Zur Stunde der Maus
In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine Falltüre hinunterführte.
Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in Seidenpapier eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die jungen Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in der Südfrüchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher.
Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten.
Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen wären.
Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen. Er schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt hatten und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die Käufer entsetzt hatte.
Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter den Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam.
Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können.
So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden Mäusescharen zu verjagen.
Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die beiden sehr.
Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die Mäusewache jede dritte Nacht übernähme.
Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht eingeschlafen wäre.
Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe hatte.
Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald alle auswendig kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit ihrer Stimme die Mäuse verjagte, — so zur angenehmen Gewohnheit geworden, daß er die Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte und sich eines Nachts klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen verliebt habe.
Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte, daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß er recht glücklich verheiratet wäre.
Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht hatte, vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der Händler genommen hatte.
»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden ist, aufesse.«
Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:
»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.«
Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes, war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte. Es war ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung seines Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten. Denn er war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte, wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und den Schlaf vergessen konnte.
Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage, wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen Holzschachteln die plattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen Duft ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten.
Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber, die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht betrüben wollte.
Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen. Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte.
Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.
Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich, daß er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war und die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah.
Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in jener großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung und Reise schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle absetzen könnte.
Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein. Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann dem neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den Laden in der Provinzstadt weiterführen wollte.
Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur Silvesterfeier.
In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch das junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die Nachtwache hatte, vermißte.
Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte, kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten, erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen, seine Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich der Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des Mädchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur Stunde der Maus.
Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und Romanzen erinnerte, die sie immer in der nächtlichen Stille im Kreis der Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne Inseln und zu fernen Ländern, unter fremdartige Bäume, zu feurigen und fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll auffallender Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der Südfrüchte, die von den nüchternen Eisensäulen des Ladens, von den kahlen Kalkwänden und vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer abstachen, die man im nüchternen Tageslicht abbrennt.
Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der höher gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen mußte, gingen die Düfte der südlichen Länder, die an seinem Rock hafteten, mit in seine Träume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht sein Weib, sondern er zog das junge Mädchen an sein Herz, während ihm ihre Brüste wie zwei frische Kalvillenäpfel entgegendufteten.
Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit den verschränkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen Laden in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch saß und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer Ecke schlich, wo überall Mausefallen waren, die aber den Mäusen so bekannt waren, daß keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen.
Dann sah er, wie sie sich bückte und eine Falle, die von selbst zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers hersagte:
Ein Held, deß' Herz wie Feuer war,
Ritt durch die Wälder sieben Jahr.
Verschwiegen hat er sieben Jahr,
Daß er ein Fraß der Flammen war.
Bald mußte sich der Händler auch am Tage mit seinen verliebten Träumen beschäftigen. Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die Ersehnte vielleicht herziehen könnte, wollte nicht mehr von ihm weichen.
Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau zu sagen, daß er eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht immer die Ladentüre abschließen könne, wenn er stundenlang zu den Fruchtversteigerungen gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im Briefe bemerken, daß sie ihm jene Verwandte schicken sollte.
Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefaßt, nachts und am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken.
Aber er konnte sich nicht entschließen, die Feder in die Hand zu nehmen, die Tinte und das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter vorgekommen, Verräter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte, und Verräter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.
So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb ihn abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen hatte, unter die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brütend starrte. Er schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den Brief auf die rötlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den Brief an die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, und er las ihn am Tag hundertmal, während er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte, die er den jungen Mädchen und Frauen zureichen mußte. Auf allen Frauenhänden, die die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, las er jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich schrieben.
Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen durch brennendes Feuer zu gehen oder die bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so scheute er sich, seine Hände und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm bestellen sollte.
Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die brennende Sehnsucht nur dadurch ein wenig zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf die Forderungen seines Blutes scheinbar ein. Er ging, wenn es ihm seine Zeit erlaubte, in die Warenhäuser und kaufte Dinge für sein Zimmer ein, die er sonst nie für sich gekauft hätte, und die er aufstellte wie zum Empfang für diejenige, die er noch nie empfangen hatte. Er kaufte Kissen für das Sofa, unnütze Vasen, in die er Blumensträuße stellte, die er aber verwelken ließ wie die Stunden seiner Träume. Er kaufte romantische Bilder, mit denen er die Wände schmückte, kaufte Balladen- und Romanzenbücher, die er auf ein Bücherbrett aufreihte. Er kaufte Weingläser, eine Porzellanschale für Kuchen, eine Kristallschale für Früchte und eine große seidene Bettdecke.
Er kaufte sich neben seinen gewöhnlichen Zigarren, die er täglich rauchte, eine Schachtel bester und teuerster Havannastengel, die er nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte Besuch gekommen sein würde.
Mit diesen und noch mancherlei Einkäufen beschwichtigte er das still schwellende Sehnsuchtsfieber, das in ihm umging wie ein unheimlicher Feueratem, der ihn entfachen wollte.
Aber den Brief, den er hätte schreiben müssen, schrieb er nicht.
Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, fuhr er erschreckt zusammen und dachte, jenes Mädchen könne plötzlich auf seiner Türschwelle stehen, gerufen von den lautlosen Hilfeschreien seines geknebelten Herzens.
Zum Silvester kam dann, wie es verabredet war, seine ahnungslose Frau zu ihm zu Besuch.
Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt aufgemacht hatte, noch nicht bei ihm gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof abholte und in sein Zimmer führte, wo von der Decke eine rosa Glasampel hing, die er angezündet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt die Hände zusammen und vergaß, den Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich auf einem Fleck, mitten im Zimmer stehend, um sich selbst und ließ die zerbrechlichen feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, die schönen gebundenen aufgereihten Bücher auf dem Bord, den Porzellanteller mit Kuchen, die Kristallschale mit Früchten, die vielen romantischen Bilder an den Wänden. Und als sie zuletzt gar die gleißende Seidendecke auf dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr gerührt die Augen über, und sie umarmte ihren Gatten und bedankte sich, daß er so zärtlich alles für ihren Empfang hergerichtet hatte.
Der sagte nichts und umarmte seine Frau wieder. Denn während er diese Dinge zum Schmuck des Zimmers alle eingekauft und aufgestellt hatte, hatte er auch da nie mit Bewußtheit und Offenheit sich eingestanden, daß er dies nicht für seine Frau, sondern für das junge Mädchen tat.
Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, getrieben von einer inneren Lust, sein Zimmer zu schmücken, handelnd zwischen Wachen und Träumen. Und wie er nun seine Frau, die er immer noch treu liebte und vor der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen hatte, umarmte, schien es ihm wirklich einen Augenblick als wahrscheinlich, daß er für sie und sich zur Silvesterfeier und zum Wiedersehen das Zimmer so sorgsam und festlich geschmückt hatte.
Am Abend gingen Mann und Frau mit Bekannten in eine Weinstube, und dort tranken sie, bis es zwölf Uhr schlug und das neue Jahr anbrach. Und von Glühwein und Bowle erhitzt, wurde der Südfrüchtenhändler lustig und ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen hatte.
Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit« empfangen worden war, sehnte sich die Frau aus dem lärmenden Kreis der Menschen fort und dachte an das schön geschmückte Zimmer, das sie beide erwartete, das ihr Mann mit soviel Zärtlichkeit hergerichtet hatte, und wo sie ihm jetzt mit gleicher Zärtlichkeit zu danken wünschte.
Sie zupfte ihren Mann am Ärmel, aber der schien an gar kein Nachhausegehen denken zu wollen und trank immer wieder seinen Freunden zu und ließ sich zutrinken und bestellte neuen Wein.
Aber es waren auch noch andere Frauen im Kreise, die auch heimzugehen wünschten, und die Frauen verabredeten sich untereinander und standen auf und setzten ihre Hüte auf und zogen ihre Mäntel an und traten dann angekleidet vor die im Tabakrauch und Weindunst laut schwatzenden Männer und baten sie, heimgeführt zu werden.
Die Männer wollten auch folgsam alle gehen. Nur der Südfrüchtenhändler wollte ans Aufbrechen nicht denken. Der saß auf seinem Stuhl fest und behauptete, er ginge nicht zur Stunde der Maus nach Hause, denn da gingen Gespenster bei ihm um.
»Was für Gespenster?« fragten ihn alle.
»Mäuse und junge Mädchen,« entfuhr es dem etwas Angetrunkenen.
Die Männer lachten und warfen sich zwinkernde Blicke zu. Die Frauen aber trieben beharrlich zum Aufbruch an.
Die Frau des Südfrüchtenhändlers war bei der Rede ihres Mannes plötzlich blaß und zitternd geworden, und auf der Straße zog sie ihren Gatten auf die Seite:
»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, von Mäusen und jungen Mädchen, die bei dir umgehen? Nun weiß ich es, für wen du das Zimmer so festlich geschmückt hast! Jedenfalls nicht für mich.«
»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was habe ich von jungen Mädchen gesagt?« und er hielt seinen Hut in der Hand und ließ die eisige Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkühlen. »Du glaubst wohl gar, daß ich junge Mädchen nachts bei mir empfange?«
»Ja, was soll ich denn anderes glauben?« wimmerte die weinende Frau und drückte ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja selbst vorhin vor allen Freunden gesagt, daß zur Stunde der Maus junge Mädchen bei dir umgehen.«
»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten gesprochen,« verteidigte sich der Mann. »Mein Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfuß betreten als der deinige, mit Ausnahme des alten Weibes, das dort Ordnung macht und täglich die Stube reinigt.«
»Ist das wahr?« sagte die Frau des Südfrüchtenhändlers und sah ihren Mann an und zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht sehen sollte.
»Ich schwöre es dir,« beteuerte er. Aber er sah sie nicht an, sondern starrte hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden aufgehäufter goldener Früchte glänzten.
Die Frau atmete auf und lachte sich selbst aus, daß sie so schnell Übles gedacht hatte von dem, den sie immer als rechtschaffen und treu gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt erst recht vor, zärtlich zu ihm zu sein, da er nun doch das Zimmer nur für sie so schön geschmückt hatte.
Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah sie, wie ihr Mann, nachdem er nach der Uhr gesehen, nach einem der Balladenbücher griff und es vom Bücherbord herunterlangte. Und statt sich auszukleiden, streckte er seine Beine auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf und las für sich.
Die Frau entkleidete sich inzwischen und kämmte ihr Haar am Spiegel aus, schlüpfte dann ins Bett unter die seidene Bettdecke und verhielt sich eine Weile mäuschenstill, um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen hatte.
Nach einer Weile klappte er das Buch zu, und sie sah, wie er sich aus einer bisher ungeöffneten Zigarrenschachtel eine große Zigarre holte und diese anzündete. Und als sie den fein duftenden Rauch roch, dachte sie bei sich: so gute Zigarren raucht er doch sonst nicht. Die hat er auch zu meinem Empfang gekauft.
Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von sich blies, als eine Huldigung dar.
Dabei kam ihr der Gedanke, daß sie eigentlich noch gern einen Schluck schwarzen Kaffee getrunken hätte. Und da fragte sie ihn:
»Hättest du nicht auch gern ein Täßchen Kaffee zu deiner guten Zigarre?«
Da stand er auf und ging zu einem kleinen Kredenzschrank, holte eine neue vernickelte Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, stellte sie auf den runden Tisch unter die Ampel und goß Spiritus in den Brenner, nahm aus einer Büchse gemahlenen Kaffee und schickte sich an, den Kaffee zu bereiten, von dem sie gesprochen.
Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen Händen nach, und plötzlich schienen ihr die Hände des lautlosen Mannes, die da am Tisch handelten, die gespensterhaften Hände eines Traumwandlers zu sein. Und sie fühlte mit den Augen einer liebenden Frau, wie das Herz dessen, der da umherging, nicht im Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder bestürzt und ratlos und fühlte, daß Gespenster umgingen hier im Zimmer zur Stunde der Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein gesagt hatte. Zugleich wußte sie auch, daß ihr Mann sie niemals belügen konnte. Und sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschmückten Zimmers, wo sie den, den sie liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst saß er dort auf dem Sofa. Auch sein Rauchen war unnatürlich und gezwungen. Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die da unter dem Kessel leise sauste, und dabei schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen. Seine Ohren schienen auf die summende Kaffeemaschine zu lauschen und schienen doch noch anderes zu hören. Seine eine Hand aber streichelte unausgesetzt und wie abwesend den Deckel des Buches, das vor ihm lag. Und mit eifersüchtigem Liebessinn wurde die Frau von jenem Buche angezogen. Und als das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an die Maschine trat, um den Kaffee in die Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das Buch vom Tisch an sich. Sie blätterte darin und erkannte sofort, daß es Balladen waren, die jene junge Verwandte, die sie daheim hatte, immer las und vortrug.
Sie wußte jetzt mit raschem Gedankengang plötzlich, wer das Gespenst war, wer das junge Mädchen war, das um die Stunde der Maus im Zimmer ihres Mannes umging.
Sie fühlte, daß seine Gedanken nur bei jener Verwandten weilten, und sie wurde zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen Augenblicken, da er das Mädchen zur Nachtwache im Provinzladen aufgesucht, daheim schon betrogen.
Als der Mann mit der gefüllten Kaffeetasse zu ihr ans Bett trat, wies sie den Kaffee zurück, wandte das Gesicht gegen die Wand und brach in Schluchzen aus. Und auf seine Fragen stürzten ihr Vorwürfe über die Lippen. Aber er konnte ruhig entgegnen, daß kein Wort und nichts zwischen ihm und jenem Mädchen ausgetauscht worden war, was seine Treue hätte in Frage stellen können.
»Es muß aber doch etwas zwischen euch gewesen sein,« fuhr die Frau hartnäckig fort, »denn ich erinnere mich jetzt, daß du ganz plötzlich deine Aufsicht über die Nachtwachen im Laden abgebrochen hast. Sage mir, was war das letzte Wort, das ihr dort zusammen spracht?«
»Ich sagte ihr, daß ich glücklich, sehr glücklich verheiratet bin,« erwiderte der Mann nach einigem Nachdenken.
Die Frau sah erstaunt mit tränendem Gesicht zu ihm auf und sagte: »Ich glaube dir's. Aber ich weiß doch, daß sie allein das Gespenst ist, das nach Mitternacht hier umgeht. Kannst du mir wirklich versichern, daß du alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und alle Dinge im Zimmer nur für mich und dich gekauft hast und die andere im Geist niemals neben dir hast sitzen sehen?«
Da sagte er einfach und langsam: »Wenn ich jetzt um diese Stunde an das Mädchen erinnert werde, wird es mir klar, daß ich alles, was du hier siehst, eingekauft habe, um sie und nicht dich zu empfangen. In allen andern Stunden wußte ich nichts davon.«
Da weinte die Frau. Und als ihr Mann sich neben sie aufs Bett setzte und die seidene Decke über sie legte, stieß sie die Decke heftig zurück. Und ihm war es, als habe sie mit dieser Bewegung nach dem Mädchen gestoßen, das er neben ihr heimlich liebte.
Da löste sich sein geknebeltes Herz auf. Und er ging und setzte sich in eine entfernte Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit den beiden Händen.
Gegen Morgen, als das Geräusch der vorüberfahrenden Milchwagen und der ersten Straßenbahn die Fensterscheiben leise klirren machte, rief die Frau vom Bett aus ihres Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr trat, brach sie wieder in Weinen aus.
»Es ist dir nichts geschehen und wird dir nichts geschehen, denn ich werde mich nie diesem Mädchen verraten. Meine Gedanken an sie werden mit der Zeit erkalten müssen. Wenn du mich nicht an sie verrätst, werde ich sie vergessen können.«
Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen würde, dem Mädchen, das so unschuldig war wie ihr Mann, nicht gram sein zu wollen und über alles zu schweigen, was sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er wußte, was sie versprochen habe, würde sie auch halten.
Nachdem die Frau wieder abgereist war, nahm der Mann bald ein Bild nach dem andern von den Wänden herab und rückte die Vasen in eine Ecke eines hohen Schrankes, wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene Decke zusammen und packte sie fort. Auch die Balladenbücher nahm er vom Brett und legte sie in eine Schublade, die er verschloß. Denn seit jener Aussprache in der Silvesternacht war der Geist des Mädchens, der sonst um die Stunde der Maus in seinem Herzen schwül umgegangen war, von ihm ferngeblieben, und die stille Leidenschaft starb in dem Mann allmählich ab. Der Händler ging eifrig seinen Geschäften nach, vermied es, die Abende allein zu verbringen, suchte Freunde und Bekannte auf und schien allmählich vollständig zu genesen von dem Liebesalp, der ihn so lange heimlich bedrückt hatte.
Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, worin seine Frau ihn bat, schleunigst nach Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten ein schweres Unglück zugestoßen wäre.
Der Mann zitterte einen Augenblick, als er das Papier mit der Nachricht in den Händen hielt. Dann aber machte er sich kühl und hart gegen alte auflodernde Gefühle und reiste mit dem nächsten Zug nach Hause.
Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen und schluchzte an seinem Hals und sagte ihm, daß das junge Mädchen durch einen plötzlichen Unfall getötet worden war. Dabei aber stotterte sie:
»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem Tod. Aber ich schwöre dir, ich bin unschuldig.«
Der Mann erstaunte und fragte, welches Unglück sich ereignet habe, und hörte dann von der schluchzenden Frau, daß das Mädchen durch einen unvorsichtigen Schritt in die geöffnete Falltür, die sich im Fußboden des Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie eben die Nachtwache antreten wollte, in den tiefen Keller gestürzt war, auf dessen mit Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglückliche mit gebrochenem Rückgrat tot aufgefunden hatte.
»Aber wer hat denn die Tür in den Keller aufstehen lassen?« fragte der Südfrüchtenhändler entsetzt.
Die Frau verbarg das Gesicht an seiner Brust und schluchzte von neuem:
»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an ihrem Tode schuld, aber ich habe ihn nicht absichtlich verschuldet.«
Da durchlief den Mann ein Schauder, und er zog sich aus der Umarmung seiner Frau zurück.
Sie aber klammerte sich fest an ihn und rief verzweifelt: »Als es mir plötzlich einfiel, daß ich die Kellertür offen gelassen hatte, bin ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus gestürzt und habe ihr nachgerufen, sie solle nicht in den Laden gehen, da die Falltür zu dem Keller offen wäre. Im selben Augenblick aber hörte ich schon einen Schreckensruf und den polternden Aufschlag eines Körpers im tiefen Gewölbe.«
Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte in ihre beiden Hände. Und als sie nach einer Weile wieder aufsah, war das Zimmer leer.
Sie glaubte, der Mann wäre auf den Kirchhof in die Leichenhalle gegangen, um das Mädchen noch einmal zu sehen. Aber er war, ohne Abschied zu nehmen, in sein Geschäft in der Hafenstadt zurückgereist und ließ seine Frau deutlich fühlen, daß er es nicht glauben konnte, sie habe die Falltür ohne Absicht offenstehen lassen.
Gleich nach der Beerdigung des Mädchens reiste sie zu ihm und erklärte ihm noch einmal, daß sie unschuldig wäre. Er aber ging wieder aus dem Zimmer und wollte nicht mit ihr sprechen.
Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurück, verzweifelt darüber, daß sie ihren Mann nicht zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte.
Von dem ausgestandenen Schrecken und von dem Schweigen ihres fernen Mannes gefoltert, wurde sie immer schwächer und erkrankte zuletzt an einem Gehirnfieber.
Eines Tages erhielt der Südfrüchtenhändler einen Eilbrief von einem Arzt, der ihn aufforderte, schleunigst zu kommen, wenn er seine Frau noch am Leben finden wollte, denn ihre Stunden wären gezählt.
Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte ihn nicht mehr. Der Arzt sagte, er solle sich an ihr Bett niedersetzen, es wäre möglich, daß sie kurz vor dem Sterben zum Bewußtsein kommen und ihn erkennen würde.
Da saß er nun und hörte die Fiebergespräche, in denen sie immer wieder die Worte wiederholte, daß sie unschuldig wäre. Aber er konnte es doch nicht glauben. Sie hat aus Eifersucht getötet, sagte er zu sich selbst.
Plötzlich richtete sich die Fiebernde im Bett auf und erkannte ihren Mann.
»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief sie erleichtert aus.
Da sah er in ihre Augen, und beim Ton ihrer Stimme mußte er glauben, daß sie unschuldig war am Tod der andern.
Und er bat in seinem Herzen das Schicksal um ein Wunder: Die Sterbende soll leben bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig ist, sagte er in seinem Schweigen.
Er sah ihr fest ins Auge und beschwor ihr fliehendes Leben mit seinem innersten Wunsch.
»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir haben beide keine Schuld und wollen glücklich und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu der Kranken, deren Kopf erschöpft auf die Seite sank, während ihre Augen ihn halbverklärt betrachteten.
»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, will ich mit dir glücklich sein wie früher,« sagte die Frau mit schwacher Stimme.
Seine Hände betteten ihren Kopf sorgsam in die Kissen. Er wachte dann zwölf Stunden an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt er ihre Hände in seinen Händen.
Nach zwölf Stunden schlug die Frau einen Augenblick die Augen auf, und als sie sein Gesicht neben sich sah, lächelte sie.
»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie schloß wieder die Augen und schlief noch einmal zwölf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten Stunde saß der Mann immer noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hände fest wie in der ersten Stunde.
Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn immer noch neben sich sah, war sie glücklich und gestärkt und fühlte, daß sie zum Leben zurückkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit der Hand über die Augen ihres Mannes. Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, und er schlief ein, und sie schliefen beide noch einmal zwölf Stunden.
Dann erwachte sie gesund und gestärkt. Und seit dieser Stunde war bei ihnen alles Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde von jetzt ab glücklich wie in den ersten Jahren ihrer Ehe.
Die Kurzsichtige und
der Komet
Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel mit bloßen Augen zu sehen sein sollte, später in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.
In jenem Winter sah man täglich um die fünfte Abendstunde die Leute mit Operngläsern in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen von Berlin sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und lärmend wie immer auf dem Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen der Verkehr. Die Leute schoben und drängten und standen den Eilenden im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.
Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen für mich zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort über den Kaffeehäusern und über den Dächern der Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten des Nachthimmels.
Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Straßenbahn nach dem südlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu können.
Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus der Straßenbahn stieg, bemerkte ich, daß viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den Parkwegen hügelaufwärts und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es war ein allgemeines Wandern, als wäre da oben ein Jahrmarkt.
Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee lag in dünner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und der klare, eisige Winterhimmel war trotz der späten Stunde noch leicht hell und schimmerte zwischen den finstern Bäumen.
Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen künstlichen aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen mit lautem Gelächter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vorüber, und die jungen Mädchen, in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen Zurufen; und mancher zündete ein Streichholz an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe zu beleuchten.
Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald oben, auf der Höhe des Hügels unter den Bäumen eines verschneiten Grasplanes wohl hundert Menschen, die über die Häuserwelt von Berlin wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne untergegangen war und ein Stückchen vom zunehmenden Mond blinkte.
Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich fände, alle aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen wünschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen. Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde. Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel, auf diesem Hügel, der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins wie eine Insel zwischen Wellenkämmen lag.
Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen und Fernrohre. Man half sich, im nächtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die Augen als Füße dienten, und man unterstützte sich gegenseitig hilfreich im Lustwandeln am Nachtfirmament.
Manche Pärchen sonderten sich ab und setzten sich trotz Kälte und Schnee auf einsame Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen.
Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten, und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.
Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten von früheren Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben ihre Weisheit dazu.
Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Straßenzüge mit unzähligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte man von der großen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein gespenstiger Körper rund um den Hügel, ein Körper, der sich ins Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen schien.
Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm eines Kiefernbaumes gestemmt hatte.
Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedränge der Menschen. Nur der Himmel über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.
Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit entrückt, müßten auf irgendeinem Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in Höhen, wo sich keine Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der Ewigkeit in uns und um uns...
Schatten gingen und neue Schatten kamen über den weißen, leicht beschneiten Grasflächen. Menschen lösten sich aus Bäumen, und andere schienen in Bäume zu verschwinden.
Der Schnee, der fein bläulich schimmerte wie eine Phosphormasse, schien mir aus weißen, eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und über denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.
Sobald wir vergessen können, sind wir selbst nicht mehr und werden unendliches Gefühl ohne Wissen...
Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten über den Schnee kommen, und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in meiner Vergangenheit lagen, in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im Rückblick Jugend nennen.
Wer kann aber sagen, daß er jemals altert!
Die zierliche kleine Dame kam näher, und ich sah, wie sie sich bückte. Zu beiden Seiten ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der Hand hielt.
Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen Stamm gestützt ich meinen Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm anbinden.
An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, daß sie noch immer sehr kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden müssen.
Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe, und wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen.
Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus den Augen verloren, und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich die beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht würden die Erinnerungen, die wir aufwühlen mußten, Martern werden.
Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und weiß niemals, wie tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib, von dem wir wissen, daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber wir schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib plötzlich im Blut Sehnsüchte wie Abgründe öffnen kann.
Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht mit Maßstäben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergründen sind. In seiner Unbegreiflichkeit ergänzt der sterbliche Teil den ewigen Teil.
Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame grüßen oder sollte ich ihr ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der Höhe meiner Hüfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen und wollte einige Schritte weitergehen.
Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die Dame ihre Foxterrier an meinen Spazierstock, den sie wohl für einen Baumast hielt, festband.
Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, während mich der eine Hund beschnüffelte und der andere an seine Herrin hochsprang.
Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit vertieft und band die Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten, sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich überzeugt, daß er fest genug war, um die beiden Hunde zu halten.
Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie hielt mich eben für einen der vielen Herumstehenden, die nach dem Kometen suchten.
Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle kurzsichtigen Abenteuer jener Dame.
Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen hatte, und zugleich baumelte an einer langen Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus früheren Jahren kannte.
Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden geboten hatte, sich niederzulegen.
Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und ich mußte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum stützen und hatte alle Mühe, meinen Spazierstock festzuhalten.
Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu, und da sie glaubte, daß sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbehälter nahm.
Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug über den Schnee fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren ihre Namen zu. Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kläffen ein, beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander.
Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen wieder abgeholt wurden.
Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der Hügelfläche gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das Lorgnon nahm und dann wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu suchen und unter den Sternen am Himmel.
Es war eine Unruhe über ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit auszugehen schien. Und während alle Leute den Kometen im Westen finden wollten, hatte sie sich allein nach der östlichen Himmelsrichtung gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte. —
Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt.
Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse des Café Josti am Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit. Frühlingslebhaftigkeit war über allen Menschen. Blumenverkäuferinnen mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten Körben draußen vor der Terrassenbrüstung neben den Zeitungsverkäufern. Damen mit neuen Sommerhüten und Herren mit neuen Strohhüten spazierten, eilten und schlenderten vorüber.
Die langen Reihen der Straßenbahnen, die Autos und Lastkarren stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten Straßenmündungen die weißbehandschuhte Hand hob.
Ich sah zufällig über den Platz hin und bemerkte, daß ein Schutzmann eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm überschreiten wollte, herübergeleitete, und daß die Dame, am Trottoirrand angekommen, ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben.
Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte Schutzmann aber grüßte nur kurz und ließ die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und darüber etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie nun einmal in der Hand hielt, einer Blumenverkäuferin.
Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen Moosrosensträußchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strauß aus ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum Eingang der Terrasse des Cafés. Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht, wem sie das Sträußchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.
Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Cafés ein. Dort zog er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich und reichte der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ sie ihn mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich für einen Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die Überreichung des Sträußchens bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die Dame die wenigen Stufen zur Caféhausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise nach meinem Tisch hin.
Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen, über und neben den Köpfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen aufmerksam verfolgt.
Und nun saß sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und säuberte eifrig die Gläser ihres Lorgnons.
Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, daß ein großer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr Gesicht verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war mild und blaß, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die Welt, ohne die Welt genau zu sehen.
Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und müsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre Augen verlassen.
Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber in meiner Zeitung weiter und wurde für ein paar Augenblicke von einem Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben mir meine Limonade aus meinem Glase.
Ich rührte mich nicht und ließ die Dame im Glauben, daß das ihre Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich über sich ärgerte. Ich dachte, sie würde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine Entschuldigung vorbringen. Sie aber ließ ihr Lorgnon fallen, zuckte mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch unverschämt.« Dann stand sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen hingestreckt hatten, hinter sich her und verließ offensichtlich geärgert die Terrasse.
In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, daß ihr Taschentuch von ihrem Schoß unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, daß ich mich nicht gleich bücken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die Dame kenne, die eben da gesessen.
»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in Gedanken unsere Getränkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß sie geglaubt hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musikschülerin, und ich sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkasten vorübergehen. Sie muß hier in der Nähe wohnen.«
Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der jungen Dame selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal wieder sehen sollte.
Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr um die selbe Stunde, traf ich die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.
Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer Straßenecke.
Ich war auf der anderen Seite der Straße und mußte einige Automobile vorüberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten konnte. Als ich dann durch das Wagengedränge hinüberkam, sah ich, wie die Dame, immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Straße ging. Dort mußte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus.
Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz klopfte ein wenig, als ich überlegte, mit welchen Worten ich ihr das Taschentuch überreichen sollte hier an der Straßenecke. Wahrscheinlich würde sie mich gar nicht anhören, wenn ich mich verbeugen und meinen Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich kurz angebunden stehen lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten Rosenstrauß hatte stehen lassen.
Nur wenige Augenblicke überlegte ich das alles und stellte mir vor: wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich mich zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres grünseidenen Sonnenschirms.
Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die meisten Leute, die an der Dame vorübergegangen waren und um jene Straßenecke bogen, sich erstaunt, verblüfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch verborgen war, umsahen.
Es war doch nicht möglich, daß sie alle diese Leute kannte! Auch sah ich nicht, daß ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt hatte. Einige sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die über den weißen Asphalt der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, wo sie stand.
Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu sehen, fragte ich mich.
Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren Mörtel für mich nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte, mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem Schaufenster getan hatte.
In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben, vorübergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.
Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte tief in Gedanken sein, und weil sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche zu sehen.
Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewußt zu werden, daß die Wand leer war.
Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden gewartet haben. Mit demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden war, trennte sie sich plötzlich von der leeren Wand, erleuchtet von einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht vor dem grausamen Lächeln der anderen. Sie überquerte den Fahrdamm und trat drüben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein.
Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, und ich beeilte mich nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang gemerkt, daß sie in dieser Straße zu Hause war. Sie schien immer zu dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen.
Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald ihren Namen erfahren würde, ohne sie danach gefragt zu haben.
Einen Tag später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß von dem Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren von den Füßen der Straßengänger in den Rinnstein geschoben worden. Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Straße, wie weiße, kleine Gondeln.
Als ich eben an der Haustüre, wo das letzte Visitenkartenhäufchen lag, vorübergehen wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat heraus, die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mußte. Sie schlug die Hände zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und als sie mich auch staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause wohne eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, daß sie alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haustüre verloren habe. Die Schachtel, die seitlich zu öffnen gewesen, habe sie leer nach Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das Päckchen zusammengehalten hatte. Die Dame schäme sich nun fürchterlich oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten, hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen.
Ich benützte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich im Café hatte liegen lassen.
»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin ihre Taschentücher verschwinden. Aber über die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher zerstreut.«
Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe.
Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fräulein habe die gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und Küche. Die Häuser seien Zwillingshäuser und hätten dieselbe Einteilung.
Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor einigen Wochen jemand nachts um zwölf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen, am Schloß meiner Flurtür mit einem Schlüssel herumgestochert hatte. Erst hatte ich geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war mir das Geräusch doch zu selbstverständlich erschienen, und ich dachte, es müßte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin weiter erzählte, daß die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren verwechselt hätte, wußte ich, daß es die Kurzsichtige gewesen war, die mich an meiner Tür erschreckt hatte.
Am nächsten Nachmittag war schönes Wetter, und ich stellte mich ans Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu beobachten. Sie kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche schob und langsamen Schrittes am Bürgersteig hinging bis zum nächsten Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten, sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte.
Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie überschritt die Straße und ging in eine Konditorei, wo sie in einem stillen Hinterzimmer ungestört ihren Nachmittagskaffee trinken wollte.
Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr bald vermissen! Ich muß ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr in die Konditorei bringen.
Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, harmlos und gedankenvoll, scheinbar immer der Welt entrückt.
Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten in seine große braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich hätte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den Briefkasten gesteckt.
Er begriff mich erst nicht, und ich mußte meine Rede wiederholen. Dann lachte er, und mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis zu Fuß ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, händigte er mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und abgenütztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte.
In der Konditorei drüben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung sitzend.
Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber die Hausmeisterin mußte ihr erzählt haben, daß ich ihr Taschentuch aufgehoben hatte.
»Können Sie denn meinen Brief schon haben?« fragte sie. Bin ich denn stundenlang hier gesessen und weiß es gar nicht? setzten ihre unruhigen Augen hinzu.
»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.«
»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?« stieß sie gequält hervor und sank auf einen Stuhl.
»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und zwang mich, ein möglichst harmloses Gesicht zu machen.
Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine blitzartige Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern hörte.
Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und für das Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, daß sie einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort »unverschämt« sei ihr aber entfahren, weil sie mich für jenen Herrn gehalten habe, der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß am Eingang des Cafés angeboten. Sie hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen würden.
Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre Kurzsichtigkeit und ihre Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe.
Das wußte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik, von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte geworden.
Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer Säule ein Springbrunnen plätscherte, um den Wassergläser standen, die zum Kaffee gereicht wurden.
Der Springbrunnen störte mich ein wenig mit seinem plätschernden Laut, der so einförmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, daß während unseres Gespräches die kurzsichtige Dame öfters leicht bekümmert zur Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten Tage.
Ich hielt das für eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem.
Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie sagte, daß sie das Wetter erst abwarten wollte.
Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes Gewitter kommen und fürchte sich zu Hause allein zu sein.
Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vorüberkam — es war inzwischen kein Unwetter gewesen, schöner stiller Himmel und Sommerabend voll Sterne und Klarheit —, da stand der Konditor unter der Türe und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte:
»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«
»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt.
»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim Geräusch von meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, und hat Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte, von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen Flecken bekommen könnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer Hausmeisterin hinübergeschickt und hat sich ihren Schirm holen lassen. Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gnädige Fräulein bei dem schönen klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir waren ebenfalls sehr erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert entdeckte, daß kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz wütend über sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich ärgerlich, daß sie den schönen Abend im Laden verbracht und den plätschernden Springbrunnen für einen Regen gehalten hatte.«
Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal befragte, ob sie sich nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn sie so in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen Schutz ich mich immer empfehle.«
»Was ist das für ein Gott?« fragte ich.
»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines Lachen, das ihr sehr gut stand.
Unter anderem war ihr auch einmal passiert, daß sie nach einem Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen großen silbernen Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie aufmerksam gemacht, daß sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand.
Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend, da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer Straße. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas ereignet hätte, was sie kopflos machte.
Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte, lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre.
Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt zu haben.
Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden.
Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren. Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn hinwegzusteigen.
Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken und fortzuweisen.
Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend stiegen wir zusammen hinauf.
In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten Eindringling zu stören, ging ich allein höher.
Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen Menschen gehalten haben.
Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.
Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen, daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen Augenblick bei ihr einzutreten.
Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich, daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.
Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu und half ihr.
Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte.
Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung sagte sie:
»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf gestohlen.«
Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte, sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott der Idioten ausgeliefert habe.
Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen konnte.
Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen.
Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben, das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten. Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.
Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer, denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit erinnert wurde. —
Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest.
Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.
Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und ihm denselben vertraulich an die Brust warf.
Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den beiden Tieren: »Lauft!«
Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich niedersetzte.
Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen.
Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst die Hunde an die Luft angebunden haben.«
Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht zum Lachen.
Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen. Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein.
Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die Zweige der Tanne an.
Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich getäuscht haben müsse.
»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern.
»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann.
»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern wieder passiert ist!«
Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr Begleiter sich neben sie setzte.
»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben, und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche, Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen, denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor Schrecken und rannte davon.
In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.«
Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein. Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:
»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.«
»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand auf.
Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:
»Ich habe den Kometen gefunden!«
Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so schnell, wie er einmal kam.«