I

Die Mutter schilt mich ohne Grund — ich wehre mich — wir zanken —

wie kannst du wissen, was ich heimlich für und für gelitten

und immer wieder durchgelitten hab’ . . . ich möchte um Verzeihung bitten

für jeden Schlag, den du mir gabst, und dir für jede Härte danken!

Weißt du denn, wie das ist, wenn in einsamer Nacht

ich wach sein muß und irgendein Tier vor mir flieht,

wenn man im Spiegel sich selbst wie entzaubert sieht

in roher Nacktheit, maskenlos ungeschlacht?

Ich möchte dir so gern, so gern! stets etwas Schönes schenken,

und hab’ doch immer Angst vor deinem hilflos herben Staunen:

Du hieltest es erbittert, oh! für eine von meinen erbarmungslosen Launen

und weintest heimlich — aber ich muß „Martyrblume! Schwester!“ denken . . .

Und — Gott ist krumm! — ich muß dich immer wieder kränken!

II

Mein Leben ist aus deinem Glück und Gram

ein Kreuz von süßem und von bittrem Holze;

Entbehrung noch, der Fleck auf meinem Stolze,

sei gut, weil sie aus deinem Kelche kam.

Der Gang im Schnee; in Büchern wie in kalten,

verlassnen Korridoren stumm zu stehn;

oder wenn um die Stirne die Gestalten

des eignen Schöpfersturms gespenstisch wehn:

holt sich von dir Bestätigung und Stimme

und weint und lacht sich reif an deiner Brust,

denn dein war alles, eh es mir bewußt

und wichtig ward: der Fluß, in dem ich schwimme,

umflüsterte dein Haar. Ich rann wie Sand

ganz weiß aus deiner spielgewölbten Hand,

und wie ich selber mich im Spiel versinne,

fließt Ernst und Lust in deine Hand zurück,

und alles wird, was immer ich beginne,

zu deinem Grame und zu deinem Glück.

Lob des Mondes
(Der Bresthaften Trostgesang)

(In ehrfürchtiger Zuneigung Else Lasker-Schüler gewidmet)

Mitternacht ladet zu Gast die Gelähmten,

hat für die Blinden Früchte und Wein;

die sich des Leids vor der Sonne schämten,

hüllt sie behutsam in Mondenschein.

Fiebernde kühlt die Milch ihrer Sterne,

Stotternde singen mit ihrem Wind,

aus dem Geröll der verfallnen Zisterne

hebt die Verlorne ihr aussätzig Kind.

Bucklige, die sich mit Eifersucht grämten,

finden den Sesam, Götter zu sein —

Die sich des Leids vor der Sonne schämten,

gehn durch den Mond in den Himmel hinein.

Und der Taube, im Rauschen der Sterne,

lächelt, weil Hymnen im Herzen ihm sind.

Aus dem Geröll der verfallnen Zisterne

hebt die Verlorne ihr aussätzig Kind.

Daß aus den blutenden Wachtfeuer-Bächen

eine Hand seine Wunden berührt.

Stummgeborene glühn von Gesprächen,

in das Pathos der Wolken entführt.

Flüchtige Schwalbe die Hand des Gelähmten,

Blick des Blinden im spiegelnden Wein:

die sich des Leids vor der Sonne schämten,

gehn durch den Mond in den Himmel hinein.

Bettler, wo kehrtest du ein

Bettler, wo kehrtest du ein, mit dem ich einst sprach,

der seines Lebens Pein wie Brot mit mir brach?

Deine Stimme fiel hart, wund, wie ein Stein ins Gras,

ich fühlte mich schuldig und schenkte dir was.

Du logst mich an, aber dein Blick bat: Ich kann ja nicht anders, verzeih!

Und dein ins Joch gezwängtes Rückgrat sprach dich von allem frei.

Dann schrittest du weiter, das Haupt verklärt von Weh und Hohn;

über dir sangen die Vögel im Laub: Das ist mein lieber Sohn!

Manchmal bange mit trostlosen Träumen allein

ruf ich dich lange: Bettler du, liebe Lüge, wo kehrtest du ein?

Verirrt in dieser Fremdheit Not

Was hab’ ich noch mit euch zu tun:

mit dir, du Frau, mit dir, du Mann;

der ich mich selbst nicht trösten kann,

vergrämt und grau

muß fremd in fremdem Bette ruhn.

Wie bang ich dann verloren bin

in fremdem Zug zu fremder Zeit

und ohne Sinn getragen hin

von jeder Heimat weit, so weit —

kein Haus hält still, kein Waldrand will

den Weg zurück Gefährte sein,

und Sterne stehn auf Bergen stumm —

ich aber muß, vor Angst ganz klein,

in einen fremden Raum hinein;

der wächst wie Dornen rings herum.

Und bin mit keinem Ding vereint,

so schlaflos fremd in fremdem Bette

und noch den eignen Füßen feind,

und warte, daß mich Gott errette . . .

Die Wagen rollen immerzu

hin durch mein Herz, die ganze Nacht,

auf falschem Gleis zu falscher Ruh,

und bang am Wagenfenster wacht,

der sich verirrte — Bruder du

im gleichen Bann,

daß nichts, daß nichts ihn trösten kann,

verängstet fremd in fremdem Bett

und schlummerlos als wie geschnürt

auf das verhaßte Henkers-Brett,

von dem kein Flügel ihn entführt —

Groß Tore drohn. Spitz schielt ein Licht

mit bösem Auge unerlöst.

Der Morgen wie ein Grab aufbricht,

in das ein fremder Tod mich stößt.

Türme in der großen Stadt

Wir wollen uns immer die Hände reichen

über Patina-Grün und Lichter-Flug,

doch unsrer ehernen Zungen Zeichen

(Wo ist die Stille, die einst uns trug?)

haben sich nie vereint,

immer war irgendein Feind

zwischen uns: Räderspeichen,

Autohupen, Reklamen, ein Stadtbahnzug!

Wir starren, verdorrte Bäume, in Schwüle

(Manchmal schwebt uns ein Luftschiff nah . . .)

dürstend nach der Sterne Kühle

und der Wolken Gloria.

Rauch erdrosselt weh

unser: Kyrie!

und wie Henkerstühle

stehn Plätze; Drähte sind wie Mördernetze da.

Über uns kommen Nachtmanöver, Kanonen,

wir möchten ausschlagen wie auf dem Wall

junge Pferde, aber wir müssen uns schonen

und stehen immer wie im Stall.

Goldner Kreuze Last

liegt auf uns verhaßt.

Wo unsre Brüder wohnen,

wissen wir nicht. In Scherben zerschellt unsrer einsamen Stimmen Schall . . .

Unsre Leiber sinken verloren, erbleichen

bei Patina-Grün und Lichter-Flug.

Wir liegen wie einbalsamierte Leichen,

ewiger Krieg tausend Wunden uns schlug.

Sind nie vereint,

immer trennt uns ein Feind,

daß wir uns nie erreichen —

Wo ist die Stille, die einst uns trug . . . und ertrug?

Ein Abend ist vertan — ein Tag zerschlagen — —

Ich muß mich wieder in dies Glashaus bannen,

an das kein Echo und kein Lockruf pocht,

wo Träume, trostlos wie erfrorne Tannen,

sich ducken um ein bald verdämmernd Docht.

Ein Abend ist vertan . . . ein Tag zerschlagen . . .

vernichtet Liebe viel und wie erstickt

in Gittern, wo der Nachtigallen Schlagen

verstummt und unstet die Gazelle blickt.

Und draußen ist vielleicht der Witwer Wald,

der neben meinem Lied am Morgen lief,

den weiten Weg zu seinem Grab gegangen.

Und draußen kniet vielleicht in Knechtsgestalt

der Strahlende, den meine Sehnsucht rief,

sich hin, den Todesstreich jetzt zu empfangen.

Wenn ich wieder durch die Fremde irre . . .

(Einem sehr geliebten Dichter)

Und gewiß, wenn Kleinmut mich zersplittert,

nur ein Wort von dir mir Wimpel wird,

wenn der Trambahnzug auf Brücken zittert,

daß ich mich an Fremde wie verirrt

schmiege und erwarte hilflos Zeichen

einer Freundschaft, die nicht kommen kann,

blüht aus Gesten, die den deinen gleichen,

alle Labsal unsrer Liebe dann.

Häuserschatten schweben schonungsvoller,

wenn in Dämmerung mich mein Schicksal fängt,

allerwegen in des Irrwahns toller

Glücksjagd meine Not zu deiner drängt.

Wenn ich, aus mir selbst geworfen, stürme,

überholt mich deines Himmels Chor,

und aus diesen fremden hohen Türmen

reißt mich eine Flut zu dir empor.

Werd’ ich noch einmal Bruder entgürteter Geister?

(Der unerschütterlichen Geradheit und aufrechten Bereitschaft Franz Pfemferts dankbarst zugedacht)

Werd’ ich mich noch einmal durch alles Bittre durchbeißen,

nahe den Alpen der Tat fliegen durch Gluten von Glück,

gütig durch Gärten gehn und Blutenden Heiland heißen,

Neid aus den Augen nehmen und vom zitternden Nacken Gebück?

Werd’ ich noch einmal mein Ringen ins Reine reißen,

Rad eurer Rede sein und vom Starren der Steine ein Stück,

stummen Dunkels ein Busch und eine Welle vom Weißen,

und die Tücke der Not zwingen in Tränen zurück?

Werd’ ich noch einmal über das Morden Meister

von Mund zu Mund in aller Gedächtnisse Bund,

wird mein Belastetes lächelnd wieder sich lehnen

an ein Geländer von goldener Güte, die rund

göttlich Umarmung ufert um wunder-wahrmachende Geister? —

Oder bleib ich auf fremder Spur kreisend ein sinnloses Sehnen . . .

Zum Herzen meines Vaters
(das, Opfer des Weltkrieges, am 20. 12. 1916, jäh brach)

Vater, bleibe über deinem Sohne

und erlöse mich in deinem Schlaf,

eh ich alt an deiner Arbeit frohne,

fruchtlos bin wie du, vom gleichen Hohne

durch die Welt getrieben, der dich traf.

Vater, segne meinen Weg ins Weite,

daß er deine Knechtschaft segnen kann!

Gib mir durch die Lande das Geleite,

daß ich Sanftmut säend dir zur Seite

sühne, was in deinem Gram begann.

Vater, fahre fort mit mir zu reden

von der Rache, die du dir verschwiegst,

daß du endlich jauchzend über jeden

Gegner deiner schamverschwiegnen Fehden

in dem offnen Feld der Güte siegst.

Vater, laß mein Werk sich furchtlos breiten

über jeden Bruder unsrer Brust:

Vater, wenn wir sanften Sinnes schreiten

in dem großen Reigen der Befreiten,

hat dein Sterben seinen Stern gewußt!

Vater, sieh: dann schlichtet sich in schöne

Friedlichkeit dein mühevoller Pfad . . .

Frühlingswind im Wald verklärter Töne,

Vater, wache über deine Söhne

und erlöse dich in unsrer Tat!

„Wir gehen im Rosengarten, da sind Lilien und Blumen genug; wir wollen unserer Schwester einen Kranz machen, so wird sie sich vor uns freuen.“

Jakob Böhme,
De triplici vita hominis.

Was ihr verschenkt, wird euer Reichtum werden

Keine Finsternis, kein Schlummer euch ganz verschlingt:

einer Geliebten Verstummen die weißen Sterne euch bringt.

Schüttelt die Kissen und schöpft in den Morgenkrug

aus dem himmlischen Bronn kühles Licht euch genug.

Geht mit Zauberworten weiche Wand sanft entlang,

pflückt die blauen Monde aus dem Maskenschrank.

In ihrem Schweigen wird der Vogel Herzeleid

heimatlich wie im Gezweige grüner Müdigkeit.

Was den Tag euch taub macht, was euren Abend bestiehlt,

segnet euch, wenn unterm Laubdach Gottes ihr Psalmen spielt.

Schweigen mit dir

Schweigen mit dir: das ist ein schönes Schwingen

von Engelsfittichen und Gottes Kleid

und süß, unsagbar sanftes Geigenklingen

verweht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Schweigen mit dir: das ist verschwistert Schweifen

auf weißen Wegen und geliebtem Pfad

und Fühlen, wie sich Blut zu Blute reifen

und ranken will aus segensreicher Saat.

Schweigen mit dir: das ist der Schwalben Schwirren

um abendliche Türme sonnensatt

und Wonnig-Wissen, wenn wir uns verirren,

uns blüht gemeinsam doch die Ruhestatt.

Schweigen mit dir: das ist aus Schwachsein Schwellen

zu immer größrer Fülle, Form und Frucht,

ist Wärme von Kaminen, Hut in hellen,

verstohlnen Stuben, Bad in blauer Bucht.

Schweigen mit dir: so sicher singt das Sehnen

von Seele sich zu Seele wunderbar —

ich weiß mein Haupt in deinem Schoße lehnen

und deine Hände streicheln hold mein Haar!

Verse von Ausreise und Wiederkehr

Wie eines armen Schächers Nacken

vor dem verfluchten Beil des Henkers friert,

das schrecklich nah und immer näher rückt,

daß er in schlaflos schlimme Nächte stiert

und hört im Traum, schrill, seine Knochen knacken,

und geht durch den Gefängnishof verzerrt, gebückt:

so ängstet mich die Stunde, da ich von dir scheiden muß

und ganz allein durch fremde Straßen streifen soll

ins Schreckhaft-Leere nach deinen Händen greifen soll,

und recht verlassen Sehnsucht leiden muß — — —

Du mußt mir deine Sterne schicken

und deine Gedanken mir zu Gerten geben,

die mein zages, verzärteltes Zögern züchtigen,

du mußt mich mit Träumen von dir zu tüchtigen

Taten tauglich machen und mit deinen Blicken,

die mir kommen, wenn meine Augen sich zum Himmel heben,

trösten, daß die Freude auf meine Wiederkehr

und auf das neue Glück mit dir mich nicht verzweifeln läßt,

wenn ich in fremder Kammer tränenübernäßt

nachts zum bestirnten Firmamente bete —

(denn ich bin allzu sehr

verschüchtert, wenn ich feindliche Triften betrete.)

Dann aber macht mich deine Liebe entschlossen

und hält mein Herz hoch und meinen Mut! — — —

Und plötzlich ist die bange Zeit verflossen,

und ich bin wieder bei dir,

und du wiegst den heimgekehrten Odysseus auf deinem Blut.

Blumenlied

Noch sind die Blumen von dir

frisch wie am Tag,

da deine Hand abschieds-zitternd in meiner Hand lag,

und dein Herz tat sich auf wie ein Brevier!

Der Zug stand fahrtbereit,

aus manchem Fenster fiel ein gleichgültiger Blick —

Meine Augen sagten zu dir: „Erschrick

nicht vor unserer Einsamkeit!“

Dann zerriß uns das Signal wie ein Schlag —

Nachts: du schläfst einsam, ich wache einsam am Tisch —

und deine Blumen sind frisch

wie am Abschiedstag.

Mein Gethsemane

Dies ist mein schwerstes Kreuz und schwerer noch als Armut, Krankheit, Dunkelsein zu

tragen:

wenn plötzlich, eben als mein Herz noch voller Übermut und Zärtlichkeiten sang,

aus meinem Munde oder meinen Augen Geißeln gehn, die unser Innigstes zerschlagen,

und lassen unsern Abend leerer noch als trunkner Jähzorn oder ungelenker Zank.

Aber ich weiß doch nicht und werde es mein Leben lang nicht wissen,

woher die Tränen kamen und worin ich schuldig war,

und ist auch meine Ruhe zur Nacht von Tränen verschwommen, von Reue zerrissen,

und mein Gehirn wie unfruchtbare Erde und verdorrtes Laub mein Haar,

in dem Stürme, vor denen ich hilflos bin, Stürme ohne Sinn und Ursprung wühlen,

und bleibt nur Hoffen, daß du mir verzeihst, wie Sonne im April

über Entsagung als der heilige Geist, der alle Fieber kühlen

und alle Wunden heilen und sich an jede Lende legen will —

Spür’ ich doch stets, und bis zum Tod nach Jahren noch,

wie jetzt in dieser Schuld, die ich nicht weiß, ganze Saaten von Glücklichsein versanken,

wie ich mit einemmal verlassen und belastet mit unsichtbarem Joch

nichts hab’, als die Geduld mehr, es zu leiden ohne feig aufsässige Gedanken,

es hinzunehmen wie alles, was aus deiner Nähe sich zu mir herniederneigt,

als mir zu Recht bestimmt, und selbst wenn Unrecht mir geschähe, so zu schweigen und ohne

Wanken

mich zu erfüllen, daß ich auf die eigne Zagheit zeigen kann, wie Jesus in Gethsemane auf seine

ohne Schuld zitternden Hände zeigt.

Abendliches Leni-Lied

Wir wandeln wieder lässig über Land,

ich und mein Hund. Die ersten Blätter bleichen.

Der Abendwind kommt kühl wie deine Hand

und will die Striemen aus der Stirn mir streichen.

Und plötzlich rührt es mich, zu meinem Hund

verinnigt Zärtliches von dir zu sagen,

wie eine Blumenurne wird mein Mund

von Liebesgöttern an dein Herz getragen.

Der Mond steigt langsam aus dem Wolkenwald,

an Sternen tastet sich die Nacht, die blinde,

stöhnend herauf. Ich bete, daß ich bald

mein Lied auf deinen Lippen wiederfinde.

Du meiner Beete stille Gärtnerin

Wo deine Füße wandeln, blüht Vergißmeinnicht,

du meiner Beete stille Gärtnerin.

Du öffnest deine Hand und wirfst die weißen Wellen

wippender Sätze über meinen Geist.

— Gedanken gehn in Waffen . . . Glied an Glied . . .

Im Mond sind Mühlen, winterlich verwaist,

so braun wie ausgebrannt, umzäunt von Nervenlicht.

— Schläfst du? Träumst du von mir? Entstellen

dein Atmen Ängste? Fühlst du, wie ich bei dir bin?

Stumm singt die Nacht ihr namenloses Lied.

Dialog an den Drei-Steinen

Der Mann:

Ich weiß den Winter noch, mit den erstarrten

hungernden Händen durch den Schnee im Traum

empor sich grabend, und in einem Garten

uns zwei erwachend, hier, am blauen Saum

unendlich aufgetaner Farbigkeit —

und schon die Tage zählend, die zum Turm

mit neuen Opferflammen himmelweit

aufzüngelten im ewigen Koppensturm —

wie Maulwurf stoßend aufwärts nach dem Licht,

was ewige Lampe der Erinnerung strahlt,

schon Frühling, der das göttliche Gedicht

der bunten Matten um die Bauden malt . . .

so träumte ich —

Die Frau:

Und nun es wahr geworden

und Regenbogen überm Weg uns ist,

fühl’ ich nur dies: wie fern du von mir bist!

Oft lauerst du, als möchtest du mich morden

um irgendeiner unbewußten Schuld

und nicht gewollter alter Sünde willen;

dann rührt dich nicht die Demut, die Geduld,

zu der sich meines Blutes Stürme stillen . . .

Der Mann:

Verzeih! . . ich weiß, du mußt viel Nachsicht haben:

es quälten dort mich, in der Niederung,

zuviele Schatten, die sich kleiner gaben,

als ihnen gut war, und Zergliederung

der eignen Schwäche stets aufwühlend wie

Selbstmord hat mich so sehr betäubt, erblindet,

daß meine Freude keinen Pfad mehr findet,

auf dem sie fußfrei schreitet —

Die Frau:

Du, ich schrie,

als ich dein Antlitz sah, dort an der Bahn,

so überwältigt von geheimem Wahn,

vom Zwiespalt war es als wie eines Henkers

Gesicht! — ich schrie trostlos in mich hinein

und betete nur dieses: tot zu sein

vor deinem Tod! —

Der Mann:

Ich bin vor dir sehr klein!

Ich wollte mit der Fülle des Beschenkers,

des Früchtereichenden, des Spendenden,

mit goldnen Festen, niemals endenden,

dir nahn — ich wollte diese hohen Tage

zu einem Reigen reiner Lust dir machen,

verheimlichen, wie ich mich selbst zernage

im Leid, und wollte lachen, über Trümmern lachen! —

Die Frau:

Du — dieser Ton zerschneidet mir die Sinne!

Glaubst du noch immer: opfern hieße lieben?

Der Mann:

Jetzt werd’ ich erst mit Mörderreue inne,

wie sehr mein Mut vor dir zurückgeblieben

und zahm geworden ist; ich war ein Hund,

den nur sein Hunger auf die Fährte hetzte,

ich jagte, jagte mir die Füße wund —

Die Frau (innig):

Du bist der Erste und du bist der Letzte;

du hast mich nie getäuscht; oft war es schwer,

dir gut zu sein — was wäre denn die Güte,

wenn sie uns mühelos im Gärtchen blühte —

ohne dich wäre mein Erleben leer!

Der Mann:

— Deute mir dies: ich wandle auf den Höhen,

die ich ersehnte wie ein Hungerbrot,

wandle mit dir allein, und spüre Not

und Nichtigkeit, und ist mir nun, als flöhen

mich alle Engel dieser grünen Gründe

und aller ihrer Felsen In-Sich-Ruhn

und ihrer Teiche Paradies, als stünde

auf heiligem Boden ich mit staubigen Schuhn

unwürdig, anzubeten!

Die Frau:

Was ist Sünde?

Wir tun ja doch nur, was wir müssen tun!

Und du hast immer so an dir gelitten,

daß tausendfach dir längst vergeben ist.

Der Mann:

Vielleicht war meine Einsamkeit nur List,

das zu erschleichen, was sich die erstritten,

die Freundschaft über sich ergehen ließen

und nicht verzweifelten, wenn Liebe schlug . . .

Die Frau:

. . . und die im ersten Bilde Helden hießen,

im letzten: töricht vor dem kleinsten Trug.

Der Mann:

Du reifst und reifst mit dieser Berge Reifen,

ich schrumpfe immer widriger zum Zwerg.

Die Frau:

Denk’ an dein Werk, an nichts als an dein Werk,

so wirst du dich als Siegenden begreifen!

Der Mann:

Ich schäme mich der Unrast, die mich knechtet:

nicht eine Stunde leb’ ich meinem Stern!

Ich setzte meinen Sklaven mir zum Herrn

und hab’ mich selbst aus Eigennutz entrechtet.

Wie schäm’ ich mich vor dieser Dinge Größe,

wie wünschte ich, ein Baum, ein Fels zu sein:

Zwecklosigkeit des Gottes ist im Stein,

im Zweige mehr als in der Menschenblöße,

die immer nach dem Mantel jagen muß

und immer, in ein kleinlich Ziel gezäunt,

zum Finstern Feind sagt und zum Frohen Freund!

Die Frau:

Du quälst dich so . . . ich weiß nicht . . . dieser Kuß

auf deine wehzerquälte Stirn, das Letzte,

was ich zu geben habe . . . ich bin arm . . .

ein Obdach nur . . . ich weiß wie dich der Schwarm

der bösen Ängste durch das Dickicht hetzte . . .

o hetzte er dich doch an meine Brust!

ich will dich hüten und ich will dich halten,

und wenn du wieder einsam wandern mußt,

will ich zu Haus sein und die Hände falten,

für dich zu beten, will gern einsam bleiben

und nur mit deiner Einsamkeit vermählt!

Der Mann:

Ich habe dich so namenlos gequält . . .

Die Frau:

Wie du dich selbst gequält hast!

Der Mann:

Sieh, es treiben

die Nebel durch den schmalen Klippenspalt . . .

die Wälder singen . . . Orgelfugen rauschen . . .

Die Frau:

Es rauscht mein Blut! — Hier will ich stehn und lauschen,

ob unserm Weh kein Echo widerhallt . . .

Gott, sei uns gut!

Der Mann:

Versuche nicht die Tiefen,

wenn du mit mir bist, denn an mir ist Fluch,

seit Kain!

Die Frau (mutig):

Wie meine Mütter einst dich riefen,

rufe ich dich: laß jenen durch ein Buch,

durch eine schemenhafte Pflicht . . . um kleiner

Hingebung willen nicht zuschanden werden!

Gott, sei uns gut! — — oder du hast auf Erden

nicht einen Spiegel mehr! . . .

Der Mann (mit ihr knieend):

Gott! mach’ uns reiner

als Morgenröte über Gipfelwiesen!

Laß deine Liebe sich mit ihrer Liebe

verschwistern! — Gott! Ich Zwerg vor ewig Riesen! . . .

Und daß mir nur ein Traum von ihren bliebe!

Die Frau:

Nimm ihm die Demut, nimm ihm alles Bange

und mach’ ihn so mit meinem Leben reich! — —

Ich sterbe gern . . .

Der Mann:

Wir sterben Wang’ an Wange . . .

Stimme aus den Wolken:

Und werdet Ihm mit Stein und Sternen gleich.

Aus der Nachfolge Jakob Böhmes

(Mit brüderlichen Grüßen zu Franz Jung)

„Gestellet für uns selbsten zum Ingedenk und Aufrichtung in dieser verwirreten, elenden und trübseligen Zeit . . .“

Jakob Böhme
De triplici vita hominis.

In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen

In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen

erzittre ich mit dem verirrten Kinde,

das fremde Menschen auf die Festtribüne tragen,

und der Trompeter bläst, daß es die Mutter finde.

Die Grillen zirpten und die Sterne sangen,

und Gott ging neben mir und war so gut,

und lächelnd spielt’ ich mit den goldnen Spangen

an seinem Hut.

Und fremde Schatten silberten sich seiden

aus einem großen fremden Mond,

mein Herz sprang brennend durch die dunklen Weiden

und sang: O kommt!

Kommt wieder Lampen meiner Stadt und Hallen

und hebt mein Haupt

in weiße Kissen, die sich wallend ballen,

und Lieder, die von Gottes Abschied fallen

in einen Traum, der an ihn glaubt.

Dieser Welt entgrüntes Witwentum

Witwe wurde ich der Wunder weiland,

welche Gottes Bräutigam verhieß,

und ich warf mich vom verzückten Heiland,

der die Kindlein zu sich kommen ließ.

Was entlief ich, ehe der Empfängnis

überschwenglich Rauschen mich befiel,

zirkelte Mariens Herbstbedrängnis

in ein fruchtlos spottend Frühlingsspiel?

Und verfrühte, was mir frommen konnte:

wachen Abend, den der Sommer segnet;

goldnen Mittag, den September sonnte — — —

Und von nichts als Eitelkeit umflossen,

bin ich allzu herb in mir verschlossen,

daß mein Herz vergißt, wem es begegnet.

Auch der Zweifler bleibt in Gottes Sphäre

Heile Hunger, Giftqual und Begierde

und verschütte jede Leidenschaft,

jeden Zank, der nicht zu Gottes Zierde

seine Schiedlichkeit zusammenrafft!

Aber was, noch mit sich selber streitend,

seine Fackel nach den Wolken wirft,

Schild und Schild zur Sonnenbrücke breitend,

über die der Fuß gen Eden schlürft:

sei geschürt zum ungeheuren Brande,

der in einer Flamme sich verzehrt

über Feindes-Lande, Freundes-Lande!

Und die Stadt, die sich vor Gott verstockt,

weil sie ihn noch gütiger begehrt,

gilt ihm mehr, als die ihn lächelnd lockt.

Herr, kannst du nicht die Dinge strafen

Herr, kannst du nicht die Dinge strafen,

sie widerstreben deinem Sohn:

der Kissen Eigensinn läßt ihn nicht schlafen

und in Verzweiflung treibt das Telephon.

Die Lampe macht sich launenhaft zum Feinde,

mit dem ein ungewisser Krieg beginnt,

und eine ganze drohende Gemeinde

hat Hinterhälte, wo sie Aufruhr sinnt.

Die Dunkelheit ist stumm im Bunde

mit jeder Ecke, jeder Wand,

es höhnt die Uhr mit falscher Stunde

und Rundes rinnt aus meiner Hand.

Und viel ist störrisch in Verstecken,

die Riegel geben mir nicht nach —

Herr, soll mich noch ein Stein beflecken,

ein hohles Holz mit solcher Schmach?

Oder: sind dir die Dinge näher

und mehr dein Sohn, als ich es bin,

und stelltest du sie mir als Späher

um meine Leidenschaften hin?

Damit sie mich vor dir erproben

und Spiegel meiner Schwachheit sind —

wie wird mein Bitten, wird mein Toben

an ihnen ein vertaner Wind!

Daß ich an ihnen Demut lerne

und die Geduld, die bei dir thront,

damit ein Hauch von deinem Sterne

mit mir im gleichen Raume wohnt.

Damit ich ohne Überheben

behüte, was mir Nachbar bleibt,

und weiß: der Dinge Dämmern und mein Leben

sind deiner Einsamkeit gleich einverleibt.

Ich nahm den sehr verhaßten Pfad — —

Ich nahm den sehr verhaßten Pfad, wo zwischen

modernden Teichen dich ein Hohlweg fängt;

wo Dunst von Unrat und verwesten Fischen

als Wolke über deinem Atem hängt;

wo immer Nacht ist; wo sich die Gedanken

wie Kröten ducken in das düstre Moor

und deine Wünsche sich mit widrig kranken,

geifernden Gliedern klammern an das Rohr.

Dort suchte ich das Letzte zu erschleichen,

ob es mir irgend noch beschieden sei,

in deiner frechsten Fratze zu erbleichen,

Mißton zu spein aus deinem Eulenschrei.

Ich suche dich in deiner letzten Öde,

in deiner Scham, in der dich keiner liebt,

ich aber suche noch die glücklos blöde

Grimasse, die dein Angesicht verschiebt,

und ich will lieben deine scheelste Schande,

der ich in deinem Stolz nicht leuchten darf,

und den sein Schicksal aus dem Morgenlande

erträumter Heimat als Enterbten warf.

Leicht ist es, dich im lichten Laub zu finden, —

ich will dich, wo du heillos häßlich bist,

feindselig und entstellt, mit gierig blinden,

tappenden Gesten abgefeimter List

Nachstellungen ersinnst und Hinterhälte

und nicht das eigne Königtum mehr kennst,

wo eine künstlich hingehaltne Kälte

die Flamme leugnet, drin du qualvoll brennst.

Ich suche dich in deinem schlimmsten Flecken,

dort, wo du wertlos und voll Ekel sinkst,

will ich für meine Demut dich entdecken,

daß du mit mir aus einem Scherben trinkst,

die schale Fäulnis trinkst, und doch derselben

lechzenden Durstbegierde einverleibt

dein Mund und meiner, und in schmutzig gelben

Lehmfurchen meine Spur an deiner bleibt;

mit dir ein Schade sein und ein Gebrechen,

die letzte Gnade, die ich mir erbat,

mit dir die lästerlichsten Zoten sprechen,

mit dir der Helfer widerlichster Tat:

doch irgendwie in deine Schlucht zu schlüpfen

und teilzuhaben, sei es, wo zuletzt

du dich verlierst, mich innig zu verknüpfen

dem Netz, in das der gleiche Haß uns hetzt,

ist Gnade vor der einsam blauen Lichtung,

wo Reinheit Rache wird am fernen Mond,

und noch mit dir Verrat und Selbstvernichtung

ist mehr als Ewigkeit, die einsam thront.

Veracht’ ich mich, um Gott mehr zu gefallen?

Veracht’ ich mich, um Gott mehr zu gefallen?

Mach’ ich ein Fest aus abgeschriebnen Federn?

Wein’ ich mich sacht in Schlaf . . . und werden Zedern

entrücken mich in endlos grüne Hallen?

Fühl’ ich, wie du mich trägst? Schöpft aus der Quelle

die Hand, die mich behütete, ein Leben,

das nie vergeht? Und kehrt nicht zaghaft eben

der Zweifler in das Dunkel der Kapelle?

Soll meinen Schlummer fremder Atem kräuseln,

der Irrtum dessen, dem ich mich entäußre

und dienen will, wenn mich Erkenntnis stäupt?

Du tust mich in dein Rechnen, und betäubt

erduld’ ich es, und, ob mein Stolz sich sträubt,

ist nur mein Herz noch Uhrwerk im Gehäuse.

Himmelfahrt

Brand in Inbrunst himmlischer Essenz

brach aus seines Hingangs Heiligkeiten,

Strahl des ersten Blütenlichts im Lenz

und der Schatten schräg an seinem Schreiten.

Und das Feuer unter seines Fußes

hingewölbter Schwinge ward Figur,

und der Mondschein des Mariengrußes

spiegelte die Perlen auf der Schnur.

Da er zögert im Triumph der Zeichen,

lockt verfänglich Satans letzte Lust:

sich dem Gärtner Gottes zu vergleichen.

Und er strauchelt fast . . . und bleibt gebückt . . .

bis sein Gang, sein Lächeln, seiner Brust

tiefe Melodie ihn weit entrückt.

Des Erlösers letzter Sieg

Seine stillen Augen sind Kristalle,

die des Tages dunkles Kreuz bewahren

aufgehängt in seinen hellen Haaren

schaukelt klingend unsers Abends Halle . . .

Aber als ein Sturm mit den Gestirnen

unsanft spielt, birst seines wolkenbleichen

Angesichtes Schild und züngelt Zeichen,

die bedrohn, und Wunder, welche zürnen.

Aus der Brust, die plötzlich aufgebrochen

rot Vulkan ist, sprengt das Herz Verbluten

unter den entbrannten Dornenruten

seiner schmerzhaft steilgebäumten Knochen.

Doch zwei Hände bleiben, die erblindet

auf dem grünen Hirtenstabe rasten,

daß zur Nacht, die zärtlich sie betasten,

alles wieder seinen Frieden findet.