Johanniszauber im Erzgebirge.
Ein Beitrag zur sächsischen Volkskunde.
Es wallt das Korn weit in der Runde
Und wie ein Meer dehnt es sich aus;
Doch liegt auf seinem stillen Grunde
Nicht Seegewürm, noch andrer Graus.
Nicht solch grauses Seegetier bevölkert das stattliche Kornfeld, nein, ein nicht minder unheimlicher Spuk treibt zu den Sommernächten sein Unwesen. Der Bilmetschnitter oder Binsenschneider, in manchen Gegenden auch Getreideschneider genannt, droht den reifenden Halmen Gefahr. Er ist der schädigende Dämon der Felder. Mit einer Sichel am Fuße geht er im Dunkel der Nacht durch die Felder, und abgeschnittene Halme bezeichnen den Weg, den er genommen und der meist 10 Zentimeter breit diagonal über das Feld läuft. Wehe dem Bauer, der nächtigerweile sein Kornfeld besucht und von dem fürchterlichen Gaste zuerst gegrüßt wird, er fällt sofort tot zu Boden. Dagegen muß der Zauberer sogleich sterben, wenn es dem Feldeigentümer gelingt, dem Unhold zuerst einen Gruß zuzurufen. Wer ist dieses unheimliche Gespenst? Vermutlich ein Bauer aus dem Dorf, dessen Neid dem Nachbar den reichen Erntesegen nicht gönnt und der sich aus Gewinnsucht dem Satan verschwor. In Mauersberg herrscht die Ansicht, daß er Vogelgestalt habe, auch will man ihn in Gestalt eines harmlosen Häsleins gesehen haben. Der Glaube an dieses Getreidegespenst ist heute noch vorhanden. Berichten doch die »Leipziger Neuesten Nachrichten« vom 4. Oktober 1901 aus Mittweida folgende merkwürdige Geschichte:
»Eine bisher noch nicht genügend erklärte eigentümliche Erscheinung – der Billen- oder Binsenschnitt – war in diesem Jahre in den Getreidefeldern der benachbarten Gemeinden Tanneberg und Erlau zu beobachten. Mit »Bilsenschnitt« bezeichnet man etwa handbreite Gänge in den Feldern, welche durch Abschneiden der Halme in Stoppelhöhe hergestellt worden sind. In neuerer Zeit ist man geneigt, den Hasen als den Hersteller dieser sonderbaren Gänge zu betrachten. In unserer Nachbarschaft ließ die Erscheinung alten Aberglauben wieder aufleben. Man schrieb den Bilsenschnitt dem Walten böser Mächte zu und verdächtigte einen Gutsbesitzer, dessen Aecker keinen Bilsenschnitt aufwiesen, der Urheberschaft des »Hexenmachwerkes«. Der so in bösen Ruf Gekommene konnte sich nicht anders retten, als daß er sechs seiner Verdächtiger vor den Friedensrichter zitierte.«
Der Bilmetschnitter treibt besonders in der Johannisnacht sein Wesen und im Bunde mit den Hexen, die ebenfalls in dieser Nacht eine ähnliche Tätigkeit entwickeln, deren Spuren man den Hexenschnitt nennt, wird er der mühsam gepflegten Feldfrucht furchtbar. Wie schützt sich aber der bedrohte Landmann vor solchen Unholden? Er nimmt von allen Samen, den er ausstreuen will, einige Körnchen am heiligen Karfreitag mit in die Kirche und läßt sie des Segens der Gemeinde teilhaftig werden. Diesen Samen sät er in die Ecken seiner Felder. Sein Besitzstand bleibt dann verschont.
Kann man es ihm darum verdenken, wenn er vor dem herrlichsten Halmenmeere seine Stirn kraus in Falten zieht, wenn er bedenkt, was alles diesen Wohlstand bedroht? Das Getreide, der Lohn seiner Arbeit und die Hoffnung auf Gewinn, geht der Reife entgegen, seine Herden weiden in der freien Natur, bangen Herzens schaut er täglich nach dem Himmel, der in wenigen Stunden alle seine Hoffnungen vernichten kann. Hagel und Gewitter treten häufig auf, verheerende Krankheiten unter dem Vieh stellen sich ein. Sollten hinter allen diesen schädigenden Naturereignissen sich nicht schlimme Dämonen verbergen? Alle diese Gefühle mußten aber in unseren Voreltern viel lebendiger sein, zu einer Zeit, wo noch jeder freie Mann Besitzer von Feld und Weide war, von deren Erträgnis sein ganzes materielles Wohl abhing. Nun hat nach altgermanischem Glauben das Feuer eine reinigende und Dämonen abwehrende Kraft. Man kann diese abwehrenden Feuer zu verschiedenen Zeiten und bei den verschiedensten Gelegenheiten beobachten. Aber nie spielen sie eine so hervorragende Rolle in der Volkssitte, wie zur Zeit der Sommersonnenwende, zu der die Not-, Hagel- oder Johannisfeuer in fast allen Gegenden Deutschlands zu finden sind. Das Feuer des Holzstoßes hat gezeigt, wie die Luft von schädlichen Stoffen, nach volkstümlicher Auffassung von feindlichen Dämonen gereinigt werden könne, und so entstand bei Seuchen oder ansteckenden Krankheiten das Notfeuer, gegen das schon die Synoden des 8. Jahrhunderts als einen heidnischen Brauch ankämpften. Da es sich aber als unausrottbar erwies, legte man auf den Tag der Sommersonnenwende den Geburtstag Johannis des Täufers und ließ die Feuer als Volksbelustigung zu Ehren dieses Heiligen weitergelten. Trieb man früher alles Vieh durch die reinigende Flamme, so sprangen nun Burschen und Mädchen, später sogar nur Knaben durch das Feuer. In unserem Erzgebirge haben sich in einzelnen Strichen die Kinder des alten Brauches bemächtigt. Freudig zieht am Vorabend des Johannistages die männliche Jugend hinaus nach der Feuerstätte, bewaffnet mit alten Besen, die man schon seit Wochen sammelte, um damit die Glut zu schüren und sie Fackeln gleich zu schwingen. Auch hier wird das Kinderspiel zum Spiegel vergangener Volkssitte, glaubt man doch noch heute im geheimen, daß der Schein der Fackel Unholde und Hexen verscheuche.
Unheimliche Gewalten werden am Johannistage auch in den Gewässern lebendig. Jeder Teich oder Fluß verlangt ein Menschenleben. Im Heidentum brachten die Menschen freiwillig eine solche Gabe dar, heute holen die Geister des feuchten Elements sich selbst die unfreiwillige Spende. Der Verfasser besinnt sich noch, wie ihm als Kind die alte Kinderfrau an dem verderbenschwangeren Tage, beim Verlassen des Hauses, die besorgte Mahnung mitgab: »Heut is Gohanne, gieh fei net ans Wasser!« Besonders war bei uns Kindern ein Mühlgraben berüchtigt, in dem einige Male Kinder ertranken. Als er auf behördliche Anordnung dann zugedeckt worden war, geschah das Merkwürdige, daß ein zirka dreijähriges Mädchen, das die Bretter als Brücke benutzte, an einer dünnen Stelle durchbrach und ertrank. Nun konnte uns, und vielleicht auch manchen Erwachsenen, niemand mehr irre machen, daß der böse Nix sich sein Opfer geholt habe.
An Stelle des Johannisfeuers trat in einzelnen Orten früher der Johannisbaum, der in seinem Aeußeren aber etwas ganz anderes darstellt, wie die Pfingstbäume usw. Süddeutschlands. Der erzgebirgische Johannisbaum war eine aus vier Stäben bestehende, mit Kränzen und Blumen geschmückte Pyramide, die in der Stube oder im Freien auf ein Tischchen gestellt und abends, wie die Weihnachtspyramide, mit Lichtern verziert wurde. Burschen und Mädchen tanzten weißgekleidet um diesen »Baum«. Diese Sitte ist schon seit Jahrzehnten verschwunden. Ebenso gehört der sogenannte Johannistopf der Vergangenheit an. Dieses Spiel beschreibt Spieß folgendermaßen: »Ein großer Topf wird mit Kränzen geschmückt und ein Geschenk daruntergelegt. Wer mit verbundenen Augen den Topf mit einem Stecken trifft, erhält den Preis.« Man kann dieses Spiel wohl in dem bei Kinderfesten beliebten Topfschlagen wiedererkennen. Den Schluß des »Johannistopfes« bildete gewöhnlich ein festliches Mahl, bei dem die traditionelle Semmelmilch gegessen wurde, und ein fideler Tanz.
Waren, wie eingangs geschildert, am Johannistag üble Dämonen rege, so machten sich aber auch dem Menschen freundliche Kräfte bemerkbar. Vor allem tritt die Heilkunst der Natur an keinem Tage so in die Erscheinung, wie zu Johanni. Deshalb gilt dieser Tag als die geeignetste Zeit zum Sammeln heilkräftiger Kräuter. Vor allem gilt die Johannisblume, auf Spiritus gesetzt, als Allheilmittel. Stiefmütterchen, Quendel und Kamillen soll man zu Johanni eintragen. Besonders wirksam ist ein daraus hergestellter Tee, wenn die Kräuter um 11 Uhr eingetragen werden und der Tee schon um 12 Uhr getrunken wird; man beugt so allen Krankheiten vor. Die mittags von 11–12 Uhr von sieben Feldrainen eingetragenen Kräuter sind am heilkräftigsten.
In Herold wurde am Johannistag Gras gehauen, auf dem Oberboden getrocknet und den Tieren unter das Futter gemischt So waren sie vor den üblen Folgen des »Beschreiens« gesichert.
Eine besondere Bedeutung hat die Johannisnacht als Losnacht, in der bei Beobachtung besonderer Gebräuche die Zukunft entschleiert wird. Daß dabei liebende Mädchen und liebeglühende Burschen hauptsächlich interessiert sind, bedarf wohl keines besonderen Nachweises.
Das verliebte Mädchen schläft auf einem Sträußchen, das am Johannistag gebunden ward, und ihm wird in der Nacht der Zukünftige erscheinen. Aus Bärenstein wird ein origineller Brauch berichtet. Das neugierige Mädchen hebt in der Johannisnacht im Garten etwas Rasen ab und legt die Stücke wieder hin. Um Morgen nimmt es eilends die Rasenstücke weg, um zu sehen, ob ein Käfer sich darunter aufhält. Die Farbe dieses Käfers gibt den Stand des künftigen Gatten an. Ist der Käfer grün, so steht ein Förster in Aussicht, trägt er schwarze Farbe, so wird ein Pfarrer der Erwartete sein; es ist bedauerlich, daß ich nicht erfahren konnte, wie diese Farbenskala sich weiter fortsetzt! – Die jungen Burschen binden Blumensträuße, möglichst von verschiedenen Feldrainen, und werfen die Sträußchen von der Straße aus der Geliebten ins Schlafstubenfenster. Gelingt schon der erste Wurf, so findet noch in demselben Jahre die Hochzeit statt, jeder vergebliche Wurf aber schiebt die Vereinigung der Liebenden um ein Jahr hinaus.
In Mildenau steckt man Johannisblumen in den Garten, wessen Pflanze zuerst verdorrt, wird zuerst sterben. Auf die Säuglinge ist der Johannistag auch von Einfluß. Man soll es möglichst so einrichten, die Kinder von diesem Tage an zu entwöhnen, da sie dann gut gedeihen. Gelingt das Experiment, so werden dem Kinde viele Johannisfeste beschieden sein.
Das Wetter zu Johanni ist ebenfalls von besonderer Wirkung für die Zukunft, wie einige Bauernregeln zur Genüge beweisen, z. B.:
Reg'n an Gohannistog,
nasse Ernt mer erwarten mog.
Johannesregn brengt ken Segn.
Vor Gohanne, herscht de,
lob fei kane Gerschte.
Sind viele von diesen Gebräuchen nur noch in vereinzelten Orten anzutreffen, so findet sich der Brauch des »Johannispfennig-Heischens« in den verschiedensten Gegenden unseres Gebirges. Arme Kinder binden sich ein winziges Kränzchen aus Feldblumen, oft aus Gänseblümchen, das auf einen Teller gelegt wird. Damit stellen sie sich an Straßen, hauptsächlich an Promenadenwege, und bitten Vorübergehende um eine kleine Gabe. Ueblich ist in einzelnen Orten, wie z. B. Frohnau und Bernsbach, daß dabei das Verschen gesprochen wird:
Ich bin klä un Du bist groß,
greif in dr Tasch un schenk mr wos!
Dann und wann wird die Straße durch eine quergezogene, mit Blumensträußchen gezierte Schnur gesperrt und der Wanderer muß sich durch eine Gabe loskaufen. Gern geben alle dem liebenswürdigen, kleinen Bettelvolk.
Es bliebe nur noch übrig, eines Brauches zu gedenken, der in Sachsen jetzt allgemein üblich ist, nämlich des Schmückens der Gräber am Johannistage. Dr. Eugen Mogk glaubt, daß diese Sitte aus Freimaurerkreisen herrühre und zuerst in Leipzig aufgetreten sei. Wie dem auch sei, es liegt viel Sinn in dem Brauche, zu der Zeit, da die Natur in voller Blüte, frischer Schönheit und Saftfülle prangt, derer zu gedenken, die sich dieser Wonnen nicht mehr zu erfreuen vermögen.