Winternot

Der Februar brachte eine Bärenkälte. Was schimpfte Kunz in dem bereiften, vereisten Schuppen! Gisbert hatte seinen Ohrenschmaus.

„In Berlin haben sie vorgestern die hundertsiebenundsechzigste Tanzdiele aufgemacht! Und mir frieren hier die Zehen ab. Hat deshalb die Schöpfung in mir alle menschlichen Reize zusammengehäuft, daß ich zu Puppenlappen verfrieren muß!“

Gisbert blieb unanfechtbar, schwebend, über den Dingen.

„Und Du, sag mal, hast Du immer noch Lust, ins All aufzugehen? Der Natur — von minus zwanzig Grad — Dich einzuverleiben? Getreu Deinen Brüdern am Indus, Ganges und Brahmaputra? Die sich da in die Sonne hinlümmeln und sich die Bananen oder sonstwas in den Rachen wachsen lassen. Wir, die wir hier in Schneehütten und Erdhöhlen hausen, Herrgott — wir müssen uns schon ganz in uns selbst hineinkonzentrieren! Daß wir wenigstens etwas Warmes in den Leib kriegen! Der Unterschied zweier Welten! Aber Du — Du mit Deinem Astralgebein!“

Dann kam Tauwetter, eine Regenperiode mit niederträchtigen westlichen Winden. Und ein böser Gast fand in der Baracke sich ein, die Grippe. Fast alle lagen sie auf der Nase. Horst, der noch soeben an einer Lungenentzündung vorbeischrammte, blieb auf den Füßen, pflegte, half und gab das Steuer nicht aus der Hand.

Und wie eine Seuche liefen jetzt, wo sie ihre frische Arbeit nicht hatten, die Unlust, der Überdruß, die fahnenflüchtigen Gedanken durch die Reihen. Von Schimpfen, Stöhnen und Fluchen über das Barackendasein klang der Bau.

Wohl hatte Kunz das Instrument auf diesen Ton gestimmt. Und auch ihm kamen bitterliche Stunden, in denen er Horst sein Herz ausschüttete. „Ich mach nicht mehr mit, — in diesem elenden Kasten — wie ein Sarg ist er — ein Bretterkahn ist er, der in den Orkus hineinfuhrwerkt — ich steig aus! Nach der Großstadt will ich. Müll kutschieren will ich oder den Gummibesen über den Straßenasphalt schieben!“

„Du bist größenwahnsinnig“, erklärte Horst dazu.

Dann gab er sich. Er mochte auch nicht zu dem Chorus gehören. Und da Trübsal und Bitternis nicht abreißen wollten, warf er sich in seinen alten Übermut, hielt sein Lachen parat, zornig und rüttelnd, und wusch die Köpfe.

„Hat das bißchen Schnupfen uns zu Jammerlappen aufgeweicht?“ Für die Braven und Zukunftsstarken schleppte er Rum herbei, ihnen braute er heilsamen Grog — wen gab es da, der nicht zukunftsstark wäre?

Mit seiner Zupfgeige zigeunerte er an den Krankenbetten. Muz saß andächtig dabei und hatte gespitzte Ohren. Dichtete an seinen Liedern „vom heimlich-unheimlichen Suff“ und sang sie ihnen.

Jetzt sing ich euch das Lied vom Muselmanne,

er betete getreulich seine Suren,

zuweilen aber kriegt er seine Touren,

und flüchtete zu seiner Fuselkanne.

Oder er warf ihnen so aus dem Handgelenk ganze Bündel Singsangreimereien vor.