsichtigkeit seiner abwechselnden Ausreden ihre ärgsten Verdächtigungen bekräftigen muß. Wenn ein Mann entschlossen ist, derartige Dinge zu tun, so kann ihn nichts aufhalten; sollte ein Vorwand, seine Zeit außer Hause zu verbringen, fehlschlagen, so wird er einen anderen vorbringen, und je weniger Aussicht seine Frau hat, die wirkliche Sachlage zu entdecken, desto besser ist es für ihren Seelenfrieden.

Daß die Unwissenheit ein Segen ist, ist eine tiefe Wahrheit im Eheleben, und die Frauen sollten sich von ihr leiten lassen. Ich glaube, es gibt Frauen, die sich’s zur Gewohnheit machen, bei Gelegenheit die Taschen ihrer Ehegatten zu durchsuchen, voraussichtlich in der Erwartung, irgendwelche verräterische Briefe oder Rechnungen zu finden. Was sie im Falle einer unangenehmen Entdeckung zu gewinnen hoffen, das weiß der liebe Himmel allein! Nichts als eine mehr oder weniger verab­scheuens­werte Szene, den daraus folgenden Verlust alles häuslichen Friedens, ohne die wirkliche Quelle der Betrübnis auch nur im geringsten zu beeinträchtigen. Zum Glück sind wenige Gatten so verrückt, ihre kompromit­tierenden Dokumente bei sich zu tragen. In jedem Fall ist diese Überwachung empörend, und wo gegenseitige Achtung existiert, für deren Notwendigkeit ich schon so energisch eingetreten bin, da können solche Geschmacks­verirrungen nicht vorkommen.

Um auch jenen unglücklichen Frauen gerecht zu werden, deren Mann zu ihrem großen Kummer dem Würfel oder Becher allzusehr ergeben ist, muß ich hinzufügen, daß die Frauen, wo das der Fall ist, das Recht haben, durch alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel den Mann vom Klub fernzuhalten, der größere Gelegenheiten bietet als der Familienkreis, diesen Lastern zu frönen.

Und jetzt noch ein spezielles Wort an die Männer. An früherer Stelle erwähnte ich die Möglichkeit einer verheirateten Frau, mit einem Freund ins Theater und soupieren zu gehen. Im Londoner Leben kommt das so häufig vor, daß eine Erklärung dafür dem Eingeweihten simpel und abgeschmackt vorkommt; aber die Eingeweihten sind ein sehr kleiner Teil der Gesamtheit und da dieses Buch bescheiden für jene, die sich für die Ehe interessieren, also für jeden, der es lesen will, gedacht ist, so will ich mich zugunsten der uneingeweihten Majorität ein wenig über dieses Thema verbreiten. — Eine große Zahl Männer ließe sich’s nicht im Traum einfallen, ihre Frauen abends mit einem anderen Mann allein ausgehen zu lassen. Warum, das kann ich mir nicht erklären! Denn sie können gewiß ihre Frau und ihren Freund nicht durch den Gedanken an irgend etwas Unschick­liches beleidigen wollen. Es entspringt das wohl den Überresten eines primitiven männlichen Gefühls, das sie nicht erklären können, (in früheren Zeiten waren die Männer noch anspruchsvoller, und nach Justinianischem Gesetz konnte ein Mann sich von seiner Frau bloß deshalb scheiden lassen, weil sie ohne seine Einwilligung mit anderen Männern in den Zirkus, in die Bäder oder zu Festmählern ging). Mir erscheint es ebenso unvernünftig wie die Mißbilligung der Männerklubs seitens der Frauen. So wie eine vernünftige Frau keinen Einwand gegen den Klub ihres Mannes erhebt, so erlaubt ein gescheiter Mann seiner Frau, wenn sie es wünscht, mit einem anderen Manne auszugehen. Wenn er etwas von der weiblichen Natur versteht — und kein Mann sollte heiraten, ehe er nicht soweit ist — dann erkennt er, daß die Bewunderung anderer Männer seiner Frau angenehm ist und ein bißchen Heiterkeit eine wunderbare Wirkung auf ihre Stimmung ausübt.

Ich erinnere mich an die Zeit, als Theodor und Amoret darüber heftig auseinander­gerieten. Aber Theodor gab nach. „Er pflegte es für sehr unrecht von mir zu halten, daß ich ganz gern andere Männer in mich ein bißchen verliebt sehe,“ sagte Amoret, „aber ich erklärte ihm, daß ich es gern habe, weil es mir ein so schönes Machtgefühl gibt und dem Leben eine Würze verleiht. Dann sagte er immer, es sei für eine verheiratete Frau sehr gefährlich, irgend eine andere Würze im Leben zu haben als ihren Mann, und ich pflegte ihm zu antworten, daß er eine Menge ‚Würzen‘ außer mir habe, und was ich denn die langen Abende tun solle, wo er endlos Bridge spielt. Schließlich versprach ich, daß es mich zufriedener machen würde und fähiger, die Eintönigkeit des Ehelebens zu ertragen, wenn er mich ausgehen ließe. Darauf meinte er, es sei schrecklich schlecht von mir, die Ehe eintönig zu finden, und sagte, seine Mutter wäre bei einer solchen Bemerkung entsetzt gewesen. Da sagte ich ihm, es wäre nicht gut von einer jungen Frau zu erwarten, daß sie sich wie seine eigene Mutter benähme — und er sagte, es wäre ihm lieber, ich würde es nicht tun. Dann lachten wir beide, und der gute alte Junge gab nach und sagte, daß Eberhard ein unschuldiges Lamm sei, und daß er einmal zum Versuch mit mir ausgehen solle. Seither bin ich mit allen Freunden ins Theater gegangen und habe Theodor um so lieber, je mehr ich andere Männer kennen lerne, und bin auch viel zufriedener und heiterer.“ Ein Zeugnis, das für sich selbst spricht.

Wenige Menschen scheinen die vielen Vorteile zu kennen, die es hat, einen schweigsamen Mann zu erwählen. Der ideale Gatte spricht wenig. Er sieht ein, daß die Frauen das lieber selbst besorgen, und daß es in einer glücklichen Familie nicht Platz für zwei redselige Personen gibt. Der geschwätzige Mann sollte lieber eine schweigsame Frau suchen und sie sofort heiraten, wenn er sie findet. Solche Geschöpfe sind so selten wie Kometen, und in der Regel sind sie schon mit ebenso schweigsamen Männern verheiratet, was wirklich ein betrübender Schnitzer der Natur ist. Nichts ist entsetz­licher, als ein so schweigsames Paar unterhalten zu müssen. Ein übermäßig redseliges Paar ist dem weit vorzuziehen, da man wenigstens ruhig zuhören und die anderen drauflosreden lassen kann.

Eine endlose Quelle von Mißhelligkeiten zwischen Eheleuten ist die Geldfrage. Die Frauen sind am Anfang oft verschwenderisch und gewöhnlich sündhaft unwissend in Geldsachen. Es ist ohne Zweifel richtig, wie Isolda sagt: „Geld (und Gesinde) zerstören die Ehe“. Über das letztere traue ich mich nicht zu sprechen, aber ich weiß, daß Geldmangel, Geldversagen und unvernünftige Geldausgaben einen großen Teil der Ehekonflikte verschulden. Manche Männer scheinen zu glauben, daß ihre Frauen den Haushalt ohne Mittel führen können, und diese unglück­lichen Frauen müssen schmeicheln und bitten und es sich als eine Gnade anrechnen, bevor sie die ihnen gebührende Summe erhalten. Selbst dann werden sie wie Kinder behandelt und über die Verwendung des Geldes in höchst demütigender Weise ausgefragt, als ob es Spielraum für königliche Extravaganzen böte.

Ich erinnere mich an den Fall des armen kleinen Hildebrand. Er war ein sehr junger Gatte, und sehr altmodisch erzogen worden. Eine seiner wunder­lichen mittelalter­lichen Vorstellungen war, daß die Frauen keine Fähigkeit zur Geldverwaltung haben, und daß man ihnen auf keinen Fall bares Geld anvertrauen könne. Ich glaube wirklich, er hätte, wenn seine Zeit es ihm erlaubte, seinen Haushalt allein geführt. Zum Glück für den Hausfrieden war das unmöglich; dennoch überwachte er den Haushalt soviel als möglich und revidierte sogar die Einschreibebücher. Natürlich verstand er nicht das geringste von ihren sonderbaren Zeichen, und bot einen komischen Anblick, wie er über den kleinen roten Büchern saß und in äußerster Verlegenheit die Stirne runzelte. Jeden Moment wandte er sich um Aufklärung an seine Frau, die glücklicherweise einen sehr gesunden Sinn für Humor besaß. Schließlich mußte er es ihr überlassen; aber wenige Frauen hätten Valeries Geduld bei dieser sehr überflüssigen Sache gezeigt. — Freilich ist das ein extremer Fall; aber eine Menge Männer greifen in höchst aufreizender Weise in das Gebiet ihrer Frauen ein. Nach meiner Meinung ist es am besten, das ganze Wirtschafts­budget der Frau, sowie das Budget des Bureaus oder des Vermögens dem Manne zu überlassen. Ich spreche da von Leuten mit beschränkten Mitteln. In der Regel hat ein Mann während seines Arbeitstages ganz genug mit Geldangelegen­heiten zu tun und soll Ruhe vor ihnen haben, wenn er nach Hause kommt. Abends zu Hause sitzen müssen und Rechnungen revidieren, ist eine Aufgabe, die die ärgsten Eigenschaften in einem Ehegatten auslöst. Er mag als ein hingebender Liebhaber nach Hause kommen und im Schoße seiner Frau Abendblätter, Blumen und Schokolade anhäufen, beim Abendessen genial, witzig, liebevoll, reizend sein — aber reicht ihm um 10 Uhr abends einen Pack Rechnungen mit der Bemerkung, daß sie wirklich durchgesehen werden müssen, und plötzlich wird er ein wildes, brummiges, rohes, abstoßendes und lästerndes Wesen. Mag seine Bankbilanz auch noch so befriedigend sein, jede Rechnung eines seiner persön­lichen Bedürfnisse und kein einziges seiner Frau betreffen — es nützt alles nichts. Rechnungen sind Rechnungen, und bei ihrem bloßen Anblick werden die Männer wild. Wenn ich zwischen dem 7. und 8. eines Monats am Vormittag zu Miranda komme, bin ich überzeugt, daß sie mir mit roten Augen und matter Stimme sagt: „Gestern abend sagte Lysander, er müsse die Rechnungen durchnehmen, natürlich hat er seither fortwährend geschimpft und geflucht, obzwar sie diesen Monat lächerlich niedrig sind.“ Ebenso ist es bei Isolda. „Lancelot hat gestern abend die Monatsschecks geschrieben,“ sagt sie, „und das Umgehen mit Rechnungen hat immer eine schreckliche Wirkung auf ihn. Es ist bei dem Ärmsten eine wahre Krankheit, und ich kann nachher nie schlafen.“ Und doch sind Lancelot und Lysander in jeder Hinsicht ideale Gatten.

Mein Rat an die Frauen ist daher folgender: Erledigt alle wöchent­lichen und Kassazahlungen, die den Kopf der Frau belasten, kontrolliert einmal wöchentlich alle Bücher, prüfet dieselben mit jenem Grade von Sorgfalt, den der Redlichkeits­standpunkt eurer Lieferanten erfordert. Schreibt diese Summen in ein Haushaltungsbuch ein. Am Ende des Monats, wenn alle Rechnungen drinnen sind, macht für euren Mann einen Bilanzbogen. Er wird sicher zuerst auf die Endsumme sehen, und wenn sie ihn befriedigt, nicht weiter forschen, wenn er klug ist. Dann laßt ihn einen Scheck auf die ganze Summe ausstellen, ihn in eure Bank einzahlen, und das übrige tut selbst. Die Rechnungen, die ratenweise kommen, und was sonst noch vierteljährlich eingeschickt wird, schließt in eure Monatsliste ein, und so wird euer Mann für seinen Haushalt anstatt einer Unzahl Rechnungen nur 12 Schecks im Jahre zu schreiben haben. Der fürchterliche Anfall, den er monatlich bekommt, wird so auf ein Minimum reduziert werden. Wenn er Stallungen oder einen ausgedehnten Weinkeller hat, so ordnet an, daß die Rechnungen dafür und auch alle anderen, die in das Ressort des Mannes gehören, in sein Bureau oder seinen Klub geschickt werden, mitsamt den Schneider­rechnungen und anderen für seine persön­lichen Bedürfnisse. So werdet ihr nicht darunter leiden, wenn ihre Erledigung notwendig wird. Es ist eine seltsame Tatsache, daß ein Mann im Bureau wie ein Lamm dasitzt und Schecks ausstellt, während dieselbe Beschäftigung ihn zu Hause dazu bringen würde, das Dach abzuheben oder die Grundmauern zu erschüttern.

Es könnten Bände darüber geschrieben werden, wie man, obgleich verheiratet, glücklich werden kann, aber ich komme nun zum Ende. Also fassen wir zusammen. Frauen: Wenn ihr glücklich sein wollt, merkt es euch: Streicht euren Mann heraus, schmeichelt ihm diskret, lacht bei seinen Witzen, versucht nicht, seinen Klub herabzusetzen, werft ihm nie häusliche Wahrheiten an den Kopf und weint nie, nie!

Ehemänner: Liebt und bewundert eure Frauen und laßt auch andere Männer sie bewundern; greift nie in ihr Ressort ein; schreibt eure monatlichen Schecks mit freund­licher Miene; seid in Geldsachen vernünftig, wenn ihr schon nicht freigebig sein könnt und bezähmt eure Vorliebe für eure eigene Stimme!

Und ihr beiden: Seid sehr duldsam, erwartet wenig, gebt freudig, stellt die Achtung über alles, befleißigt euch der Höflichkeit und liebt einander, so sehr ihr könnt. Wenn ihr all das tut, werdet ihr sicherlich, wenn auch verheiratet, glücklich werden. Und hört auch, was Robert Burton in seinem wunderbaren Buch „Die Anatomie der Schwermut“ sagt: „Hast du Mittel? Du hast keine, wenn du unverheiratet bist, um sie zu bewahren und sie zu vermehren. Hast du keine? Dann hast du welche, wenn du verheiratet bist, um dir zu helfen, sie zu bekommen. Bist du im Wohlstand, so wird dein Glück mit einer Frau nur verdoppelt; bist du in Trübsal, sie wird dich trösten und dir beistehen. Bist du zu Hause, sie wird deine Schwermut verscheuchen. Bist du fort, ihre Wünsche werden dich begleiten, und sie wird deine Heimkehr mit Freuden begrüßen. Nichts ist angenehm ohne Gesell­schaft, und keine Gesell­schaft ist so süß wie die der Gattin.“

Ende


Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig im Jahre 1911