Sechzehntes Kapitel.

Was wird er tun?

Ehe ich jedoch in meiner Erzählung fortfahre, in welcher Art er die Angelegenheit des Introligators zu Ende führte und ein gerechtes Urteil fällte in einem Falle, welcher gesetzmäßig dem weltlichen Richter und nicht dem geistlichen vorbehalten war, will ich noch eines Falles erwähnen, der in Kiev vorfiel und in welchem der Mitropolit einen besonderen Beweis seines Mitleidens und seiner Herzensgüte zur Äußerung brachte.

In der Familie des T. ereignete sich großes Unglück; die hochgebildete, hochherzige, sehr religiöse Dame K. F. endete durch Selbstmord, hinterließ aber derartige Anordnungen, daß man diesen Selbstmord nicht als die Folge einer Geistesverwirrung ansehen konnte; ebenso wenig lag irgend ein Grund vor, an eine Gehirnanomalie zu glauben.

Der Arzt gab sein Zeugnis dahin ab, daß eine krankhafte Änderung im Gehirn nicht vorgefunden worden ist, worauf die Polizei eine Beerdigung auf dem Kirchhofe nicht gestatten wollte.

Alles dieses hat die durch den unverhofften und unerklärlichen Selbstmord eines Familiengliedes in die tiefste Trauer versetzten Angehörigen der Toten tief niedergebeugt und trostlos gemacht, aber gegen die Anordnung der Polizei, weil im Gesetze begründet, konnte nichts gemacht werden.

Der Verwandte der Familie, Redakteur des „Kiever Telegraf“, Alfred Jung, eilte zum Mitropoliten und bat ihn zu gestatten, daß die Selbstmörderin in üblicher Weise durch die Geistlichkeit auf dem Kirchhofe in geweihter Erde beerdigt werde, ohne Rücksicht auf das ärztliche Zeugnis und Verbot der Polizei.

Der Mitropolit empfing den Bittsteller trotz vorgerückter Stunde sehr freundlich, dieser teilte ihm das Unglück und die Bitte der Familie mit, worauf sich der Mitropolit, mit dem Kopfe schüttelnd, seufzend dahin äußerte, daß er die Selbstmörderin persönlich sehr wohl kannte und sie bedauere.

„Die Arme; Arme ... ich kannte sie sehr wohl ... kannte sie, die Arme ...“

„Eminenz! man will nicht erlauben, sie nach kirchlichem Gebrauche in geweihter Erde beizusetzen ... für die Familie ist dieses schrecklich, fürchterlich!“

„Warum nicht begraben? ... Wer erlaubt sich dieses zu verbieten? ...“

„Die Polizei ...“

„Was geht das die Polizei an,“ unterbrach der Mitropolit den Redakteur Jung ... „Ei, ei! was die sich ausgedacht ...“

„Es ist deshalb, Eminenz, weil der Arzt gefunden, sie hätte den Selbstmord bei vollem Bewußtsein ausgeführt!“

„Was hat der Arzt für Schlüsse zu ziehen? ... was versteht der vom Verstande! ... Das kenne ich besser ... Frauenzimmer ... schwaches ... ohnmächtiges ... Gefäß ... — hinfällig ... ich befehle, daß sie nach kirchlichem Brauche in geweihter Erde beerdigt werde ... ja, ich befehle es ... befehle es ...“

Und wie er befahl, so geschah es!

Und etwas ähnliches konnte auch heute in Sache des Introligators vorfallen.

Nach einer Richtung hin war unser Fall dem eben erzählten ähnlich; der Mitropolit war heute noch derselbe wie damals, und heute konnte er eine Sache wiederum besser beurteilen, als wir übrigen; er konnte dort Gnade für Recht ergehen lassen, dort, wo man das Recht tatsächlich mit Füßen trat.

Gewiß wird er auch in unserem Falle sagen: ich kenne das besser ... und damit diesen Fall beendigen.

Obzwar ich vordem Zweifel hegte, ja eine Möglichkeit, daß dem Introligator sein Recht werde, völlig ausschloß, fing ich nun an zu hoffen und erwartete, daß sich etwas ungewöhnliches, unvorhergesehenes, unerwartetes ereignen werde, besonders jetzt, seitdem Fürst Vasilčikov die ganze Sache zur Urteilsschöpfung einem Richter überließ, der am besten und klarsten das Recht vom Unrecht zu unterscheiden verstand.

Damals hatte ich noch nicht die Schriften des heiligen Augustinus[7] gelesen, auch waren mir die geistreichen Ansichten Laurent Sterns[8] noch nicht bekannt, aber mein einfacher Sinn setzte voraus, der Mitropolit könne es gar nicht zulassen, daß ein Mensch in den Schoß der allein seligmachenden Kirche aufgenommen werde, welcher nach der Ansicht Sterns dieser Kirche einen Besuch im Schlafrocke abstatte.

Welche Vorteile für die Kirche aus solchen Proselyten erwachsen, ist mir unbegreiflich; diese Leute bringen dem wahren Christentum mehr Schaden als Nutzen, denn sie vermehren die Zahl jener Personen ohne Glauben, ohne Ehre, ohne Überzeugung, welche nur den Namen Gottes lästern.

„Nein,“ sagte ich zu mir selbst, „nein! der Mitropolit wird gewiß das richtige Urteil fällen.“

Und ich irrte mich nicht!

Ich kehre nun zu meiner eigentlichen Erzählung zurück, um sie zu beendigen.

Ich unterbrach dieselbe in jenem Augenblicke als Drukart mit dem Juden zum Mitropoliten fuhr.


[7] „De fide et operibus“ und „De catechisandis rudibus“.

[8] Bekannter englischer Humorist, Pastor der Kirche in Sutton, bekannt durch seinen satyrischen Scharfsinn und sanftes Gefühl. Derselbe sagt: „Umsonst glauben jene gute Christen zu sein, welche nicht dafür Sorge tragen auch gute Menschen zu sein! — Sich zu Christus bekennen, und gegen seinen Nächsten böse Absichten tragen, ist ungehöriger und unverzeihlicher, als einen Besuch im Schlafrock zu machen.“