Sechstes Kapitel.
Nach dem Gesetze konnte ein stellungspflichtiger Jude nur wieder durch einen Juden ersetzt werden; Christen waren in diesen Fällen völlig ausgeschlossen.
Dadurch erklärt es sich, daß es außerordentlich schwierig war einen Juden als Ersatzmann zu finden, ja es war fast ausgeschlossen, daß sich überhaupt ein Jude zu diesem Zwecke selbst angeboten hätte.
Liebten die Rechtgläubigen den Soldatenstand nicht und trachteten sie, den Dienst nicht ableisten zu müssen, so lief überhaupt der Jude demselben aus dem Wege und durch gute Worte oder einfaches Mieten lockte man ihn schon überhaupt gar nicht.
Im übrigen waren die Vorteile, welche der angeworbene Jude für die ihm angebotene Summe von drei bis vier hundert Rubel gewann, gar zu unbedeutend, da jedes Jüdchen, wenn es von Natur aus nicht gar zu stiefmütterlich behandelt ist, einen solchen Betrag leicht und ohne jede Gefahr und große Mühe auf leichtere Art erwerben kann.
Und die von der Natur stiefmütterlich behandelten eigneten sich überhaupt zum Militärdienst nicht.
Derjenige, welcher einen Ersatzmann suchte, konnte denselben nur in jenen Sphären finden, und unter Leuten, welche heimatlos waren, einen liederlichen Lebenswandel führten und durch ihre Aufnahme beim Militär einer schweren Strafe entgehen wollten.
Derartige Leute fanden sich unter den Juden äußerst selten, sie waren geradezu — weiße Raben.
Dem Introligator gelang es jedoch — zu seinem Glück, oder besser sei es gesagt, Unglück — einen solchen „weißen Raben“, eine Seltenheit zu finden.
Was war das für ein Mensch?
Es war dies in seiner Art ein großer traditioneller jüdischer Geschäftsmacher, welcher im Mietsvertrage die Angelegenheit so zu drehen verstand, daß er nicht nur seinen Nächsten — die ihn mietenden Juden — vollständig zu Grunde richtete, sondern auch den Glauben profanierte und dem Gesetze selbst eine Nase drehte.
Und was die Angelegenheit noch interessanter machte war, daß er dieses alles unter den Augen und Mithilfe einer hochstehenden Persönlichkeit durchführen und eine neue, bis dahin nicht bekannte, aber außerordentlich günstige Art, sich über den katholischen Glauben und das Gesetz lustig zu machen, einführen wollte.
Dieser Lump war ein Damenschneider-Gehilfe des Meisters Davidek, welcher zu jener Zeit für Kiev das war, was Worth für Paris, ein Schneider für die „elegante Welt“.
Wegen Ungehörigkeiten jagte Davidek den Gesellen davon und die Polizei wies ihn aus.
Ohne Beschäftigung strolchte und bettelte der Geselle aus einer Stadt der „goldenen Ukraina“ in die andere, fiel schließlich in die Hände des Introligators zu jener Zeit, als dieser den heftigsten Kampf um sein geraubtes Kind kämpfte; der Vertrag wurde beschlossen, nicht aber einfach geschlossen, wie dies bei getauften Leuten der Fall zu sein pflegt, sondern mit in voraus berechneter böser Absicht, mit Hintergedanken, welche jedoch der Schneider solange für sich geheim hielt, bis sich ihm Gelegenheit bot offen zu handeln.
Das Nichteinhalten derartiger Verträge, war nichts seltenes, da diese gewöhnlich ohne Mitwirkung der Gerichte errichtet, deshalb meistenteils Formfehler besaßen, die im vorkommenden Falle das Dokument ungültig machten — derartige Umgehung der Gesetze lag im Blute der Juden, welche ohne sie nicht leben konnten.
Der Introligator, welcher sich in höchster Aufregung befand, um so mehr als die Angelegenheit keinen Aufschub erlaubte, sondern ein rasches Handeln forderte, mußte in alle Forderungen seines Mietlings einwilligen.
Er verkaufte sofort um zwei hundert Rubel sein Häuschen mit allem Zubehör und für drei hundert Rubel verpflichtete er sich bei einem reichen Juden jahrelang zu arbeiten.
Mit einem Wort, er war gebunden an Händen und Füßen, nach allen Seiten hin, während der angeworbene Schneider drei hundert Rubel in die Hand ausgezahlt erhielt, ohne einen Gegendienst geleistet zu haben.
In aller Eile wurden die nötigen Dokumente aufgeschrieben und der Introligator schickte mittels Post jenes Bittgesuch ab, dessen ich bereits früher erwähnte; er selbst folgte mit dem angeworbenen Manne und den übrigen Dokumenten nach.
Nun aber brach erst das Unglück über den Mieter herein.
Nur bis zur Unterschrift und Annahme des Geldes konnte es der Angeworbene kommen lassen, weiter gehen konnte und durfte er nicht, wenn er seine Freiheit bewahren wollte; er durfte deshalb seine Karten nicht aufdecken.
In der unmittelbarsten Nähe von Kiev verschwand er plötzlich aus der jüdischen Herberge.
Als der Jude bis zu dieser Stelle in seiner Erzählung kam, da heulte er auf und verlor fast völlig die Sprache, so daß er nur mit schwerer Anstrengung das Ende der Geschichte erzählen konnte.
Während der Zeit, als der Introligator über den Ankauf von Lebensmitteln handelte, was überhaupt nur wenige Minuten in Anspruch nahm, verlor er den angeworbenen Ersatzmann aus dem Gesichte, während dem lief der Schneider zu dem gegenüber der Herberge wohnenden Balagul,[5] mietete, ohne zu handeln, einen Viererzug junger, leichter Pferde und und fuhr mit aller Geschwindigkeit nach Kiev um — sich taufen zu lassen.
Ein fürchterlicherer Schlag konnte den Introligator nicht treffen, als das Verschwinden des angeworbenen Schneiders, denn durch dessen Flucht wurden nicht allein seine Hoffnung, sondern auch seine Pläne zerstört; er war bestohlen, betrogen, und wie man zu sagen pflegt, ihm wurde die Gurgel ohne Messer durchgeschnitten.
Sein Kind ging ihm verloren, ebenso wie ihm sein geringes Hab und Gut verloren gegangen, denn schon die Äußerung des Wunsches sich taufen zu lassen, hob alle mit dem Introligator abgeschlossenen Verträge auf; der Schneider wurde seiner übernommenen Verpflichtung, sich an Stelle des Knaben anwerben zu lassen los und ledig; der Wunsch sich taufen zu lassen, setzte jeden Juden, so auch den Schneider, unter den besonderen Schutz orthodoxer Gesetze.
Es war mir klar, daß in dieser Angelegenheit jeder Versuch einer Einmischung vollständig aussichtslos ist; ich konnte sehr leicht den grenzlosen Schmerz und die Qualen des Erzählers dieser traurigen Geschichte begreifen, aber ich sah auch weiter ein, daß hier, wer es auch sein mag, keine Hilfe bringen und keine Änderung zu Gunsten des Juden hervorzurufen vermag.
In dieser Angelegenheit gab es noch andere Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden und zu entfernen, welche nur jener begreifen konnte, der den höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht ganz ferne stand.
Der Introligator teilte mir weinend mit — wobei er seinen Lapserdack[6] zerriß — daß er den Schneider lange in „Weißkirchen“ gesucht habe.
In Begleitung von verschiedenen Mischurisamen eine jüdische Herberge nach der anderen nach seinem Flüchtling absuchend, wobei ihm absichtlich falsche Angaben gemacht wurden, verlor er unnütz in dieser Weise einen ganzen Tag.
Erst als der Introligator Kiev erreichte, verfiel er auf die mit dem Fuchsschwanze weggefegte Wolfspur des Chabar, welcher gemütlich hinter den Klostermauern saß und sich zur Taufe vorbereitete.
Es lag klar zu Tage, der Spitzbube hatte die Absicht seinen Kontrahenten ungestraft zu betrügen und zu Grunde zu richten, das Mittel zur Erreichung des Zweckes sollte die Taufe sein.
Um dem Schneider gegenüber den Beweis zu führen, daß durch den Übertritt zum Katholizismus der Taufakt der Kirche nur mißbraucht und profaniert werde, dafür hatte man keine Beweise an der Hand.
Außerdem war Recht und Gesetz an der Seite dieses „Katechumen“, der noch weiter unterstützt wurde durch mächtige Personen, welche zu jener Zeit mehr galten als das Gesetz selbst.
Der schlaue Jude, welcher ein Jahr lang bei dem Kiever Wirt arbeitete, eignete sich einige Kenntnisse über den Einfluß und die Schwächen einiger hochgestellten Personen in Kiev an, welche in Folge ihrer amtlichen oder gesellschaftlichen Stellung große Macht besaßen.
Eine solche mächtige und einflußreiche Persönlichkeit war die Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürsten Hilarion Hilarionovič Vasilčikov, Fürstin Katharina Aleksejevna (geborene Fürstin Ščerbakov), derer ich bereits früher erwähnte.
Sie war zu jener Zeit für die Ausbreitung des Christentums so sehr eingenommen daß sie sich viele Mühe gab, dasselbe durch den Übertritt Andersgläubiger zu mehren.
Wie es aber in der Mehrzahl derartiger Fälle, Vorsätze und Einrichtungen vorzukommen pflegt, namentlich wenn sie von Damen der hohen Aristokratie und sonstigen Damen der eleganten Welt begonnen und poussiert werden, ist das Resultat ein außerordentlich klägliches; es fehlt an dem nötigen Ernst, praktischer Erfahrung, andauernder Tätigkeit, ohne welche alle derartigen Unternehmungen stets mehr Schaden als Nutzen bringen.
Es ist dies etwas Verhängnisvolles, eine Art Ironie des Schicksals!
Die Religiosität der Fürstin äußerte sich in anderer Weise als bei den jetzt lebenden Damen der höheren Gesellschaftskreise, welche den inneren Glauben nach außen sichtbar machen wollen ohne viel Opfer, Einschränkung und sonstige Änderungen ihrer Gewohnheiten bringen zu müssen; die Religiosität der Fürstin Katharina Aleksejevna war anderer Art, sie war kennbar an ihren Taten, so daß eigentlich der Verfasser des sehr lehrreichen und interessanten Buches „Versuch über Einkommen und Eigentum unserer Klöster“ jedenfalls verpflichtet gewesen wäre, der Fürstin, als Förderin des Wohlstandes der Klöster und ihrer Vermehrung, die erste Stelle anzuweisen.
Es ist Tatsache, daß die Fürstin Vasilčikov mehr Klöster errichtet und gegründet hat als die Fürstin Anna Aleksejevna Orlov und andere adelige Damen.
So gründete sie unter anderen ein sehr bekanntes Kloster in der Nähe von Kiev, welches, Dank der Freigebigkeit und Sorge der Fürstin, über sechsunddreißig Werst Land außer sonstigen Renten verfügt, worüber jedoch in dem Buche von Rostislav, dessen ich vorerwähnte, nichts zu finden ist.
Aber schon früher, vor der Zeit, ehe sich die Fürstin mit der Errichtung neuer Klöster zu beschäftigen anfing, namentlich noch vor der Rekonstruierung des Klosters des „alten Jonii“, machte sie sich in Kiev als große Philanthropin bekannt.
Unter ihrem Protektorate wurden Wohltätigkeits-Bälle, Soiréen, Theater, Maskeraden, Concerte u. dgl. mehr oder minder angenehme Unternehmungen veranstaltet; nach dieser Richtung hin entwickelte sie einen außergewöhnlichen Eifer, dem man jetziger Zeit nicht solche Bedeutung mehr zuschreibt als dies ehemals der Fall war.
Gleichzeitig mit dem Streben, Sorge, Not und Elend aus den Einkünften der verschiedenen Lustbarkeiten und Unterhaltungen zu lindern, bemühte sich auch die Frau Fürstin um Sittenverbesserung und Verbreitung des Christentums.
Im letzteren Falle war die Fürstin, wie ich anzunehmen guten Grund habe, origineller und kühner, unternehmender, als der übrige gesamte hohe Adel in Petersburg, weil sie in Folge der Stellung ihres Gemahls, als General-Gouverneur, schon an und für sich ein gewisses Ansehen und Macht besaß, vor welchem sich sehr viele beugten, ja sogar sich fürchteten, die meisten aber verfolgten das Gebaren „ihrer Fürstin“ sehr aufmerksam, hatten aber oft Ursache über das Treiben derselben und ihres Anhanges den Kopf zu schütteln.
Nach dem Coelibat, welches zur Zeit des Bibikov’schen Regimentes im General-Gouvernements Hause herrschte, war der Einfluß einer Frau, welche sich nach keiner Richtung hin etwas zu versagen brauchte, ein ganz bedeutender, namentlich unterwarfen sich demselben fast alle Damen der höheren Stände.
In der ersten Zeit besaß alles einen Anschein und Anstrich von Frische und Lebhaftigkeit, es schien, daß dadurch wirklich etwas nutzbringendes erzielt wird, doch diese Ansicht dauerte nicht lange, und man fing alles dieses von anderer Seite zu betrachten an und darüber sich zu äußern.
Die Fürstin selbst aber war so sehr von der Nützlichkeit und Wohltätigkeit ihrer Mission überzeugt, daß sie sogar, um die Leute sittlich zu bessern, die Bewohnerinnen der „Zufluchtstätte der heiligen Maria Magdalena zur Bekehrung gefallener Mädchen“ an Soldaten — verheiratete.
Dadurch sollte diesen Frauenzimmern die Rückkehr zum unmoralischen Lebenswandel abgeschnitten werden.
Die Fürstin nahm tätigen Anteil an dem Zustandekommen derartiger Ehen und interessierte sich sehr für dieselben; die Bräute wurden von ihr so reichlich ausgestattet, daß eine solche Heirat auf Soldaten eine besonders große Anziehungskraft besaß, und sie sich beeilten eine „Magdalenerin“ zu ehelichen.
Ein solches Mädchen erhielt nicht nur für ihre Verhältnisse reichlich Kleider und Wäsche, sondern auch ein hundert Rubeln, welches letztere für den Soldaten mehr Wert hatte, als die Rückkehr auf die Bahnen der Tugend seiner Braut und nachmaligen Frau.
Hatten die Neuvermählten die Fürstin durch ihre Hochzeit erfreut, teilten sie sich gewöhnlich um das erhaltene Heiratsgut, dann schieden sie in Frieden und Einigkeit von einander und jeder ging danach seines eigenen Weges.
Darüber kursierten in Kiev verschiedene höchst pikante Anekdoten.
Die „Hunde“ suchten ihre früheren Hütten auf, die Sittenlosigkeit und Liederlichkeit wurde jedoch nicht mehr aus eigenem freien Willen ausgeübt, sondern im Einverständnis und mit Bewilligung des ehelichen Gemahles.
Es sind Fälle vorgekommen, daß der Soldat sofort nach der Trauung, noch vor dem Hochzeitsmahle, seine junge Frau dem Brautführer verkaufte.
Als Brautführer figurierten nicht selten „hochgeborene Herren“ und zwar aus dem Grunde, um von der Fürstin „gesehen“ zu werden.
Man konnte eigentlich dem in dieser Art und Weise verheirateten Soldaten es nicht übel nehmen, daß er seiner angetrauten Gattin los und ledig zu werden trachtete.
Was sollte dem Soldaten eine Frau, welche zu arbeiten nicht verstand und zu hungern nicht gewohnt war?
Gewöhnlich heiratete der Soldat eine „Magdalenerin“ geradezu auf Befehl seiner Vorgesetzten, namentlich dann, wenn es der Frau Fürstin beliebte, wieder einmal eine „Magdalenen-Hochzeit“ in Szene zu setzen; der dazu bestimmte Soldat unterwarf sich ohne Murren, stillschweigend und in sein Schicksal ergeben diesem Wunsche.
Man konnte es deshalb nicht dem Soldaten verargen, wenn er sich sofort von einem Weibe lossagte, welches gewohnt war auf den Knien eines reichen Offiziers sitzend, „Butterbrot zu essen und süßen Wein zu trinken“, diese aber wählte wiederum einen Weg, welcher ihr am besten gefiel, ein Leben, welches sie früher schon führte und wo sie am leichtesten und raschesten jene Summe Geldes verdienen konnte, welche sie vertragsmäßig ihrem Manne zu entrichten hatte dafür, daß er ihr die Bewilligung gab, so und dort zu leben, wo sie wollte.
Das waren die Resultate der Sittenverbesserungs-Spielerei; schließlich fand man auch dieses langweilig und abgeschmackt und bekümmerte sich nicht weiter um dieselbe.
Etwas länger dauerte die Proselytenmacherei behufs Bekehrung der Juden zum Christentum, obzwar auch hier verschiedene Seltsamkeiten unterliefen.
Den Eifer der Fürstin nutzte am meisten der Auswurf der jüdischen Gesellschaft aus, charakterlose, böse und bösartige, nach jeder Richtung hin verdorbene, verderbte Leute, Diebe und ähnliches Gesindel, welches sich taufen ließ, um manche Missetat, von ihnen angestellt, dadurch zu decken und in Vergessenheit zu bringen.
Leute, welche unter ihren eigenen Stammesgenossen keinen Schutz mehr fanden, waren so demoralisiert, daß sie eine Religion wechselten, wie man einen Rock zu wechseln pflegt.
Zu diesen Leuten gehörte auch der von dem Introligator angeworbene Ersatzmann, der sich ebenfalls die von anderen angewendete Praxis zu eigen machte, die Fürstin dadurch auszubeuten, daß er sich zur Taufe meldete; einmal getauft, konnte ihm Niemand mehr etwas anhaben, selbst dann nicht, wenn er früher schon — als Jude — in irgendeiner Weise das Gesetz überschritten und verletzt hätte.
Diese Ansicht hatte ihre volle Berechtigung.
Man war zu jener Zeit allgemein (und nicht allein unter den Juden, sondern unter den Rechtgläubigen und der „hohen“ Gesellschaft in Kiev) davon überzeugt, daß nicht das geschieht, was der Fürst befiehlt, sondern das, was die Fürstin wünscht.
[5] Besitzer von Mietswagen.
[6] Lapserdack ist ein kurzer Rock mit einer genau bestimmten Anzahl von Bändchen und Fransen benäht. Die Talmudisten tragen diese „jüdische Montur“ unter dem oberen langen Rock.