Hippokrates.
[[←]]
Motto:
Die Theorie ist nicht die Wurzel, sondern die Blüte der Praxis.
Ernst von Feuchtersleben.
So wenig uns die hippokratische Schriftensammlung darüber Aufschluß erteilt, wer die Verfasser der einzelnen Schriften gewesen sind, was die persönlichen Leistungen und Anschauungen des Hippokrates ausmachte, so widersprechend die verschiedenen Teile des Corpus Hippocraticum in der Theorie und selbst Praxis oft erscheinen — die Tatsache steht doch fest, daß die Eigenart, welche den „hippokratischen“ Schriften eine Sonderstellung in der gesamten medizinischen Literatur verbürgt und als gemeinsamer Wesenszug innewohnt, direkt oder indirekt auf den mächtigen Einfluß einer überragenden Persönlichkeit zurückzuführen ist.
Es ist nicht der Erfahrungsstoff, es ist nicht der Ideenreichtum, wodurch sich die hippokratische Heilkunde kennzeichnet gegenüber allem Vorausgegangenen, gegenüber der weiteren Entwicklung. Was den Hippokratismus zum Gipfel der griechischen Medizin erhebt, ja selbst zum Jugendbrunnen der medizinischen Wissenschaft aller Zeiten macht, liegt nicht in Doktrinen oder Kenntnissen, sondern in der Auffassung des ärztlichen Berufes, in der ewig wahr bleibenden Methode des ärztlichen Denkens und Handelns!
Möge daher die immer tiefer schürfende Forschung den Beweis erbringen, daß die medizinischen Einzelkenntnisse und Handgriffe, wie sie im Corpus Hippocraticum vorliegen, zum Teile auf jahrtausendelange Vergangenheit zurückblicken und Lehngut aus fremden Kulturen sind, möge es auch nie gelingen, das spezielle Wissen und Können der hippokratischen Schule im engeren Sinne des Wortes zu umgrenzen, die Monumentalgestalt des großen Hippokrates bleibt unberührt von all diesen Streitfragen in ihrer lichten Höhe als Verkörperung einer neuen Entwicklungsepoche im Laufe der medizinischen Geschichte, als Sinnbild idealster Ethik im ärztlichen Berufe, als Wahrzeichen unbeugsamer Denkstrenge in der ärztlichen Forschung.
Alles wahrhaft Große verliert sich in seinen Schöpfungen! Wir können die gewaltige Triebkraft des unsterblichen Arztes an dem Unterschied der zwischen der hippokratischen Medizin und der Heilkunst vor ihm in prinzipiellen Momenten besteht, ermessen; wir erkennen, wie die Flamme seiner Persönlichkeit durch die seinen Namen tragenden Schriften hindurchleuchtet; wir spüren seinen belebenden Hauch, der die Geschichte durchweht — vom historischen Hippokrates selbst aber wissen wir weit weniger als vom traditionell festgelegten Begriff des Hippokratismus, und nur dürftige oder legendenhaft entstellte Kunde gewähren die Quellen über den Lebensgang des unvergänglichen Meisters.
Nach verbreitetster Annahme wurde Hippokrates (zum Unterschied von seinem gleichnamigen Großvater als der Zweite bezeichnet) 460 oder 459 v. Chr. auf der Insel Kos geboren. Er war der Sohn des Asklepiaden Herakleides und der Phainarete (oder Praxithee, Tochter der Phainarete) und leitete seinen Stammbaum väterlicherseits von Asklepios, mütterlicherseits von Herakles ab. Den ersten ärztlichen Unterricht empfing Hippokrates von seinem Vater im Geiste der koischen Schule — nach Menons Iatrika[21] wurde er aber auch von einem sonst unbekannten Herodikos von Knidos beeinflußt. Um seinen Bildungsdrang zu befriedigen und sich als Arzt unter verschiedenen Verhältnissen zu betätigen, unternahm er Reisen durch ganz Hellas, wobei er angeblich auch zu dem Gymnasten Herodikos von Selymbria, dem berühmten Rhetor Gorgias und dem Philosophen Demokritos in Beziehung trat. In den hippokratischen Schriften (z. B. besonders Epidemiorum libri VII) werden zwar häufig Ortschaften genannt, doch gewähren diese Angaben deshalb keine ganz verläßliche Auskunft über die Stätten, welche Hippokrates auf seiner Wanderung besuchte, wo er als Arzt tätig war, weil viele der Schriften wahrscheinlich unecht sind und anderseits sich manche der Mitteilungen über medizinische Verhältnisse in bestimmten Gegenden auch bloß auf fremde Berichte stützen konnten. Jedenfalls kam Hippokrates nach der Insel Thasos, wo sich ein alter Asklepiostempel befand und weilte an verschiedenen Orten Thessaliens (besonders Larissa und Meliboia), Thrakiens (Abdera), an der Propontis (Kyzikos). Möglich, aber unbewiesen ist der Aufenthalt in Athen und namentlich am Asowschen Meere, im Lande der Skythen, in Kleinasien, in Nordägypten, Libyen — Vermutungen, die sich auf das berühmte Buch de aëre aquis et locis stützen. In Larissa beendete der große Koer sein inhaltsvolles Leben, nach wahrscheinlichster Angabe im Jahre 377 v. Chr. Neben seinen beiden Söhnen, welche ebenfalls auf Wanderungen auszogen, Thessalos und Drakon, zählen sein Schwiegersohn Polybos, ferner Apollonios und Dexippos von Kos, wahrscheinlich auch Praxagoras von Kos zu seinen berühmtesten Schülern. Erwiesenermaßen nahm Polybos Anteil an der hippokratischen Schriftensammlung und wirkte wohl auch als Stellvertreter in der Schule. Unter den Nachkommen führten noch fünf den Namen Hippokrates und taten sich als ärztliche Schriftsteller hervor.
Die dankbare Nachwelt hat die Lebensgeschichte des großen Arztes mit Legenden reichlich ausgeschmückt, und besonders einige tendenziöse Schriften aus späterer Zeit enthalten davon eine ganze Menge. Dahin gehört z. B. die Erzählung, daß Hippokrates von den Abderiten aufgefordert worden sei, den vermeintlich wahnsinnigen Demokritos auf seinen Geisteszustand zu untersuchen (wobei er den Philosophen wegen seiner Aeußerung, er studiere die Torheit der Menschen, für den Weisesten aller Menschen erklärt habe); die Anekdote, daß er mit Euryphon die „Phthisis“ des Königs Perdikkas von Makedonien als Liebessehnsucht zu seines Vaters Nebenfrau Phila erkannt habe; die vom Patriotismus eingegebene schroffe Absage an Artaxerxes I. Makrocheir; die Geschichte, daß er seine Heimat vor der Eroberungslust der Athener rettete, indem er die Thessalier zu Hilfe rief. Fabelhaft sind auch die Behauptungen, daß Hippokrates am persischen Hofe die größte Auszeichnung erfahren, daß er aus Ehrsucht das Tempelarchiv von Kos oder Knidos verbrannt habe, um sich den Erfinderruhm zu sichern und nachher zu den Thrakischen Edonen geflohen sei — wohl eine Anspielung auf die kritische Benützung der Weihtafeln und literarischen Tempelschätze. Unverläßlich ist jedenfalls die Angabe, daß er in Delphoi ein Skelett gestiftet habe, in die athenischen Mysterien eingeweiht und der Speisung im Prytaneion gewürdigt worden sei. Bezüglich seiner angeblich verdienstvollen Leistungen in der „Pest“ von Athen (430-425) ist es jedenfalls höchst auffallend, daß Thukydides derselben in seiner glänzenden Schilderung auch nicht mit einer Silbe gedenkt. In der unterschobenen Schrift de legatione erklärt Hippokrates seinen Sohn Thessalos als Marinearzt der sizilischen Expedition des Alkibiades mitgeben zu wollen.
Hippokrates stand schon bei Lebzeiten in hohen Ehren — von Platon wurde er dem Polykleitos und Pheidias gleichgestellt —, nach seinem Tode wuchs sein Ruhm in solchem Maße, daß er das Ansehen aller vorausgehenden und nachfolgenden Aerzte verdunkelte. Er wurde der Arzt κατ' ἑξοχὴν! Schon zur Zeit des Aristoteles hieß er der „Große“, bei Galenos der „Göttliche“, und bis in die Gegenwart galt er als „Vater der Heilkunde“. Seine Landsleute, die Koer, feierten am 26. des Monats Agrianos sein Andenken, und noch im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde das Grabmal des Hippokrates zwischen Gyrto und Larissa gezeigt. Die Sage erzählt, daß sich in demselben ein Schwarm Bienen ansiedelte, deren Honig gegen den Soor der Kinder sehr heilsam war.
Was die Familie des Hippokrates, was die koische Schule, was viele der Vorfahren und nächsten Nachfolger geleistet, all dies wurde in begeistertem Heroenkultus auf das Haupt des Einzigen gehäuft, und immer mehr entzog sich im Nimbus der Huldigung die historische Person des Gefeierten. Ungeschwächt, ja stets von neuem verjüngt, überdauert sein Ruhm den Wandel der Zeiten. Jede Nation zeichnet ihren größten Arzt mit dem Namen Hippokrates als Ehrentitel aus, die Medizin heißt nach ihm die hippokratische Kunst, und was das Höchste bedeutet, er lebt, wie die Literatur aller Völker beweist, im Volksbewußtsein fort als unvergleichlicher, unerreichbarer Arzt!
Die Wirkungsepoche des Hippokrates fällt mit der höchsten Entfaltung des politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens in Hellas zusammen mit der Zeit, wo „am Baume der Menschheit sich Blüt an Blüte drängte“. Es ist die Epoche, welche die Staatskunst des Perikles, die Philosophie des Sokrates, die Geschichtschreibung des Thukydides weckte, es ist das Zeitalter des Sophokles und Euripides, des Pheidias, Polykleitos und Praxiteles, des Polygnotos, des Zeuxis und Parrhasios! Niemals zuvor oder nachher ergoß sich über einen so engen Raum während einer so kurzen Zeitspanne eine solche Fülle von Geist und Schönheit. Auch die blendendste Schilderung steht hinter einer Wirklichkeit zurück, welche der Persönlichkeit freieste Entwicklung aller Anlagen gestattete, nur in den Gesetzen des Ebenmaßes, der Schönheit, des Wohlklangs Grenzen der Schaffenssphäre anerkannte, das Recht der Individualität nur durch die Interessen der Gesamtheit beschränkte. Auf allen Gebieten bildete der Individualismus den durchbrechenden Wesenszug.
Unter dem Schutze der Bürgerfreiheit wagte es der Künstler, losgelöst von den Fesseln des Konventionalismus den Gegenstand zu gestalten, wie er ihn schaut, erkühnte sich der Dichter, der philosophische Denker, wie mit tiefgehender Pflugschar, selbst den geheiligten Boden der Tradition durch rückhaltlose Kritik aufzuwühlen. An Stelle der geschlossenen Weltanschauung der älteren Kultur tritt die subjektive Ueberzeugung des einzelnen Individuums hervor, erscheinen die Typen der Mythologie in neuer Beleuchtung, erfahren die herkömmlichen Begriffe dialektische Zersetzung, verkündet sophistische Rhetorik die Relativität aller Erkenntnis, aller Sittlichkeit. Im Drama, wo der Chor seit Aischylos immer mehr an Bedeutung einbüßt, und in der Geschichtschreibung erstarkt das Recht der Persönlichkeit; die Komödie des Aristophanes, die Malerei erhebt sich zur Naturwahrheit, ja zur Porträtähnlichkeit, und derselbe freie Kunstgeschmack, welcher die erhabenen Schöpfungen der Bildhauerkunst mit Leben, Bewegung und Ausdruck erfüllte, verdrängte selbst die steife Fältelung des Gewandes aus der Mode und verlieh der Kleidung des einzelnen individuelles Gepräge.
In der Kunst zur höchsten Blüte führend, zog der Individualismus in der Wissenschaft in dem Maße, als es an positiven Tatsachen gebrach, sehr bald den äußersten Skeptizismus nach sich; denn unaufhaltsam mußte sich die Kritik, nachdem sie vergeblich die Tradition mit den neuen Erkenntnissen zu versöhnen versucht hatte, mit ätzender Schärfe auch gegen die stets neu auftauchenden, wechselnden Lehren und Anschauungen wenden, wenn nicht durch den Augenschein das Element der Willkür von vornherein auszuschalten war.
Nicht minder, als die Geisteswissenschaften, wurde auch die Naturforschung fortwährend von Schwankungen erschüttert, und gerade hier, wo die Spekulation trotz mancher überraschender Fortschritte (besonders in der Astronomie und Mathematik) wahre Orgien feierte, folgte dem anfänglichen Siegesrausch eine Ernüchterung, welche allmählich von der Kritik zum Relativismus und von diesem bis zur totalen Negation der Erkenntnismöglichkeit gelangte. Von den schweren Krisen, welche die darauf fußende Weltanschauung erschütterten, geben die Dramen des Euripides ergreifende Kunde, eines Dichters, der als Vorkämpfer der Neuerungen begann und mit der Proklamation des Bankrotts der Wissenschaft endete. Ein Metrodoros von Chios, Demokrits berühmtester Schüler, stellte die Möglichkeit jedes sicheren Wissens in Abrede, der Herakliteer Kratylos wagte überhaupt kein Urteil auszusprechen, weil das Wesen des Seins nicht zu erfassen wäre.
Hauptträger der mächtigen Geistesbewegung, welche auf allen Gebieten Probleme aufwarf — sittliche, religiöse, wissenschaftliche —, waren die Sophisten. Diese verstanden es wohl, das Denken aufzurütteln, mit sublimer Dialektik scharfe Begriffsbestimmungen vorzunehmen, die wissenschaftliche Phraseologie außerordentlich zu verfeinern, sie glaubten aber, gleich den mittelalterlichen Scholastikern, der empirischen Kenntnisse entbehren zu können, identifizierten ihre spitzfindigen, abstrakten Wortanalysen mit realen Gegensätzen in der Natur und machten in ihrer Vorliebe für das Formale die Eristik, die Rhetorik zur Wissenschaft. Von Männern, welche als kostspielige Wanderlehrer mit der Virtuosität allumspannenden Wissens prunkten, ohne über wirkliche Sachkenntnis zu verfügen, ja diese geringschätzten und beifallslüstern ihren höchsten Ehrgeiz darein setzten, das Pro und Kontra jeder Frage überzeugend verteidigen zu können, war keine Rettung aus dem Wirrsal zu erwarten.
Die Zeit der alten Naivität, der ungeschulten Empirie war vorbei, und umsonst suchten die Altgläubigen und politischen Reaktionäre im Bunde mit heuchlerischen Demagogen das Rad zurückzudrehen oder den neuerungsliebenden Geist der Aufklärung durch den Mund des Aristophanes zu verhöhnen, oder gar durch Verbannung einiger Philosophen den Fortschritt zu hemmen. Eine Ueberwindung des Skeptizismus war nur dadurch möglich, daß der Individualismus auf sittlichem Gebiete das Ich zur Gesamtheit erweiterte, intellektuell zur phänomenologischen Auffassung der Dinge fortschritt, welche sich gemäß der Erkenntnis der Grenzen des menschlichen Begriffsvermögens mit der Sinneserfahrung begnügte und nur das verknüpfende kausale Band, die Gesetze, aufzudecken strebte. Diesen Weg beschritt Sokrates.
In dem Wirbel der Widersprüche schienen auch alle erfahrungsmäßig erworbenen Kenntnisse versinken zu müssen, und tatsächlich sahen sich die Denker vor die Wahl gestellt, entweder auf das Streben nach wahrer Erkenntnis verzichten oder zum Glauben an die Ueberlieferung zurückkehren zu müssen. Die befreiende Tat dankt der Intellektualismus dem weisen Sokrates. Schüler der Sophisten, überwindet er doch die Sophistik, bei aller Neigung zur Dialektik bewahrt er sich doch den Sinn für das Wirkliche, bei aller Empfänglichkeit für das Neue wirft er doch das Alte nicht fort, überall Wissen vom Scheinwissen trennend, baut er auf, wo die anderen niederreißen. Auch Sokrates, und noch mehr als seine Vorgänger, erfaßt die Grenzen der Erkenntnis, die Relativität unserer Wahrnehmung; mit sublimster Disputierkunst zerfasert auch Sokrates jeden herkömmlichen Begriff, aber er bleibt nicht auf halbem Wege wie die anderen stehen, sondern beschränkt die Forschung auf das Studium „der menschlichen Dinge“, findet Normen des Denkens, entdeckt das Sittengesetz in der menschlichen Brust und erkennt die Realität der die Erscheinungen beherrschenden Ideen (Gesetze). In seiner Auffassung wird der Individualismus zum Altruismus, indem das Glück des einzelnen mit dem Wohl der Gesamtheit eins wird, und trotz der anerkannten Unlösbarkeit der naturphilosophischen Probleme mit den Mitteln der zeitgenössischen Forschung, zieht er nicht die Folgerung, daß alles Bemühen um die Naturerkenntnis ein erfolgloses sei, sondern empfiehlt sie seinen Jüngern, soweit praktische Zwecke in Betracht kommen und wirkliche Erfahrungen die Grundlage bilden.
Was Sokrates für die Philosophie, bedeutet Hippokrates für die Medizin. In beiden verkörpert sich die Reaktion der praktischen Vernunft gegen Seichtheit und theoretischen Ueberschwang, beide vertreten inmitten von Unklarheit, Spekulationssucht und unfruchtbarer Hyperkritik die goldene Mittelstraße der an nüchterne Wirklichkeit gebundenen Reflexion, beide stecken die Grenzen ihres Gebietes mit weiser Selbstbeschränkung ab und finden im Sittengesetz, im Prinzip des idealsten Utilitarismus den Schwerpunkt für ihr Handeln.
Um die Mitte des 5. Jahrhunderts war die griechische Medizin an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt, der geradezu gebieterisch nach einem führenden Genius heischte. Unter der Gunst vollster Geistesfreiheit, welche dem Subjektivismus breitesten Spielraum gewährte, hatten in rascher Folge mannigfache, der Naturphilosophie entlehnte Hypothesen nicht nur von der Krankheitslehre Besitz ergriffen, sondern auch die praktische ärztliche Tätigkeit in die gefährliche Abhängigkeit von wandelbaren Systemen gebracht. Der stete Wechsel sophistisch verteidigter Spekulationen bedrohte den Schatz von sicheren Kenntnissen und Erfahrungen, welche mühsam erworben worden waren, erschütterte das Vertrauen in die Heilkunst als solche und ebnete jenen unberufenen Elementen den Weg, welche, wie die Gymnasten, einzelne Heilmethoden in maßloser Ueberschätzung zur Panacee erhoben oder als beifallslüsterne Wanderlehrer (Iatrosophisten) das Publikum mit einer hohlen, kaum von Sachkenntnis getrübten Rhetorik betörten. Iatrosophisten einerseits, fanatische Empiriker anderseits, stritten um die Palme, und schon schien es unabwendbar, daß die Medizin in uferlose Spekulation zerrinnen oder in öder Schablone, seichtem Banausentume versanden müsse.
Die nüchterne ärztliche Beobachtung, im Bunde mit vorsichtiger, an Tatsachen haftender Reflexion, besaß fast nur in den Asklepiadenschulen eine wahre Pflegestätte; denn dort verschloß sich die altehrwürdige Tradition zwar keineswegs den zeitgeborenen Neuerungen, wußte aber den Flug der Spekulation in feste Bahnen zu zwingen. Um ihre große Mission zu erfüllen, um den Tageslärm ärztlicher Modephilosophen, die Scharlatanerie gewissenloser Marktschreier in die Schranken weisen zu können, war es jetzt nötig, daß die von Generationen gesammelte Asklepiadenweisheit sich ihrer letzten Reste von esoterischer Engherzigkeit gänzlich entledige und ihre Wissensschätze, ihre Methode, ihre Ethik zum Gemeingut aller Aerzte mache. Diese Großtat wurde nach mancherlei vorbereitenden Ereignissen durch den edelsten Sprößling der Asklepiadenfamilie, durch Hippokrates vollbracht. Erst in ihm hat der Hellenismus auf medizinischem Gebiete bewiesen, daß er sich nicht allein von den Fesseln orientalischen Denkzwangs zu befreien vermochte, sondern auch ohne das leitende Gängelband einer priesterlichen Kaste die Stufe rationeller Wissenschaft und sittlicher Würde zu erklimmen verstand.
Der Uebergang von der Asklepiadenzunft zum freien Arzttum macht gerade die wesentlichen Eigentümlichkeiten des Hippokratismus verständlicher. Gleich Schrittsteinen verraten die beiden ersten Schriften der hippokratischen Sammlung die Spur: „Der Eid“, dieses uralte Erbstück der koischen Schule, worin die Pflichten des Asklepiaden gegen Lehrer, Schüler und Kranke enthalten sind, und „Das Gesetz“, dessen Schlußsatz auf die Weihen anspielt, die der Aufnahme in die Zunft vorangingen[22]. Nicht nur in diesen, sondern auch in einigen anderen Schriften, welche von der hippokratischen Auffassung des ärztlichen Berufes durchweht sind („Der Arzt“, „Ueber den Anstand“, „Vorschriften“, „Aphorismen“) wird der Ethik und ärztlichen Etikette ein ganz besonderer Platz eingeräumt und der Deontologie die Rolle eines integrierenden Bestandteils des medizinischen Unterrichts zuerkannt. Abgesehen von der Reaktion gegen die Umtriebe mancher Standesgenossen spricht sich darin die Tatsache aus, daß gerade der freie Arzt — noch mehr als der priesterliche oder halbpriesterliche Zunftarzt — sich der Verantwortlichkeit seines Tuns und Lassens, seiner Standespflichten bewußt sein müsse, um seine schwer zu begrenzende Berufsfreiheit nicht zu mißbrauchen.
So heißt es in der Schrift „Der Arzt“ anfangs: „In Bezug auf seine Geistesverfassung muß er auf folgendes achten. Er muß nicht allein zur rechten Zeit zu schweigen verstehen, sondern auch ein wohlgeordnetes Leben führen; denn das trägt viel zu seinem guten Rufe bei. Seine Gesinnung sei die eines Ehrenmannes, und als solcher zeige er sich gegenüber allen ehrwürdigen Menschen freundlich und von billiger Gesinnungsart. Denn Ueberstürzung und Voreiligkeit liebt man auch dann nicht, wenn sie von Nutzen wären. ... Was seine Haltung angeht, so zeige er ein verständiges Gesicht und schaue nicht verdrießlich drein, weil das anmaßend und misanthropisch aussehen würde. Wer anderseits gern lacht und allzu heiter ist, fällt einem zur Last, wovon man sich am meisten zu hüten hat. ... Der Arzt aber hat nicht wenige Beziehungen zu seinen Patienten, geben sich diese doch den Aerzten ganz in die Hand und kommen jene doch zu jeder Stunde mit Frauen, jungen Damen und Gegenständen von höchstem Werte in Berührung. In allen diesen Fällen muß man sich zusammenzunehmen wissen.“ In der Schrift „Ueber den Anstand“ wird das Hineintragen der Philosophie in die Medizin empfohlen, „denn ein Arzt, der zugleich Philosoph ist, steht den Göttern gleich“. In diesen Worten, die leicht zu Mißverständnissen Anlaß geben könnten, ist unter Philosophie nicht etwa die Spekulation, sondern im sokratischen Sinne vornehmlich die Ethik verstanden, wie aus dem folgenden hervorgeht: „Ist doch kein großer Unterschied zwischen beiden, weil die Eigenschaften der Philosophie auch sämtlich in der Medizin enthalten sind: Uneigennützigkeit, Rücksichtnahme, Schamhaftigkeit, würdevolles Wesen, Achtung, Urteil, Ruhe, Entschiedenheit, Reinlichkeit, Sprechen in Sentenzen, Kenntnis des zum Leben Nützlichen und Notwendigen, Abscheu vor Schlechtigkeit, Freisein von Aberglauben, göttliche Ergebenheit.“ ... „Beim Eintreten aber erinnere man sich an die Art des Niedersitzens, an die würdevolle Haltung, an die gute Kleidung, an den Ernst, an die knappe Sprache, an die Kaltblütigkeit beim Handeln, an die sorgfältige Wartung des Patienten, an die Fürsorge, an die Antwort auf die erhobenen Widersprüche, an die Zurückweisung von Störungen, an die Bereitwilligkeit zu Hilfeleistungen.“ ... „Man mache häufig Krankenbesuche, untersuche genau, indem man dabei Täuschungen bei den Veränderungen entgegentritt.“ — Die „Vorschriften“ empfehlen unter anderem: „Wenn man von dem Honorare anfängt — denn das hat ja einen gewissen Bezug auf das Ganze —, so wird man bei dem Patienten die Vorstellung erwecken, daß man ihn, wenn es nicht zur Vereinbarung kommt, im Stiche lassen und davongehen oder aber daß man ihn vernachlässigen und im Augenblicke keine Ratschläge erteilen wolle.“ ... „Besser ist es, denen, welche davongekommen sind, Vorwürfe zu machen, als diejenigen, welche in Gefahr schweben, im voraus gehörig anzufahren.“ ... „Ich rate, daß man in der Härte nicht zu weit gehe, sondern auf das Vermögen und Einkommen Rücksicht nehme.“ ... „Es hat nichts Ungehöriges an sich, wenn ein Arzt, der sich im Augenblicke bezüglich eines Patienten in Verlegenheit befindet und infolge seiner nicht genügenden Erfahrung nicht klar sieht, auch andere Aerzte zur Konsultation hinzuzieht. ... Niemals sollen die zu einer gemeinsamen Beratung zusammentretenden Aerzte miteinander zanken oder sich gegenseitig lächerlich zu machen suchen.“ ... „Zu vermeiden aber hat man auch den Luxus von Kopfbedeckungen, um Praxis zu bekommen, desgleichen kostbare Parfüms.“ ... „Beiseite zu lassen hat man den Gedanken an das Zurschaustellen der Anwendung von pomphaften Instrumenten und dergleichen.“ ... „Wenn man um der Menge willen eine öffentliche Vorlesung veranstalten will, so ist das kein sehr rühmliches Verlangen.“
Die hohe ethische Auffassung des ärztlichen Berufes wird bei Hippokrates zum Ausgangspunkt der sorgfältigsten Ausbildung, der genauesten Beobachtung am Krankenbette, der gewissenhaftesten Krankenbehandlung. Das Wohl des Kranken bildet den einzigen Zielpunkt des ärztlichen Denkens und Handelns. „Denn wo Liebe zum Menschen ist, da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden.“ In diesem erhabenen Satze, der in den „Vorschriften“ steht, findet das schöne Verhältnis der Ethik zum Intellektualismus wahrhaft charakteristischen Ausdruck. Ethische Momente sind es neben erkenntnistheoretischen, in denen beim echt hippokratischen Arzte der Glaube an die wahre Heilkunst und die ebenso wichtige Erkenntnis ihrer Grenzen wurzeln. Beide sind ganz besonders zu werten in einer Entwicklungsphase, welche durch Sophistik und Scharlatanerie sogar die Grundlagen der wissenschaftlichen Erkenntnis und das Vertrauen in die ärztliche Tätigkeit bedenklich ins Wanken gebracht hatte.
Was die ärztliche Ausbildung anlangt, so fordert das „Gesetz“: „natürliche Anlage, Schulung, einen geeigneten Ort, Unterweisung von Kindheit an, Arbeitslust und Zeit.“ Der bewußte Zusammenhang zwischen Ethik, Standeswürde und Praxis verrät sich auch darin, daß in den oben genannten deontologischen Schriften zugleich mit den ethischen Vorschriften zumeist auch gewisse zur therapeutischen Technik gehörige Kunstgriffe empfohlen werden. So heißt es in der Schrift „Ueber den Anstand“: „Man muß in der ärztlichen Kunst unter Beobachtung der nötigen Würde Sorge tragen für alles, was betrifft das Palpieren, das Einreiben, die Affusionen, die elegante Haltung der Hände, die Charpie, die Kompressen, die Verbände, die Folgen der Temperatur, die Purganzen, die Wunden und die Augenleiden, und zwar in diesen Fällen wieder muß man für das Spezielle Sorge tragen, damit einem die Instrumente, die Maschinen und das übrige Eisen in gutem Stande sei. ... Man hat aber auch auf die Lagerstätten zu achten, und zwar sowohl was die Jahreszeit, als auch was die Art der Lagerung angeht. Dieses alles soll man mit Ruhe und mit Geschick tun, indem man vor dem Patienten während der Hilfeleistung das meiste verbirgt. Was zu geschehen hat, soll man mit freundlicher und ruhiger Miene anordnen, dem Patienten, indem man sich von seinen eigenen Gedanken losmacht, bald mit Bitterkeit und ernster Miene Vorwürfe machen, bald ihm wieder mit Rücksicht und Aufmerksamkeit Trost zusprechen, indem man ihm nichts von dem, was kommen wird und ihn bedroht, verrät.“
Die Schrift „Ueber die Kunst“ ist eine noch jetzt passende Apologie der Medizin, welche mit treffenden Argumenten den sophistischen Widersachern begegnet und die unproduktive Skepsis widerlegt. Sehr richtig sagt der Autor, daß man von der Heilkunst nur fordern dürfe, was ihre Grenzen nicht übersteigt: „Denn wenn einer annimmt, daß eine Kunst oder die Natur, wo sie aufhört, es zu sein, solches vermöchte, so leidet der an einem eher an Wahnsinn als an Unwissenheit grenzenden Unverstande.“ Der Hippokratiker zieht übrigens aus der Kenntnis der Kunstgrenzen eine Konsequenz, die unser Empfinden befremdet, er nimmt davon Abstand, Unheilbaren Hilfe zu leisten. Die Medizin ist ihm nämlich die Kunst, „die Kranken von ihren Leiden gänzlich zu befreien, die schweren Anfälle der Krankheiten zu lindern und sich von der Behandlung derjenigen Personen fernzuhalten, welche von der Krankheit schon überwältigt sind, da man wohl weiß, daß hier die ärztliche Kunst nichts mehr vermag“.
Das zweite Erbgut, welches Hippokrates aus der Asklepiadenmedizin (Weihinschriften, Tempelarchive) für den freien Arzt herübernimmt, ist die mit der Ethik innerlich zusammenhängende — Tradition. Wie alle wahrhaft großen Aerzte ist auch Hippokrates weit davon entfernt, die Geschichte der Heilkunst zu verleugnen, die Arbeit der Vorgänger, auf deren Schultern jeder steht, in dünkelhafter Selbstüberschätzung zu mißachten, weil Irrtümer darin vorhanden sind. „Ich behaupte nicht,“ heißt es in der Schrift „Die alte Medizin“, „daß man die alte Heilkunde deshalb über Bord werfen soll, als ob sie gar nicht bestünde oder ihre Untersuchungen nicht richtig anstellte, wenn sie nicht in jeder Beziehung genau ist, sondern ich meine vielmehr, man müsse sie, weil sie durch ihre Betrachtungsweise der Wahrheit so nahe kommen konnte, weiter zu Rate ziehen und die Entdeckungen bewundern, die trotz vieler Unkenntnis gemacht wurden.“ Diese auch heute noch sehr beherzigenswerten Worte zeugen nicht bloß von der pietätvollen Gesinnung, die den Meister persönlich beseelte, sie enthalten auch geradezu einen Programmpunkt jener großartigen Aktion, mittels welcher der Hippokratismus die aus den Fugen gerissene Heilkunst des Zeitalters wieder ins Gleichgewicht brachte. Denn der Hauptschaden, welchen der naturphilosophische Spekulationsgeist mit seinen willkürlichen Deduktionen stiftete, lag eben darin, daß man die schon erworbenen Erfahrungskenntnisse leichtsinnig aufs Spiel setzte, wenn sie nicht ins System paßten, daß man die ungeschulte Empirie der alten Aerzte im Selbstgefühl der dialektischen Superiorität geringschätzig verwarf. Ein Denker, der in tiefster Einsicht den unvergänglichen Spruch münzte: „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick ist rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch, das Urteil ist schwierig“, ein Arzt, der denjenigen noch laut zu preisen bekennt, „der nur kleine Fehler macht“, erfaßte jede Einzelleistung, so groß sie auch sein mag, nur als Glied der langen Entwicklungskette und wußte, daß auch die anscheinend glänzendsten medizinischen Errungenschaften eines Zeitalters neben Fragmenten der Wahrheit eine Summe von Irrtümern enthalten, die erst der Zukunft zu verbessern gegönnt ist.
Hippokrates knüpft die zerrissenen Fäden wieder an die „alte“ Medizin — aber er geht nicht in ihr auf[23]. Er rettet den Kern von Tatsachen und entwickelt ihn zu etwas ganz Andersartigem, das sich zum Ueberkommenen verhält, wie die Reflexion zur Naivität. Den höchsten Zielen zugewendet und doch stets am Realen haftend, durchgärt den Erfahrungsstoff fermentartig ein Neues — die (hippokratische) Methode. Mögen die meisten der erhaltenen Schriften, mögen viele der Fortschritte im einzelnen nur fälschlich dem Hippokrates zugeschrieben werden, die charakteristische Forschungsmethode ist das Eigentum des großen Koers, und hier gewinnt er unbestreitbar dieselbe Bedeutung für die Medizin, wie Sokrates für die Philosophie, wie Thukydides für die Geschichtschreibung.
Hippokrates ist der erste, welcher die Medizin zur Selbständigkeit erhebt. Diese Selbständigkeit konnte nur durch eine Verzichtleistung begründet werden, indem sich die ärztliche Forschung in erster Linie auf das Heilen beschränkte und von allem absah, was nicht mit dem Verständnis des Krankheitsverlaufs und Heilprozesses in klarer Beziehung stand. Aehnlich, wie Sokrates die Philosophie durch Abtrennung von kosmologischer Spekulation und Beschränkung auf die Ethik zu praktischen Zielen führte, betont Hippokrates den ausschließlich praktischen Zweck alles ärztlichen Denkens und Forschens. Wurde nunmehr der Tatbestand der Krankheit und die Frage des Krankheitsausgangs in den Vordergrund gestellt, die Pathogenie dagegen nur so weit in den Blickpunkt gerückt, als die durchsichtigsten ätiologischen Faktoren in Betracht kommen, so war es ermöglicht, von den transzendenten Einflüssen, wie sie die Priestermedizin aufstellte, und ebenso von den phantastischen Ideen der Naturphilosophie über die Krankheitsentstehung loszukommen und somit die Heilkunst nicht nur von der Theurgie, sondern auch von der philosophischen Spekulation unabhängig zu machen.
Im Buche „Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit“ wird die Ansicht bekämpft, daß irgend eine Krankheit auf göttlicher Schickung beruhe; der Verfasser der Schrift „Von der heiligen Krankheit“ erklärt es als grundlos, eine Krankheit göttlicher als eine andere zu nennen, insofern alles durch die großen natürlichen Agentien hervorgebracht werde: „Alles ist göttlich und alles ist menschlich“. — Die Opposition gegen die vagen naturphilosophischen Spekulationen kommt namentlich im Buche „Die alte Medizin“ zur Geltung. Dort heißt es: „Ich meinerseits glaube, daß dasjenige, was dieser oder jener Sophist oder Arzt über die Natur gesagt oder geschrieben hat, sich weniger auf die ärztliche Kunst als auf die Malerei bezieht.“ Die Hypothesen von unsichtbaren und zweifelhaften Dingen werden zurückgewiesen, „denn wenn einer behaupten würde, er kenne die Beschaffenheit dieser Dinge, so wäre doch weder ihm noch seinen Zuhörern deutlich, ob das Gesagte wahr ist oder nicht, weil ja nichts vorhanden ist, auf das man sich, um Gewißheit zu erlangen, beziehen könnte“. Die Verwerfung unbeweisbarer Hypothesen erinnert lebhaft an den Philosophen Xenophanes (welcher ausruft: Volle Gewißheit über das Wesen der Götter und dessen, was ich die Gesamtnatur nenne, hat noch keiner erlangt und wird keiner jemals erlangen. Wenn es ihm auch noch so sehr gelänge, auf das Richtige zu treffen, er wüßte es doch nicht) und an Herodot (der bezüglich der Erklärung der Nilschwelle meint: Jener aber, der den Okeanos herbeizieht und so die Sache auf das Gebiet des Unergründlichen hinüberspielt, entzieht sich jeder Widerlegung). Es ergibt sich daraus, wie eine und dieselbe Welle des kritischen Geistes verschiedene Gefilde der griechischen Wissenschaft bespülte.
Mit der Erkenntnis von der Hinfälligkeit der naturphilosophischen Prämissen fällt auch die Methode der spekulativen Heilkunst, welche mittels Deduktion aus einer fiktiven Grundursache die Krankheiten ableitete und die Wirkung der Heilmittel aus dem Vorherrschen der Elementarqualitäten, des Warmen oder Kalten, des Trockenen oder Feuchten erklärte. An Stelle des deduktiven Verfahrens erhält bei Hippokrates die Empirie wieder den Wert, der ihr früher zukam, ja er erklärt es für unmöglich, auf einem anderen Wege als auf dem der Erfahrung Fortschritte in der Heilkunde zu erzielen. „Die ärztliche Kunst,“ meint der Verfasser der „alten Medizin“, „besitzt von alter Zeit her alles, ein Prinzip sowohl als auch die Methode, der zufolge die vielen schönen Entdeckungen in geraumer Zeit gemacht sind und auch das übrige noch entdeckt werden wird, wenn man befähigt und des bereits Entdeckten kundig von da ausgehend seine Forschungen anstellt.“
Knüpft sich aber an den Namen des großen Koers die Reaktion gegen leere Hypothesen und deren praktische Konsequenzen, so war er doch weit davon entfernt, zur rohen Zufallsempirie eines primitiven Zeitalters zurückzukehren, umsomehr, als schon seine Ahnen, die koischen Asklepiaden, die zahllosen Einzelerfahrungen durch das Band der Prognose verknüpften und in weitumspannender Generalisation die „Koischen Prognosen“ verfaßten. Die Tatsachenbeobachtung, die Sinneswahrnehmung ist ihm nur der Ausgangspunkt für eine Methode, welche den verallgemeinernden Denkprozeß durchaus nicht beiseite schiebt, sondern vielmehr gebieterisch erfordert. Die von Hippokrates auf die Fahne geschriebene Methode ist die von Tatsachen ausgehende, im ganzen Verlauf ihrer Beweisführung Tatsachen heranziehende, nach Gesetzen strebende — Induktion.
In den ersten Kapiteln der „Vorschriften“ sind die Grundsätze der hippokratischen Methode in lapidarer Fassung niedergelegt. Dort wird die τριβὴ μετὰ λόγου, d. h. also Praxis und Verstand, Sinnesempfindung und Geistesarbeit, denkende Beobachtung als Fundament alles medizinischen Handelns und Wissens hingestellt. „Der Sinn, zuvor affiziert und die Dinge dem Verstande vermittelnd, besitzt ein wirkliches Vorstellungsvermögen. Der Verstand aber, welcher oft Eindrücke aufnimmt, beobachtet das Wodurch, das Wann und das Wie, nimmt es in Verwahrung bei sich und erinnert sich so. Ich lobe die Ueberlegung, die von dem Ereignis ihren Ausgang nimmt und in methodischer Weise aus den Ereignissen ihren Schluß zieht. Denn wenn die Ueberlegung ihren Ausgang von den sich wirklich vollziehenden Ereignissen nimmt, befindet sie sich, wie man leicht erkennen kann, in der Herrschaft des Verstandes. ... Wenn die Ueberlegung jedoch nicht von einem tatsächlich vorhandenen Ausgangspunkt (d. h. von einer Sinneswahrnehmung), sondern von einer plausiblen Vorstellung ausgeht, so schafft sie oft eine schwierige und unangenehme Lage. ... Aus diesem Grunde muß man sich im allgemeinen an die Tatsachen halten und sich durchaus nicht wenig mit ihnen abgeben, wenn man sich jene leichte und unfehlbare Fertigkeit erwerben will, welche wir eben ‚ärztliche Kunstʻ nennen.“
Im IV. Kap. der Schrift „Ueber den Anstand“ heißt es: „Die Einbildung bringt nämlich vorzüglich in der ärztlichen Kunst denen, die sie haben, Verschuldung, denen aber, die davon Gebrauch machen, Verderben.“
Hippokrates, auf dessen Methode kein Geringerer als Platon an mehreren Stellen anspielt, begnügt sich nicht mit der allgemeinen Formulierung des Erkenntnisweges, sondern gibt direkte Vorschriften darüber, wie der Arzt im einzelnen Falle vorzugehen hat. Diese Vorschriften beziehen sich auf die Kritik, Anordnung und Zusammenfassung der Sinneswahrnehmungen, welche die Basis für die Urteilsbildung abgeben sollen. Im Buche „Die ärztliche Werkstätte“ wird gesagt, der Arzt solle, wenn er zum Kranken komme, zunächst das Aehnliche oder Unähnliche (gegenüber dem Zustand der Gesundheit) zu erkennen suchen, d. h. man sollte durch Beobachtung des Kranken vor allem ermitteln, durch welche Erscheinungen derselbe vom gesunden Zustand abweiche. Und hierbei sollten wieder zuerst die am leichtesten erkennbaren Erscheinungen Beachtung finden.
Bei akuten Krankheiten — heißt es im Prognosticon (Kap. II) — muß man zunächst das Gesicht des Patienten betrachten, ob es wie das von gesunden Personen, vorzüglich aber, ob es wie gewöhnlich aussieht. In diesem Falle stünde es nämlich am besten; würde es sich hingegen bezüglich seines Aussehens weit davon entfernen, so wäre die größte Gefahr vorhanden. Die Schrift „Ueber die Einrichtung der Gelenke“ (Kap. X) lehrt, man müsse, um die Luxation zu erkennen, den gesunden Teil mit dem kranken vergleichen.
Im Anschluß hieran hatte man durch möglichst viele, bis in die feinsten Einzelheiten vordringende Sinneswahrnehmungen nicht nur das kranke Organ, sondern das gesamte körperliche Verhalten des Kranken einer Prüfung zu unterziehen. So bewunderungswürdig aber die Feinheit solcher Beobachtungen war, das Wesen des Hippokratismus, „die Kunst“ (der Krankenbeobachtung) lag erst darin, daß man in jedem einzelnen Fall zu beurteilen verstand, welche Wahrnehmungen in ihrer Zusammenfassung für die Beurteilung des Krankheitszustands in prognostischer Hinsicht, sowie für den Zeitpunkt und die Art des therapeutischen Eingriffs Schlüsse zuließen. Es galt, Wesentliches vom Unwesentlichen im Symptomenkomplex zu trennen, die Beobachtungen nicht planlos zu häufen, sondern unter den Gesichtspunkt des Ganzen zu bringen. Daher werden die Verfasser der „Knidischen Sentenzen“ trotz ihrer Beobachtungen in der Einleitung zur „Diät bei akuten Krankheiten“ so heftig getadelt, weil sie sich in unwesentliche Einzelheiten verlieren, die Krankheiten nach zufälligen Merkmalen willkürlich klassifizieren, über der Analyse die Synthese vergessend, bei ihrer Betrachtung der Details nicht zum Blick über das Ganze kommen[24]. „Mir aber erscheint es angemessen,“ sagt der Tadler, „den Blick auf die ganze Kunst zu richten.“ Zwischen knidischer und hippokratischer Klinik waltet eben derselbe Gegensatz, der in der Geschichtschreibung des Herodot gegenüber derjenigen des Thukydides erkennbar ist. Bei ersterem handelt es sich mehr um Geschichten als um Geschichte, aus dem Mosaik der Schilderungen entsteht keine einheitliche Auffassung der Vorgänge, daher kein reales Bild der Schlachten, Kriegsoperationen, der Persönlichkeiten, wie dies bei Thukydides der Fall ist. Und hier treffen wir auf ein neues Grundelement des Hippokratismus, das eine ganze Reihe seiner Eigentümlichkeiten, sowohl in denkmethodischer als in therapeutischer Hinsicht aufklärt, auf den — Individualismus.
Wie als Ausfluß des Zeitgeistes die Persönlichkeit im Drama, in der Plastik und Malerei mehr und mehr hervortritt — vom Schauen erhob man sich zum Sehen, an Stelle der älteren Kunst, welche bloß auf Frontalität berechnet war, entwickelte sich der Sinn für die Tiefe —, wie Sokrates das Denken auf den Menschen selbst hinlenkte, wie bei Thukydides die Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt wird, so nimmt die hippokratische Medizin ihren Ausgang vom Subjekt des künstlerisch betrachtenden Arztes und findet ihren Zielpunkt nicht in der Mikrographie der Symptome, in spekulativ ersonnenen Krankheitsschemen, sondern im — kranken Individuum. Hippokrates verknüpft die idealistische und realistische Richtung, die Empirie und höchste Generalisation in einer Art des Individualismus, welche mit der individualistischen Willkür der sophistischen Aerzte seines Zeitalters nur den Namen gemein hat.
Jeder einzelne Krankheitsfall ist ihm Naturobjekt, welches mit allen Hilfsmitteln der Beobachtung unter Heranziehung der eigenen und fremden Erfahrung, unter Berücksichtigung der besonderen Eigentümlichkeiten und Beziehungen zur Gesamtnatur studiert werden muß. Frei von Schablone hat der hippokratische Arzt in jedem einzelnen Falle, je nach dem besonderen Tatbestande, im Hinblick auf den wahrscheinlichen Verlauf, sein therapeutisches Vorgehen einzurichten, den richtigen Zeitpunkt für sein Eingreifen zu wählen und niemals über lokal-pathologischen Zuständen den Gesamtzustand aus dem Auge zu lassen. Nicht so sehr die Krankheit als das kranke Individuum, weniger die Diagnose als die Prognose, nicht so sehr die naturwissenschaftliche Pathologie als das Heilen steht im Mittelpunkt seines Interesses. „Man muß ein bestimmtes Maß zu erlangen suchen; ein Maß aber, sei es ein Gewicht oder eine Zahl, die als Richtschnur dienen kann, wirst du nicht finden, keine andere als die körperliche Empfindung“ — sagt der Verfasser der „alten Medizin“, d. h. er bestreitet die Möglichkeit einer exakten Begründung der Medizin und sieht im Individualisieren das Wesen der Heilkunst. Weder Rezeptpraktiker noch theoretisierender Systematiker, wird der Arzt im Geiste des Hippokrates individualisierender Heilkünstler[25].
Aus der künstlerisch-individualisierenden Richtung erklären sich manche anscheinende Gegensätzlichkeiten, welche als Widersprüche nur dann zu Tage treten, wenn sie aus dem Zusammenhang herausgerissen, von anderem Standpunkt betrachtet werden. Dahin gehört zunächst die Tatsache, daß Hippokrates allen Scharfsinn bei der Untersuchung in Anspruch nimmt, ohne aber die überkommenen Krankheitsbilder schärfer zu sondern oder durch neue Beobachtungen zu mehren[26] — sucht er doch nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame der Krankheiten zu erkennen, um die Prognostik zu sichern. Ebenso wird es verständlich, weshalb Hippokrates weder bloß kausale noch bloß symptomatische Therapie einschlägt, zumeist nach dem Grundsatze Contraria contrariis vorgeht, aber auch in gewissen Fällen das Prinzip: Gleiches durch Gleiches (zu bekämpfen) nicht verschmäht, daß er bald mit heroischen Mitteln eingreift, bald zuwartend einer exspektativen Behandlung huldigt — ist doch das Verhalten des einzelnen Falles dafür entscheidend. Im Lichte der praktischen Tendenzen ist es auch bedeutungslos, daß die hippokratische Medizin die krankhaften Phänomene nicht über eine gewisse Grenze hinaus zergliedert, die Spekulation verwirft und doch von pathologischen Theorien, namentlich von der Säftelehre, ganz durchsetzt ist. Für den Koer war diese Theorie nicht das einzig ausschlaggebende, starre Prinzip, aus dem die Therapie einfach deduziert wurde, sondern ein zeitgemäßer Ausdruck empirischer Tatsachen, eine Hypothese von außerordentlichem heuristischen Werte, welche der naiven Betrachtung durch die verschiedenartigsten Erscheinungen im Krankheitsverlauf hinlänglich gestützt zu sein schien; hierdurch waren aber auch andere Hypothesen (Pneumalehre) nicht ganz ausgeschlossen. Dasselbe gilt auch für die Lehre von den kritischen Tagen, für die Lehre von den Wechselbeziehungen des Makrokosmus und Mikrokosmus u. a., wobei Hippokrates aus dem Wust von Aberglauben den Kern von Wahrheit ausschälte[27]. Nicht jeder seiner Schüler folgte ihm freilich auf diesem Wege der naturwissenschaftlichen Nüchternheit, ja manche wollten ihn in diesem oder jenem Punkte überbieten und fielen gerade in solche Irrtümer zurück[28], welche der Meister eben glücklich überwunden hatte, daher der verschiedene innere Wert der hippokratischen Schriften, von denen jede, aber manche sehr verzerrt, die Gedanken des göttlichen Greises widerspiegelt. Das Schicksal, nur von wenigen Jüngern verstanden zu werden, teilt Hippokrates mit allen bahnbrechenden Denkern! Nicht im Ideengebiet des Meisters, sondern zwischen einzelnen der hippokratischen Schriften klafft auch jener scheinbar fundamentale Widerspruch, der von vornherein darin besteht, daß Hippokrates die Medizin auf das Studium des kranken Lebens[29], auf das Heilgeschäft einengt, und anderseits den Blick auf die Wechselbeziehungen des Individuums zur Gesamtnatur richtet, daß er die Medizin von der damals rein spekulativen Naturforschung abzieht und doch das rationelle therapeutische Handeln von der gesamten Naturerkenntnis abhängig macht. Der Fehlschluß basiert nur auf der Verwechslung von deduktiver Naturphilosophie mit realer Naturforschung; erstere verwarf Hippokrates, letztere sollte sich nach seiner Meinung auf dem Felsgrunde der Erfahrung mit dem Gerüst der Induktion aufbauen. So wird es klar, wie der Verfasser der „alten Medizin“ die Philosophen, welche ohne Erfahrung die Einzelkenntnisse aus der Gesamtauffassung der Natur deduzieren, verspotten darf, und wie doch wiederum, ebenfalls im Sinne des Koers, gerade in dem Meisterwerke „Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit“ sogar der „Astronomie“ eine wesentliche Bedeutung für die ärztliche Kunst zugeschrieben ist[30], wie in der Schrift „Ueber die Natur des Menschen“ die Kenntnis der Körperbeschaffenheit zur Basis der Medizin gemacht wird und doch wiederum diejenigen Tadel finden, die „in der Erörterung über die menschliche Natur weitergehen, als sie zur ärztlichen Kunst in Beziehung steht“. Denn das Ideal, welches dem Hippokrates als höchstes vorschwebt, die individualistische Behandlung im wahrsten Sinne des Wortes, steht am Ende eines Weges, der gerade mit der Auffassung des Individuums als eines Stückes der Gesamtnatur parallel läuft, oder wie Platons Phaidros mit Berufung auf die hippokratische Denkmethodik sagt, nicht betreten werden kann: ἄνευ τῆς τοῦ ὅλου φύσεως.
Naturerkenntnis ist dem Hippokrates vorwiegend das Verständnis der Natur des Menschen im gesunden und kranken Zustande, in ihren Beziehungen zur Außenwelt. Die spärlichen anatomischen Tatsachen, die spekulative Physiologie der Naturphilosophen erschienen ihm mit Recht als ungenügende Grundlage, er konnte sie entbehren, da er rein praktische Tendenzen (die Heilung) verfolgte und sich für diese die Natur am Krankenbette hinreichend offenbarte, wenn man zu sehen verstand. Wie die Griechen ohne anatomisches Wissen im heutigen Sinne auf Grund ihrer Beobachtungen in Gymnasien und Athletenschulen ihren Kanon formulieren konnten, so erblickte das Künstlerauge des Hippokrates im Wirrsal der klinischen Erscheinungen, trotz mangelnder Erfassung der tieferen Zusammenhänge im einzelnen, das ordnende Gesetz, welches die krankhaften Symptome zum Ausdruck der Reaktion auf krankhafte Reize gestaltet. Ihm waren die klinischen Phänomene, namentlich das Fieber, nichts anderes als reaktive Erscheinungen, als Vorgänge, welche die Heilung anbahnen. Der Inbegriff der den einzelnen Individuen verliehenen Fähigkeit, je nach dem Maße der Energie ihrer lebendigen Kräfte krankhafte Zustände auszugleichen, ist die Physis. „Die Naturen sind die Aerzte der Krankheiten“ — „Νούσων φύσεις ἰητροί“[31]. Den ersten Lichtblick dieser Erkenntnis mag der Asklepiadensprößling vielleicht gerade aus der kritischen Vergleichung der Weihinschriften empfangen haben; ließen doch die Wunder des Asklepios, in Anbetracht der mannigfachen und häufig absurden Heilarten, das Walten eines großen, gemeinschaftlichen Heilfaktors ahnen — der Natur. Daran gemahnt die fast priesterliche Ehrfurcht, welche Hippokrates der Physis entgegenbringt, die in seiner Anschauung an Stelle des Heilgottes getreten ist; darauf deutet auch, daß sich Hippokrates nicht als Meister, sondern als Diener der Natur betrachtet. Gegründet konnte diese Erkenntnis aber erst werden durch eine reiche Beobachtung, durch eine Fülle von Krankheitsbildern, in denen die Heiltätigkeit der Natur zum Vorschein kam, ohne daß der Blick durch die herkömmliche Polypragmasie getrübt wurde. Solche Bilder finden sich namentlich im ersten und dritten Buche der „Epidemischen Krankheiten“, Schriften, welche geradezu als Tagebücher der Natur bezeichnet werden können.
Die erfahrungsmäßig erworbene Erkenntnis, daß die Natur viele Affektionen zur Heilung bringt, ohne aktives Eingreifen von Seite des Arztes, daß im Grunde jede Kunstheilung nur mittels der zielbewußten Inanspruchnahme der natürlichen Kräfte zu stande kommt — eine Lehre, die sich gerade im Lichte der neuesten Medizin bewahrheitet —, führte den Meister nicht zur Leugnung des medizinischen Könnens, zum therapeutischen Skeptizismus oder Nihilismus, sondern zur scharfen Begrenzung der ärztlichen Wirkungssphäre. Wie Sokrates überwindet auch der Koer die Skepsis durch positive, produktive Kritik. Die Physis, im Sinne des Hippokrates, handelt nämlich nicht planmäßig, nicht nach bewußten Zwecken, wenn ihre Aeußerungen in der Regel auch zweckmäßig für die Restitution des Organismus werden. Wie jede Naturkraft bedarf sie einer Anregung, Zügelung oder Lenkung in bestimmte Bahnen, denn nur zu häufig wird die Erhaltung des Organismus durch zu stürmische oder zu schwache oder durch solche Reaktionserscheinungen in Frage gezogen, welche an einem ungeeigneten Orte stattfinden. Sache des denkenden Arztes ist es daher, den Verlauf zu beobachten und im rechten Zeitpunkte in den Gang der Ereignisse nach Möglichkeit hemmend, bahnend oder Richtung gebend einzugreifen. Im Banne der Anschauungen seiner Zeit versteht Hippokrates darunter besonders die Beförderung und Mäßigung der Ausscheidung der kranken Säfte bezw. die Unterdrückung ihres Durchbruchs an gefährlichen Stellen, die Grundsätze gelten aber für jede pathologische Auffassungsweise. Die Therapie des Hippokrates ist daher beobachtend (auf die natürlichen Heilvorgänge gerichtet) und je nach den Vorgängen im Einzelfalle mehr oder minder eingreifend, vor allem aber zielt sie dahin, die Kräfte des kranken Individuums zu erhalten. Letzterem Zwecke dient vornehmlich die Steigerung, Beschränkung und richtige Auswahl der Nahrungsaufnahme — die individualisierte Diät.
So steht Hippokrates an der Grenze zweier Weltalter, in der grauesten Vergangenheit wurzelnd und doch noch für die jüngste Gegenwart Ziel und Richtung gebend, ein leuchtendes Muster der Menschenliebe und Berufstreue, ein Wahrheitssucher mit dem Vollbewußtsein der Unzulänglichkeit. Aus einer gärenden Zeit herausgeboren, überwand er die Zeit und übt noch über die reifsten Alter des Menschengeschlechts eine wunderbar ungebrochene Macht aus, durch seine nüchterne Beobachtung, durch seine weitblickende Methode, durch seine der Natur abgelauschten therapeutischen Grundsätze, welche keinem Fortschritt hinderlich entgegenstehen und unübertroffen bleiben. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Von allen bewundert, von wenigen wahrhaft verstanden, von vielen nachgeahmt, von keinem erreicht, wurde er der Meister der Heilkunst aller Zeiten!