XIV

Die drei Schwestern wollten sterben,
Setzten auf die güldnen Kronen,
Gingen sich den Tod zu holen.

Wähnten ihn im Walde wohnen:
»Wald, so gib uns, dass wir sterben,
Sollst drei güldne Kronen erben.«

Da begann der Wald zu lachen
Und mit einem Dutzend Küssen
Liess er sie die Zukunft wissen.

Die drei Schwestern wollten sterben,
Wähnten Tod im Meer zu finden.
Pilgerten drei Jahre lang.

»Meer, so gib uns, dass wir sterben,
Sollst drei güldne Kronen erben.«

Da begann das Meer zu weinen,
Liess mit dreimal hundert Küssen
Die Vergangenheit sie wissen.

Die drei Schwestern wollten sterben,
Lenkten nach der Stadt die Schritte;
Lag auf einer Insel Mitte:

»Stadt, so gib uns, dass wir sterben,
Sollst drei güldne Kronen erben.«

Und die Stadt tat auf die Tore
Und mit heissen Liebesküssen
Liess die Gegenwart sie wissen.

XV
LIED DER JUNGFRAU

(aus »Schwester Beatrix«)

Allen weinenden Seelen,
Aller nahenden Schuld
Öffn' ich im Sternenkranze
Meine Hände voller Huld.

Alle Schuld wird zunichte
Vor der Liebe Gebet.
Keine Seele kann sterben,
Die weinend gefleht.

Verirrt sich die Liebe
Auf irdischer Flur,
So weisen die Tränen
Zu mir eine Spur.

[NACHWORT]

Die Gedichtsammlung Im Treibhaus (»Serres chaudes«, Brüssel 1895) ist übertragen von K. L. Ammer und in die endgültige Form gebracht durch Fr. v. Oppeln-Bronikowski, der auch die »Fünfzehn Lieder« übersetzt hat (Quinze Chansons, Brüssel 1900, in der Neuauflage der »Serres chaudes«).

Die »Serres chaudes« sind Maeterlincks Erstlingswerk. Er schrieb sie im Jahre 1887 in Paris unter dem Einfluss der Decadenten und veröffentlichte sie z. T. in der von ihm und Charles van Lerberghe begründeten Zeitschrift »La Pléiade«, welche die Lyrik reformieren wollte, getreu der Ars Poetica Verlaines:

»De la musique avant toute chose ...
Rien de plus cher que la chanson grise
Où l'Indécis au Précis se joint ...
Que ton vers soit la chose envolée
Qu'on sent qui fuit d'une âme en allée
Vers d'autres cieux à d'autres amours ...
Et tout le reste est littérature.«

Maeterlinck ist in der Erfüllung dieses Postulats noch weiter gegangen als Verlaine; man möchte diesem Gedichte als Motto einen Spruch aus den »Fragmenten« des Novalis voransetzen, die Maeterlinck bekanntlich ins Französische übertragen hat:

»...Es lassen sich Erzählungen ohne Zusammenhang, jedoch mit Assoziation, wie Träume, denken; Gedichte, die bloss wohlklingend und voll schöner Worte sind, aber auch ohne allen Sinn und Zusammenhang, höchstens einige Strophen verständlich, wie Bruchstücke aus den verschiedenartigsten Dingen. Diese wahre Poesie kann höchstens einen allegorischen Sinn im Grossen und eine indirekte Wirkung wie Musik haben.«

Die Fünfzehn Lieder, von denen zwölf auf vlämischem Boden entstanden sind (Luxusausgabe »Douze Chansons« mit Illustrationen von Charles Doudelet, Paris 1897), sind stilistisch von den »Serres chaudes« sehr verschieden; sie tragen den Stempel des altfranzösischen Volksliedes mit seinen Refrains, seiner primitiven Metrik und Reimtechnik, seiner Schlichtheit und Starrheit, seinen dumpfen Wiederholungen.

So heisst es in Lied VI:

»An der ersten Tür, an der ich stand,
Erbebte die Flamme in meiner Hand.
An der zweiten Tür, an der ich stand,
Da sprach die Flamme in meiner Hand.
An der dritten Tür, an der ich stand,
Erlosch das Licht in meiner Hand.«

Damit vergleiche man z. B. jene von Chamisso mitgeteilte Ballade »La fille du roi d'Espagne«:

»Der Ritter wirft sein Gewand ab,
Taucht in des Meeres Grund.
Bei seinem ersten Tauchen
Macht er keinen Fund.

Bei seinem zweiten Tauchen
Hat der Ring geblinkt.
Bei seinem dritten Tauchen
Der Rittersmann ertrinkt.«

Arthur Luther hat im »Litt. Echo«, Bd. VIII, 10, Sp. 748, auch auf die Ähnlichkeit zwischen Dante Gabriel Rossettis »An old song ended« und Lied II verwiesen, ebenso auf dessen Anklingen an Ophelias Lied in Shakespeares »Hamlet«, welch letzteres Maeterlinck selbst als stimmungbildend anerkennt.

[INHALTSVERZEICHNIS]

[IM TREIBHAUS]S. 1
[TREIBHAUS]3
[GEBET]4
[TREIBHAUSSTARRE]5
[VERSUCHUNGEN]6
[GLASGLOCKEN]8
[DUNKLES OPFER]10
[HERZGEWÄCHSE]11
[SEELENGLUT]12
[SEELE]13
[MÜDIGKEIT]15
[MÜDES JAGEN]16
[MÜDE RAUBTIERE]17
[GEBET]18
[TRÜBE STUNDEN]19
[TRÜBSAL]20
[KRANKENHAUS]21
[NACHTGEBET]23
[SEHNEN IM WINTER]25
[REIGEN DES UNMUTS]26
[AMEN]27
[TAUCHERGLOCKE]28
[AQUARIUM]30
[BRENNGLAS]31
[SPIEGELBILDER]32
[GESICHTE]33
[GEBET]34
[BLICKE]35
[ERWARTUNG]38
[NACHMITTAG]39
[TREIBHAUS DER SEELE]40
[WILLENSREGUNG]41
[HÄNDEDRÜCKE]42
[NACHTSEELE]45
[FÜNFZEHN LIEDER]47
[NACHWORT]67

DRUCK VON W. DRUGULIN IN LEIPZIG

EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA


MAETERLINCK, Gesammelte Werke

übersetzt von Friedrich von Oppeln-Bronikowski

I. DRAMATISCHE WERKE

Bd. I—VIII brosch. à Mk. 2.—, geb. à Mk. 3.—
Einzig autorisierte Bühnenausgabe
Band IPRINZESSIN MALEINE. Mit einer Vorrede und dem Bildnis des Verfassers
Band IIDREI ALLTAGSDRAMEN: Der Eindringling — Die Blinden — Im Innern. 2. Auflage
Band IIIDREI MYSTISCHE SPIELE: Die sieben Prinzessinnen — Alladine und Palomides — Der Tod des Tintagiles. 2. Auflage
Band IVPELLEAS UND MELISANDE. 2. Aufl.
Band VAGLAVAINE UND SELYSETTE. 2. Auflage
Band VIZWEI SINGSPIELE: Blaubart und Ariane — Schwester Beatrix. 2. Auflage
Band VIIMONNA VANNA. 18.-20. Tausend
Band VIIIJOYZELLE
Band IXDAS WUNDER DES HEILIGEN ANTONIUS. Brosch. Mk. 1.—, geb. Mk. 2.—

II. PHILOSOPHISCHE WERKE

Band IDER SCHATZ DER ARMEN. 3. verb. Aufl. Brosch. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—
Band IIWEISHEIT UND SCHICKSAL. 3. Aufl. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50
Band IIIDAS LEBEN DER BIENEN. 4. erw. Auflage. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50
Preisgekrönt von der Académie française
Band IVDER BEGRABENE TEMPEL. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50
Band VDER DOPPELTE GARTEN. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50