Und die Not nimmt überhand

Gisbert, der ihrer aller Liebling war, löste sich immer mehr von ihnen. Wie ein Nachtwandler war er, den man zu rufen sich scheute.

Der einzige, der immer noch fest zupackte, war Kunz. Aber auch er griff jetzt immer mehr ins Leere. Und dann, er hatte genug mit eigener Herzenserschütterung zu tun. Vita war ihm entschwebt. Wie ein Traumbild war sie ihm zerronnen. Wohin hatte er sie geschreckt?

So trübte sich Kunz der Blick für des Gefährten Schicksal, den die Not seiner Liebe immer mehr von dem Irdischen trennte. Von der Erde, die, seit sie ihn verschüttet, begraben, erstickt hatte, seinen entrückten Sinnen nie mehr die rechte Heimat gewesen war.

In Gisbert selbst tastete noch etwas nach dem Gegenständlichen dieser Welt, nach Freundeshand, nach Zwiesprache, nach Austausch der Empfindungen. Und so klammerte sich etwas von ihm an Kunz, gerade heut.

Der Wind trug am Nachmittag den Glockenhall von Moordorf herüber. „Wollen wir zusammen in die Kirche?“ fragte er Kunz, mit knabenhaften Augen, fromm von kindlichen Gedanken.

Der hatte schon ein „Ja“ auf der Zunge. Da fuhr es ihm durch den Sinn: in Vitas Bereich! Wenn ich mich hineinbegebe, muß ich allein es tun! Denn für alles, was hier geschehen kann, brauch ich meine Einsamkeit. Und er schüttelte den Kopf zu dem Vorschlag. So ging Gisbert ohne ihn. Und es trug ihn wie ein Abschiednehmen — er wußte nicht wie.

Er wußte auch nicht, was eigentlich in die Kirche ihn zog. Halbe Wirklichkeit war in allem. Der Raum, die Andächtigen, der Gesang, der Prediger —

Wirklichkeit — was ist das? Es gibt etwas über der Wirklichkeit. Das ist seine Herrin. Das ist dieser Abend, der ihn zu ihr führt.

Schall ohne Sinn war ihm auch erst Pastor Waermanns hell aufstrebende Predigt. Der wieder der Mittler seines geliebten Ernst Moritz Arndt war, des deutschen Stimmführers aller Zeiten.

„Du mußt Gott bitten, daß er dir gebe einen stillen freundlichen und festen Geist, daß du alle deine deutschen Brüder zu dir versammeln magst.

Denn durch der Herzen Zwietracht ist das Unheil gekommen, und durch die Torheit der Feigen plagen fremde Henker dich.

Und ihr sollet euch wieder brüderlich gesellen zueinander, alle, die ihr Deutsche heißet und in deutscher Zunge redet, und den Trug bejammern, der euch solange entzweit hat.

Und sollet in Einmütigkeit und Friedseligkeit erkennen, daß ihr einen Gott habet, den alten treuen Gott, und daß ihr ein Vaterland habet, das alte treue Deutschland.

Und sollet gedenken, wie ihr ein freies Land von euren Vätern empfangen habet, und wie ihr euren Kindern und Kindeskindern die Freiheit hinterlassen müßt!“

Das klang denn doch in Gisbert nach, das weckte in ihm schlummernde Stimmen. Die Stimmen, die sein Dasein begleitet hatten, die seiner Arbeit Melodie gewesen waren. Sie schlangen das Band zwischen ihm und den Kameraden, den Freunden. Und er ruhte aus in diesen Harmonien.

Aber sie hielten ihn nicht, sie trugen ihn nicht, und er entschwebte wieder in seine Welten. Und alles, die Siedlung, das Vaterland, die Gefährten wie der Kirchgang, der Gottesdienst wurden ihm nur zu einer alten Weise wehmütiger Erinnerungen.

Ein paar schrille Weckrufe: zwei Mädchenaugen hängten sich an ihn, von so heller und scharfer fast heftiger Daseinskraft. So viel gesammeltes Leben — es brannte und stach. Den Traumfernen erreichte die fragende Leidenschaft. Bleiben sollst Du und Rede mir stehen! Allein bist Du! Wo hast Du den andern! Ich will ihn nicht! Aber, wo ist er? Das will ich wissen! Und warum er Dich allein hat kommen lassen! Ich will ihn nicht! Will nicht seine packende Hand, seinen dürstenden Mund! Aber, er soll mich suchen! Suchen soll er mich, daß ich ihn abweisen kann, ihn von mir stoßen! Was tut er’s nicht!

Und Gisbert wußte es, dieses Mädchen, das nichts ist als Augen, nichts als fordernde, starrende, bannende, naturkindliche Leidenschaft der Augen, es konnte nur Vita sein, das Mädchen seines Kunz.

Jetzt war der Freund doch ganz nahe bei ihm. Von dem er ahnte, daß er um das Mädchen litt. Helfen — ihm, dem lieben, getreuen — und auch ihr, in deren Augen der sehnsüchtige Trotz einer Qual Fieber und Bitterkeit wirkte.

Predigen — von der Liebe predigen! Hier, wo der Ort dafür war! Von der Liebe, die mehr ist als ein Gefühl. Von der Liebe, die die Wahrheit ist. Die Wahrheit und die Freude, aus der jede Kreatur, aus der das All, die Unendlichkeit ihr Leben hat.

Aber die Worte dafür — immer ist das Wort mit seiner Erdenschwere hinter ihm zurückgeblieben. Nun hat es ihn ganz verlassen. Das lichte Schweigen ist um ihn.

Und mit dem Wort, das er nicht findet, versinkt ihm all das, was ihn eben noch gerufen und bewegt hat. Ob er es halten möchte, es schwindet ihm hin. Und wieder wie ein Traumwandler zieht er seine Straße, die zu seiner Herrin ihn führt.

Das Auto, das ihm auf der Chaussee entgegenrast, der Staub, den es emporwirbelt, die Hupentöne, die es ausstößt — all das bleibt weit, weit unter ihm.

Er weiß nichts von der Erde, er sieht auch den Himmel nicht, nicht seine grüne Abendflut, die wie brennende, schmelzende Patina ist. Erst wie er in Tildes Zimmer steht, wird er erlöst aus seiner blutleeren Wesenlosigkeit.

Und wieder ist es ein Klagendes in ihren Augen, was ihn erdhaft macht. Keine Wehmut und Weichheit, die nach Mitleid ausblickt. Eine Bitterkeit, die sich immer mehr verhärtet, und die Härte als Hilfe braucht. Wie ein Trotz ist es aufgestiegen aus der Tiefe dieser Augen. Die schwere Arbeit der Tage, das Übermaß der Pflichten schmiedet ihres Wesens Metall.

Hilflos, wie verschüchtert sitzt wieder Gisbert vor ihr. Und wieder die Frage über ihm: was kann ich Dir sein? Ich, der ich mich verblutet habe — ich weiß es selbst — dem das Beste seiner Jugend, seiner jungen Kraft zerronnen ist — „Gedankenblässe“, das ist das Wort! Das ist der Stempel, den ich trage. Ein Schatten, ein Schemen, schwebe ich vor Dir. Und je tiefer sein feines Spüren in die Augen der Frau sich einsenkt — lebt in ihnen nicht eine fast zornige Forderung an das Leben auf?

Über wirtschaftliche Dinge spricht die Herrin mit ihm, trocken, geschäftlich. Dazwischen müde Pausen des Ausruhens und des Schweigens. Sie plant noch ein paar Neubauten und hat Budgetsorgen. Er kann sie nur anhören, kann nicht raten.

So einsam ist diese Frau. Der natürliche Gehilfe und Berater, wahnbefangen, der Arbeit verloren, hält sich fern.

Zugleich mit ihm kommt ihr — wie sind sie sich doch nahe — der Gedanke an den, der ihr fehlt. „Achim war eben im Auto hier — nur auf eine Minute. Er ist gleich zur Bahn gefahren. Er will nach Holland zu einem internationalen Match.“

Die Worte reihen sich gleichmäßig auf, fast unbewegt von dem Schicksal, das durch sie hindurchgeht. Und wieder ist das Schweigen um sie beide, gut, heilend und treu. Dann sagt sie: „Kommen Sie, Gisbert. Ich möchte noch ein wenig in den Park.“

Sie gehen hinein in den lichten Abend. Es ist die Johanniszeit, die hellsten, längsten Tage herrschen, die Kraft der Sonne durchwebt die Dämmerung, webt durch die Nacht hindurch dem Morgen entgegen und nimmt sich selbst wieder in Empfang.

„Heut ist des Sommers heilige Nacht“, sagt Frau Tilde. Ihre Blicke ruhen auf dem jungen Freund. Ist er nicht wie der Heilige dieser Helle? Er selbst so durchsichtig, so unirdisch, so verklärt. Und wehklagend zieht es durch sie hin: Armer, lieber Junge. So hast Du Dein Leben hingeströmt! Und ist nicht wie Du ein großer Teil der deutschen Jugend — viele, die unter uns hinschweben, kaum etwas anderes als die Schatten Erschlagener!

Die Johannisnacht beschäftigt ihn. Er spricht von den Sonnwendfeiern, erzählt von einem sanften Brauch, den Frau Tilde nicht kennt — sie weiß nur von den Feuern und Flammentänzen dieser Nacht — von dem Johannisbad erzählt er, dem Blumenopfer, das man den Flüssen darbringt. Und gar nicht bedeutungsschwer, mit einer leisen Fröhlichkeit fügt er hinzu: „In dieser Nacht werden die Lose der Menschen geworfen.“

Sie haben den Park durchschritten. Da vor dem Tor ragt auf der kleinen Anhöhe der mächtige Ahorn in den grünglasigen Abendhimmel. Hier auf der runden Bank haben sie damals gesessen, in die Wolken geblickt und von ihnen beide dasselbe vernommen. Und wieder lassen sie sich hier nieder.

Über die Felder gleiten die Blicke. In Tilde regt sich die Landfrau. „Wie gut der Roggen steht!“ Bis zu ihren Füßen zittert das grüne Meer in dem Hauch, den die See landeinwärts sendet. „Was hätte Vater für eine Freude daran gehabt!“ Nun ist sie bei ihren Toten und in großer Verlassenheit.

„Ach, lieber Junge!“ sagt sie dann und streicht ihm übers Haar. Was ist alles in ihren Augen, so viel Mütterliches, sorgend und schützend, und wieder ein Frauliches, das zärtlich nach Hilfe ruft. Und er starrt in diese wogende Tiefe.

Dann nimmt sie seinen Kopf in die Hände und küßt ihn auf die Stirn, und küßt ihn auf den Mund. Schon hat sie sich erhoben und reicht ihm die Hand. „Und jetzt Gut Nacht“, sagt sie einfach. Und weiter nichts. Schreitet zum Park, tritt in das Tor und verschwindet unter den Bäumen.

Gisbert bleibt, bewegungslos. Alle Stimmen seines Lebens klingen zusammen in dieses letzte Wort. All seine Schmerzen, seine Seligkeit, seine Hoffnungen und Enttäuschungen, seine Taten und Leiden, sein Träumen, seine Visionen, seines Wesens Beginn, seines Daseins Ausklang —

Aber auf den Lippen — da brennt es — ein Feuer — so wie eine Todeswunde brennt — schmerzlich und überschmerzlich, bestrahlt schon von den ewigen Wonnen.

Ein Feuer, das bleibt und brennt. Davon das Blut ihm kocht und braust. Das wenige Blut, das noch durch seine Adern flutet.

Ich sehne mich, sehne mich nach Dir! Mit allem, was an Kraft und Leben in mir ist, sehne ich mich nach Dir.

Und Du — jetzt wird alles, was in ihm Leben hat, Glut und Glanz eines stolzen Glückes — singt und schluchzt und jauchzt nicht in Dir dieselbe Weise? Sind wir nicht wiedergeboren einer in des andern Herzen? Muß ich nicht bei Dir sein und Du bei mir! Warum bist Du gegangen! Was läßt Du mich allein!

Fliehst Du mich, daß ich Dich suchen soll? So fiebert es grell in ihm auf. Und dann: oder lächelt sie über mich? Lächelt sie, daß ich so weltenfern, so im Übersinnlichen meine Kreise ziehe!

Nun entsetzt er sich, daß er so in die Niederung gerät! Mit den Gedanken an diese Frau. Und überwindet den Schreck und blickt mutig dem Leben ins Gesicht, mit seinen Knabenaugen.

Den Wirbel sieht er, der Lachen mit Grauen mischt, den Wirbel um das Mysterium Weib. Er flieht vor ihm — und seine Gedanken werden immer mehr hineingezogen in den Taumel.

Wenn dieser Tanz mich erlöst aus meiner Verlorenheit? Wenn ich gesund werde — ein gesundes, junges Blut? Und habe meine Geliebte, habe mein Weib —

Eines andern Weib — Untreue, Betrug — das Grauen fällt über ihn her! Was wird geschehen? Was wird sein!

Und es peitscht ihn das Entsetzen vor der öden, schalen Geschlechtlichkeit — die Verzweiflung, daß er das Bild seiner Herrin in diesen Wust herabzieht. Das strahlende, heilige, beseligende Bild der Gnade!

Wie hat er zu ihm gebetet, zu ihm aufgesungen: Du bist die Geliebte meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken Dich zu fassen, das Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein Ohr zu füllen, Deine Finger mit der Hand zu umspannen. Nur wissen will ich Dich, nur wissen, daß Du bist, nur das Glück fühlen, daß Du lebst! Rühren Worte an die Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken!

Nun haben die Gedanken doch an sie gerührt — das Begehren hat nach ihr gegriffen, das gemeine Begehren.

Er ist fortgestürmt, hinein in die dämmernden Weiten. Der Dünensand hemmt seinen Lauf. Nun steht er atemlos — vor ihm schauert das Meer im Hauch der Nacht.

Und dort im Osten aus dem Dunst über der Flut hebt sich der Mond, dunkel, glühend, groß und tief. Drohend und schwül. Feindlich, grausam und böse. Wie ein Schicksalsspruch, wie ein Gericht über Sünde und Schuld, wie der Henker im Scharlachmantel.

Gesenkten Hauptes steht Gisbert. Er trägt den Leib wie eine Last. Dann hebt er sich auf, die Sterne sucht er, noch sind sie bleich — erst allmählich entzünden sie ihre Kraft, ihre Hilfe, ihren Trost. Jetzt aber haben sie die Macht ihrer Sprache. Und Gisbert liest die Verse des Firmaments, die Dichtung des Himmels, die Hymne der Nacht, der Allmutter Nacht. Und er ist daheim.

Der Nacht antwortet das Meer. Und alles klingt zusammen in dem großen Sphärengesang: Güte und Freude ist alles — alles geht aus von der Freude — alles geht ein in die Freude — gut, gut ist das Leben, gut ist das Ewige, ewig das Leben, ewig die Freude —

Der Mond ist emporgetaucht aus dem dumpfen blutigen Dunst — alles Böse hat er abgetan, er hat sein gutes helles Licht gewonnen. Ich bin die Güte, ich bin ein Freund! Und eine Straße baut er über die andächtig stille und ergebene Meerflut.

Gisbert ist am Strande. Zu seinem nächtlichen Bade entkleidet er sich. Vor seine Füße wallt diese leuchtende Straße. Wohin führt sie? Wohin will sie mich leiten? In das All und seine Freude —

Ja, Du strahlender, Du guter Weg — Dir vertrau ich mich an. Du kennst mein Ziel, Du offenbarst mir meine Bestimmung, meine Erfüllung und Vollendung. Abtun will ich meine Schlacken — der reinen Freude will ich ins Antlitz sehen —

Er schwimmt — schwimmt in der lichtgesättigten Flut — in alle Poren dringt der Glanz — die Lungen leuchten — das Herz ist voll Schein — ein verzitterndes Lichtbeben sein Schlag —

Ein Lichtstrahl gleitet sein Leib durch die goldene Flut, hinein in die Wellen des schimmernden Äthers — hinein in das All — in die gute große freudige Heimat — — —

Die Männer standen vor der Baracke — Horst, Dankwart und Kunz. Wie Deutschland Deutschland verrät, das geht ihnen durchs Gemüt. Der Gendarm hat erzählt, Ententeoffiziere wären in der Provinz auf Waffensuche unterwegs. Sie hätten selbst erklärt, daß sie sich vor deutschen Denunziationen nicht retten könnten. Der englische Hauptmann hätte heftig dazu ausgespuckt.

Diese letzten Worte wollen Horst nicht aus dem Ohr. Immer hört er sie in dem trockenen, schmerzlich heiseren Tonfall des Gendarms. Wo er geht und steht, krächzen sie ihm nach.

Bei Kunz ist der Grimm schon weitergestürmt. „Wenn die Henker zu uns kommen — wenn sie bei uns schnüffeln — wenn sie frech werden — was geschieht dann! Was tun wir dann!“ Wild schlägt es in seinen Stirnadern. Seine Fantasie schwelgt.

Horst ist allein in die Dünen gegangen. Wie soll man das alles ertragen. Zu der Last, unter der man schon zusammenbricht — immer mehr wird zu ihr aufgepackt. Ich kann nicht — kann nicht mehr! Und will auch nicht mehr!

Gegen den Schmutz, die niederste Gemeinheit kämpfen, welch ein übler Irrsinn! Der Schmutz läßt sich nicht besiegen, und man selbst — nicht nur, daß man unterliegt, besudelt unterliegt man! Und der Ekel würgt einen ab.

Nach Norden blickt er. Dort auf der Landzunge steht das Haus, in dem seine Freunde wohnen. Und blickt man weiter, in derselben Richtung, hinter dem deutschen Meer liegt Nordland, liegt Schweden.

„Meine Gedanken wandern über die See,

Weiße Schwäne sind sie, leuchtend wie Schnee.“

Heraus aus dem Schmutz, dem Ekel, an dem ich vergehe! Ein anderes Land öffnet mir die Arme, eine neue Heimat winkt mir — keine neue, die alte, die unserer Ahnen. Der klare Norden mit seinem Stolz, seiner Ehre, seiner Sauberkeit, seiner gesunden Kraft. Aufrecht! Wieder einmal aufrecht stehen und gehen! Liebe Menschen nehmen ihn dazu an die Hand.

Liebe Menschen — und hier? Die Kameraden hier? Kunz, Dankwart — hat sich zwischen ihnen und ihm nicht eine Kluft befestigt? Längst ist er ihnen nicht stur genug, nicht der Unbedingte, der Stürmer nicht, den sie wollen. Mit halbem Herzen nur folgen sie ihm, der ihnen nicht als Ganzer gilt. Sollte er ihnen nicht die Siedlung überlassen! Daß sie sie neu bauten in ihrem Geiste! Ein Stoßtrupp hartdeutscher Gesinnung — warum nicht! Vielleicht das beste.

Denn der linke Flügel, die Mulitz und Metzling, fangen an, bedenklich zu werden, weil ihre Macht ganz unverhältnismäßig anwächst. Durch meine Schuld? Weil ich das Steuer nicht fest genug halte? Nicht mit der sichern, gläubigen Hand, nicht unter dem klaren, unbeirrten, weiten Blick?

Unleugbar, die Widersprüche, die Zerwürfnisse mehren sich. Droht dem Werke der Zerfall — weil ich ihn nicht hindere? Der ich meiner Arbeit mich entfremde — aus Überdruß an meinem Vaterland!

Entfremdet meiner Arbeit — entfremdet den Kameraden — und dem einen, dem Jungen, dem Gisbert untreu, der wenn einer mich braucht! Um den meine Sorge so viel gewacht, an den sie so oft dachte in diesen letzten Tagen — nur daß sie nicht zugriff, wie es sich gehörte.

Wie nötig hat der Junge den treuen, festen Freundesarm, Muskeln und Knochen — er, der sich ganz hinausgeistern will aus dieser körperlichen Welt — nun noch gesteigert, getragen, erhöht und zugleich gescheucht und flüchtig von der Schwärmerei für diese Frau, die selbst hier keine rechte Heimat hat. Bist Du nicht wie entleibt unter uns gewandelt? Wo gibt es ein solches Sichlösen, Sichentäußern, Sichbefreien und Sichbeseelen als in deutschen Herzen? Nennt es Kraft, weil es eine Inbrunst, nennt es Unkraft, weil es ein Zerfließen ist. Und ist nicht ein Stück Gisbert in uns allen?

Seine Augen schweifen über das Wasser. Jetzt nimmt die leuchtende Straße seine Blicke an sich. Die Flut, vom Licht gebändigt, sanft und geduldig, wie hingegeben trägt sie die goldene Brücke zum Mond.

Da hinten aber — weit, weit dem Himmel nahe — was ist es, was sich da bewegt, in Wellen des Glanzes, in blitzenden Strahlen — ein Dunkles, das jetzt in dem Schimmern verzittert? Schon hat das Licht die Wasser wieder geglättet — war es ein mondtrunkener Delphin? Glatt gefügt spannt sich wieder die leuchtende Brücke.

Und weiter nach dem nördlichen Vorsprung zieht es seine Blicke. Dort auf der äußersten Spitze — ist es ein Zauber dieser hellen Nacht — eine weiße Mädchengestalt —? — Trug! Welches Menschenauge kann so weit sehen —

Und doch! Was flammt denn zu Häupten dieser Gestalt! Und hebt sie selbst in den Glanz? Nur eins gibt es auf Erden, was so leuchtet, Ingeborgs Haar.

Ein Leuchtfeuer — das nach Norden weist und ruft — das Leuchtfeuer seiner Zukunft —

Und doch ein Trugbild? Horst will wissen, ob diese kürzeste der Nächte, die zauberkräftige, ihn narrt. Er schreitet die Dünen hinunter, am Strande entlang, der Landzunge entgegen. Da sieht er ein Dunkles auf dem weißen Sande — Kleider — eines Badenden — im Wasser ist niemand zu erblicken.

Es fährt ihm durchs Hirn — das Körperliche, das vorhin da in dem Mondstreif sich zeigte — und sein zweiter Gedanke: Gisbert, der Abendschwimmer —

Prüfend betrachtet er die Kleider — ja, Gisbert gehören sie. Er späht über die Flut, die der Nachtglanz ableuchtet — da hinten ein Segel, ein einziges Boot, ruhend in der Windstille, gespensterhaft — sonst nichts, nichts so weit das Auge greift. Das leidenschaftlich forschende, jetzt erstarrende Auge. Und eisig schneidet es ihm durchs Hirn: Gisbert ist von uns gegangen.

Helfen — Hilfe holen — wie sollen sie helfen, und wem! Wenn er es war, der da hinten, am Horizont in dem Mondstreifen trieb, in die Lichtbahn sich löste —! —

Leer ist die Mondstraße, leer ist die Flut ringsum —

Aber, da man nichts tun kann, nicht weiß, was man tun soll, da man hilflos ist — wie furchtbar dieses Alleinsein mit dem Geschehenen! Die Kameraden — Kunz muß es wissen, er muß es hören, muß was sagen, muß dabei sein!

Schon ist Horst nach der Baracke unterwegs. Er holt sich Kunz aus dem Verschlag. Nun stehen sie beide an den Kleidern und forschen über die See.

Dann stehen beide schweigend, und halten eine eigene Totenwacht.

Ruckweis befreit sich Horst von dem Schmerz, der ihn lähmen will. „Er hat es geschafft. Auch einer, der zu schade war — für das was uns beschieden ist.“

„Sollen wir so sprechen?“ Kunz macht der erste Schmerz nur noch härter, wehrhaft, wahrhaft, unerbittlich. „Zu schade?“ Er spielt wie grausam mit dem Wort. „Zu sehr beschädigt. Zu wund und zu weich.“ Und noch rauher gegen den eigenen, zuckenden Gram: „Was welk ist in Deutschland, geht ein.“

Dann ist es fast, als kehrt er sich, wie zur Ablenkung, gegen Horst, den selbst nicht mehr Wurzelfesten. So daß etwas in ihrem Schmerz die beiden Männer gegeneinander entflammt.

Schon aber führt in Horst der Leitende das Wort, der seine Anordnungen trifft, bis zum Äußersten. Er hat keine Hoffnung mehr, aber das letzte muß getan werden. „Ins Boot. Das Wasser absuchen. Nicht unmöglich, daß er müde geworden ist, und der Segler da hinten hat ihn an Bord.“

Sie gehen nach dem Vorsprung zu. Da liegen Boote am Strand. Sie schieben eins ins Wasser und rudern hinaus, schweigend, mit gleichmäßig mächtigem Schlag. Und suchen, suchen — hoffnungslos und doch treu.

Jetzt sind sie schon weit draußen. Auf das Segelboot halten sie zu. Immer mit der Umschau, immer in der Erwartung, der Entseelte müsse auftauchen.

Ein Fischerboot, das mit klatschenden Segeln daliegt. Hat es den Ermüdeten aufgenommen? Ein letzter Schimmer —

Die Insassen, verschlafen, drusen dem Morgenwind entgegen. Von einem Schwimmer haben sie nichts bemerkt. Einen treibenden Körper haben sie nicht gesichtet.

Die Suchenden wenden und fahren zurück an Land. Jetzt ist es gewiß, die See hat ihn genommen. Wird sie seinen Leib wieder hergeben?

Gisbert ist tot! So pulst es in ihrem Herzen. Das ist der Takt ihres Ruderschlages. Gisbert ist tot. Sie starren in eine Leere. Jetzt ist die große Klage um sie und fügt sie zusammen. Und nichts kehrt sie gegen einander. Geschlossen, versöhnt der Unterschied, der Zwiespalt ihres Fühlens. Nur der Schmerz um den Freund bewegt ihre Seele. Gisbert ist tot. Wie klein sind alle Worte, die seiner gedenken wollen — sie scheuen sich und schweigen.

Die Männer landeten wieder. Und da sie die harte Erde betraten, kamen Forderungen an sie. Gemeinsame, so dachte Kunz. Er mit seiner lebensfesten Hand nahm die Kleider auf, packte sie zu einem Bündel und wandte sich heim. Das „über Gräber vorwärts“ lag ihm im Blut.

Er meinte nicht anders, als daß Horst mit ihm gehen würde. Der aber blieb, versonnen, versponnen. Kunz wartete — dann ein fragender Blick, aber kein Wort — dann etwas wie ein leichtes Achselzucken, in dem der alte Schmerz bebte: man lasse die Träumer den Träumen — und er ging allein. Da war es wieder, was in ihm nagte: auch von Horst geht immer mehr verloren. Die Sorge um die Siedlung ließ ihn von jetzt ab nicht mehr los.

Wieder war der Mißklang zwischen den beiden, das Mißtrauen, das nun einmal gerufen war — tiefer griff es in die Gemüter, die der Schmerz zart und feinfühlig gestimmt hatte. In der Empfindsamkeit des Grames fand es neue Nahrung.

Horst spürte es, er wußte, was in Kunz sich von ihm abwandte. Das riß an den gespannten Saiten, und wieder gab es den Zorn, die Bitterkeit, die eigene trotzige Abkehr und Selbstverschanzung.

Ich bin Euer Führer, ich hab Euch etwas geschaffen, etwas gegeben — zum Lohn dafür haltet Ihr Gericht über mich, beobachtet mich, nehmt mich unter Aufsicht. So war es schon, und es mehrt sich zur Unleidlichkeit.

Ihr solltet wissen, daß ich das nicht ertrage. Ihr solltet mir meine Arbeit, die mir wahrlich nicht leicht fällt, nicht noch erschweren. Sie mir nicht verbittern! Kein besseres Mittel könnt Ihr dafür finden.

Wen hab ich nun noch in der Siedlung? Da Gisbert mir fehlt. Er, mit dem zarten, zerschlagenen, blutleeren Leib, der Wärmste, der Innigste von Euch allen. Und darum auch allen unentbehrlich, da er zwischen allen die seelischen Fäden wob. Allein steh ich jetzt. Er war es, der mich verband mit den Schwärmern, den blinden Heißspornen, den kühlen Rechnern, den Gleichmütigen, den Matten und Trägen. In ihm fanden sie sich alle, denn alle hatten ihn lieb. Ist mit ihm nicht das Licht der Siedlung erloschen? Ein blasses Licht, ja — aber vielleicht, daß gerade die unirdische Blässe die Herzensandacht schuf!

Gewiß, es war allzuwenig von dem landläufig Gesunden in Dir, gar nichts Lebensstarkes und Robustes. Ein Kind noch warst Du, als Du ins Feld zogst. Die Pubertätsjahre verschlang der Krieg, nun kam, krankhaft verspätet, verfeinert und gesteigert die ganze Empfindsamkeit der Jünglingschaft über Dich — und zerbrach an Weibesliebe. So fein und edel zart, wie es nur deutscher Jugend, die deutsches Leid versehrt, geschehen kann.

Und jetzt steh ich allein. Die Kameradschaft durchlöchert und im Verfall. Argwohn — Übelwollen. Jetzt, wo alles sich ergeben sein müßte auf Leben und Tod! Und die Jungen haben sie mir verwehrt! Neue Ketten schmieden sie. Die Luft im Bagno — wie soll ich sie länger atmen! Und wär nicht die ganze deutsche Luft verpestet — verpestet von Verrat! Rein muß ich atmen können! Ich ersticke hier, ich verderbe in dem Dunst — ich will nicht verderben!

Und wieder suchen seine Blicke die Landzunge. Da steht sie noch immer die weiße Gestalt und schaut auf die See. Jetzt haben die Augen das sichere Bild. Kein Trug — Ingeborg ist es. Zu ihr will ich! In ihrem Schein gesund mich atmen.

Er wandert mit eiligen, mit festlichen Schritten. Sein Leuchtfeuer zieht ihn, ruft ihn, grüßt ihn. Er steigt die Dünen hinan, klimmt dann den Abhang empor.

Da oben steht sie. Und sie sieht ihm entgegen, als habe sie ihn erwartet. Sie streckt ihm die Hand zu. Die Freude ihres Blickes trübt sich, da sie von seinen Zügen das Unheil abliest. Und er sagt ihr, was geschehen ist. Dann, da er seinen Trost findet in dem treuen Druck ihrer Finger, in dem feuchten Glanz ihrer Augen, schüttet er sein Herz ihr aus.

Immer mehr löst sich von mir, eins nach dem andern fällt von mir ab, vereinsamt bin ich in meinem Heimatland, kraftlos — was bin ich ihm nutz? Kann ich so dem Vaterlande dienen?

Und immer klarer spricht er so zu sich selbst. Ich brauche meine Kraft! Wo kann ich sie wiederfinden — wo als in der nordischen Gastfreundschaft! Da werd ich gesund und stark, von da werd ich zurückkehren mit ungetrübtem Wikingermut. Frei von allem, was mich hier lähmt — selbst frei und ein Befreier!

Sie sitzen beieinander, Ingeborg und Horst. Die helle Zaubernacht ist um sie. Er birgt sich in den Glanz ihrer Flechten, wie in einen Goldpanzer hüllt er sich, allem Trüben, allem Düstern, allem Üblen und Niedern eine Wehr. Er nimmt ihre Hand. „Wenn Sie wollen, höre ich nun doch noch in diesem Sommer das Summen unter Ihren Linden.“ Da sind ihre Augen voll Seligkeit.

Das Richtfest

Den Feinden der Siedlung war das neue Haus ein Dorn im Auge. Es schwoll ihr Zorn, je höher es wuchs.

„Steinerne Zwingburgen errichten sie“, so lärmten die Schlagwörter in dem Konvent. „Und Zwingburgen werden niedergelegt!“ forderte die Nutzanwendung.

Es war ihnen bekannt, das eine hochnotpeinliche Waffensuche unter Aufsicht von Ententeoffizieren den Kreis bedrohte.

„So wissen wir also, wo wir unsere Handgranaten zu verwenden haben — ehe sie uns genommen werden!“ rief Kittel, der Buchbinder, und gellend pfiff der Atem aus seiner schmalen keuchenden Brust.

Stahlboom wandte sich dagegen. Er wollte alle Waffen aufgespart haben für die große Aktion, die bevorstand. Die Suche gälte auch nicht ihnen, den Proletariern, sondern den monarchistischen, den reaktionären Banditen. Sie selbst dürften beruhigt sein. Da sprach einer ein Wort furchtbarer Wahrheit: „Wenn die Verräter nicht wären! Wer ist jetzt in Deutschland vor Verrat sicher?“ Und das Grausige, das hier aufschrie, verwilderte wiederum die Gemüter.

Die Wüsten waren nicht zu bändigen. Das Richtfest am nächsten Sonntag — sie wollten ihren Trumpf daraufsetzen, es sollte den Siedlern gesegnet werden! Und der schwarze, der blutige Sonntag vom Mai würde seine Sühne finden.

Die Siedler arbeiteten mit verdoppelter Kraft. Zu früh war der Termin für die Richtung des Hauses angesetzt worden — es war ihr Ehrgeiz, ihn inne zu halten. Alles, was die Seelen bewegte und erregte, der Tod Gisberts, Horst in seiner Verschlossenheit, die zur Abkehr und Abweisung sich schärfte und anfing böses Blut zu machen, die Reibungen, Quertreibereien, Scheidungen und Zerwürfnisse innerhalb der Baracke — alles ward dem einen Gedanken untertan, dem Gedanken an das Haus und seine Vollendung.

Ein großer Tag sollte es werden. Alle, denen das Siedlungswerk etwas bedeutete, sollten mit feiern. Was einer an Freundschaft hatte, wollte er bitten, jeder Biedermann sollte geladen sein. Ein Volksfest! Mit eifriger Hingabe sie alle bei der Vorbereitung. Kein Wort gab es, das nicht von der Richtfeier sprach. Wie Kinder vor dem Weihnachtsfest waren die Männer.

Horst berief Dankwart und Kunz zu einer Unterredung. Er sprach ohne Umschweif, mutig und frei. Die schweren Worte wurden von einer harten, hellen Entschlußkraft wie emporgeschnellt. „Ich gebe mit dem Richtfest das Siedlungswerk in Eure Hände. Ich hab mit der Gründung meine Kraft aufgebraucht. Ich kann hier nicht mehr wirken, nichts mehr leisten, ich bin nur noch im Wege. Erst muß ich mich selbst erneuern. Das kann ich nicht in dieser Luft. Darum will ich eine Zeitlang außer Landes gehen. Meine neuen schwedischen Freunde haben mich eingeladen. Ich fahre mit ihnen.“

So weit war er also! Die Kameraden hatten ja sein Wanken gespürt. Daß er jetzt ganz von ihnen wich, daß er sie und seine Sache verlassen wollte — wenn sie es auch in dunklen Stunden gefürchtet hatten, jetzt traf es sie wie ein jäher Schlag. Keinem von den beiden lag es, zu klagen, zu jammern, zu bitten, ob sie gleich wußten, was über die Siedlung hereinbrach. Waren sich auch wohl klar darüber, daß mit Flehen und Winseln hier nichts zu schaffen sei.

Dankwart, finster, sprach in sich versunken ein klanglos leeres Wort: „Das ist sehr zu beklagen.“ Kunz, beweglicher, weiter greifend, heftiger: „Dann können wir hier also einpacken!“

„Was heißt das!“ Horst lehnte sich dem entgegen. „Das Werk bleibt. Und wenn ich nicht bleibe — jeder ist zu ersetzen. Vielleicht ist es meine Sache, etwas anzuregen, etwas in die Wege zu leiten. Aber es fest an der Hand zu halten — das ist mir offenbar nicht gegeben. Ihr seid die Stetigen, die Beharrlichen, die Harten — führt Ihr das Werk weiter.“

Kunz war in die Höhe gesprungen. „Ob das wahr ist, ob das falsch ist — ich habe die eine Frage, die Du immer gestellt hast! Wo bleibt das Beispiel, frage ich! Bist Du es nicht, auf den alles blickt!“

„Man blickt auf mich, sagst Du — nun, so wie ich bin, darf ich mich nicht länger zeigen. Ich muß wieder anders werden — ehrlich will ich mich darum mühen. Ich will ja auch nicht für immer fort.“ Und nun schlugen seine Arme wie gehemmte, verschnittene Flügel. „Nur ein Ausflug soll es sein — aber ich brauche den Flug!“

Darauf Kunz, seine Stimme pfiff wie eine Klinge: „Horst — Du kommst nicht wieder.“ Hierin war soviel Klage, soviel Zorn, soviel Schmerz, die Männer zuckten zusammen, alle drei. Und ein Schweigen schloß sie ein.

Horst riß sich auf. Eine leichtere Haltung gab er sich, einen lächelnden Ton. „Wenn Du es sagst —! —“ Aber es zersprang etwas in ihm. Ein Schmerz schnitt ihm durchs Mark. Und brüchig ward, was er weiter sprach, aber er gab nicht nach. „Dies das Hauptsächliche. Meinen Entschluß kennt Ihr. Das einzelne besprechen wir noch.“

Er hatte Bestimmungen zu treffen, der Tagesdienst holte ihn. Dankwart und Kunz blieben allein.

Beide starrten sie, dumpf, hohl, düster. Dann stieß Kunz rauh und krächzend hervor: „Wie die Siedlung erschlagen ward. Kein Heldenlied ist dies.“

„Gut.“ Dankwart hat sich schmerzlich fest wieder beisammen. „Wir stehen auf verlorenem Posten. Aber Posten ist Posten. Und wir halten ihn. Bis in uns nichts mehr hält!“

Jetzt ist Kunz an seiner Seite. „Ja, Dankwart, ja. Die Sache will es. Wir wollen es. Und so geschieht’s! Mag denn die alte Siedlung zusammenbrechen — eine neue gilt es zu schaffen. Und dann also lustig! Mit dem Großreinemachen zu Hause fangen wir an.“

Auch Dankwart rief es zu der Arbeit. Sein letztes Wort, heiser und bitter, war das: „Und auch hier wieder ein Weib!“

Ingeborg — der Gedanke war bei Kunz gekommen und gegangen. Jetzt saß er fest bei ihm. Natürlich war sie es, die den Ausschlag gab.

Und seine eigene Liebesnot packte ihn immer grausamer an. Hatte er nicht sein Mädchen verloren! Verloren, da er nicht gleich den Weg zu ihr gefunden, da die Stunden, die ungenutzten, immer mehr Hindernisse aufgebaut, immer mehr an Trotz und Scheu. Konnten sie beide noch hinüber — und wollten sie es noch? Das war ja das Schlimmste: wollten sie es noch? War nicht das Köstliche gestorben?

Und gegen Horst wandte sich seine Wut. Du verstehst es, Dir es besser zu bereiten. Was habe ich früher gefabelt von Deiner Weiberfestigkeit, Deinem Weiberstolz — alles, alles bitt ich Dir ab! Wer so wie Du Gelegenheiten wahrnimmt! Wer wie Du in allen möglichen Sätteln gerecht ist!

Wie hast Du um Lona Dich angestellt! Und jetzt, wo das schöne blonde Schwedenmädchen Dir in den Wurf kommt — dieses weiße, blonde, und dieses reiche, dieses reiche, ja!

Er suchte sein Ventil, in seine Reimereien giftete er sich hinein:

Den einen nahm der Brahmaputra —

Den andern langt sich die Valuta.

Und entgiftete sich wieder, denn hier erschrak er nun doch vor sich selbst, vor des Hasses Häßlichkeit.

Nein, Horst — das ist es nicht. Soweit ist es nun doch nicht mit Dir. Aber ist es nicht weit genug? Und kommt nicht eins zum andern!

Ist es nicht genug, daß Du von uns gehen willst! Uns im Stich lassen — ja, ja, so nenn ich es! Uns untreu werden und Dir selber.

Wie habe ich immer zu Dir aufgeschaut! Und was bist Du mir gewesen! Wohl, nicht immer war, was Du tatst und ließest, mir nach dem Herzen. Aber die große Linie Deines Wesens — wie zwang sie mich immer wieder zu Dir hin. So gut wie sie alle bezwang, wie sie all unseren Kräften die Richtung gab, das gemeinsam starke, gemeinsam freudige Ziel.

Nun ist sie verbogen, geknickt, gebrochen. Da Du Dein eigenes Werk verläßt und verrätst. Ja, und tausendmal ja, verrätst! Ein Fahnenflüchtiger bist Du! Nichts wird hier beschönigt, verschleiert, bemäntelt. Ein Verräter bist Du! Und Dein Werk geht an Dir zugrunde.

Dankwart und ich, die wir bleiben — er hat es richtig bezeichnet, auf verlorenem Posten stehen wir. Und das Beste unseres Lebens wird hier zerschellen.

Nicht steht es in unserer beider Macht, was Du vermochtest, als Du noch bei Dir und auch bei uns warst, das Auseinanderstrebende, das sich Widerstrebende zu binden! Gewiß, daß dies das Höhere, das Größere war! Wir beide, wir werden zerklüften, zerreißen — der Kampf im eigenen Hause, das ist es, was wir bedeuten! Aber hast Du nicht selbst gesagt, ein Kleindeutschland soll dies hier sein! Nun, so sei es das auch ganz, mit der vollen Zerrüttung im Bruderzwist! Der Wahn eines wilden vernichtenden Hohnes brach aus seinen Augen.

Wir werden unterliegen, gewiß, denn die Masse siegt. Aber besser untergehen, als Masse sein! Die Mulitz und Metzling werden uns zu Boden treten — sollen sie! Aber Dir werden wir es gedenken, denn dies alles danken wir Dir! Und wieder ruft es in ihm: Verräter! Wilder und wilder brausen in seinem Schädel die Flammen, der nur noch mühsam in seinen Nähten festsitzt. Von der Hirnwut, die durch die deutschen Lande rast, befällt es auch ihn. Und es wühlt sich etwas in ihn ein.

Sichtbar sind wir, wir haben die Pflicht der Höhe! Er hat es immer am meisten gepredigt, mit Brustton verkündet, er, der uns jetzt im Stich läßt. Der jetzt sich in Sicherheit bringt, der ins Ausland flüchtet, vor der wachsenden deutschen Not. Ein Verräter!

Und wir — wer sind wir, die wir den Verrat in unseren Reihen dulden! Nein, nicht in unseren Reihen! Den Verrat unseres Führers! Sind wir damit nicht seiner wert! Sind wir damit nicht schuldig wie er!

Verräter wie er, wenn wir ihn ziehen lassen! Und es frißt sich ihm ins Blut: er darf nicht fort! Und wenn es auf Tod und Leben geht — er darf nicht fort!

Was wär bei den Römern geschehen, was bei den alten Germanen! Sollen wir der Väter nicht würdig sein — heut mehr als jemals! Sollen unseren Jungen nicht Vorbilder leuchten! Und sie blicken auf uns! Auf mich! Ich habe meine Sendung.

Das Unerbittliche brauchen wir. Das Unerbittliche. Jetzt, wo alles fließt in Deutschland, fließt und zerrinnt. Wenn nur einer hart ist und treu! Ein Kern nur — ein Kern wird gebraucht — und sei er noch so klein!

Richtfest ist am Sonntag. Das Wort brennt sich ihm in die Sinne. Richtfest — Gerichtstag wird gehalten! Wir werden richten! Ich — ich! Wie ein Wächter steht Kunz, ehern, in Gluten gehärtet. Das Herz leer, dem die Freundschaft starb, dem die Liebe verklang.

Die Siedlermannschaft erfuhr nichts von dem Entschluß des Führers. Nach der Einweihung sollten sie es hören. Daß etwas in der Luft lag, verspürten wohl die feineren Nasen. Aber man hing dem nicht nach. Die Festgedanken fieberten durch die Seelen.

Und jetzt zieht der festliche Sonntag auf. Noch die Nacht hindurch haben sie gearbeitet, das Morgenrot sieht den Rohbau mit dem Dachgerüst vollendet, der Tag gehört der Feier.

Laubgewinde wird gebunden, eine mächtige Krone wird geflochten und mit farbigen Bändern geziert.

Vier von den Männern schleichen geheimnisvoll abseits, verkriechen sich in das Dickicht und üben hier noch einmal das Quartett, mit dem sie die Gefährten überraschen wollen. Die tiefste Einsamkeit sucht Mulitz, der Maurerpolier, der die Kranzrede halten soll. Noch einmal memoriert er, was er mit Benutzung alter Sprüche für die Weihe des Hauses sich aufgesetzt hat.

Die Sonne segnet den Tag. Für die Bewirtung der geladenen Gäste werden noch Tische und Bänke im Freien gezimmert — große Sprünge können die Siedler nicht machen, mehr als Bier wird nicht verzapft, und auch das schon reißt ein übergroßes Loch in die Finanzen. Aber was hilft es, Vornehmheit verpflichtet. Und heute wollen sie einmal alle Sorgen dem Wind vor die Füße schmeißen!

Am frühen Nachmittag soll die Feier beginnen. Als die ersten finden die Jungen aus der Stadt sich ein. Fragen, ob sie noch irgendwie helfen können. Fritz Röder und zwei andere noch haben ihre Kameras mitgebracht. Sie wollen alle Einzelheiten des Festes verewigen und viele Gruppenaufnahmen machen. Damit sind sie besonders willkommen.

Dankwart holt seine jungen Freunde zu sich herein. Sein Modell ist flugfertig. Es soll über dem Bau kreisen, wenn die Weiherede steigt. Ganz hingegeben erklärt er ihnen noch einmal das Neue der Konstruktion. Ebenso hingegeben hörten die jungen Köpfe zu. Wie freuen sich alle auf diese so hohe Überraschung. Wie sind sie getragen von dem Geheimnis, das sie feierlich bewahren.

Siedler empfangen ihre Eingeladenen. Im weiteren Umkreise werden Zuschauer sichtbar. Neugierige machen sich näher heran, andere lagern sich abseits im Heidekraut.

Von Moorhof her kommt eine Frau, schwarz gekleidet, in Begleitung von Pastor Waermann. Die Patronin der Siedlung ist es, Frau Tilde. Wie ein Flor wallt es um sie her. Ernst wird es allen zu Sinn. Verehrungsvoll verneigen sich die Männer. Einer macht sich gleich auf den Weg, Meldung an Horst auszurichten, der in seinem Raum immer noch mit der Ordnung von Schriftstücken beschäftigt ist. Er tritt sofort heraus, den erlesenen Besuch zu empfangen.

In voller Uniform mit Ordensschmuck ist er, dem Tage die Ehre zu geben, wie Dankwart und Kunz auch, wie die meisten der Siedler. Horst trägt nur das kurze Seitengewehr. Dankwart und Kunz haben auch die Pistole im Gürtel.

Horst reicht Tilde still die Hand, bei Gisbert sind ihrer beider Gedanken. Seit er ihr die Nachricht vom Tode des Freundes überbracht, haben sie sich nicht mehr gesehen. Edelsteinhart sind ihre Augen geworden, nur von Pflicht und Arbeit wissen sie. Um ihren beseelten Mund hat ein starrer Zug sich gegraben. Sie versteinert von dem Fluch der Einsamkeit, dem ihr Leben erliegt.

Kunz findet sich zur Begrüßung ein. Horst und er sehen sich heute zum erstenmal. Sie mustern sich wie zwei Kämpfer, kalt, feindlich. Seit Tagen ist kein Wort zwischen ihnen geredet.

Horst spricht mit Tilde, der Pastor mit Kunz. „Warum habe ich Sie so lange nicht gesehen?“ fragt Waermann.

Kunz schweigt. Wo hast Du Vita? will es ihm auf die Lippen. Aber dann denkt er, wie gleichgültig ist dies. Gegen das, was hier geschieht. Und sein Blick greift zu Horst hinüber. Der Pastor sieht diesen Blick, und schrickt zusammen. Was ist mit Kunz? Hier ist mehr als Schmerz und Klage um den toten Freund. Etwas Wildes, grausam Gewaltsames züngelt hier. Etwas wahnhaft Verbohrtes wühlt hier. Und wieder gewahrt er das in dem Blick, mit dem Kunz die neuen Gäste, die Schweden aufnimmt. Was geht hier vor?

Oberst Thorild und seine Tochter sind dem Pastor bekannt, Frau Tilde werden sie vorgestellt. Kunz löst sich von der Gruppe, um die ein gemeinsames Gespräch sich schlingt. Er starrt vor sich hin, in seinem Gehirn ist eine leere tote Stelle.

Dann schweifen seine Augen mechanisch über die Versammelten ringsum. Er sieht ein paar Gesichter, die ihm nicht gefallen — Bekannte, von dem Barackensturm her? Wie ein Schleier liegt es über allem.

Und dann doch die Frage: Was wollen die hier? Wie wach und hell hätte ihn früher dieser Gedanke gemacht. Wie hätte der all seine Kräfte angespannt. Jetzt schleichen sie träge. Nur, daß durch ihn das eine hinblitzt: führten sie doch etwas im Schilde! Käme es doch wieder zu blutigem Kampf! Nur Blut könnte hier heilen! Und würde hier alles zerstört und dem Boden gleich gemacht — vielleicht das beste! Besser ein ganzes Nichts als dies halbe Dasein des kümmernden Werks! Und er selbst wird in dem Untergang begraben und ist frei und erlöst, ist ledig aller Pflichten — aller Taten —

Ein Schleier liegt ihm über der Welt, ein rötlicher Dunst ist über den Dingen.

Der alte Torfmeister wuchtet zu ihm her — spricht gewaltig auf ihn ein — seine Ohren dröhnen, die leere Stelle in seinem Hirn füllt sich mit tosenden Schmerzen — er nickt benommen zu allem, was er hört, und weiß von nichts und starrt in die verschleierte Welt. Den Schleier zu zerreißen — mir liegt es ob!

Jetzt tritt Mulitz, der Polier, zum Bericht vor Horst. Es sei alles für die Feier vorbereitet. Wenn es recht sei, könne sie beginnen.

„Dann wollen wir also!“ bestimmt Horst. Wie matte Bronze ist sein Gesicht, verbissen sein Mund, um seine Augen sind Schatten, aber er ist fest und bereit.

Und bereit ist auch Kunz.

Zwischen Ingeborg und Oberst Thorild geht Horst, da sie nun alle zum Neubau wandern. Die beiden wissen, wie Schweres er trägt. Es ist abgemacht, daß sie gleich nach der Feier abfahren. Die Segeljacht ist bereit. Ihre Koffer haben sie gepackt. Aber sie wollen nicht daran erinnern, nicht davon sprechen.

Doch Horst bringt selbst die Rede darauf. „Darf ich fragen, Herr Oberst, ob es bei dem Reisetermin bleibt?“

„Wenn Sie einen Aufschub wünschen —“

„Aber ich bitte. Meine Sachen sind geordnet. Ich bin freudig dabei.“

Ingeborgs Augen strahlen zu ihm empor.

Sein Führerblick übersieht den Kreis. Ganz dahinten — eine besondere Gruppe fällt ihm auf. In ihr ist lebhafte Bewegung. Einer redet jetzt eben — gestikuliert verzweifelt — ein anderer beschwichtigt — hält zurück — bändigt — beschwört. Die Köpfe sind nicht zu erkennen. Doch nach der Haltung, der Bewegung, der Gestalt — der Bändiger, der Lange, ist das nicht Stahlboom? Die Kommunisten — was wollen sie hier? Bereiten sie sowas wie einen Anschlag vor? Er behält sie im Auge.

Hat die schwarz-weiß-rote Fahne sie erregt, die eben über dem First des Neubaus an dem Flaggenmast in die Höhe steigt, von Sonne und Wind mit Jubel gegrüßt?

Von der Baracke her ist Dankwart mit den Jungen erschienen. Sie tragen sein Flugzeugmodell. Auf die Goldberge steigt er mit ihnen und bringt den Apparat in Stellung.

Vor dem Hause machen Mulitz und der heilige Josef die Ehren. Die Versammelten — eine große Schar ist es geworden — stellen im Halbkreis sich auf. Der Polier will ins Haus, will das Gerüst unter der Krone besteigen und die Kranzrede halten. Da, wie jetzt das Schweigen sich über sie breitet, knattert ein Automobil in der Nähe. Sie horchen auf. Kommt noch hoher Besuch?

Jetzt hört es sich an, als wolle es auf der Straße, die man von hier aus nicht sehen kann, vorüberfahren. Dann hält es. Dann nimmt es eine neue Richtung. Jetzt kommt es querfeldein über die Heide. Wen bringt es? Uniformen blitzen darin.

Das Gelände wird sandig und hüglig. Der Wagen stockt und steht. Die Insassen steigen aus. Ententeoffiziere. Ein französischer, ein englischer Hauptmann. Sie schreiten auf die Versammelten zu. Zwei französische Sergeanten hinter ihnen.

Ein Todesschweigen über all den Menschen. Eine Stille ringsum, als halte die Welt den Atem an. Als drehe die Erde sich nicht mehr. Nur die schwarz-weiß-rote Fahne rauscht im Winde.

Der französische Kapitän, geschniegelt, kokett, bewußt, der Rangälteste und Wortführer, greift sich mit den Blicken Horst heraus, den er gleich als die leitende Persönlichkeit erkennt. Mustert ihn, in seiner deutschen Offiziersuniform, mit unverschämten Blick, von Kopf zu Füßen. Erklärt dann in einer Art leutseligen Gesprächigkeit: sie hätten heute am Sonntag eigentlich nur einen Vergnügungsausflug vorgehabt — à votre océan — und die Frechheit ist wieder obenauf. „Mais maintenant votre noir-blanc-rouge nous a attiré. On revient toujours — vous savez — à ses premières amours!“ Horst steht kühl, aufrecht, in voller Höhe vor ihm und würdigt ihn keiner Antwort. Sein Blick ist dem Franzmann unangenehm. Er weicht ihm aus und spricht jetzt herrisch und giftig: da sie nun einmal hier wären, wollten sie „das Nützliche mit dem Angenehmen“ verbinden — er schlägt mit dem Handstock seine Ledergamasche — und hier an Ort und Stelle gleich die Waffensuche vornehmen. „S’il vous plaît“ — wendet er sich an den Engländer, der schläfrig dasteht und aus seiner kurzen Shagpfeife pafft. Kaum hält er es für nötig, mit dem Kopf zu nicken oder ein „yes“ zu kauen.

Der Franzose sieht sich im Kreise um, er mustert das Publikum bei diesem Schauspiel, dessen Hauptheld er ist, da trifft von den Goldbergen her ein Flimmern sein Auge. Das Flugzeugmodell blitzt in der Sonne.

Er setzt den Feldstecher an. „Ah — un modèle d’aéroplane! voilà des essais, qu’il faut surveiller avant tout!“ Er wendet sich an den englischen Hauptmann — „vous arrange — t-il?“ — und schreitet auf die Höhe zu. Der Englischmann grunzt und bleibt an seiner Seite. Die Sergeanten folgen.

Horst auf anderem Wege überholt sie. Dies alles geht ihn natürlich zuerst an. Kunz ist an seinen Fersen. Der eiserne Ring, der ihm um die Brust saß, ist gesprengt. Eine neue Tonart spielt das Leben. Er kann wieder Luft holen. Er trinkt sie tief in sich ein. Bis in den Hals schlägt ihm das Herz.

Mit Dankwart zusammen nehmen Horst und Kunz die Feinde in Empfang.

Die Menge ist an den Fuß der Goldberge geströmt. All die Köpfe sind gehoben, all die Gesichter, die Augen glänzen auf zu der Höhe. In allen Herzen klopft es: was wird geschehen? Daß hier etwas geschehen wird, sie fühlen, sie wissen, sie fordern es alle. Und so sind sie einig, geschlossen, eine große Gemeinschaft in diesem einen Gefühl. Von Pastor Waermann, dem Freiheitshelden, bis zu Stahlboom, dem Kommunisten — in Frau Tilde, in Oberst Thorild, Ingeborg, dem Torfmeister, in allen Siedlern, allen Geladenen und Ungeladenen — in allen, allen pulsen die Nerven denselben Takt.

Auch in den frommen Wallern, die heute wieder erschienen sind — zuerst haben sie sich gesondert gehalten und ferne — in scheuer Andacht — wie eifersüchtig auf ihre Sehnsucht — jetzt rücken sie näher — und bald werden sie sich ganz dem großen Chore einverleibt haben. Ist nicht in allen dieselbe Not, dasselbe Gebet? Werden nicht die vielen vereinten Hände, geeinten Herzen am ersten das Wunder beschwören? Am ersten ein Zeichen erwirken? Ein Zeichen des Trostes, und wenn nur ein kleines, das Hoffnung gibt auf die Erlösung!

Da oben, eingespannt in den hellen, vollen, harten, wahrhaftigen Glanz der Sonne, stehen sie — deutsche Offiziere — feindliche Offiziere. Im Schmuck ihres Kleides, im Glanz ihrer Waffen, ihrer Ehren. Stehen sich gegenüber — Welt gegen Welt. Was wird geschehen?

Was entspinnt sich da? Der Kapitän besichtigt das Modell. „Instrument de guerre“, erklärt er. „Vous le briserez sur le champ moi présent!“

Dankwart hat dafür kein Wort. Er wendet dem Heischenden den Rücken und legt beide Arme auf die Maschine.

Der Franzose zischt wie eine Natter — packt Dankwarts Schulter — der schüttelt ihn ab, daß er taumelt.

Da, in maßloser Wut hebt der Franzose den Stock und schlägt Dankwart über den Kopf! Dankwart, den Krüppel!

Ein dumpfer Aufschrei preßt sich aus all den Herzen, den Kehlen —

Horst — schon hat er den Burschen am Kragen — holt ihn sich hintenüber — reißt ihm den Stock aus der Hand — legt ihn sich übers Knie und läßt seine Hiebe auf ihn hageln.

Blitzschnell das alles. Der Engländer steht regungslos. Die Sergeanten wollen zuspringen. Die Hand mit der Shagpfeife weist sie zurück. „Fair play!“ Um den breiten Mund ist das Lächeln einer ehrlichen kleinen Teufelei.

Blitzschnell ist es vorüber. Atemlos, im Bann, in verzücktem Schweigen — so haben all die Herzen, die Hirne das Bild getrunken. Sie haben es, sie halten es, verwachsen ist es mit ihnen.

Jetzt, da Horst den Gezüchtigten beiseite geschmissen hat — da dieser mit schäumendem Mund und irrem Auge die Pistole aus dem Gürtel reißt — mit donnerndem Hurra sind all die Siedler den Berg hinaufgestürmt.

Der englische Hauptmann hat den Arm des Verstörten genommen. Sein „we shall see!“ kaut er und führt ihn gemessen den Berg hinunter, zu ihrem Auto.

Ein Jubel hat sich aufgemacht wie eine Windsbraut. Das große Meer des Zornes eines edlen, mächtigen, geknechteten, geschändeten Volkes — hier schlägt es seine Wellen empor, himmelan. Sie klatschen in die Hände, sie umarmen sich, sie brausen, sie taumeln unter Weinen und Lachen. Muz wie ein Feuerrad rast um sich selbst — man sieht nur ein tosendes Rund und sprühende Funken. Ein donnerndes Rollen steigt zum Firmament. Lud Uhlenbrook lacht und lacht aus vollem Herzen — so brüllt das Glück. Außer Rand und Band ist die ganze sonnenselige Welt. Das blanke hohe Himmelszelt spannt sich zum Zerspringen — zerreißt es nicht — bricht nicht ein Blitz aus dem Blau — ein Gottesantlitz?

Horst über ihnen allen, strahlend wie Michael, die Augen geweitet, die Nüstern gebläht, ein unergründlich glückliches Lächeln um den Mund. Noch meiden sie ihn, wie ein Höheres, ein Heiliges.

Dann aber stürzen die Jungen zu ihm. Fritz Röder — will es schreien — und erstickt an seiner Seligkeit — und stößt es dann mühsam aus verschluckten Tränen hervor — „ich hab es geknipst!“ Und zwei andere stammeln „ich auch!“ Und Fritz verkündet es heiser, lallend, zusammenbrechend — „ein Bild ist das — ein Titelbild — für die Geschichte — in alle Lande, in alle Städte, in alle Dörfer soll es fliegen — für die Weltgeschichte — für die deutsche Geschichte — ein Titelbild — ich hab es geknipst —“

Wie ein vom Strick Losgeschnittener steht Kunz. Zu heftig hat sich die hohle Stelle in seinem Brägen wieder gefüllt. Noch blickt er verblödet.

Da schleicht von hinten etwas zu ihm, springt ihn an, drückt ihm die Lider zu mit kindlichen Händen — wer ist es? — was fragt er, da er es fühlt?

Und sein Mädchen schenkt ihm der deutsche Jubel! In seinen Armen hängt Vita und küßt ihn mit fast mänadenhafter Glut. Daß er aufs neue verblödet. Aber plötzlich ist er so hell und gescheit wie noch nie in seinem Leben und packt zu und hält fest. Und ist der bedeutendste und mächtigste aller Menschen.

Und ist wieder der Junge, ganz der Junge — schreit auf wie ein Verrückter — schlägt Purzelbäume, sieben hintereinander und brüllt zwischendurch zu seiner Vita hinüber: „Bin ich dick?“

Dann bleibt er besinnlich im Grase sitzen. Ist das ein Tag — eine Tat. Ich muß sie besingen. Die Welt erwartet es von mir. Ein Heldenepos! Ich hab auch schon einen Titel: der Büchsenspanner Seiner Majestät des deutschen Volkes. Nein, ein Volkslied muß es werden. Ein Kutschkelied. Und soll noch von den Enkeln gesungen werden in allen Gauen.

„Da sprach der Horst, das ist mir Worst,

Und haut ihm, daß die Hose borst.“

Ingeborg ist bei Horst. Sie läßt das Glück ihrer Augen leuchten, wenn es auch schwer dahinter dämmert. Sie packt seine Hand mit beiden Händen. Das wiegt alle Worte auf. Dann spricht sie leise: „Aber nun wird Ihnen hier Schweres bevorstehen.“

„Wer das nicht fröhlich auf sich nimmt —!“ Gleichwohl schweifen ihre Blicke zur See hinunter und etwas in ihnen spricht: da liegt unsere Jacht segelfertig. Du tust gut, Gras wachsen zu lassen über das, was hier geschehen ist! Komm jetzt! Fahr mit uns! Mit mir!

Doch, wie sie das Auge wieder voll zu ihm wendet, erschrickt sie vor diesem eigenen versteckten Denken und Wünschen. Ich würde es selbst nicht wollen, daß Du Dich von hier entfernst! Daß Du mit uns fährst. Ich würde Dich selbst so nicht wollen! Und ein harter reiner Schmerz bändigt ihre Flammen.

Oberst Thorild tritt hinzu. „Ein Wahrzeichen — ein Wappen — eine Fahne sind Sie geworden!“ Seine Augen sind voll Feuer.

„So darf man denn das — Abgedroschene, das Triviale gelten lassen, weil es die stärkste Anschaulichkeit, die größte Bildkraft hat. Dafür werden die Abstrakten im Lande Zeter über mich schreien.“

„Die lassen Sie nur.“

„Und die nützlich Ängstlichen noch mehr. Ich hör es schon in ihren Blättern rauschen. Kostspielig wird die Sache — schädlich verbrecherisch ist Deine Tat! Nur ein Volksfeind konnte so handeln!“

„Die lassen Sie erst recht. Ich sag Ihnen, noch ein Dutzend solcher symbolischen Handlungen, und das Volksgewissen bekommt sein Mousseux, seinen Aufstieg. Ich glaube es lohnt, in diesem Volksgewissen zu leben! Dafür aber, mein Freund — so darf ich Sie nennen — sind wir, Ingeborg und ich, jetzt die Leidtragenden. Da Sie jetzt nicht mit uns fahren.“

„Ich denke, wir werden uns damit nicht verlieren.“

„Niemals. So wie wir uns gefunden haben! Aber jetzt müssen wir Sie mit Ihren Kameraden allein lassen. Leben Sie wohl!“

Mit starkem Händedruck nehmen sie Abschied voneinander. Lange liegt Ingeborgs Hand in der seinen. Dann bleiben ihre Augen nicht mehr fest, und sie wendet sich jäh von ihm.

Horst blickt den Schreitenden nach. Oft noch dreht Ingeborg sich um und winkt mit dem Tuch. Er muß bitter hart die Zähne aufeinander beißen. Wieder ist eine Kraft von ihm gegangen. Wieder eine Saite in ihm zersprungen. Aber, was er noch hat, treu muß er es bewahren, denn es gehört nicht ihm allein.

Und wie er jetzt die Kameraden sucht, da tritt jemand vor ihn hin, ein Unerwarteter. Stahlboom, der Kommunist. Der Feind, mit dem er gekämpft auf Leben und Tod. Der Feind — der Landsmann jetzt, der Deutsche. Reicht ihm die Hand, schnell, hastig — aber Hand ruht doch in Hand. Ob heimlich, wie beiläufig, ärgerlich fast — die Hände haben sich doch gefunden! Wahrhaftig und notwendig! Die Hände und die Herzen! In diesem Zeichen wachsen sie zusammen.

Da leuchtet es nun erst über Horst hin — der Lichtstrahl der glückhaften Erfüllung! Die deutsche Einheit — die Front ihrer Streiter — sie ist kein Traum — sie kann sein — sie wird sein — sie ist! Nur braucht sie ihr Signal! Die rechte Fahne muß wehen! Dafür leben und sterben!

Horst ist mit den Kameraden zusammen. „Ja,“ sagt Horst, „ob Ihr mich bei Euch behaltet? Ob Ihr nicht die Suppe, die ich auch Euch eingebrockt habe, mich lieber allein auslöffeln laßt —! —“ Da lachen all die Siedler laut hinweg, was er sonst noch hätte sagen können.

Kunz packt seine Hand und reißt ihn zur Seite. Und mit einem unbeschreiblichen Blick, in dem ein Bekenntnis liegt voll aller Düsternis und aller Helle dieser Welt, mit seinem lächelnden Knabenmund: „Ich dank Dir auch, Horst — dank Dir, daß ich Dich nicht hab um die Ecke zu bringen brauchen.“

Horst blickt in diese Tiefen und versteht den Freund, und ihre Freundschaft ist geheiligt.

„Und jetzt weihen wir unser Haus! Ihr Jungen, singt Deutschland Euer junges Lied! Wir stimmen mit ein.“

Und zur Sonne empor braust es:

Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,

jede Faser gestrafft und gerafft,

wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,

siehst du die nächtigen Wolken lohen?

Wir sind des Frührots lachender Schein!

Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen — die Herzen fliegen!

Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!

Unter die Füße den tückischen Haß,

seine Ketten zerspringen wie Glas.

Unser Gebet, unser Feldgeschrei:

Frei sollst du sein!

Wir machen dich frei!

Vom gleichen Verfasser erschienen
in demselben Verlag

Die Ecke der Welt

Eine Erzählung. — 5. Tausend.

„Mit großer dichterischer Kraft hat Dreyer hier die Geschichte von einer Frau und drei Männern erzählt, und er erweist sich auch jetzt wieder als ein Meister der Epik, als unerschrockener Seelenkünder. Das ganze Geschehen ist von der herben Landschaftsstimmung des nordischen Küstenlandes umhüllt; im knappen Aufbau der Erzählung verrät sich die dramatische Schulung und die Schilderung erreicht eine seltene Farbigkeit und psychologische Klarheit, die Gabe eines unserer feinsten Dichter.“

(Hamburger Nachrichten)

*

Die Insel

Geschichten aus dem Winkel. — 5. Tausend.

„Sieben feine, kleine Geschichten, anmutig in ihrer schlichten, zu Herzen gehenden Art, eine Insel, auf die wir uns flüchten wollen in den Wirren dieser Zeit. Die Naturschilderungen, die nicht breit und platznehmend, dennoch vielfach im Vordergrund stehen, sind von schöner Kraft. Die Skizzen sind liebevoll ausgeführt und haben zumeist einen Humor, der welterkennend lächelnd über den Dingen steht.“

(Eva Duncker im „Abendblatt“, Berlin)

*

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Roman. — 5. Tausend.

„In eigenartiger Weise behandelt Max Dreyers neues Buch das Problem, das nach einem an Blutopfern überreichen Kriege für jedes Volk das wichtigste ist: Die Frage nach dem Ersatz für alle die Jünglinge und Männer, die ihr Leben dem Vaterlande hingegeben haben. Kräftiger Realismus vermählt sich in dem packend geschriebenen Roman mit einer den feinsten Seelenregungen nachspürenden psychologischen Kunst.

(Hannov. Courier, Hannover)

Vom gleichen Verfasser erschienen
früher in demselben Verlag

Der deutsche Morgen

Das Leben eines Mannes
15. Tausend.

*

Ohm Peter

Roman
18. Tausend.

*

Lautes und Leises

Ein Geschichtenbuch
11. Tausend.

*

Strand

Ein Geschichtenbuch
3. Auflage.

Einen ausführlichen Prospekt über die Werke von Max Dreyer liefert jede Buchhandlung oder der Verlag kostenlos.

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):