Siebentes Kapitel.
Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte höflich. Dem Kontrolleur—die Begegnung mit einem neuen Chef hat immer etwas Peinliches—nahm er durch ein paar freundliche Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person, die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der Etikette nicht hätte thun brauchen.
—Wahrlich, m’nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst in Rangkas-Betung zu begegnen.
—Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der Adhipatti.
—Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und dazu noch zu Pferde!
—Ja, M’nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin ich noch immer stark und gut auf den Beinen.
—Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?
—Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.
—Gut, aber es giebt da eine Grenze.
—Eifrig, schleppte der Resident hinterher.
—Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder zurückschlucken. Wenn Sie’s für gut befinden, Resident, werden wir Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.
—Es. Ist. Mir.
—Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht ein ...
—Recht! sagte der Resident.
—Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr, Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal, Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge ... unser Max!
Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:
—Ist der Regent immer so diensteifrig?
—Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M’nheer Havelaar, und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie machen möchte.
—Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er besitzt Bildung, nicht wahr?
—O ja ...
—Und er hat eine grosse Familie, wie?
Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte, schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging, so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?
So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:
—Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.
—Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen diesen Moscheen und der ‚grossen Familie‘ des Regenten.
Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet werde.
—Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?
—Ja, das könnte wohl besser sein ...
—Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar, als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in einem Atem also fort:
—Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur sechstausend über das Jahr ’55. Das ist seit ’53 nur um achttausend gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren früher sehr ungenau ... und sind’s noch! Von ’50 zu ’51 besteht sogar ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch, wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen mal hingehen, Max!
Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem Übergewicht durch ‚lokale Anciennetät‘, was der gute Junge denn auch nicht begehrt hatte.
—Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M’nheer Verbrugge! Der Regent ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch, ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.
Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig, dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.
Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete, indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter, die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.
—M’nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.
—Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich möchte einer Dame ...
—Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe hinterher.
—Ich möchte einer Dame in ihren Umständen nicht gern mein Haus verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?
Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.
—Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.
—Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...
—Ich. Wagte. Es. Ihr.
—Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt’s gar keinen Zweifel!
—Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.
—Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.
—Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.
—Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!
Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde, setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:
—Eine. Eingeborne. Frau.
—O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verständlich zu machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.
Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen, die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.
Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag, denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.
Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine »eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung, wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.
Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:
—Weil. Er.
Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...
—So. Drängend. Zu thun. Habe.
... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon, dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.
Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar besah ihre neue Wohnung und war sehr entzückt von ihr, vor allem weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max, der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an, dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.
Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident, der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.
Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein vorgeschrieben ist und der besagt:
»... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe, versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: Assistent-Residenten) gezieme.«
Darauf folgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott der Allmächtige!«
Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis: »der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen, dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.
Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben, auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst, der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien: »das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige« würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.
Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann, der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte, sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?
Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.
Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge, worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation« war vor sich gegangen.
Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder angelangt sein wollte:
—Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.
... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies nicht an dem Grossen Wege gelegen war.
Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde, höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.
Max und ‚seine Tine‘ waren erst unlängst von einer Reise nach Europa zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte, und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...
Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde; er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!
Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag, doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder grösseren Gewinn.
Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.
Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken, ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst, begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht noch lebendiger, wenn auch ‚seine Tine‘ und Max, die er beide so lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten ... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen ... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.
Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und: »dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen, wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«
Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.
Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...
—Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, recht lange!
Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler—wenn überhaupt ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war—allein darin gelegen hatte, dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.
Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals »aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich, dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina die Schiffbrüchigen der ‚whalers‘, der Walfischfänger, in sein Haus rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete, als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten, und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.
War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max, ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar, dass er nicht schon König war?
Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je, dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel geliebt!
Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte, und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.
Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen—damals eines Jünglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später im Irrsinn sterben sollte—Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines Vaters gesucht hatte.
Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied übergegangen.
Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach—und die sie mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert waren—auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände die Meinung, dass dahinter ein ‚roman intime‘ sich verstecke, und man mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen »Millionentraum« nennen könnte.
Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf dem Rechte eines andern—wie tief es auch begraben sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von Advokatenkniffen—nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn ‚seine Tine‘ mit einem anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube, dass es ihm geglückt wäre, ‚die interessante Waise‘ in den Besitz des Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: »Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«
Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld ausgab.
Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers, war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung ... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu führen ist.
Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm, als dass er—bei welcher Wendung des Loses immer—die Aufmerksamkeit erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles wohl nicht so—hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse—aber es lag in ihrer neuen Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe, die—mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde—früher Havelaar so oftmals hatten sagen lassen:
—Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht entziehen kann?
Und worauf sie stets geantwortet hatte:
—Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!
Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im Besitz ihres Kindes ...
—O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen Lilien ...
Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.
Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über bis zum folgenden Morgen.