Dreizehntes Kapitel.

Das, was weiter geschah, kann ich nicht aus eigener Anschauung mitteilen, sondern nach Worten und Angaben eines Augenzeugen.

Dank Drukarts Einfluß wurde der Jude im Empfangzimmer des General-Gouverneurs so aufgestellt, daß ihn der Fürst beim Eintritt sofort bemerken mußte.

„Was? ... wer? ... was ist das für ein Mensch ... warum weint er ... fragen ...“ wendete sich der Fürst an Drukart, welcher diesesmal beim Empfange dem Fürsten assistieren mußte.

Drukart nahm die Bittschrift aus der Hand des Juden und schaute pro forma in dieselbe, da er in der Angelegenheit bereits vordem eingehend unterrichtet war.

Aus derselben hätte Drukart nichts herauslesen können, da diese einfache Angelegenheit in der weitschweifigen Beschreibung aller seiner Gefühle, Leiden, Ängsten, Verfolgungen, Elemente, Karkadil und allem möglichen unnötigen Zeuge verloren ging.

Es blieb also Drukart nichts anderes übrig, als die Bittschrift einfach zusammenzufalten und dem Fürsten den Fall in wenigen Worten mitzuteilen.

Drukart tat es in wenigen warmen, schönen, zum Herzen gehenden Worten, so daß der Fürst gerührt wurde, seine Augenbrauen zogen sich in die Höhe, die Stirne wurde kraus, der „gute Junge“ machte sich auf seinem Platze im Barte bemerkbar und rührte sich.

„Was ist das ... scheint mir ... Lumperei ...“ äußerte sich der Fürst, „das ... so ... kann nicht zugelassen werden.“

Drukart wies auf das Gesetz hin.

Der Fürst wurde mürrisch, aufgeregt, der „gute Junge“ war im Begriffe zu verschwinden, verließ aber seinen Posten nicht.

„Ja ... Gesetz ... scheint es ... nicht sein ...“

Drukart gab keine Antwort — der Fürst setzte seinen Empfang fort, nahm Bittschriften entgegen — der Jude heulte und wimmerte und hörte nur für einen Augenblick auf, wenn derselbe durch allgemeines: Tss! zum Stillschweigen aufgefordert wurde, erhob jedoch nach einigen Augenblicken wiederum sein Geschrei, dabei auf- und abschnellend, wie eine auf einer Gummischnur aufgehängte Puppe.

Dieses schien dem Fürsten zu Herzen zu gehen.

„Befehlen ... scheint es ... still sein ... hinausführen ...“ sagte er im Tone, als wenn er sich stark ärgern würde; seine Umgebung jedoch, die ihn sehr wohl kannte, wußte, daß dies kein Ärger sei, sondern ein Deckmantel für das in ihm aufsteigende Mitgefühl.

Die Reaktion in seinem Inneren war eingetreten, obzwar er befahl ... still sein ... hinausführen ..., dieser Befehl war mehr als das Zeichen des Verdrusses, als des Ärgers, da er augenblicklich nicht wußte, wie er diese Angelegenheit behandeln soll.

Es war bekannt, daß in solchen Fällen der Fürst solange unruhig blieb, bis er das Richtige gefunden hat, was ihm die Möglichkeit bot, dieser Sache den gewünschten Ausgang und Erfolg zu geben; dies war auch hier anzunehmen und man war überzeugt, daß sich der Fürst eine Zeitlang mit der Angelegenheit des Juden in Gedanken beschäftigen wird und zwar solange, bis er das Richtige herausfindet.

Diese Annahme bestätigte sich wirklich.

Kaum daß den eingeschüchterten und still gewordenen Juden zwei Gendarmen unter den Arm nahmen und hinausführen wollten, rührte sich auch der „gute Junge“ im Barte und der Fürst meinte:

„Ruhig ... sagen sie ... das ... nicht nötig ...“

Auf was sich dieses „nicht nötig“ bezog, blieb unklar, aber begreiflich: den Juden haben die Gendarmen zwar aus dem Zimmer hinausgeführt, doch nicht aus dem Hause gejagt, sondern am Korridor stehen gelassen, wo sich derselbe auf den Fußboden setzte und fortfuhr krampfhaft nach allen Richtungen zu zucken, als wenn ihn jemand an einer inneren Gummischnur gezogen hätte.

Der Fürst beeilte sich den Empfang rasch zu beenden; während der ganzen Zeit war derselbe unruhig, unzufrieden, ärgerlich.

Nachdem alle Bittsteller den Saal verlassen hatten, ging der Fürst nicht in sein Arbeitszimmer, sondern in ein kleines Kabinet, welches rechts vom Eingange lag auf den Hof hinaus führende Fenster hatte und in welchem er jene zu empfangen pflegte, mit welchen derselbe längere private oder sekrete Besprechungen zu machen hatte und in welches er sich stets zurückzuziehen pflegte, sobald er allein sein wollte.

„Traurig ...“ sagte der Fürst, als Drukart in das Kabinet trat.

„Sehr traurig, Excellenz ...“ gab derselbe zur Antwort in seiner ruhigen Art und Weise, welche ihn nie verließ und wodurch er sich vor allen anderen auszeichnete.

„Tfu! ... was für ein Lump ... ein ganz gemeiner Spitzbube ...“

„Gewiß, ein Lump ...“ war die Antwort eines Mannes, welcher begriff, auf was sich alles dieses bezieht und daß darunter der gemietete Ersatzmann des Juden gemeint ist, der den Wunsch äußerte sich taufen zu lassen.

„Im Gesetze ... scheint es ... nichts?“

„Nein, dort gibt es keine Angabe ... wieviel Zeit vergehen muß, ehe der betreffende getauft werden kann ...“

„Nahm Geld ... Lump ... Es ist ... scheint es ... was für ... Glaube!“

„Glaube, nur Vorwand.“

„Einleuchtend ... nur ich ... nichts ... scheint es ... kann tun ... gehen Sie ...“

Der Fürst entließ den Drukart in augenscheinlich höchst unangenehmen quälenden Gedanken; doch hatte Drukart das Vorzimmer noch nicht erreicht, als der Fürst das gefunden hatte, was ihm als das richtige schien und die Türe aufreißend, rief er mit fast nach Freude klingender Stimme:

„Ah! Ah! Drukart!“

Dieser kehrte sich um.

„Jetzt ... diesen ... wie er ... also: den Juden nehmen ... in Schlitten ... fahren ... mit ihm ... sofort ... gerade ... zum Mitropoliten ... Er ... guter Alter ... soll schauen ... alles erzählen ... von mir Empfehlung ... sagen ... Leid ... nichts tun kann ... Gesetz ... ausführlich ... Sie verstehen ...“

„Vollkommen!“

„Ja ... kann nicht ... möchte ... scheint es ... sehr gerne ... kann nicht ... er, sehr gut ... verstehen Sie ...“

„Ja wohl, Excellenz!“

„Also ... überlasse ... mische mich nicht ... aber ... ich bitte ... weil ... wenn ihm ebenfalls leid ... sowie er meint ... kann sein ... bitten Sie ... berichten ...“

Der Fürst beendete seine Rede in weit lebhafterem Tempo, als dies sonst der Fall zu sein pflegte, machte eine entschiedene Bewegung mit der Hand, drehte sich um und ging dann mit hellerem, freudigerem Gesichtsausdruck in seine Privaträume, doch nicht, etwa um der Fürstin die Geschichte des Juden zu erzählen, sondern um auszuruhen.

Der vom Fürsten mit diesem Auftrage bestimmte Beamte fuhr mit dem Juden zur Residenz des Mitropoliten, welche im Kloster sich befindet; mir aber schickte er durch einen Kurier ein Stückchen zusammengefaltetes Papier, auf welchem in eiligen Schriftzügen geschrieben stand: „Die Stellung sofort unterbrechen — wir fahren zum Mitropoliten.“