Einleitung.

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Die dogmatische Schule, deren Blüte mit dem Untergang der hellenischen Freiheit und mit der mazedonischen Hegemonie zum Teile zusammenfällt, fand mit ihrer Tendenz, nach wissenschaftlicher Begründung der Heilkunst, in der nachfolgenden Geschichtsepoche, welche das Zeitalter der Diadochen umspannt, eine kontinuierliche Fortsetzung, allerdings mit weit besseren Hilfsmitteln, auf bedeutend breiterer Basis. Neben dem inneren Werdeprozeß, der wegen der vielfachen Enttäuschungen auf diesem Wege, naturgemäß auch wieder eine entgegengesetzte, regressive, empirische Bewegung hervorrufen mußte, machen sich aber gerade in diesem Zeitraum so mannigfache äußere Einflüsse geltend, welche den Umfang und Betrieb der Forschung in einem Maße verändern, daß füglich von einer eigenen Entwicklungsperiode der griechischen Medizin zu sprechen ist, die nach ihrer vornehmsten Pflegestätte, Alexandreia, die alexandrinische genannt wird.

Die Tatsache, daß nunmehr an Stelle von Kos und Knidos das neugegründete Emporium des Pharaonenlandes die Bedeutung eines richtunggebenden Vororts für die griechische Heilwissenschaft erlangt, drückt bezeichnend den gewaltigen Umschwung der Verhältnisse aus und verkündigt den Anbruch ihrer Mission, welche weit über die Grenzen des Mutterlandes hinausstreben sollte. Die Verlegung des Hochsitzes der medizinischen Wissenschaft in die hellenisierte Fremde, in die kulturvermittelnde Residenz der Ptolemäer war nur ein Teilergebnis jenes umwälzenden welthistorischen Prozesses, der, von den mazedonischen Waffen getragen, hellenische Sprache, Sitte und Bildung nach Ost und Süd verbreitete, die Assimilation Vorderasiens und Aegyptens im Sinne des Griechentums anbahnte, dieses selbst aber in der Berührung mit dem Orient einerseits mit einer Fülle von Wissensstoff bereicherte, anderseits aber zunehmend entnationalisierte.

Abhängig von der allgemeinen gewaltigen Kulturbewegung, zu der sich das Griechentum nach dem Verluste der politischen Selbständigkeit von Althellas ausdehnte, trägt die Medizin der Alexandrinerzeit die gleichen charakteristischen Züge wie die hellenistische Kultur in ihrer Gänze, und dieselben Momente, welche auf die Entwicklung des übrigen Geisteslebens dieser Epoche bald hemmend, bald fördernd einwirkten, kommen auch in der Gestaltung ihrer Medizin zu deutlicher Geltung.

Das glückliche Zusammentreffen der realistischen, durch Aristoteles zum Höhepunkt erhobenen (auch in der Kunst eines Lysippos und Apelles hervortretenden) Geistesrichtung mit den Waffenerfolgen des großen Alexandros legte den Grund zur hellenistischen Kultur und wies ihr von vornherein feste Bahnen an. Dankte sie dem Heldenkönig die Erschließung einer ungeahnten Natur und fremdartigen uralten Geisteswelt, so war es die Methode des Stagiriten, welche die Bearbeitung des gewaltig anschwellenden Erkenntnisstoffes in ersprießlicher Weise ermöglichte. Angesichts des neu eröffneten Horizonts erwuchs dem Hellenismus der Drang nach Expansion des eigenen Wesens — was die Sammlung und Kritik der bisherigen Leistungen zur Voraussetzung hatte — ferner die Aufgabe, das neue Material zu verarbeiten — wodurch die Technik der wissenschaftlichen Forschung neue Impulse empfing — endlich die aus der Völkermischung in den Diadochenstaaten entspringende Bestrebung, mittels Anpassung, Assimilation und Verschmelzung eine homogene Kultur hervorzubringen. Ein Abbild dieses Wogens und Werdens war die Sprache des hellenistischen Zeitalters, welche unter zunehmenden Einflüssen halbgriechischer oder ungriechischer Herkunft aus dem Attischen herausgebildet, sich zu diesem, wie der Kosmopolitismus zum Nationalismus verhielt.

Ueberwuchernde Gelehrsamkeit, Realismus, virtuose Technik wurden zur Signatur der Epoche! Begünstigt durch den Schutz und das kulturfreundliche Interesse der Fürsten — nicht auf dem Boden eines freien Volkstums — blühten alle diejenigen Kulturzweige mächtig empor, welche praktischen Zwecken zustreben oder deren Ziele auch durch Talente minderen Ranges auf dem Wege der Sammeltätigkeit und Arbeitsteilung, durch Zufuhr von Wissensmaterial und Verbesserung der Forschungsmittel erreichbar sind, wenn nur einmal ein großer Gedanke als Leitmotiv durch einen Denker gegeben ist, wie die Mathematik, Astronomie, Physik, die beschreibenden Naturwissenschaften, die Technik und Architektur, die Geographie und Periegese, die Kunsttheorie und Literaturgeschichte und namentlich die Philologie. Wo hingegen bloß unabhängiges Denken, hohe Ideale, fesselfreie Phantasie oder die Gedankentiefe eines Genius, dessen Kräfte nicht durch zersplitterndes Spezialstudium ermattet sind, wahrhaft ursprüngliche Schöpfungen hervorzubringen im stande sind, wie in der Poesie, in der bildenden Kunst, in der Philosophie, da zeigten (außer einzelnen hervorstechenden Ausnahmen) die Leistungen dieser Epoche ein ödes Mittelmaß, ein hinsiechendes Epigonentum, welches gerade durch die raffinierte Künstelei seiner eklektischen Philosophie und gelehrten Poetasterei, durch seine manieriert-naturalistische Plastik und Malerei nur umsomehr daran erinnert, daß die klassische Epoche des ästhetisch-deduktiven Griechentums mit seiner tiefen Originalität schon entschwunden war!

Der hellenistischen Kultur mit ihrer expansiv-assimilatorischen Tendenz wurde durch Alexander den Großen nicht nur die Bahn eröffnet, sondern zum Teile sogar Ziel und Richtung vorgezeichnet. Er errichtete auf den Trümmern des Perserreichs nicht bloß eine weltgebietende mazedonisch-hellenische Herrschaft, sondern begünstigte auch, erfüllt von staatsmännischer Weisheit, die kulturelle Annäherung zwischen Hellenen und „Barbaren“, indem er einerseits das Panier der griechischen Bildung in Asien und Nordafrika aufpflanzte, anderseits durch einen Stab von Gelehrten alles Wissenswerte aufzeichnen ließ und mit Duldung den Sitten der besiegten Völkerschaften entgegenkam — darin im Widerspruch mit dem streng nationalen Hellenen. Und wie Alexander selbst gegen Ende seiner Siegerlaufbahn allmählich den Lockungen des orientalischen Gepränges und der Phantastik asiatischen Aberglaubens nicht zu widerstehen vermochte, so gewannen ebenso auch in der durch Völkerverschmelzung hervorgebrachten hellenistischen Kultur nur allzu früh neben den griechischen die fremdartigen Elemente bestimmenden Einfluß, der sich in orientalischer Dialektik und Mystik zunehmend äußerte.

Mag auch, so rasch wie sie entstanden, die politische Einheit der ungeheuren Länderkomplexe mit dem Tode des Stifters zerfallen sein, der gewaltige Kulturgedanke, griechisches Wesen zum Gemeingut zu machen, wirkte in den Teilreichen der ehrgeizigen Generale Alexanders fortzeugend weiter und knüpfte in der fortwährenden Völkervermischung neben wirtschaftlichen immer mehr geistige Verbindungen zwischen Hellenismus und Orient. Wie weit die hellenische Sprache, allerdings auf Kosten ihrer Reinheit, vordrang, beweisen z. B. die nubischen Inschriften, welche Verbreitung die hellenische Kunst auf dem Boden des Orients fand, zeigen die Schöpfungen der pergamenischen Kunst mit ihrem eigenartigen Mischcharakter, noch eklatanter die griechischen Theater, die man in Babylon aufgrub u. a.; wie sehr das Griechentum umgekehrt mit Natur und Geisteswelt des Ostens in nahe Beziehung trat, bezeugt der erstaunliche Aufschwung der Zoologie, Botanik, Mineralogie, Pharmako-Toxikologie und deutet das Interesse an, welches abgesehen von historisch-geographischen Arbeiten oder Reisebeschreibungen Werke über ägyptische oder babylonische Geschichte (Manetho, Berosos) anregte.

Als Folge der Verbreitung des griechischen Geisteslebens in neue Gebiete und gemäß den geänderten politischen Verhältnissen tauchten neue Kulturzentren auf, welche zumeist mit den Residenzen der Diadochen zusammenfielen und sehr bald die bisherigen Pflegestätten in den Schatten stellten, nur in der Philosophie bewahrte Athen seinen Ruf unangetastet weiter. Die Diadochen setzten schon in der Absicht, die Fremdherrschaft zu verschleiern, alles daran, durch Begünstigung des Handels und der Gewerbe, durch Förderung der Wissenschaft und Kunst den Wohlstand und die Heimatsliebe ihrer Untertanen, den Ruf und den Glanz ihrer Residenzen zu steigern; manche derselben waren auch selbst von mehr als dilettantischem Eifer für Wissenschaft oder Kunst erfüllt, zogen Gelehrte heran und erleichterten deren Forschungen durch Anlage von Büchersammlungen und wissenschaftlichen Instituten. Rühmend ist in dieser Hinsicht einiger Seleukiden in Syrien und besonders der Beherrscher von Pergamos zu gedenken, welche der Kunst eine neue Entwicklungsphase eröffneten, Elementarschulen, Gelehrtenanstalten und eine großartige Bibliothek errichteten, die im ganzen Altertum verdienten Ruf genoß. (Bekanntlich verbot Aegypten später aus kleinlichem Neid die Ausfuhr der Papyrospflanze, was zur Erfindung des Pergaments Anlaß gab.)

Allen voran aber glänzte das Fürstengeschlecht der Ptolemäer, welche Aegypten zum Brennpunkt des gesamten Handelsverkehrs machten, ihre Schiffe bis nach Persien und Indien im Osten, bis Madera im Westen entsendeten, Gewerbe und Technik (besonders Schiffbau) begünstigten und das wirtschaftliche Aufblühen des Nillandes während einer langen Zeit des Friedens dazu nützten, um seinen Ruhm als Heimstätte der Kultur aufzufrischen: solcher Art den Zoll der Dankbarkeit entrichtend, den Hellas noch aus grauer Vorzeit für übermittelte Keime der Gesittung dem Reiche der Pharaonen schuldete. Unter ihrem Zepter wurde Alexandria das, was der große Alexander mit divinatorischem Blicke aus der geographischen Lage vorausgesehen hatte: die Metropole des Kulturlebens der antiken Welt, ein Vorbild, von dem die ganze Epoche ihren Namen empfing. Mit hellenischem Feinsinn ausgestattet, ließen die Ptolemäer prächtige Paläste, Theater, Gemäldehallen, Gymnasien und Rennbahnen aufführen, ihre Residenz mit den erlesensten Sehenswürdigkeiten schmücken, zoologische und botanische Gärten anlegen; mit regster eigener Teilnahme an dem Aufblühen der Kunst und Wissenschaft beriefen sie Künstler und Gelehrte an ihren Hof und sammelten in bibliomanischem Eifer unter schweren Geldopfern die bis dahin allerorten zerstreuten Handschriften von hervorragenden Werken der schönen und der wissenschaftlichen Literatur, welche Kaufleute aus der ganzen Welt zusammenbrachten. Die beiden ersten Fürsten aus diesem Hause, Ptolemaios Soter (304-285 v. Chr.), der in vertrautem Umgang mit Philosophen lebte, sich auch selbst als Geschichtschreiber auszeichnete, und Ptolemaios Philadelphos (285-247 v. Chr.), welcher als Freund der Naturforschung (namentlich der Zoologie) die Interessen derselben durch große Unternehmungen förderte, errichteten mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit jene beiden Institute, welche den Ruhm Alexandrias auf wissenschaftlichem Gebiete für Jahrhunderte sicherten und für die ganze weitere Geistesentwicklung so bedeutsam wurden: die alexandrinische Bibliothek und das mit ihr verbundene Gelehrtenpensionat, das Museion — Anstalten, welche in großartigster Weise die namentlich von Aristoteles vertretene Idee verwirklichten, durch reiche Büchersammlungen die Mittel zur kritisch-vergleichenden, historisch-literarischen Arbeit für jedes Fach herbeizuschaffen und die wissenschaftlichen Spezialarbeiter in Form einer Gelehrtengemeinde einheitlich zu organisieren. Es ist kein Zufall, daß der Peripatetiker Demetrios von Phaleron mit seinen Anregungen, die aus dem Vorbilde des Peripatos geschöpft waren, an der Wiege dieser Institute stand. Die Bibliothek des Museions bestand aus vielen Tausenden von Papyrosrollen, welche sorgsam katalogisiert, die Schätze des hellenischen Geistes und in Uebersetzungen auch Literaturdenkmäler fremder Nationen bargen; das Museion selbst war eine im Bereich der königlichen Paläste (im Stadtteil Brucheion) liegende Anstalt, die mit allen zu einem angenehmen Aufenthalt und bequemen wissenschaftlichen Verkehr dienenden Einrichtungen versehen war, und in welcher Gelehrte Wohnung sowie Unterhalt fanden, damit sie sich, frei von jeder Sorge, außerdem noch durch hohe Jahresgehälter ermuntert, ausschließlich den wissenschaftlichen Forschungen und dem Unterrichte der von allen Gegenden zusammenströmenden Schüler widmen konnten — Akademie und Hochschule zugleich. Von geringerer Bedeutung war eine zweite kleinere, ebenfalls von Ptolemaios Philadelphos errichtete, im Serapeion (im Stadtviertel Rhakotis) befindliche Bibliothek, welche Doubletten der ersteren zumeist besaß und vorwiegend zu praktischen Unterrichtszwecken verwendet worden zu sein scheint.

In solchem Milieu, welches das Gelehrtentum mit all seinen Licht- und Schattenseiten zuerst in scharfen Gegensatz zum Volke stellte, mußte das wissenschaftlich-kritische Element gegenüber dem künstlerisch-intuitiven weitaus die Oberhand erhalten. Hohe Blüte erreichten insbesondere die Philologie, die Mathematik und die Naturwissenschaft, welche letztere nach fast völliger Abtrennung von metaphysischen Spekulationen, gefördert durch verbesserte technische Hilfsmittel, zielbewußt die Wege der Spezialforschung beschritt. Auf diesen Gebieten wurde die größtmöglichste Höhe erreicht, welche überhaupt dem Altertum beschieden war, und viele Jahrhunderte zehrten lediglich an den Erfolgen, welche die alexandrinische Epoche gezeitigt hat. Den alexandrinischen Philologen ist die Sammlung und Redaktion der hervorragendsten griechischen Literaturdenkmäler zu danken, und bis auf die moderne humanistische Gelehrsamkeit wirkt fort, was Männer wie Eratosthenes, Aristophanes von Byzanz (der Erfinder der Akzentuation) und Aristarchos von Samothrake — von den vielen anderen nicht zu reden — für Grammatik, Textkritik, Lexikographie, Bio- und Bibliographie geschaffen haben — Leistungen, die durch die mehr historisch-antiquarische Philologenschule von Pergamos glücklich ergänzt wurden. Noch erstaunlicher ist das gleichzeitige Aufblühen der exakten Wissenschaften. So bleibt für immer mit der Geschichte der Mathematik der Name eines Eukleides, eines Apollonios (Kegelschnitte), eines Hipparchos (Trigonometrie) unzertrennlich verknüpft; eine Geistestat ersten Ranges bedeutet die früheste Erdmessung des Polyhistors Eratosthenes, und was die alexandrinische Astronomie anlangt, so verbleichen selbst die bewunderungswürdigsten Errungenschaften (Topographie des Fixsternhimmels, Berechnung der Größe, Entfernung, des Umlaufs der Himmelskörper, Präzession der Nachtgleichen, astronomische Ortsbestimmung etc.) gegenüber der heliozentrischen Theorie, welche, anderthalb Jahrtausende vor Kopernikus, Aristarchos von Samos in kühner Antizipation aufstellte. Auch Optik und Akustik fanden wissenschaftliche Begründung und systematische Bearbeitung (Eukleides). Als höchster Repräsentant der Epoche ist aber der Riesengeist Archimedes anzusehen, der zwar auf dem Felde der reinen Mathematik und theoretischen Mechanik (Hydrostatik) kaum Nachfolger hatte, dafür aber auf die Entwicklung der praktischen Mechanik durch zahlreiche technische Erfindungen (an 40 Maschinen, darunter Flaschenzug, archimedische Schraube, Kriegsmaschinen) höchst anregend wirkte. Es genüge der Hinweis auf Ktesibios, welcher die Wasserorgel baute, die Wasseruhr verbesserte, die Feuerspritze mit dem Windkessel erfand, namentlich aber die Erinnerung an den genialen Heron, der — ein Mann von seltenem Erfindungsgeist — eine große Zahl von Automaten ersann, bereits Apparate konstruierte, die durch erwärmte Luft oder Dämpfe in Bewegung gesetzt wurden und sogar der Lehre vom Luftdruck sehr nahe kam; seine „Pneumatik“ enthält die Beschreibung einer Dampfturbine, des Aeolsballs, des Heronsballs, der Pipette, des Saughebers, sowie der intermittierenden Brunnen — für die Medizin war es bemerkenswert, daß Heron die Lehre von den Schröpfköpfen zurechtlegte.

Die Lichtseiten des wissenschaftlichen Lebens fanden leider dadurch eine starke Trübung, daß die führenden Geister mehr oder minder vereinzelt blieben, trotz der Masse von „Schülern“, weil diese es zumeist vorzogen, mit einer dialektischen Scheingelehrsamkeit täuschend zu prunken, statt den mühsamen, dornigen Weg der Tatsachenforschung ihrer Meister zu beschreiten; nicht wenig mag hierzu das in der Hofluft der Ptolemäer gezüchtete Strebertum und der im Museion großgezogene Kastengeist der Gelehrten beigetragen haben, denn besonders in den programmäßigen (zuweilen in Anwesenheit der fürstlichen Gönner abgehaltenen) Sitzungen dürfte nicht selten schönrednerische Rhetorik und dialektische Spitzfindigkeit den Augenblickserfolg über bedächtigen wissenschaftlichen Ernst mit seinen langsam heranreifenden Arbeiten errungen haben. Von einer wirklichen Durchsetzung mit jenem Geiste, der sich der reinen Wissenschaft an sich widmet, war bei der Mehrzahl der Autoren keine Rede, sie suchten, was effektvoll war oder für den niederen Kreis des Lebens sofortigen Nutzen bringt — beides im Widerspruch mit dem Gange wahrhaft wissenschaftlichen, namentlich naturwissenschaftlichen Fortschritts.

Sehr deutlich spiegelt sich dieser Zug von Virtuosentum, Naturalismus und Individualismus, der allerdings mehr der späteren alexandrinischen Epoche eigentümlich ist, auch in der Philosophie, in der Dichtkunst, in der Plastik und Malerei wider. Ohne wahrhaft neue Gedanken von ursprünglicher Tiefe, verfiel die Philosophie in Schulzänkereien, welche in willkürlicher Deutung der einstigen großen Meister, in Schönrednerei aufgingen, starren Dogmatismus oder aber zersetzende Skepsis hervorbrachten; auch die bedeutendsten Systeme, das der Stoa und dasjenige, welches Epikur zum Stifter hatte — in theoretischer Hinsicht nur Fortbildungen der Lehre Heraklits bezw. Demokrits —, dienten mit ihrem rohen Materialismus und Sensualismus weit weniger der Erkenntniskritik als der Individualethik, welche die zerfallende Religion ersetzen sollte. Die Poesie der Alexandrinerzeit krankte zum großen Teile an gelehrtem Ueberschwang, welcher, in der Sucht zu glänzen, das möglichst Unbekannte hervorzog, aber nicht im mindesten jenes echt künstlerische Gefühl und namentlich jene Empfindungstiefe zu ersetzen vermochte, die der wurzelechten Dichtkunst des bodenständigen Hellenentums eigen war. Der raffiniert überfeinerte Zeitgeschmack fand Gefallen an möglichst gekünstelten Dichtungsformen, die in abgeschmackte Spielereien ausarteten, und die sittlich degenerierende Kultur, bar jeder höheren Ideale, reflektierte sich in Komödien, deren Stoffkreis aus den engsten Privatverhältnissen gewählt war, oder in Literaturerzeugnissen, die (wie die Mimjamben des Herondas beweisen) den schlüpfrigsten Naturalismus vertraten, — nur die bukolische Idyllenpoesie des Theokritos verrät gerade durch ihre Sentimentalität und erfrischende Anmut das Heraussehnen aus der Gelehrsamkeit und Ueberfeinerung in die Einfachheit und Behaglichkeit, welche dem Kulturgetöse Alexandreias längst entwichen war. Was die schönen Künste anbetrifft, so gewann die Architektur sicherlich am meisten durch die Anregungen, welche der Fürstengunst und dem Luxus des Zeitalters entsprangen, in der Plastik und Malerei aber bewirkten die gleichen Einflüsse eine auf glänzende Scheinbarkeit, auf virtuosenhafte Behandlung hinzielende Richtung. Freilich in den plastischen Meisterwerken dieser Epoche (z. B. Gruppe des Laokoon, des farnesischen Stieres, Statue des sterbenden Galliers, Apollo vom Belvedere u. a.) leidet die Schönheit keineswegs unter der starken Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks oder der Kolossalität der Formen, unter der naturalistischen Charakteristik der gesuchten theatralischen Wirkung oder der Subjektivität der Auffassung — immerhin entfernte man sich doch zunehmend von der klassischen Einfachheit und Ruhe; in der Malerei führte bei den Epigonen die von den Meistern (Zeuxis, Parrhasios und Apelles) begründete naturwahre und fein individualisierende Richtung mit ihrer scharfen Berücksichtigung der Proportionen und Lichtwirkung allmählich zu einem übertriebenen Naturalismus, der sich auch in der Vorliebe für derbes, niedriges Genre und Karikaturen, für Stilleben und Lichteffekte verband. — Das alexandrinische Zeitalter erinnert in manchen Erscheinungen an die Gegenwart und läßt sich auch gerade von den Modernen richtig werten! Diese kann es nicht überraschen, daß gerade in einer Epoche der Ueberkultur bei den Phantasten hart neben den Fortschritten exakter Naturwissenschaft die Vorliebe für die „Nachtseite“ des Natur- und Geisteslebens, der Aberglauben zu großer Blüte gedieh — umsomehr als die eindringende mystische Weisheit des Orients, mit dem Nimbus einer tausendjährigen Vergangenheit ausgestattet, auf alle diejenigen ihren Zauber ausüben mußte, welche nur in okkulten Seltsamkeiten das Wunder erblickten oder nach einer Verinnerlichung strebten, in deren Tiefen die erst aufstrebende sonnenklare Wissenschaft noch nicht dringen konnte. In der Literatur hat der Mystizismus breite Spuren zurückgelassen, welche später höchst bedeutsam wurden; dahin zählen zunächst die Ausartungen von naturwissenschaftlichen Werken und Reisebeschreibungen zu Wunderbüchern, welche in fabulistischer Manier und mystischer Tendenz alles Monströse und Abenteuerliche in der Natur oder bei fremden Völkern in den Vordergrund stellten, Steinbücher, welche den Glauben an die dämonische Macht der Edelsteine über Körper und Geist verbreiteten, Zauberbücher, die mit den ehrwürdigen Namen von ägyptischen Göttern oder assyrischen Königen, mit den Namen eines Zoroaster, Orpheus, Pythagoras oder Demokrit in Zusammenhang gebracht wurden, endlich — eine Unmasse von Traumbüchern. Es läßt sich nicht verkennen, daß neben dem Emporwuchern des Aberglaubens aus den niederen Schichten der Gesellschaft in die höheren, die innige Berührung der Griechen mit dem Orient, sowie die Anteilnahme hellenisierter Orientalen an der Literatur diese trunkene phantastische Richtung beförderte und ihr später leider zum Triumph über die nüchterne Wissenschaft verhalf.

Die Medizin der alexandrinischen Epoche, unverkennbar ein Produkt der zumeist förderlichen Zeitverhältnisse, machte nicht allein hinsichtlich der Summe erfahrungsmäßiger Kenntnisse und Heilmethoden, sondern auch im Hinblick auf die Höhe der wissenschaftlichen Denkmethodik bedeutende Fortschritte, welche aber leider nur zu bald wieder durch hochfliegende Spekulation und spitzfindige Dialektik beeinträchtigt wurden.

Die neue Pflegestätte, Alexandreia, verfügte über alle jene Hilfsmittel, welche geeignet waren, die Traditionen von Kos und Knidos in der Richtung der von Aristoteles begründeten systematischen Forschung weiterzubilden. Hier sorgten umfassende Bibliotheken für die historisch-literarische Grundlage (deren Mittelpunkt die Redaktion des Corpus Hippocraticum ausmachte), hier erprobten Meister von vielseitigem Wissen, inmitten einer internationalen (aus Griechen, Aegyptern, Juden bestehenden) Schülerschaft ihre Kunst an einer Menge, von allerorten zusammenströmenden Kranken (zum Teil mit bisher unbekannten Affektionen)[1], hier brachte der Handelsverkehr eine Unzahl neuer Heilstoffe auf den Markt, und wenn man daran ging, das anschwellende Wissensmaterial zu ordnen und zu sichten oder mit der Fackel der Reflexion zu durchleuchten, so ließen sich nirgends leichter Vorbilder finden als im regen Geistesleben Alexandreias, wo die mächtig aufstrebende beschreibende und erklärende Naturwissenschaft eine feste Stütze bieten konnte. Die Sammlung der medizinischen Handschriften, verbunden mit dem Studium der medizinischen Literatur und Geschichte, die Pflege der Zoologie, Botanik und Steinkunde, die Heranziehung physikalisch-technischer Errungenschaften in den Dienst der Medizin, die Errichtung einer Art von ambulatorischer Klinik im Museion, trug reiche Früchte für die Festlegung und Kritik der wissenschaftlichen Ueberlieferung, für die Arzneimittel- und Giftlehre, für die Verfeinerung der Symptomatologie und Diagnostik, für die chirurgische Apparate- und Verbandlehre, und unleugbar gewann selbst die medizinische Theorie bereits so manches durch die dem Beispiel der Physiker entnommene quantitative Denkweise, sowie durch die zuweilen schon angewendete Experimentalmethode. Was früher nur einzelnen unter den größten Schwierigkeiten zu schaffen möglich war und bei der mangelnden Zentralisation des wissenschaftlichen Betriebs verloren ging, das floß jetzt in breitem Strome in ein großes Sammelbecken. Den glänzendsten Aufschwung aber nahm die Anatomie, welche in Alexandreia zuerst und vielleicht ausschließlich jene vorurteilslose Förderung empfing, die zu ihrem Gedeihen nötig ist. Vorbereitet durch die Sitte der Einbalsamierung, wodurch die Sektion der Leichen in Aegypten nicht wie sonst überall mit dem Odium der Pietätslosigkeit belastet war, begünstigt durch das tatkräftige Interesse der Ptolemäer, schritt die Anatomie von der Zootomie zur Zergliederung menschlicher Leichen, von zerstreuten, zufälligen Einzelfunden zur Präparierung, zur systematischen Forschung weiter und häufte ein Material zusammen, das zur selbständigen Wissenschaft emporgewachsen, besonders in der Chirurgie und Geburtshilfe zu den kühnsten und erfolgreichsten Eingriffen Veranlassung gab. Dauerte auch die eigentliche Blüte der Zergliederungskunst mit ihrer Ergänzung durch die Vivisektion nicht lange — schon Ptolemaios Physkon vertrieb viele Aerzte und Gelehrte — so machten sich doch noch jahrhundertelang die Nachwirkungen insoferne geltend, als nirgends so sehr wie in Alexandreia die ärztliche Ausbildung mit anatomischen Kenntnissen verknüpft blieb.

Nach den Berichten des Celsus sollen die Ptolemäer sogar die Erlaubnis erteilt haben, an Verbrechern die Vivisektion zu vollziehen, „um die Lage, Farbe, Gestalt, Größe, Anordnung, Härte, Weichheit, Glätte, äußere Fläche, sowie die Vorsprünge und Einbiegungen der einzelnen Organe während des Lebens zu studieren“. Von Gegnern sei gegen diese Grausamkeit eingewendet worden, „daß sie nicht bloß die Heilkunst entwürdige, sondern auch überflüssig sei, da die Leute, nachdem ihnen die Bauchhöhle aufgeschnitten, das Zwerchfell durchtrennt und die Brusthöhle eröffnet worden, sterben, bevor noch wissenschaftliche Untersuchungen am Lebenden möglich waren“. Diese Angaben, aus denen zu ersehen ist, in welcher Reihenfolge man bei der Sektion vorzugehen pflegte, finden durch keine Stelle Galens (der als wichtigster Gewährsmann für die alexandrinische Anatomie heranzuziehen ist) Bestätigung, sondern nur durch den Kirchenvater Tertullian, und sind vielleicht mit der Erzählung auf eine Stufe zu stellen, nach welcher der Maler Parrhasios einen gemarterten Sklaven als Modell benützt haben soll, um seinen Prometheus naturwahr mit dem Ausdruck des höchsten körperlichen Schmerzes darstellen zu können. — Plinius erzählt, daß die ägyptischen Könige in ihrem Wissenseifer zuweilen sogar persönlich bei der Sektion von Leichen mit Hand angelegt haben. Wie sehr auch die Kunst im alexandrinischen Zeitalter von den anatomischen Fortschritten Nutzen zog, beweist die überraschende Naturalistik der Ausgrabungsgegenstände von Pergamos.

Auf die medizinische Theorie im Sinne einer realen Begründung nahm die Anatomie leider noch keinen Einfluß — höchstens mehren sich die anatomischen Lokalisationen mancher Symptomenkomplexe, womit die knidische Schule begonnen hatte — Physiologie und Pathologie blieb der Tummelplatz der Spekulation, und der Dogmatismus erstarkte gerade durch die erweiterten anatomischen Kenntnisse, indem diese zuweilen schon im Verein mit physikalischen Begriffen zur Restaurierung der überkommenen Doktrinen mit einem Aufwand von Spitzfindigkeit verwendet wurden und dadurch zum Schaden der Therapie den Schein der Exaktheit vorübergehend vortäuschten. Wieder trug prunkende Zungenfertigkeit und gelehrt schillernder Aberwitz den Sieg davon über die schlichte Wahrheit redlicher Hände und ehrlicher Augen! Die großen Pfadfinder auf dem Felde der Anatomie, die scharfen Beobachter am Krankenbette hatten zumeist Schüler, welche die realen Leistungen ihrer Meister weniger zum Richtzeiger weiterer erfahrungsmäßiger Forschung als zum Ausgangspunkt subtiler Spekulation über das gesunde und kranke Leben erkoren. Mit jener Büchergelehrsamkeit und Polymathie, welche dem Beispiel der alexandrinischen Bibliothekare und Grammatiker nachfolgend in hyperkritischen Kommentaren oder Exegesen statt des Mittels schon den Endzweck erblickte, mit jener vorgreifenden, anmaßlichen Systemsucht, welche unter Verkennung des grundverschiedenen Objekts die abstrakte Deduktion der Mathematiker, die begriffszerspaltende subtile Dialektik der Philosophen in die Medizin einschmuggelte, entfremdeten sich die ärztlichen Gelehrten zunehmend der lebendigen Erfahrung und entzogen, in eitlen Schulzänkereien aufgehend, der Theorie den eigentlichen Nährboden — die praktische Heilkunst mit ihren stets aufs neue wechselnden, korrigierenden Bildern. Allzulange ein Spielball scholastischer Disputationen oder als quantité neglegéable von hochfahrender Wissenschaftlichkeit beiseite geschoben und aufs Ungefähr verwiesen, verlor die Therapie den wahren inneren Zusammenhang mit der dogmatischen Schule und wurde als eigener Wissenszweig von einer neuen ärztlichen Sekte, den „Empirikern“, wieder dem Stamme unbefangener, nüchterner Beobachtung aufgepfropft. So berechtigt aber die Reaktion dieser Sekte gegen das hohle Scheinwissen der Dogmatiker war, so bleibend auch ihre Verdienste um die Erweiterung des Heilschatzes sind — die „Empiriker“ verkannten doch den echten Geist des von ihnen angerufenen Hippokratismus, indem sie mit absoluter Skepsis die kommende Möglichkeit einer versöhnenden Annäherung zwischen Theorie und Praxis, die Existenzberechtigung rationeller Versuche zur Begründung einer wissenschaftlichen Theorie von vornherein endgültig verwarfen und mit dem Unkraut der Spekulation zugleich auch die hoffnungsvoll aufstrebende Saat der anatomisch-physiologischen Forschung auszurotten suchten. Hingegeben einer unkritischen „Erfahrung“, die auch dem aus dem Orient herdringenden Wunderglauben die Tore der Medizin weit öffnete, bereiteten wenigstens die späteren Anhänger der empirischen Sekte naturgemäß den Rückfall der Heilkunde in rohe Entwicklungsphasen vor. Auch diese Seite der alexandrinischen Medizin ist nur ein Ausschnitt der allgemeinen Kultur des bewegten Zeitalters, welches beim diosmotischen Austausch zwischen West und Ost, an exaktes Denken ziemlich jäh den tollsten Aberglauben, an die rücksichtsloseste Skepsis wie eine Konsequenz die phantastische Mystik anschloß.