Allgemeine Verhältnisse.
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In Galen hatte das Wesen der antiken Medizin den vollendetsten Ausdruck gefunden, aber der große Pergamener war auf der Schwelle des Untergangs erschienen.
Jäher gewiß, als es der Wirklichkeit entspricht, tritt der Verfall der Heilwissenschaft in jenen Schriften zu Tage, welche aus den letzten Jahrhunderten des Altertums auf uns gekommen sind; nur vereinzelt bringen sie noch Kunde von tatsächlichen Fortschritten, und die besten unter ihnen zehren von alten Traditionen, ohne sich zu frischer, lebendiger Forschung zu erheben; ja noch mehr, man empfängt den betrübenden Eindruck, daß die hippokratische Kunst bloß dahinsiecht und wenigstens in Westrom von der gröbsten Empirie, von dem absurdesten Aberglauben in den Hintergrund gedrängt wird.
Der Verfall der Heilkunde war eine Teilerscheinung des großen Sterbens der Antike, eine Folge des jahrhundertelang währenden Zersetzungsprozesses, der mit der Auflösung der antiken Weltanschauung und Kultur, mit der Trennung des hellenisierten Ostens vom Abendlande, mit dem Sturze des weströmischen Reiches endete. Unter den katastrophalen Erschütterungen des politischen, sozialen und ethischen Lebens, auf dem Boden einer Uebergangsepoche, voll innerer und äußerer Zerfahrenheit, konnte Wissenschaft und Kunst nicht gedeihen — „non habet locum res pacis temporibus inquietis” —, die Medizin aber wurde von der allgemeinen Umwälzung schon deshalb ganz besonders in Mitleidenschaft gezogen, weil ihr ureigenes Gebiet sogar zeitweise als Schauplatz des Kulturkampfes dienen mußte.
Die Schilderung der Medizin in der Verfallszeit der Antike ist mit schwer überwindlichen Hindernissen verknüpft wegen der spärlichen Reste der Fachliteratur, die aus dem allgemeinen Zusammenbruch gerettet worden sind, und wegen der Mannigfaltigkeit der äußeren Einflüsse, welche sich teils wirr durchkreuzen, teils seltsam miteinander verketten; auch finden sich inmitten der Zersetzung gewisse unscheinbare Keime, die viel später, nach langer Ueberwinterung, für die Neuentfaltung der Heilkunst bedeutsam werden sollten. Wir müssen uns daher bescheiden, bloß auf jene Hauptfaktoren aufmerksam zu machen, welche in besonders auffallender Weise für die Gestaltung der nachgalenischen Medizin maßgebend gewesen sind.
In der Literatur wird der Verfall der Medizin zwar erst im 3. Jahrhundert offenkundig, für den weit früher einsetzenden Niedergang bieten aber vor allem schon die Klagen Galens über die ärztlichen Verhältnisse seiner Zeit genügenden Anhaltspunkt; mögen sie im einzelnen auch mancher Korrektur bedürfen, so hat doch die weitere Entwicklung im großen und ganzen ihre Berechtigung außer Frage gestellt.
Das imposante Lehrsystem Galens täuscht über den im 2. Jahrhundert bereits eingetretenen Niedergang der Medizin bloß hinweg, ähnlich wie die Kunstblüte unter Hadrian und die philosophische Strömung unter den Antoninen eine Wiedergeburt echten Hellenentums vorspiegelt, während doch die antike Geistesharmonie längst verklungen war. Galen ist eher der Nachhall einer großen Vergangenheit als der Repräsentant einer Epoche, die seine hohen Ziele gar nicht mehr zu würdigen vermochte; übrigens selbst an ihm gewahrt man Züge, welche von der hippokratischen Ursprünglichkeit und Denkfreiheit grell abstechen und die Alterung der Kultur verraten.
Durch die versuchte Wiederherstellung des Hippokratismus und der anatomisch-physiologischen Forschung suchte Galen seine ärztlichen Zeitgenossen aus der roh empirischen Praxis und dem fruchtlosen Sektenstreit emporzuheben, aber sein Bemühen blieb zu seinen Lebzeiten nahezu unbeachtet und wirkungslos. Dieses mißlungene Unternehmen bildet ein Analogon zu ähnlichen Erscheinungen auf anderen Kulturgebieten. Es läßt sich nämlich im 2. Jahrhundert ein allgemeines gewolltes Rückströmen zur besseren Vergangenheit nachweisen — in der Religion, Kunst, Literatur, Sprache —, ohne daß aber durch die Anknüpfung an die klassische Antike eine wirkliche Neubelebung und Fortbildung ihres Ideengehaltes erzielt worden wäre; trotz sorgsamster Pflege der Künste und Wissenschaften, trotz eifrigster Förderung von seiten der fürstlichen Mäcenaten (Denkmäler, Bauten, Errichtung von Bildungsanstalten, Bibliotheken etc.) vermochte diese nicht im Volke wurzelnde, sondern vom Hofe erkünstelte Renaissance weder tief, noch nachhaltig zu wirken, sie war nicht so sehr eine Wiedergeburt des echt antiken Wesens als eine virtuose Nachahmung und Kombination der antiken Formen; scheiternd am Unvermögen der Epoche, führte sie jedenfalls zu keiner Verjüngung der Schaffenskraft. Zwar äußerten sich Kunst und Wissenschaft in einem reichen, überraschend vielseitigen Streben, aber es fehlte an bahnbrechenden Geistern, welche sich über den Eklektizismus zu freier Gestaltung erhoben, und in der kalten Glätte akademischer Konvention, höfischer, deklamatorischer Gelehrsamkeit verglomm der Funke des Genies. Wo strenge Methodik die Richtschnur gab, wie in der Astronomie, konnte ein Ptolemäus erstehen, wo das formale Denken maßgebend ist, wie in der Jurisprudenz, wurden bedeutende Fortschritte gezeitigt (Julianus, Pomponius, Gajus, Papinianus), und soweit Vielwisserei, dialektische Gewandtheit, Eloquenz zum Ziele führen, brachte das Jahrhundert sehr ansehnliche Leistungen hervor, so in der Grammatik, Lexikographie, Philologie, in der Periegetik (Pausanias), Biographik und Geschichtsschreibung (Plutarch, Suetonius, Arrian), namentlich aber in der Sophistik und Rhetorik (Aristides, Fronto); hingegen schlummerte die Dichtkunst, selbst ein so poetisch veranlagter Geist wie Apulejus wandte sich der Prosa des Romans zu (Amor und Psyche), und so bewunderungswürdig die Architektur, die Plastik aus jener Zeit sein mag, an dem Maßstab der klassischen Antike gemessen, sie zeugt doch eher von glänzender Technik als von originärem Schaffen; die Philosophie verblaßte zur moralisierenden Lebensweisheit, die Wissenschaft litt unter einer unkritischen Sammelwut, einer wichtigtuerischen Geschäftigkeit, einer deklamatorischen Schönrednerei, was die Schriften eines Gellius, Athenaios und Aelian deutlich genug zeigen.
In Lukian, dem Meister der Satire, belächelt sich das Jahrhundert selbst. Wir sehen aus seinen unvergänglichen Sittenschilderungen, wie sich unter einer prächtig schimmernden Oberfläche gleisnerische Tugendheuchelei, hohle Vielwisserei und rohester Köhlerglaube verbarg. Die lasterhafte, schwindelhafte Hyperkultur des 2. Jahrhunderts war der Vorbote des Verfalls in den kommenden Tagen.
Die Ursachen des Niedergangs der antiken Medizin sind zunächst in ihrem wissenschaftlichen und praktischen Betriebe zu suchen. Aufgebaut auf dem Flugsande der Spekulation, ohne die sichere Stütze exakter Methoden, mußte die antike Forschung unvermeidlich erlahmen, sowie einmal die philosophischen Leitideen spärlicher zuflossen oder gänzlich versiegten; in ihren Fortschritten auf die Genialität einzelner überragender Persönlichkeiten angewiesen, stand die antike Heilkunst still, wenn die Mittelmäßigkeit das Feld beherrschte. Es fehlte im Altertum jederzeit an einer rezeptiven Masse, welche die Kontinuität der Forschung aufrecht erhielt und dasjenige durch mühsame Einzelarbeit ausbaute, was in den Fundamenten von den Meistern angelegt worden war. In der Blütezeit überwanden wohl wahrhaft große, mit hippokratischem Geiste, mit naturwissenschaftlichem Blicke begabte Aerzte die Schwächen der Methodik, die Irrwege der Spekulation, aber im Fortgang des Ganzen machten sich doch auch schon damals die Mängel bemerkbar; es gab wohl leuchtende Meister, aber nur wenige ihrer würdige Schüler, da die Mehrzahl sich einfach damit begnügte, einer doktrinären Sekte anzugehören; darum litt der geschichtliche Verlauf der antiken Medizin beständig unter stürmischen Schwankungen, darum gab es zwar hoffnungsvolle Anfänge, aber es fehlte die fortzeugende Kraft für eine systematische Fortbildung der klinischen Untersuchung, der anatomisch-physiologischen Forschung. In dem Maße, als sich die hellenische Medizin über das römische Weltreich verbreitete, ohne auch an innerem Werte ihrer Vertreter zu gewinnen, in dem Grade, als die von früher überkommenen Theoreme bei den neuen Erfahrungen (vorher unbekannte Krankheiten, zahlreiche neue Heilsubstanzen) versagten, mußten die Uebelstände fortwährend anwachsen, und der Durchschnittsarzt wurde unerbittlich vor das Dilemma gestellt, entweder einer der Sekten durch dick und dünn zu folgen oder der planlosen Empirie anheimzufallen, denn es mangelte an jener Unterrichtsweise, welche nicht nur Traditionen und Kenntnisse vermittelt, sondern den Jünger zu einer selbständigen, kritischen Tatsachenbeobachtung anleitet.
Soweit die eigentlich praktische Ausbildung in Betracht kommt, verharrte der medizinische Unterricht im Grunde auf einer Entwicklungsstufe, welche den viel einfacheren Verhältnissen des hippokratischen Zeitalters entsprochen hatte, d. h. die Schüler empfingen in den Iatreien von ihrem Lehrer poliklinische Unterweisung oder begleiteten denselben bei seinen Krankenbesuchen. Die medizinischen Hilfswissenschaften wurden hauptsächlich an den allgemeinen höheren Bildungsanstalten, welche nach dem Vorbild Alexandrias allmählich entstanden, gepflegt; doch wurde hierbei der Nachdruck auf die iatrosophistischen Theoreme gelegt, die nur zu spitzfindigen Diskussionen, zu subtilen dialektischen Uebungen, selten zu wirklich realen Untersuchungen Anlaß gaben; übersponnen mit Sophismen, entartete sogar der anatomische Unterricht, welcher sich lediglich auf Büchergelehrsamkeit oder höchstens Tiersektionen stützte und unter dem Einfluß der methodischen Schule bloß auf das notwendigste beschränkt wurde. Eine Organisation der Lehrer zu einer gemeinsamen planmäßigen Unterrichtstätigkeit scheint an den Hochschulen nicht bestanden zu haben. Die Ausbildung, welche der einzelne empfing, hing von sehr verschiedenen Umständen ab, da sie keiner staatlichen Ueberwachung unterlag; seit dem 3. Jahrhundert läßt sich zwar ein gewisses Streben nach Verbesserung der Unterrichtsverhältnisse nicht verkennen, insofern staatlich besoldete Aerzte von Ruf mit der Unterweisung von Schülern betraut wurden, aber diese Reform kam viel zu spät, denn der wissenschaftliche Geist war damals schon im Erlöschen.
Unsere Kenntnisse über das medizinische Unterrichtswesen der Alten sind höchst lückenhaft, so viel aber steht fest, daß der römische Staat erst in der späten Kaiserzeit auf dasselbe direkten Einfluß nahm, ohne jedoch jemals die Ausübung der Praxis von einem bestimmten Befähigungsnachweis abhängig zu machen.
Abgesehen von der privaten Unterweisung durch einzelne Aerzte — einer Sitte, die sich beständig erhielt — gab es schon früh, soweit hellenischer Einfluß reichte, im Osten ärztliche Schulen, welche gewöhnlich mit den allgemeinen höheren Bildungsanstalten verbunden waren. Großen Rufs erfreuten sich z. B. die Schulen von Alexandria[1], Athen, Antiochia, Berytos. Zu nicht geringem Ansehen gelangten späterhin auch manche Lehranstalten Galliens, in denen die Medizin gepflegt wurde, z. B. in Massilia, Burdigala, Lugdunum, Nemausus, Arelate. Was Rom anlangt, so stand zwar das medizinische Vortragswesen (bisweilen mit Disputationen verbunden) in Blüte, wir hören auch von öffentlichen Disputationen, doch war Rom weniger eine Pflegestätte als der große Markt für die Wissenschaft, erst durch Alexander Severus (225-235 n. Chr.) wurden den Aerzten eigene Hörsäle eingeräumt, in denen besoldete Lehrer Unterricht zu erteilen hatten. Da die Lehrer an den Hochschulen wohl vorwiegend gelehrte Theoretiker (Iatrosophisten) waren, welche nach Philosophenart die Probleme spitzfindig erörterten, so ruhte wahrscheinlich die eigentlich praktische Ausbildung stets mehr in der Hand jener Aerzte, welche sich mit der Unterweisung von Schülern abgaben[2].
Infolge der absoluten Lehrfreiheit und der mangelnden staatlichen Aufsicht über die erlangte Befähigung, herrschten bei denjenigen, die als Aerzte auftraten, die größten Unterschiede im Wissen und Können; hielt doch der Methodiker Thessalos sechs Monate zur Erwerbung der medizinischen Kenntnisse für genügend, während Galen, der eine universelle Bildung des Arztes als Postulat aufstellte, elf Jahre für das Studium forderte. Somit hing es vom Eifer des einzelnen und von der Art des Lehrers ab, ob aus dem Jünger ein wirklicher Arzt oder ein unwissender Scharlatan wurde[3].
Ein wohlgeordneter medizinischer Studiengang begann schon früh (im 14. oder im 15. Lebensjahre oder noch vorher), er setzte eine allgemeine Vorbildung voraus (in der fälschlich dem Soranos zugeschriebenen Schrift „in artem medendi isagoge” werden Grammatik, Literaturkenntnis, Rhetorik, Mathematik und Astronomie gefordert) und erstreckte sich auf Anatomie, Physiologie, Heilmittellehre, Krankheitslehre und Therapie. Was den Unterricht in der Anatomie betrifft, so waren mit demselben im besten Falle Sektionen tierischer Kadaver und Demonstrationen der äußerlich sichtbaren Teile am Menschen verbunden (vgl. Bd. I, S. 348), vielleicht dienten auch Zeichnungen dem Lehrzwecke. Unter dem Einflusse der Methodiker begnügte sich gewiß die Mehrzahl mit der Kenntnis der Benennungen der Körperteile; die theoretische Erörterung des Nutzens derselben bildete das Um und Auf des physiologischen Unterrichtes. Besonderen Wert legte man auf gründliche Unterweisung in der Arzneimittellehre und Arzneibereitung[4] — hier wirkten kolorierte Kräuterbücher und botanische Exkursionen unterstützend. Galen trat in verdienstvoller Weise für den Anschauungsunterricht ein und meinte: „Die Jünglinge müssen die Dinge nicht bloß ein- oder zweimal, sondern oft sehen, denn nur wenn man sie recht häufig betrachtet, erlangt man eine gründliche Kenntnis derselben.” Der praktischen Ausbildung am Krankenbette wurde insofern Rechnung getragen, als manche Aerzte ihre Schüler nicht nur in den Iatreien unterwiesen, sondern sich von ihnen auch zu den Kranken begleiten ließen, damit sie durch Augenschein und Untersuchung die pathologischen Erscheinungen studieren und die Behandlungsweise praktisch erlernen könnten. Philostratus (Vita Apollonii Tyanensis) berichtet uns von zwei Aerzten, die von mehr als dreißig Jüngern begleitet bei den Patienten erschienen, und Martial gibt der Klage der Patienten über die Belästigung durch den Schülerschwarm in folgenden Versen Ausdruck:
„Languebam sed tu comitatus protinus ad me
Venisti centum, Symmache, discipulis.
Centum me tetigere manus Aquilone gelatae
Nec habui febrem, Symmache, nunc habeo.”
Wahrscheinlich ließ man sich die Benützung der Militärlazarette zum Zwecke der ärztlichen Unterweisung nicht ganz entgehen, auch dürften die Sklaven, welche auf Wunsch ihrer Herren zu Aerzten herangebildet wurden, in den Valetudinarien der Großgrundbesitzer praktischen Unterricht empfangen haben. Aber die wichtigste Pflegestätte des ärztlichen Unterrichts — öffentliche Krankenhäuser — fehlte, und nur schwachen Ersatz boten die Iatreien, welche bloß vorübergehend zur Aufnahme und Nachbehandlung von Kranken verwendet wurden. In einem kürzlich veröffentlichten Papyrus aus nachchristlicher Zeit tadelt es ein Arzt namens Archibios, daß der chirurgische Unterricht mit theoretischen Untersuchungen beginne, anstatt daß der Schüler sofort praktisch in den einfachsten Handgriffen ausgebildet werde.
Die Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Grundlagen und der Untersuchungstechnik, die Mängel des medizinischen Unterrichtswesens bewirkten es, daß die Qualität des antiken Arztes weit weniger von der genossenen Ausbildung als von den individuellen Anlagen abhing. Solange nur wirklich Berufene den ärztlichen Beruf ergriffen, ersetzte das künstlerische Wirken oft sehr glücklich die Lücken des Wissens, und die Eigenart der Begabung konnte sich umso freier entwickeln, als sie durch keine Schablone behindert wurde. Was aber in Althellas die Blüte der Medizin geradezu beförderte: die absolute Lehr-, Lern- und Berufsfreiheit gestaltete sich unter den ganz anders beschaffenen Verhältnissen der römischen Welt zur Quelle des Verfalls der ärztlichen Praxis, wurde zur Ursache der wissenschaftlichen und ethischen Depravation.
In Rom konnte ja jeder, der sich dafür ausgab, als Arzt auftreten, ohne daß die Erfüllung irgendwelcher gesetzlicher Vorschriften die Würdigkeit verbürgte; die ärztliche Verantwortlichkeit war eine sehr beschränkte. Wie ein Magnet zog die Hauptstadt immer neue Ankömmlinge an sich, welche dort ihr Glück zu machen hofften. Im Getümmel des großstädtischen Lebens, bei der Sucht, in erster Linie dem Publikum zu gefallen, erlahmte die ehrliche Forschung, die gewissenhafte Praxis, und der hohe ärztliche Beruf sank zum Gewerbe herab. Der Geschäftsgeist, die Scharlatanerie, die Reklame fand einen günstigen Boden, nicht immer siegte der Bessere, sondern öfter jener, der durch Polypharmazie, neuartige oder geheimnisvolle Heilverfahren zu imponieren verstand, dessen ethisches Empfinden auch vor bedenklichen Mitteln nicht zurückbebte. Wenn auch der fanatische Sektenhader und das überwuchernde Spezialistentum eine Art von Wissenschaftlichkeit noch vorspiegelten, wenn auch manche Aerzte in öffentlichen Disputationen oder Vorträgen mit einer nichtigen Gelehrsamkeit prunkten — im Leben entschied ausschließlich der Erfolg bei der Menge, und immer mehr verschwand die Grenzlinie zwischen dem echten Heilkünstler und dem Pfuscher.
Der ärztliche Stand war aus Elementen zusammengesetzt, welche die größten Verschiedenheiten in Bezug auf Herkunft, Erziehung und Wissen darboten, und von denen nicht wenige den Beruf nicht so sehr aus Liebe zur Kunst als aus schnöder Geldgier erwählt hatten. Dem wirklichen Praktiker durften sogar dilettantische Medikaster und betrügerische Kurpfuscher als gesetzlich gleichberechtigte Konkurrenten gegenübertreten, und allmählich wurde der Einfluß der Laien nicht nur maßgebend für das Ansehen, das der Heilkünstler genoß, sondern auch für den ganzen praktischen Betrieb der Medizin, für das Heilverfahren selbst. Nur die Chirurgie blieb als unantastbares Gebiet der fortgeschrittenen Technik diesem Einfluß entzogen.
Die ungleichmäßige Ausbildung, der Mangel eines staatlichen Prüfungswesens und die nur sehr beschränkte ärztliche Verantwortlichkeit[5] brachten es mit sich, daß die Aerzteschaft im römischen Reiche ein sehr buntes Bild zeigte. Selten wohl war der Stand mit Halbgebildeten, ganz Unberufenen und bewußten Betrügern in solchem Maße überfüllt wie damals. Neben dem gediegenen Praktiker, dem gewandten Chirurgen, glänzte der „Iatrosophist”, der seine Zuhörer mit gelehrt klingendem Wortschwall überschüttete, ohne eine einfache Krankheit behandeln zu können, und wie stets in Zeiten der Hyperkultur artete das Spezialistentum in lächerlichster Weise aus. Nicht genug, daß in Rom die interne Medizin von der Chirurgie getrennt war[6] — die Vertreter beider Fächer standen miteinander im besten Einvernehmen und riefen einander zu Konsilien —, es gab Augenärzte, Ohrenärzte, Zahnärzte, Bruchärzte, Steinoperateure, Frauenärzte, Hautärzte etc. Gewiß lag der Grund dieses Spezialistentums weit seltener in wirklich hervorragenden Leistungen als in dem Umstande, daß seine Träger bloß auf einem engbegrenzten Gebiete der Heilkunde in kürzester Zeit die dürftigsten praktischen Fertigkeiten erworben hatten. Nach Art echter Scharlatane gaben sich manche Spezialisten nur mit der Behandlung einzelner Leiden, z. B. der Wassersucht ab oder sie verwendeten nur eine einzige therapeutische Methode gegen alle möglichen Affektionen, z. B. Wasserbehandlung[7], Massage, Gymnastik, Wein-, Milch-, Kräuterkuren etc. Galen zählt diese Spielarten des Spezialistentums auf, aber daß es schon zur Zeit Martials nicht besser war, beweist eines seiner Epigramme, wo es heißt: „Cascellius zieht kranke Zähne aus oder ergänzt sie, Hyginus brennt die den Augen schädlichen Wimperhaare weg, Fannius beseitigt das triefende Zäpfchen, ohne zu schneiden, Eros entfernt die Brandmarken aus der Haut der Sklaven, Hermes gilt als der beste Arzt für Bruchschäden.” Am zahlreichsten und angesehensten unter den Spezialisten waren die Augenärzte, von denen zwar manche diesen Namen mit vollem Rechte trugen[8], viele aber sich nur einseitig mit der Behandlung des Trachoms, mit dem Starstechen etc. abgaben oder bloß einen schwunghaften Handel mit allerlei Kollyrien[9] und Augenwässern trieben. Die Trennung in medici ocularii und chirurgi ocularii war allgemein, doch vereinigte sich die operative und medikamentöse Behandlungsweise bisweilen in einer Hand. Die Geburtshilfe war, abgesehen von besonders schwierigen Fällen, Sache der Hebammen, deren zum Teil bei den Aerzten erworbene Ausbildung auf bemerkenswerter Stufe stand; es kann aber nicht verwundern, daß die Hebammen bei dem Ansehen[10] und Vertrauen, das sie genossen, ihre Kunst auch auf die Nachbargebiete (Frauenleiden, Kinderkrankheiten), ja zuweilen selbst auf die ganze Heilkunde ausdehnten; die Aerztinnen (medicae, ἰατρίναι), von denen wir hören, dürften überhaupt größtenteils aus dem Hebammenstande hervorgegangen sein. Diese verschiedenen Aerztegruppen, welche ohnedies schon an einem Ueberfluß von Mitgliedern litten und sehr viele minderwertige oder gar anrüchige Elemente unter sich bargen, hatten noch den Konkurrenzkampf mit Astrologen[11], Wundertätern, Exorzisten, oder mit Kurpfuschern niedriger Sorte zu führen, welch letztere sich namentlich aus den Arzneikleinhändlern rekrutierten[12].
Schwer fällt es auch ins Gewicht, daß die Aerzte Roms sehr verschiedenen sozialen Schichten angehörten, was natürlich nicht ohne Einfluß auf das Ausmaß der Durchschnittsbildung und auf die Standesethik bleiben konnte. Nicht bloß, daß sich unter den zahlreichen Griechen und Orientalen[13], welche als Aerzte in der Weltstadt ihr Glück machten, Abenteurer bedenklichster Sorte befanden, nicht bloß, daß Leute von geringem Bildungsgrade, ehemalige Handwerker, ihr vermeintliches Talent entdeckten und ihr Gewerbe mit dem lockenden Berufe des Heilkünstlers vertauschten[14] — eine Menge von Aerzten entstammte dem Sklavenstande (servi medici und liberti medici)[15]. Viele derselben eigneten sich aber gewiß auch ihrer ganzen Ausbildung nach eher zu Heilgehilfen als zu Vertretern echten Arzttums. Die, wie bei vielen anderen Berufen, auch bei den Aerzten der Kaiserzeit bestehenden Genossenschaftsverbände, die „Collegia medicorum”, scheinen für die Hebung des Standes wenig geleistet zu haben[16].
Eine Remedur erfuhr die schädliche Gleichstellung des wirklichen Arztes mit dem Pfuscher erst allmählich in dem Maße, als die Verleihung besonderer staatlicher Vorrechte und namentlich die Anstellung im öffentlichen Sanitätsdienste die Handhabe dazu bot, die minderwertigen Elemente gebührend zurückzuweisen. Die üblen Erfahrungen, die man hie und da zweifellos machte, spiegeln sich in den Gesetzesbestimmungen der späteren Kaiserzeit deutlich ab. Nachdem Julius Cäsar allen Aerzten das Bürgerrecht erteilt hatte, und dieselben durch die Verfügungen des Augustus, Vespasian, Trajan, namentlich aber durch die Gunst Hadrians, schließlich die volle Immunität (Befreiung von Abgaben, von der Uebernahme gewisser Aemter etc.) erlangt hatten, erfolgte schon unter Antoninus Pius eine bedeutsame Einschränkung der Vorrechte. Dieser Kaiser verfügte nämlich, daß die Immunität in vollem Umfange nur einer bestimmten Zahl von Aerzten zukommen solle, so zwar, daß in jeder Stadt, je nach ihrer Größe, nur fünf, sieben, höchstens zehn das Vorrecht genießen durften, womit aber gewisse Verpflichtungen verbunden waren. Um dem wahren Verdienste den Weg zu bahnen, legte dann Alexander Severus das Recht der Immunitätsverleihung in die Hand der stimmberechtigten Bürger und Grundbesitzer, „ut certi de probitate morum et peritia artis eligant ipsi, quibus se liberosque in aegritudine corporum committant”, und wenn er in der Sorge um den Unterricht Aerzten Besoldungen für den unentgeltlichen Unterricht armer, freigeborener Jünglinge aussetzte, so sind unter den „medici” sicher nur jene zu verstehen, welche ihr Anrecht schon durch geleistete Dienste (hauptsächlich wohl im öffentlichen Sanitätswesen) erwiesen hatten. Einen Lichtpunkt in der Zeit des erstarkten Aberglaubens bildet es auch, daß, dank dem aufgeklärten Ulpian, die Zauberärzte und Dämonenbeschwörer im Gegensatz zur Volksmeinung wenigstens von der Gesetzgebung nicht als wirkliche Aerzte betrachtet und daher von der „extraordinaria cognitio” (Vergünstigung, die Honorarklagen vor den Praeses provinciae zu bringen) ausgeschlossen wurden. Unter den Berechtigten sind die Aerzte mit Einschluß der Spezialisten und die Hebammen aufgezählt, dann aber heißt es: „Nec tamen si incantavit, si imprecatus est, si, ut vulgari verbo impostorum utar, exorcizavit. Non sunt ista medicinae genera, tametsi sint, qui hos sibi profuisse cum praedicatione affirment.” — Die bei den Griechen schon von alters her bestehende Institution der Gemeindeärzte[17] bürgerte sich auch im römischen Reiche ein, und jedenfalls seit dem 2. Jahrhundert besaßen wohl die meisten Städte besoldete Aerzte, welche die ärmeren Bürger unentgeltlich oder gegen geringes Honorar behandelten; seit der Zeit Valentinians I., durch welchen das Gemeindearztwesen fester gestaltet wurde, führen sie in den Gesetzesvorschriften den Titel „Archiatri populares” — im Gegensatze zu den Hofärzten, den „Archiatri palatini”[18]. Außer den Stadtärzten gab es noch eine ganze Reihe von Aerzten, welche in öffentlichen Diensten standen, so die medici ludi gladiatorii, welche die Gesundheit der Gladiatoren und ihr diätetisches Regime zu überwachen hatten, die medici ludi bestiarii, welche bei den Tierkämpfen anwesend waren und für die Verwundeten Sorge trugen, die Aerzte für das Personal des summum choragium (d. h. für die bei den dramatischen Schauspielen Beschäftigten ═ Theaterärzte), für das Personal der öffentlichen Gärten, der Bibliotheken (medici a bibliothecis) u. a. Außerdem waren bei den meisten Berufsgenossenschaften, den Kollegien, besoldete Vereinsärzte angestellt, ebenso hatten die Vestallinnen eigene Aerzte. Seit Augustus wurde auch das Heer mit Aerzten versehen und zwar jede Truppengattung. Die Aerzte der Legionen und der prätorischen Kohorten mußten römische Bürger sein, während bei den „Cohortae vigiles” (Polizeiwache) und den Hilfstruppen auch liberti oder peregrini angestellt sein konnten. Die Militärärzte[19] besaßen den Rang von Unteroffizieren. Die verwundeten und kranken Soldaten wurden in Zelten und Lazaretten (Valetudinaria) behandelt.
Was die Honorarverhältnisse anlangt, so herrschten im einzelnen die größten Unterschiede, je nach dem Ruf, welchen der Arzt genoß, je nach der sozialen Schichte, in der er wirkte. Während zahlreiche Aerzte, namentlich solche, die Armenpraxis übten, zeitlebens arm blieben, und der Durchschnittsarzt durch die große Konkurrenz zu sehr geringen Honorarforderungen gezwungen wurde (in der älteren Zeit betrug das Honorar für einen Besuch einen Nummus) — hören wir von einzelnen Glücklichen, die als Leibärzte, Konsiliarärzte oder Spezialisten unglaubliche Summen erwarben. Beispielsweise sei nur angeführt, daß die Leibärzte Quintus Stertinius und C. Stertinius Xenophon 30 Millionen Sesterzen hinterließen, oder daß der Legat Manilius Cornutus für die Behandlung eines Hautleidens 200000 Sesterzen bezahlte.
Die große Konkurrenz im Verein mit der geringen Verantwortlichkeit des Berufes züchtete begreiflicherweise eine Scharlatanerie, der sich selbst die ehrenwertesten Mitglieder des Standes im Kampfe ums Dasein nicht gänzlich zu entziehen vermochten, und wir sehen in jenen Zeiten alle Formen der Reklame vertreten, von der theatralischen Ausführung der Operationen vor einer Menge von Zuschauern und der Abhaltung populärer Vorträge herab bis zur marktschreierischen Anpreisung von Heilmitteln (namentlich Geheimmitteln)[20], ja bis zum Hereinrufen der Patienten in die ärztlichen Buden; gerade die Unwissendsten staffierten ihre Lokale am glänzendsten aus (mit elfenbeinernen Büchsen, silbernen Schröpfköpfen, Messern mit vergoldeten Griffen), um sich einen möglichst großen Nimbus zu geben. Der Unfug, bei den unbedeutendsten Fällen wichtig zu tun, sofort beim Eintritt ins Krankenzimmer eine überflüssige Geschäftigkeit zu entfalten, die Kollegen herabzusetzen, um das eigene Wissen vor dem Publikum in das hellste Licht zu setzen, war sehr verbreitet, und manche Aerzte erniedrigten den ganzen Stand durch Streitigkeiten unter sich, durch rohes Benehmen oder aber durch sklavische Kriecherei und schmähliches Entgegenkommen für jede Laune der (reichen) Kranken.
Der Niedergang des ärztlichen Standes weckte den Spott der Satiriker und die Verachtung gelehrter Nichtärzte[21], ja aus seiner Mitte selbst erhoben sich schwere Anklagen[22], und wenn auch gewiß manches übertrieben oder zu sehr generalisiert ist, wenn sich auch vieles durch die Sitten der entarteten Zeitepoche entschuldigen läßt — das Uebel saß tief, entwurzelte das Vertrauen zur Berufsmedizin und förderte das Emporkommen der Volksmedizin, wie die Folgezeit lehrt.
Es verdient besondere Beachtung, daß der Niedergang der wissenschaftlichen Medizin gerade in jener Epoche eintrat, in der das Interesse der Laien für die Heilkunde den Kulminationspunkt erreichte, und die regste Anteilnahme an medizinischen Fragen in allen Schichten der Gesellschaft zu finden war.
Kenntnis der Heilkunde verlangte schon Varro von den Gebildeten. Gellius (vgl. Bd. I, S. 310) sagt, daß es nicht bloß für den Arzt, sondern für jeden selbständigen Menschen, der eine gute Erziehung genossen habe, eine Schande sei, wenn er nicht über die Dinge, die den menschlichen Körper betreffen, Bescheid wisse und die Mittel kenne, welche zur Erhaltung der Gesundheit dienen. Nach Plutarch solle jeder seinen Puls kennen und jeder müsse wissen, was ihm schädlich oder nützlich sei. Athenaios empfahl geradezu, die Medizin zum Gegenstand des allgemeinen Unterrichts zu machen, da in jedem Berufe eine Kenntnis der Heilkunde nötig wäre und jeder Mensch auch Arzt sein müßte.
Begreiflicherweise kam das Interesse der Laien vorzugsweise in der Medikamentensucht zum Ausdruck. Diese beförderte den Empirismus aufs kräftigste, denn die Aerzte, buhlend um die Gunst der Reichen, warfen nur allzubald die hippokratischen Grundsätze über Bord. Während Pathologie und Diagnostik immer mehr vernachlässigt wurden, richtete man auf die Bezugsquelle, die komplizierte Komposition, die gefällige Ausstattung der Arzneien das Hauptaugenmerk, und die Rezeptbücher erlangten die hervorragendste Stelle in der ärztlichen Literatur. Nicht der wirkliche medizinische Wert, sondern die fremdländische Herkunft, die Kostspieligkeit, die Seltenheit gab den Ausschlag für den Rang, welchen das Heilmittel im Heilschatze einnahm. Gegen eine solche Art von medizinischer Praxis, welche nur dem Luxus der Reichen angemessen war, erhob sich natürlich alsbald das Streben, einfache leicht zu beschaffende Hausmittel einzuführen, und in dem Verhältnis, als das Vertrauen zur offiziellen Medizin sank, gelangte die lang zurückgedrängte Volksmedizin nach und nach auch in den höheren Schichten zu erneutem Ansehen.
So wie sich damals die verschiedenartigsten Religionsvorstellungen der gräko-italischen und orientalischen Kultur zu einem Ganzen mengten, erwuchs auch die Volksmedizin zu einem synkretistischen Gemisch der einheimischen und der viel zahlreicheren Heilgebräuche des Ostens, welche in überquellender Fülle durch Sklaven, Soldaten, Handwerker, Kaufleute, Quacksalber überall hin verbreitet wurden und zum großen Teile aus der uralten babylonisch-ägyptischen Priestermedizin herstammten. Eine literarische Sammelstätte fand die bunt zusammengesetzte Volksmedizin zuerst in der „Naturgeschichte” des älteren Plinius, jenes grimmigen Aerztefeindes, welcher den mit Aberglauben dicht durchsetzten Empirismus geradezu als eine notwendige Ergänzung der oft versagenden „medicina clinice” betrachtete und diese Anschauung umso siegesgewisser aussprechen durfte, als das Wesen der wissenschaftlichen Heilkunde in Rom stets etwas Fremdartiges, Unverstandenes geblieben war und wie etwas Divinatorisches angestaunt wurde.
Von verhängnisvoller Bedeutung aber wurde es, daß sogar ärztliche Autoren dem volksmedizinischen Aberglauben in der Fachliteratur einen ungebührlich großen Platz einräumten und ihn dadurch mit ihrer wissenschaftlichen Autorität deckten, wie schon Scribonius Largus, welcher in seinem Rezeptbuche manche abenteuerliche Volksmittel ernsthaft anriet, oder Archigenes, der bei gewissen Krankheiten die Anwendung von Amuletten empfahl[23]. Was der freigesinnte Geist des hippokratischen Zeitalters für immer ausgejätet zu haben schien, das Unkraut des medizinischen Mystizismus, schoß wieder mächtig empor und begann das edle Saatgut der Aufklärung zu überwuchern, da die in der Kaiserzeit besonders blühende Schule der Empiriker jedwedem angeblichen Heilmittel kritiklos Eingang gewährte[24].
Namentlich die spätrömische medizinische Literatur überlieferte, soweit sie Selbständigkeit besitzt, volksmedizinische Gebräuche mit einer Sorgfalt, welche wohl einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Umso erfreulicher ist es daher, daß doch auch den düstersten Zeiten Vertreter der nüchternen, wissenschaftlichen Heilkunde niemals gänzlich fehlten, und mag auch das beste, was sie leisteten, selten in neuen Errungenschaften, zumeist bloß in der Erhaltung der antiken Tradition bestanden haben, — allzu niedrig darf man ihre Leistung nicht einschätzen, wenn man sich nur einigermaßen in das Milieu versetzt, in welchem die Aerzte am Ausgang des Altertums zu wirken gezwungen waren!
Dieses Milieu charakterisierte sich unter anderem durch einen ausgesprochenen Hang zur magischen und priesterlichen Heilkunst.
Es wäre ein gewaltiger Irrtum, wollte man glauben, daß die rationelle Heilkunde die priesterliche und die magische Medizin jemals zum Verschwinden gebracht hätte, wie es die ärztliche Literatur der hellenischen Blütezeit vortäuscht — der aus grauer Vergangenheit fortgepflanzte naive Empirismus der Volkstradition, nicht minder die medizinische Thaumaturgie, sie konnten stets auf Anhänger zählen, da die wahre Kultur doch immer nur eine recht dünne Schichte bildet und die Kluft zwischen Gelehrten und Volk im Altertum noch größer war als in der Gegenwart. Während aber in Althellas ein Aristophanes den Wunderbetrieb der Asklepiostempel auf offener Bühne verhöhnen durfte, weil bloß die niedere Menge mit ganzem Herzen dem Aberglauben anhing, war schon in der Epoche der Diadochen der Widerstand der Gebildeten merklich erlahmt, um schließlich während der römischen Kaiserzeit völlig zu versiegen. Stand anfangs die stärker suggestiv wirkende Wundermedizin des Orients im Vordergrunde, so trieb doch die Zeitströmung allmählich auch den einheimischen Mystizismus an die Oberfläche und brachte namentlich den früher belächelten, von den höheren Schichten gemiedenen Tempelspuk der Asklepieien zu ungeahnt großem Ansehen in allen Kreisen. Die unter den traurigen allgemeinen Verhältnissen beständig anwachsende Sehnsucht nach Heil, gepaart mit einer seltsamen Stimmung fürs Wunderbare, konzentrierte schließlich das religiöse Empfinden in ganz besonderem Grade auf Asklepios und erwartete von ihm Erlösung nicht nur von den körperlichen, sondern auch von allen sonstigen Uebeln.
Der medizinische Wunderglaube erlangte in der römischen Kaiserzeit geradezu kolossale Dimensionen, hauptsächlich unter dem Einflusse orientalischer Magier, Zauberer, Priester, Exorzisten[25], welche die im Volke stets wurzelnde dämonistische Krankheitsauffassung nährten und verbreiteten. Späterhin gegen den Unfug erlassene Gesetzesbestimmungen (Caracalla, Diokletian, christliche Kaiser) vermochten die Hochflut des Aberglaubens nicht einzudämmen.
Die Hauptmittel der magischen Therapie waren Zauberformeln (Besprechen, Beschwören), Amulette, mystische Prozeduren und Sympathiemittel. Was die Zaubersprüche anlangt, so erfreuten sich neben gewissen altehrwürdigen einheimischen Formeln[26] solche des höchsten Ansehens, welche orientalische (ägyptische, babylonische, persische) Worte enthielten, ihnen wurde eine ganz besondere magische, dämonenbezwingende Kraft beigemessen[27]. Die Amulette wurden aus pflanzlichen, tierischen Stoffen, aus Steinen (z. B. Jaspis als geburtsförderndes Amulett) oder Metallen (in Form von Täfelchen, Ringen, Nägeln) verfertigt und zumeist am Halse oder an einem Arme getragen; eine beliebte Abart bestand aus einem Stückchen Pergament oder einem Täfelchen, auf welchem magische Zeichen, Sprüche, Zauberworte etc. angebracht waren. Magische Prozeduren nahm man bei der Anwendung von Heilmitteln, ja sogar beim Ausgraben von Heilpflanzen vor (Hersagen von magischen Worten, Dämonenanrufungen, Libationen, Räucherungen). Von „Sympathiemitteln” bringt uns Plinius und die aus ihm schöpfende spätlateinische medizinische Literatur ungemein viele Beispiele. Wie stark der Glaube an ihre Wirkung selbst unter Gelehrten verbreitet war, geht unter anderem aus dem „Lügenfreund” des geistvollen Lukian hervor[28].
Auch der Kult der Heilgötter erhob sich zu neuem Leben. Zwar standen Asklepios, Isis und Serapis im Vordergrunde, doch hatte fast jedes Land, jede Provinz eine eigene heilbringende Schutzgottheit oder einen wundertätigen Heros[29], und getragen von der mächtigen religiösen Strömung vollzogen kraft göttlicher Inspiration auch auserwählte Sterbliche Wunderheilungen[30].
Den Heilgöttern wurden neue Tempel in Menge errichtet[31], Scharen von Heilbedürftigen wallfahrteten dahin, und niemals genoß die Inkubation solches Ansehen wie in der Kaiserzeit; dies gilt namentlich von den Traumorakeln des Asklepios[32].
Das berühmteste Heiligtum des Asklepios war in der Kaiserzeit dasjenige von Pergamos. Den Asklepieien widmeten hervorragende Autoren, wie Strabon und Pausanias, eingehende Beschreibungen. Während noch Cicero den Ausspruch tat: medicina sublata, tollitur omnis auctoritas somniorum, leitete man jetzt alle Errungenschaften der wissenschaftlichen Heilkunde mit Vorliebe aus den Votivtafeln der Tempelmedizin her. Was den Kurbetrieb in den Asklepieien betrifft, so spielten in vielen Fällen die hygienisch-diätetisch-medikamentösen Maßnahmen[33], sei es, daß sie die Vorkur bildeten oder durch die Inkubation inspiriert wurden, eine sehr bedeutende Rolle (die Patienten hatten bisweilen beim Erwachen eine ärztliche Verordnung, Rezept u. dergl. in der Hand); aber selbst dann, wenn bloß der Tempelmystizismus in Form absurder Vorschriften zur Geltung kam, konnte bei der außerordentlichen Suggestibilität der Menge oft schon vermöge der Einbildungskraft ein psychotherapeutischer Effekt erzielt werden, und manches spricht dafür, daß man auf die geistige Individualität des Kranken oft Rücksicht nahm. Auch ganz prosaisch klingende ärztliche Verordnungen oder sinnlich faßbare Vorgänge erschütterten den Glauben an eine übernatürliche Wunderkraft nicht im geringsten, weil man sich an Asklepios eben als wirklichen Heilkünstler wandte und daher alles als göttlich inspiriert ansah. Jedenfalls fügten sich die Patienten, wie Galen richtig bemerkt, viel williger, als wenn dasselbe Mittel außerhalb des Tempels von einem Arzte verordnet wurde. Die Aerzte scheinen zur Priesterschaft in guten Beziehungen gestanden zu haben, sie empfahlen unter Umständen wohl selbst dem Kranken, den Heilgott um Traumeingebungen anzuflehen und führten zuweilen dessen Befehle aus. Es läge nahe, darin ein Stück ärztlicher Politik, ein Durchblicken des wahren Sachverhalts zu vermuten, aber die Sprache, die ein sonst so skeptischer Denker, wie Galen, über die Wundertaten des Asklepios führt (vgl. Bd. I, S. 356), gibt einer solchen Annahme keine Stütze, erzählt uns doch der Pergamener ganz treuherzig mehrere angebliche Wunder des Heilgotts[34]. Wenn aber ein Galen so dachte oder doch so schrieb, kann es uns nicht mehr befremden, daß nichtärztliche Autoren dieser Epoche die absurdesten Fabeln aus den Asklepiostempeln für bare Münzen nahmen, z. B. Aelian[35]. Ein krasses Beispiel der Leichtgläubigkeit, ja geradezu einer schwärmerischen Hingabe an den Asklepiosglauben, liefert der Rhetor Aristides[36], dessen „heilige Reden” allerdings auf ein stark neuropathisches Wesen deuten.
Mit welchem Erfolg unter solchen Umständen auf die Leichtgläubigkeit der Masse von schlauen Betrügern spekuliert werden konnte, beweist die von Lukian so plastisch geschilderte Abenteurerlaufbahn des Lügenpropheten Alexandros von Abonuteichos (105-175), welcher sich für einen direkten Abgesandten des Asklepios ausgab und nach mancherlei Wundererscheinungen dem Gotte in seiner Vaterstadt eine, bald von zahllosen Gläubigen besuchte, Orakelstätte errichtete; hier sprach der Heilgott selbst, durch den Mund einer Schlange, und die Fragenden empfingen die Antworten auf versiegelten Schreibtafeln. Umgeben von einem Stab geschickter Helfershelfer und im Bunde mit der benachbarten Priesterschaft, verstand es der Scharlatan, seine Täuschung mehr als 20 Jahre hindurch aufrecht zu erhalten, nicht nur unter dem Volke, sondern auch in den vornehmsten Kreisen begeisterte Anhänger zu gewinnen und aus seinem großangelegten Unternehmen bis zu seinem Tode regelmäßige reiche Einnahmen zu ziehen. Ganz besonders kam dem Betrüger die Kleinmütigkeit zu gute, welche während der Antoninischen Pest um sich griff, und die er klug auszunützen wußte; herumwandernde Emissäre steigerten noch überall die Furcht vor den kommenden Ereignissen, um die Amulette Alexanders vorteilhaft verkaufen zu können, und fast über jeder Haustüre las man einen von ihm in alle Länder geschickten albernen Vers, welcher lautete: „Phöbus, dess' Haar ungeschoren, vertreibt das Gewölke der Krankheit.”
Am mächtigsten entfaltete sich die Giftblüte des medizinischen Mystizismus stets in jenen traurigen Zeiten, in denen verheerende Seuchen, aller menschlichen Vorkehrungen, aller ärztlichen Hilfe spottend, ihre Opfer forderten und weithin Angst und Entsetzen, Jammer und Elend trugen. In der Nacht der Verzweiflung lockt dann unwiderstehlich, als einziger Hoffnungsschimmer, das Irrlicht der übernatürlichen Mittel.
Das römische Reich wurde in der Zeitperiode von 170-270 n. Chr. von schweren und langandauernden Epidemien heimgesucht (Pest des Antonin, Pest des Cyprian), wobei noch überdies ungewöhnliche Naturerscheinungen (Ueberschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Kometen) die durch mörderische Kriege und Hungersnot hart mitgenommene Bevölkerung in größten Schrecken versetzten. Kann es unter solchen Umständen verwundern, wenn man gegen die maßlosen Leiden nur noch von höheren, überirdischen Gewalten Rettung erhoffte, wenn die Heilkunst beinahe den Händen der Aerzte entglitt, um dafür von Beschwörern, Zauberern, Priestern aufgegriffen zu werden?
Aber so bedeutungsvoll diese äußeren Ereignisse gewesen, so setzten sie doch, um zur vollen Wirkung gelangen zu können, bereits eine tiefwurzelnde Empfänglichkeit für medizinische Wunder voraus, und namentlich die überraschend große Leichtgläubigkeit in den gebildeten Kreisen bliebe unverständlich, wenn nicht der allgemein und lange vorher verbreitete, alle Gebiete beherrschende Wunderglaube, die mächtig anschwellende religiöse Bewegung, die mystische Richtung der Philosophie den Schlüssel zur Erklärung bieten würde.
Das römische Volk war bekanntlich von Hause aus ganz besonders abergläubisch, die Griechen gerieten seit ihrer innigen Berührung mit dem Orient immer tiefer in die Netze des Wunderglaubens. Während sich in der klassischen Epoche wenigstens die geistige Elite gegenüber den Auswüchsen der Volksreligion und der morgenländischen Phantasie kühl ablehnend verhielt, macht sich seit dem Ausgang des 1. Jahrhunderts in der hellenisch-römischen Literatur eine bedeutende Wandlung bemerkbar, und wir gewahren zu unserer Ueberraschung, daß nicht bloß die wissenschaftlich dilettierende vornehme Welt[37], sondern sogar die gelehrtesten, geistvollsten Männer, allerdings in verschiedenem Grade, den abenteuerlichsten Wundergeschichten über merkwürdige Naturereignisse, Vorzeichen, Traumeingebungen[38], Prophezeiungen, Sterndeuterei, Zauberhandlungen, Gespenstererscheinungen etc. Glauben schenken und Dinge verteidigen, deren Unmöglichkeit sofort in die Augen springt. Wir wollen uns gar nicht auf die Uebertreibungen des Lukian stützen — es sei nur darauf verwiesen, daß in den wertvollen Schriften eines Pausanias, Sueton, Cassius Dio u. a. überzeugungsvoll von Prodigien und Geisterscheinungen gesprochen wird, daß die „Attischen Nächte” des Gellius, die „Geschichte der Tiere” des Aelian, die „Tischgespräche” des Plutarch, die alexandrinischen Mirabiliensammlungen von den lächerlichsten Wundermären geradezu strotzen, ohne daß die Erzähler auch nur leise Zweifel darüber hegen.
Aberglauben ist aber ein relativer Begriff, der den Gegensatz zur herrschenden Naturanschauung in sich schließt. Bei unserem Urteil über den Wunderglauben der alten Autoren dürfen wir daher keinesfalls den Maßstab der modernen Naturauffassung anlegen, welche auf der Voraussetzung eines unabänderlichen mechanischen Kausalnexus beruht, sondern wir müssen berücksichtigen, daß der antike Mensch die Möglichkeit des unmittelbaren Eingreifens überirdischer Gewalten nicht ausschloß und überall geheimnisvolle, nicht näher ergründbare Wechselbeziehungen der Dinge (Lehre von der Sympathie) annahm. Was uns als undenkbarer Bruch der Naturordnung erscheint, war der Mehrzahl der antiken Denker bloß ein ungewöhnliches Phänomen. So konnte es kommen, daß selbst ein Mann wie Plinius, welcher der Volksreligion ganz ferne stand und Gott mit der Natur identifizierte, eine Unzahl von Dingen anführt, die wir von unserem Standpunkte in den Bereich des tollsten Aberglaubens verweisen, ohne daß wir deshalb streng genommen berechtigt sind, den von unstillbarem Wissenstrieb beseelten Römer, im Sinne seiner Zeit, abergläubisch zu nennen. Tadelnswert bleibt nur jene Art der antiken Naturforschung, welche ohne wirkliche Nachprüfung einfach all dasjenige als erwiesen betrachtete, was eine größere Zahl von Beobachtern durch naive Sinneseindrücke angeblich erfahren haben wollte. Da mit durchaus mangelhaften Kriterien der Wahrheit gearbeitet wurde, konnte freilich auf die Dauer der Irrweg ins Gestrüpp des Volksglaubens und der Mystik nicht vermieden werden!
Trotzdem im Altertum einzelne Gebiete der Naturwissenschaft (Astronomie, Optik, Mechanik) in mathematischem Geiste bearbeitet, trotzdem von hervorragenden Denkern mechanische Grundgesetze klar formuliert wurden, stützte sich doch die Naturauffassung im großen und ganzen nur zum geringsten Teile auf wirklich deutlich erfaßte mechanische Begriffe[39]. Den schärfsten Ausdruck findet diese Tatsache darin, daß ganze Reihen von Naturvorgängen auf das Walten der Sympathie resp. Antipathie zurückgeführt wurden, d. h. auf eine nicht weiter erklärbare Wechselbeziehung der Dinge im Kosmos. Die Lehre von der συμπάθεια τῶν ὅλων wuchs aus der Beobachtung reeller Fernwirkungen (z. B. Einfluß des Mondes auf Ebbe und Flut, Zusammenhang des Aufgangs und Untergangs gewisser Gestirne mit atmosphärischen Veränderungen) oder mechanisch nicht verständlicher Phänomene (z. B. Anziehung des Eisens durch den Magnet) hervor und nahm allmählich die Stelle eines obersten Naturgesetzes ein, unter dem die mannigfachsten Erscheinungen zusammengefaßt werden konnten. War es schon von Nachteil, daß diese Lehre den Kausaltrieb durch den Hinweis auf die Unerforschlichkeit der zu Grunde liegenden Naturkraft einschläferte, so wurde es geradezu verhängnisvoll, daß sie durch Hypostasierung einer unbegrenzten Möglichkeit geheimer Zusammenhänge jede kritische Untersuchung der angeblichen Fakten einfach lähmte. Im magischen Dämmerlichte einer okkulten Wechselbeziehung der Naturkörper konnten nicht bloß die absurdesten Gelehrtenmärchen (z. B. die Fabel vom Schildfisch Echeneis, der Schiffe aufhalten könne) glaubhaft erscheinen, sondern auch alle Formen der Mantik, Magie und Wundermedizin gerechtfertigt werden[40].
Sympathie und Antipathie (Zuneigung und Abneigung, Liebe und Haß ═ Anthropomorphismen für Anziehung und Abstoßung, fördernde oder hemmende Wirkung) erscheinen wenn auch nicht dem Worte, so doch dem Wesen nach als kosmische Triebkräfte in der althellenischen Naturphilosophie (Heraklit, Empedokles); von späteren gebraucht zuerst in ausgedehnterer Weise Theophrast das Wort Sympathie im Sinne einer geheimnisvollen Naturwirkung, z. B. wenn er vom Treiben der Pflanzen zu einer bestimmten Jahreszeit, von der Farbenanpassung gewisser Tiere an die Umgebung, von der Koinzidenz der Rebenblüte und der Weingärung etc. spricht. Bei den Hippokratikern hat der Begriff „Sympathie” — anknüpfend an die Beobachtung am Krankenbette — die Bedeutung von Wechselbeziehung der Körperteile zueinander, und bei ihnen entwickelt sich daraus der Begriff des Organismus, d. h. eines solchen Körpers, dessen einzelne Teile gegenseitig von einander affiziert werden (De alimento, 23: Ξύῤῥοια μία, ξύμπνοια μία, ξυμπαθέα πάντα). Gerade an den Begriff des Organismus, mit dem Charakteristikum des durchgängigen Zusammenhangs aller seiner Teile, knüpften die Stoiker an, und ihnen vornehmlich ist der Ausbau der Lehre von der συμπάθεια τῶν ὅλων zuzuschreiben. Die stoische Metaphysik (vgl. Bd. I, S. 328) erforderte nämlich den Beweis, daß die Welt ein ζῷον, ein Organismus sei; ein solcher Beweis konnte aber nur erbracht werden, wenn man den gesetzmäßigen Zusammenhang gewisser Erscheinungen, das Zusammentreffen gewisser Vorgänge aufdeckte. Die bekannten kosmisch-tellurischen Parallelerscheinungen (Sonnenstand — Klima — Jahreszeit — Vegetation, Mondeinfluß — Meeresbewegung u. a.) waren wohl rationelle Argumente, welche die Sympathie im Kosmos wahrscheinlich machten; um aber die Lehre zur Evidenz zu erheben, bedurfte es eines viel umfangreicheren Materials, das damals freilich nur auf Kosten der Rationalität, durch kritiklose Anerkennung angeblich gemachter Beobachtungen aufgebracht werden konnte. Das Kriterium der Wahrheit suchten die Stoiker ohnedies — zum Schaden der strengen Wissenschaft — in den κοιναὶ ἔννοιαι, in der consentiens hominum auctoritas, wodurch jede „Erfahrung” beweiskräftig erschien, wenn sie nur von vielen Menschen übereinstimmend gemacht worden war.
Durch Anerkennung solcher unkritischer Beobachtungen ließ sich aber nicht nur der theoretische Gedanke der organischen Einheit der Welt illustrieren, sondern unter der vorausgesetzten geheimnisvollen, alles vermögenden Naturkraft „Sympathie” war es ein leichtes, die praktische Tendenz der stoischen Schule zu verwirklichen: die künstliche Rationalisierung des Irrationellen, die sozusagen naturwissenschaftliche Rechtfertigung des Volksglaubens[41] an die Mantik[42], an die Traumdeutung, an die Wundermittel.
Wichtig ist es, daß die Stoiker, wenigstens der älteren Zeit, unter Sympathie das naturgemäße Zusammentreffen gewisser Vorgänge verstanden wissen wollten. Aehnlich den Priestern der orientalischen Völker, deren Korrespondenzlehre (vgl. Bd. I, S. 22) sich mit der συμπάθεια τῶν ὁλων in praxi deckt, legten auch die stoischen Philosophen reiche Sammlungen von Aufzeichnungen über mannigfache Beobachtungen an (über wunderbare Heilwirkungen durch Besprechung oder Amulette, über erfüllte Träume und Orakel), wobei sie leichtgläubig hinnahmen, was nur einigermaßen für die συμπάθεια φύσεως ═ cognatio naturae zu sprechen schien. Wie viel unklare oder ganz falsche „Erfahrungen” solcherart in die „Naturforschung” eingeschmuggelt wurden, wie auch der tollste Aberglaube in ein pseudowissenschaftliches Gewand gekleidet worden ist — ersieht man aus der antiken Literatur, die sich auf stoische Memorabiliensammlungen oder pseudonyme alexandrinische Machwerke stützte. Von Schriften, die ausschließlich von der Sympathie handeln, kommt in Betracht z. B. das Fragment des Pseudodemokrit (zusammen mit der Schrift des Nepualios, ed. W. Gemoll, Gymnasialprogr. 1884), die dem Zoroaster zugeschriebene Sammlung von Sympathien und Antipathien (bildet das 15. Kapitel der Geoponika des Cassianus Bassus), die Schrift des Aelius Promotus φυσικὰ καὶ ἀντιπαθητίκα u. a. Außerdem aber handeln manche philosophische, naturwissenschaftliche, medizinische und landwirtschaftliche Werke davon. Unter denselben hat die Naturgeschichte des Plinius wegen ihres fortdauernden Einflusses die größte Bedeutung. In dieser wimmelt es geradezu von „Sympathien” aller Art, namentlich vom 20. Buche angefangen. Durch Sympathie oder Antipathie werden von Plinius die Wirkungen der Gestirne (auf die Atmosphäre, die Erde und die Organismen), die Wechselbeziehungen zwischen Tieren und Pflanzen, die Anziehung des Eisens durch den Magnet, die Wirkung der elektrischen Schläge des Zitterrochens und zahllose andere Erscheinungen erklärt, welche damals einer naturwissenschaftlichen Analyse unzugänglich waren oder in den Bereich der Suggestion oder des Aberglaubens gehören; dahin zählen auch alle Arten der magischen Heilkunde, wie das Besprechen, gewisse symbolische Heilgebräuche, die Schutzwirkung der Amulette, die Heilkraft der Steine, Kräuter oder gewisser animalischer Volksmittel. Fehlte es auch später — wie man z. B. aus Plutarch ersehen kann — nicht an Versuchen, manchen durch die Sympathielehre eingeschmuggelten Aberglauben auszuscheiden, oder statt der geheimen Naturkraft mehr sinnliche Entstehungsgründe (z. B. materielle Ausströmungen, ἀπορροαί) aufzusuchen — die überwiegende Mehrzahl unklarer Fakten oder superstitiöser Dinge wurde doch ohne kritische Nachprüfung fürderhin festgehalten, und durchseucht vom Begriffe der Sympathie, büßte die Naturbetrachtung nahezu gänzlich das Vermögen ein, Tatsächliches von den Gebilden der Einbildungskraft scheiden zu können.
Die Stoiker hatten, wie oben schon hervorgehoben wurde, unter Sympathie ursprünglich den naturgemäßen Zusammenhang der Dinge verstanden. Da sie und ihre Nachfolger aber in praxi unter diesem Begriff immer mehr für das rationelle Denken unverständliche, das menschliche Fassungsvermögen übersteigende Erscheinungen subsumierten, so wurde „Sympathie” allmählich identisch mit geheimer, unerforschlicher Naturkraft und das Sympathetische deckte sich nahezu mit dem Magischen. Die ganze Verworrenheit der Naturanschauung kommt darin zum Ausdruck, daß das Wort physicum in der Medizin allmählich den Sinn des Sympathetischen, Magischen, im Gegensatz zum wissenschaftlich Erklärbaren erhält, daß man unter φυσικά nicht die rationellen Heilmittel, sondern gerade umgekehrt die Wundermittel verstand! Die Entstehung dieses Widersinnes zeigt sich bei Plinius, der seine Aufzählung von Wundermitteln damit begründet, quoniam in his naturam esse apparet (wobei eben an eine geheime, rationell nicht bestimmbare Naturwirkung gedacht ist), und diese angewendet wissen will, wo die Heilmittel der wissenschaftlichen Medizin (also die natürlichen Mittel in unserem Sinne) im Stiche lassen. So sagt er (XXX, 98): in quartanis medicina clinica propemodum nihil pollet. Quamobrem plura eorum remedia (Wundermittel) ponemus, primumque ea quae adalligari jubent (Amulette). Ebenso gebraucht Aelius Promotus das Wort φυσικά im Gegensatz zu den Mitteln der rationellen Medizin; am Schlusse des Vorworts zu seinem Werke über Heilmittel Δυναμερόν (C. G. Kühn in Additamenta ad Fabricii elenchum medicorum vet. I, Leipzig 1826) kündigt er als zweiten Teil seines Heilmittelbuches eine Sammlung von Mitteln an, welche φυσικῶς καὶ ἀφράστω τινὶ αἰτίᾳ καὶ δύναμει wirken, d. h. Wundermittel.
So brachte es die Wandlung des Begriffes Sympathie mit sich, daß man endlich den ganzen Naturzusammenhang, die συμπάθεια τῶν ὁλων als magischen (nicht durch physikalische Zwischenursachen bedingten) betrachtete, womit jede eigentliche Naturforschung aufgehoben war. Dieses Endglied einer unheilvollen Entwicklungskette repräsentiert die Naturbetrachtung des Neuplatonismus, in welcher die Grenze zwischen dem Natürlichen und dem Magischen ganz verschwindet.
Der Wunderglaube der alternden römisch-hellenischen Welt ist der beste Gradmesser für die intensive religiöse Bewegung, welche am Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrhunderts erwachte und, genährt aus den Adern orientalischen Geistes, in der Folgezeit stetig anwuchs, um schließlich dem Christentum den Weg zu ebnen.
In der großen, über das Irdische hinausschweifenden, Sehnsucht floß Mannigfaches seltsam zusammen: die in den Tiefen der Urzeit wurzelnde metaphysische Volksempfindung und die in ihrem Bewußtsein geknickte philosophische Abstraktion, der von den staatlichen und sozialen Verhältnissen unbefriedigte, in ethischen Strebungen aufgehende Individualismus und der nach mystischer Offenbarung lechzende Erkenntnisdrang.
Wie die medizinische Literatur der klassischen Antike den kontinuierlichen Fortbestand der Volksmedizin verschleiert, so erweckt auch das Schrifttum des letzten vorchristlichen und des ersten nachchristlichen Jahrhunderts beinahe den Anschein, als ob weite Schichten des Volkes von religiöser Indifferenz oder gar Unglauben ergriffen gewesen wären; die erhaltenen Denkmalinschriften verraten aber durchaus nichts von einer Auflösung des alten Götterglaubens. Freilich war die Religion Latiums wenig geeignet, heiße Inbrunst zu erwecken, und das Ansehen des griechischen Orakelwesens litt eine Zeitlang dadurch, daß sich die römische Suprematie auch in der Bevorzugung ihres nationalen Kults äußerte. In den Kreisen der Gebildeten machten sich wohl pantheistische, monotheistische und selbst atheistische Strömungen geltend, welche aber nur ausnahmsweise — wie bei Lucretius — zu einem wirklichen Haß gegen den herkömmlichen Götterglauben führten. Man brachte für die Erhaltung desselben wenigstens politische Gründe in Anschlag, wenn die rationalistischen Versuche, die Mythologie vor der Vernunft zu rechtfertigen (Stoiker), fehlschlugen. Unleugbar ist es aber anderseits, daß sich seit dem Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts eine unvergleichlich regere religiöse Bewegung verfolgen läßt, welche nicht allein den Polytheismus verjüngte, sondern demselben auch unter den Gebildeten eine stark anwachsende und überzeugte Anhängerschaft erwarb.
In der Blütezeit des klassischen Altertums bildeten Volkstum und Staatswesen mit der Religion ein einheitliches Ganzes, in welchem das Individuum freudig aufging. Die römische Universalmonarchie mit ihren kosmopolitischen und kulturnivellierenden Konsequenzen führte hingegen zur Lostrennung der Politik und der Religion von einem spezifischen Volkstum. Da die unterworfenen Völker im Staatsleben für die zertrümmerte Nationalität keine Entschädigung fanden, so wurde namentlich im Osten die Religion zur Haupttriebkraft der Massen. In dem Grade, als der Despotismus die Kräfteentfaltung des Individuums nach außen lähmte, die düsteren politischen und sozialen Verhältnisse die antike Weltfreudigkeit in Weltschmerz verwandelten und der Zügellosigkeit der Sitten moralischer Ekel folgte, entwickelte sich ein reicheres, aber disharmonisches Innenleben, eine asketische, weltflüchtige Sehnsucht nach rettender Ueberzeugung, nach überirdischer Hilfe, ein fieberhaftes Tasten nach höherer, geheimnisvoller Befriedigung des Gemütes. Unter dem Eindruck der Danaidenarbeit, in welcher sich die philosophische Abstraktion verbrauchte, warf sich auch ein beträchtlicher Teil der Gebildeten in die Arme der Religion, ja sogar der pietistischen Schwärmerei. Halb aus wirklicher Hingebung, halb aus politischen Gründen förderte der kaiserliche Hof (namentlich seit Trajan) die Wiedererweckung und Neuausgestaltung des Kults, der ganz besonders unter dem Einflusse orientalischer Vorbilder immer pomphafter wurde. Der Mangel an einer geschlossenen Dogmatik verlieh dem gräko-italischen Polytheismus eine enorme Expansivität und ermöglichte eine tolerante Aufnahme fremder Götter und Kulte, die allerdings eine Umwandlung im Sinne hellenisch-römischen Schönheitsgefühls erlitten. So konnte es kommen, daß im flutenden Völkerverkehre des Weltreichs ägyptisch-asiatische Gottheiten auf dem Boden des Abendlandes Fuß faßten — Priester, Kaufleute, barbarische Krieger wirkten als Missionäre — daß in Nord und Süd Anbeter der Isis und des Osiris, des Baal, der Astarte, des Mithras zu finden waren. Die unverständlichen Zeremonien, die seltsamen Symbole, der sinnliche Pomp der orientalischen Kulte, aber auch ihre unverrückbar, an religiöse Lehren gebundenen Gesetze der Sittlichkeit entsprachen so ganz der gesteigerten religiösen Stimmung des Zeitalters, welches gerade hinter dem Fremdartigen tiefe Geheimnisse suchte, in Sühnungen, Mysterien, Askese und Ekstase volle Befriedigung fand. Eine mächtige Stütze erhielten die fremden Kulte[43] besonders seitdem Nichtrömer, sogar Orientalen den Kaiserthron bestiegen. Indirekt beförderte auch das mächtig um sich greifende junge Christentum eine Zeitlang die Regeneration des Polytheismus, sei es, daß es durch die innige Gläubigkeit und den Opfermut seiner Anhänger ein leuchtendes Vorbild für wahre Religiosität hinstellte, sei es, daß es bei den Heiden eine Opposition hervorrief, die sich in der Durchgeistigung und ethischen Vertiefung des alten Götterglaubens kundgab.
Mit ihrer heißen Sehnsucht nach übersinnlicher Erleuchtung, mit ihrem tiefempfundenen Erlösungsbedürfnis, durchflutete die religiöse Stimmung immer mehr auch die philosophische Spekulation, deren Vernunftstolz und selbstgenügsame Lebensweisheit ohnedies durch die rastlose Minierarbeit zersetzender Skepsis schon längst untergraben war.
Einem ihrem innersten Wesen fremden Ziele zustrebend, suchte jetzt die Philosophie aus den buntgemischten Formen des Götterglaubens und den monotheistischen Ahnungen der großen griechischen Denker durch läuternde Synthese eine wissenschaftliche Religion zu bilden, für die Erlösungsbedürftigen eine befriedigende Heilslehre zu schaffen. Vom Sensualismus und Rationalismus durch Skepsis zur Mystik — damit ist die Bahn bezeichnet, welche der Griechengeist durchmaß, um nach vielhundertjährigem Ringen schließlich in der Phantastik des Neuplatonismus zu verklingen. Es war ein Sterben in Schönheit, aber doch ein Sterben, welches das Endglied einer bewundernswerten, vielgestaltigen und tiefgründigen Denkentwicklung wieder an die urzeitlichen Regungen theosophischen Naturgefühls anschloß.
Die im Neuplatonismus zu stande gekommene Verschmelzung von religiöser Mystik und philosophischer Spekulation ist der letzte Ring einer weit zurückreichenden Kette, welche im schroffen Dualismus, in der transzendenten Ideenwelt Platos verankert lag. Vorbereitend wirkten namentlich die dem Volksglauben entgegenkommende allegorische Mythendeutung, die krasse Teleologie und die ethisierende Tendenz der stoischen Schule[44], begünstigend die Erkenntniskritik der Skeptiker[45]. Den Anknüpfungspunkt bildeten die orphisch-pythagoräischen Mysterien[46], die mannigfachsten Einschläge lieferten die ägyptisch-vorderasiatischen Religionssysteme und Geheimlehren, die philosophische Form entstammte der Platonik. Gleichsam wie noch unvollkommene Vorschöpfungen nehmen sich jene beiden religiös-philosophischen Richtungen aus, welche um die Wende unserer Zeitrechnung im Knotenpunkte aller Denk- und Glaubensformen, in Alexandria, entstanden: der Neupythagoräismus, welcher dämonistische mit monotheistischen Vorstellungen verband, den Kult veredelte, zur Askese, zum Offenbarungsglauben hinneigte[47] und — die, in Philon gipfelnde, jüdisch-alexandrinische Religionsphilosophie[48]. Wie ihre beiden Abkömmlinge, so nahm auch die eklektische Platonik selbst (Plutarch, Apulejus u. a.) im 1. und 2. Jahrhundert eine religiöse Färbung an, welche in der Apologetik des alten Glaubens deutlich genug hervortrat[49]. Im Ringen mit dem jungen Christentum, das parallel laufend im Gnostizismus seine erste, die Patristik vorbereitende philosophische Konstruktion empfangen hatte, entstand sodann im 3. Jahrhundert das abschließende System des Neuplatonismus, welcher durch seinen dynamischen Pantheismus, durch seine Emanationslehre eine reinere Gotteserkenntnis, eine Versöhnung zwischen Vernunft und Glauben herbeiführen wollte und besonders begnadeten Naturen über den Rationalismus hinaus durch stufenförmige Abkehr von der Sinnlichkeit, asketische Läuterung, mystisches Versenken, eine unmittelbare Anschauung des Göttlichen in Aussicht stellte. Liegt beim Stifter des Neuplatonismus, Plotin (204-270), der Schwerpunkt noch in der Wissenschaft, bildete das neuplatonische System bei seinem Schüler Porphyrios nur ein Zugeständnis an die überlieferte Glaubensform, so verwandelte es sich im 4. und 5. Jahrhundert unter den Händen des Iamblichos und Proklos geradezu in eine spekulative Theologie, welche in scholastischer Art alle Auswüchse der schwärmerischen Religiosität und des absurden Aberglaubens verteidigte.
Im Nebel einer sinneverleugnenden Mystik, im Taumel der Allegorien, trieb die Philosophie einer durchaus magischen, jeder echten Forschung entrückten Naturauffassung zu, welche in allen Geschehnissen und Erscheinungen geheimnisvolle Beziehungen (Sympathie — Antipathie) witterte. Hatte die naturphilosophische Spekulation einst befruchtend auf die exakten Fächer gewirkt, so hemmte sie jetzt eher die Naturwissenschaft und beförderte dagegen den Okkultismus in einem erstaunlich hohen Grade. Wohl war schon vorher die hellenisch-römische Welt mit den Geheimlehren Aegyptens und Babylons, Persiens und Indiens, Syriens und Judäas überschwemmt worden, eine pseudowissenschaftliche Stütze empfingen dieselben aber erst durch den Neuplatonismus, welcher scheinbar das Irrationelle rationalisierte. Ueppiger denn je schoß in Alexandria, wo aller Mystizismus zusammenströmte, die Literatur der Astrologie, Alchemie, der Magie (auch der medizinischen), der verschiedenen Formen der Mantik (z. B. Oneiromantie, Chiromantie) empor. Die hellenische Aufklärung, welche in der Blütezeit sieghaft aus dem Kampfe mit orientalischer Mystik hervorgegangen war, streckte die Waffen. Den gesunden Kern, welchen manche der Geheimwissenschaften in sich bargen, aus seiner Hülle zu lösen, dazu reichte die Kraft der dem Untergang geweihten antiken Welt nicht mehr aus.
Die alexandrinische geheimwissenschaftliche Literatur verknüpfte ägyptisch-orientalische Ueberlieferungen mit griechischer Mystik. Der Abfassungszeit nach gehören die erhaltenen Schriften zumeist der römischen Kaiserzeit an. Um den Nimbus zu erhöhen, wurden die okkultistischen Machwerke auf die ehrwürdigen Weisen des Morgenlands (z. B. Zoroaster) oder Griechenlands (z. B. Orpheus, Demokrit) zurückgeführt, und tatsächlich dürften oft ältere Schriften als Vorlage benützt worden sein, wie ja der Ideengehalt zum großen Teile jedenfalls aus frühen Epochen stammt. Eine ganze große Gruppe der theosophisch-magisch — astrologisch-alchemistischen Schriften leitete sich von dem fabelhaften „Hermes Trismegistos” her; von diesen sind noch manche, aus dem 2. oder 3. Jahrhundert, teils im Original, teils in lateinischer oder arabischer Uebersetzung vorhanden[50].
Die aus mesopotamisch-ägyptischer Priesterweisheit entsprossene Astrologie fand schon in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten in Alexandria erneute Pflege und wurde durch „Chaldäer” auch nach Rom verpflanzt — der ältere Cato verbot bereits seinem Wirtschaftsinspektor, die Sterndeuter zu Rat zu ziehen. Auf alexandrinischem Boden entstand eine umfangreiche apokryphische Literatur, welche mit Vorliebe auf ägyptische Quellen (Petosiris, Leibarzt des Königs von Saïs, Nechepso, 7. Jahrhundert v. Chr.) oder auf berühmte griechische Philosophen (Demokrit) zurückgeführt wurde. Unter den Römern traten zuerst Tarutius Firmanus und Nigidius Figulus als Astrologen hervor, und vergeblich erschöpfte Cicero (de divinatione) seine Gegenargumente, um dem Umsichgreifen des Glaubens an die Sterndeuterei Einhalt zu tun — leisteten doch die stoischen Philosophen großen Vorschub. Die astrologischen Vorhersagungen bezogen sich auf allgemeine Verhältnisse oder auf das Geschick des einzelnen Individuums; dieser letztere Teil der Kunst, γενεθλιαλογία genannt, basierte auf der Bestimmung der Konstellation im Augenblicke der Geburt (Horoskop, Nativität). Ihre höchste praktische Bedeutung erlangte die antike Astrologie während der Herrschaft der römischen Kaiser, von denen die meisten übrigens selbst dem Glauben an die Sterndeuterei anhingen und sich von ihren Hofastrologen bei ihren Regierungshandlungen stark beeinflussen ließen, so Augustus, Tiberius, Nero, Otho, Vespasian, Titus, Domitian, Hadrian, Septimius Severus, Caracalla, Alexander Severus. Letzterer ging sogar so weit, daß er den Lehrern der Astrologie die Errichtung öffentlicher Hörsäle in Rom gestattete und ihnen Jahresgehalte anwies. Mit der weiten Verbreitung und der Intensität des Aberglaubens steht es in gar keinem Widerspruch, daß die „Chaldäer” zu wiederholten Malen aus Rom durch Senatsbeschlüsse oder auf kaiserlichen Befehl verbannt wurden — dies geschah wegen ihrer häufigen und gefährlichen politischen Machinationen — denn gerade durch die gelegentlichen Verfolgungen (unter Tiberius, Claudius, Vitellius, Diocletian, Constantius) erstarkte der Wahn umso mehr. Die wenigen, welche die Afterwissenschaft verlachten oder bekämpften (Horaz, Plinius, Juvenal, Favorinus, Sextus Empiricus, der Philosoph Alexander von Aphrodisias), vermochten gegen ein Vorurteil nicht aufzukommen, das alle Schichten der Gesellschaft ergriffen hatte. In jeder Lebenslage befragte man den Sterndeuter, mochte es sich um das Schicksal des neugeborenen Kindes oder um eine zu erwartende Erbschaft, um den Ausgang eines wichtigen Unternehmens, um den Ausfall der Ernte oder um die Wetteraussichten handeln. Wie tief der Aberglaube wurzelte, davon bringen die Satiren Juvenals, die Schilderungen des Ammianus Marcellinus und des Augustinus, welch letzterer sich selbst in seiner Jugend eifrigst mit der Astrologie beschäftigte, Kunde. Wie früher die Stoiker, so versuchten am Ausgang der Antike die Neuplatoniker eine philosophische Begründung, und wenn sich begreiflicherweise auch die Kirche ablehnend verhielt (Tertullian, Origines, Augustinus), so verbanden doch einige christliche Sekten, wie z. B. die Priscillianisten, ihre theologischen Spekulationen mit der Astrologie — ein Beweis für das Ansehen derselben! Was die Literatur anlangt, so haben sich aus der römischen die astronomisch-astrologische Dichtung des Manilius (zur Zeit des Augustus)[51] und die Libri matheseos octo des Firmicus Maternus (4. Jahrhundert) erhalten; letztere geben eine erschöpfende Darstellung der antiken Astrologie. Eine viel größere Zahl einschlägiger Schriften (auch Lehrgedichte) ist aus der alexandrinischen Literatur auf uns gekommen (vgl. den seit 1898 erscheinenden Catalogus codicum astrologorum graecorum von Cumont, Bruxellis in aedibus Henrici Lamertin); am berühmtesten sind zwei unter dem Namen des Klaudios Ptolemaios gehende Werke: τετράβιβλος σύνταξις πρὸς Σύρον ἀδελφόν ═ Opus quadripartitum Ptolemaei und der höchst wahrscheinlich unechte Καρπός ═ Centiloquium (100 kurze Sentenzen).
Die Astrologie war der wichtigste Teil der „Naturalis theologia”, sie schlang sich um alle Zweige der Naturwissenschaft, und so wie sich eine Astrozoologie, Astrobotanik, Astromineralogie entwickelte, so machte sich auch das Streben geltend, die medizinische Prognostik und Therapie (Sammeln der Pflanzen unter ihren Tierkreiszeichen, Berücksichtigung der Gestirnstellung beim Eingeben gewisser Heilmittel etc.) mit der Astrologie wieder in Zusammenhang zu bringen. Von einschlägigen Schriften wären besonders zu nennen: die Ἰατρομαθηματικά des Hermes Trismegistos und die dem Ptolemaios wohl fälschlich zugesprochene Schrift καρπός (in der τετράβιβλος finden sich nur Hinweise und allgemeine Kapitel). Die Vertreter der Medicina astrologica wurden schon in Alexandrien Ἰατρομαθηματικοί genannt. Zur Bestimmung der Prognose dienten mehr oder minder komplizierte Zahlentafeln, z. B. die κύκλοι (Zirkel) des Petosiris, die σφαῖρα Δημοκρίτου, das Instrument des Hermes Trismegistos, wobei bei der Vorhersage des Krankheitsausgangs außer der Konstellation auch der Zahlenwert der Buchstaben des Namens des Patienten in Rechnung gezogen wurde. Der schärfste Gegner der medizinischen Astrologie war Sextus Empiricus, welcher gegen die verderbliche Richtung im 5. Buche seines Werkes πρὸς μαθηματικούς (ed. Bekker, Berlin 1842) ankämpfte. Galen neigte — im Gegensatz zu Hippokrates — zu astrologischen Lehren (vgl. Bd. I, S. 384), wie sich aus dem 3. Buche seiner Schrift περὶ κρισἰμων ἡμερων ergibt, und gerade seine Autorität hat hierdurch der späteren Machtstellung der Astrologie in der Medizin vorgearbeitet[52]. In dem oben angeführten Katalog griechischer astrologischer Handschriften von Cumont kommen ungefähr 30 iatromathematische Traktate vor. Vgl. Bouché-Leclercq, Astrologie grecque, Paris 1899, A. Dietrich, Papyrus magica Musei Lugd. Batav., Leipzig 1888, M. Berthelot, Introduction à l'étude de la chimie des anciens etc., Paris 1889, Rieß, E., Nechepsonis et Petosiridis fragmenta magica, Bonn 1889, K. Sudhoff, Iatromathematiker, Breslau 1902.
Die ältesten Spuren der Alchemie führen nach Aegypten[53], dem Lande, wo einerseits die Geheimwissenschaften zu Hause sind und anderseits die Metallurgie besonders früh zu einer ansehnlichen Entwicklung kam. Der Gedanke, edle Substanzen (Gold, Silber, Edelsteine) aus unedlen zu erzeugen, keimte ursprünglich aus der Praxis, aus irrig gedeuteten Erfahrungen hervor, zu denen sich erst sekundär die alchemistische Doktrin gesellte. Man sah z. B., daß sich die Farbe des Kupfers durch angemessene Behandlung (mit zinkhältigen Substanzen) in Goldgelb und mit anderen (arsenhältigen) in Silberweiß überführen ließ, daß Bleierze (von deren Silbergehalt man nichts wußte) beim Erhitzen eine geringe Menge Silber als Rückstand geben, daß bei der Herstellung von Glas edelsteinähnliche Fabrikate erhalten werden u. s. w. Da man solche Erfahrungen zufällig machte und nicht klar erkannte, auf was es bei den chemischen Prozessen eigentlich ankommt, die dargestellten Substanzen aber der Farbe nach den Edelmetallen oder Edelsteinen, wenn auch unvollkommen, glichen — so glaubte man, daß es möglich wäre, die Metalle zu veredeln, d. h. Gold und Silber zu erzeugen. Die ägyptischen Priester zeichneten ihre Beobachtungen in ihren Geheimbüchern auf, was darin seinen Ausdruck fand, daß die Alchemie auf Dudith ═ Hermes Trismegistos zurückgeführt wurde (daher hermetische Kunst), die Entstehung der rätselvollen Phänomene selbst leitete man von dem Eingreifen dämonischer Gewalten und später von dem Einfluß der Planeten auf bestimmte Metalle ab; aus diesem Grunde finden sich in den ältesten alchemistischen Werken neben den chemischen Rezepten immer auch magische Beschwörungsformeln, und ebenso entstammt der astrologischen Vorstellung in letzter Linie der eigentümliche Gebrauch, jedes Metall durch das Zeichen eines Planeten zu bezeichnen. Weil man in der Farbengebung ursprünglich das wichtigste Ziel des Prozesses erblickte, so handeln die ältesten alchemistischen Schriften von der „Färbung” der Metalle und Steine (noch in spätester Zeit hieß die Substanz, welche fermentartig die Metallveredlung herbeiführen sollte, Tinktur ═ Stein der Weisen ═ Elixir). Die Griechen nahmen die alchemistische Praxis, die sie auf ägyptischem Boden kennen lernten, als Tatsache hin, suchten aber, fern vom Dämonismus, nach rationellen Erklärungsgründen. Die alchemistische Praxis schien ihnen im Grunde nur jene Idee zu bestätigen, welche ohnedies von den Naturphilosophen ausgesprochen worden war: die Lehre von der Umwandlungsfähigkeit der Elemente. Aristoteles mit seiner energetischen Naturauffassung, mit seinen steten Hinweisen auf den Uebergang des Potentiellen ins Aktuelle, hatte übrigens die überkommenen naturphilosophischen Ideen in einer Weise ausgebaut, daß sie von den griechischen Alchemisten geradezu als oberste Leitsätze ihrer Doktrin benützt werden konnten. — Von der alchemistischen Praxis während der römischen Kaiserzeit bringen uns Kunde: der Papyrus von Leyden (stammt aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., wurde in Theben gefunden, besteht aus ägyptischen, griechischen und zweisprachigen Handschriften), ferner eine Reihe von griechischen Schriften (vgl. Berthelot Ruelle, Collection des anciens alchymistes grecs, Paris 1889). Als Autoren der alexandrinischen alchemistischen Schriften wurden entweder der fabelhafte Hermes Trismegistos oder berühmte griechische Naturphilosophen in Anspruch genommen, namentlich Demokrit, unter dessen Namen das Buch Φυσικὰ καὶ Μυστικὰ ging (ein Fragment davon, sowie eine lateinische Uebersetzung ist noch vorhanden). Zosimos von Panopolis (3. Jahrhundert n. Chr.) nimmt in den von seinen zahlreichen alchemistischen Werken erhaltenen Bruchstücken häufig Bezug auf die genannte pseudodemokritische Schrift, Synesios von Ptolemais (4. Jahrhundert n. Chr.) machte sie zum Gegenstand eines Kommentars, den wir noch besitzen. Erwähnenswert ist auch der alchemistische Schriftsteller Olympiodoros (Anfang des 5. Jahrhunderts). Der religiöse Symbolismus durchsetzte allmählich auch die alchemistische Praxis (Aineas von Gaza: Metallverwandlung ═ Auferstehung).
Reichsten Einblick in die medizinische Magie dieses Zeitalters gewähren besonders: die Zauberpapyri (vgl. Parthey, Pap. Berolin., Sitzungsber. der Berl. Akad. 1865; Wessely, Griech. Zauberpap. von Paris u. London, Denkschr. d. Wiener Akad. 1888 u. 1894; Leemans, Pap. gr. Mus. Lugd. Batav., Leyden 1885; Dieterich, Pap. magica Mus. Lugd., Leipzig 1888); die Lithica des Orpheus (rez. Abel, Berlin 1881; übers. von Seidenadel, Gymn. Progr., Bruchsal 1876), das Steinbuch des Damigeron (nur lat. erh. in der Ausg. d. Lithica von Abel), die Kyraniden (Mysteria physico-medica, Francof. 1681; engl. Uebers. The magic of Kirani etc., London 1667). Die Lithica des Orpheus wurden wahrscheinlich erst im 4. Jahrhundert n. Chr. verfaßt, sie bestehen aus 768 Versen, in denen Orpheus den Priamiden Theiodamas über die wunderbare Heilkraft der Steine belehrt. Das nur lateinisch auf uns gekommene Steinbuch des Damigeron rührt in dieser Fassung aus dem 5. Jahrhundert her, während seine verlorene griechische Vorlage vielleicht dem 1. oder 2. Jahrhundert angehörte; in 50 Kapiteln werden die Wirkungen der Edel- und Halbedelsteine geschildert (Amulette und interne Anwendung der gepulverten Substanzen). Die Kyraniden (lateinische Uebersetzung des Raimundus Lullus im 13. Jahrhundert auf Grund zweier griechischen Handschriften) bestehen aus 4 Büchern, von denen jedoch nur das erste echt ist. In der ersten Kyranis werden in 24 Kapiteln unter den 24 Buchstaben des griechischen Alphabets je eine Pflanze, ein Vogel, ein Seetier und ein Stein angeführt, welche miteinander schon durch den gleichen Anfangsbuchstaben in sympathetischer Beziehung stehen sollten. In der Form eines Amuletts lassen sich ihre einzelnen Heilkräfte z. B. dadurch vereinigen, daß man in den Stein das Bild des Vogels eingräbt, unter seinen Füßen das Bild des Seetiers anbringt und sodann den Stein mit einem Stückchen von der Pflanze und von dem Vogelherzen in einer Kapsel verwahrt. (Den Inhalt der drei folgenden Bücher bildet eine im Laufe der Zeit hinzugesetzte alphabetisch geordnete Arzneimittellehre [Land-, Luft- und Wassertiere], welche hie und da mit Zauberei durchmischt ist.) Der erste, welcher von diesem mystischen Werke spricht, ist Olympiodoros, ein Autor des 5. Jahrhunderts; wahrscheinlich stammt es schon aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, vielleicht sogar aus noch früherer Zeit[54]. Fast durchwegs magischen Inhalts waren auch die κεστοί (Stickereien) des Arztes Julios Africanos (3. Jahrhundert), wovon noch spärliche Fragmente vorhanden sind.
Inmitten des überwuchernden Okkultismus fand die medizinische Thaumaturgie einen günstigen Boden, bildete doch ihre theoretische Voraussetzung, der Dämonenglaube, einen integrierenden Bestandteil der damaligen Naturanschauung. Nicht nur, daß der im Volke unausrottbar wurzelnde Dämonenglaube nach und nach in alle Stände eindrang, daß die Anhänger aller Religionen ihn festhielten und steigerten, die Philosophie selbst war es, welche die Dämonologie bestätigte und zu einem ganzen System ausbaute, weil sie darin das Mittel in Händen zu haben glaubte, den Götterglauben und Kult mit den Erfordernissen der Vernunft in Einklang zu bringen. Die mythologischen Fabeln, die sich mit der allmählich gereiften philosophischen Gotteserkenntnis nicht vertrugen, die widersprechenden Kulte der einzelnen Nationen, all dies schien nämlich gerechtfertigt, wenn man die Volksgötter mit den Dämonen identifizierte; der buntgemischte Polytheismus durfte zugestanden werden, ohne den Monotheismus zu tangieren, wenn man ein Zwischenreich untergöttlicher aber übermenschlicher Wesen anerkannte, das als Emanation der Weltseele zwischen der, über aller Sinnlichkeit thronenden, von den Denkern geschaffenen Gottheit und dem Menschen die vermittelnde Stufenleiter bildete[55].
Der Dämonismus, mit seiner heute kaum mehr vorstellbaren Wirklichkeitsfrische, machte sich wieder in der Krankheitsauffassung geltend, ja noch mehr, er trat mit erschreckender Deutlichkeit im Krankheitsbilde hervor. Da sich geistige Bewegungen häufig in Wahnvorstellungen widerspiegeln, so stiegen zu manchen Zeiten oder in manchen Orten die Fälle von „Besessenheit” zu einer epidemischen Höhe an. Hier bot sich der theurgischen, der magischen Medizin ein dankbares Gebiet, die bösen Geister durch Exorzismus auszutreiben; hier wetteiferten heidnische, jüdische und christliche Wundertäter, ja man darf sagen, daß der Entscheidungskampf zwischen dem Polytheismus und dem Christentum zum Teil auf diesem Felde ausgefochten worden ist[56].
Wenn der Nachweis gelungen ist, daß der Niedergang der Medizin durch innere Mängel lange vorbereitet war, daß ihr Verfall in den letzten Jahrhunderten des Altertums durch allgemeine Kulturverhältnisse besiegelt wurde, so läßt sich den Einflüssen des Christentums für diese Epoche keine so weittragende, entscheidende Bedeutung im ungünstigen Sinne beimessen, wie es oft geschieht. Denn das gleiche gilt auch hier, wie auf allen übrigen Gebieten: das Christentum traf auf seinem Siegeszuge keineswegs auf die sonnig-heitere, harmonische, kraftbewußte Antike, sondern auf ein durch schweres Unglück aller Art gebrochenes, zerfahrenes, von Zweifeln und Weltschmerz durchwühltes Geschlecht, es beschleunigte höchstens den Untergang, indem es jene geistigen Strömungen mächtig verstärkte, die zwar dem ursprünglichen Wesen der Antike zuwiderliefen, aber doch dem alternden Hellenismus selbst entquollen waren. Die brennende Sehnsucht nach Heil und Entsühnung, welche die Menschheit durchzitterte und im Neuplatonismus nach sublimstem Ausdruck rang, die innige Verquickung von religiös-ethischen Strebungen mit medizinischen Begriffen und Dingen, wie sie namentlich in der inbrünstigen Verehrung des Asklepios, des Erlösers aus leiblichen und geistigen Nöten, hervortrat, hatte schon im Rahmen des Heidentums das Ansehen der wissenschaftlichen Heilkunde bedenklich erschüttert und die medizinische Theurgie zu neuem Leben erweckt. In derselben Richtung, nur anknüpfend, umgestaltend und vertiefend, freilich auch mit größerer Selbstsicherheit, wirkte das Christentum, welches die Sorge für das Heil für sich allein in Anspruch nahm und anfänglich, mißtrauisch gegen die mit heidnischem Wesen anscheinend untrennbar verbundene wissenschaftliche Medizin, die „weltlichen” Arzneien verwarf, neben der Krankenpflege bloß die spezifisch kirchlichen Heilmittel, das Gebet, die Handauflegung, den Exorzismus, zuließ.
Jesus wirkte als Arzt der Seele und des Leibes unter seinem Volke; im Neuen Testamente ist von vielen Krankheiten (verschiedene unter dem Begriff der Besessenheit zusammengefaßte Neurosen und Psychosen, ferner Lähmungen, Blindheit, Taubheit, Stummheit, Aussatz, Wassersucht, Blutfluß, Fieber, Ruhr u. a.) die Rede, welche von Jesus oder seinen Jüngern, in denen das Charisma weiterwirkte, auf wunderbare Weise durch göttlichen Einfluß geheilt worden sind. Das Evangelium wandte sich an die kranke Menschheit im weitesten Sinne des Wortes, seine lebensvolle Sprache ist ungemein reich an medizinischen Gleichnissen (ebenso auch die patristische Literatur)[57], und tatkräftig über allen Symbolismus hinausstrebend, erachtete es das Christentum im Sinne seines Stifters als eine der wichtigsten Pflichten, für die Kranken zu sorgen, was aus den ältesten Urkunden hervorgeht. Bei Lactantius finden sich die schönen Worte: aegros quoque quibus defuerit qui adsistat, curandos fovendosque suscipere summae humanitatis et magnae operationis est. Welcher Art aber anfänglich die Behandlung erkrankter Christen war, lehrt der Jakobusbrief, wo es heißt: „Ist Jemand unter Euch erkrankt, so rufe man die Aeltesten der Gemeinde, und sie sollen über ihn beten, nachdem sie ihn im Namen Christi mit Oel gesalbt; und das Gebet des Glaubens wird den Kranken heilen und der Herr wird ihn aufrichten. ... Betet für einander, damit ihr geheilt werdet; viel vermag kraftvolles Flehen eines Gerechten.” So hören wir denn auch in den apokryphen Apostelgeschichten von wunderbaren Heilungen durch bloße Berührung, Besprechung, Gebet, Auflegen des Evangeliumbuches u. s. w.
Als das Christentum in die Welt trat, fand es im Heimatlande, noch mehr in der Fremde eine Fülle von übereinstimmenden Volksanschauungen und Volksgebräuchen im Geiste des Dämonismus vor, und trotz der Bekämpfung schlich sich, namentlich solange der Sektenstreit noch unbeendigt war, manch heidnischer Aberglaube ein, um in der Folge neuen zu gebären, wobei freilich von der christlichen Theurgie die heidnische Magie streng unterschieden wurde. Gegen letztere richteten sich später die Verbote der christlichen Kaiser. Es blieb oft kein anderer Ausweg als derjenige, welcher darin bestand, den alten Formen des Paganismus christlichen Geist einzuhauchen. In diesem Lichte wird es verständlich, daß uns (ursprünglich heidnische) Beschwörungsformeln, Amulette etc. im christlichen Gewande begegnen, oder daß späterhin der Kult des Asklepios, insbesondere im Osten des Römerreiches, von einer (in den Aeußerlichkeiten an die Herkunft stark erinnernden) kultischen Verehrung der Heiligen abgelöst worden ist[58].
Der medizinischen Wissenschaft brachte das Christentum anfänglich großes Mißtrauen entgegen, weil man sie in der Praxis nicht selten mit heidnischem Mystizismus oder ethischen Defekten (z. B. mißbräuchliche Anwendung von Abortivis) verknüpft sah; asketische Schwärmer vertraten wohl auch die Ansicht, daß die Anwendung von Arzneimitteln Zeichen mangelhaften Gottvertrauens sei, und daß gewisse Heilungen durch den Einfluß der von Gott abtrünnig machenden Dämonen zu stande kämen. Der schärftste Vorkämpfer dieser mit der sonstigen wissensfeindlichen Richtung zusammenhängenden Bewegung war Tatian, welcher darüber unter anderem folgendes sagt: „Durch List machen die Dämonen die Menschen von der Gottesverehrung abwendig, indem sie sie verleiten, auf Kräuter und Wurzeln zu vertrauen. ... Die Arzneiwissenschaft in allen ihren Formen stammt aus derselben betrügerischen Kunst; denn wenn jemand von der Materie geheilt wird, indem er ihr vertraut, um wie viel mehr wird er, wenn er sich auf die Kraft Gottes verläßt, geheilt werden. ... Warum gehst du nicht zu dem mächtigeren Herrn; statt dessen ziehst du es vor, dich zu heilen wie der Hund durch Kräuter, der Hirsch durch Schlangen, das Schwein durch Flußkrebse, der Löwe durch Affen? Warum vergöttlichst du irdische Dinge?” In dem Maße, als das Christentum die gebildeten Stände für sich gewann, trat mit den übrigen asketischen auch diese extreme Richtung in den Hintergrund, wozu auch wohl der Einfluß der zu Anhängern des Heilands gewordenen Aerzte[59] manches beigetragen haben dürfte.
Ebenso aber, wie die Kirche allmählich die antike Philosophie und Naturforschung für ihre Zwecke verarbeitete, erlosch auch die prinzipielle Abneigung gegen die wissenschaftliche Heilkunde, und wenn man die patristische Literatur durchmustert, so gewahrt man mit Erstaunen, welch tiefen Blick mancher der Kirchenväter in das ärztliche Schrifttum, ja in das Wesen der Medizin getan hat, durch nüchterne Kritik sehr vorteilhaft abstechend von den traumhaften naturphilosophischen Spekulationen der Neuplatoniker[60]. Daß die naturwissenschaftlich-medizinischen Ausführungen der Kirchenväter im Dienste der Teleologie und Dogmatik stehen oder nur von praktischen, didaktischen Gesichtspunkten geleitet werden, entspricht dem Charakter ihrer Werke, und unbillig wäre es, in dieser Zeit der allgemeinen Stagnation gerade bei jenen, welche in der Begründung des Offenbarungsglaubens ihre einzige Aufgabe erblickten, Anregung der freien, voraussetzungslosen Forschung zu suchen[61].
Unterliegt es aber auch keinem Zweifel, daß die christliche Dogmatik nach Aufrichtung ihrer Herrschaft zur drückenden Fessel für die Forschung geworden ist, — die reiche Menschenliebe des Urchristentums hatte schon eine Saat gestreut, deren Früchte einstens der Heilkunst zu größtem Nutzen gereichen sollten. Die höchste ärztliche Ethik, zu der sich die Antike in der Idealgestalt des Hippokrates emporgeschwungen, gestattete dem Arzte, seine Hilfe den „Unheilbaren” zu versagen, — die Humanitätsideen des Christentums, mit ihrer hohen Einschätzung des Menschenlebens, machten ihm hingegen seinen Beistand auch in diesen Fällen zur sittlichen Pflicht. Daß diese sittliche Pflicht mit der Zeit zur Quelle erneuten Forscherdranges werden mußte, liegt im Wesen des menschlichen Geistes. Einstweilen freilich war es der Wissenschaft verwehrt, die wünschenswerten Konsequenzen zu ziehen, nur die werktätige Nächstenliebe vermochte das Leid zu lindern durch hingebende Krankenpflege, durch Errichtung von öffentlichen Krankenhäusern — eine Institution, aus deren Schoße in einer fernliegenden Zukunft die echte klinische Wissenschaft entspringen sollte. Die besten, das Wohl der gesamten Menschheit umfassenden Gedanken kommen eben stets aus dem Herzen.
Welchen Opfermut die Christen in den Zeiten der großen Pest im 3. Jahrhundert zeigten, lehren die Schilderungen des Dionysios von Alexandrien: „Die meisten unserer Brüder schonten aus überschwänglicher Nächstenliebe ihre eigene Person nicht und hielten fest zusammen. Furchtlos besuchten sie die Kranken, bedienten sie liebreich, pflegten sie um Christi willen. ... Bei den Heiden aber fand das gerade Gegenteil statt. Sie stießen diejenigen, welche krank zu werden begannen, von sich, flohen von den Teuersten hinweg, warfen die Halbtoten auf die Straßen und ließen die Toten unbeerdigt liegen.” Und von Cyprian heißt es, daß er aufs ernstlichste den Christen ans Herz gelegt habe, nicht nur die Glaubensgenossen in dienender Liebe zu pflegen, sondern auch die Feinde und Verfolger. „Siehe, wie sie einander lieben”, hat Tertullian aus heidnischem Munde öfters gehört.
Das Christentum bildete im Verein mit der Armenpflege die Krankenpflege als feststehendes Institut aus und basierte es auf die Gemeinde; beim sonntäglichen Gottesdienst wurden freiwillige Gaben für die Armen und Kranken gesammelt. Der Bischof war der Oberleiter, unter dem die „Diakonen” und die „Witwen” (später „Diakonissen”) standen; in der Hand der ersteren ruhte hauptsächlich die Krankenpflege, aber der Umstand, daß besondere Krankenpfleger vorhanden waren, sollte den Laien nicht entlasten. Als die Kirche zur staatlichen Anerkennung gelangte, und ihr die Schätze der heidnischen Tempel neben reichen Stiftungen zuflossen, übte sie die Krankenpflege im großen Stile, durch Ausbildung eigener Pfleger (Bischof Johannes Chrysostomos in Konstantinopel [400] hatte 40 Gemeindediakonen zur Verfügung) und durch Errichtung öffentlicher Krankenhäuser (die vom heil. Basilios 370 in Cäsarea begründete „Basilias” war das älteste, es umfaßte außer den eigentlichen νοσοκομεία noch Armen-, Fremden- und Magdalenenhäuser; besondere Angestellte, „Parapemponten” oder „Parabolanen” mußten die hilflosen Kranken aufsuchen und ins Hospital begleiten). Die Gründung des ältesten Krankenhauses in Rom wird der Fabiola (um 400) zugeschrieben, in Jerusalem stiftete die Kaiserin Eudocia († 420) Hospitäler.
Es ist zwar sicher, daß lange vor den christlichen Wohlfahrtsinstituten bei manchen Völkern, namentlich den Indern (vgl. Bd. I, S. 90), Hospitäler bestanden, für die griechisch-römische Welt aber bedeutete die geordnete Armen- und Krankenpflege etwas Neues, obwohl mancherlei, besonders durch die Stoa geförderte ethische Strebungen den christlichen voran oder parallel liefen. Die Iatreien, die Valetudinarien können kaum als Vorstufe aufgefaßt werden, am nächsten stehen den Hospitälern noch die Einrichtungen zur Pflege erkrankter Vestallinnen.
Noch oblag aber fast ausschließlich den Vertretern des alten Götterglaubens die Erhaltung und Pflege der antiken Bildung. Und gerade in dem Maße, als das sinkende Heidentum seit Konstantins Uebertritt seine Position verlor, klammerte es sich mit der Kraft des Verzweifelten an das köstlichste Erbgut der Väter, an die hellenische Wissenschaft. Während im neugegründeten Byzanz die höfische und immer mehr auch die christlich schillernde Richtung zu dominieren begann, verjüngte sich die Philosophie in der Schule von Athen, leuchtete die freie hellenische Forschung und Spekulation in Alexandria; hier hielten Neuplatoniker und gelehrte Ausleger des Aristoteles die Fahne der Aufklärung aufrecht gegen die andrängende Phalanx finsterer christlicher Eiferer, hier wirkten in stiller Arbeit für bessere Zeiten Männer wie Diophantos, Pappos und Theon, durch ihre trefflichen Leistungen auf dem Gebiete der exakten Wissenschaft an die ruhmvolle Vergangenheit gemahnend. Darum äußerte sich der mißglückte Restitutionsversuch des Kaisers Julian ganz besonders in der Erneuerung der altgriechischen Bildung, an welche das Heidentum mit tausend Fäden geknüpft war, darum richtete sich aber auch der christliche Fanatismus gegen die Philosophen[62] und namentlich gegen die Hochburg des Hellenismus, die Bibliothek Alexandrias, welche endlich (391) durch den Ansturm christlichen Pöbels schwere Einbuße erlitt.
Im Gesamtbilde der heidnischen Antike bedeutet die Heilkunde fürwahr nicht den unbedeutendsten Teil. Auch jetzt ruhte ihre wissenschaftliche Bearbeitung und Pflege noch zumeist in den Händen heidnischer Aerzte, namentlich solcher, welche der alexandrinischen Schule entstammten, wo die Iatrosophistik blühte und die reichsten Bücherschätze aufgestapelt waren. In jener greisenhaften Zeit bestand die medizinische Forschung freilich weit weniger in der Ermittlung vorher unbekannter Tatsachen — an einzelnen trefflichen neuen Beobachtungen auf verschiedenen Gebieten mangelte es übrigens keineswegs — als in der Sammlung, Sichtung, Interpretation des Ueberkommenen. Die seit dem 3. Jahrhundert erheblich sinkende Durchschnittsbildung des Arztes erforderte mehr oder minder magere, kompendiöse Auszüge, da den meisten das mühevolle Studium der umfangreichen Originalwerke der Blüteepoche längst fern lag und solcherart ersetzt werden sollte[63].
In der Distanz wuchs zusehends die Verehrung für den großen Galen, den einst seine Zeitgenossen nicht zu würdigen wußten; jetzt blickte ein kleines Geschlecht mehr staunend als verständnisvoll auf die literarischen Riesenleistungen dieses Genius, welcher immer mehr die Züge eines unerreichbaren Vorbildes annahm. Es spricht für den Weitblick des Kaisers Julian, daß er in seinem Reformversuch gerade auch der antiken Medizin eine wichtige Rolle beimaß[64] und daher seinen Leibarzt Oreibasios beauftragte, aus den ärztlichen Meisterwerken eine umfassende Enzyklopädie herzustellen, für welche Exzerpte aus den Schriften Galens den Grundstock bildeten. Wie vieles wurde durch dieses Werk dem allgemeinen Untergang entrissen!
Oreibasios folgte insbesondere den Fußstapfen Galens. Dem römischen Westen glaubte der Kompilator Caelius Aurelianus die Lehren der Methodiker, welche wegen ihrer praktischen Einfachheit im Abendlande stets auf viele Anhänger zählen durften, als beste Leistung der antiken Medizin in lateinischer Sprache übermitteln zu sollen. Die Nachwirkung war eine entscheidende für Jahrhunderte und brachte auch auf medizinischem Gebiete jene geschichtlich so tief begründete Scheidung zwischen dem hellenischen (niemals romanisierten) Orient und dem Okzident zum Ausdruck, welche in der Teilung des römischen Weltreiches wieder ihr äußerliches Zeichen gefunden hatte.
Im byzantinischen Osten dauerte die antike Tradition, wenn auch bloß mumienartig konserviert, ununterbrochen fort, und mit ihr die antike Medizin. Anders war das Schicksal der Heilkunde im Westen, wo die stolze Roma unter den Schwertstreichen nordischer Barbaren zusammenbrach; hier mußte sie während der rauhen Stürme der Zeiten in der stillen Mönchszelle Zuflucht suchen. Der langen Ueberwinterung folgte aber nach einem Jahrtausend eine Neugestaltung, wie sie die antike Welt aus sich heraus zu gebären nicht vermocht hätte. Alles Vergehen ist zugleich eine Form des Werdens!
[1] Auch in Ephesos bestand ein dem alexandrinischen nachgebildetes Museion, eine Akademie, welche mit der um das Heiligtum des Schutzgottes Asklepios zusammengeschlossenen Aerztevereinigung in enger Verbindung stand. Wie Inschriften beweisen, wurden von letzterer alljährlich die besten ärztlichen Leistungen (Abhandlungen, Erfindung von Instrumenten, Operationsverfahren) in feierlicher Weise preisgekrönt.
[2] Praktiker wirkten auch neben den Iatrosophisten als „Pädagogen” an den Hochschulen in Alexandria, Antiochia, Athen, in Italien, Gallien und Spanien; in der späteren Kaiserzeit waren die angestellten Gemeindeärzte zur Erteilung unentgeltlichen Unterrichts verpflichtet.
[3] Plinius klagt darüber, daß man in Rom jedem, der sich für einen Arzt ausgebe, Glauben schenke, obwohl gerade auf diesem Gebiete die Lüge von den größten Gefahren begleitet sei.
[4] Die strebsamsten unter den Aerzten sammelten die Arzneistoffe selbst (vgl. Bd. I, S. 360), die meisten aber erwarben von den Drogenhändlern die Rohmaterialien, um aus denselben die Medikamente zuzubereiten, andere endlich ließen sich von ihrer Bequemlichkeit verleiten, gleich fertige zusammengesetzte Präparate einzukaufen, wodurch der Kurpfuscherei der Arzneikrämer Vorschub geleistet wurde. Die Aerzte führten Hand- bezw. Reiseapotheken mit sich, d. h. Kästchen (aus Bronze), welche mehrere Fächer besaßen und oft künstlerisch verziert waren (z. B. mit Elfenbeinreliefs des Asklepios, der Hygieia etc.). Für den kaiserlichen Hof und den Fiskus wurden Arzneistoffe in den Provinzen unter Aufsicht von Beamten gesammelt, verpackt, nach Rom gesandt und in besonderen Magazinen verwahrt. Die Arzneigroßhändler kauften die Drogen teils vom Fiskus, teils bezogen sie dieselben auf direktem Handelswege. Verfälschungen der geriebensten Art waren gang und gäbe, doch trugen daran weniger die Händler als die Lieferanten Schuld. Jedenfalls bildeten unter solchen Umständen gründliche Kenntnisse in der Heilmittellehre und Arzneimittelzubereitung ein dringendes Postulat. Besonders wichtig war es, wie Galen hervorhebt, die Verfälschungen zu erkennen — wobei freilich zumeist einfache Sinneswahrnehmungen die chemische Prüfung ersetzen mußten — ferner zu wissen, welche Arzneimittel als Surrogate für fehlende Medikamente eventuell substituiert werden durften (Succedanea). Auch suchte man dem Bedarf der Hausapotheken der Aerzte und Laien namentlich auf dem Lande durch Euporista (leicht zu beschaffende und leicht anzufertigende Hausmittel) Rechnung zu tragen, wodurch dem Mißbrauch mit fremden, seltenen, kostspieligen Heilmitteln entgegengearbeitet und eine mehr volkstümliche Behandlungsweise angebahnt wurde, die namentlich den weniger Bemittelten zu gute kam.
[5] Erst im 3. Jahrhundert wurde ein einschlägiges Gesetz erlassen, wonach die Todesstrafe oder Verbannung zur Anwendung kommen sollte, wenn ein Kranker durch ein dargereichtes Medikament zu Grunde ging.
[6] Galen, der in seiner Heimat beide Fächer ausübte, sagt: „Da ich aber in Rom lebte, mußte ich der Sitte der Hauptstadt viele Zugeständnisse machen und den sogenannten Chirurgen das meiste von diesen Dingen überlassen.”
[7] So z. B. Charmis aus Massilia (1. Jahrhundert), von dem Plinius erzählt: „Er tauchte die Kranken in Teiche, und selbst hochbetagte konsularische Würdenträger konnte man ostentativ die Mode mitmachen und erbärmlich frieren sehen.”
[8] Berühmte Okulisten waren z. B. Euelpides zur Zeit des Celsus, Demosthenes aus Massilia (vgl. Bd. I, S. 275), Lysiponus, im Dienste des Augustus, Celadianus, Augenarzt des Tiberius, Severus, von dem noch wichtige Fragmente vorhanden sind. Zahlreich kommen Namen von Okulisten auf Inschriften vor.
[9] Ursprünglich nannte man Kollyrien alle Arzneizäpfchen, welche in Höhlungen, z. B. in die Harnröhre, in den After, in Fisteln u. s. w. eingeführt wurden. Im engeren Sinne verstand man darunter in Stangenform gebrachte Augenmittel, endlich, mit Vernachlässigung der Etymologie, Augenmittel überhaupt, wobei dann trockene oder flüssige Kollyrien unterschieden wurden. Die ersteren stellten aus metallischen und pflanzlichen Stoffen bereitete, durch allmählichen Wasserzusatz und Hinzufügung von Harz oder Gummi zäh oder fest gewordene Stangen dar, von denen im Bedarfsfalle ein Stückchen entnommen und mit einer Flüssigkeit verrieben wurde. Die Gefäße, in welchen die Kollyrien verwahrt wurden, trugen Aufschriften, bisweilen war auch das Kollyr selbst mit einer Gravüre versehen, so hieß z. B. des Antigonos Safrankollyr auch „der kleine Löwe”, weil es mit der Gravüre eines solchen gestempelt wurde (Galen). Bei Ausgrabungen — jedoch weder in Italien, noch in Griechenland, sondern bloß auf dem Boden der nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches — fand man Siegelsteine von Augenärzten, mittels welcher den Kollyrienstangen (nach Art unserer Toiletteseifen) der Name des Augenarztes bezw. Kollyrienerfinders, der Name des Mittels, zuweilen auch Angaben über dessen Indikation und Verwendungsweise aufgeprägt wurden. Diese Siegelsteine sind aus Nephrit, Serpentin oder Schiefer gefertigte, zumeist viereckige Täfelchen, welche auf ihren schmalen Seiten in Spiegelschrift die betreffende Inschrift tragen. Bisher sind ungefähr 200 solcher Stempel aufgefunden und sorgfältig beschrieben worden. Alles spricht dafür, daß der reklamehafte Gebrauch in Gallien aufkam, vom 2.-4. Jahrhundert herrschte, jedoch von den griechischen und römischen Aerzten verschmäht wurde — schweigt doch die Literatur gänzlich darüber.
[10] Die freien Hebammen waren in einer Zunft vereinigt, der die „nobilitas” beigelegt wurde; handelte es sich um die gerichtliche Feststellung einer Gravidität, so wurden sie als Sachverständige vernommen. Bezüglich der Aerzte als Sachverständige vor Gericht, haben erst in jüngster Zeit aufgefundene Urkunden (Papyri aus Aegypten) einige Nachrichten gebracht, welche Gutachten enthalten; sie stammen sämtlich aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten.
[11] Der bekannteste, aber durchaus nicht der erste von denen, welche die Astrologie für die Medizin geschäftlich und schwindelhaft verwerteten, ist Krinas von Massilia (1. Jahrhundert). Wie Plinius erzählt, „befliß er sich zweifacher Kunst, indem er, höchst vorsichtig und den himmlischen Gewalten ergeben, nach dem Gestirnlaufe im astrologischen Kalender die Ernährungsweise regelte und die rechte Stunde für jedes therapeutische Eingreifen wählte”.
[12] Wurzelsammler, Kräutersammler, Salbenhändler (unguentarii, myropolae), Arzneiverkäufer (pharmacopolae), Arzneikrämer (παντοπώλαι), Arzneibudenbesitzer (seplasiarii, der Name stammt von einer Straße in Capua, wo sie besonders dicht gedrängt hausten), Gewürzkrämer (aromatarii), Farbwarenhändler (pigmentarii). Die Pharmakopolen zogen als Quacksalber überall umher, die Inhaber von Arzneibuden etc. erteilten in ihren Tabernen pseudo-ärztlichen Rat. Von der Abgabe der Kosmetika, Fruchtabtreibungsmittel, Gifte etc., war nur ein Schritt zur allgemeinen Kurpfuscherei. — Am verrufensten waren die sogenannten „medicae” und „Sagae”, ehemalige Prostituierte, welche geheime Frauenleiden behandelten, Kinder abtrieben u. s. w.
[13] Aerzte aus römischen Familien bildeten, infolge der aus Catos Zeiten überkommenen Vorurteile, nur die Minderzahl — Romana gravitas non exercet medicam artem et qui ex Romanis incipiunt eam addiscere ad Graecos sunt transfugae, sagt Plinius — auch genossen die Ausländer größeres Vertrauen, so z. B. die Aegypter als Hautärzte; in der Literatur oder inschriftlich kommen übrigens römische Aerztenamen vor, z. B. Cassius (bei Celsus), Scribonius Largus, Vettius Valens, die von Plinius zitierten Granius, Ofilius, Rabirius, die von Galen erwähnten Valerius Paulinus, Flavius Clemens, Pompejus Sabinus.
[14] Umgekehrt griffen auch Aerzte, wenn sie Schiffbruch erlitten hatten, zu einem Gewerbe, um sich fortzubringen; wenigstens witzelt Martial über Aerzte, die Leichenträger oder Gladiatoren wurden und „in ihrem neuen Berufe dasselbe taten, wie früher, nämlich töten und begraben”.
[15] Reichbegüterte Römer besaßen oft mehrere „servi medici”, welche auf Wunsch der Herren medizinisch ausgebildet waren und als Sklavenärzte oder sogar als Hausärzte fungierten; aus Cicero und Tacitus geht hervor, daß sie bisweilen zu verbrecherischen Zwecken mißbraucht wurden. Auch Aerzte zogen sich Sklaven zu Assistenten heran, und nur sie durften die servi medici als Erwerbsmittel benützen. Da die Interessen der servi medici und diejenigen ihrer ärztlichen Besitzer häufig kollidierten, wenn es sich um den Loskauf handelte, so mußte derselbe gesetzlich geregelt werden, auch standen die liberti medici noch in einem Pflichtverhältnis zu ihren Patronen, wonach sie sogar gezwungen werden konnten, dieselben zu begleiten, was natürlich die Freigelassenen in der Ausübung der eigenen Praxis wesentlich hinderte. Außer den privaten gab es noch im Dienste des Staates stehende servi medici und öffentliche Freigelassene (liberti publici oder municipales). Die Lage der letzteren war sehr günstig; einzelne derselben besaßen eine äußerst lukrative Praxis und hinterließen ein bedeutendes Vermögen.
[16] Die Collegia der Römer waren Vereinigungen von Berufsangehörigen zum Zwecke der Beratung von Standesinteressen und zur Unterstützung der Mitglieder, ihre Weihe erhielten sie durch den gemeinsamen Kult bestimmter Gottheiten, Festlichkeiten etc. An der Spitze jedes Kollegiums stand der „Pater”, als Versammlungslokale dienten die „Curiae” oder „Scholae”. Das Collegium medicorum zu Rom verehrte als Patronin die Minerva und besaß (unter Trajan) eine Schola auf dem Esquilin. Ursprünglich wurden in die Collegia medicorum wohl nur Freie aufgenommen, später auch Freigelassene, ja sogar Sklaven.
[17] Die Städte richteten für die besoldeten Aerzte eigene Iatreien ein. Im ptolemäischen Aegypten waren die Aerzte staatlich angestellt und standen unter einem obersten Vorsteher.
[18] Die Bezeichnung ἀρχίατρος — von der das deutsche Wort Arzt abgeleitet wird — diente wahrscheinlich zuerst nur dazu, um würdige, verdiente Aerzte aus der großen Masse der Heilkünstler hervorzuheben und erst allmählich erstarrte der Ehrenname zu einer mit besonderen Vorrechten verbundenen Titulatur, zunächst wohl für kaiserliche Leibärzte (z. B. führten schon C. Stertinius Xenophon [Leibarzt des Claudius] und Andromachos [Leibarzt des Nero] den Titel); Galen sagt von Andromachos, er habe diesen Titel wegen seiner Kenntnisse bekommen, auch bezeichnet er (den Leibarzt des Antoninus Pius) Magnos und (den Leibarzt des Marc Aurel) Demetrios als „Archiatri”. In griechischen Inschriften findet sich das Wort ἀρχίατρος im Sinne von Stadtarzt. „Archiatri palatini”, d. h. Hofärzte, kommen mit diesem Namen zuerst unter Severus vor, es gab damals sieben. In der römischen Gesetzgebung erscheinen die Gemeindeärzte mit dem Titel „Archiatri populares” zum ersten Male unter Valentinian I. und Valens. Wir ersehen aus den Verfügungen, daß die Archiatri populares Kollegien bildeten, als Armenärzte fungierten und aus Gemeindemitteln (durch Naturallieferungen) besoldet waren. Ihre Zahl betrug in kleineren Städten fünf, in größeren sieben, in Rom zwölf. Dem Kollegium selbst oblag es, bei einer Vakanz einen Kandidaten, auf den sich mindestens sieben Stimmen vereinigt hatten, für die kaiserliche Bestätigung in Vorschlag zu bringen, und der Neugewählte erhielt immer den letzten Rang. Die Archiatri genossen eine ganze Reihe von Begünstigungen (Befreiung von Abgaben und von der Uebernahme anderer Aemter, besonderen Schutz gegen Beleidigungen etc.). Dafür wurde ihnen aber eingeschärft, lieber in rechtschaffener Weise den Armen zu Hilfe zu kommen, als schmählich den Reichen zu dienen. Aus den Verordnungen Constantins, welcher alle Privilegien der Gemeinde- und Stadtärzte (auch für ihre Familien) zusammenfassen ließ, ist hervorzuheben, daß dieselben zur Unterrichtstätigkeit durch in Aussicht gestellte Belohnungen und Besoldungen angeeifert wurden: Mercedem etiam eis et salaria reddi jubemus, quo facilius liberalibus studiis et memoratis artibus multos instituant. Außer den Hof- und Stadtärzten führten auch die Vorstände der ärztlichen Kollegien den Titel „archiater” (archiatri scholares), ferner die Aerzte der Vestallinnen und der öffentlichen Gymnasien. — In der späteren Kaiserzeit kamen für Aerzte (vorzugsweise Hofärzte) noch verschiedene Rangerhöhungen und Titel in Betracht, das Perfectissimat („vir perfectissimus” ═ dem Rang des Eques entsprechend) und die weit höher stehende, in drei Grade zerfallende „comitiva dignitas” (der „comes archiatrorum” führte das Prädikat „vir spectabilis”). Bisweilen wurden Aerzte sogar zu hohen Stellen in der Staatsverwaltung berufen.
[19] Auf der Trajanssäule sieht man in einem Relief die Szene dargestellt, wie ein Arzt mit der Anlegung eines Beinverbandes bei einem verwundeten Soldaten beschäftigt ist.
[20] Gerade der Verkauf von Medikamenten durch die Aerzte selbst — ein Geschäft, das einzelne möglichst einträglich zu machen verstanden — wirkte in hohem Maße depravierend auf die Standesethik (aus Gründen, die keiner besonderen Darlegung bedürfen) und artete teilweise in Geheimmittelschwindel aus. Die oft unnützerweise höchst kompliziert zusammengesetzten, kostspieligen Medikamente — berechnet auf die Leichtgläubigkeit der vermögenden Klassen — wurden in Gefäßen verwahrt, auf denen der Name des Mittels und seines Erfinders, die Krankheit, gegen die es verordnet wurde und die Gebrauchsweise zu lesen war; bisweilen wurde sogar angeführt, bei welchem namhaften Patienten das Mittel Erfolg gehabt hatte. Pompöse Arzneibezeichnungen, z. B. Ambrosia, Phosphorus, Isis, Anicetum u. s. w., wirkten selbstredend suggestiv, und manche Aerzte suchten in der Erfindung von allerlei geheimgehaltenen Arzneikompositionen ihren Ruhm und ihre Einnahmsquelle; insbesondere fanden Abortiva, Gegengifte und Kosmetika starken Absatz. Galen nennt eine Reihe von solchen Medikamentenerfindern, unter denen z. B. der Arzt Paccius Antiochus oft erwähnt ist. Dieser besaß, wie Scribonius Largus erzählt, eine „compositio mirifica” gegen Brustschmerz, deren Zusammensetzung er keinem anvertraute, er bereitete sie bei verschlossenen Türen und ließ von seinen Gehilfen, um sie zu täuschen, mehr Ingredienzien, als erforderlich waren, verreiben. Durch Rezepte, die in symbolischen Ausdrücken abgefaßt waren, wurde nicht bloß das Geheimnis der Zubereitung gesichert, sondern auch der lukrative Mystizismus noch gesteigert.
[21] Martial, Juvenal werfen den Aerzten Scharlatanerie und allerlei Verbrechen vor, Plinius beschuldigt sie, die allgemeine Verweichlichung und Sittenverderbnis hervorgerufen zu haben, und an vielen Stellen seiner Naturgeschichte erhebt er wahre Brandreden gegen die Aerzte. Selbst Kaiser Hadrian gesellte sich zu jenen, welche ihre Verachtung der Medizin in Schmähschriften kundgaben.
[22] So sagt schon Scribonius Largus: „Gar manche Aerzte sind nicht bloß unbekannt mit den alten Schriftstellern, sondern sie wagen es sogar, ihnen Falsches in den Mund zu legen. ... Jeder hat vor allem das im Auge, was ihm ohne Arbeit zufallen kann und dennoch Ansehen und Gewinn in Aussicht stellt. Somit betreibt ein jeder die Heilkunde nach seinem Belieben.” Ueber den mehr oder minder berechtigten Tadel Galens vgl. Bd. I, S. 358. Um die niedrige Habsucht seiner Kollegen in Rom zu geißeln, bricht der Pergamener in die bitteren Worte aus: „Zwischen Räubern und Aerzten ist kein anderer Unterschied, als daß jene im Gebirge, diese in Rom ihre Missetaten begehen.”
[23] Dioskurides führt, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen, manche abergläubische Mittel bloß den Lesern zuliebe an. Galen tritt im allgemeinen dem Gebrauch von abergläubischen Mitteln entgegen (vgl. Bd. I, S. 397).
[24] Der wahrscheinlich dem 2. Jahrhundert n. Chr. angehörende Ailios Promotos schrieb (noch handschriftlich erhaltene) Werke über sympathetische Heilmittel. Vollkommen frei vom Mystizismus waren aber nur die Hauptvertreter der methodischen Schule.
[25] Als solche fungierten namentlich Aegypter und Juden. Neben der ägyptischen Magie steht nämlich die jüdische in der hellenistisch-römischen Zeit gleichberechtigt da, wie sich aus den erhaltenen (ägyptischen) Zauberformeln (Vorkommen der Namen Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Engel, Salomos u. a.) ergibt. Die medizinische Magie der Juden leitete sich von Salomo ab; von der Tätigkeit jüdischer Exorzisten überliefert Josephus Flavius (Antiq. VIII, 2, 5) folgendes Beispiel: „Diese Heilkunst (Beschwörung) gilt auch jetzt noch viel bei uns. Ich habe z. B. gesehen, wie einer der unseren, Eleazar mit Namen, in Gegenwart des Vespasianus, seiner Söhne, der Obersten und der übrigen Krieger die von bösen Geistern Besessenen davon befreite. Die Heilung geschah in folgender Weise. Er hielt unter die Nase des Besessenen einen Ring, in dem eine von den Wurzeln eingeschlossen war, welche Salomon angegeben hatte, ließ den Kranken daran riechen und zog so den bösen Geist durch die Nase heraus. Der Besessene fiel sogleich zusammen, und Eleazar beschwor dann den Geist, indem er den Namen Salomons und die von ihm verfaßten Sprüche hersagte, nie mehr in den Menschen zurückzukehren. Um aber den Anwesenden zu beweisen, daß er wirklich solche Gewalt besitze, stellte Eleazar nicht weit davon einen mit Wasser gefüllten Becher auf und befahl dem bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen diesen umzustoßen und so die Zuschauer davon zu überzeugen, daß er den Menschen verlassen habe. Das geschah auch in der Tat.”
[26] Am berühmtesten waren die Ἐφέσια γράμματα: Aski, Kataski, Aix, Tetrax, Damnameneus, Aision. Es gab auch „Milesische” Zauberworte.
[27] Bemerkenswert ist es, daß heidnische Exorzisten schon sehr früh die Namen der jüdischen Patriarchen, Salomos oder sogar Jesu in ihre Zauberformeln aufnahmen.
[28] Der Voltaire des Altertums, Lukian, geißelt in seinen satirischen Dialogen den törichten Wunderglauben des 2. Jahrhunderts. Der „Lügenfreund” ist deshalb für uns von Interesse, weil darin namentlich der medizinische Wunderglaube hervortritt und gezeigt wird, wie blind demselben sogar Männer, die sich Philosophen nannten, ergeben waren. Wir hören da von abenteuerlichen Sympathiemitteln, Zauberliedern, Amuletten, Bannsprüchen, von einem Chaldäer, der Schlangenbisse durch Beschwörung heilte, von einem Hyperboräer, der Tote erwecken konnte, von den Wundertaten eines Exorzisten aus Palästina, von Zauberringen, von wunderkräftigen Bildsäulen (Gnadenbildern), denen zum Dank für gespendete Heilung silberne Münzen oder Plättchen (mittels Wachs) aufgeklebt wurden etc.
[29] In Rom wurde besonders Minerva Memor. und die Bona Dea als Heilgottheit verehrt, in Ephesos Diana, in Antiochia die „Matrone”, in Seleukia Apollon-Sarpedon, in Nordafrika die „himmlische Göttin” von Karthago; als Krankenheiler galten auch die Dioskuren, der Gott Men in Kleinasien u. s. w. Zu den heilspendenden Heroen zählten Toxaris und Aristomachos (Athen), Theagenes (Thasos), der Heros Neryllinos (Alexandria Troas) u. a.; ihre Grabsteine, ihre Statuen taten an den Gläubigen Wunder.
[30] So z. B. der Neupythagoräer Apollonios von Tyana, welcher Blinde und Lahme heilte, Tote erweckte. Auch Vespasian rangiert, wie es scheint, sehr wider Willen unter den Wundertätern. Serapis hatte einem Blinden und einem Lahmen im Tempelschlaf verheißen, daß sie der Kaiser während seines Aufenthalts in Alexandria auf wunderbare Weise heilen werde, und dies traf auch ein. Vespasian machte den Blinden sehend, indem er ihm in die Augen spuckte; der Lahme wurde von seinem Uebel befreit, nachdem der Kaiser das gelähmte Glied mit seiner Ferse berührt hatte.
[31] Um die Mitte des 2. Jahrhunderts gab es 43 Serapistempel im Reiche, ganz besonders zahlreich waren die Heiligtümer des Asklepios.
[32] Der Asklepioskult nahm seit Antoninus Pius (vgl. Bd. I, S. 354) besonderen Aufschwung; aus der Zeit dieses Kaisers rühren auch die vier Tafeln her, welche an der Stelle des Aeskulaptempels auf der Tiberinsel in Rom gefunden worden sind, zwei derselben enthalten Berichte über Heilungen durch Traumorakel von Blinden, zwei von aufgegebenen Brustkranken: „I. In diesen Tagen machte das Orakel einem gewissen Cato, der blind war, die Eröffnung, er möge zum heiligen Altare treten, seine Knie beugen, dann sich von dessen rechter Seite zur linken bewegen und die fünf Finger einer Hand auf den Altar legen, die Hand erheben und über seine eigenen Augen legen, und er sah gut vor einer Menge anwesenden und sich deshalb beglückwünschenden Volkes, weil sich so große Wunder unter der Herrschaft unseres Kaisers Antoninus zutrugen. II. Dem Lucius, der mit Seitenstechen behaftet und von allen Menschen aufgegeben war, gab der Gott das Orakel, er möge herantreten und die Asche vom Altare sammeln und mit Wein vermengen und dann auf seine Seite legen, und er genaß und dankte dem Gotte öffentlich und das Volk beglückwünschte ihn. III. Dem Blut auswerfenden Julianus, den alle Menschen aufgegeben haben, antwortete der Gott durch das Orakel, er möge herantreten und vom Altare die Pinienkerne nehmen und drei Tage hindurch mit Honig genießen: er genaß und dankte öffentlich in Gegenwart des Volkes. IV. Dem Valerius Aper, einem erblindeten Soldaten, gab der Gott als Orakel, er möge kommen und das Blut eines weißen Hahnes nehmen, demselben Honig beimengen und ein Kollyr daraus bereiten, welches er sich drei Tage hindurch auf die Augen streichen sollte, und er sah und kam und dankte öffentlich dem Gotte.”
[33] Galen erwähnt, daß Asklepios manchen verordnet habe, zu reiten, zu jagen, Waffenübungen vorzunehmen etc. Artemidoros sucht in seinem Traumbuch an der Hand von Beispielen nachzuweisen, daß die göttlichen Verordnungen mit der rationellen Medizin übereinstimmen: Die Götter verordnen Salben und Einreibungen, Tränke und Speisen u. s. w.
[34] Er selbst will dem Asklepios für die Heilung eines Geschwürs zu Dank verpflichtet sein u. a.
[35] In der Geschichte der Tiere und in den Fragmenten des Werkes von der Vorsehung findet sich manche alberne Erzählung von den Wundertaten des Asklepios. Der Zweck, den dieser heidnische Pietist mit seinen Wundermären verfolgt, liegt darin, zu zeigen, welches Heil der fromme Glaube bringe.
[36] Aristides, ein berühmter Rhetor des 2. Jahrhunderts, litt durch ungefähr 13 Jahre an einem durch die mannigfachsten Symptome (namentlich dyspeptische, suffokatorische Beschwerden, Schlaflosigkeit, Krämpfe, psychische Störungen) gekennzeichneten Krankheitszustand, zu dessen Behebung er in verschiedenen Tempeln des Asklepios Heilung suchte und mit blindem Vertrauen alle möglichen, rationellen und unsinnigen, Kuren gebrauchte, die ihm der Gott in zahllosen Traumoffenbarungen vorschrieb. Die nach der glücklichen Genesung(?) verfaßten, noch erhaltenen „heiligen Reden” stützen sich auf Tagebücher, die der Kranke mit kleinlicher Sorgfalt für die gewöhnlichsten Dinge angelegt hatte, und gewähren uns einen interessanten Einblick einerseits in das Seelenleben eines hochgebildeten, aber höchst neuropathischen, krankhaft leichtgläubigen, von Einbildungen, Visionen und Halluzinationen aller Art geplagten Mannes, anderseits in den suggestiven Kurbetrieb der Asklepieien. Mit jener charakteristischen Weitschweifigkeit und Verworrenheit, die wir in den Aufzeichnungen solcher Patienten stets beobachten, schildert Aristides die vielfachen Verordnungen (diätetisches Regime, Bädergebrauch, Barfußgehen, später Anleitung zur Beschäftigung; Blutentziehung, Abführ-, Brechmittel, Klistiere, Einreibungen, Salben etc.) äußerst genau, bis in alle Einzelheiten, wobei man den Eindruck gewinnt, daß die Tempelärzte nicht selten ganz zweckmäßig handelten, trotzdem ihnen die Sache durch die Schrullen und den immer absurder werdenden Pietismus des Patienten sehr erschwert war. Trotz seiner unsäglichen subjektiven Leiden glaubte Aristides nämlich, zum Heilgott, als ein Auserwählter, in ganz besonders naher Beziehung zu stehen und er wollte, wenn es auch noch so unsinnig war, alles buchstäblich befolgen, was seinem einseitig konzentrierten Denken in den unzähligen Inkubationen, Sinnestäuschungen, Delirien als direkte Offenbarung imponierte. Glücklicherweise fand sich bisweilen ein Ausweg durch die priesterliche Interpretation der Traumgesichte oder durch die Inkubationen, welche Freunde im Interesse des Patienten angeblich vornahmen.
[37] Von den meisten römischen Kaisern werden mystische Neigungen berichtet. Augustus, Marc Aurel, Severus u. a. legten auf Traumauslegung viel Gewicht, Tiberius glaubte fest an die Astrologie, Nero, Caracalla u. a. Imperatoren ließen sich in die Magie einweihen, selbst der geistvolle Hadrian war der Sterndeuterei ergeben und betrieb die Künste der orientalischen Mantik.
[38] Träume spielten im Leben der bedeutendsten Männer eine große Rolle (vgl. auch die Lebensgeschichte Galens Bd. I, S. 354-355). Im 2. Jahrhundert verfaßte Artemidoros aus Ephesos auf Grund der nicht unbeträchtlichen Vorarbeiten in der Alexandrinerzeit (Sammlungen von bewährten Traumauslegungen) ein zusammenfassendes, noch erhaltenes Werk Ονειροκρίτικα in 5 Büchern, welches sich des höchsten Ansehens erfreute. Bemerkenswerterweise spielt bei der Deutung der Träume neben der Allegorie auch die Zahlenspielerei eine Rolle, indem Wörter, deren als Zahlzeichen betrachtete Buchstaben die gleiche Summe ergeben, für einander eintreten konnten.
[39] Am meisten tritt dies in der Technik zu Tage, welche zu den künstlerischen Leistungen im Mißverhältnis stand. Das quantitative Denken wurde bloß auf einem sehr eng begrenzten Gebiete zur Geltung gebracht. — Die Philosophie wirkte bei ihrer Machtstellung wenigstens in nacharistotelischer Zeit nicht günstig ein, da ihre Begriffsmühlen zwar aufs feinste arbeiteten, aber wegen des zu geringen Forschungsmaterials leer gingen; auch der stark ethisierende Zug, welcher naturwissenschaftliche Kenntnisse nur so weit erforderlich hielt, als dadurch zur sittlichen Vollkommenheit beigetragen werde (Seneca, Epiktet), hemmte die freie, voraussetzungslose kritische Forschung.
[40] Ein Analogon hierzu bildet auf medizinischem Gebiete die Lehre von den spezifischen Kräften der Substanz (Körperteile, Heilmittel), vgl. Bd. I, S. 372 u. 398. Durch die Theorie von den nicht weiter ergründbaren „Kräften der ganzen Substanz” wurde nicht nur die reale Forschung eingelullt, sondern auch dem Glauben an zauberhafte, übernatürliche Wirkungen der Wundermittel Tür und Tor geöffnet.
[41] Sehr bald nach der sophistischen Aufklärungsperiode machte sich als Reaktion das Streben geltend, den Volksanschauungen entgegenzukommen und in ihnen die Ergebnisse der philosophischen Spekulation vorgebildet zu finden.
[42] Schon Poseidonios, der Freund Ciceros, schrieb über Mantik, auch wurde ihm ein Buch über das Wahrsagen aus dem Zucken der Körperglieder zugeschrieben.
[43] Von der zeitweiligen Toleranz am Kaiserhofe liefert Severus Alexander, der in seiner Hauskapelle neben den besten der vergötterten Kaiser, neben Orpheus auch Abraham und Christus verehrte, einen schlagenden Beweis.
[44] Während die Lehre Epikurs alles Mythische und Transzendente ausschloß, huldigten die Stoiker im höchsten Grade den metaphysischen Neigungen der Volksseele, auch legten sie den Schwerpunkt weniger auf wissenschaftliche Erkenntnis als auf ethische Strebungen, in ihrer Endentwicklung betrachtete es die Schule als Zweck der Philosophie, Tröstung zu spenden (Epiktet, Marc Aurel). Der Philosoph wurde geradezu zum Seelenarzt, zum Seelsorger. Wiewohl aber die Stoiker die Gläubigkeit durch Anerkennung der Mantik förderten, so machten sie doch die Tugend noch in echt antiker Weise von der Einsicht, von der selbstbestimmenden Vernunft abhängig, nicht von einer übersinnlichen Gnade.
[45] Der Skeptizismus, dessen Errungenschaften der Arzt Sextus Empiricus (um 200 n. Chr.) zusammenfaßte, leugnete wegen der Relativität der Vorstellungen die Erkenntnismöglichkeit des Wesens der Dinge. Da sich die Antike mit der Beobachtung der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge in der Erscheinungswelt nicht begnügte, so wurde die skeptische Richtung zur Quelle der Verzweiflung an Vernunft und Wissenschaft. Begreiflicherweise zogen daher viele die Konsequenz, daß das menschliche Denken einer Ergänzung bedürfe durch höhere Erleuchtung, daß nur durch mystische Spekulation in den Besitz der Wahrheit zu gelangen sei.
[46] Die Pythagoräische Schule erlosch zwar im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr., der Pythagoräismus als religiöse Lebensform (Askese, Mysterien) erhielt sich aber fortdauernd und nahm im 1. Jahrhundert v. Chr. wieder philosophische Gestaltung an. — Die bereits in der Zeit der Peisistratiden aufgekommene Sekte der Orphiker bestand bis in die christliche Zeit hinein, sie brachte eine religiös-mystische Literatur hervor, als deren Urheber der sagenhafte Orpheus galt.
[47] Der Neupythagoräismus kombinierte die pythagoräischen Zahlen — mit der platonischen Ideenlehre (Ideen ═ Zahlen ═ urbildliche Vorstellungen im göttlichen Geiste), verknüpfte den philosophischen Monotheismus mit dem volkstümlichen Götterglauben und erblickte die Hauptaufgabe in sittlicher Läuterung, Abkehr von der Sinnlichkeit, Veredlung des Kults. Als Hauptapostel dieser Richtung zog zur Zeit Neros Apollonios von Tyana umher, welcher überallhin reinere Gotteserkenntnis verbreitete und seine Lehre durch Wundertaten aller Art bekräftigte. Sein Leben wurde von Philostratos (Ende des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts) nach mehreren Vorlagen, romanhaft ausgeschmückt, beschrieben. Apollonios von Tyana wird in tendenziöser Weise (um Christus ein Gegenbild gegenüberzustellen) als Prophet der alten Götter vorgeführt, ausgestattet mit überirdischer Natur und Wunderkraft (Weissagung, Dämonenaustreibung, Totenerweckung etc.).
[48] Die Juden konnten sich dem Einfluß des von Syrien und Aegypten eindringenden Hellenismus nicht entziehen und bildeten anderseits im Geistesleben Alexandrias einen Hauptfaktor. Parallel zum Neupythagoräismus entwickelte sich auch unter ihnen eine religiös-philosophische Richtung, welche namentlich an platonische Ideen anknüpfte und einer allegorischen Schriftauslegung zustrebte. Philon stellt nur den Höhepunkt dieser Richtung dar, welche schon in der vorausgehenden apokryphen Literatur (z. B. das pseudosalomonische Buch der Weisheit) bemerkbar ist.
Die seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert hervortretende palästinensische Sekte der Essäer oder Essener (mit ihnen war die Sekte der Therapeuten am maräotischen See in der Nähe Alexandrias verwandt) zeigt viele Analogien mit der pythagoräischen Ordensgenossenschaft. Die Essäer pflegten die allegorische Schriftauslegung und entwickelten eine auf der (ursprünglich parsischen) Engellehre fußende Geheimlehre, die sich möglicherweise mit den Anfängen der im Mittelalter und in der Renaissance zu so großer Bedeutung gelangenden Kabbala berührt. Sie standen beim Volke im Rufe medizinischer Wundertäter (Heilungen durch Berühren, Händeauflegen, magische Kräuter und Steine, Beschwörungsformeln).
[49] Der Platoniker Celsus verfaßte im 2. Jahrhundert eine den Götterglauben verherrlichende Streitschrift gegen das Christentum.
[50] Die auf uns gekommenen „hermetischen” Schriften rühren aus verschiedenen Zeiten her und gehören verschiedenen theologischen Systemen an; unter diesen ragt besonders der aus 18 Abschnitten bestehende „Poimandres” hervor (vgl. R. Reitzenstein, Poimandres, Leipzig 1904). — Hermes ═ Thot galt in Aegypten seit uralter Zeit als Lehrer aller geheimen Weisheit und als Verfasser heiliger Schriften. Auf die medizinisch-hermetische Literatur weist schon Galen hin an der Stelle, wo er den Grammatiker Pamphilos wegen Benützung derselben tadelt.
[51] In dem Lehrgedichte (Astronomicon), welches Marcus Manilius dem Augustus widmete, ist unter anderem des näheren ausgeführt, wie jeder Körperteil unter dem Einfluß eines bestimmten Sternbildes stehe.
[52] Es kann daher nicht wundernehmen, daß mehrere astrologische Schriften der späteren Zeit fälschlich unter seinem Namen liefen.
[53] Das Wort χημεία wird meist mit dem alten Namen Aegyptens χημι (═ Schwarz) in Zusammenhang gebracht. Der Ausdruck Chemie findet sich in dem Sinne für „Goldmacherkunst” (ἱερὰ τέχνη, χρυσοποεία) zuerst in der astrologischen Schrift des Firmicus Maternus (vgl. oben). Eine Hauptpflegestätte bestand im Tempel zu Edfu, wo sich zu Ptolemäerzeiten ein Buch, betitelt „Die Verrichtung jedes Geheimnisses des Laboratoriums”, vorfand.
[54] Die Kyraniden gehören in den Kreis der „hermetischen” Bücher. Möglicherweise deutet der Name Κυρανίδες ═ Κυρηνίδης auf den Einfluß der einst berühmten und dann verschollenen Aerzteschule von Kyrene.
[55] Auch diese Strömung läßt sich weit zurück verfolgen. Bei Plato ist der Dämonismus im ganzen mehr ein Zierat seiner Spekulationen, unter den Vertretern der alten Akademie schreckte schon Xenokrates vor der Annahme von zahllosen Dämonen, Quäl- und Plagegeistern nicht zurück, die Stoiker gingen darin noch bedeutend weiter, die an orphisch-pythagoräische Traditionen auch hierin anknüpfenden Neupythagoräer vertieften den Dämonenglauben im mystischen Sinne. Daß sehr viele der Gebildeten schon im 2. Jahrhundert den Dämonismus als feststehende Tatsache ansahen, ersehen wir aus Plutarch, Maximus von Tyrus, Apulejus u. a. Bei Plotin sind die Dämonen noch im wesentlichen personifizierte Naturkräfte, Emanationen der Weltseele, sein Schüler Porphyrios beschreibt dieselben in seiner reichen Klassifikation schon mehr als greifbare, gute oder heimtückische Wesen, die ganz den parsisch-jüdischen Engeln entsprechen, Iamblichos und Proklos verweben völlig den rohen Volksglauben in ihre theosophische Spekulation.
Daß vorderasiatisch-ägyptische Einflüsse und Vorbilder für die Verbreitung und Ausbildung der Dämonologie maßgebend waren, ist gewiß.
[56] Wunderheilungen galten jederzeit als besonderer Beweis göttlicher Inspiration oder übermenschlicher Kräfte, daher spielen sie auch in den Biographien der mystischen Philosophen eine wichtige Rolle. Philostratus berichtet von Zauberkuren des Apollonios von Tyana, ebenso hören wir von magischen Heilungen, welche Plotin und Porphyrios vollbracht haben sollen.
Die kirchliche Literatur ist seit Justin erfüllt von Hinweisen auf Wunderheilungen und Exorzismen; wie sehr sich die Apologetik gerade auf dieses Moment stützt, zeigt namentlich die Polemik zwischen Origenes und dem Platoniker Celsus. — Bei den Christen kam allmählich ein eigener Stand von Exorzisten zur Entwicklung, welcher der niederen Hierarchie eingegliedert wurde. Die christlichen Beschwörungsformeln enthielten Hauptstücke aus der Geschichte Jesu.
Sowohl die Kirche als auch die neuplatonischen Philosophen wendeten sich aber gegen den Unfug, welchen die Gnostiker mit Zauberkuren trieben. Die Gnostiker haben den Gebrauch von Amuletten, Talismanen, magischen Zeichen ungemein gefördert, so sollen z. B. von den Anhängern des Basilides die bekannten Abraxasgemmen verbreitet worden sein. (Abraxas ═ Gott, der die Macht der 7 Planeten vereinigt ═ Jahr; der Zahlenwert der Namensbuchstaben beträgt 365.)
[57] Z. B. Taufe ═ Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit der Seele, Abendmahl ═ Pharmakon der Unsterblichkeit, Buße ═ vera de satisfactione medicina. In den apostolischen Konstitutionen heißt es: „Heile auch du (Bischof) wie ein mitleidiger Arzt alle Sünder, indem du heilsame, zur Rettung dienliche Mittel anwendest. Beschränke dich nicht auf Schneiden und Brennen und auf die Anwendung austrocknender Streupulver, sondern gebrauche auch Verbandzeug und Charpie, gib milde und zuheilende Arzneien und spende Trostworte als mildernde Umschläge. Wenn aber die Wunde tief und hohl ist, so pflege sie mit Pflastern, damit sie sich wieder fülle und dem Gesunden gleich wieder ausheile. Wenn sie aber eitert, dann reinige sie mit Streupulver, d. h. mit einer Strafrede; wenn sie sich aber durch wildes Fleisch vergrößert, so mache sie mit scharfer Salbe gleich, d. h. durch Androhung des Gerichts; wenn sie aber um sich frißt, so brenne sie mit Eisen und schneide das eitrige Geschwür aus, nämlich durch Auferlegen von Fasten. Hast du dies getan und gefunden, daß vom Fuß bis zum Kopf kein milderndes Pflaster aufzulegen ist, weder Oel noch Bandage, sondern das Geschwür um sich greift und jedem Heilungsversuch zuvorkommt — wie der Krebs jegliches Glied in Fäulnis versetzt —, dann schneide mit vieler Umsicht und nach gepflogener Beratung mit anderen erfahrenen Aerzten das faule Glied ab, damit nicht der ganze Leib der Kirche verdorben werde. Nicht voreilig also sei zum Schneiden bereit und nicht so rasch stürze dich auf die vielgezähnte Säge, sondern brauche zuerst das Messer und entferne die Abszesse, damit durch Entfernung der innen liegenden Ursache der Krankheit der Körper von Schmerzen geschützt bleibe. Triffst du aber auf einen Unbußfertigen und (innerlich) Abgestorbenen, dann schneide ihn mit Trauer und Schmerz als einen Unheilbaren ab.” Dieser bis in alle feineren Einzelheiten durchgeführte Vergleich des Bischofs mit dem Chirurgen ist nicht nur an sich interessant, sondern gewährt auch Einblick in die antike Wundarzneikunst.
[58] Die byzantinischen Berichte über die Krankenheilungen der großen Wundertäter (Engel, Märtyrer) erinnern lebhaft, stilistisch und inhaltlich, an die Wundergeschichten der Asklepiosheiligtümer. Das Erbe des Asklepios wurde von zahlreichen Heiligen angetreten, ganz besonders aber von Kosmas und Damian — den beiden Schutzpatronen der Aerzte. Ihr Kult, der im 6. Jahrhundert seine Blüte in Konstantinopel erreichte, ging höchstwahrscheinlich von Aegae aus, einer Stadt Ciliciens, wo ein besonders berühmtes Asklepieion bestanden hatte. Die Kranken verbrachten die Nacht in der Kirche (Kirchenschlaf), meist in großer Zahl auf Decken liegend, um im Schlafe der himmlischen Erscheinung gewürdigt zu werden; die Heiligen verordneten entweder die zu befolgende Kur oder heilten durch unmittelbare Wunderwirkung.
[59] Der erste Arzt, welcher dem Evangelium gefolgt ist, war der Gehilfe des Paulus, der heilige Lukas. Als der erste Arzt, der (zur Zeit Marc Aurels) den Märtyrertod starb, wird der Phrygier Alexander erwähnt. Im Beginne des 3. Jahrhunderts wurde einigen Christen von ihren wissensfeindlichen Glaubensgenossen gehässig vorgeworfen, daß sie Galen abgöttisch verehren, Γαληνὸς γὰρ ἴσως ὑπὸ τινῶν προσκυνεῖται. Dem Kaiser Alexander Severus widmete der, als christlicher Chronograph bekannte, Julius Africanus seine „Kestoi”. Als Aerzte wirkten der Priester zu Sidon, Zenobius (Märtyrer zur Zeit Diokletians), die Bischöfe Theodotos in Laodicea (um 305), Eusebius in Rom (310), Basilios von Ancyra (unter Konstantin), der Arianer Aetius; das römische Martyrologium gedenkt eines Arztes Diomedes aus Tarsus, der zur Zeit Diokletians hingerichtet wurde u. s. w.
[60] Sehr bedeutungsvoll war der Kampf, welchen die Kirchenväter gegen die Fruchtabtreibung, sowie gegen die sexuellen Ausschweifungen und Perversitäten führten. In hygienischen Fragen wurden sie wegen dem, mit dem übermäßigen Bädergebrauch etc. verbundenen Luxus oder Laster oft zu einer Opposition hingerissen, die in der Folge ungünstig auf die allgemeine Körperpflege (Gymnastik, das großartige antike Badewesen u. s. w.) einwirkte. Gleichfalls kann es wenigstens vom medizinischen Standpunkt kaum gebilligt werden, daß das Christentum mit den hygienischen Vorschriften der mosaischen Religion (Speisegesetze, Händewaschen) gänzlich gebrochen hat.
[61] Den Kirchenvätern erschienen die naturphilosophischen Spekulationen als Mißbrauch der geistigen Kräfte; sie wollten diese lieber den großen moralischen Lehren der geoffenbarten Religion zugewendet wissen. Im Hinblick auf die unversöhnlichen Widersprüche der Jahrhunderte alten Forschung, und erfüllt von unerschütterlichem Bibelglauben, mußten sie die menschliche Vernunft für unzureichend halten, wobei nicht zu übersehen ist, daß Skeptiker und Neuplatoniker sich in ähnlichem Ideenkreise bewegten. Zur Verwerfung oder doch Beschränkung der Forschung war dann freilich nur ein kleiner Schritt. Tertullian sagt: Nobis curiositate opus non est post Jesum Christum, nec inquisitione post Evangelium. Lactantius: Nam si facultas inveniendae veritatis huic studio subjaceret, aliquando esset inventa. Cum vero tot temporibus, tot ingeniis in ejus inquisitione contritis, non sit comprehensa, apparet nullam esse ibi sapientiam.
[62] Es sei an das tragische Schicksal der Hypatia erinnert.
[63] Die Kompendienliteratur bildet geradezu die Signatur des wissenschaftlichen Betriebs in allen Zweigen. Für die Naturkunde wurde der Auszug bedeutsam, welchen im 3. Jahrhundert Solinus aus dem Plinius nach einer älteren Vorlage zusammenstoppelte. Medizinische Kompilationen dürften übrigens schon vor der Zeit Galens insbesondere von den Anhängern der pneumatischen Schule verfaßt worden sein.
[64] Bemerkenswerterweise erklärte auch sein Zeitgenosse, der heilige Basilios, daß die Medizin unter allen profanen Wissenszweigen am meisten des Studiums würdig sei.