Dreizehntes Kapitel.

—Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert waren? fragte Duclari.

—O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen habe, als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann, so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte, als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das in Padang umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen.

Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten und Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch Nachlässigkeit Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang—der nun just mein besonderer Freund nicht war—behauptete, dass ein Fehlbetrag von Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird als eine solche in der nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte—gleich werden Sie hören, warum und wie—und weil während seines Aufenthalts zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig gezeigt hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige Auszeichnung auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem französischen Schiff, der »Baobab« von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer geladen hatte und ... natürlich bei Natal »Mangel an Trinkwasser« hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht empfangen könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass ich hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen musste, ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich—oder vielmehr ich merkte es ihnen an—dass der General sehr erbost auf mich war. Ich sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen, aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig hatte, ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen, und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine abweisende Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien, wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt, in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde in jedem anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige hundert Gulden vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hülfe. Ich drang bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich endlich, dass man in meiner Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versäumnisse entdeckt hätte, die mich einer ungetreuen Administration verdächtig machten. Dass Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil würde mich verwundert haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der persönlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden Versuchen zum Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar wegen dessen, was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte, den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von ‚force majeure‘.

Und, mochte man immer diese ‚force majeure‘ leugnen, wollte man mich auch verantwortlich machen für Fehler, die begangen waren in Augenblicken, da ich—in Lebensgefahr oftmals!—fern von der Kasse und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen musste; würde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere nicht hätte lassen sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« nichts gemein hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, wie mühevoll die Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von den in Frage kommenden Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort »Untreue« aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten zu müssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er achselzuckend erwiderte: »Ach ... die Geldsachen!«, als fände er selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurückstehen müsse.

Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein, wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war, so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem Aufstande zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer und Flammen zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu lassen in die Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos, und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grössere Interessen gerettet hatte.

Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. Denn indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit Thür und Thor öffnen.

Nach tagelangem Warten—Sie können sich denken, in welcher Stimmung!—erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen Brief, worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue verdächtig erscheine, mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemängelungen, die meiner Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen konnte ich sofort richtig stellen. Für andere hingegen hatte ich die Einsicht bestimmter Schriftstücke nötig, und vor allem war es für mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine Bemühungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhéling gesandter Gelder zum Beispiel—Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus der Natalschen Kasse bezahlt werden—oder sonst etwas derartiges, das mir höchstwahrscheinlich sofort klar geworden wäre, wenn ich meine Nachforschungen am Platze selbst hätte anstellen können, hatte vielleicht hinter diesen ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich eingebracht war, noch auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt hätte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste Beleuchtung gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit und im Widerspruch mit aller Billigkeit?

Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet hatte, erfuhr ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich war: »weil ich zu Natal ihm so widersprochen hätte; was denn auch«, so fügte man hinzu, »sehr verkehrt von mir gewesen wäre«.

Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in der naiven Meinung, dass er mich darum achten würde! Ich hatte ihm widersprochen, aber bei seiner Abreise hatte mich nichts vermuten lassen, dass er mir deshalb zürne! Dumm genug, hatte ich in der günstigen Versetzung nach Padang einen Beweis gesehen, dass er mein »Widersprechen« schön gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig ich ihn damals kannte.

Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu einer so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung führte, war ich mit mir selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt für Punkt, so gut ich konnte, und schloss meinen Brief—ich besitze noch den Entwurf—mit den Worten:

»Ich habe die an meine Administration geknüpften Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder lokale Nachforschung möglich war, beantwortet. Ich ersuche Euer Hochedelgestrengen, mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. Ich bin jung und bin unbedeutend im Vergleich zu der Macht der herrschenden Begriffe, denen mich zu widersetzen meine Grundsätze mich nötigen, doch ich bleibe nichtsdestoweniger stolz auf meine sittliche Unabhängigkeit, stolz auf meine Ehre.«

Tags darauf war ich suspendiert wegen »ungetreuer Verwaltung«. Der Offizier der Gerichtsbarkeit—wir sagten damals noch »Fiscal«—erhielt den Befehl, betreffs meiner »Amt und Pflicht« walten zu lassen.

Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt, und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen würde! Man riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen—ich war noch unmündig, als die angeblichen Verfehlungen geschahen—doch das wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel gedacht und gelitten, und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft und gewirkt, als dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. Sie sehen aus dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht behandelt sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General gegenüber meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und gleichzeitig können Sie wohl aus dem Brief ersehen, wie unbegründet die Beschuldigung war, die man gegen mich erhob. Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen Verbrechens, schreibt anders!

Man nahm mich nicht gefangen, und dies hätte doch geschehen müssen, wenn es ernst gewesen wäre mit dem kriminellen Verdacht. Wahrscheinlich aber war diese scheinbar unabsichtliche Unterlassung nicht ohne Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, dass man ihn unterhält und ernährt. Da ich Padang nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit doch ein Gefangener, aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich hatte wiederholt, doch jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben, dass er meinen Verzug von Padang nicht hindern möchte, denn es dürfte kein Verbrechen, und wäre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft werden mit Hungerleiden.

Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit bereitete, den Ausweg gefunden hatte, sich unzuständig zu erklären, weil Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen nur auf Ermächtigung der Regierung zu Batavia statthaben dürften, hielt mich der General, wie ich schon sagte, neun Monate an Padang gebannt. Er erhielt endlich von höherer Hand den Befehl, mich nach Batavia verziehen zu lassen.

Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte—gute Tine, du hattest es mir gegeben!—zahlte ich einige tausend Gulden, um die Natalschen Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da sagte mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von Niederländisch-Indien repräsentierte: »Das hätte ich an Ihrer Stelle nicht gethan ... ich würde einen Wechsel auf die Ewigkeit gegeben haben.« Ainsi va le monde!


Gerade wollte Havelaar mit der Erzählung beginnen, die seine Gäste von ihm erwarteten und die Aufklärung darüber geben sollte, in welcher Angelegenheit und warum er dem General Vandamme zu Natal seinerzeit »so widersprochen« hatte, da zeigte sich Mevrouw Slotering in der Vorgalerie ihrer Wohnung und winkte dem Polizei-Aufseher, der bei Havelaars Hause auf einer Bank sass. Der begab sich zu ihr und rief darauf einem Manne zu, der soeben das Erbe betreten hatte, jedenfalls in der Absicht, sich nach der Küche zu begeben, die hinterm Hause gelegen war. Unsere Gesellschaft würde hierauf wahrscheinlich nicht weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei Tische gesagt hätte, dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine Art Spionage zu üben scheine über jeden, der das Erbe betrete. Man sah den Mann, der durch den Aufseher gerufen war, zu ihr gehen, und es schien, dass sie ihn in ein Verhör nahm, das nicht zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens wendete er seine Schritte und lief nach aussen zurück.

—Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war vielleicht einer, der Hühner zu verkaufen hatte oder Gemüse. Ich habe noch nichts im Hause.

—Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete Havelaar. Du weisst, dass inländische Damen gern ihre Autorität zur Geltung bringen. Ihr Mann war früher die erste Person hier, und wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch bedeutet, in seiner Abteilung ist er ein kleiner König: sie ist noch nicht gewohnt an die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies kleine Vergnügen nicht rauben. Thu nur so, als wenn du nichts bemerktest.

Dies fiel nun Tine nicht schwer: ihr war nichts an Autorität gelegen.

Es ist hier eine Abschweifung nötig, und gar will ich einmal abschweifen, um über Abschweifungen selbst zu reden. Es fällt einem Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen den beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit wird um so grösser, wenn man Zustände beschreibt, die den Leser auf unbekannten Boden führen. Es ist eine zu enge Verbindung zwischen Örtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung der Örtlichkeit gänzlich entbehren könnte, und das Vermeiden der beiden Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt schwierig für jemanden, der Indien zum Schauplatz seiner Erzählung gewählt hat. Denn während ein Schriftsteller, der europäische Zustände schildert, viele Dinge als bekannt voraussetzen kann, muss er, der sein Stück in Indien spielen lässt, sich fortwährend fragen, ob der nicht-inländische Leser diese oder jene Umstände richtig auffassen wird. Wenn der europäische Leser sich Mevrouw Slotering als bei den Havelaars »logierend« denkt, so wie dies in Europa der Fall sein würde, muss es ihm unbegreiflich vorkommen, dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die in der Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt, dass sie ein apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich spätere Vorkommnisse recht zum Verständnis zu bringen, ist es in der That nötig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und Erbe bekannt mache.

Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den »Waverley« schrieb, erhoben wird, nämlich, dass er manchmal die Geduld seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung von Örtlichkeiten zu viel Platz einräume, scheint mir nicht recht begründet, und ich glaube, dass man sich zur Beurteilung der Richtigkeit einer solchen Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: war diese Beschreibung nötig, um den speziellen Eindruck hervorzurufen, den der Autor bei dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege man es ihm nicht übel aus, dass er von dir die Mühe erwartet, zu lesen, was er zu schreiben sich die Mühe gab. Wenn nein, so werfe man das Buch weg. Denn der Autor, bei dem es im Kopfe so leer ist, dass er ohne zwingenden Grund Topographie giebt statt Gedanken, wird selten der Mühe des Lesens wert sein, auch da, wo schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende nimmt. Aber man vergesse nicht, dass das Urteil des Lesers darüber, ob ein Abschweifen notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist, weil er vor der Katastrophe nicht wissen kann, was erforderlich oder nicht erforderlich ist für die geordnete Darlegung der Zustände. Und wenn er nach der Katastrophe das Buch wieder aufnimmt—von Büchern, die man nur einmal liest, rede ich nicht—und selbst dann noch meint, dass diese oder jene Abschweifung ohne Schaden für den Gesamteindruck hätte entbehrt werden können, so bleibt es noch immer die Frage, ob er vom Ganzen denselben Eindruck empfangen hätte, wenn nicht der Schriftsteller in mehr oder minder künstlicher Weise ihn dazu gebracht haben würde, und gerade durch die Abschweifungen, die dem oberflächlich urteilenden Leser überflüssig erscheinen.

Meinet ihr, dass Amy Robsart’s Tod euch so packen würde, wenn ihr Fremdling gewesen wäret in den Hallen von Kenilworth? Und meinet ihr, dass da keine Verbindung bestände—Verbindung in der Antithese—zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der unwürdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? Fühlt ihr nicht, dass Leicester—dies weiss jeder, der den Mann auch aus anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman—dass er unendlich tiefer stand, als er im »Kenilworth« geschildert wird? Aber der grosse Romancier, der lieber durch künstliche Verteilung der Farben fesselte als durch Grellheit derselben, achtete es unter seiner Würde, den Pinsel in all den Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem unwürdigen Günstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf einen dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl weisen, doch verstand er es, solchen Fleck durch die Lichter ins Auge fallen zu lassen, die er in seinen unsterblichen Schriften daneben setzte. Wer nun all das daneben Gegebene als überflüssig verwerfen zu können glaubt, verliert gänzlich aus dem Auge, dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen, zu der Schule übergehen müsste, die von 1830 ab so lange in Frankreich floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten Geschmack sündigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich selbst, ihre grössten Erfolge erzielten. Diese Schule—ich hoffe und glaube, dass sie ausgeblüht hat—hielt es für gemäss, mit voller Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse Sudelkleckse hiervon auf das Gemälde zu werfen, dass man sie selbst aus der Entfernung sehen möge! Sie sind denn auch mit geringerem Aufwande zu malen, diese groben Streifen von Rot und Schwarz, als die feinen Züge zu pinseln sind, die da stehen im Kelch einer Lilie. Darum wählte denn auch diese Schule meistens Könige zu Helden ihrer Geschichten, am liebsten aus der Zeit, da die Völker noch unmündig waren. Sieh, die Betrübtheit des Königs wandelt man auf dem Papier in Volksgeheul ... sein Zorn bietet dem Autor Gelegenheit zum Töten von Tausenden auf dem Schlachtfelde ... seine Fehler geben Raum zum Schildern von Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe Pinsel in Bewegung! Wenn du dich nicht bewegen lässest von dem stummen Schrecken einer Leiche, die da liegt, es ist in meiner Geschichte Platz für ein Schlachtopfer, das noch ächzt und zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die vergebens ihr Kind sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter, die ihr Kind vierteilen sieht! Bleibst du gefühllos bei dem Märtyrertod dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefühl hundertmal, indem ich neunundneunzig andere Männer martern lasse neben ihm! Bist du verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt ...

Epikuräer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: »rechts und links ... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken Arm seines Nebenmannes auf ... marsch!«

Ja, so geht dieser Kunst-Schauder über in Albernheit ... was ich so im Vorübergehen beweisen wollte.

Und dahin würde man doch geraten, indem man zu eilig einen Schriftsteller verurteilte, der sinngemäss vorbereiten wollte auf seine Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden Farben.

Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grösser. Du verachtest die Bemühungen des groben Schrifttums, das mit so ungeschlachten Waffen auf dein Gefühl meint einstürmen zu müssen, aber ... wenn der Autor in das andere Extrem verfällt, wenn er sündigt durch zu viel Abschweifen von der Hauptsache, durch zu viel Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn noch stärker, und mit Recht. Denn dann hat er dich gelangweilt, und das ist unverzeihlich.

Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor, in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu sehen ist, das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im Knopfloch mitnehme, dann verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafür.

Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht übel. Denn wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist, dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben, die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und Verstehen ist Genuss.

Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube, dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben, den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst, dir etwas über Havelaars Haus zu sagen.

Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen, vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor, denn es ist eine Eigenart der Zivilisation—oder dessen, was man hierfür laufen lässt—alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen, hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt, und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes, wie ich wohl glaube.

In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten ... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. ‚Gegeben‘: ein längliches Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2, und in dieser Weise weiter.

Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie, die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7, 9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich bin recht stolz auf diese Beschreibung.

Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe« knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald, sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck »Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert, weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden.

Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn« stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte, und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte.

Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte, nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes, selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und Lesen unmöglich war—etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel Beschwer verursacht—es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn« beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor dem Hause.

Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.

Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen, dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor, am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände, in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht »stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie, dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört« wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach, in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken—ohne Liebig, lieber Himmel!—aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte, an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine, wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug.