Krankheiten der Respirationsorgane.
Nasenleiden: Die Auffassung des Katarrhs entspringt der Lehre, wonach das Gehirn die Quelle des Schleims darstellt. Andeutung oder Erwähnung finden: Anosmie, Geschwüre und Polypen (chirurgische Therapie), Ozäna und Epistaxis (Therapie, Kälteapplikation auf die Stirne, Tamponade mit dem Schwamm, Schröpfköpfe in die Leber- oder Milzgegend). Die Beziehung des Nasenblutens zu Allgemeinleiden war bekannt. Kehlkopfleiden: Galen weiß, daß Aphonie und Veränderungen der Stimme sowohl durch Traumen (Läsionen des Gehirns, Rückenmarks, Thorax, Abdomens) als durch Lokalaffektionen des Kehlkopfes erzeugt werden können. Fremdkörper im Kehlkopf oder Trockenheit der Schleimhaut rufen durch ihren Reiz Husten hervor. Beschrieben werden Geschwüre des Larynx (oberflächliche und tiefe; sie sind nur wenig schmerzhaft), Laryngitiden, Ermüdung der Stimmbänder etc. Die Kynanche unterscheide sich von der Synanche, daß erstere das Innere des Larynx befalle und daher sehr gefährlich sei, während letztere im Schlundkopfe ihren Sitz habe[24]. In der Therapie kamen verschmierende (Gummi, Amylum, Milch, Eier u. a.), reinigende (expektorierende) und adstringierende Mittel, „Hypoglottides“ (kleine bohnenförmige Ballen, die unter die Zunge gelegt wurden, dort sich langsam verflüssigten und heruntergeschluckt wurden), zur Anwendung; außerdem diätetisches Regime, Bäder, Luftkurorte; bei entzündlichen Affektionen die Venäsektion. Lungenkrankheiten: Die Therapie der akuten Bronchitis bestand in der Darreichung von Honig (zur Erleichterung der Expektoration) und Opium mit gekochtem Weinmost; beim chronischen Katarrh verordnete Galen leichteren Wein, Narkotika, verbunden mit Pfeffer, Galbanum, besonders aber Marrubium vulgare. Weit schärfer als die Vorgänger trennte er die Pneumonie von der Pleuritis und bezeichnete als differentialdiagnostische Kennzeichen der ersteren: die größere Atemnot und die blutigen Sputa. Die Pleuritis wird definiert als νόσημα τοῦ τὰς πλευρὰς ὑποζωκότος ὑμἑνος oder als φλεγμονή dieser Membran.
Bei der Pneumonie ist auf das verschiedene Aussehen der Sputa in den einzelnen Stadien der Krankheit, auf den Puls und die Atmung zu achten. Die Beschaffenheit des Sputums zeigt an, welcher Humor durch seinen Zufluß die Entzündung erregt, ein ungünstiges Vorzeichen bildet der grüne, schwarze oder übelriechende Auswurf. Der Puls ist groß, wellenförmig, sehr frequent, zuweilen kaum fühlbar, unregelmäßig und doppelschlägig, sehr gefährlich ist der Pulsus intercurrens. Die Respiration ist beschleunigt, vermehrt und flach, je mehr die Atemwege verstopft sind, desto mehr steigt die Atemnot. Bei der Pleuritis haben die Schmerzen einen stechenden Charakter, der Puls ist rasch, häufig, mittelgroß, heftig, sehr hart und sägend, die Arterien sind gespannt und hart. Um Verwechslungen mit Leberleiden vorzubeugen, habe man auf das Verhalten des Stuhlganges, der bei letzteren charakteristische Veränderungen zeige, Rücksicht zu nehmen. Die Behandlung beider Affektionen ist im wesentlichen die gleiche, nebst warmen Umschlägen spielen der Aderlaß (an der Armvene der kranken Seite, so lange, bis das Blut eine lebhafte Röte zeigt) und Purganzen (meist Koloquinthen und Helleborus) die Hauptrolle. Bei (prognostisch ungünstigem) Durchfall sind Opium, Hyosciamus und Diuretika zu geben; nach den Ausleerungen Honigwasser, Ptisanen, leichte Kost und Wein, namentlich bei spärlichem Auswurf. Die Diagnostik und Therapie des Empyems (Eiteransammlung im Raume zwischen Lunge und Brustwand) ist bei Galen nicht so ausführlich wie bei Hippokrates geschildert (nach Galen schwand die Neigung zur operativen Behandlung des E. immer mehr). Von der Lungenschwindsucht unterschied der Pergamener eine entzündliche, ulzerative und eine schleichende Form. Die φὑματα, von denen er im Anschluß an Hippokrates mehrmals spricht, bedeuten nicht Tuberkel, sondern Geschwüre, Eiterherde der Lunge. Als ätiologische Momente der entzündlichen Form gelten mechanische Läsionen; Zerrungen des Lungengewebes (auf die Läsion folge nämlich Entzündung und Ulzeration), anhaltender Husten und besonders Hämoptoë werden als vornehmste Ursachen der Phthise erwähnt. Die Blutung kommt zu stande: 1. durch Ruptur der Gefäße (infolge Einwirkung mechanischer Gewalt, Schlag, Fall, Heben schwerer Gegenstände, lautes Schreien u. a.), 2. durch Erosionen der Gefäßwände (dabei gingen schon andere Symptome lange vorher, wie z. B. Auswurf infolge des Zuflusses scharfer Stoffe nach der Lunge), 3. durch die Atonie der Gefäßwände (veranlaßt durch warme Bäder, heiße Speisen etc.), wobei die „Anastomosen“ die Blutflüssigkeit hindurchtreten lassen (in diesem Falle ist die Blutung sehr geringfügig). Differentialdiagnostisch gegenüber der Hämatemesis sei festzuhalten, daß erbrochenes Blut dunkel gefärbt sei und ohne Husten entleert werde, während das aus der Lunge stammende Blut hell und schaumig aussehe und unter Husten expektoriert werde. Sind Zerreißungen der Gefäße Ursache der Hämoptoë, so sei bei jungen Patienten die Venäsektion vorzunehmen, jedoch nicht bei heißem Wetter oder in den Fällen, wo der Kranke an Gallenüberfluß leidet. Sonst werden empfohlen: das Binden der Glieder, Einreibungen, diätetisches Regime (Gerstenwasser, Obst, ruhiges Verhalten), Theriak, sowohl um die Sekretion zu beschränken, als um Schlaf zu bewirken. Die schleichende Form der Phthise entstehe durch Verderbnis der Säfte. Der Puls ist klein, schwach, weich, mäßig, rasch und „hektisch“. Prognostisch ungünstig seien salzig schmeckende Sputa, Durchfälle und Haarausfall. Die Therapie besteht in leicht verdaulicher, kräftiger Nahrung, fortgesetztem Milchgenuß, Behebung der Obstipation (Honig oder Salz), und eventuell in der Anwendung verschiedener meist balsamischer und austrocknend wirkender Medikamente (Myrrhe, Terpentin, armenischer Bolus) oder Antidota (z. B. Fuchslunge). Das vorzüglichste Heilmittel ist aber nach Galen Luftveränderung (Land-, Seereisen), der Aufenthalt in trockenen, hoch gelegenen Orten Aegyptens und Libyens (Gebirgsaufenthalt, Höhenlufttherapie). Besonderen Rufs als klimatischer Kurort erfreute sich das südlich vom Vesuv, am Meerbusen zwischen Sorrent und Neapel gelegene Tabiä, dessen Vorzüge Galen ausführlich schildert und durch Mitteilung von Krankengeschichten Schwindsüchtiger zu beweisen sucht. — Bemerkenswerterweise kennt Galen die Ansteckungsgefahr der Phthise[25], denn er sagt: „Bei Phthisikern bestehen faulige Aushauchungen im Zimmer, das sie bewohnen, und fötider Geruch. Erfahrungsgemäß verfallen diejenigen in Phthisis, welche mit Phthisikern zusammen im Bette schlafen, lange zusammen wohnen, mit ihnen essen und trinken oder deren Kleider und Wäsche gebrauchen, bevor deren Schädlichkeit beseitigt worden ist.“
Gegen „Herzklopfen“ empfahl Galen Blutentziehung und strenge Diät.
Krankheiten des Digestionsapparates. Was zunächst die Erklärung der Symptomatologie anlangt, so findet sich bei Galen folgendes: Der Appetitmangel sei darauf zurückzuführen, daß unverdaute Substanzen, gallige Säfte oder Schleim im Magen vorhanden sind, oder daß dessen Funktionen geschwächt sind; das Hungergefühl beruhe auf Kälte und Trockenheit und habe seinen Sitz im „Magenmunde“ (der Ausdruck Kardia oder Stomachos bedeutet die Speiseröhre; man hielt den „Magenmund“ für sehr reich an Empfindungsnerven und daher für den Ausgangspunkt vieler krankhafter Zustände); der Heißhunger entstehe, wenn sauere, kranke Säfte den Magen reizen, wenn sich die genossenen Speisen zu rasch im Körper verteilen, namentlich aber unter dem Einflusse äußerer Kälte oder kalter Dyskrasien, wodurch sich die innere Haut des Magens zusammenziehe; auch der Durst sitze im „Magenmunde“ und sei insbesondere vermehrt, wenn gallige oder salzige Stoffe den Magen füllen (unter anderem sollen kalte Bäder den übermäßigen Durst stillen). Uebelkeit oder Brechreiz, welche ebenfalls vom „Magenmund“ ausgelöst werden, führen nicht immer zum Erbrechen; Uebelkeit ist der mißlungene, Erbrechen der vollendete Versuch der Natur, den Magen von schädlichen Dingen zu reinigen. Letzteres komme durch die „austreibende“ Kraft zu stande. Uebelkeit wird hervorgerufen, wenn die Galle im Magen vorherrscht und der Magenmund eine bittere Beschaffenheit annimmt, das Erbrechen, wenn der Magen geschwächt ist und sein oberer Teil durch die Menge oder Unverdaulichkeit der Speisen gereizt wird. Brechreiz oder Erbrechen kommen nicht nur bei Magenleiden, Unterleibsaffektionen, lange anhaltender Verstopfung, sondern auch z. B. bei plötzlichem Schreck, bei Geisteskrankheiten, bei Verletzung des Gehirns und seiner Häute u. s. w. vor, sie begleiten die Seekrankheit. Auch das Erbrechen Neugeborener erwähnt Galen. Die erbrochenen Massen haben verschiedene Beschaffenheit, zuweilen gleichen sie geronnenem schwarzen Blute. Singultus, woran besonders Kinder leiden, entstehe durch Völle oder Leere des Magens, oder wenn ihn scharfe, heiße Säfte füllen, namentlich auch durch Erkältung des Magenmundes, er ist eine krampfartige Affektion des Magenmundes; außer durch Gelegenheitsursachen kann er auch durch Entzündung der Bauchorgane (Druck auf den Magen) bedingt sein, eines der empfohlenen Gegenmittel bestand im Zurückhalten des Atems. Dyspepsie behandelte Galen mit Brechmitteln, Bedeckung des Kopfes und der Magengegend mit heißen Tüchern, vierundzwanzigstündigem Fasten, unter Umständen kalten Umschlägen auf die Magengegend, kaltem Getränk, Eis; gegen heftiges Erbrechen dienten vegetabilische Adstringentien, endlich Opium mit aromatischen Mitteln. Der von den antiken medizinischen Autoren häufig genannte „Morbus cardiacus“ — wahrscheinlich eine Neurose — wird von Galen als eine vom Magen ausgehende akute Krankheit aufgefaßt. Unter den Darmleiden werden Katarrhe, Kolik, Darmverschlingung, Dysenterie, Cholera (nostras), Eingeweideparasiten ausführlich besprochen. Der Kolik — deren Bezeichnung Galen für unpassend erklärt, weil sie nicht bloß vom Kolon, sondern von den verschiedenen Gegenden des Unterleibs ihren Ursprung nehmen könne — gehen häufig dyspeptische Beschwerden, Uebelkeit, Erbrechen u. a. voraus, sie verläuft ohne Fieber, ist häufig mit Verstopfung und Erbrechen, bisweilen auch mit Atembeschwerden, Frost und Schweißausbruch verbunden, sie steigert sich manchmal bis zu Ohnmachten. Die Dauer des Anfalls kann selbst zwei Tage betragen; nicht selten kommen Verwechslungen mit anderen Leiden, z. B. mit Nierenaffektionen, vor, für welch letztere der Abgang von Nierensteinen durch den Urin ein differentialdiagnostisches Moment darstellt. Die Darmverschlingung erklärt Galen meistenteils aus entzündlichen oder skirrhösen Prozessen, Abszessen u. s. w. des Darms; die Entstehung durch zähe und dicke Säfte hält er für unmöglich. Das Wesen der eigentlichen Ruhr sucht er in Darmgeschwüren, doch gebe es herkömmlich auch als Ruhr bezeichnete Formen, die sich durch Darmblutung ohne Geschwüre charakterisieren. Witterungs- und Temperatureinflüsse (Frühling, Sommer, außerdem der Genuß von Wasser aus bronzenen Leitungsröhren) haben große Bedeutung für das Auftreten der Dysenterie, die Darmgeschwüre entstünden auch, wenn die innere Fläche des Darmes durch verdorbene Säfte angeätzt und angefressen werde; haben die Stuhlgänge das Aussehen von Eiterjauche, so weise dies auf die Existenz von Krebsgeschwüren. Heilmittel sind Austernschalen, Hirschhorn, Opium, Galläpfel, Klysmen. Die Cholera charakterisiert sich durch den höchst akuten Charakter, die Wadenkrämpfe, den fadenförmigen Puls, im späteren Verlauf treten Ohnmachten auf. Die Eingeweidewürmer bilden sich im menschlichen Körper unter dem Einfluß der Wärme aus faulenden Massen. — Ikterus ist die Folge von Verstopfung der Gallenwege, Entzündung oder Geschwülsten, er ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Tritt er im Verlauf einer Krankheit als kritisches Zeichen auf, so besteht die Therapie in warmen Bädern und Friktionen; als örtliches Leiden wird er mit Abführ-, Schwitz-, harntreibenden Mitteln behandelt. Die Leber, sagt Galen, neigt wegen ihrer Struktur und physiologischen Tätigkeit besonders zu Verstopfungen, namentlich wenn ihre Gefäße ziemlich enge sind. Genuß unverdaulicher Speisen, rohe Säfte u. a. bilden ätiologische Momente. Leberentzündungen auf der konvexen Seite ziehen mehr das Respirationssystem, solche der konkaven Seite die Verdauungsorgane in Mitleidenschaft; zu den Symptomen zählt auch der Singultus. Bei „Milzleiden“ dienen Squilla und Kappernwurzel als wichtigste Heilstoffe, weil sie die dicken und schleimigen Stoffe mit dem Urin entleeren. — Anasarka werden durch den Ueberfluß an kalten und feuchten oder verdorbenen Stoffen hervorgerufen, welche eine Verflüssigung des Fleisches bewirken; Hydrops entstehe durch Affektionen der Leber, Milz, der Nieren, der Lunge, Gedärme, durch zurückgehaltene Menses und Hämorrhoiden. Dadurch, daß die Wasseransammlung auf das Zwerchfell drückt und sekundär die Lunge zusammenpreßt, treten bei Ascites Respirationsstörungen (Atmung flach, frequent) und Husten auf; der Puls ist beim Ascites klein, frequent, ziemlich hart und etwas gespannt, bei Anasarka wellig, breiter und weicher.
Krankheiten des Urogenitalsystems. Die erschwerte Harnsekretion zeigt drei Intensitätsgrade: Dysurie ist die leichteste Form, Strangurie besteht, wenn der Harn nur tropfenweise, Ischurie, wenn er gar nicht nach außen gelangt; die Ursache liegt in der Verstopfung der Harnwege (durch zu dicken Urin, geronnene Blutmassen, steinige Konkremente), in der Entzündung oder Lähmung der Blase (infolge von Dyskrasien oder pathologischen Neubildungen), oder in der Schärfe des Urins (infolge von Blutsveränderungen oder Nierenaffektionen). Dysurie kommt auch, ohne daß die Harnorgane selbst erkrankt sind, vor. Wenn die Harnretention lange dauert, rät Galen zur Entleerung durch den S-förmig gewundenen Katheter. Nierenentzündungen seien oft langwierige Leiden, ja sie könnten das ganze Leben hindurch andauern. Nierensteine entstünden ebenso wie die gichtischen Ablagerungen in den Gelenken, Blasensteine sollen hauptsächlich bei Kindern (namentlich Knaben) vorkommen (infolgedessen dehne sich der Penis aus); Blasensteine sind manchmal wie angewachsen. Die Therapie der Harnsteine und Gicht erfordert den Gebrauch von Eselsmilch, von Wein mit Honig als Diuretikum, ferner die Arzneimittel: Myrrhe, Petersilie, Kümmel, Ammoniakum, das Pulver, welches sich in den Meerschwämmen vorfindet. Gegen Hämaturie wirkt Alaun, gegen Ischurie Apium. Blasenkrätze (Psora) hieß ein Zustand, bei dem der Harn eine dicke, zähe Beschaffenheit hat und kleienartige Schüppchen enthält (chronische Cystitis). Nierenkolik könne leicht mit Darmkolik verwechselt werden, doch diene der Nutzen der Abführmittel als Anhaltspunkt. Galen führte den Diabetes, dessen Wesen nur in der Polyurie vermutet wurde, auf eine Auflockerung der Nieren zurück. — Der Terminus „Gonorrhoea“ bedeutet unwillkürliche Samenergießungen; je nachdem dieselben mit Erektion verbunden sind oder nicht, handle es sich um Reiz- oder Lähmungserscheinungen. Satyriasis oder Priapismus ist die dauernde Anschwellung und Vergrößerung des Penis.
Dyskrasieen und Kachexieen. Was die Gicht anlangt, so glaubte Galen, daß sie durch dicke und verdorbene Säfte erzeugt wird, oft auch vererbt ist; die Gichtknoten seien die Folge einer (durch die Wärme veranlaßten) Austrocknung der dicken Säfte; Diarrhöen und auch Varices üben manchmal einen günstigen Einfluß auf den Ablauf der Krankheit aus. Blutentleerung und Abführmittel (besonders im Frühjahr) wirken prophylaktisch, eignen sich aber nur für Plethorische. Bei Gichtanfällen sind reizende, blasenziehende Umschläge, mit Narkoticis, nachher auflösende Pflaster (Emplastron diachylon des Menekrates vergl. S. 323) anzuwenden. Rheumatische Affektionen sondert Galen sorgfältig von der Arthritis. — Den Krebs betrachtete Galen als parasitisches Wesen.
Nervenleiden[26]. Selbstverständlich werden von Galen jene Affektionen, die in krankhafter Beschaffenheit des Nervensystems ihre Ursache haben, nur zum Teile auf dasselbe zurückgeführt. — Kopfschmerz wird durch Säfteanomalien, aber auch durch starke Gerüche, den Genuß ungesunden Wassers oder durch das Eindringen von Luft in die Venen hervorgerufen. Die chronische Form des Kopfschmerzes hieß bei den Alten Cephalaea. Die Hemikranie kann primär oder aber sekundär durch Unterleibsaffektionen bedingt sein, indem kranke Säfte und Gase durch die Gefäße nach dem Kopfe gelangen, der Schmerz selbst entstehe in den Hirnventrikeln. Schwindel ist gewöhnlich cerebralen Ursprungs, könne aber auch vom Magenmund ausgelöst werden, wenn die δὑναμις ζωτική in Mitleidenschaft gezogen werde. Apoplexie, d. h. die mit Aufhebung des Bewußtseins verknüpfte totale Bewegungs- und Empfindungslosigkeit beruhe auf Plethora und Schleimanhäufung im Gehirn, sitze in den Hirnventrikeln und in der Hirnsubstanz. Lähmung der Respirationsorgane führt den Tod herbei. Nach dem eigentlichen Ablauf der „Apoplexie“ zurückbleibende Lähmungen werden als Paraplegien bezeichnet. Hemiplegien (das Gesetz der Kreuzung ist Galen natürlich bekannt, vergl. Aretaios, Rhuphos) und Gesichtslähmungen deuten auf den Krankheitssitz im Gehirn, alle übrigen Lähmungen auf Erkrankungen des Rückenmarks oder der Nerven. Spinale Lähmungen erfolgen durch Verletzung oder durch „Phymata“ des Rückenmarks. Krämpfe werden durch Anämie oder Plethora des Zentralnervensystems erregt. Die Facialislähmung wurde als „Spasmus cynicus“ aufgefaßt. Epilepsie gehe aus der Verstopfung der Gehirnhöhlen mit Schleim oder dem schwarzgalligen Saft hervor; ihren Namen Krankheit des Herakles habe sie wegen der Gewalt des Leidens, „Krankheit der Kinder“ hieß sie, weil die Epilepsie im Kindesalter besonders häufig vorkomme. Die Behandlung bestand in der Vornahme der Venäsektion am Fuße (namentlich im Frühling), in der Darreichung des Theriaks und in diätetischen Maßnahmen. Eine eigene Abhandlung Galens handelt über die verschiedenen Formen des Zitterns.
Psychosen. In der Pathologie der Alten spielten als Krankheitstypen die „Phrenitis“, der „Lethargos“ und die „Typhomanie“ eine Rolle; dieselben entsprechen keinen bestimmten Krankheiten, sondern im Verlaufe von Krankheiten vorkommenden psychischen Anomalien. Phrenitis bedeutet wohl einen fieberhaften, mit Delirien verbundenen Zustand geistiger Aufregung, der symptomatisch eine Teilerscheinung verschiedener Krankheiten bilden kann. Galen hebt als Kennzeichen Bewußtseinsstörung, Hitze der Haut, Fieber, Trockenheit, Krämpfe, Diarrhöen, Erbrechen, Respirationsstörung hervor und gibt an, daß der Puls meist klein, mäßig hart, sehnig, häufig und beschleunigt, zuweilen gleichsam zitternd sei. Sitz der Krankheit seien das Gehirn und besonders dessen Häute, die durch den Zufluß galligen Blutes erhitzt werden. Therapie: Aderlaß, kühlende Umschläge, kalte Uebergießungen. Der Lethargus wird ebenfalls in den Gehirnhäuten lokalisiert, nur gilt bei ihm fauliger Schleim als auslösender Reiz. Galen schildert diese Krankheit als rasch verlaufend und sehr gefährlich, charakteristisch sei das Darniederliegen der geistigen Tätigkeit, die Somnolenz. Der Puls sei groß, undeutlich, weich, etwas verlangsamt, selten intermittierend und bisweilen doppelschlägig. Lethargus und Phrenitis stehen in einer Wechselbeziehung, insofern die Schlafsucht der Phrenitis vorausgeht oder dieselbe in ihrem Verlauf ablöst. Lethargus dürfte somit ganz allgemein einen akut fieberhaften Zustand mit hochgradiger Schwäche und Somnolenz bedeuten. In der Mitte zwischen beiden „Krankheiten“ steht die „Typhomanie“, welche gewisse Symptome beider in sich vereinigt. Die Melancholie könne auf zweierlei Art zu stande kommen, sei es, daß die gesamte Masse des Blutes leide, sei es, daß nur das Blut des Gehirns ergriffen werde; im ersteren Falle bilde der Aderlaß einen Hauptbestandteil der Kur. Veranlassende Momente sind z. B. Stockung der Menstruation, Entbehrung des Beischlafes, Kummer, Sorgen etc. Sie kann auch eine Folge von Sonnenstich oder akuten Krankheiten sein. Die Manie verdanke dünnen, galligen Säften ihre Entstehung und unterscheide sich von der „Phrenitis“ nur durch den Mangel des Fiebers. — Galens psychiatrische Symptomatologie unterscheidet Störungen des Vorstellungs-, Denk- und Erinnerungsvermögens, so z. B. völlige Unfähigkeit (ἄνοια), mangelhafte Betätigungskraft (μωρία) und verkehrte Tätigkeit (παραφροσὑνη) auf dem Gebiete des Vorstellens.
Dermatosen. Die Theorie der Hautkrankheiten beruhte auf der alten Tradition, daß Dermatosen — es werden viele Formen genannt — keine Affektionen sui generis, sondern Ausflüsse innerer Zustände sind; die Einteilung in solche des Kopfes und des übrigen Körpers bildet den ersten Versuch einer Systematik. Für die Entstehung mancher Hautleiden wurden von Galen auch gichtische Affektionen verantwortlich gemacht. Die Therapie benützte dementsprechend nicht nur Topika, sondern auch insbesondere ausleerende Mittel, z. B. Helleborus.
Den Prüfstein medizinischer Systeme gibt allein die Erfahrung, und nichts beweist so sehr die Wahrheitsliebe, die Denkreife eines ärztlichen Forschers, als wenn er am Krankenbette die Grenzen erkennt und einhält, welche für seine Deduktionen aus der Pathologie noch unüberschreitbar bleiben, wenn er mit Verleugnung seines Hanges zur kausalen Begründung dort von einem provisorischen Empirismus Gebrauch macht, wo es an einer exakt wissenschaftlichen Basis noch mangelt.
Wenn wir von diesem Gesichtspunkt die galenische Therapie überblicken, so finden wir, daß der große Arzt von Pergamos neben dem dogmatischen Standpunkt den empirischen nicht vernachlässigt, ja auf manchen Gebieten den letzteren sogar bevorzugt. Im Prinzip wollte er die Linie, welche Hippokrates gezogen hatte, einhalten, wenn es auch in seinem Ehrgeiz lag, das erfahrungsmäßige Handeln überall, wo es möglich schien, durch „wissenschaftliche“ Momente zu begründen, in feste Normen zu bannen. Die Ueberschätzung dieser Möglichkeit wurde freilich zur Wurzel von Fehlern und dämmte den Hippokratismus stark ein, ja sie zeitigte eine Behandlungsweise, die nicht selten nur noch formell mit den hippokratischen Anschauungen zusammenhing.
Galen legte in klarer und übersichtlicher Weise die Aufgaben und Prinzipien des ärztlichen Handelns dar, wobei er formell stets an den erhabenen Koër anknüpft.
Er erteilt schon über das Benehmen im Krankenzimmer vortreffliche Ratschläge, die Besuche dürfen nicht zu häufig oder zur Unzeit erfolgen; der Arzt soll würdig auftreten, nicht mit viel Geräusch und lautem Sprechen lästig fallen, sich der Bildungsstufe, den Neigungen und Gewohnheiten des Patienten bis zu einem gewissen Grade anbequemen. Vor taktlosen Reden, wie z. B. „Auch Patroklos ist gestorben und war mehr als du“, muß man sich in acht nehmen. Als abschreckendes Beispiel wird der grobe Kointos angeführt, der stark nach Wein roch und in einem vornehmen Hause dem fiebernden Kranken, der sich darüber aufhielt, entgegnete: „Ach was, dein Fieber riecht noch schlechter.“
Die allgemeine Therapie gipfelt in der höchsten Anerkennung der Naturheilkraft (Physiatrie). Aufgabe des Arztes ist es, die Physis in ihrem Heilbestreben zu unterstützen, ὠφελεῖν ἢ μὴ βλάπτειν, zu nützen oder doch nicht zu schaden, wie Hippokrates sagte.
Sehr treffend weist Galen darauf hin, daß dieser Ausspruch des Hippokrates in seiner Gänze erst den erfahrenen Praktikern verständlich wird, weil sie zur Einsicht gekommen sind, wie schwer es unter Umständen schon ist, trotz bester Absichten nicht zu schaden. „Denn, wenn es diesen mitunter begegnet, daß sie durch unpassende Anwendung eines heftigen Mittels einen Kranken verlieren, dann werden sie die Wichtigkeit jenes hippokratischen Ausspruches vollständig begreifen.“
Das Wesen des Galenismus gegenüber dem Hippokratismus liegt aber in dem Versuche, die Physis und die Wirkungssphäre derselben theoretisch festzustellen und dem Arzte eine sichere Handhabe für das Vorgehen im Einzelfalle durch allgemeine Grundsätze zu geben.
Eine auf Naturphilosophie, die Hilfswissenschaften und klinische Beobachtungen aufgebaute Pathologie schien die Erkenntnis der Krankheitsursachen und Krankheitsvorgänge zu sichern. Die letzteren sind nichts anderes als Funktionsstörungen; ihre Beseitigung ist Heilung. Die Werkzeuge, deren sich die Physis dabei bedient, können nur diejenigen Kräfte sein, welche auch in gesundem Zustande, nach den Gesetzen der Notwendigkeit wirkend, die Bildung, die Ernährung, das Wachstum des Körpers vermitteln (vergl. S. 372), als wichtigste unter ihnen ist die „austreibende“ Kraft zu betrachten, da sie die Entfernung der Materia peccans veranlaßt. Ohne der anziehenden, zurückhaltenden und verändernden Kraft entgegenzuarbeiten, muß deshalb auch das Hauptaugenmerk des Arztes auf die Ausleerung der Schädlichkeiten gerichtet sein.
Die Ausleerung der schädlichen Stoffe spielt z. B. in der Behandlung der Fieber die Hauptrolle. Tertianen werden mit Abführ- oder Brechmitteln, dann mit Diureticis und warmen Bädern behandelt. Quartanen mit Aderlässen, dann mit Pfeffer und kräftiger Diät. Quotidianen mit harntreibenden Mitteln. Putride Fieber sollen durch reichliches Trinken von Gerstenwasser, Petersilienaufguß und durch Klistiere geheilt werden.
Ein zweites Fundamentalgesetz der Therapie ist die Bekämpfung der Krankheiten durch entgegengesetzt wirkende Mittel (z. B. Kälte durch Wärme, Plethora durch Entleerung u. s. w.). Die Wahl, die Dosierung und die Applikationsart der Heilverfahren unterliegt bestimmten Indikationen (ἐνδείξεις), welche sich aus den Krankheitsursachen, aus dem Krankheitszustand und den Symptomen, aus der Individualität[27] und Lebensweise des Kranken ergeben. Die Ursachen der Krankheit sind womöglich durch prophylaktische Maßnahmen fernzuhalten (Indicatio causalis, prophylactica). Die aus der Krankheit selbst entspringenden Heilanzeigen (Indicatio morbi) sind abhängig von dem Charakter und der Intensität derselben, vom Typus und Stadium, von dem Ausgang und den Komplikationen. So sind z. B. drastische Mittel nur im Anfangs- oder Endstadium angemessen. Die Symptome (Indicatio symptomatica) stellen z. B. die Aufgabe, den Schmerz zu lindern, die Ausleerungen zu regeln, gefahrdrohende Zustände zu beseitigen (I. vitalis). Was die Individualität des Patienten anlangt, so ist bei der Therapie Alter, Geschlecht, Temperament, Kräftezustand, der Wohnort des Patienten, die Eigentümlichkeit des erkrankten Organs etc. zu berücksichtigen. Daran schließen sich noch Indikationen resp. Kontraindikationen, die aus der Atmosphäre[28] und sogar aus den Träumen(!)[29] gewonnen werden. — Vor Inangriffnahme jeder Behandlung muß zuerst entschieden werden, ob das Uebel überhaupt heilbar ist oder nicht, und immer soll die Therapie auch eine allgemeine und individualisierende sein. Die Behandlungsweise Galens läßt sowohl den diätetisch-physikalischen als den arzneilichen Mitteln Recht widerfahren.
Die Erfahrungen der Vorgänger — der Hippokratiker, Methodiker, Pneumatiker — verwertend, wandte er seine größte Sorgfalt der Diätetik und Gymnastik zu und gab für die Anwendung dieser Methoden die genauesten Vorschriften bis in alle Einzelheiten. Er nützte die Einflüsse der Luft und des Lichtes, der Kälte und der Wärme als Heilfaktoren aus; er machte einen sehr ausgedehnten und subtil geregelten Gebrauch von der Massage, von Bädern aller Art, endlich von der Klimatotherapie, welch letztere er zur Höhenlufttherapie (bei Phthisis verbunden mit Milchkur) erweiterte.
Galen hat die Diätetik in eingehendster Weise abgehandelt. Geradezu ein Muster bildet die Schrift „Ueber die säfteverdünnende Diät“. Hier bemerkt er gleich eingangs, daß bei gewissen chronischen Affektionen mit Arzneien nicht viel zu erreichen ist, während eine richtig gewählte Diät solche Krankheiten mäßigen oder sogar beseitigen könne (Nierenentzündung, Gicht, Asthma, Milz- und Leberschwellungen, Epilepsie). „Nur muß, wie bei allem anderen, so auch hier der Arzt die Leitung in der Hand haben, um den geeigneten Zeitpunkt und das Maß herauszufinden.“ Die Schrift zählt im folgenden eine große Zahl von zweckdienlichen Nahrungs- und Genußmitteln auf, und bemerkenswerterweise stimmt das meiste mit unseren heutigen Erfahrungen überein. Leibesübungen und Beschäftigung im Freien empfahl Galen den Schwachen und Rekonvaleszenten, nämlich rudern, graben, mähen, Wurfspieß schleudern, laufen, springen, reiten, jagen, Holz spalten, Lasten tragen u. s. w. Gymnastische Uebungen hatten namentlich bei Fettsucht und Reizzuständen der Genitalien sichtlichen Erfolg. Interessant ist auch ein Fall, wo ein Knabe mit verbildetem Brustkorb durch Armbewegungen, Singübungen, Anhalten des Atems etc. geheilt wurde. Ueber die Technik des Badens werden die genauesten Regeln aufgestellt (z. B. für Fiebernde). Außer den Wasserbädern wandte Galen auch Dampf-, Sonnen-, Sand-, Mineral- und Kräuterbäder an.
Der Humoralpathologie entsprechend, spielen in der galenischen Therapie jene Heilverfahren eine Hauptrolle, welche die Entleerung überschüssiger oder verdorbener Säfte bezwecken, also die Blutentziehung (Aderlaß, Schröpfköpfe, Blutegel), Laxantia, Brechmittel, Diuretika, Schwitzmittel.
Bei der Blutentziehung beabsichtigte Galen entweder die Ableitung der Säfte, ἀντίσπασις, revulsio, oder die Beseitigung schon ausgebildeter Säftestockungen, παροχέτευσις, derivatio; erstere wurde an Körperstellen vorgenommen, die von dem kranken Teile fern liegen, letztere in der Nähe derselben; jene erfolgte durch Aderlaß und zwar meist auf der gesunden Seite, diese durch Schröpfköpfe, Blutegel oder auch durch Venäsektion.
Die Hauptindikationen für den Aderlaß waren Plethora, akute Entzündungen, hohes Fieber und große Schmerzen. Galen verbot die Vornahme der Venäsektion bei Kindern unter 14 Jahren und erlaubte sie bei Greisen nur in dringenden Fällen. Auch sonst warnte er vor übertriebener Anwendung, da übermäßige Blutentziehungen zu allgemeiner Schwäche, Oedemen, Lähmungen, selbst Geistesstörungen führen könnten; man müsse auf den Kräftezustand, das Lebensalter, die Art der Krankheit, die Jahreszeit und das Klima Rücksicht nehmen. So gestatten z. B. anhaltende Fieber den Gebrauch nur bei jugendlichen, kräftigen Personen, im Frühling und Herbst würde der Aderlaß besser als in den anderen Jahreszeiten ertragen, bei Nord- und Südländern wäre größere Vorsicht am Platze als bei Griechen und Römern u. s. w. Mit Ausnahme der Fälle von Plethora entzog Galen Blut, wo er es indiziert fand, bis zur Ohnmacht. Als Revulsivum diente auch das Binden der Glieder. Schröpfköpfe wurden unter anderem auch bei Augenentzündungen, Nasenbluten, Amenorrhoe und Metrorrhagie gesetzt.
Die bei Galen am häufigsten vorkommenden Abführmittel sind: Linsenabkochung, Honigwasser, Kohl mit Oel gekocht, Milch, Molken, Feigen, Oel mit Salz, Zwetschen mit Honig, Trauben, Oleum Ricini, Aloe, Koloquinthen, Meerzwiebelwein. Galen vertrat im Gegensatz zu den Methodikern die Ansicht, daß es spezifische Organmittel gebe und daß dieselben bestimmte Körpersäfte ausleeren, so z. B. Scammonium die gelbe Galle, Epithymum die schwarze Galle. Daphne Cnidium den Schleim. Brechmittel: ekelerregende Mischungen, Honig, Helleborus. Stopfmittel: Käse, Kastanien, gebrannte Knochen, herbe Weine u. a. Diuretikum (zugleich Emenagogum): Petersilie und Sellerie. Ein Lieblingsmittel Galens ist der Pfeffer (bei Affektionen des Digestionstrakts und bei Tertian- und Quartanfiebern).
Dem Zuge seiner Zeit folgend und den Wünschen der großen Masse allzu gefällig Rechnung tragend, hat Galen den Arzneischatz in übermäßiger Weise und nicht gerade immer vorteilhaft vermehrt. Gestützt auf seine Vorgänger, hinterließ er in seinen Schriften eine unglaubliche Menge von oft höchst kompliziert zusammengesetzten Kompositionen aller Art, welche seine rationellen diätetischen Vorschriften verdunkelten und in Vergessenheit brachten. Den späteren Autoren galt er, wiewohl er nur ein Sammler des vorhandenen Materials war, geradezu als Vater der Pharmazie.
Die Hauptquelle für die galenische Materia medica bilden die Bücher VI-XI der Schrift De simplicium medicamentorum temperamentis et facultatibus. Diese sind fast vollständig von L. Israelson in seiner Dorpater Dissertationsarbeit unter Leitung Koberts übersetzt worden; wir verweisen auf diese vorzügliche Arbeit „Die materia medica des Galenos“ (Jurjew 1894). Dort finden sich 473 vegetabilische Arzneistoffe und neben diesen auch mineralische und animalische angeführt. Von mineralischen kommen z. B. die Erdarten (Lemnische, Samische, Kretische), Armenischer Bolus, Meer- und Steinsalz, Bimsstein, Schmirgel, Gips, Schwefel, Alaun, Soda, Eisenvitriol, Blutstein, Feuerstein, Magneteisenstein, Blei, Bleiglätte, Bleiweiß, Mennige, Kupferblüte, Lapis lazuli, Jaspis, Malachit u. s. w. in Betracht. Von animalischen zählt Galen Blutsorten, Milch, Molken, Käse, Butter, Lab, Galle, Schweiß, Urin, Speichel, Dünger, ferner Fleischarten (Vipernfleisch), Fett, Talg, Mark, Eier, Bibergeil, Kanthariden, Wollfett (Lanolin!) zwar auf, aber er stimmt mit den ärztlichen Autoren, welche solche Mittel rühmen, nur zum geringen Teil überein und zeigt gerade auf diesem Gebiete eine erfreuliche nüchterne Denkweise. Ja, er wendet sich sogar stellenweise mit Schärfe oder Spott gegen die ganze Richtung. „Ich bekenne offen, daß sehr viele tierische Substanzen und Flüssigkeiten vorhanden sind, über welche mir keine Erfahrungen zu Gebote stehen. Eine Anzahl derselben ist ekelhaft, verabscheuungswürdig und verboten. Ich weiß auch nicht, wie Xenokrates, zumal er nicht zu Olims, sondern zu unserer Väter Zeiten lebte, über dieselben schreiben konnte, da im römischen Reiche Menschenfresserei verboten war. Und doch beschrieb er, wie aus eigener Erfahrung, mit großer Dreistigkeit, welche Leiden durch Genuß von Menschenhirn, -fleisch, -leber oder aber von Schädel-, Waden- und Fingerknochen, teils gebrannt, teils ungebrannt, oder endlich durch Genuß von Blut geheilt werden könnten. Es sind dies Teile, deren Anwendung, wenn auch ungesetzlich, so doch nicht so sehr ekelhaft ist. Das ist aber der Fall in Bezug auf das Einnehmen von Schweiß, Urin, Menschenblut, Menses, besonders aber von Dünger, und doch schreibt Xenokrates, welche Wirkung Dünger haben kann, wenn er auf die Wunden und in den Pharynx geschmiert und herabgeschluckt würde. Er spricht auch vom Einnehmen des Ohrenschmalzes. Ich würde es nie über mich gewinnen, solches Zeug zu schlucken, selbst um den Preis nie krank zu werden. Das Widerwärtigste von all diesem ist aber der Dünger und dem ähnlich das Trinken der Menses. Kein natürlich empfindender Mensch wird es über sich gewinnen, derartiges kennen zu lernen, ebensowenig, was mäßiger scheußlich ist, nämlich die äußerliche Anwendung von Dünger auf kranke Körperteile oder von Sperma. Xenokrates unterscheidet mit größter Genauigkeit, wie Sperma an sich und wie das nach dem Koitus aus der Vagina herausfließende Sperma zu wirken vermag. Dieses Medikament sei schwer zu erlangen, wenn jemand seine Perniones damit kurieren will. Und so sieht das meiste aus, was Xenokrates von dem Nutzen der äußeren und inneren Anwendung des Menschenurins und Menschendüngers erzählt; er erwähnt auch seltener und schwerer zu erlangende Stoffe, z. B. Elefanten- und Nilpferdexkremente. Aber auch andere haben über diese tierischen Stoffe geschrieben, und aus diesen Quellen schöpft Xenokrates. — Woher mag er aber diese Fülle von Erfahrung in Bezug auf diese Stoffe gewonnen haben? Selbst unser ehemaliger König Attalus, der doch auf das eifrigste derartige Erfahrungen gesammelt hatte, hat nur wenig darüber geschrieben. Ich werde weder Elefanten, noch Nilpferde, noch irgend etwas anderes erwähnen, worüber ich keine Erfahrungen gesammelt habe. Ferner würde ich mich nie entschließen, der Liebestränke, der Traummittel Erwähnung zu tun, selbst wenn mir in Bezug auf diese reichliche Erfahrung zu Gebote stände, ebensowenig wie der krankmachenden Medikamente, von welchen lächerlicherweise behauptet wird, daß sie im stande seien, die Urteilskraft der Gegner zu besiegen, den Abortus zu bewirken, die Konzeption zu verhindern u. dergl. Von diesen entzieht sich ein Teil der Möglichkeit, ihre Wirkung durch Erfahrung kennen zu lernen, der andere Teil, bei dem dies möglich wäre, bringt das Leben der Kranken in Gefahr. Ich wundere mich deshalb, wie man bei allen Göttern, bei vernünftiger Ueberlegung dazu gelangt sein kann, solches zu schreiben.“ Auch bei Besprechung der einzelnen animalischen Stoffe wahrt sich Galenos stets seinen rationellen Standpunkt gegenüber dem erschreckend anwachsenden Aberglauben seiner Epoche und an vielen Stellen sagt er, daß man jene Heileffekte, die den Wundermitteln zugeschrieben wurden, mit ganz einfachen Verfahren erzielen könne. Bei Besprechung der Apotheca stercoralis, die auch jetzt noch bei uns floriert, meint er: „Doch muß ein guter Arzt das alles (d. h. die volksmedizinischen Gebräuche) wissen, ohne daß er dergleichen in der Honoratiorenpraxis zu verwenden braucht. Ich habe es wenigstens nie getan, da mir bessere Mittel zur Verfügung standen. Auf der Reise, der Jagd oder auf dem Lande, wo nichts Besseres zur Verfügung steht, oder bei den Bauern, die abgehärtet sind wie die Packesel, kann man zuweilen in die Lage kommen, Dünger (Tierexkremente) medizinisch zu gebrauchen.“
Galen untersuchte auf seinen Reisen viele Heilstoffe und bezog durch Freunde und hohe Beamte seltene und teuere Drogen. Mineralische Mittel wandte er nur extern an, mit Ausnahme der Lemnischen und Armenischen Erde (gegen Vergiftungen und „Pest“), des Alauns (gegen Ruhr), der gebrannten Austernschalen (gegen Dysenterie).
Der wichtigste Bestandteil der Antidota und des Theriaks war das Opium, das auch für sich als schmerzlinderndes, sedatives Hustenmittel etc. diente.
Die bei Galen vorkommenden Arzneiformen und Applikationsmethoden sind folgende: Dekokte, Infuse, Pastillen, Pillen, Elektuarien, Pulver, Mund-, Gurgelwässer, „Hypoglottides“, Pinselsäfte, Kaumittel, Einspritzungen, Eingießungen, Niesmittel, Inhalationen, Rektal- und Vaginalklysmen, Anal- und Vaginalzäpfchen, Pessare, Salben, Pflaster, Linimente, Senfteige, Kataplasmen, Aetzmittel, Zahnpulver, Kosmetika, Räucherungen, Bähungen. — Große Verbreitung fanden Galens Hiera, seine Pikra, sein Aloemittel und sein Diakodion.
In seiner Polypragmasie verrät Galen, auf den der Ausspruch „Populus remedia cupit“ zurückzuführen ist, deutlich, daß Empiriker seine ersten Lehrer gewesen sind. Bei der Anwendung der Heilsubstanzen ließ er sich zum Teile von klinischer Erfahrung leiten, der Hauptsache nach aber prägte er auch der Heilmittellehre die charakteristischen Züge seiner Spekulation auf, indem er die Pharmakodynamik von der Elementarqualitätenlehre ableitete und der Dosologie mittels subtiler Prinzipien eine anscheinend vollkommen exakte Grundlage gab — gleichsam der Schlußstein seines Systems.
Galen definiert die Medikamente als Substanzen, welche im Gegensatz zu den Nahrungsmitteln im Organismus gewisse Alterationen hervorbringen und sondert sie in drei Klassen. Zur ersten gehören diejenigen Arzneimittel, welche lediglich durch die Elementarqualitäten des Warmen, Kalten, Trockenen und Feuchten wirken. Zur zweiten gehören diejenigen, welche durch die zweiten Qualitäten (vergl. S. 372) wirksam sind und somit Haupt- und Nebenwirkungen äußern, die süßen, bitteren, herben, scharfen, kontrahierenden, erweichenden u. s. w. Mittel. So sind z. B. die bitteren und süßen Mittel zugleich auch warm, die saueren aber zugleich auch kalt. Zur dritten Klasse gehören solche Arzneistoffe, welche (in nicht weiter erklärbarer Weise) vermöge der ganzen Substanz (vergl. S. 372), vermöge der dritten Qualitäten z. B. als Brech-, Abführmittel, Gegengifte etc. und spezifisch auf bestimmte Organe wirken.
Diese Grundeinteilung bedurfte aber einer weiteren Differenzierung, welche durch Einführung der Begriffe von Aktualität und Potentialität und durch Graduierung der Wirkungsweise ermöglicht wurde. So offenbart sich die Elementarqualität des Heißen nicht nur im Feuer, sondern auch z. B. im Pfeffer, im erstem aber „actu“, im letzteren nur „potentia“. Und tritt auch in den mannigfachen Heilmitteln immer die eine oder andere Elementarqualität hervor, so ist doch die Intensität dieser Elementareigenschaft verschieden. Galen stellt demzufolge vier Intensitätsgrade der Wirkung, vier Reizstufen auf. Den ersten Grad nehmen diejenigen Arzneisubstanzen ein, welche eine geringe, sinnlich kaum wahrnehmbare Wirkung entfalten, den zweiten jene, deren Wirkung deutlich merkbar ist, den dritten solche, welche heftig, den vierten solche, welche zerstörend wirken. Die narkotischen Gifte, z. B. Opium, Mandragora, Conium, sind kalt im vierten Grade, die Hahnenfuß-, Euphorbiumarten heiß im vierten Grade, die Rose ist kühlend im zweiten Grade u. s. w. Auf die weiteren Unterabteilungen wollen wir hier nicht eingehen, nur das sei betont, daß durch diese Abstufung eine streng individualisierende Arzneibehandlung nach dem Grundsatze contraria contrariis (Bekämpfung der hervorstechenden Elementarqualität durch das Entgegengesetzte) und eine ungemein feine Dosierung in den Arzneikompositionen ermöglicht war.
Was die letztere anlangt, so gewähren folgende Beispiele Einblick. Das Opium ist kalt im vierten Grade, es bringt daher im Körper eine sehr bedeutende Kälte hervor, deshalb muß es mit erhitzenden Mitteln verbunden werden, die seine Wirkung mäßigen, z. B. mit Castoreum. Rosenöl ist kühlend im ersten Grade, denn es besteht aus Rosensaft (kalt im zweiten Grade) und indifferenten Oel, in welchem jede der vier Elementarqualitäten in gleicher Intensität vorhanden ist (der zweite Grad wird also um eine Stufe vermindert). Beruht z. B. eine Krankheit auf übermäßiger Steigerung des Warmen, so wird ein kalt machendes Medikament, und zwar in dem nach dem Grade der Alteration sich richtenden Intensitätsgrade verordnet.
Gegenüber der Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten stehen die chirurgischen Fächer bei Galen zurück. Als Gladiatorenarzt in der Heimat hatte er ja Gelegenheit, reiche Erfahrung zu sammeln, in Rom aber scheint er (entsprechend dem Spezialistentum), abgesehen von der Konsiliarpraxis und von Ausnahmsfällen, nicht als Chirurg tätig gewesen zu sein. Theoretisch hat er sich jedenfalls um die Chirurgie sehr bekümmert und vieles Wertvolle in seinen Schriften hinterlassen (z. B. über Verbandlehre, Wundbehandlung, Blutstillung, Naht, verschiedene Operationen). Beim Unterrichte bediente er sich zu Demonstrationszwecken kleiner Modelle (z. B. der Hippokratischen Bank, Streckapparat). Die Abhandlung über Augenheilkunde ist leider verloren gegangen. Am dürftigsten ist die Geburtshilfe in seinen Werken vertreten.
Die Chirurgie wird außer in den Kommentaren zu den einschlägigen hippokratischen Schriften abgehandelt in den Werken: De tumoribus praeter naturam, de locis affectis, Methodus medendi, de anatomicis administrationibus.
Die galenische Chirurgie arbeitete bereits mit einer großen Zahl von Instrumenten. Dahin gehörten verschiedene Sonden, Pinzetten, Messer von verschiedener Art und Größe, Lanzetten, Haken, Nadeln, Glüheisen, Meißel, Hammer, Trepane, Schabeisen, Bohrer, Knochenzange, Klistier-, Mutterspritze, Röhren, Katheter, Steinzange u. a. Für die Behandlung der Wunden und Geschwüre (ἑλκος bedeutet beides) werden unter Berücksichtigung des Allgemeinzustandes des Patienten sorgfältige Vorschriften erteilt (z. B. Anlegung der Naht; unter gewissen Umständen nur partielle Naht; Vermeidung der Taschenbildung und Drainage des tiefsten Punktes; Zerstörung wuchernder Granulationen). Die Blutstillung erfolgt durch Kälte, Adstringentien, Naht, Ligatur, Torsion oder gänzliche Durchschneidung (angeschnittener) Gefäße, Glüheisen; als Ligaturmaterial dienten Seidenfäden oder Darmsaiten. Unter den Verletzungen sind ausführlich Verletzungen der Gefäße (traumatische Aneurysmen), der Nerven, penetrierende Brust- und Bauchwunden besprochen, wobei je nach dem Falle besondere Maßnahmen angegeben sind. Die Lehre von den Frakturen und Luxationen und deren Behandlung zeigt manche Fortschritte gegenüber den Hippokratikern (Klassifizierung der Schädelbrüche, ausführliche Beschreibung der Trepanation). Die Amputation gangränöser Teile ist nur gelegentlich erwähnt, der Resektionen hingegen wird häufiger gedacht. Berühmt ist der Fall von Resektion des Sternums (De anatomicis administrationibus Lib. VII, cap. 13), wobei das Herz freigelegt wurde, ferner beschreibt Galen die Rippenresektion bei Empyem (im Tierexperiment zu physiologischen Zwecken führte er die subperiostale Resektion eines Rippenstückes aus). Bei Defekten an Nasen, Ohren, Lippen kamen plastische Operationen zur Anwendung. Gut ist die Darstellung der Behandlung der Lymphdrüsenschwellung, der Varices und Fisteln. In einigen pseudogalenischen Schriften sind mehrere, hier nicht berücksichtigte chirurgische Fragen dargestellt; z. B. in den Definitiones medicae Blasenkrankheiten, Phimosis, Paraphimosis, Hypospadie, Atresia urethrae, Kryptorchismus, Hydro-, Sarko-, Varikocele; in der Introductio seu medicus ist unter vielem anderen eine eingehende Erörterung des Steinschnittes enthalten.
Die Geburtshilfe ist bei Galen nicht ausführlich dargestellt, jedenfalls ging er auf diesem Gebiete über die Vorgänger nicht hinaus; charakteristischerweise hielt er Nichtschädellagen für sehr selten. Besser scheint er in der Gynäkologie bewandert gewesen zu sein; er beschreibt die Gebärmutterentzündung, Uteruskarzinom, Lageveränderungen des Uterus, Scheidenfluß, Mastitis, Mammakarzinom (Radikaloperation); die Ursachen der Sterilität werden eingehend erörtert.
Hinsichtlich der Augenheilkunde, über welche sich in den noch vorhandenen Schriften nur verstreut Bemerkungen finden — seine „Diagnostik der Augenkrankheiten“ ging verloren —, wäre anzuführen, daß Galen in überraschender Weise die Funktionsstörungen physiologisch darlegt, die Kontagiosität gewisser Augenentzündungeu kennt; aus den Angaben über den Star, welcher teils in die Linse, teils ins Kammerwasser verlegt wird, kann entnommen werden, daß man in der Regel bloß die Verlagerung und Depression machte, daß jedoch einzelne Aerzte es auch versuchten, nach dem Einschnitt den Star herauszubefördern.
Otologie: Galen hinterließ eine Masse von Rezepten gegen verschiedene Ohrleiden (Ohrenfluß, Abszeß, Ansammlung oder Mangel von Cerumen, Ohrgeräusche, Schwerhörigkeit, Taubheit). Die Erklärung der Symptome stützt sich zumeist auf Spekulationen, z. B. dominiert die Lehre vom aer ingenitus oder complantatus, der eingepflanzten Luft (aristotelische Hypothese vom ἀὴρ συμφυής). Rationell sind dagegen die Methoden zur Entfernung der Fremdkörper (Beschreibung feiner Häkchen, Zangen, Sonden) und manche Verfahren bei chirurgischen Affektionen (Quetschung, Anschwellung, Bruch des Ohrknorpels).
Von scharfer Beobachtungsgabe zeugt die Schrift „Wie Simulanten zu entlarven sind“. Hier gibt Galen eine Reihe von physischen und psychischen Kennzeichen an, welche es dem Arzte ermöglichen, Simulation von wirklichen Krankheitszuständen zu unterscheiden. Einige Beispiele aus der eigenen ärztlichen Erfahrung illustrieren die mitgeteilten Kriterien in treffender, anschaulicher Weise.
Rühmlich schließt sich an die medizinischen Leistungen, was Galen an hygienischen Vorschriften hinterlassen hat — hierin jeder Zoll ein echter Hippokratiker! Das ganze Gebiet meisterhaft beherrschend, auf alle Verhältnisse eingehend, schildert er für jede Lebensstufe bis in die kleinsten Einzelheiten, was zur Erhaltung und Bewahrung der Gesundheit dienlich ist. Ernährungsweise, Einflüsse des Wassers und der Luft, Bädergebrauch, Massage, Leibesbewegungen, Spiele u. a. werden von Galen in den Kreis der Betrachtung gezogen, und viele seiner auf scharfer Beobachtung fußenden Ausführungen besitzen unvergänglichen Wert, weil sie in dem Gedanken gipfeln, welcher die ganze harmonische Schönheit der klassischen Antike zum Ausdruck bringt, in dem Gedanken: Μηδὲν ἄγαν.
Die Bücher de alimentorum facultatibus, in welchen die einzelnen Nahrungsmittel (Brotarten, Hülsenfrüchte, Fleischsorten, Früchte u. s. w.) nach ihrem Nährwert und mit Vorschriften über Zubereitungsweise abgehandelt werden, bildeten lange die Quelle für alle späteren diätetischen Schriftsteller. In dem Werke de sanitate tuenda werden die hygienischen Faktoren eingehend besprochen. Von den Spielen erklärte er diejenigen für die besten, welche Körper und Geist erfreuen. Ueber die Wirkungsweise der Bäder und die Modifikationen ihrer Anwendungsweise findet sich in de sanitate tuenda geradezu ein Kompendium. Mit größter Schärfe wendet er sich dagegen, daß man Neugeborene in kaltem Wasser bade; man berief sich darauf, daß die heldenstarken Deutschen diese Sitte üben. „Ich habe,“ sagt Galen, „mein Buch nicht für Deutsche, auch nicht für Bären und wilde Schweine geschrieben, sondern für Griechen oder wenigstens für solche Menschen, die griechische Denkweise haben. War es jemals erhört, das kleine, noch von der Gebärmutter warme Kind in kaltes Wasser zu werfen, als ob es glühendes Eisen wäre? Kommt das Kind mit dem Leben davon, so mag es denn sein, daß dadurch seine natürliche Stärke geprüft und noch durch die Berührung des kalten Wassers vermehrt worden ist. Aber welche vernünftige Mutter, welche nicht ganz eine Skythin ist, wird an ihrem Kinde einen Versuch wagen, der, wenn er nicht gelingt, nichts weniger als den Tod zur Folge hat, um so viel mehr, da aus diesem Versuche gar kein Vorteil entstehen kann. Für einen Esel oder ein anderes lasttragendes Vieh mag es ein Vorteil sein, so einen steinharten Rücken zu haben, der gegen Kälte und Schmerz gefühllos ist, aber was nützt dies dem Menschen?“ Ebenso wendet sich Galen gegen die Athletik.
Was in der Zusammenfassung und geistigen Durchdringung des medizinischen Wissens damals möglich war, hat Galenos geleistet, und wenn auch mehr blendende Fiktionen als solide nüchterne Wahrheiten die Grundlage bilden, es gibt doch für die Leistungsfähigkeit der medizinischen Synthese der Alten keinen besseren Gradmesser als das gewaltige, durch philosophische Reflexion vollkommen geschlossene, alle Hauptrichtungen vereinigende System des Pergameners! In stolzem Selbstgefühl rühmt sich sein Schöpfer, er habe die Bahn, welche Hippokrates gebrochen, erst geebnet und gangbar gemacht — ähnlich wie Trajan die Heeresstraßen im römischen Reiche; selbstzufrieden und im Glauben, den Abschluß der Forschung gebracht zu haben, ruft er aus: „Wenn jemand gleichfalls durch Taten, nicht durch kunstvolle Reden berühmt werden will, so braucht er nur mühelos in sich aufzunehmen, was von mir in eifriger Forschung während meines ganzen Lebens festgestellt worden ist.“
Solche Ueberschätzung wiederholte sich oftmals im Laufe der Geschichte, niemals aber sollte das medizinische Lehrsystem eines einzelnen eine so lange, ungebrochene, tyrannische Macht über die Geister ausüben wie das galenische, hierin nur der geozentrischen Theorie des Ptolemaios gleichkommend! Widersinnig wäre es, wollte man Galen selbst für den Geistesdruck von weit mehr als tausendjähriger Dauer verantwortlich machen, statt diejenigen zu beschuldigen, welche bar jedweder Schaffenskraft den ausgetretenen Bahnen folgten oder gar die freie Forschung in Fesseln schlugen. Umsomehr als in der Forschungsweise Galens so viele Keime lagen, welche nur der Entfaltung harrten, wie namentlich seine Experimentalmethodik! Statt an die rationellen Ideen anzuknüpfen, statt die empirischen Leistungen weiter zu führen, begnügte man sich leider bald, die Aussprüche des Pergameners auf allen Gebieten der Medizin als Dogmen hinzunehmen und entfernte sich damit immer weiter von dem echten Hippokratismus. Darin hatte Galen leider das Beispiel gegeben. Denn, nennt er auch den göttlichen Greis von Kos πάντων ἀγαθῶν εὑρετής, gerade dadurch, daß er die Erfahrungstatsachen der hippokratischen Schriften mit Hilfe der noch viel zu unentwickelten Hilfszweige wissenschaftlich zu begründen unternahm, daß er die ursprüngliche Lehre mit philosophischen Doktrinen verquickte, ja schon dadurch allein, daß er ein System errichtete, verdarb er vielfach die Reinheit des köstlichsten Gutes, welches die hellenische Medizin hinterlassen hatte, entzog er durch den Schatten seiner imponierenden Persönlichkeit gerade den echten Hippokratismus den Blicken der kommenden Geschlechter. Darum mußte, als die unbefangene Forschung wieder ihr Haupt erhob, das galenische System als bloß temporäre Form gänzlich zusammenstürzen, während das Ideenwerk des Hippokrates über alle Zeiten hinweg stets den Mutterboden der Heilkunst bilden wird!