Zur Einführung.
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Den Jahrhunderten des Verfalls der antiken Medizin folgte ein Jahrtausend, welches nur bei tieferem Eindringen und höchstens auf einzelnen Gebieten einen schwachen Fortschritt der Heilwissenschaft erkennen läßt, im großen und ganzen aber den Anschein zähen Stillstands erweckt.
Zwar versiegte der Quell der griechischen Heilkunst niemals gänzlich, aber er wurde getrübt und vorübergehend sogar verschüttet.
Während das Abendland von kümmerlichen Resten der antiken Literatur zehrte und die Heilkunde inmitten trostloser Barbarei nur bei den Mönchen Zuflucht fand, trat Ostrom das Erbe des reichen Bildungsschatzes an, wurde die Medizin der Byzantiner zur kontinuierlichen Fortsetzung der hellenisch-römischen. Aber diese Fortsetzung war keine wahre Weiterentwicklung. Mehr darauf bedacht, die Form unversehrt zu erhalten, als den geistigen Kern aus der Hülle zu lösen, in stolzem Selbstgefühl des Hellenismus auf den Besitz des Ueberkommenen pochend, jeder Neuerung abhold, ließen die Byzantiner die Medizin veröden. Sie waren eifersüchtige Schatzhüter, welche das Kleinod für bessere Zeiten, für andere Völker hüteten, aber sie verstanden das Ererbte nicht zu verwerten oder gar zu mehren.
Von diesem im späteren Verlaufe versandenden Hauptarme der hellenischen Heilkunst zweigte — auf dem Umwege syrisch-persischer und ägyptischer Vermittlung — die weit lebhafter pulsierende, neue Elemente heranziehende, aber im Wesen dem Galenismus sklavisch folgende Medizin der Araber ab. Sie schloß manchen hoffnungsvollen Keim für die Zukunft in sich, ihre welthistorische Bedeutung liegt aber vornehmlich darin, daß sie als Kollateralbahn griechisches Wissen und Können, allerdings in bizarrer, phantastischer Verzerrung, dem Westen zutrug und im Verein mit der Scholastik die abendländische Heilkunde auf eine wissenschaftliche Stufe erhob.
In der byzantinischen, in der arabischen, in der scholastischen Medizin usurpierte ein mit gelehrten Flittern prächtig umhülltes Phantom den Platz der wahren hippokratischen Heilkunst.
Der Hippokratismus war erloschen oder glomm nur im Verborgenen weiter. Erst am Schlusse des Zeitraums wurde er von neuem angefacht, als dem sinkenden, untergehenden Byzanz der echt antike Geist entströmte, um nunmehr in ungehemmtem Aufflug, hoch erhaben über die Schranken der Nation und Heimat, die Welt zu durchwehen.