Die Goldberge

Lud Uhlenbrook hatte ein Grab geschaufelt. Frühling der Mörder — mit allem, was nur noch wenig Leben hat, macht er ohn Erbarmen kurzen Prozeß.

Auf dem Kirchhof war der Alte mit Lona zusammengetroffen. Sie begleitete ihn nach Hause. Es gab sonst in ihren Gesprächen keine Politik. Aber hier, wo die Luft und alles, was sie atmete, mit Hochspannung geladen war, sprach die Politik von selbst.

„Kommt nun der Streik?“ fragte der Alte.

„Er kommt.“

„Hier auch?“

„Hier zuerst.“

„Und hier haben die Leute es noch am besten.“

„Eben deshalb zuerst hier.“

Da blickte der alte Lud nun doch in dunkle, ihm unbehagliche Gründe, und er schüttelte den Kopf. Aber er rührte nie an anderer Leute Glauben und Tun, und ließ sich selbst nicht daran rühren.

„So viel kann ich Euch sagen, ich mache nicht mit.“

„Lud“ — dies ungleiche Paar nannte sich beim Vornamen und duzte sich — „hier gibt es nur ein entweder oder!“

„Dann also oder.“

„Und damit stehst Du auf der Seite der andern.“

„Ich steh für mich allein.“

„Das gibt es nicht. Ein Allein gibt es nicht. Denn hier ist Krieg, und hier ist Feind und Freund. Du aber bist unser Freund — der Freund der Unterdrückten — Du selbst ein Mißhandelter.“

Sie war nun anders, sie rührte schon an den Glauben anderer mit ihrem Fanatismus, der ganz von selbst Proselyten machen mußte. Und der Hochschwall der Propaganda brach über den Alten herein.

Er schüttelte Schopf und Fell und sprühte den Wasserfall wieder von sich. „Ich hab jetzt ’ne Arbeit, die mir Spaß macht. Und darum bleibe ich bei der Arbeit. Ich zeig den Siedlern, was Torf ist. Und die Jungs mag ich leiden.“

Sie rannte nicht mehr an gegen diesen eigenwilligen Zyklopen. Er hatte seine Höhle, die Einsamkeit. Wenn man ihn störte, kroch er in den Schlund. Aber ihre Wut durfte sie befeuern gegen die Siedler, sie, die gefährlichsten der Gegner, die festesten, die gewappneten und bewehrten.

In der letzten Zusammenkunft, als der Haß gegen diesen Trupp der Reaktion die Gemüter aufwühlte, hatte Genosse Knubart, der lauernd Schläfrige mit der viereckigen Stirn und der sichernden Nase, in seiner lässigen Art bemerkt: „Ihre Burg ist eine Holzbaracke. Und Holz brennt so leicht!“

Seit der Zeit fieberte der Gedanke in ihr: den roten Hahn ihnen aufs Pappdach! Ein paar Handgranaten, geworfen in der Nacht bei Frühlingssturm —! —

Wie standen diese Männer ihr im Wege bei dem Werk ihrer langsamen, kalten Rache an dem Zerstörer ihres Lebens — nicht weniger als bei der großen Tat der Volkserneuerung.

Lud, der gute, fühlte es, wie die giftige Glut wieder in ihr auflohen wollte. Er nahm mit seiner vollen zärtlichen Pranke ihren Arm. „So, Lütt, jetzt kommst Du mit rein, wir kochen uns einen Sonntagsnachmittagskaffee. Und Du läßt Dir vom Moor etwas vormusizieren.“

Als sie beisammensaßen, klopfte es, und Horst trat in die Stube. Der Alte, der ihm zugetan war, hieß ihn herzlich willkommen. So setzte er sich zu ihnen. Zuerst heizten sie mit Torf die Unterhaltung. Horst brachte eine gute Nachricht. Die alte Schlickeysensche Torfmaschine, die lange unbrauchbar gelegen hatte, weil niemand hatte entdecken können, was ihr eigentlich fehlte, war von einem seiner Leute wieder instand gesetzt worden. Jetzt konnten sie also kräftig ins Zeug gehen!

Horst war fröhlich und frisch. Mit einer kleinen bewußten Grausamkeit ließ er diesen Erfolg der Siedlung ausklingen. Er wußte, daß alles, was mit ihr zusammenhing, Lona zuwider war, die abgekehrt und verschlossen dasaß. Mit diesem hochmütigen Gesicht und den in sich gekehrten, den umgekehrten Augen, die er kannte. Sein Frohmut sollte der Abhängigkeit wehren.

Das Weib in ihr hatte längst gespürt, daß sie auf ihn wirkte. Ebensogut empfand sie, wie er jetzt dieser Wirkung widerstrebte. Daß er sich schützen wollte, bestärkte sie im Bewußtsein ihrer Machtmittel. Aber sie war nicht verschlagen, nicht verschmitzt und tückisch genug, um erotische Listen in den politischen Kampf zu tragen. Judithregungen kleineren oder größeren Formats lagen ihrer Natur fern. Ehrlich wie ihr Schmerz um den getöteten Freund, ehrlich wie ihre kommunistische Überzeugung war ihre Feindschaft, ihr Haß, ihre Rachsucht. Vielleicht, daß aus dieser Wahrhaftigkeit die Kraft stammte, der Horst sich nicht entziehen konnte.

Schon war sein Mitleid wieder obenauf, stärker als der Hang, an ihrem Hochmut, dem unleidlichen, sich auszulassen. Und wieder lockten ihn die Geheimnisse ihres Wesens, ihres Lebens, ihres Wirkens.

Heut brech ich den Bann! Ist sie nicht auch ein Mensch, ein Weib, ein junges Weib — mehr als Dogma, als Klage, als Anklage und Rache? Atmet sie nicht den Frühling wie wir? In dieser Breite, die ihre Heimat ist!

Wer kann von der Heimat sich lösen? Niemand, auch sie nicht. Hat etwas die Macht, diesen einen Klang in uns auszulöschen? Nichts auf der Welt, kein Unglaube, kein Glaube, kein Fanatismus in Gedanken und Gefühlen, keine Ekstase, keine Verdumpfung — selbst in unsern Wahnsinn tönt der Klang hinein. Und mag sie noch so gefangen sitzen in ihrem starren System — was sind Mauern für diesen Klang?

Sie ist in der Heimat, die vom Frühling erschauert. Was bleibt bestehen von der Welt, die sie sich aufgebaut hat in der künstlichen Mühsal keuchender Gedanken! Hier ist nun einer, der den Frühling Deiner Heimat mit Dir atmet — er pocht an Deine Verschlossenheit. Wird ihm nicht aufgetan?

Sprichst Du nicht mit deutscher Zunge wie er? Ist nicht in Dir wie in ihm deutsches Leben — ob es an ungleich gestimmte Saiten rührt? Sind nicht beide in Not, er wie Du! Sind beide nicht Suchende, Klimmende, Steigende — wenn auch auf verschiedenen Wegen, wenn für den einen der andere auch in die Irre geht!

Und vor Horst leben die Worte Gisberts auf — was reden wir immer und immer von den Unterschieden! Das Gemeinsame sollen wir suchen, des Gemeinsamen sollen wir uns bewußt sein, immer und immer!

Du sprichst deutsch und ich spreche deutsch — wir sollten nicht miteinander sprechen können? Und Horst richtet das Wort an Lona.

„Kennen Sie unsere Goldberge hier?“

„Ja.“

„Haben Sie sich einmal von da oben die Welt angesehen, jetzt im Frühlingsglanz?“

„Nein.“

„Das sollten Sie tun. Die See — das Dünengelände — die gotischen Türme der Stadt — all die Dörfer, eingebettet in Gärten — ein Schimmer von Grün haucht schon aus dem Grau. Und wie hierher nach Westen das hüglige Feld in die Moorniederung verrinnt — man sieht nicht viel so Schönes in unserm Norden.“

Sie ging artig darauf ein, wenn auch kühl und freudlos. „Damit machen Sie einem beinahe Lust. Leider aber bin ich so einigermaßen landschaftsblind.“

„Das glaube ich nicht.“

„Nicht?“

„Nein. Weil Sie doch in der Musik leben.“

Sie stutzte. Was weißt Du und was willst Du von mir? Dann ging sie den Zusammenhängen in seinen letzten Worten nach.

Horst aber, da er jetzt bei „musikalisch“ war: „Uhlenbrook — Meister — die Goldberge klingen ja — deutlich hab ich das gehört!“ Jungenaugen glänzten dazu, wie voll von leuchtendem Märchenschreck.

„Wenn Sie das gehört haben,“ sagte der Alte, „dann sind Sie auch einer von den Erlesenen.“

„Erlesen? Wozu?“

„Jetzt will ich Euch erzählen, was das mit den Goldbergen ist.“ Wie die Sage saß er in seiner Tabakswolke. „Da liegt ein König begraben, ein Heerkönig, ein Seekönig. Der Mächtigste, den es gegeben hat. Der Reichste an Taten, an Ehren und an Schätzen. Alle Meere hat er befahren, von allen Küsten brachte er Gold und Gut nach Hause. Das deutsche Meer aber war sein Reich, hier durfte niemand fahren ohne seinen Willen. Mehr Jahre hat er gesehen, als die anderen Menschen und war darum auch weiser als sie. Und wie es zum Sterben mit ihm ging, da befahl er, daß alle seine Schätze mit ihm ins Grab gesenkt würden. Schätze darf man erwerben, aber nicht vererben. Er sah seinen Nachfolger — und sah den Verfall seines Reichs. Mit einem Fluch über jede gierige Hand, die an das begrabene Gold rühren würde, streckte er sich auf sein Sterbelager. Denen aber, die nichts für sich selber wollen und begehren, die alles, was sie selber haben und selber sind, dem Volke darbringen, denen klingen die Stimmen aus dem Grunde. Denen singt das versenkte Gold. Ihre reinen Hände sollen es heben, ihnen soll es die Macht mehren, daß sie dem Volke helfen zu alter Herrlichkeit.“

Horst überlief es wie leise zitternde Runen. Lona aber blickte wieder voll Hohn.

„Und das Reich des alten Königs zerfiel. Und das deutsche Meer war nicht mehr deutsch. Sein Nachfolger wollte mit habsüchtigen Händen die Schätze sich heraufholen, da erschlug ihn ein Nebenbuhler. Den aber meuchelte ein anderer. Die Herrlichkeit kam nicht wieder herauf. Weil die Sinne gierig waren und die Hände nicht rein. Und wie um den Kyffhäuser die Raben, fliegen die Raubmöven um diesen Berg. Wenn aber eines Menschen Fuß seine Höhe betritt, zu altheiligen Zeiten, zu Frühlingsanfang, zur Tag- und Nachtgleiche, in der Thomasnacht, der längsten des Jahres, der ersten der wilden Nächte — und es tönt dann das Klingen zu ihm auf, so ergeht an ihn der Ruf. Zum Helfer bist Du erkoren! Bleib getreu und halte Dich bereit!“

Bleib getreu und halte Dich bereit, so klang es nach in Horst. Und ihn störten ganz und gar nicht Lonas hochgezogene Lippen.

Sie schwiegen eine Weile. Jeder blieb bei seinen Gedanken. Das deutsche Meer soll wieder deutsch werden! so flammte und lebte es in Horst.

Jetzt nimmt Lona das Wort. „Es spricht ja wohl so mancherlei für den alten Herrn Deiner Sage. Obwohl sein großartiger Standpunkt: das Gold ist verflucht, stiehl Du also möglich viel für Dich zusammen, damit es den andern nicht schadet — obwohl dieser Standpunkt ein Maß von Edelmut bekundet, wie ihn nur der Kapitalismus aufbringen kann. Im übrigen — warum die Deutung seines Vermächtnisses nun gerade in Patriotismus und in Hurra auslaufen muß? Reine Hände und das Wohl der Gemeinschaft — was heißt das anderes, als daß sich niemand mit eigenem Besitz besudeln soll!“

Über Horst leuchtete eitel Friedfertigkeit. „Ist das nicht das Wundervolle an unseren Sagen, daß sie mehr sind als ihre Deutungen? Daß sie alle beschenken, alle beglücken!“

Lona gab nichts darauf. Sie lehnte sich zurück und sagte dann in ihrer laschen Überlegenheit: „Der eine Gedanke, muß ich ja sagen, macht mir gerade hierbei ganz besonderen Spaß. Wie Ihr Teutonen immer über die Juden herzieht mit ihrem goldenen Kalb. Und über ihre Psalter mit dem Golde aus Reich Arabien. Seht Euch doch einmal Eure eigenen Überlieferungen an. Um was geht es denn bei Euch? Nur und immer! Da ist das Rheingold — da ist der Nibelungenhort. Im Waltarilied — diese begeisternden Kämpfe Eurer Urzeithelden, in denen sie sich frohlockend Arme und Beine glatt mit dem Schwerte abschlagen, um was werden diese Heldenkämpfe geführt? Um den Hunnenschatz, den der edle Walter dem alten Etzel ausgespannt hat. Und dann im ganzen Mittelalter, diese König- und Kaiserkämpfe! Wer den Kronschatz hat, hat auch die Mannentreue. Die Geschichte dieses Buschkleppertums — läuft sie nicht weiter durch die folgenden Jahrhunderte? Und geht es nicht in derselben Tonart fort bis in unsere Tage? Was sagt Ihr dazu, Ihr Weisen aus dem Abendlande? Wie heißt doch Euer Sprichwort? Treu wie Gold!“

Verdrossen winkte sie selber sich ab, und Horst hatte keine Neigung nun groß sein Streitroß aufzuschirren. Wogegen? Gegen eine blendende äußere Dialektik, die an dem tieferen Wesen der Dinge vorbeijongliert?

Er sagte nur ein bedächtiges Wort, das nicht angriff: „Solange das Gold konzentriertes Brot ist —! Und solange der Mensch Brot zum Leben nötig hat —! Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Sie wollten beide nicht die Klingen kreuzen. Auch in ihr kam eine Sehnsucht nach Stille auf, eine Lust, sich zu dehnen und die leisen Schwingungen des Frühlings aufzunehmen wie ein streichelndes Heilmittel für die wehen Nerven und das müde Blut.

Lud Uhlenbrook hatte die Blicke auf seinem Moor. Dabei stöhnte er unsäglich. So brüllt nur das Glück. Rehwild zog äsend an dem Waldrande hin. Durch die leichten Zirruswolken streute die Nachmittagssonne wehende Lichter wie Blütenflocken auf den grünlichen Dämmer der erwachenden Gräser. Fröhlich kreisend schwangen sich Kibitze über den Wiesen.

Der Alte paffte seinen Knasterdampf vor sich. Dadurch sah ihm seine Welt noch zauberhafter aus. Mit einer fröhlich herben Absage an die beiden: „Wenn ich dies hier habe — was geht mich das da draußen an! Ich pfeif auf Euren Kram! Schlagt Euch die Köpfe ein, daß ich was zu begraben kriege! Der Moordeubel bin ich, und der Torfdeubel bleib ich und dem lieben Gott sein Lieblingsdeubel dazu! So — und wenn einer gegen mein Moor was sagt —! —“

Lona regte sich. „Ich sag was, Lud Uhlenbrook. Du stehst vor Deinem Moor wie der Ausrufer vor seiner Schaubude. Aber lauter Freud und Wonne ist es wirklich nicht mit ihm. Ich bin da vor kurzem ganz gefährlich in den Sumpf geraten — ein paar Schritte weiter, und Du hättest mich in Deinem Raritätenkabinett gehabt.“

„Ja“ — und nun wurde der Alte großäugig angstvoll und warnte schwer, „wie darfst Du auch weglos auf ihm herumabenteuern!“ Die Pfeife wollte ihm ausgehen.

„Und ganz übel,“ fuhr Lona fort, „ist dieser Fluß, der sich da hindurchwindet, schwarz, träge und drohend. Ein Fluß, der nicht fließt, der tückisch schleicht — er plätschert nicht, er rieselt nicht, er schult nur immer düster nach einem hin. Und seine angefaulten Weiden, denen alle struppigen Haare sich sträuben — menschenfreundlicher machen sie ihn nicht.“

Horst, der ihr mit weiten Wimpern zuhörte: „Und Sie wollen keinen Sinn für Landschaft haben?“

„Höchstens da, wo die Landschaft — für mich so lebhaften Sinn hat. Aus einer Art Notwehr. Ich kann mir nicht helfen, unheimlich ist mir das Moor geworden.“

Der Torfmeister sah ihr durch und durch. „Du hast die Moorangst, Kind! Daß Du es nie ohne mich betrittst! Wer vorm Moore bangt, wird von ihm gelangt!“ Er hatte jetzt etwas Gewaltiges in den Augen. Und seine Worte zwangen.

Halb unwillig sagte Lona: „Wie ein alter Zauberer bist Du.“ Aber ein Nachdenkliches blieb über ihr.

Orgelklänge

Lona machte sich zum Heimweg fertig. Auch Horst wollte gehen. Heute widerstrebte sie seiner Begleitung nicht.

Erst sprachen sie von dem Alten. Sie hatten Scheu, den neutralen Boden zu verlassen, den einzigen wohl, den es für sie gab. Dann aber wurde Horst mutiger. Er wollte von ihrem Leben wissen. Er fragte.

Sie hatte erst die großen Augen, erstaunt, unwillig. Dann aber — er war ihr nun doch schon in größere Nähe gerückt — dann hörte er von ihr. Daß sie als Schwester im Felde gewesen war, all die Jahre. Hinausgegangen mit dem flammenden deutschen Herzen — heimgekehrt in der Seele den Haß und den Fluch auf den Krieg, auf das nationale Wüten, den nationalen Frevel, daran die Menschheit sich zerreißt und zerfleischt und verblutet.

In wieviel brechende Augen hab ich gesehen, wieviel letzte Worte hab ich gehört! Unwahr ist, was in Euern Büchern steht! Von der Verklärung in Opferwilligkeit! Von dem letzten Licht, dem letzten Gedanken: fürs Vaterland! Nichts hab ich gefunden als Klage, Groll, als Verzweiflung und Verwünschung!

Sie rief es in Ekstase.

Wie hast Du Dich selbst betrogen, dachte Horst. Nur, was Du sehen wolltest, hast Du gesehen! Ich weiß auch von brechenden Augen! Ich weiß auch, wie deutsche Männer gestorben sind! Daß der Tod vorm Feinde ihnen des Lebens Erfüllung war!

Das große Sterben — es war zuviel für Deine Frauenseele. So bist Du verstört, so ist sie irre geworden. Und in Horst schwang das alte Mitleid.

Sie selbst wollte auch jetzt keinen Kampf der Meinungen. Von ihrer eigenen inneren Wandlung sprach sie nun, offen und mitteilsam. Daß alles, was sie an Gottesglauben mit herausgetragen habe, ihr im Felde zertrümmert worden.

Ich konnte einmal beten — ich hatte meine Zweifel und kehrte zur Andacht zurück — dann aber hatte ich nur noch ein Lachen für mein Gebet.

Es war an der Aisne, in der Osterzeit. Unser Feldlazarett war überfüllt — wir betteten eine große Anzahl weniger schwer Verwundeter in der Dorfkirche. Ein paar Operationen waren gemacht. Alle schienen gerettet, alle, die hier lagen, hofften und träumten sich ins volle Leben hinein. Der Ostersonntag. Draußen ein geradezu jubelnder Frühling. Da baten sie mich, ich möchte ihnen doch die Orgel spielen. Ich tat es freudig, ich selbst war dankbar und fromm. Das Auferstehen war in meinen Klängen. Und voll Dankbarkeit und Frömmigkeit war das Gotteshaus. Nie ist reinere Andacht gen Himmel gestiegen. Und plötzlich — in die innigste Feier der Seelen hinein — das Grausigste, das Grausamste an wilder Vernichtung. Ein Volltreffer aus schwerstem Geschütz. Die Decke stürzt ein. Die Hilflosen, Schmerzensreichen, ans Kreuz Geschlagenen werden zerschmettert, verschüttet, zermalmt. Hosianna in der Höhe! Ich mit der Orgel hänge in dem Gebälk. Ich kann mich nicht rühren, kann nicht hinunter. Kann nicht helfen. Und niemand kommt. Die Zeit erstarrt in Grauen. Abenddunkel. Die letzten Schreie sterben, das letzte Röcheln der Gemarterten erlischt. Ich — allein. Und — eine andere geworden —

Sie schwiegen. Worte hatten hier nichts zu sagen.

Verstehen! Das war es, um was Horst im Innersten rang. Und die Frau, die zerwühlte, zerquälte, wurde ihm vertrauter. Ihrer Welt, der fremden, feindlichen, verschloß er sich nicht mehr in eigenem Glauben, eigenem Willen, eigenem Werk.

Sie aber fühlte, daß hier Schranken fielen. Daß es für sie beide, über ihre Gegnerschaft und ihre Gegensätze hinaus, ein Schwingen gab, dem sie nicht mehr widerstrebte. Einen Klang, auf den etwas in ihr lauschen mußte. Also doch etwas Gemeinsames?

Und wohl blinkte es in ihr auf: sind hier nicht die Keime einer Macht? Einer Macht über den Feind? Ihn immer mehr lösen aus dem Selbstgefühl, der Sicherheit seiner feindlichen Überzeugung! Ihn herüber ziehen — ihn gewinnen — ihn bezwingen —

Ein fernes Licht, am fernen Horizont. Aber doch ein Ausblick, ein Ziel — ein Träumen noch — und doch ein ahnungsvolles Hintasten nach der Wirklichkeit, der Erfüllung —

Und wieder ein trotziges Sichzurückziehen. Nichts gibt es zwischen uns! Nichts als den Kampf auf Leben und Tod. Der Du auf der Seite meines Todfeindes stehst. Sein Schützling — und sein Beschützer. Und darum gehaßt von mir, Du wie er!

Und doch wieder das Hinneigen. Und das hingegebene Horchen auf das, was schwang.

Wieder schwieg alles, was streitbar gegen ihn sich regen wollte. Sie vergrub sich wieder in sich selbst, in die eigene Wandlung. Sprach mit einer wehen Offenheit von ihren Kindertagen. Daß sie mit der Orgel groß geworden sei. Wie sie mit der Orgel Gott gefunden habe — den sie mit der Orgel verloren.

Sie wollte heraus, aber sie sank zurück. Und das Entsetzen wühlte sich wieder durch sie hin. „Orgelklänge — des Ewigen Ehre zu loben hat man sie beflügelt — ich hab ihm so meinen Fluch ins Gesicht geschrien! Den Fluch und die Vernichtung! Die Gottesflucherin! Die Gottesmörderin! Nur, wenn ich Dich glaube, lebst Du! Ich glaube Dich nicht, ich glaube Dich nicht! Und damit töte ich Dich! Langsam — quälend — und mit Bedacht —“

Über ihrem Auge lag es wie eine blinde Haut, es flogen ihre Glieder, so fror ihr das Grauen im Gebein. So schüttelte sie der Wahnsinn. So sank sie in die tiefe kalte Nacht.

Horst nahm ihre eisigen Hände. Da wachte sie auf. Und ihn traf ein fast dankbarer Blick. Als wollte ihr einer Hilfe bringen in ihrer furchtbaren Erstorbenheit — als gäbe es für sie Hilfe.

Dann strich sie das Haar so straff aus der Stirn, daß sie schmerzhaft zuckte. Klopfte die beiden Schläfen mit beiden Zeigefingern und blickte jetzt klarer und sprach jetzt still. Mit dämpfender Ironie. „Warum soviel stilistische Erregung! Wenn man innerlich mit sich im reinen ist!“

„Wer ist das! Wann sind wir das! Dies im reinen halte ich meinerseits nun — Verzeihung — für reine Stilistik.“

Sie sieht ihn fest an. „Und doch, der große Gotteskünder, auf den Ihre Welt eingeschworen ist, fordert nicht gerade er das Unbedingte? Immer hat mich dieses „Ja, ja — nein, nein“ erschreckt. Das Grausamste, was es gibt. Haben wir nicht im Grunde ein Recht auf Zweifel, auf Abwege, auf Umwege, auf Irrtümer und Kämpfe?“

„Wir habens! Und darum gibt es, solange Sie leben, auch für Sie keine religiöse Totenstarre.“

Zu dem Wort hob sie die Lippen wie zu einem Heiltrank. Aber dann verschloß sie sich wieder, lehnte Horst ab, ging zu ihrer Musik und fand eine müde Ruhe. „Wer hat die Musik die Kunst der Erinnerung genannt? Und soll die Erinnerung selbst nicht Kunst sein? Erhaben ob dem Geschehenen? Jenseits der Erschütterungen? So hab ich doch auch längst wieder die Orgel spielen können. Es war zuletzt ganz Spiel um des Spieles willen. Und die Töne waren über dem Leben.“

Horst mußte denken, ob Du nicht so wieder heimfindest?

Er sprach dann von sich selbst, was ihm das Orgelspiel immer gewesen war. Im Schatten der mächtigsten Kirche einer alten Hansestadt steht das Wohnhaus seiner Kindheit. Gedämpfte Orgelklänge begleiteten seine ersten Träume. Was seine Jugend ersehnte, was durch seine junge Seele stürmte und brauste, jeder Brand, jede Inbrunst seines Herzens — alles zitterte und lebte von dem Orgelklang, alles war von ihm durchwebt, von ihm gehalten und geweiht von ihm.

„Für mich ist das Orgelspiel Heimat. Und Heimweh.“ Da sah sie ihn groß an, und ihre Augen verstanden ihn.

Und es bebte in Horst, als er sie bat: „Darf ich Sie nicht einmal Orgel spielen hören?“

Sie zuckte zusammen, von der persönlichen Berührung in diesem Wunsche. Er und sie — zu meiden hatten sie sich, sich zu bekämpfen, sich zu vernichten.

Ein Waffenstillstand? Mit Orgelmusik?

War nicht die Fremdheit, die Feindschaft von ihnen abgefallen? Wo sie so miteinander sprachen, hatte sich nicht fast ein Vertrautes eingestellt?

Und sie gab die Antwort auf seine Bitte. „Ja, wenn sie mich hier noch in die Kirche ließen!“ Dann erzählte sie: mit dem alten weißhaarigen Organisten von Sankt Nikolai wäre sie gut Freund. Er hätte ihr mehrmals die Schlüssel zur Kirche gegeben. Die Orgel wäre ein vorzügliches Werk von dem alten Zacharias Hildebrand.

„Und jetzt?“

„Jetzt hat die Geistlichkeit Einspruch erhoben. Sie verteidigt, der Zeit zum Trotz, mit achtbarem Mut ihre Gotteshäuser. Ich darf mit meinen umstürzlerischen Händen das heilige Instrument nicht mehr berühren.“

„Sie sollen diese Ihre hohen Stunden wiederhaben. Ich werde mich dafür einsetzen, daß Sie wieder Orgel spielen können. Und zur Belohnung darf ich Ihnen zuhören, nicht wahr?“

Er hielt ihr die Hand hin, sie schlug ein. Und so trennten sie sich.

Was war geschehen? Zwei Menschen, die das Leben zum Kampfe aufgeboten hatte, die ein Vernichtungskrieg gegeneinander entflammte, die beiden hatten eine Stunde des Friedens, der Gemeinschaft gefunden. Sie hatten ausgeruht ineinander. Sie hatten sich beide beschenken können. Und jetzt?

Jeder ging wieder zurück in seine Schlachtreihe. Jeder nahm wieder den Platz ein in seiner Front. Nur, daß sie beide das stille Übereinkommen geleitete, dieses Beisammensein würde sich wiederholen. Wieder würden sie denselben stillen Weg gehen und aufsteigen zu derselben sanft belichteten Anhöhe, die über den Wolken des Tages lag.

Den Feind verstehen, heißt die Welt begreifen.

Wie lange aber, wie lange war ihnen die Nähe beschieden? Würde der Krieg ihnen nicht bald genug diesen friedlichen Hang verwüsten?

Oder — gab es hier etwas zu retten für sie beide? Etwas, was mehr war als die Zwietracht ihrer Gedanken, was über ihrer Feindschaft war und ihrem Kampf?

Sie trugen beide an dem Druck ihrer Hände, mit dem sie voneinander geschieden waren. —

Zwei Einsame saßen in der Baracke und hüteten das Haus. Dankwart Hamerslag arbeitete an seinen Modellen, Gust Elbenfried forschte in der Schrift. Auch hier war im Schaffen, im Suchen, im Sehnen ein Auferstehen.

Einsam auch, ein Schwebender, zog Gisbert durch die Frühlingsheiligkeit. Gen Osten pilgerte er — da lag Mönkhov. Die Rhythmen der schönen, tönenden See begleiteten seine Schritte. In den Dünen machte er Rast, auf dem höchsten Gipfel schlug er seinen Thron auf, den Thron seiner Sehnsucht.

Unverwandt schauten seine Blicke nach Osten. Ganz unkörperlich seine Sehnsucht, nicht einmal das Bild der Ersehnten nahm Gestalt an. Jenseits von der Form blieb alles. Ein Lichtnebel die Welt, ein webender Glanz. Und in ihm atmete das Glück.

Daß Du lebst! Und daß ich weiß von Deinem Leben! Was will ich mehr? Was brauche ich mehr? Ich fühle Deine Nähe, durchleuchtet bin ich von der seligen Sicherheit meiner Habe. Wer kann mir von ihr etwas rauben? Wie reich bin ich und wie stark!

Du bist die Geliebte meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken Dich zu fassen, das Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein Ohr zu füllen, Deine Finger mit der Hand zu umspannen. Nur wissen will ich Dich, nur wissen, daß Du bist, nur das Glück fühlen, daß Du lebst!

Rühren Worte an die Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken. Über allem Sagen und Fragen, wortlos, gedankenlos ein sinnenfreies Schwimmen im Himmelsraum, ein Ertrinken in Licht —

So saß Gisbert in starrer Entrücktheit ein göttlich Entschlafener auf der Dünenhöhe, dieweil über die Meerflut hin der junge Frühling schauerte.

Erst die flüsternde Dämmerung weckte ihn aus seinem seligen Schlaf. Und nun schlich es doch von Frühlingsangst in seine Jugend, seine junge Jugend. Was fing so an zu singen in seinem Blut — leise, leise und sang doch immerfort.

Und ein Taumeln, da er sich erhoben hatte, ward sein Schreiten, das nach Osten ging — wo er doch westwärts wollte, nach seiner Arbeitsstatt, der Baracke. Wie er sich umwandte, keuchte er, beladen auch er von der Süße und Schwere des Frühlings.

Die Arbeit! Die Arbeit auch seine Zuflucht. Ihr mußte alles zum besten dienen, alles Fühlen, alle Andacht, aller Kult, auch von Frühling und Frau — alles mußte einmünden und aufgehen in den Gottesdienst der deutschen Arbeit.