XII
Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor, nahm von ihr die Decke, enthüllte die goldene Tabaksdose und die brillantene Nuß — in ihr aber liegt der Floh, wie er vordem gewesen war und wie er früher gelegen hatte.
Der Kaiser schaute hin und sprach:
»Das ist eine List!« — Aber von seinem Glauben an die russischen Meister verlor er gar nichts. Er befahl, seine Lieblingstochter Alexandra Nikolajewna zu rufen und sagte ihr:
»An deinen Händen hast du feine Finger! Nimm das kleine Schlüsselchen und ziehe rasch in diesem ‚Nymphusorium‘ die Bauchmaschine auf!«
Die Prinzessin begann mit dem Schlüsselchen zu drehen, und der Floh bewegte sogleich seinen Schnurrbart, aber mit den Füßen rührte er sich nicht. Alexandra Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das »Nymphusorium« tanzte trotzdem kein »Dansé« und ließ keine einzige »Variation« los wie vordem.
Platow ward ganz grün und schrie:
»Ach, das sind hündische Schelme! Jetzt verstehe ich, weshalb sie mir dort nichts sagen wollten. Es ist noch gut, daß ich einen Dummkopf von ihnen mit mir nahm!«
Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den Linkser an den Haaren und begann ihn dahin und dorthin zu zausen, so, daß die Haarbüschel nur so flogen. Jener aber, als Platow aufhörte, ihn zu schlagen, machte sich nur zurecht und spricht:
»Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare ausgerissen, ich weiß nur nicht wegen welcher Notwendigkeit man eine solche Wiederholung vornimmt?«
»Das ist deshalb« — spricht Platow — »weil ich auf euch hoffte und mich verpflichtete. Ihr aber habt diese seltene Sache verdorben!«
Der Linkser antwortet:
»Gar sehr sind wir zufrieden, daß du dich für uns verpflichtetest, verdorben haben wir aber gar nichts: Nehmt und schaut durch das allerstärkste ‚Winzigglas‘.«
Platow lief zurück, um von dem ‚Winzigschauer‘ zu erzählen, dem Linkser aber drohte er nur:
»Ich werde dir« — spricht er — »du ... so und so ... noch etwas geben ...«
Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch stärker die Ellenbogen zurückzubinden, selber aber steigt er die Stufen hinauf, keucht und spricht sein Gebet: »Gesegnete Mutter des gesegneten Königs, Allerreinste und Reine ...« usw., wie es sich gehört. Die zarischen Hofdiener, die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von ihm ab und denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich wird man ihn aus dem Schloß wegjagen — denn sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner Tapferkeit.
XIII
Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte, spricht der sogleich mit Freuden:
»Ich weiß, daß meine Russen mich nicht betrügen werden« — und befahl, den »Winzigschauer« auf einem Kissen zu reichen.
In einem Augenblick ward der ‚Winzigschauer‘ gebracht, und der Kaiser nahm den Floh und legte ihn unter das Glas: zuerst mit dem Rücken nach oben, dann mit der Seite, dann mit dem Bäuchelchen — mit einem Worte, man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts. Der Kaiser verlor aber auch da nicht seinen Glauben, er sagte nur:
»Man führe jenen Waffenschmied, der sich unten befindet, sogleich hierher zu mir.«
Platow berichtet:
»Man müßte ihn umkleiden — er ward genommen wie er war und ist jetzt gar sehr in schlechtem Aussehen.«
Der Kaiser aber antwortet:
»Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.«
Platow spricht:
»Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen des Kaisers zu antworten.«
Der Linkser aber sagt:
»Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch antworten!«
Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein Hosenbein im Stiefel, das andere baumelt herum, sein breiter Rock ist ältlich, die Haken schließen nicht, sie fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen; er geniert sich aber garnicht.
»Wie denn« — denkt er — »wenn es dem Zaren gefällig ist, mich zu sehen — so muß ich eben kommen; wenn ich aber kein ‚Tugament‘ habe — so bin ich daran unschuldig und werde erzählen, wie sich die Sache zutrug.«
Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der Kaiser sogleich schon zu ihm:
»Was bedeutet das denn, Brüderchen, daß wir so und so zuschauten und den Floh unter den ‚Winzigschauer‘ legten, aber nichts Bemerkenswertes erschauten.«
Der Linkser aber antwortet:
»Haben Sie, Euer Majestät, denn richtig zu schauen geruht?«
Die Höflinge geben ihm ein Zeichen: »Du sprichst nicht so, wie ’s sich gehört!« Er aber versteht nicht, wie es nötig ist auf Höflingsart mit Schmeichelei oder mit List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der Kaiser spricht:
»Hört doch auf, ihn zu schulmeistern — er soll antworten, wie er es versteht.«
Und sogleich erklärte er ihm:
»Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« — und er legte den Floh unter den Winzigschauer. »Schau nur selber«; spricht er — »es ist nichts zu sehen.«
Der Linkser antwortet:
»Euer Majestät, so ist es auch gar nicht möglich, irgend etwas zu sehen, weil nämlich unsere Arbeit gegenüber einem solchen Maßstab bei weitem geheimnisvoller ist.«
Der Kaiser fragte:
»Wie soll man dann aber?«
»Man muß« — spricht er — »nur sein einzelnes Füßchen unter den ganzen ‚Winzigschauer‘ führen und im einzelnen auf jedes Ferschen schauen, womit er auftritt.«
»Erbarme dich, sag’ einmal« — spricht der Kaiser — »dies ist schon allzufein.«
»Aber was soll man denn machen« — antwortet der Linkser — »wenn man nur so unsere Arbeit bemerken kann: dann wird sich auch das ganze Staunen offenbaren.«
Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt hatte, und als der Kaiser nur eben in das obere Glas schaute, so strahlte er auch nur so — er nahm den Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll Staub — umarmte ihn und küßte ihn, darauf aber wandte er sich an alle Hofleute und sagte:
»Seht ihr, ich wußte besser als ihr alle, daß meine Russen nicht versagen werden. Schaut bitte hin, die Schelme haben dem englischen Floh Hufeisen angeschmiedet!«