Kapitel II.
Pathogene und saprophytische Bakterien. – Bedingungen der Krankheitserzeugung durch Bakterien. – Die Einfallspforten infektiöser Keime. – Die gesunden Bedeckungen als Schutzwehr des Körpers gegen bakterielle Infektionen. – Angriffswaffen der Bakterien. – Besondere Reaktionsvorgänge nach dem Eindringen pathogener Keime in die Gewebe. – Die wichtigsten Bestandteile des Blutes und ihre Beteiligung an der Abwehr von Infektionen. – Die »Entzündung«. – Die weißen Blutkörperchen und die Phagocytose. – Bakterienfeindliche Stoffe des Blutserums. – Lokale und allgemeine Infektionen. – Verschiedener Verlauf der Infektionskrankheiten. – Nachkrankheiten.
Wie wir schon sahen, sind von den vielen Hunderten von Bakterienarten, die isoliert und wissenschaftlich untersucht worden sind, weitaus die meisten für den Menschen ganz ungefährlich. Ja, es hat sich herausgestellt, daß die mannigfaltigen Leistungen dieser Keime einen unentbehrlichen Faktor im Kreislauf des Stoffes auf unserer Erde darstellen, so daß das Leben der höheren Tiere und des Menschen geradezu unmöglich wäre, wenn die Lebenstätigkeit dieser kleinen Wesen aufhörte. Ihrer Tätigkeit allein verdanken wir, daß durch Fäulnis- und Verwesungsprozesse die toten Pflanzen- und Tierkörper abgebaut und nicht nur beseitigt, sondern zum Wiederaufbau neuer lebender Substanz nutzbar gemacht werden. Nichts ist also undankbarer und verkehrter als die in weiten Kreisen verbreitete übertriebene »Bazillenfurcht«, die zwar auf der einen Seite auf der richtigen Kenntnis der außerordentlichen Verbreitung von Spaltpilzen oder »Bazillen« in der Natur, auf der anderen Seite auf der ebenfalls richtigen Anschauung beruht, daß »Bazillen« als Krankheitserreger dem Menschen gefährlich werden können, aber eben die Tatsache nicht berücksichtigt, daß man bei den Bazillen genau ebenso zwischen nützlichen und schädlichen Arten unterscheiden muß, wie man bei den höheren Pflanzen zu tun gewöhnt ist.
Man bezeichnet in der medizinischen Bakteriologie die krankheiterregenden Spaltpilze als »pathogene Bakterien« (von griechisch πάθος = das Leiden, die Krankheit, Stamm γεν = erzeugen) oder als Parasiten; alle übrigen, dem Menschen ungefährlichen Arten nennt man Saprophyten (von σαπρὸς = faul, φυτὸν = Gewächs, eigentlich also: Fäulnispilze).
Ein gemeinschaftliches Gestaltmerkmal, an dem man sie alle erkennen könnte, besitzen die krankheiterregenden Spaltpilze übrigens ebensowenig wie die Giftpflanzen.
Auch in ihren Lebensbedingungen und Lebensäußerungen zeigen sie die weitestgehenden Unterschiede, so daß bei Licht besehen nur der eine einzige Zug ihnen allen gemeinsam ist, dem Menschen oder höheren Tieren schädlich werden zu können. Und auch in Hinsicht auf diese Eigenschaft unterscheiden sie sich untereinander wieder in mannigfaltiger Weise nach Art und Grad.
Wir haben es hier mit äußerst verwickelten Verhältnissen zu tun, deren Aufklärung der Forschung der letzten Jahrzehnte durchaus noch nicht vollständig gelungen ist. Wir müssen uns deshalb vielfach mit der Feststellung einzelner Tatsachen begnügen, ohne vorläufig deren Gründe zu wissen.
Fragen wir zunächst: Was gehört zum Zustandekommen eines Infektionsprozesses, so ist so viel gewiß, daß ein oder eine Anzahl infektionstüchtiger Keime und ein für deren Wirkung empfänglicher Körper vorhanden sein müssen. Das klingt höchst einfach, verbirgt aber eine durchaus rätselhafte Beziehung zwischen beiden Faktoren, die wir schon einmal streiften: Die Spezies »Mensch« muß gerade für die pathogene Wirkung des betreffenden Bakteriums empfänglich sein, sonst ist dieses dem Menschen gegenüber machtlos; das wußten wir schon. Wir wissen nun aber weiter aus Erfahrung auch, daß verschiedene Menschen, die – beispielsweise während einer Epidemie – der gleichen Infektion unter gleichen Bedingungen verfallen, in durchaus verschiedenem Grade unter der Schädigung leiden.
Der eine von ihnen erliegt wie widerstandslos nach einem außerordentlich kurzen Krankheitsverlauf der Seuche, der andere kommt nach längerem Krankenlager mit dem Leben davon, der Dritte leidet gar nicht nennenswert; kaum, daß er einige eben charakteristische Symptome zeigte; nach kurzer Frist ist er vollkommen gesund wie zuvor.
Wir sehen also: auch zwischen einzelnen Individuen bestehen Unterschiede der »Resistenz« gegen infektiöse Keime. Solche Unterschiede können wir nun auch im Tierexperiment unter Umständen nachweisen. Wenn wir nämlich unter ganz gleichen Bedingungen mehrere Versuchstiere, die nach Art, Alter, Geschlecht, ja auch nach Gewicht und Ernährungszustand übereinstimmen, künstlich mit genau gleichen Mengen einer Reinkultur von pathogenen Mikroben infizieren, so beobachten wir häufig einen durchaus verschiedenen Ausgang des hervorgerufenen Krankheitsprozesses bei den verschiedenen Individuen.
Diese individuellen Unterschiede zu erklären vermögen wir ebensowenig, wie wir die Empfänglichkeit oder Resistenz einer Tierspezies für einen bestimmten Keim zu erklären wissen. Wir kennen freilich Mittel, um die Resistenz unter Umständen zu steigern, und kennen Faktoren, die sie herabsetzen: so wissen wir, daß durch Hunger, Entbehrungen aller Art, Überanstrengung, Erkältung, chronische Vergiftungen (z. B. Alkoholismus), die Widerstandsfähigkeit eines Individuums gegen manche Infektionen herabgemindert werden kann. Über die letzte Ursache dieser Schwächung wissen wir aber nichts Genaueres.
Gewisse Fingerzeige freilich hat uns die Forschung gegeben, in welcher Richtung wir zu suchen haben: wir kennen einigermaßen die Waffen, deren sich der infizierte Organismus bedient, um den Eindringling zu bekämpfen, und wir lernen andererseits die Angriffswaffen des letzteren allmählich immer mehr kennen. Doch ist in Hinsicht beider Faktoren die Forschung von einem abschließenden Ergebnis noch weit entfernt.
Jene Keime, die irgendwie von außen her auf unsere unverletzte Körperoberfläche gelangen, vermögen im allgemeinen durchaus nicht ohne weiteres uns schädlich zu werden; zur Körperoberfläche gehört in erster Linie die unverletzte Haut, die sichtbaren Schleimhäute, dann weiterhin auch die Schleimhaut des gesamten Verdauungstraktus – Mund und Rachen, Speiseröhre, Magen, Darm – und die der oberen Luftwege, also der Nase, des Kehlkopfes und der Luftröhre.
Einige Keime bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Der Typhusbazillus und der Choleravibrio können vom Darmrohr aus, anscheinend ohne besondere unterstützende Momente, bei ursprünglich intakter Schleimhaut, ihre krankmachende Wirkung entfalten. Vor allem aber kann der Diphtheriebazillus, einmal in den Rachen eingedrungen, sich vermehren, durch seine eigenen Giftstoffe die oberflächlichen Schichten der Schleimhaut schädigen und nun einen immer fortschreitenden Krankheitsprozeß auslösen. Endlich soll noch als Ausnahme von der, wie wir sehen, durchaus nicht streng gültigen Regel der Gonokokkus erwähnt werden, der ebenfalls imstande ist, sich auf intakten Schleimhäuten – der des Urogenitaltraktus und auch derjenigen der Augenbindehaut – anzusiedeln und dort gefährliche Krankheiten zu verursachen.
Nach so zahlreichen Ausnahmen bedarf die aufgestellte Regel geradezu einer besonderen Begründung: In der Tat finden sich auf der Haut des gesunden Menschen regelmäßig zahlreiche Bakterien, die beim Eindringen in eine Wunde sehr unangenehme Wirkungen zu entfalten imstande wären, die gesunde Epidermis aber nicht zu passieren vermögen. Ferner beherbergt bekanntlich unser Darm eine Unmenge von Bakterien verschiedenster Art, deren Lebensäußerungen uns für gewöhnlich nicht nur nicht schädlich sind, sondern uns vielfach zugute kommen, da sie eine Rolle in der Darmverdauung spielen. Unter diesen zahlreichen Arten, die dort vorübergehend oder dauernd anzutreffen sind, sind auch solche vertreten, die, in die Gewebe selbst eingedrungen, als Krankheitserreger wirken würden. Als ein extremes Beispiel mag der Tetanusbazillus angeführt werden, der gefürchtete Erreger des Wundstarrkrampfes, einer sehr qualvollen und häufig tödlich verlaufenden Krankheit: im Darm, an der Körperoberfläche im Sinne unserer Besprechung, ist er ein häufiger unschädlicher Gast; dringen aber seine Sporen mit gröberen Verunreinigungen, mit Schmutz, zusammen in eine Wunde ein, so entfaltet er eine mörderische Tätigkeit.
Aber wir brauchen diesen Sonderfall nicht heranzuziehen; eine sehr große Anzahl von Bakterienarten, die sich im Darm regelmäßig finden, werden in dem Augenblick zu bedenklichen Krankheitserregern, wo sie in das Körperinnere vordringen können, was freilich immer nur bei krankhaften Veränderungen, bei Verletzungen der Darmwand z. B., geschehen kann. In die Bauchhöhle gelangt, werden diese Bakterien die Ursache einer oft tödlich verlaufenden Entzündung, so z. B. bei Unterleibsschüssen. Unter normalen Verhältnissen sind sie – von einigen praktisch nicht in Frage kommenden Ausnahmen abgesehen – außerstande, die Schranke zu übersteigen, die die intakte Darmschleimhaut ihnen bietet. Es mag hier kurz erwähnt werden, daß diese Schranke nach dem Tode fällt, und daß nun einige Zeit später zahlreiche Bakterien die Darmwand durchwuchern und sich in den Nachbargeweben vermehren und verbreiten, indem sie sich von dem toten Substrat ernähren und seine Fäulnis und Verwesung bewirken.
Auch im Rachen und in den oberen Luftwegen, besonders in der Nase, sind regelmäßig reichlich Bakterien anzutreffen und unter ihnen auch nahezu regelmäßig solche, die unter Umständen pathogen werden können, sehr häufig z. B. der Erreger der Lungenentzündung, der Pneumokokkus. Die Mehrzahl der Menschen beherbergt diesen Keim nahezu dauernd in den oberen Luftwegen. Zu der gefürchteten Lungenentzündung kommt es aber nur, wenn unter besonderen, noch durchaus nicht völlig aufgeklärten Bedingungen eine schrankenlose Wucherung der Pneumokokken innerhalb der Lunge zustande kommt. Ein anderer mit pathogenen Eigenschaften begabter Mikrokokkus, der Streptokokkus, ist ebenfalls ein sehr häufiger Gast im Rachen gesunder Menschen und kann gefährlich werden, indem er z. B. unter dem Einfluß von Erkältung zu Mandelentzündungen führt.
Es ergibt sich aus alledem, daß die bloße Anwesenheit von Keimen an der Körperoberfläche zur Auslösung von Krankheitsprozessen im allgemeinen nicht genügt, oder anders ausgedrückt, daß für die meisten pathogenen Keime die gesunden Bedeckungen, Haut und Schleimhäute, ein unüberwindliches Hindernis der Entfaltung krankheiterregender Wirkungen darstellen.
Die einfachste Art, wie diese Schranke durchbrochen wird, ist die mechanische Verletzung, das nächstliegende Beispiel dieser Art die Infektion einer Wunde der Haut. Je nach der Art der in die tieferen Weichteile eingedrungenen Keime, werden die weiteren Vorgänge, die sich abspielen, verschieden sein: die pathogenen Bakterien besitzen je nach ihrer Art durchaus verschiedene Angriffswaffen, durch die sie dem Körper gefährlich werden, und auch die Verteidigung des letzteren spielt sich von Fall zu Fall in verschiedener Weise ab.
Unter den Krankheitserregern sind einige durch die Fähigkeit angezeichnet, außerordentlich wirksame Gifte abzusondern, die sich rasch im menschlichen Organismus verbreiten und unter Umständen, weit entfernt von der Ansiedelungsstelle der sie produzierenden Keime, eine tödliche Wirkung entfalten. Ein Beispiel dieser Art stellt der schon erwähnte Tetanusbazillus dar, dessen Giftstoffe das Zentralnervensystem angreifen und unter den Erscheinungen des Wundstarrkrampfes den Tod herbeiführen. Ähnliche Giftstoffe, die aber von ganz anderer Wirkung sind, sezerniert der Diphtheriebazillus. Man hat diese Giftstoffe dadurch bis zu einem gewissen Grade isolieren können, daß man Reinkulturen der betreffenden Bakterienarten in flüssigen Nährböden durch bakteriendichte Filter filtrierte. Nun prüfte man das vollkommen keimfreie Filtrat im Tierexperiment, und auf diese Weise ließ sich feststellen, daß minimale Mengen eines solchen Filtrats bei Versuchstieren die charakteristischen Erscheinungen, beispielsweise des Wundstarrkrampfes, auszulösen vermochten. Auf das Studium dieser gefährlichen Giftstoffe, die man als Toxine bezeichnet hat, ist eine außerordentlich umfangreiche und mühevolle Arbeit schon verwendet worden. Die größte Schwierigkeit, die sich ihrer Erforschung in den Weg stellt, liegt darin, daß die heutigen Mittel der chemischen Forschung es noch nicht ermöglichen, die Toxine rein darzustellen und ihre Konstitution aufzuklären. Man hat über diese letztere nur auf Umwegen mit Hilfe biologischer Methoden wertvolle Aufschlüsse erlangen können.
Die Produktion echter Toxine ist bisher nur bei einer geringen Zahl pathogener Mikroben nachgewiesen worden, zu denen der Tetanus- und der Diphtheriebazillus gehören. Diesen beiden Krankheitserregern gemeinsam ist die Eigentümlichkeit, vorwiegend an der Invasionsstelle selbst sich zu vermehren und von da aus ihre löslichen Giftstoffe zu versenden, ohne selbst weit in die Gewebe des Körpers vorzudringen.
Ein ganz anderes Verhalten zeigt eine große Anzahl von anderen pathogenen Keimen, die umgekehrt eine außerordentlich lebhafte Tendenz zur Vermehrung innerhalb des Körpers und zum Eindringen in die Körpergewebe zeigen, und die man deshalb auch vielfach als invasive Parasiten charakterisiert hat. Ein Beispiel dieser Art ist der Milzbrandbazillus, auch der Pestbazillus gehört hierher, ferner die Erreger mancher Wundinfektionskrankheiten. In ausgesprochenen Fällen der Infektion mit solchen invasiven Keimen findet man die Gewebe und Säfte des Körpers, vor allem das Blut, geradezu überschwemmt mit den Mikroorganismen; es ist bis heute nicht gelungen, die schädliche Wirkungsweise aller solchen Keime befriedigend aufzuklären. Man hat namentlich am Beginn der bakteriologischen Ära vielfach geglaubt, rein mechanische Momente seien dabei von entscheidender Bedeutung. So hat man z. B. die Anschauung vertreten, die Milzbrandbazillen führten bei ihrer schrankenlosen Vermehrung den Tod dadurch herbei, daß sie die kleinsten Blutgefäße buchstäblich verstopften und dadurch die Blutversorgung und somit auch die Ernährung der lebenswichtigen Organe unmöglich machten. Tatsächlich kann man auf diesen Gedanken kommen, denn bei experimentell erzeugtem Milzbrand zumal findet man wirklich – bei Untersuchung feiner Gewebsschnitte – oft die Kapillaren von den Bazillen ganz ausgefüllt. Der Erklärungsversuch ist aber doch nicht haltbar, denn gerade in schwer verlaufenden Fällen der Krankheit findet man oft nicht die enorme Vermehrung der Bazillen mit Verlegung der Haargefäße. Der Tod an Milzbrand muß sich also anders erklären.
Andere Forscher gelangten denn auch zu andern Hypothesen. So sprach man die Vermutung aus, die schrankenlos wuchernden Keime könnten dem Organismus irgendeinen Stoff oder irgendwelche Stoffe entziehen, deren er zum Leben notwendig bedürfe. Da man aber nicht genauer angeben kann resp. konnte, welche Stoffe das seien, so hat auch dieser Erklärungsversuch keinen Anspruch auf Anerkennung, und für eine ganze Reihe von invasiven Mikroben müssen wir heute noch zugestehen, daß wir nicht näher angeben können, worauf ihre tödliche Wirkung beruht. Durch neuere Forschungen wird es wahrscheinlich gemacht, daß in letzter Linie auch hierfür lösliche Giftstoffe in Betracht kommen.
Zwischen den beiden Extremen der toxinproduzierenden Bakterien ohne alle invasive Tendenz und der angesprochen invasiven Parasiten finden sich alle Übergänge. Vor allem gibt es eine ganze Anzahl pathogener Bakterien, die wirksame Giftstoffe bei ihrem Zerfall liefern, der sowohl in älteren Kulturen als auch im Tierkörper statthat. Man bezeichnet für gewöhnlich die im Inneren der Bakterienzellen eingeschlossenen Gifte, die erst bei deren Auflösung frei werden, als Endotoxine. Es leuchte ein, daß es in jedem Falle sehr schwer sein kann, festzustellen, ob eine Bakterienart Toxine produzieren kann oder nicht: Die Toxine weisen wir nach, indem wir die toxische Wirkung keimfreier Kulturfiltrate aufzeigen. In der Regel finden sich wirksame Toxine erst in etwas älteren Kulturen, und in einem umstrittenen Falle kann deshalb der Einwand erhoben werden, die Kultur enthalte Giftstoffe, die durch den Zerfall von Keimen in dem betreffenden Nährsubstrat frei geworden seien. In der Tat können wir mit Bestimmtheit annehmen, daß in älteren Kulturen zahlreiche Bakterienzellen abgestorben und zerfallen sind.
Wenn wir demnach sehen, daß selbst über die allergröbsten Begriffe, wie z. B. über die Todesursache bei der Infektion eines Menschen mit einem bestimmten krankheiterregenden Keim, noch keine Klarheit erzielt ist, so wird es uns nicht überraschen, daß über die feineren Einzelheiten unsere Kenntnisse noch so gut wie völlig mangelhaft sind.
Etwas besser steht es um unser Wissen von den Abwehrvorrichtungen des Körpers. Freilich kann hier ohne die Voraussetzung medizinischer Schulung nur eine ganz grobe Skizze der wesentlichsten Vorgänge gegeben werden, die sich im infizierten Körper abspielen. Je nach dem eingedrungenen Infektionserreger, vielfach auch je nach dem Orte seines Eindringens, sind die Reaktionen sehr verschieden. Der Körper reagiert auf den Angriff eines spezifischen Krankheitserregers jeweils in charakteristischer, »spezifischer« Weise. Wir können uns am besten an einem Beispiel eine gewisse Anschauung über diese Reaktionen verschaffen und wählen am besten wiederum das einfache Beispiel des Eindringens pathogener Keime durch eine Wunde der Haut.
Abb. 11.
Gefärbtes Ausstrichpräparat von menschlichem Blut. E = rote Blutkörperchen. L = weiße Blutkörperchen.
Der Körper antwortet darauf mit einer »Entzündung«, die je nach Art und Menge der eingedrungenen Keime verschieden hochgradig und von verschiedener Ausdehnung sein kann: Die Blutgefäßchen in der Nachbarschaft der Invasionsstelle erweitern sich und füllen sich prall mit Blut, so daß die Umgebung der kleinen Hautwunde lebhaft gerötet erscheint; aus den Blutgefäßen treten teils flüssige Bestandteile des Blutes, teils bestimmte Blutzellen, die sogenannten weißen Blutkörperchen (vgl. [Abb. 11]) in die Gewebe aus; es kommt dadurch zu Schwellung, Spannungsgefühl, oft zu Schmerzen, die unter Umständen sehr heftig werden.[6]
Abb. 12.
Abstrich von Eiter, der Streptokokken enthält. Die Kokken sind sämtlich im Inneren von weißen Blutkörperchen gelegen.
Die weißen Blutkörperchen entwickeln nun bei entzündlichen Prozessen eine merkwürdige und oft sehr lebhafte Tätigkeit; durch kleine Lücken, die in der Wand der erweiterten Blutgefäße entstehen, zwängen sie sich hindurch, wandern aus, und in vielen Fällen kann man beobachten, wie sie die eingedrungenen Krankheitskeime in sich aufnehmen. Sehr kleine Bakterien, z. B. Mikrokokken, vermögen die Leukocyten in größerer Zahl »aufzufressen« (vgl. [Abb. 12]), größere Bakterien oder Verbände von Bakterienzellen umklammern sie nur, wobei sich oft mehrere Leukocyten vereinigen ([Abb. 13]). Diesen Vorgang, dessen Bedeutung für die Heilung von Infektionskrankheiten Metschnikoff zuerst erkannt hat, bezeichnet man als Phagocytose (Freßtätigkeit von Zellen). Die weißen Blutkörperchen verfügen nun weiterhin über verdauende Fähigkeiten und sind imstande, manche krankheiterregenden Keime nicht nur aufzufressen, sondern auch in ihrem Inneren zu zerstören. Doch erstreckt sich dieses Vermögen nicht auf alle Arten der pathogenen Mikroorganismen, es gibt vielmehr eine ganze Anzahl darunter, denen die Leukocyten nichts anhaben können. Auch sind die pathogenen Bakterien durchaus nicht wehrlos gegenüber den Leukocyten; manche werden zwar von diesen aufgenommen, man sieht aber bald danach, daß die weißen Blutkörperchen ihrerseits dabei Schaden gelitten haben und zugrunde gehen, während die Keime wieder frei werden. Diese Erscheinung beruht auf dem Gehalt solcher Keime an Stoffen, die auf die Leukocyten giftig wirken. Man kann hier also wirklich mit gutem Recht von einem Kampf zwischen den Abwehrzellen und den Eindringlingen sprechen, einem Kampf, dessen Ausgänge sehr verschieden sind.
Abb. 13.
Aufnahme von Milzbrandbazillenfäden durch weiße Blutkörperchen.
Kommt es zu sehr massenhafter Auswanderung weißer Blutkörperchen, so entsteht das Bild der Eiterung. Die weißliche und gelbliche Flüssigkeit, die wir als Eiter bezeichnen, besteht zum allergrößten Teile aus diesen kleinen, eigenbeweglichen weißen Blutzellen.
Abb. 14.
a Blut unmittelbar nach der Entnahme. b Abscheidung des Serums nach einigen Stunden, K = Blutkuchen, S = Serum.
Auch die flüssigen Bestandteile des Blutes besitzen bakterienfeindliche Eigenschaften. Im einzelnen hat man diese Verhältnisse durch Versuche aufzuklären gestrebt, die man mit frisch dem Körper entnommenem Blute anstellte. Läßt man solches Blut nur kurze Zeit in einem Glasgefäße stehen, so gerinnt es; dabei bildet sich ein dunkelroter, festweicher »Blutkuchen«, der aus den zelligen Elementen und einem als Fibrin bezeichneten Faserstoffe besteht. Den Blutkuchen umgibt nach vollendeter Gerinnung eine für gewöhnlich klare, hellgelb gefärbte Flüssigkeit, das sogenannte Blutserum (s. [Abb. 14]). Bringt man in ein Tröpfchen dieses Blutserums eine kleine Menge einer Reinkultur von krankheiterregenden Bakterien, so sieht man in geeigneten Fällen unter dem Mikroskop, daß die Spaltpilze bald Veränderungen ihrer Form zeigen und schließlich verschwinden, aufgelöst werden.
Man kann sich auch durch das Kulturverfahren davon überzeugen, daß die Keime vernichtet worden sind: sät man ein solches Tröpfchen mit Keimen beschickten Serums wieder auf einem geeigneten Nährboden aus, so entwickelt sich kein Bakterienwachstum, der Nährboden bleibt steril. Um das kleine Experiment noch beweiskräftiger zu gestalten, macht man einen sogenannten Kontrollversuch: man bringt eine möglichst genau gleich große Menge von Bakterien der gleichen Art unter sonst ganz gleichen Bedingungen in ein Tröpfchen des zum Versuch verwandten Serums, das aber zuvor eine kurze Zeit auf 60° erhitzt worden war; darin sieht man nichts von Zerfall der Bakterienzellen, und nach der Aussaat dieses Tröpfchens erhält man eine Reinkultur des zum Versuche verwendeten Bakteriums. Nur das unerhitzte Serum hat also die Bakterien abgetötet, das erhitzte dagegen nicht. Diese bakterientötende (bakterizide) Fähigkeit des frischen Serums wurde zuerst von Buchner und seinen Schülern entdeckt und näher studiert. Dabei zeigte sich, daß sie auch bei gewöhnlicher Temperatur dem Serum schon nach einer Anzahl von Stunden, bei einer Erhitzung auf 55° schon nach etwa einer halben Stunde, verloren geht. Buchner schrieb sie Serumstoffen zu, die er als »Alexine« (Abwehrstoffe) bezeichnete.
Es ist lange und lebhaft darüber diskutiert worden, ob der Phagocytose durch ausgewanderte Leukocyten, oder ob der bakterienfeindlichen Wirkung löslicher Serumstoffe die Hauptrolle im Kampfe gegen eindringende Keime zukommt. Eine befriedigende Aufklärung der außerordentlich mannigfaltigen Ausgänge natürlicher und künstlicher bakterieller Infektion vermag weder die eine noch die andere Auffassung zu geben. Wie die Angriffswaffen der Bakterien verschieden und teilweise noch ganz unentdeckt sind, so sind eben auch die Schutzmaßnahmen des Körpers und seine Verteidigungsmittel mannigfaltiger Art. Gewiß ist, daß Zellen und lösliche Bestandteile des Blutes bei der Heilung von infektiösen Prozessen eine wichtige Rolle spielen; daher ist denn auch das Bestreben der Ärzte in mannigfacher Weise auf deren Ausnutzung, auf die möglichste Steigerung ihrer Wirkung gerichtet. Ein besonders wichtiges Verfahren, das dieses Ziel (neben anderen) anstrebt, ist die von Prof. Bier empfohlene Methode der künstlichen »Stauung« des Blutes in infizierten und entzündeten Körperteilen. Sie mag an dieser Stelle wenigstens erwähnt werden. Eine eingehende Erörterung der sehr schwierigen Probleme, die die Behandlung von infizierten Wunden bietet, kann hier natürlich gar nicht versucht werden.
Noch schwieriger zu übersehen werden die an sich schon komplizierten Verhältnisse dadurch, daß im Laufe des Kampfes beide Parteien Veränderungen durchmachen, neue Eigenschaften gewinnen: die Bakterienzellen zeigen vielfach einige Zeit nach ihrem Eindringen in die Körpergewebe eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber den Phagocyten und den bakterienfeindlichen Säften; sie haben sich »angepaßt«, wie man sagt. Z. B. werden Milzbrandbazillen kurz nach der Injektion in den empfänglichen Tierkörper – bei Infektionsversuchen – rasch von Phagocyten aufgenommen; nach einiger Zeit bilden sie aber eine Art Kapsel (vgl. [Abb. 15]) und können nun von den weißen Blutkörperchen nicht mehr gefressen werden.
Abb. 15.
Milzbrandbazillen im Milzsaft einer der Infektion erlegenen Maus. Die Bazillen haben »Kapseln«; sie liegen alle außerhalb der tierischen Zellen.
Andererseits nehmen die Abwehrkräfte des Organismus höherer Tiere im Verlaufe einer Infektion oft in ganz erstaunlicher Weise zu, z. B. gewinnt in manchen Fällen die Blutflüssigkeit in sehr gesteigertem Grade die Fähigkeit, die Keime der dem Krankheitsprozeß zugrunde liegenden Bakterienart – z. B. Typhusbazillen in einem Falle von Abdominaltyphus – abzutöten. Diese Änderungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Zustandekommen des eigentümlichen Zustandes, den wir als »Immunität« bezeichnen. Von ihnen wird in einem besonderen Abschnitt die Rede sein.
Kurz: wir sehen sehr wechselnde und äußerst verwickelte Verhältnisse vor uns, die aufzuklären wir noch keineswegs völlig in der Lage sind. Wir müssen uns mit der Vorstellung begnügen, daß sich an der Invasionsstelle pathogener Keime ein Kampf entspinnt, dessen Ausgang von Faktoren abhängt, die wir heute erst teilweise kennen. Je nach den Verteidigungsmaßnahmen oder Heilungsbestrebungen des Körpers, je nach der Widerstandsfähigkeit, der Wachstumsenergie, der Giftigkeit der Krankheitserreger, wird der Angreifer oder der Angegriffene den Sieg davontragen.
Wird der Körper mit Hilfe seiner Verteidigungswaffen der Eindringlinge Herr, so gehen die Entzündungserscheinungen zurück, und nach der Vernichtung aller Keime tritt Heilung ein. Bleiben die Keime Sieger, so können sie, je nach ihrer Art, in verschiedener Weise im Körper weiter vordringen, zunächst gewöhnlich auf dem Wege der Lymphbahnen, doch gelangen sie dann häufig auch in das Blut und damit in alle Teile des Körpers. Man spricht dann von einer Allgemeininfektion im Gegensatz zu einem lokalen Krankheitsprozeß, der sich auf die Invasionsstelle und die nächste Nachbarschaft beschränkt.
Während lokale Infektionsprozesse sich zuweilen ohne erhebliche subjektive Beschwerden und ohne größere Störungen des gesamten Gesundheitszustandes überhaupt abspielen können, sind Allgemeininfektionen stets mit schweren objektiven und subjektiven Krankheitserscheinungen verbunden.
Häufig wird der Eintritt von Krankheitserregern in die Blutbahn durch ein sehr alarmierendes Symptom angezeigt, den Schüttelfrost. Im Verlaufe von Allgemeininfektionen pflegt regelmäßig die Temperatur fieberhaft erhöht zu sein, im einzelnen ist der Fieberverlauf je nach der Art der Infektion mehr oder weniger typisch, je nach dem Einzelfall verschieden. Es ist unmöglich, hierüber Allgemeingültiges auszusagen.
Es mag genügen, daß aus dem Fieberverlauf, den übrigen Symptomen, oft auch durch unmittelbaren Nachweis des Krankheitserregers, der erfahrene Arzt die Krankheitsfälle aufklärt und nach dem Stande unseres Wissens und Könnens beeinflußt.
Gemeinsam ist allen Infektionskrankheiten, daß vom Augenblick des Eindringens des pathogenen Keimes bis zum Auftreten der ersten Symptome der Infektion ein je nach der Art der Erkrankung verschieden langer Zeitraum verstreicht, den man als »Inkubationszeit« bezeichnet. So zeigen sich z. B. die ersten meist geringfügigen lokalen Erscheinungen an der Stelle des Eindringens der Syphiliserreger erst nach einigen Wochen. Die Tollwut hat sogar eine monatelange Inkubationszeit. Bei anderen Infektionskrankheiten ist dieser Zeitraum kürzer, bei Scharlach z. B. in der Regel 9 Tage.
Wie unendlich verschieden der Verlauf bakterieller Infektionen ist, das bedarf des weiteren kaum der Darlegung. Wir können danach zunächst zwei große Gruppen unterscheiden: Krankheiten mit stürmischem Verlauf, sog. »akute Infektionskrankheiten« – wie z. B. Scharlach, Masern, Lungenentzündung, Typhus – und chronische, wie Tuberkulose oder Syphilis. Auch die akuten Infektionskrankheiten können übrigens nach ihrer Ausheilung noch zu sog. Nachkrankheiten führen, die unter Umständen von sehr trauriger Bedeutung werden können. Ein Beispiel dieser Art sind die Nierenentzündungen, die nach Überstehen des Scharlach zuweilen auftreten und in unglücklichen Fällen zu schweren chronischen Leiden, ja zum Tode führen können.
So einfach die Erkennung von manchen, durch besondere charakteristische Erscheinungen ausgezeichneten Krankheiten ist, so schwierig ist die »Diagnostik« anderer.
Und jeder verständige Mensch sollte sich bewußt sein, daß ausschließlich der wissenschaftlich gebildete Arzt an diese Aufgaben mit dem ganzen Rüstzeug unseres heutigen Wissens und darum auch mit gutem Gewissen herantreten kann, um zu helfen, zu lindern, wo möglich zu heilen. Der Unberufene, der »Kurpfuscher«, der ohne Sachkenntnis die schwierige und verantwortliche ärztliche Tätigkeit zu übernehmen sich erdreistet, gehört zu den schlimmsten Feinden der Menschheit, denn er schädigt seine Mitmenschen an ihrem höchsten irdischen Gut, der Gesundheit.