2.
Viele Nachmittage verbrachte ich einst mit Gustav Meyrink, nun habe ich ihn lange nicht gesehen und hätte ihn vergessen, wenn mich nicht neulich wieder seine vortreffliche Dickens-Ausgabe (bei Langen) gut an ihn erinnert hätte ... Oft hatte ich damals das Gefühl, daß es rings um ihn spuke. Als ich ihn kennen lernte, sprach zufällig gerade jemand mit leiser Stimme auf ihn ein, erzählte von einem Spukhaus in Budapest, das die Behörden aber versperrt hielten. Niemand dürfe hinein. Er lächelte: »Ja, so wird es immer gemacht« ... Er selbst berichtete über erstaunliche Erlebnisse, einmal in Tirol habe sich ein Tisch, an dem er mit Freunden experimentierte, bis an die Decke gehoben, habe ihre Köpfe an den Plafond gedrückt. Er hatte eine ruhige Stimme und einen glänzend-treuen warmen Blick seiner großen blauen Augen. Ich betrachtete jede Stunde, die er mit mir verbrachte, als Geschenk, ich stand vollständig unter seinem Einflusse; oft erwartete ich, wenn spät nachts das Kaffeehaus fast leer war und der herrenlose Tabaksqualm, der von Abwesenden aufgerührte Staub wie auf matte Nachzügler eines Heeres auf die letzten Gäste sich stürzte: jetzt müßten Geisterhände hervorgreifen, die Tischbeine umklammern und dann auf uns los ... Ich bewunderte sein Wissen, seine geheimen Wege. Er galt als unheilbar krank, schleppte ein Bein nach, – er kurierte sich selbst und wurde gesund. Er machte alchymistische Experimente, zu denen seine ausgeschriebene Geschäftsschrift mit banal-violetter Tinte so entzückend wenig paßte. – Ich begleitete ihn nachts zu seiner Wohnung, in einem Vorort neben der Gasanstalt. Und auch das schien mir okkult, daß er neben der Gasanstalt wohnte, und entsetzte mich, unklar schwebte mir vor: wenn nun ein Funke überirdischer Aureole in so einen gefüllten Gasometer einschlägt, dieser Brand ... Später durfte ich ihn besuchen, in seiner Bibliothek blättern. Eine Standuhr aus Porzellan fiel mir im Zimmer auf, das Zifferblatt war eine Trommel, eine teuflische Gestalt hielt sie zwischen die gespreizten Beine eingeklemmt und hob mit ungeheurer Kraft, mit wütender Grimasse den Arm hoch empor, um auf sie loszuschlagen. Man konnte nicht hinsehen, ohne jeden Augenblick den Knall zerkrachenden Porzellans im Ohr zu haben. Daneben hing ein Bild, blasses Gesicht, Schlangen, Phosphor. »Was stellt das vor?« »Den Hüter der Schwelle«, sagte er leichthin, welchen mystischen Ausdruck ich erst Jahre darauf verstand.... Überdies schwieg er gern, wurde plötzlich lebhaft, witzig, lebte in Rätseln und Prozessen, niemand verstand ihn, ein Schleier von Widersprüchen hüllte ihn leuchtend ein, fast blendend. Er verkehrte unter anderem mit einem Mann, der Fliegen sammelte, tote Fliegen, deren er schon Tausende besaß. Er pflegte immer an der äußersten Kante des Trottoirs zu gehen, wie um alles übersehen zu können, was zwischen ihm und der Wand vorging; doch sah er oft gar nicht auf. Ich erinnere mich nicht, irgendeinen Menschen nach ihm mit der gleichen Demut geliebt zu haben ... Gegenwärtig wandelt sich mir seine Gestalt langsam in eine Legende um, geschrieben in violetter Geschäftsschrift.