Harbest.
Ein Beitrag zur Volkskunde des Erzgebirges.
Graue Nebel ziehen über den Gebirgskamm, der Herbst kam ins Land. Emsig ist der Bauer noch auf dem Felde beschäftigt, denn später wie im gesegneten Niederland sind die Feldfrüchte zum Ernten bereit. Zwar künden alte Schauermären vom sächsischen Sibirien, daß der Landwirt seine kärgliche Ernte selten vor dem ersten Schneefall in Sicherheit bringe, daß er häufig den mageren Hafer, die dürftigen Kartoffeln aus dem Schnee herausscharren müsse. Hart ringt allerdings der Gebirgler dem spröden Boden seine Ernte ab, aber bis in die höchsten Gegenden hinauf findet man fleißige Bauersleute. Kein Feld ist zu steil, kein Boden zu steinig – unverdrossen wird geschafft und so findet sich bis in die höchsten Kammgegenden hinauf Kulturland.
Michaelisferien – Kartoffelferien! Deshalb hat man bei Verteilung der Schulferien auf das ganze Jahr den Herbstferien eine längere Spanne Zeit gegönnt, um die wichtigste Kulturpflanze des Erzgebirges in Muße ernten zu können. Es kommt ja vor, daß es in die Kartoffelernte schneit, aber da sagt eine alte Bauernregel aus der Wolkensteiner Gegend, daß im nächsten Jahr umso mehlreichere Knollen wachsen. Der Volksmund spricht sich überhaupt in mannigfachster Weise über den wichtigen Erdäpfelbau aus. In Königswalde sagt man, daß bei Vollmond und am grünen Donnerstag gelegte Kartoffeln besonders gut geraten. Vormittags gelegte gedeihen besser als am Nachmittag gelegte. Bei abnehmendem Monde sollen sie nur nachmittags gelegt werden. Um Annaberg hat man eine ziemlich genaue Zeitberechnung aufgestellt: Die Kartoffeln werden gelegt zwischen dem 19. April und 30. Mai, sie blühen zwischen dem 19. Juli und 4. September und werden zwischen dem 22. September und 30. Oktober geerntet.
Die ersten Kartoffeln sind 1712 oder 1713 und zwar in Crottendorf angepflanzt worden. Langsam verbreitete sich die nützliche Pflanze, und nur langsam brach sich nach und nach die Erkenntnis des mannigfachen Nutzens und Gebrauches derselben Bahn. Man baute sie zunächst mehr zur Mästung und zur Mehlbereitung. Das daraus gewonnene Mehl mischte man unter das Brotmehl und erlangte dadurch ein billigeres Gebäck. Man verwendete es als Stärke oder zu dem damals vielgebrauchten Puder. Das grün abgeschnittene Kraut gab man den Kühen zu fressen, und die Butter bekam dadurch, wie gesagt wurde, einen guten Geschmack; getrocknet wurde es im Winter an die Schafe gefüttert. Notgedrungen verwendete man die Kartoffeln bei der großen Teuerung im Jahre 1719 als allgemeines Nahrungsmittel, aber es ging ziemlich langsam, ehe man die Holländer und Engländer in der Zubereitung der nützlichen Frucht nachahmte und auf die Höhe der Erkenntnis gelangte man erst, als sich der »Erdäppelgötzen«, die »Rauchemahd« und ähnliche Delikatessen einführten. Die gebirgischen Kartoffeln galten schon damals wegen ihrer Größe und ihres guten Geschmackes als ausgezeichnet. Sie verdrängten von den Feldern und aus dem Haushalte mehr und mehr die Erbsen, Linsen und andere trockene Gemüse. Jetzt herrscht der Erdapfel als unbeschränkter Gebieter bei allen Mahlzeiten und die Verschiedenheit der Zubereitung ist schier unerschöpflich. »'s liebe Brut« und die »lieben Kartoffeln«, beides gilt als gleichberechtigt. Um die Michaeliszeiten beginnen auf den Fluren die Feuer zu rauchen. Die Ueberreste der Kartoffelpflanze werden von den »Ausnehmern« verbrannt und im hellen Feuer röstet man sich einige Knollen und behauptet, daß sie, in dieser Form genossen, am schmackhaftesten seien.
Nun ergreift der Hütejunge mit seinen Tieren Besitz von den Fluren. Vom Michaelistage an werden die Weidegrenzen nicht mehr streng eingehalten, deshalb singen die Hirten:
Micheele is do!
De Herten sei froh.
Ne Bauer werd leed
Im sei bissel Weed.
In der Geyerschen Gegend singt man:
Micheele is vorüber,
Nu hütt ich nüber und nüber
Kimmt der Bauer un saht mer wos,
Hau ich'n ewos über der Nos'.
In Mildenau und Sehma wird eine ähnliche Strophe gesungen:
Micheele ist vurüber,
Mei Viech ka rüber un nüber,
Mei Viech ka über Kraut un Mährn,
Do ka mer der Bauer en Drack verwehrn.
Schon aus diesen Reimereien klingt die Genugtuung über die erlangte Freiheit deutlich heraus. Die Stimmung ist auch nicht frei von Spott dem Bauer gegenüber. Drastischer äußern sich die »Kühgunge« in folgenden Spottversen, die um Mildenau im Schwange sind:
Holei, holei!
Trebt der faule Kühgung ei,
Trebt er in dan Derfel nei,
Wu de fauln Bauern sitzen
Mitn grußen Zippelmitzen,
Die ne Quark mit Löffeln frassen
Un dos Gald mit Scheffeln massen.
Auch gegenseitig suchen sich die Kühjungen durch das Absingen von spöttischen Verschen zu verhöhnen.
Aus Ehrenfriedersdorf stammt folgender Reim:
Treib ei, treib ei, du fauler Hert!
Wenn ich austreib, liegst du schie in Bett
Meine Küh hobn sich soot gefrassen,
Deine sei in Drack gesassen.
Meine gabn Millich un Rahm,
Deine mußt de ne Schinder gabn!
Auf einsamer Weide entschlüpfen dem Jungen seine innigsten Gedanken, deren Vater der Wunsch ist:
Wulln mer dä net bal eitreibn?
Wulln mer net bal Kaas' reibn?
Wulln mer net bald Kuchen backen?
Wulln mer net bald Kermes machen?
Ja, die »Kermes«! Kein Feiertag des ganzen Jahres kann sich mit diesem Festtag messen. Sein Inhalt ist Essen und Trinken, seine Aeußerungen Trinken und Essen. In früheren Zeiten schon feierte das Volk in seiner Kirmes den Schluß des gesamten wirtschaftlichen Jahres. Wenn die Herden die letzten Weidereste genossen, die Früchte des Feldes eingeerntet waren und das Getreide gedroschen war, so war auch bei unseren Vorfahren das wirtschaftliche Jahr vorüber, der Jahresschluß war da. Dieser fiel in die erste Hälfte des Novembers. Jetzt bedingten der Mangel an der nötigen Nahrung für das Vieh und der Bedarf des eigenen Hausstandes eine Verminderung des Viehstandes, es begann das Einschlachten eines Teiles der Haustiere und mit ihm zugleich das große germanische Jahresschlußfest. Jetzt war Fleisch im Ueberfluß vorhanden, dies veranlaßte die großen Schmausereien, zu denen Verwandte und Versippte von nah und fern geladen wurden. Zu den Speisen kam der reichliche Genuß von Met und Bier. In diesen altdeutschen Winterfesten, deren letzte Tage in die Weihnachtszeit fielen, ist der Ursprung unserer Kirmes zu suchen. Mit den Festen waren natürlich altheidnische Opferfeierlichkeiten verbunden, auch Lustbarkeiten aller Art erhöhten die frohe Stimmung. Nach der Christianisierung Deutschlands merkten die Priester gar bald, daß die Germanen zäh an ihren alten Festen hingen, und so paßte man sich den Verhältnissen an.
Den Vorschriften des römischen Bischofs gehorchend, setzte das Kirchenregiment in die ersten Tage jener Zeit die Feier zum Gedächtnis der Kircheneinweihung, die Kirchweih, die mit besonders feierlicher Messe verbunden war. Nach dieser hat die Kirmes, die Kirmse, d. h. die Kirchmesse, ihren Namen. Einzelne typische Merkmale haben sich bis heute erhalten. Schon ein kleines Fest für sich ist das Schweineschlachten, das »Sauläd«. Das ganze Haus ist in Aufregung, man kann verstehen, daß in einem Dorfe ein Kind vom Unterricht befreit sein wollte wegen Familienfest. Schlachtschein und Gewürze sind versorgt, das Feuerholz wird beim Wurstkessel bereit gelegt. Schon am zeitigen Morgen prasselt das Feuer unter dem Kessel. Wenn der Fleischer kommt, muß alles zurecht gemacht sein, daß es »föder« geht. Die wichtige Person erscheint endlich. Eine blendend weiße Schürze spricht von der Bedeutung des Tages. Am perlenbestickten breiten Ledergurt hängt der Köcher mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Rüstig geht es ans Werk. Sehnlichst erwartet durchbraust endlich der Alarmruf das Haus: »'s Schwertelfleesch is fertig!« Alles eilt herbei, um sich den größten Genuß, das frischgekochte Fleisch, nicht entgehen zu lassen. Einige Schüsseln werden Freunden und Bekannten ins Haus geschickt. In der Küche sind fleißige Arbeiter dabei, das Wurstfleisch zu schneiden. Ein Teller mit Brotschnitten, das Salzfaß und ein »Harter« – der unvermeidliche Korn – stehen dabei auf dem Tisch, und den Bewegungen der Kauwerkzeuge sieht man wohl an, daß einige besondere leckere Stücken nicht in die Wurst wandern. Einen besonderen Genuß gewährt auch die Wurstsuppe, die besonders gern von armen Leuten in Krügen abgeholt wird.
Zur würdigen Vorbereitung der Kirmes gehört auch, daß einige Gänse fett gemacht werden. Die Martinsgans hat die Güte der Zucht ebenfalls zu beweisen. Rückt die Kirchweih näher heran, so beginnt im Hause ein großes Reinemachen. Einladungen an Verwandte und Bekannte sind meist nicht erst nötig, »war komme will, kimmt su wie esu!« Gewaltige Berge von Kuchen werden in den letzten Tagen vor dem Feste ins Haus gebracht und so kann der Kirmessonntag herankommen.
An diesem Tage treffen hauptsächlich die Gäste aus der Stadt ein. Schweinefleisch und Sauerkraut, Gänsebraten und Kartoffelklöße, das Schweinefleisch recht fett, das sind die Tafelfreuden. Der Kuchen liegt säuberlich geschnitten und aufgeschlichtet auf großen Tellern und da man kaum imstande ist, dem immerwährenden Nötigen nachzukommen, wird zum Schluß noch ein großes Kuchenpaket zurechtgemacht, daß man zu Haus noch einmal schwelgen kann. Gegen Abend gehen Wirt und Gäste in den Gasthof. Das junge Volk tanzt, die alten schauen vergnügt zu, die Männer huldigen wohl auch dem unvermeidlichen »Doppelkopf«, der an solchen Festtagen ohne Bedenken gespielt werden kann, da er die Leidenschaften der Spieler nicht zu sehr zu erregen vermag.
Der Hauptfesttag und eigentliche Kirchweihtag ist aber erst der Montag. Festpredigt und festliche Kirchenmusik, wohl mit vollem Orchester, geben dem starkbesuchten Gottesdienst ein festliches Gepränge. Der Rest des Tages aber ist wiederum erfüllt von Essen und Trinken, Tanz und Spiel. Die »Kleine Kirmes«, d. i. der nächstfolgende Sonntag, läßt die Erinnerung an das große Fest noch einmal aufleben, dann tritt der Alltag wieder in seine Rechte. Jetzt gilt es, sich auf den Winter vorzubereiten. Feuerholz wird zerkleinert, Stöcke mühsam aus dem Erdboden gegraben und auseinandergesprengt. Stöckeholz! Wer die Poesie eines heimischen Winterabends recht genießen will, kann auf das Prasseln und Krachen im Ofen nicht verzichten. Der drohende Winter beginnt überhaupt das ganze Interesse in Anspruch zu nehmen. Aus vielen Anzeichen will man den Verlauf der harten Jahreszeit prophezeien können.
So sagt eine alte Bauernregel:
Scharren die Mäuse tief sich ein,
Wirds ein harter Winter sein,
Und viel härter wird er noch,
Bauen die Ameisen hoch!
Die Jäger behaupten:
Ist recht rauh der Hase,
Dann frierst du bald an der Nase.
Ebenfalls aus Forstkreisen stammt die Regel:
Halten die Krähen Konvivium,
Dann sieh nach Feuerholz dich um!
Recht drastisch wird auch der erste Schneefall im Oktober gedeutet:
Fällt der erste Schnee in Dreck,
So bleibt der ganze Winter ein Geck!
Nicht allzulange mehr wird es währen, bis der Reif sich einstellt und immer zwingender mahnt, sich auf den Winter einzurichten. Jetzt ladet das Haus ein, seine heimlichen Freuden schätzen zu lernen, es naht die Zeit der gemütlichen Abende bei Lampenschein im warmen Zimmer, das man nur notgedrungen verläßt, denn der Erzgebirgler ist ein Freund der Wärme. Das große Sterben der Natur schreitet unaufhaltsam fort:
Dos, wos in Sommer war dei Fräd,
Wu is dos hie? 's is nirgends net.
Wos saling war su schie un rut,
Is itze kahl un starr un tut.
Bal is de Walt noch ganz gefruhrn –
's is Harbest wurn!