Syphilis.

Viele Gründe sprechen für die von vermiedenen Forschern nachdrücklich vertretene Anschauung, daß die Syphilis bis zur Entdeckung Amerikas in Europa nicht vorgekommen ist; eine Reihe von Tatsachen macht ihre Einschleppung durch die Leute des Columbus im Jahre 1493 zudem äußerst wahrscheinlich. Sicher ist, daß im folgenden Jahre im Heere Karls VIII. von Frankreich während der Belagerung Neapels die Krankheit verbreitet war, vermutlich durch spanische Soldaten vermittelt. Sicher ist weiter auch, daß die Syphilis sich im unmittelbaren zeitlichen Anschluß an diesen Feldzug in Europa mit einer außerordentlichen Schnelligkeit verbreitete, die ihre nächstliegende Erklärung in einer Verschleppung des Krankheitskeimes durch die nach Hause – d. h. in aller Herren Länder – zurückströmenden Truppen findet. Während der folgenden Jahrzehnte wütete die Seuche in ganz Europa in schrecklicher Weise. Der Krankheitsverlauf war meist außerordentlich schwer, die Erscheinungen pflegten sehr heftig aufzutreten und sehr rasch aufeinander zu folgen. Auch diese durch zahlreiche Zeugnisse der Ärzte jener Zeit gesicherte Tatsache ist mit der Annahme gut vereinbar, daß die Krankheit eine bisher völlig syphilisfreie Bevölkerung überfiel.

Immerhin halten trotz dieser und anderer Argumente einzelne Forscher die Herkunft der Seuche aus Amerika nicht für bewiesen. Ihre Ansicht, daß schon vor Columbus' Zeiten die Syphilis in Europa vorgekommen ist, kann sich vorderhand aber auf wirklich einwandfreie Gründe nicht stützen. Sie wird nur Anerkennung finden können, wenn der sichere Nachweis unzweifelhafter syphilitischer Veränderungen an Skeletten erbracht werden kann, die zweifellos aus der Zeit vor 1493 herrühren. Allenfalls könnten auch Abbildungen sicher syphilitischer Veränderungen aus einer nachweislich vor der Entdeckung Amerikas gelegenen Zeit als Beweis im gleichen Sinne herangezogen werden.

Bis zum Beweis des Gegenteils scheint aber die Ansicht mehr Aussicht auf den endgültigen Sieg zu haben, nach der die Einschleppung der Krankheit aus Amerika erfolgt ist.

Die Syphilis ist eine ausgesprochen chronisch verlaufende, in ihren frühen Stadien sehr ansteckende Krankheit, die, von verschwindend seltenen Ausnahmen abgesehen, nur bei direkter Berührung von Mensch zu Mensch übertragen wird. An der Infektionsstelle entsteht nach einer Inkubationszeit von meist etwa drei Wochen ein Geschwür, das sehr langsam heilt und dessen Ränder und Grund sich allmählich verhärten. Nach einer zweiten Inkubationszeit von mehreren Wochen zeigen sich dann im einzelnen Falle sehr verschiedene »Sekundär«-Erscheinungen, die in Hautausschlägen, Katarrhen, Schleimhautgeschwüren, allgemeinen Lymphdrüsenschwellungen und gewissen Störungen des Gesamtbefindens bestehen. Zuweilen sind diese Sekundärerscheinungen sehr geringfügig, so daß sie selbst vom Arzte, der nicht beständig den Patienten vor Augen hat, kaum festgestellt werden können. Unter geeigneter Behandlung gehen sie meist bald zurück. Meist erst nach Jahren können dann besonders schwere Erscheinungen, die für die dritte Periode der Krankheit charakteristisch sind (Tertiärerscheinungen) auftreten; sie bestehen in erster Linie in der Bildung knotiger, sogenannter gummöser Herde, die sich in sämtlichen Organen und Geweben des Körpers entwickeln können und so zu den allerverschiedensten Krankheitserscheinungen Anlaß geben können. Durch Zerfall solcher Knoten kann es zu umfangreichen Zerstörungen und Geschwürsbildungen, z. B. im Gaumen, kommen, verhältnismäßig häufig sind die schweren Zerstörungen der Nase durch gleichartige Prozesse, die das Einsinken des Nasenrückens, die Entstehung der Sattelnase zur Folge haben. Von den inneren Organen sind besonders häufig die Leber und das Zentralnervensystem von diesen tertiären Prozessen befallen. Ferner sind dieser Periode der Syphilis noch schwere Krankheitsveränderungen in den Schlagadern, besonders in der großen Schlagader eigen, die den Tod durch Störung der Blutzirkulation zur Folge haben können. Auch die Krankheitsprozesse der dritten Periode sind, wenn sie rechtzeitig erkannt werden, in weitem Umfange durch die ärztliche Behandlung beeinflußbar, vielfach sogar heilbar. Andererseits wird die traurige Bedeutung der sehr verbreiteten Krankheit noch durch die Tatsache erhöht, daß dem einmal syphilitisch Infizierten, auch wenn die Krankheit sonst anscheinend milde verlaufen ist, noch Jahre nach ihrer Erwerbung bestimmte Rückenmarks- und Gehirnleiden drohen; mit ihr im Zusammenhang stehen die sogenannte Rückenmarksschwindsucht (Tabes) und die Gehirnerweichung (progressive Paralyse).

Wohl die traurigste Eigenschaft der Syphilis aber beruht darin, daß die syphilitisch erkrankte Frau dem eigenen Kinde schon im Mutterleibe den Krankheitskeim mitteilen kann: Es kommt dann zur Geburt toter oder syphilitisch kranker und lebensunfähiger Kinder.

Als Erreger der Syphilis wurde vor wenigen Jahren von dem kurz darauf in noch jugendlichem Alter verstorbenen deutschen Zoologen Schaudinn ein außerordentlich zarter und kleiner schraubenförmiger Mikroorganismus, die sogenannte Spirochaete pallida entdeckt (vgl. [Abb. 33]); die ursächliche Bedeutung dieses Mikroorganismus ist heute durch zahlreiche Untersuchungen von verschiedenster Seite außer Zweifel gestellt; noch ist es aber nicht gelungen, die Spirochaete zu kultivieren. Noch sind auch die Ansichten darüber geteilt, ob dieser Mikroorganismus zu den Spaltpilzen oder zu den niedersten tierischen Kleinlebewesen gehört.

Der Nachweis der Spirochaeten gelingt leicht in den primären und sekundären Krankheitsprodukten der Syphilis; in denen der tertiären Syphilis sind sie äußerst selten zu finden. Da diese letzteren besonders häufig in inneren Organen lokalisiert sind, so ist der Versuch des Nachweises der Erreger während des Lebens meist überhaupt ausgeschlossen.

Für die sichere Aufklärung der spezifischen Natur solcher Erkrankungen ist, wie überhaupt für die Diagnostik der Syphilis von sehr großer Bedeutung eine von Wassermann gefundene charakteristische Reaktion des Blutserums syphilitischer Individuen. Der Mechanismus dieser Reaktion ist zu kompliziert, als daß ein Versuch seiner Erklärung hier angebracht wäre. Auch ist es nicht an der Zeit, ihre Bedeutung im Einzelnen zu erörtern, da diese noch unter den Fachleuten lebhaft diskutiert wird. An dem großen diagnostischen Wert der Wassermannschen Entdeckung ist aber kein Zweifel.

Abb. 33.
Spirochaeten in der Darmwand eines syphilitisch kranken neugeborenen Kindes. Schnittpräparat.

Versuche, gegen die Syphilis zu immunisieren, sei es auf »aktivem«, sei es auf »passivem« Wege, haben bisher noch keinen Erfolg gehabt; es ist möglich, daß die Zukunft uns ein wirksames Verfahren bringt. Die ersten Schritte auf diesem Wege sind insofern getan worden, als durch den Nachweis der Übertragbarkeit von Syphilis auf Affen, der zuerst von Metschnikoff und Roux erbracht wurde, der experimentellen Syphilisforschung vor einigen Jahren die Wege geebnet wurden.

Wenn auch ein spezifisches Heilmittel im Sinne der Immunitätsforschung für diese Krankheit noch nicht existiert, so hat der Arzt doch anderseits gerade ihr gegenüber sehr wirksame Medikamente in der Hand, durch deren sachgemäße Anwendung die Krankheit in außerordentlich hohem Maße beeinflußt, ja geheilt werden kann. Die Wirksamkeit dieser Mittel – besonders des Quecksilbers und des Jodkaliums – zeigt sich in ihrem außerordentlich energischen Einfluß auf einzelne Erscheinungen der Krankheit, der nur in ungewöhnlich schweren Fällen versagt. Sie zeigt sich weiterhin auch in einer statistisch nachweisbaren günstigen Beeinflussung des späteren Verlaufes der Krankheit nach ausgiebiger Behandlung, wenn man zum Vergleich unbehandelte Fälle heranzieht. Der bekannte französische Syphilidologe Fournier kommt auf Grund sehr großer Erfahrungen zu dem Schluß, daß die Syphilis heilbar sei, nicht nur in ihren Folgen für das Individuum allein, sondern auch in Hinsicht auf die Gefahr der Infektion der Nachkommenschaft – freilich nur unter der Voraussetzung, daß ausreichende sachgemäße Behandlung stattfindet.

Da nur das syphilitische Individuum mit manifesten Krankheitserscheinungen zur Verbreitung der Seuche fähig ist, so ergibt sich als wichtigste Maßnahme zu deren Eindämmung die gründliche, rasche, sachgemäße Behandlung jedes syphilitisch Kranken einerseits, die Vermeidung der Krankheitsübertragung durch ansteckend Kranke anderseits. Da im allgemeinen die Infizierten nur in den ersten Jahren ihrer Erkrankung wieder ansteckungsfähig sind, so kann die Belehrung über die Gefahr, die sie für gesunde Menschen darstellen, ein weiteres Mittel zur Verhütung von Neuinfektionen bilden. Vor allem aber wird das Urteil des Arztes darüber zu entscheiden haben, ob und wann ein einmal syphilitisch infiziert Gewesener eine Ehe eingehen darf. Wird die Erlaubnis hierzu zu früh gegeben, so kann durch Infektion der Frau und durch die Schädigung der Nachkommenschaft nicht wieder gut zu machendes Unheil gestiftet werden.

In einzelnen Staaten sind daher gesetzgeberische Bestimmungen getroffen, die z. B. die Genehmigung einer Eheschließung von der Beibringung eines Gesundheitsattestes abhängig machen; es kann keinem Zweifel unterliegen, daß solche Bestimmungen segensreich wirken können.

Es könnte nach dem Gesagten scheinen, als müßte die Ausrottung der Syphilis in einem Kulturlande ein leichtes sein: Es müßte genügen, von einem gegebenen Augenblick an alle von der Krankheit Befallenen dahin zu bringen, daß sie jede Verbreitung der Infektion so lange auf das ängstlichste vermeiden, bis sie durch gründliche Behandlung geheilt sind. Bisher hat man trotz aller Bemühungen auf diesem Wege der Ausbreitung der Syphilis noch nicht steuern können. Der Hauptgrund für diese betrübende Erscheinung liegt in sozialen Verhältnissen, vor allem in der Prostitution, über deren Duldung oder Unterdrückung hier nicht geredet werden soll.