I. Samoa. Land und Volk.


Tief im Süden des Indischen Ozeans, auf jenen Breiten, wo der weite Weg nach Australien durch die Kugelform unserer Erde verkürzt wird und meistens günstige, westliche Winde die Fahrt eines Schiffes beschleunigen, zog im Jahre 1884 einsam ein deutsches Barkschiff seines Weges dem fernen Ziele entgegen.

Monde waren hingegangen, ehe mit Hülfe wechselnder Winde der Atlantische Ozean von Nord bis Süd durchzogen war; die Hälfte des nahezu 14000 Seemeilen langen Weges, von der deutschen Küste bis zu den Gestaden Australiens, war ungefähr zurückgelegt, als der Längengrad vom Kap der guten Hoffnung 18° 29' Ost von Greenwich auf etwa 44° Süd Breite passirt wurde und das schöne Passatwetter, das bis zu der Insel Tristan d'Acunha vorherrschend gewesen, überging zu kühlerem und unfreundlicherem. Der Winter war auf der südlichen Halbkugel hereingebrochen; je tiefer südlich das Schiff vor umlaufenden westlichen Winden lief, desto kälter, ungemüthlicher wurde das Wetter.

Hohe schaumgekrönte Wogen, die zischend längs den Borden des in bewegter See schwer rollenden Schiffes aufliefen und im wilden Wettlauf dieses überholten, fegten, vom Winde gepeitscht, ihren Gischt über das Deck. Kurz waren die Tage und nur selten blickten aus dem drohenden Gewölk, wenn es plötzlich zerrissen erschien, ein belebender Sonnenstrahl; die tiefe Bläue des Himmelsgewölbes Tage und Tage lang nicht gesehen, war dann für den einsam auf dem Weltmeer Hinziehenden ein Hoffnungsschimmer.

Endlos scheint der Ozean, kein Schiff, kein Segel auf der weiten, wildbewegten Wasserwüste ist zu entdecken, ebenso einsam scheint der gewaltige Meerbewohner, der Walfisch, durch die Fluthen zu ziehen, der von Zeit zu Zeit die warme Athemluft aus seinem einfachen oder doppelten Spritzloch hervorstößt, um darauf, so lange es ihm an der Oberfläche gefällt, wieder frische Luft in die Lungen einzuziehen. In der kälteren Atmosphäre verdichtet sich die ausgestoßene feuchte Athemluft und bleibt um so länger sichtbar, je kälter die Temperatur auf der Oberfläche des Meeres ist. Mächtige Thiere sind es, in den sich überstürzenden Wogen kaum sichtbar, ihre Größe läßt sich nur ungefähr schätzen, wenn kurz nach dem Sichtbarwerden des Wasserdampfes das Thier in die Tiefe schießt und über die Wogenkämme emporragend, der Schwanz durch die Fluthen peitscht.

Die Habsucht des Menschen hat in wenigen Jahrzehnten ungezählte Schaaren dieser nützlichen Thiergattung vernichtet, selten findet man heute noch eine Anzahl der mächtigen Thiere beisammen, die einsam über die gewaltige Meerestiefe hinziehen, welche einst von Abertausenden belebt war, denen sie reiche Nahrung geboten.

Wind und Wogen sind in den Monaten Juli und August auf diesen südlichen Breiten meistens immer im Aufruhr; so setzte diesmal auf der Höhe der Krozet-Inseln ein äußerst schwerer, westlicher Sturm ein. Das Schiff, von den Fittichen des Windes getrieben, floh vor der brüllenden, wilden See; aber ob auch den Masten die denkbar größte Last aufgebürdet wurde, mußten doch nach und nach mit der wachsenden Kraft des Sturmes die Segel gekürzt werden und acht Tage lang lief das Schiff, während in der Luft die schwarzen Wolkenmassen dahinjagten wie ein gehetztes Wild, vor seinen dichtgerefften Sturmsegeln dahin, von den Wellen geschoben, die Bergen gleich von hinten heranrollten und deren Schaumkronen sich vernichtend über das in allen Fugen erzitternde Schiff ergossen. Uebermächtig war die Gewalt der Elemente, und hätte es ohne große Gefahr für Schiff und Mannschaft geschehen können, so würde der wilde Lauf vor solcher gefährlichen See durch Beidrehen an den Wind aufgegeben worden sein.

Jedoch ein guter Renner war die Bark, saß ihr auch die wilde See drohend und verderbenbringend auf den Fersen, die sie, tief ins Wogenthal getaucht, kaum abzuschütteln vermochte, so hob sie sich doch immer wieder siegreich empor, hinjagend durch Nacht und Schrecken.

Weit über den 80. Längengrad hinaus führte der erlahmende Sturm das wackere Schiff und mit von Norden bis Süd-Westen umspringenden steifen Winden wurde nach monatelanger Fahrt wieder Land, die Südküste Australiens, gesichtet.

Im sicheren Hafen von Melbourne, jener jungen, aufblühenden Stadt der Paläste — australischen Goldfeldern und dem Strome des Edelmetalls, der hier sich staute, verdankt sie ihr schnelles Wachsthum — wurde, um die werthvolle Ladung zu entlöschen, wochenlang Rast gehalten.

Das Goldfieber, das schon viel Tausende zur Pflichtverletzung trieb, übte auch auf die Mannschaft des deutschen Schiffes seinen verderblichen Einfluß aus, und die Hälfte derselben folgte dem lockenden Rufe nach goldenen Schätzen, den gewissenlose Agenten ertönen ließen. Gleich vielen anderen folgten die Bethörten und vertauschten den harten Seemannsberuf mit dem eines Diggers, um unter Entbehrungen, in harter Arbeit, fern in den wegelosen Steppen des wasserarmen Innern Australiens nach den begehrlichen Schätzen der Erde zu graben.

Bitter Enttäuschte, die viel ärmer als sie einst ausgezogen, zur Küste zurückgekehrt waren und nur von Hunger, Durst und schlimmen Erfahrungen zu erzählen wußten (kaum daß sie im Stande gewesen, das äußerst theure Leben in der Wildniß zu fristen, so wenig hold war ihnen das Glück gewesen, so spärlich nur hatten sie Gold gefunden), ersetzten zum Theil die Flüchtigen. Froh noch konnte mancher Schiffsführer sein, wenn es ihm gelang, mit Angehörigen anderer Nationen sein Schiff wieder zu besetzen, da fast ohne Ausnahme jedem, wenn nicht die ganze, so doch ein Theil der Schiffsbesatzung entlaufen war. So mußten denn ebenfalls auf dem deutschen Schiffe Norweger, Schweden oder Engländer als Ersatz mit landesüblicher hoher Löhnung angenommen werden und das Kommando, sonst im biederen Plattdeutsch geführt, machte nothgedrungen dem englischen Platz.

Das Schiff, auf welchem sich der Schreiber dieser Zeilen als Reisender befand, war gleich vor Beginn der Fahrt nach den Samoa-Inseln im Stillen Ozean bestimmt, und Ende Oktober des Jahres 1884 lichteten wir die Anker, um von Melbourne weiter die Fahrt nach Apia fortzusetzen. Widrige Winde in der Baßstraße, zwischen dem Festlande von Australien und der Insel Tasmanien, unfreundliches Wetter mit kalten Regenschauern erschwerten das Aufkreuzen in derselben, bis nach Tagen schließlich raumer Wind das Passiren der in dem östlichen Theile dieser Straße liegenden Inseln und Felsenrocks möglich machte.

Als wir dann den freien Ozean gewonnen hatten, war es nothwendig, möglichst weit nach Osten aufzusegeln, und selbst als wir dicht unter der Nordspitze von Neu-Seeland gekommen waren und die drei König-Inseln sichteten, wurde noch immer der Kurs mehr östlich als nördlich gehalten, damit, wenn wir die Region des Süd-Ost-Passatwindes erreicht hätten, mit freiem Winde nordwärts gesteuert werden konnte. Schon auf der Höhe der Kermadec-Inseln wurde das Schiff von Windstillen befallen, die zeitweilig, von schweren Regenböen unterbrochen, nur ein sprungweises Vorwärtskommen gestatteten, bis auch dieser Gürtel unbeständiger Winde passirt war und auf etwa 25° S. Br. der Passatwind kräftig einsetzte.

Jetzt hatte die langdauernde Stille, bei der die Segel in eintöniger Weise an die Masten klappten, auf einmal ein Ende; die spiegelglatten Fluthen des Ozeans durch aufspringende Böen zeitweilig aufgeregt, sprangen übermüthig die Schaumkronen der Wellen an der Bordwand des Schiffes empor, das unter voller Segelkraft mit schneller Fahrt dahineilte.

Als wir östlich von den Tonga- (Freundschafts-) Inseln nordwärts steuerten, war das erste Land, welches in Sicht kam, die Insel Niue, aber zwei Tage später schon tauchte am Horizonte des tiefblauen Tropenhimmels die gebirgige Inselmasse der Samoagruppe klar und deutlich empor, immer höher aus den Fluthen des im Sonnenglanze blinkenden Meeres aufsteigend, je näher sich beflügelten Laufes das Schiff seinem endlichen Ziele näherte.

Zur Rechten die Insel Tutuila mit ihren zerrissenen Bergen, einst thätigen Vulkanen, hebt sich zuerst, wenn man der Straße zwischen der Insel Upolu und Tutuila zusteuert, die über 30 Seemeilen breit ist, die mächtige Bergmasse aus den blauen Fluthen des Ozeans, während die langgestreckte Insel Upolu, massiver und höher, aus der Ferne wie in weißen Nebel getaucht erscheint, über der die blauen Bergkuppen vereinzelt emporragen. Immer deutlicher jedoch tritt auch hier das Unterland hervor, und die hochragenden Kronen der Kokospalmen, einen Kranz um alles sichtbare Land bildend, erscheinen wie ein endloser Wald, der sich längs dem Ufer hinstreckt. Sobald auch die Ufer ganz sichtbar geworden, zieht sich weit von Land ein weißer Silbergürtel hin, erzeugt durch die das Ufer umsäumenden Korallenriffe, an welchen sich wilddonnernd die ziemlich bewegte See unablässig bricht.

Ein eigenartiges Bild blühender Tropenlandschaft bietet das Ganze, man fühlt sich unwillkürlich versucht, anzunehmen, unter diesem blauen Himmelsdome, unter den im Winde wogenden Palmenkronen müsse ein ewiger Friede wohnen, müsse die Natur ein Paradies geschaffen haben.

Vorüber ziehen an der Ostseite der nach dem Innern immer höher sich aufthürmenden Berge dieser Insel, die mächtigen abgesprengten Rocks gleichenden Inseln Nuulua und Nuutele, und weiter, sobald nach Nord-Westen das Auge wieder den freien Ozean erblickt, die riffumkränzte Insel Fanuatapu. Wenn diese umsegelt ist, läuft das Schiff vor dem Winde nahezu westwärts längs der von Korallenriffen reinen Küste, und nur die reiche Tropenwelt vom Strande aufwärts bis zu den sanften Höhen zeigt sich im ewig grünen Schmucke, kein kahles Gestein wird sichtbar, dicht mit Busch und Wald scheint Thal und Hügel bedeckt — als ein gesegnetes Land hebt sich diese Insel aus der Tiefe des mächtigen Ozeans. Hin und wieder treten zwischen den hohen Stämmen der schlanken Palmen am Strande wie dunklere Punkte die Hütten der Eingebornen, am steilen Ufer erbaut, von der grünschimmernden See ab, ebenso gleitet zeitweilig über eine tiefere Bucht ein Kanoe eilend hin, von kräftigen Armen vorwärts getrieben, obschon von den Insassen bei so großem Abstande nichts Genaues zu sehen ist.

Ist man zwölf Seemeilen längs der Nord-Ostküste gesegelt, so öffnet sich hinter der Nannivi-Spitze der Hafen von Falisa, von hier aber läuft an der Küste weiter ein mächtiges Korallenriff, an dessen Kante die See schäumt und brandet. Das Land erhebt sich im Innern der Insel höher und höher, über die welligen Bergmassen ragt der Berg Fao spitz empor; ein Bergrücken durchschneidet die ganze Insel von Ost bis West, dessen einzelne Ausläufer nur hier und dort bis an die Küste vordringen.

Ist die dem Lande vorgelagerte Riffmasse passirt, so öffnet sich der von Korallenbänken und Riffen umgebene sichere Hafen von Saluafata, der zu dieser Zeit schon von den deutschen Kriegsschiffen als bester Depotplatz und Gesundheitsstation anerkannt und benutzt wurde. Alle Riffe, von See aus gesehen, scheinen direkt mit dem Lande verbunden zu sein, wenigstens läßt das grünschimmernde Wasser, sobald die ausgedehnten Bänke damit bedeckt sind, solches anfänglich vermuthen, in der That aber bilden diese häufig ein zwar vielfach geformtes, doch getrenntes Ganze für sich, so daß selbst bei der Ebbe es für ein Boot möglich ist, dicht unter Land oder in geringer Entfernung davon innerhalb der Riffe im ruhigen Wasser zu fahren. Selbst die Kriegskanoes der Eingeborenen, 40 und mehr Mann fassend, benutzen nur diese Wasserstraßen, um von Ort zu Ort zu gelangen, obwohl diese sich auch nicht scheuen, mit den leichtgebauten Fahrzeugen auf die offene See hinauszurudern, wenn das Meer ruhig ist und eine Nothwendigkeit dazu vorliegt.

Angebracht scheint es mir hier, gleich über die Entstehung, Fortpflanzung und Bildung der Korallenbänke eine kurze Beschreibung zu geben, weil im Laufe dieser Erzählung vielfach der gefährlichen Korallenbänke wird Erwähnung gethan werden.

Die Koralle, eine Polypenart, siedelt sich am häufigsten in den tropischen Gegenden an, an geschützten Küsten oder auf nicht tiefer als 50 Meter liegendem Meeresgrunde, sind die Bedingungen zur Fortpflanzung günstig, d. h. reichliche Nahrung und eine nicht unter 18° C. sinkende Wassertemperatur vorhanden, so breiten sie sich sehr schnell aus und bilden durch das Absterben der Milliarden kalkhaltiger Thiere allmählich eine feste steinige Masse.

Sie wächst bis zur Ebbegrenze, d. h. bis zum niedrigsten Stande des Meeresspiegels, dann hört aus Mangel an genügender Nahrungszufuhr ihr Wachsthum auf, dafür aber dehnen sie sich nach der offenen See mehr und mehr aus, selbst die schweren, auf solchem Randriff brechenden Wogen hindern die Thierchen nicht am Weiterbau. Lücken, durch sehr schwere Brandung hervorgerufen, füllen sie schnell wieder. Meistens bildet der äußere Rand eines Riffes eine steile Wand, was namentlich der Fall ist, wenn an solchem die Wassertiefe schon beträchtlich ist.

Um es zu verstehen, daß selbst auf abschüssigem Grunde ein Korallenriff an Ausdehnung gewinnen kann, muß man bedenken, wie die Korallenthiere bis zu der Tiefe von 50 Meter immer weiter an gebildeten Bänken fortbauen, so über großen Tiefen frei hängende Massen bilden, die schließlich durch die Gewalt der See oder ihrer eigenen Schwere abbrechen und versinken. Solche abgestürzten Massen aber, im Laufe der Zeiten übereinander gethürmt, geben den Thieren immer neue Ansiedelungspunkte und die Folge ist, daß an vielen Riffen eine steile, senkrechte Wand gefunden wird, die aus einer Tiefe von mehreren hundert Fuß bis zur Oberfläche des Meeres aufragt.

Eine eigenthümliche Erscheinung ist ferner, daß an der Mündung von Bächen und Flüssen die Koralle sich nicht ausbreitet, es erklären sich hierdurch die kleineren oder größeren Riffpassagen, die man bei Wallriffen unter Inseln oder Festland immer findet. Der Grund dafür ist, daß den Korallenthieren durch das Süßwasser die benöthigte Nahrung entzogen wird und sie naturgemäß absterben, oder, wo durch brandende See ihnen solche doch noch zugeführt wird, sich nur äußerst langsam ausdehnen. Ebenso werden die Thierchen an der gedeihlichen Fortpflanzung unter Land auch dadurch gehindert, daß, während schon an und für sich das Meer ihnen geringere Nahrung zuführt, die Landwinde vom Ufer vielen feinen Staub abwehen. Dadurch erklärt es sich, wie häufig in der Nähe des Landes die Koralle das Weiterbauen eingestellt hat und Durchfahrten für Boote und Kanoes freigeblieben sind. Orte, wo die Koralle im Meere nicht gedeiht, sich vielleicht überhaupt nicht angesiedelt hat, wie man solchen Vorgang an Inseln beobachten kann — eine Seite derselben ist mit Riffen eingefaßt, die andere nicht — ist fast immer auf eine kältere Meeresströmung zurückzuführen, die unter Küsten oder Inseln hinzieht.

Das ausgedehnte Gebiet des Großen Ozeans, dessen weitverzweigte Inselwelt vielfach heute noch ein Vulkanheerd ist, bringt hin und wieder plötzliche Veränderungen hervor, für Jahrtausende beständig gebliebene Riffe versinken oder heben sich. Tritt solche Verschiebung ein, sinkt z. B. ein Riff unter die Meeresoberfläche, so baut sich die Koralle ungemein schnell auch auf schon erstorbenen Flächen wieder an und führt das Riff zur Meeresoberfläche; hingegen heben sich unter Wasser gebildete Bänke, was zur Folge hat, daß im größeren Umkreise auch der Meeresboden gehoben wird, so nimmt die Koralle am Randriff ihre Arbeit wieder auf, da sie auf einer Tiefenlinie von ungefähr 2000 Meter nicht weiter bauen kann, weil der in solcher Tiefe große Kohlensäuregehalt des Meerwassers einen Weiterbau verhindert.

Was die Bildung der Korallen-Inseln anbetrifft, so entstehen solche nur durch Anhäufung losgelöster Korallenblöcke, die durch schwere Seen bei Stürmen oder Orkanen auf das Riff getragen werden. Ueberwiegt auch am Riffrande das Wachsthum der Koralle den Verlust, welcher durch die unablässig anbrandenden Wogen entsteht, die solche Theile und Theilchen loslösen und auf dem Riffe ebenfalls ablagern, so tragen doch diese dazu bei, schon etwa über Fluthhöhe angehäufte harte Korallenmassen zu verbinden und heftige Winde thun das Ihre, zu Zeiten der Ebbe den leichten Korallenmörtel immer höher aufzuhäufen. Dann fehlt nur noch die Vegetation; angeschwemmte Kokosnuß und Pandanuß finden fruchtbaren Boden; Samen, von Seevögeln oder den Wogen zugetragen, keimen auf der kleinen Fläche, die hierdurch auch immer mehr an Ausdehnung gewinnt, bis im Laufe der Zeiten Inseln von beträchtlichem Umfange entstehen.

Bei der Beschreibung des Marschall-Atolls und anderer werde ich auf deren muthmaßliche Bildung zurückkommen, obgleich die Entstehung der heutigen Inselgruppe auf ganz gleiche Vorgänge zurückzuführen ist.

Sieben Seemeilen weiter westlich von dem, dem Hafen von Saluafata vorgelagerten Riffe — die Küste zeigt auf dieser Strecke nur wenig Korallenbildungen — erhebt sich von der Vailele-Bai erst wieder das massive, von hier die ganze Küste westwärts umfassende Korallenriff. Die brandenden Wogen an denselben mahnen zur Vorsicht, man ist deshalb gewohnt, einen größeren Abstand zu halten, als bei günstigem Winde nöthig wäre, da die Wassertiefe fast überall bis dicht unter das Riff beträchtlich ist.

Erschwert wird daher auch das Auffinden der Einfahrt, die zum Hafen von Apia führt; namentlich für einen mit den Verhältnissen und den Strömungen nicht vertrauten Schiffsführer hat die erste Ansegelung etwas Schwieriges. Wohl geben der Apia-Berg, ferner auf diesem und die an dessen Fuße auf dem kleineren Waea-Hügel errichtete Baken und Feuer ein gutes Merkzeichen, doch diese sind nicht immer, wenn Dünste und feuchte Nebel darüber lagern und tiefhängende schwere Regenwolken das Innere der Insel verhüllen, aus größerer Entfernung sichtbar und selbst der Hafenlootse kann sich bei bewegter See auch nicht immer weit aus dem Schutze der Riffe herauswagen, um dem irrenden Schiffe als Wegweiser zu dienen. Dazu kommt, daß der nach Westen setzende Strom ein Schiff leicht über die Peilrichtung der gegebenen Zeichen hinaustreibt, und manchem Führer geht es so wie es auch mir ergangen ist, daß er, gegen schwachen Ostwind kreuzend, weit fortgetrieben wird und er Tage braucht, ehe er die Höhe des Hafens wieder erreicht.

Man bezeichnet auch den durch den im Apia-Hafen mündenden Vaisigano-Fluß gebildeten Wasserfall, der landeinwärts bei dem Dorfe Maniani liegt, als gutes Merkzeichen, da er im Sonnenlichte hell blinkend seine Wasser aus beträchtlicher Höhe abstürzt und auch weit von See aus sichtbar ist; allein da solche Fälle bei günstiger Beleuchtung an der Nordseite der Insel mehrere zu sehen sind, so ist der Vaisigano-Wasserfall kein untrügliches Zeichen. In den Monaten Mai bis November wird man indes hier meistens immer klares Wetter antreffen und es dann nicht schwierig sein, die Einfahrt in den gut geschützten Hafen zu finden.

Es war am 19. November 1884 als wir, schon nach hereingebrochener Dunkelheit, den sicheren Hafen erreichten und ich nach einer Reise von 175 Tagen (der Aufenthalt in Melbourne eingerechnet) das Land betrat, wo für mich eine jahrelange Thätigkeit im Dienste der deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft vorgesehen war. Dem Fremdartigen, das einem in fern entlegenen Ländern entgegentritt, wendet man anfänglich seine ganze Aufmerksamkeit zu; so fühlte man sich auch hier, wo schon die reiche Tropenwelt, die ganze Großartigkeit der Scenerie die Sinne gefangen nahm, versucht, die gewonnenen Eindrücke auf sich wirken zu lassen, und das Wohlgefälligste, was dem Beobachter hier in diesem schönen Erdenparadiese entgegentritt, sind die Bewohner dieses gesegneten Landes selbst.

Stolze, stattliche Gestalten sind die Männer, groß und schlank gebaut, Klugheit und Kraft verrathend, soweit letztere aus dem stolzen Gang und dem wohlgenährten Körper ersichtlich ist. Der Körper ist bis auf den Lendenschurz, den Lava-Lava, den sie gefällig um die Hüften tragen, nackt, die Beine fast bis zum Unterleib tätowirt, stechen die blauen Streifen oder Ringe von der lichtbraunen Farbe des Körpers auffällig ab. Die Frauen sind selten über Mittelgröße, haben hübsche, anmuthige Gestalten, zeigen Sanftmuth und gefälliges Wesen, vor allem, wenn noch Jugendreiz sie schmückt und sie ihre Schönheit durch die duftenden Kinder der hier üppig blühenden Flora zu heben bemüht sind, die sie kranzartig sich in das starke, mähnenartige, schwarze Haar einflechten.

Ein sorglos glücklich Volk, dem die Natur ihre reichen Schätze ohne Arbeit und Müh in den Schooß wirft, scheinen diese Ureinwohner zu sein. Wohin man den Blick wendet, Früchte beladene Kokospalmen, vereinzelt oder in großen Gruppen, Apfelsinen und Brotfruchtbäume neben der zuckersüßen Banane, der wohlschmeckenden, nahrhaften Yamswurzel, dem Zuckerrohr und der Taroknolle, machen die Hauptbestandtheile der Nahrung der Eingeborenen aus, nur die letzten Arten bedürfen der Anpflanzung und sehr geringer Pflege. Der Palmenbaum, der Milch, Oel und saftigen Kern giebt, Gewebe und wohlschmeckendes Getränk, um Dörfer und Hütten gepflanzt, genügte allein schon den Eingebornen zu sättigen und zu befriedigen. Nicht die Größe des Flächenraumes schätzt dieser deshalb hoch, sondern die Zahl der Palmenbäume, die ihm zu eigen gehören.

Der große Hafen von Apia, durch die vorspringende Matautuspitze und die weitgestreckte schmale Landzunge Mulinun gebildet, durch die weit in See sich erstreckenden Riffe eingeengt und eigentlich erst geschaffen, bietet genügenden Raum und Wassertiefe für eine ganze Anzahl großer Schiffe; der kleinere Hafen hingegen ist etwas beengt, bietet aber für jedes Schiff, wenn solches wegen seines Tiefganges nicht im großen verbleiben muß, eine noch gesichertere Lage. Uebrigens ist der kleine Hafen eigentlich nur der Ankerplatz für die der Plantagen-Gesellschaft zugehörenden Schiffe.

Auffällig und sofort ins Auge fallend sind die großen Bauten der Deutschen Handels-Gesellschaft, vor allem das gefällige Hauptgebäude, das in seiner Ausdehnung nicht bloß die Kontore, sondern auch die Wohnung des derzeitigen Chefs, des Herrn Konsuls Weber, sowie aller im Innern-Dienst Angestellten enthält.

Das Innere des großen Quadrats nimmt ein gefälliger Ziergarten ein, dessen Bäume und Pflanzen viel dazu beitragen, die heiße Schwüle der Abende zu mildern und erfrischende Kühle verbreiten. Alle Häuser der Europäer, aus Holz erbaut, das nach Bedarf von amerikanischen Schiffen eingeführt wird, stehen um einige Fuß über dem Erdboden erhöht meistens auf gemauerten Korallenpfeilern. Es ist dies insofern eine zwingende Nothwendigkeit, als, abgesehen davon, daß während der Regenzeit vom November bis April, die Feuchtigkeit fern gehalten wird, dem zahlreichen Ungeziefer nach Möglichkeit gewehrt werden muß.

Ratten in Unmenge, Ameisen zu Milliarden bürgern sich in den Häusern gar zu gerne ein und namentlich gegen letztere, die durchaus nichts, was eßbar ist, verschonen, kämpft hier der Mensch vergeblich an. Um diese kleinen geschäftigen Thierchen, die unter Dielen, in den Holzfüllungen ihre Heimstätte aufschlagen, nur einigermaßen vom Genießbaren fernzuhalten, müssen Tischbeine, überhaupt alle Gefäße, die Eßbares enthalten, in Wasserbehälter gestellt werden, das ist die einzige Methode, mit einigem Erfolge Speisen, Früchte u. s. w. vor Verderben durch Ameisen zu schützen.

Ein wahres Heer voll Ungeziefer aber beherbergen die Kopraschuppen, jene Gebäude, welche aufgespeicherte Vorräthe an getrockneter Kokosnuß enthalten. Kopra ist der in Stücke geschnittene und an der Sonne getrocknete Kern der Nuß, jenes werthvolle Erzeugniß, das in Europa die feinsten Oele, Seifen, Säuren u. s. w. giebt und jederzeit hoch im Preise steht. In solchen Gebäuden wimmelt es von Ratten, Käfern, Kakerlaken und Ameisen, die hier überreiche Nahrung finden, Tausendfuß und anderes gefährlicheres Gewürm, selbst den Skorpion habe ich zuweilen an anderen Orten bemerkt.

Eine langandauernde Lagerung des Kopras, dessen reicher Oelgehalt bedeutende Wärme erzeugt, bringt durch Eintrocknen schon einen Gewichtsverlust mit sich, mehr aber verliert die Güte desselben durch die erwähnten Thierarten. Bei der Verschiffung des Kopras wird natürlich solch lästiges Gewürm mit in das Schiff übergeführt und monatelanges Lagern großer Mengen Kopra in einem Schiffsraume hat zur Folge, daß namentlich Ameisen und Kakerlaken sich einbürgern, gegen deren Vertilgung nordische Kälte nur das einzige durchgreifende Mittel abgiebt.

Die ausgedehnten Bauten der deutschen Factorei und das dazu gehörige Gelände trägt den Namen „Savala“, die langgestreckte Landzunge, auf welcher sich mehrere kleinere Dörfer als „Songi“ und ganz am Ende die Wohnung des derzeitigen Königs „Maliatoa“ befindet, heißt „Mulinuu“. Gebüsch, Palmen und Brotfruchtbäume bedecken diese Landfläche, die im Hintergrunde ein dichter Mangrovensumpf umsäumt, die Brutstätte der lästigen Mosquitos und des zu Zeiten austretenden Malariafiebers.

Das Klima der meerumrauschten Insel ist im Allgemeinen als ein gesundes zu bezeichnen; wie ich aus eigener Erfahrung weiß, hat der Europäer, den tödtliches Fieber befällt, es meist immer selbst verschuldet und zwar dadurch, daß er die in den Zimmern herrschende drückend heiße Luft durch Oeffnen von Thür und Fenstern während des Schlafes in der thaukalten Nacht zu mildern sucht, deren feuchte Luft zwar angenehm den Körper kühlt, aber auch eine verderbliche Einwirkung auf die Gesundheit ausübt. Wenige Monate nach meiner Ankunft (ein längerer Aufenthalt am Lande war mir vorgeschrieben) hatte ich durch solche Unachtsamkeit mir ein schlimmes Fieber zugezogen; zwischen Tod und Leben rang ich lange, bis doch die Natur, unterstützt durch die Kunst der Aerzte, Sieger blieb.

Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen, das bestätigt sich auch hier selbst bei den Eingebornen; unter anderen Krankheiten sei nur die den Körper verunstaltende Elephantiasis angeführt. Häufig tritt diese Krankheit auf, und wenn sie auch im ersten Stadium noch schmerzlos ist, so schleppt doch der Betroffene ein meistens sehr dick angeschwollenes Bein, das ihm äußerst lästig und am Gehen hinderlich ist, herum, selbst langansässige Europäer befällt zuweilen dieses unangenehme Leiden.

Von der äußersten Spitze der Landzunge Mulinuu führt ein bequemer Weg rings um die Bai nach Matautu, der als eine eigentliche Straße aber erst von der deutschen Factorei an zu betrachten ist. Zur Rechten liegen dort einige gefällige Cottages, im Styl englischer Landhäuser erbaut, mit vorliegenden Gärten und dem freien Ausblick auf den Hafen; die Straße selbst wird von hohen Apfelsinenbäumen beschattet, deren kugelrunde noch unreife Früchte den jungen Samoanerknaben als Spielbälle dienen, indem diese sich die fast nackende, lebhafte Schaar mit Geschick zuwirft.

Weiterhin erst im eigentlichen Matafele, wie die Hauptansiedelung der Europäer benannt wird, reihen sich Häuser zu beiden Seiten der Straße, Hotels, Gastwirthschaften und Privatwohnungen, hinter diesen das Samoanerdorf Matafele. Dem Durstigen winkt hier in den geräumigen Wirthschaften ein kühler Trunk, durch künstliches Eis gekühlt; denn Durst, durch die Sonnengluth erzeugt, hat Jedermann, auch stehen neben Versandbier, das ausnahmslos deutsches Erzeugniß ist, Spirituosen, ja die theuersten Sorten edlerer Getränke jedem zur Verfügung, sofern der dafür geforderte hohe Preis nicht den Geldbeutel zu bedenklich leert, da unter einem Sixhenie, d. h. 50 Pfennigen, nichts erhältlich ist, eine Flasche Bier aber schon zwei Mark kostet und Weine noch bedeutend höher im Preise stehen.

An Vergnügungen fehlt es auch nicht, die meisten Wirthe, dazumal vornehmlich Deutsche, haben neben einem Tanzsaal, wo gelegentlich zum Klavier oder Harmonika jeder mit den hübschen Samoanerinnen, die leidenschaftlich dem Tanze und Spiel sich hingeben, tüchtig das Tanzbein schwingen kann, auch für Liebhaber des Kegelsports gute Bahnen eingerichtet, und diese werden von dem zahlreichen Personal der Factorei und sonstigen Deutschen auch tüchtig benutzt.

Damit freilich sind die hauptsächlichsten Vergnügungen lokaler Art erschöpft, Jagdliebhabern bietet sich solches in anderer Weise, da zahlreiche wilde Tauben und Hühner, selbst verwilderte Schweine in den Bergen zu finden sind; auch sonntägliche Reitausflüge nach den Plantagen Vailele, Vaivase, Vaitele, selbst bis nach Molefenua ausgedehnt, finden viele Theilnehmer, besonders aber sind Picknicks mit Damen, den Kindern einiger langansässiger Europäer, und Samoanerinnen, die ihre lichtbraunen Schwestern oftmals noch an Schönheit übertreffen, für die Jüngeren ein beliebtes Vergnügen, zu deren Veranstaltung Ausflüge in die schönsten Orte der Umgebung von Apia gemacht werden.

Hierbei fehlt, was ich gleich erwähnen will, gewöhnlich nicht der bei den Samoanern so beliebte Schweinebraten, und wenn auch sonst der stolze Eingeborne sich nicht herbei läßt, eine Handreichung zu thun, so übernehmen bei solcher Gelegenheit die Aufgeforderten doch gerne das Amt eines Mundschenks und bereiten eigenhändig nach ihrer Weise den köstlich duftenden Braten.

Nach der Anzahl der Theilnehmer wird ein mittelgroßes Schwein vorher geschlachtet, sehr sauber gereinigt und zerschnitten bereit gelegt. In einer Grube, die rings mit Steinen ausgefüllt ist, werden diese durch ein in derselben entzündetes Feuer glühend heiß gemacht, das Schwein in große Bananenblätter fest eingewickelt, wird nach Verlöschen des Feuers dasselbe dann in die Grube gebettet und auch mit ebenso heißen Steinen zugedeckt, worüber dann Erde geschüttet werden muß, um zu verhindern, daß die Hitze entweicht.

Von Kraft und Fettgehalt gar nichts verloren, wird nach Verlauf mehrerer Stunden der äußerst zarte Braten behutsam herausgenommen und auf frische Bananenblätter gelegt, dann reißt der Vertheiler mit den Händen das Schwein auf. Allen im Kreise umhersitzenden Theilnehmern am Mahle sind vorher Bananenblätter als Teller vorgelegt worden. Auf diese wirft mit vielem Geschick der eine oder andere Gehülfe des Mundschenks die von diesem mit den Händen in Stücke zerrissenen Fleischtheile, dabei jedesmal den bezeichnend, dem sein Antheil zugeworfen werden soll.

Nach unsern verfeinerten Begriffen ist solche Behandlung des Fleisches sowohl, wie auch der ganze Vorgang etwas unappetitlich, indes stößt man sich weniger daran, da vor den eigenen Augen alles mit peinlichster Sauberkeit vorgenommen wird, auch liegt ein gewisser Reiz darin, Unbekanntes und Eigenartiges kennen zu lernen. So viel ist gewiß, ein jeder läßt sich das zarte Fleisch eines so bereiteten Schweines, das nachträglich mit Salz gewürzt wird, vortrefflich schmecken, dazu die zarten Yamswurzeln und Bananen, duftende Ananas und Orangen als Nachtisch. So wird solches Essen ein lukullisches Mahl, das mit Bier, Whisky und Sodawasser heruntergespült wird.

Gewöhnlich aber haben die theilnehmenden Samoanerinnen noch etwas zur Ueberraschung vorbereitet: nämlich das beliebte, pikante Palisami. In junge Bananenblätter mehrfach eingehüllt, liegt eine weiche, weiße Masse, unsern Windbeuteln vergleichbar, die, von den zartesten Blüthenblättern des Kokosbaumes umgeben, einen scharfen, aber angenehmen Geschmack hat, erzeugt durch die feinen Blättchen, die mit gegessen werden. Das Ganze besteht aus ganz fein geriebenen Kokosnußkernen, durchsetzt mit der weißen Kokosmilch. Der eintretende Säureprozeß trägt viel zum Wohlgeschmack bei.

Die Fröhlichkeit wird dann durch die ungemein wohlklingenden Gesänge der blumengeschmückten Samoanerinnen eingeleitet. Einer Vorsängerin, die Melodien und Text angiebt, folgt der ganze Chor mit einer auffallenden Richtigkeit, die anmuthigen Bewegungen, das taktmäßige Wiegen des Oberkörpers nach dem Rhythmus, das Klatschen der Hände auf den Beinen, Armen, Schultern und Kopf geschieht mit solcher Präzision, daß nur ein angeborenes Talent solche Fertigkeit hervorbringen kann. Nicht minder interessant sind die Tänze; wie auf Kommando bewegen sich die Füße und Gliedmaßen, das Aufreihen und Schließen einer Kette oder Ringes geschieht mit unfehlbarer Sicherheit, dazu kommt der melodische Gesang, kurz, es ist ein Genuß, den Bewegungen der graziösen Gestalten zuzusehen.

Oft habe ich in den Hütten der Eingebornen, wo gerne Gastfreundschaft geübt wird, bei kredenztem Kavatrunk Tanz und Spiel zusehen können und über die Sorglosigkeit der Eingebornen Betrachtungen anzustellen Gelegenheit gehabt, mit welcher die gütige Natur dieses glückliche Volk ausgestattet hat, das durch schöne Gestalt und heiteren Sinn ganz besonders bevorzugt ward.

Bei solchen Vergnügungen sowohl, wie bei einem Besuch in der schmucklosen Hütte des Eingebornen, wird der Nationaltrunk herumgereicht und ist dieser in folgender Weise zubereitet: die grüne Kavawurzel, sonst giftig, wird vollständig an der Sonne getrocknet, bis sie gelb und die Fasern spröde geworden sind, wodurch sie ihre schädlichen Eigenschaften vollständig verliert. Die eigentliche und bei den Samoanern beliebte Zubereitung nun ist: es kauen die jungen Mädchen nach vorgenommener Reinigung des Mundes Theile dieser Wurzel mit ihrem vorzüglichen Gebiß klein, rollen solche in Kügelchen und legen diese in die Kavaschale, eine aus dem Holze des Brotfruchtbaumes künstlich geschnitzte und auf kurzen Füßen ruhende Mulde. Dann werden die Wasserbehälter, vollständige, möglichst große Kokosnüße, die so lange in Seewasser gelegen haben oder mit solchem angefüllt gewesen sind, bis der schmackhafte Kern in derselben sich aufgelöst hat und durch die kleinen Keimlöcher entfernt ist, herbeigebracht, die nach Bedarf vorräthig in oder außerhalb der Hütte hängen und nach vorgenommener Reinigung der Hände wird von ihnen so viel Wasser in die Schale gegossen, als erforderlich erscheint.

Die den Kavatrank bereitende Frau rührt nun mit einem bereitgehaltenen Büschel feiner Fasern von der Banane das Ganze durcheinander, bis das Gebräu eine schmutzig-bräunlich-gelbe Färbung angenommen hat, dabei ist sie mit dem Büschel bemüht, auch das kleinste Fäserchen der aufgelösten Kavawurzel zu entfernen. Ist der Trank bereitet, was durch Händeklatschen den Anwesenden kundgethan wird, so bezeichnet der Hausherr den vornehmsten Gast durch Aufruf und eines der jungen Mädchen hält, sich erhebend, eine durch vielen Gebrauch schön polirte Kokosnußschale über den Kavabehälter und läßt sich den ausgeschwenkten und wieder eingetauchten Faserbüschel darin ausdrücken, oder richtiger, das oft über einen halben Liter fassende Gefäß mit dem Getränke volllaufen. In graziöser Bewegung schreitet das Mädchen dann auf den Bezeichneten zu und kredenzt, vor dem Sitzenden sich neigend, das Getränk.

Hierbei ist es Regel (soll in einer Nichtannahme keine Beleidigung des Wirthes gefunden werden), daß die Schale geleert oder doch daraus getrunken wird, den Rest kann man seitwärts oder über den Kopf hinweg ausschütten und dann das leere Gefäß dem wartenden Mädchen zurückgeben. So geht es in der Runde fort, oft wird auch die große Schale nach Bedarf mehrmals aufs Neue gefüllt. Gesang, an welchem auch die Männer sich betheiligen, hilft ein solches Trinkgelage verschönern.

Die Kavawurzel besitzt auch die Eigenschaft, einem kranken und ermatteten Körper Ruhe zu geben, sowie eine schmerzstillende Wirkung auszuüben, sie hat deshalb weite Verbreitung als Genußmittel auch bei den übrigen Südseeinsulanern gefunden.

In größeren Mengen genossen, wirkt der Kavatrank aber doch berauschend, und bei vollständig klarem Kopfe hat man das Gefühl, als weiche der Erdboden unter den Füßen, eine Art Gefühllosigkeit macht sich in den Beinen bemerkbar und kaum spürt man die Berührung mit dem Boden. Bei einem Ausfluge zu einem landeinwärts lebenden Europäer, wo in Ermangelung von Bier und anderen Getränken von den gefälligen Samoanern reichlich Kava kredenzt wurde und ich als Neuling schließlich auch Gefallen an dem eigenartigen Getränke fand, dessen Wirkung ich nicht kannte, machte ich auf dem langen Heimwege in dunkler Nacht dann die Erfahrung, daß ein neckischer Kobold sein Spiel mit mir zu treiben versuche.

Das Kauen der Kavawurzel ist, wie erwähnt, im Allgemeinen gebräuchlich, doch bürgert sich, wenigstens wo ein häufigerer Verkehr mit Europäern stattfindet, mehr und mehr die Methode ein, diese Wurzel zwischen Steine zu zerklopfen und das unappetitliche Zerkauen mit den Zähnen unterbleibt. Die Zubereitung des Trankes bleibt sonst dieselbe.

Wie bei den meisten Naturvölkern, so herrscht auch bei den Samoanern keine strenge Sittlichkeit, doch darf als Beweis die Veranstaltung des Festes angesehen werden, welches zu Ehren der unbescholtenen Jungfrauen gefeiert wird. Bei diesem folgt Alt und Jung dem Zuge, an dessen Spitze die jungen Mädchen im reichsten Blumenschmuck einherschreiten. So allgemein ist diese Sitte, daß das Fest in jedem großen Dorfe begangen wird. Die Anwesenheit der Europäer ist bei solcher großen Festlichkeit sehr erwünscht, sind sie vorhanden, so wird ihnen der Ehrensitz an der Seite der Jungfrauen zutheil.

In gleicher Weise wie bei den geschilderten Picknicks wird auch hierbei, nur im großartigeren Maßstab, ein opulentes Mahl im grünen Grase unter den Wipfeln rauschender Palmen abgehalten, dem Gesang und Tanz folgt ein Schauspiel in dieser herrlichen, pittoresken Gegend und Umgebung, wie solches eindrucksvoller und natürlicher von den frohsinnigen Kindern eines gesegneten Fleckchen Erde nicht vorgeführt werden kann.

Reinlichkeit des Körpers ist eine Tugend des samoanischen Volkes, hervorgerufen durch die Anschauung, daß dadurch allerlei Krankheiten fern gehalten werden, zu jeder Tageszeit in den kühleren Stunden findet man an den Ufern der aus den Bergen kommenden Flüße und Bäche badende Mädchen und Frauen; ja dies ist so zu einem Bedürfnisse geworden, daß selbst Kranke sich zu den erfrischenden Wassern schleppen.

Um Haut und Körper geschmeidig zu erhalten, reiben namentlich Frauen und Mädchen sich mit Kokosnußöl ein, welches dem Braun der Hautfarbe etwas Glänzendes giebt; gleichwohl geht auch ein scharfer Geruch von ihnen aus, der ein empfindliches Riechorgan beleidigen kann; auch eine aneinandergereihte haselnußgroße Frucht, mit Vorliebe neben Muscheln und Blumenranken als Schmuck getragen, vermehrt den scharfen Geruch des Oels, die Gegenwart eines weiblichen Wesens macht sich sofort dadurch bemerkbar.

Bei beiden Geschlechtern ist das Kopfhaar auffallend stark, andere Haare am Körper, selbst oft der sprießende spärliche Bart des Mannes, werden durch Ausreißen entfernt und wo sie sich dennoch zeigen, solche mit scharfen Glasscherben oder Muscheln abrasirt. Während die Männer sich nach und nach den ganzen Unterkörper tätowiren, haben die Frauen nur einzelne Punkte auf der Brust, und ich muß sagen, erstere müssen bei dem schmerzhaften Verfahren recht starke, wenig empfindliche Nerven besitzen, denn eine Anzahl dicht aneinandergereihter Nadeln, die bis auf eine gewisse Länge in die Haut eindringen, werden, befestigt an einem Holzstück, mit leichten Schlägen eines kleinen Holzhammers eingetrieben und auf diese Weise die einfache Zeichnung ausgeführt.

Das Kopfhaar der Samoaner ist stark und schwarz; findet man bei den Männern rothes, so ist dies künstlich erzeugt und beweist einen gewissen Grad von Eitelkeit. Schlanke Jünglinge, selbst Männer, erscheinen häufig am frühen Morgen mit einer eigenartig weißen Perücke geschmückt, bis über die Schläfe hinaus ist der ganze Kopf in eine starre, weiße Kalkmasse eingehüllt, was den Trägern solcher Kopfbedeckung ein eigenthümliches Aussehen giebt. Dabei sind sie auch noch darauf bedacht, ihre Frisur vor Verletzungen und Unordnung zu schützen.

Die Folge ist, daß unter beständiger Einwirkung von Kalk, der hier leicht aus gebrannten Korallensteinen zu gewinnen ist, das Haar allmählich bleicht und schließlich roth wird, neuer Nachwuchs muß natürlich immer auf gleiche Weise behandelt werden und die Eitelkeit legt dadurch dem sonst trägen und zur Arbeit wenig geneigten Samoaner doch gewisse Beschränkungen auf. Uebrigens ist ein Unterschied in der Sprache wie in der Bekleidung vorhanden. Während nämlich die Taimua, d. h. die Vornehmen, sich einer besonderen Sprache bedienen, im Gegensatz zu der der Faipule, d. h. des gemeinen Volkes, so ist es nur den Häuptlingen und den Mitgliedern einer Königsfamilie gestattet, weiße Lava-Lava, d. h. Lendenschurze zu tragen.

Als um das Jahr 1830 die ersten Europäer sich hier festgesetzt und allmählich der Handel an Ausdehnung gewann, war die Ausfuhr nach Europa vornehmlich Kokosnußöl, welches die Eingebornen in größerer Menge bereiteten, davon ist man aber längst abgekommen und führt die viel billigere Kopra unter Ausnutzung ihrer reichhaltigen Stoffe, die bei der ursprünglichen Oelgewinnung vergeudet wurden, lieber in Mengen aus.

Die Oelbereitung geschah, wie früher so auch heute noch, auf folgende Weise: die reife Kokosnuß wird aufgespalten und von der äußeren fasrigen Hülle befreit, so daß der ölhaltige Kern nur noch von der harten festen Schale umgeben bleibt, der Kern wird dann durch Hin- und Herscheuern auf einem wie eine Säge ausgezackten Stück Bandeisen oder hartem, schmalen Holz klein gerieben und die gewonnene Maße dann in eine Mulde oder alten Kanoe geschüttet. Dann wird sie mit Seewasser übergossen und dem Gährungsprozesse überlassen. Das Oel sammelt sich überm Wasser und kann leicht abgeschöpft werden. Es ist sehr säurehaltig, wird deshalb leicht ranzig und eignet sich schlecht zum Gebrauch, der widrige Geruch hat auch etwas unangenehm Belästigendes an sich.

Um zu dem schon erwähnten Palisami oder zu einer Reisspeise, selbst Hühnersuppe, die benöthigte weiße Milch zu erhalten, braucht die kleingeriebene Kernmasse nur in einem Stückchen Zeug oder in Ermangelung dessen in einer weichen, feingewobenen Matte ausgedrückt zu werden, der weiße, wohlschmeckende Saft fließt durch das Gewebe ab, der Rest dient den Hühnern und Schweinen als Nahrung, die sehr gierig nach solchem Futter sind; namentlich muß vor letzteren die auf Matten ausgelegte Kopra geschützt werden, denn mit besonderer Vorliebe eignen sich diese Thiere den wohlschmeckenden, ihnen so mundgerecht gelegten Vorrath an.

Die Kokospalme ist überhaupt der von der gütigen Natur für viele Volksstämme gespendete Universal-Baum; diese erhabene, majestätische Bauart, die vielfältig dem Menschen Nahrung, Kleidung und Obdach giebt, hat auch den zivilisirten Europäer nach Gegenden gezogen, die ein einsam freudloses Dasein bieten, wo er oft mit wilden, selbst kannibalischen Stämmen, schwere Kämpfe bestehen mußte, ehe ein Tauschhandel um die werthvolle Kokosnuß eingeleitet werden konnte.

Die Kokospalme wächst überall in den Tropen, auf Korallen, wo sonst kein Gras noch Strauch zu sehen ist, senkt sie ihre Wurzeln tief ins Gestein und saugt das für sie nöthige Wasser auf, auch auf Hügeln und Bergen, wo der Boden gut ist und genügend Feuchtigkeit halten kann, findet man sie bis zu 500 Fuß überm Meeresspiegel. Auf verwittertem Lavagrunde gedeiht der Baum am besten; ist genügend Raum zur Ausdehnung vorhanden, so erreicht der astlose, schlanke Stamm oft eine Höhe von 90 Fuß, über dem sich die mächtige frucht- und blätterreiche Krone stolz in den Lüften wiegt.

Auf den Plantagen geht man in einem Tempel, der scheinbar endlos sein grünes Dach über viel Tausend Säulen wölbt; man ist wie in einem hehren, mächtigen Dome, unter dessen Wölbung ein reiner, stiller Friede waltet, ein Etwas, das jedem die Majestät der schaffenden Natur vor Augen führt.

Die Blätter der Palme, bis zu 30 Fuß Länge reichend, dienen, ineinander geflochten und schichtweise aufeinander gelegt, dem Eingebornen zur Bedachung seiner Hütten, die meistens rund oder oval nur aus einer Anzahl in den Boden gesetzter Palmenstämme bestehen, in der Mitte ist ein höherer Stamm, der das schräge Dach zu unterstützen hat. Die Wandbekleidung sind aufrollbare Matten, die Nachts, wenn der mattenbelegte Raum als Schlafstätte benutzt wird, niedergelassen werden, höchstens giebt es ein abgetrenntes Heiligthum in jeder Hütte, das Schätze birgt und profanen Blicken nicht zugänglich ist, sonst ist bei Tage das Innere einer Hütte meist immer sichtbar.

Große Geschicklichkeit zeigen die Samoaner im Flechten der Matten, ihrer praktischen Fächer u. s. w. Auch hierfür giebt ihnen die Palme wieder das Material. Die feinen Blätter werden aufgerollt, eine zeitlang gut gewässert, und dann mit einem flachen Stein oder Holz geklopft. Dann verliert sich die Sprödigkeit und jedes Blatt, selbst zu feinen Streifchen leicht auftrennbar, giebt einen weichen, handlichen Stoff. Körbe zum Heimschleppen etwaiger Feldfrüchte oder Nüsse verfertigt sich der Samoaner erst an Ort und Stelle, ein Theil des gewaltigen Palmenblattes genügt dazu, und zwar reißt er die starke Mittelrippe des Blattes so auf, daß er zwei Theile erhält, flicht die schmalen Blättchen in einander, so daß beide Theile nun ein Ganzes bilden, biegt die geschmeidigen Rippen, befestigt sie und in wenig Minuten ist ein starker, fester Korb hergestellt.

Die zähen, biegsamen Rippen der schmalen, langen Blattstreifen werden auch nicht verworfen, sondern dienen, in Bündel gebunden, als Besen. In Ermangelung besserer habe ich mir häufig solche zum Schiffsgebrauch anfertigen lassen, die sich auch gut bewährten.

Die Blüthe der Palme tritt unterhalb der Blätterkrone in länglicher blattähnlicher Form am Stamme hervor, in ihr sammelt sich der süße Saft und zwar in solchen Massen, daß, wenn die Blüthe angeschnitten wird und man die Wunde nicht vernarben läßt, weit über die Dauer der Wachszeit hinaus der Saft fortwährend läuft. Solch ein Baum, dessen Blüthen zur Gewinnung dieses Saftes einmal angeschnitten sind, bringt in Folge davon keine Früchte, giebt aber den wohlschmeckenden, süßen Stoff „Toddy“, den jeder gerne trinkt; frisch ist er ein angenehm kühles Getränk, in Gährung übergegangen, was bald geschieht, wirkt er aber stark berauschend.

Der Palmenbaum wird durch die Entziehung des Saftes natürlich geschädigt, und wenn mit Nachlässigkeit verfahren wird, kann man sagen verblutet sich derselbe und stirbt langsam ab. Meistens werden immer dieselben Bäume zur Gewinnung des Toddy verwendet, da der Eingeborne den Werth der Palme ebenso wie der Europäer wohl zu schätzen weiß, auch ist das Toddystehlen, wozu der Samoaner große Neigung hat, arg verpönt und wird ein Europäer dadurch geschädigt, steht auf Toddy-Raub eine empfindliche Strafe.

Die junge Kokospalme bedarf eines fünfjährigen Wachsthums, ehe sie Früchte bringt, und auch dann muß der Boden gut sein; auf Korallengrund gepflanzt, entwickelt sie sich langsamer und braucht etwa sieben Jahre. Von dieser Zeit aber an trägt sie auch immerwährend Nüsse, obwohl man eigentlich bei den zwei Mal im Jahr eintretenden Haupternten den Ertrag des einzelnen Baumes auf durchschnittlich 100 Nüsse rechnen kann. Drei Nüsse werden gemeinhin auf ein Pfund Kopra gerechnet.

Reife, abgefallene Nüsse treiben, wenn sie längere Zeit unbeachtet bleiben, leicht Keime. Häufig sah ich Haufen Nüsse, die mit jungen Schößlingen bedeckt waren, auf freier Erde liegen, es bedurfte nur einer Auspflanzung und der Entwicklung der anspruchslosen Pflanze stand nichts im Wege. Regel ist, daß jeder Baum 30 Fuß Spielraum erhält, aufeinandergedrängt entwickeln die Palmen sich schwerer, wenigstens ist der Ertrag kein guter. Jung und grün gepflückt ist die äußere Schale der Nuß noch verhältnißmäßig weich und inwendig ganz mit farbloser, wohlschmeckender Milch gefüllt.

Diese, wohlschmeckend, kühl und angenehm, stillt zwar den Durst, doch darf man nicht zu viel und zu häufig davon trinken, da sich dann leicht Unterleibsbeschwerden einstellen. Das innere, zarte Fleisch der Nuß, der in der Bildung begriffene Kern, ist für Mensch und Thier nicht minder angenehm.

Zur Zeit der Fruchtbildung, wenn die Faserhülle noch weich und dünn ist, machen sich mit Vorliebe die Ratten daran, die die Bäume, namentlich die etwas geneigten, selbst die höchsten, erklimmen und die Nüsse anschneiden und der angerichtete Schaden ist ganz beträchtlich. Gegen diese Nagethiere vermag der Pflanzer die Früchte nur dadurch einigermassen zu schützen, daß er seine Bäume mit Blechstreifen, über welche die Ratten schlecht hinwegkommen, benagelt, auch gefallene Nüsse möglichst schnell aufsammelt, da die scharfen Zähne der Ratten selbst die zähe Faserhülle und die äußerst harte Schale der Nuß durchzufressen vermögen. Ein Laie, der in den Besitz einer beinahe reifen Nuß gelangt ist, wird schwerlich solche leicht öffnen können, da das Durchschneiden der zähen Faserhülle selbst mit einem scharfen Messer kaum möglich ist.

Der Eingeborne bedient sich dazu eines 2-3 Fuß langen Stockes, den er an beiden Enden zugespitzt hat; dann stößt er das eine Ende in die Erde, faßt die Nuß mit beiden Händen und schlägt damit gegen die Spitze des Stockes, sodaß dieser tief in die äußere Hülle eindringt. Alsdann bricht er, mit der linken Hand den Stock festhaltend, mit der anderen die Schale auf indem er die Nuß kräftig zur Seite biegt; wenige Schläge genügen, und die Nuß ist von der zähen Hülle befreit. Um nun auch die harte innere Schale zu öffnen, schlägt man mit einem Stein oder Messer oder einer anderen Nuß dagegen, dann springt an der getroffenen Stelle die spröde Schale leicht auf, Kern und Milch wird frei.

Soll die fasrige Hülle zu Matten oder Tauwerk verwendet werden, so wird solche für längere Zeit in einen Frischwassertümpel gelegt; die Fasern lösen sich dann auf und lassen sich, gereinigt, leicht auseinander ziehen. Gewöhnlich spinnen die Eingeborenen daraus den Cajar, einen zweidrilligen Faden, aber auch starkes, zähes Tauwerk, jener dient ihnen namentlich dazu, ihre Hütten zu befestigen, die mit Cajar gebunden, selbst vom wirbelnden Orkan nicht leicht niedergefegt werden können. Zuletzt sei noch die harte Kernschale erwähnt, diese, an und für sich nicht weiter verwendbar, wird zur Feuerung benutzt. Sie entwickelt, da sie leicht brennbar ist, eine ganz beträchtliche Hitze.

Lehrreich ist es, zu beobachten, wie gewandt der Samoaner selbst die höchsten Palmen zu erklimmen vermag und die hochhängenden Früchte dieses Baumes zu erlangen versteht. Ein Hinaufklettern ist es freilich eigentlich nicht, eher ein Vorwärtsschieben des Körpers mit Händen und Füßen. Dabei weiß der Eingeborne sich auf eine einfache Weise zu helfen. Der Stamm der Palme, obgleich ziemlich glatt, hat doch eine beträchtliche Zahl leicht vorstehender Ringe, die ehemaligen Blätteransätze, diese geben dem Kletternden dann einen gewünschten Halt, wenn er sich mit dem erwähnten Cajar die Knöchel der Füße so verbindet, daß vielleicht sechs Zoll Abstand bleibt. Wird die Fußsohle gegen den Stamm gedrückt, so findet dieses kurze Tau an den vorspringenden Ringen Halt; mit den Händen immer höher greifend, schiebt sich der Körper bis zur schwankenden Höhe hinauf.

Der hohe Werth der Kokospalme, den auch der Europäer sehr zu schätzen weiß, läßt sich aus dem Gesagten entnehmen; kein größerer Schade kann daher dem Eingebornen zugefügt werden, als wenn man seine Palmen vernichtet, was leider die Samoaner unter sich bei ihren häufigen Parteikämpfen nicht unterlassen. Der siegende Theil schlägt, wenn er Zeit findet, die Anpflanzungen der Besiegten nieder und fügt dadurch dem Unterliegenden einen unersetzlichen Verlust zu.

Auffallend schnell hat der Samoaner sich dem Christenthume zugeneigt, da er sehr empfänglich für das Neue und mit schnellem Auffassungsvermögen ausgestattet ist. Das evangelische und katholische Bekenntniß zählt zahlreiche Anhänger, man kann sagen, dem Namen nach sind die meisten Bewohner der Samoagruppe Christen.

Um so leichter hat der Eingeborne die göttliche Lehre angenommen, als er in ein Labyrinth von Göttern und Götzen gerathen war, aus dem ihm selbst seine reiche Phantasie durch Umstürzen alter und Aufstellung neuer Götter schwer einen Ausweg schuf. Im Allgemeinen war die Anschauung der Allbeseelung der Naturwelt und der Menschen in ihm lebendig.

Etwas eigenartig liegen die politischen Verhältnisse auf Samoa. Das tapfere Volk, in Stämme und Parteien getheilt, schwingt trotz seiner monarchischen Staatsverfassung immer aufs Neue die Fackel des Bruderkrieges, schnell ist es zum Kampf bereit, schnell auch wieder zur Versöhnung, die es durch großartige Feste feiert. Den Frieden aber, der eigentlich nur ein Waffenstillstand ist, können geringfügige Vorfälle leicht wieder stören.

Die Kriege sind, als noch Lanzen, Keulen und Schlachtbeile mehr im Gebrauch waren, wohl nie sehr blutig gewesen, da Mann gegen Mann gefochten wurde und schon bei einem geringen Verluste die schwächere Partei das Feld räumte, die erbeuteten Köpfe der gefallenen Krieger nahm der Sieger als Trophäe mit und legte sie seinem Oberhäuptling oder dem Könige zu Füßen.

Von dieser scheußlichen Gewohnheit, den Todten und Verwundeten die Köpfe abzuschneiden, lassen die Samoaner auch heute noch nicht, zum mindesten wird, wenn keine Zeit vorhanden ist, die Schändung vorzunehmen, schnell ein Ohr abgeschnitten, dann hat nämlich der Kopf für einen anderen keinen Werth mehr. Missionare und strenge Gesetze sind machtlos dagegen; von der Gewohnheit ihrer Vorfahren, solche Trophäen heimzubringen, wollen sie durchaus nicht lassen.

Besser wurde die Lage auf Samoa auch nicht nach der Ansiedelung der Europäer, und haben die Deutschen als die ersten auch großen Einfluß gewonnen, so hat doch die Nebenbuhlerschaft der Engländer und Amerikaner das Parteiwesen nur verschlimmert. Die Einfuhr von Waffen, namentlich des Winchester Gewehrs, haben den begabten Samoaner, der Landbesitz und große Mengen Kopra für die Erlangung solcher Waffe hergab, zu einem nicht zu verachtenden Gegner gemacht.

Ja der Haß der Fremden gegen die Deutschen, welche den werthvollsten Theil der Insel Upolu in ihren Besitz gebracht hatten, ging so weit, daß sie trotz ihrer geringen Anzahl offen Partei gegen unsere Landsleute nahmen und die Samoaner gegen ihre einstigen Freunde aufstachelten, wodurch deutsches Eigenthum schwere Schädigung erlitt.

Es ist genugsam bekannt, wie thatkräftig die Regierungen eingreifen mußten, um die blutigen Fehden einzuschränken, die blinder Haß und Neid entfacht hatte. Da der deutsche Reichstag im Jahre 1878 den Plan des eisernen Kanzlers, die Samoa-Inseln an Deutschland zu bringen, zunichte machte, als diese noch herrenlos und durch politische Wirren geschwächt waren, hat uns später viel Blut und Leben gekostet; damals war es eine geringe Summe, um welche es sich handelte, hätte man sie bewilligt, die Perle des Großen Ozeans wäre deutsch gewesen!

Unsere aufblühenden Kolonien, die kaum ein Jahrzehnt in deutschem Besitz sind, haben gezeigt, daß der Deutsche auch in seinem eigenen außereuropäischen Besitzthum der rechte Mann der That sein kann, also nicht bloß versteht, anderen Nationen die leicht erworbenen Länder zu bebauen und zur Größe und zum Wohlstand zu verhelfen. Wahrlich genug deutsche Kraft und Einsicht ist anderen Völkern zu gut gekommen, so daß es fürwahr an der Zeit war, dem erstarkten deutschen Volksbewußtsein weitere Kreise zu ziehen, wie es der Begründer des neuen Reiches als ernste Nothwendigkeit erkannte; hemmen läßt sich der gewaltige Trieb einer aufflammenden Volkskraft wohl, aber niederhalten, in andere Bahnen lenken, niemals! Wie später die deutschen Pioniere in Afrika alles daransetzten, für ihr deutsches Vaterland das zu schützen, was das Schwert erkämpft hatte, so würde damals ein gut bebautes, reiches Land schnell unter den Fittichen des deutschen Aars den Frieden und das Volk die Ruhe nach langem Hader und blutigen Kämpfen gefunden haben.

Dagegen wurde den drei betheiligten Mächten Deutschland, England, Amerika die Oberhoheit zugesprochen, dem kleinen Volke aber die Selbständigkeit gelassen. Ohne Zweifel ging das Bestreben dahin, auf diese Weise dem Volke den Frieden zu geben aber die Eifersucht der Fremden vereitelte die gute Absicht. Vor allem gönnten die Engländer und Amerikaner, so geringen Antheil sie auch an Samoa hatten, den Deutschen nicht die Früchte ihrer Mühen, und was im hohen Rathe der Mächte eine Möglichkeit schien, Land und Volk den Frieden zu geben, vereitelte auf Samoa selbst die Eifersucht der Ansiedler. Willkommen war jeder Anlaß, dem vorherrschenden deutschen Einflusse den Boden zu entziehen und dessen Ansehen zu schädigen.

Fürsten und Volk der Samoaner lauschten den Einflüsterungen übelgesinnter Eingewanderter, welche den Zwiespalt der Parteien schlau benutzten und die Fackel des Aufruhrs und der Widersetzlichkeit entflammten. Daß die Deutschen endlich dieses Treibens müde wurden und 1885 auf Mulinuu, dem Gebiete des übel berathenen und feindlich gesinnten Königs Maliatoa, die deutsche Reichsflagge hißten, war ein Akt zwingender Nothwendigkeit. Standen auch 2000 Krieger um Apia bereit, die Flagge niederzureißen und die erklärte Schutzherrschaft aufzuheben, so wurden diese doch durch die Geschütze der deutschen Kriegsschiffe und die beträchtliche Zahl der bewaffneten Deutschen von einem Angriffe zurückgehalten.

Wie jubelten wir alle der stolzen Flagge zu! Ein großer Festtag war es, als, geschützt durch Wall und Graben, durch die Waffen der deutschen Matrosen das Reichspanier sich hoch am schlanken Maste entfaltete. Jener 6. Januar 1885 schien endlich das Sehnen der Deutschen auf Samoa erfüllt zu haben.

Es kam wirklich nach Hissung der Flagge ein kurzer Zeitabschnitt, wo Ruhe und Friede auf der Insel Upolu einzukehren schien; das thatkräftige Einschreiten der deutschen Beamten, der einheitliche Wille, der den Verhältnissen voll gewachsen war, sowie die entfaltete Macht, die den Eingebornen Achtung einflößte, schien bessere Verhältnisse herbeizuführen. Aber anders war es im Völkerrathe beschlossen. Kurz war die Freude aller Deutschen, kurz der Traum von Ruhe und Frieden. Muthlosigkeit, bittere Enttäuschung erfüllte alle, aussichtslos war der weitere Kampf, die Freudigkeit am Ringen um den Preis so hohen Gutes war dahin, als die deutsche Flagge niederging.

Der Versuch, den deutschen Einfluß, der einst die ganze Inselwelt der Südsee beherrschte, zu brechen, war gelungen, wohl niemals wieder werden wir uns denselben in der ganzen Größe und dem ganzen Umfange wie einst erringen können. Die feste Hand, der starke Wille, dem Fürst und Volk Samoas allein sich unterordnen, fehlt hinfort und fehlt bis heute. Welche Kämpfe gefolgt sind — keinem System, als dem der unbeschränkten Macht wird der Samoaner sich beugen — hat die Folgezeit gezeigt.

Um der Todten, um des deutschen Blutes willen, das den Boden Samoas getränkt, möge noch einmal die Zeit kommen, in welcher kräftig und dauernd der deutsche Aar sein Kleinod festhält und es niemals wieder fahren läßt.