V.
Hatte seinerzeit der jähe Tod des Grafen von Hohen-Esp in der Residenz viel Staub aufgewirbelt, so nahm seine Witwe das lebhafte Interesse der Gesellschaft beinahe noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst, welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen Tragik prophezeit hatten. Was wird aus der unglücklichen Frau? Was wird aus dem armen Kinde?
Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine Überraschung.
Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte die Gräfin ihre zerrütteten Vermögensverhältnisse arrangiert und dabei eine Energie und Umsicht bewiesen, welche die Welt in Staunen setzte.
Obwohl es ihr möglich gewesen wäre, das so bedeutend bequemer gelegene und hochherrschaftliche Walsleben für ihren Sohn zu erhalten, hatte sie seltsamerweise darauf verzichtet und statt dessen die alte Bärenhöhle Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet!
Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit, in dem unheimlichen, halbverfallenen Burggemäuer hausen, welches so fern von jedem Verkehr, so weit ab von der Residenz und all den guten Freunden liegt?
Die schöne Gräfin Gundula war stets sehr beliebt und gefeiert gewesen, es öffnete sich ihr sicher jeder Salon, selbst dann, wenn die beklagenswerte Witwe nichts erwidern kann, — sie wird auch fraglos Gelegenheit finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn unter ihren Verehrern befinden sich »Toggenburge«, welche jahrelang der schönen Frau die Treue bewahrt haben.
Was fesselt die Gräfin an jene wunderliche Bärenburg, von welcher schier unheimliche Beschreibungen in dem ganzen Lande umlaufen?
Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der Gräfin durchaus billigte.
»Hohen-Esp ist der älteste Besitz der Familie, von dem sie den Namen trägt und der einst für den Sohn das größte Interesse haben muß!« — sagte er, »und daß die Gräfin dieses kleine Gut dem größeren und bei weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt von ihrer Umsicht und ihrem praktischen Sinn. Es wird ihr in ihrer bedrängten Lage sehr viel leichter fallen, den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als wie sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe Gott, daß sie nach dieser tränenreichen Aussaat eine desto lohnendere Ernte hält! — Ich hoffe, daß die ›Bärin von Hohen-Esp‹ sich nicht dauernd in ihrer Höhle vergräbt, sondern bald einmal in die Residenz zurückkehrt, damit wir Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten Sympathien zu beweisen!«
Aber die Gräfin kam nicht.
Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, und man hätte in der schnellebigen Zeit gewiß die einsame Frau längst vergessen, wenn nicht gerade die »Toggenburge« ein besseres Gedächtnis gehabt und das Andenken der schönen Gundula treuer gepflegt hätten als wie ihre Mitmenschen.
Man hatte versucht, sich der Gräfin zu nähern, aber bald erzählte man sich staunend in der Residenz, daß Gräfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in ihrer verzauberten Burg empfange und jedwede Annäherung schroff zurückweise!
Wie interessant war das!
Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten Freund, welcher zu Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen?
O nein! — Man hatte geforscht und erfahren, daß die Gräfin außerordentlich viel Glück mit der Selbstbewirtschaftung der Ländereien habe.
Die Ernten seien großartig ausgefallen, der abgeholzte Forst sei neu angepflanzt, und die Gräfin beabsichtige sogar, in diesem Jahr schon größere bauliche Veränderungen vornehmen. Ställe und Scheunen seien in kläglichem Zustande gewesen, — dem solle zuerst abgeholfen werden.
»Die Gräfin selber bestimmt das?« hatte man kopfschüttelnd gefragt, und darauf ganz Unglaubliches zu hören bekommen!
Die schöne Witwe sei der beste, tatkräftigste Inspektor, den man sich denken könne, — kein Mensch werde die ehemalige sanfte, stille, resignierte Gräfin Hohen-Esp wiedererkennen. In den langwallenden Trauergewändern schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, Wald und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, jede Arbeit zu beaufsichtigen, jede Leistung selber zu loben oder zu tadeln.
Keine Männerhand könne die Zügel einer Regierung eiserner führen, als die schlanke, marmorweiße Rechte der seltsamen Burgfrau!
Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schöne Haupt, dessen Augen so streng und finster blicken, daß es dem Gesinde graust. Man sieht sie niemals lächeln; selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen spielt, verwandelt sich der düstere Ernst nur in eine schmerzliche Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche Erbitterung gegen Welt und Leben erfüllt sie, ein wahrer Menschenhaß vergiftet ihr Herz.
Der einzige Gast, welchen sie empfängt, ist der Pastor des nahen Dorfes, doch auch diesem ist es noch nicht geglückt, versöhnlich und erlösend auf den starren Bann zu wirken, welcher die schwergeprüfte Frau umfangen hält.
Die Bärenburg sei von jeher ein unheimliches altes Nest gewesen, in welchem die zottigen Ungeheuer wie die Gespenster hausen; seit die schwarze Gestalt der Gräfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die dämmerigen Gemächer schreite, da sei es vollends nicht mehr zu ertragen, und wenn die Fischerdirnen, welche sie als Mägde gedingt, nicht gar so gute Nerven hätten, so hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! —
Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem Traum, und wenn sonst niemand nach der fernen Burg im Walde und nach der Witwe des Grafen Friedrich Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Großstädter wob einen Märchenzauber um die »Bärin von Hohen-Esp«, von welchem es sich bei flackerndem Kaminfeuer ebenso gruselig erzählen ließ, wie von dem Dornröschen und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund.
Aber der Sohn? — Das Kind? — Bringt der kleine Guntram Krafft denn nicht lichtes, warmblütiges Leben in diesen Spuk? —
Darüber wußte man nicht viel.
Der Inspektor hatte erzählt, der junge Graf wüchse zu einem prächtigen, überaus kraftvollen und blühenden Knaben heran.
Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er mit seinem langen blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen umher!
So klein er noch sei, er müsse schon jetzt tüchtig an die Arbeit, — selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhände schaffen könnten, hielte ihn die Gräfin an.
Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er grabe im Garten, jäte Unkraut und begieße die Beete.
Winters über sitze er neben dem Spinnrad der Mutter und schnitze Holzlöffel und Quirle für die Küche.
Müßiggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern in der Burg Hohen-Esp. —
Seit seinem sechsten Jahre müsse er auch schon fleißig bei dem Herrn Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er schon gesetzt worden, aber dafür zeige er weniger Passion wie für das Segeln auf dem Meere.
Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen mit den Knaben aus dem nahen Fischerdorf spielen dürfe, sie hätten natürlich schon einen halben Seemann aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in ihrem Boot oft tollkühn auf die See hinaus, und als der Pastor der Gräfin einmal vorgestellt habe, wie gefährlich das doch für den einzigen Erben des alten Geschlechts sei, da habe die »Bärin« nur in ihrer herben, ernsten Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen, auf welchem der Wahlspruch der Hohen-Esp's gestanden:
»Christe Kyrie —
Zu Land und zu See —
Ein Schirmherr der Not!«
»Zu Land und See, Herr Pastor! Ein Mann, welcher sich vor dem Wasser fürchtet, kann keine Taten auf demselben tun! — Zwar gibt es jetzt keine Piraten mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche Küste schützen müßten, aber möglicherweise fordert man doch einst auch ihre Dienste zur See. — Machen Sie mir meinen Sohn nicht furchtsam! Je kühner und heldenhafter ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto ehrenvoller für ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor, — Sie wissen es doch am besten, daß die Haare auf unserm Haupt gezählt sind!« —
»Eine eigenartige, wackere Frau!« nickte der Herzog voll warmer Anerkennung, als man ihm erzählte, wie die Erziehung des jungen Grafen gehandhabt werde, und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: »Wer ist eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?«
»Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit allen Rechten und Pflichten betraut.«
»So wäre es doppelt notwendig, der Vereinsamten ein Zeichen unseres Interesses und guten Willens zu geben! Ich werde ihr für den Sohn eine Freistelle auf unserer Ritterakademie anbieten lassen!«
Das geschah, und man harrte voll großer Spannung der Antwort.
Diese ließ nicht lange auf sich warten.
Gundula stand just in der Wäschekammer und beaufsichtigte selber das Strecken und Legen der Linnen, als ihr das Schreiben des diensttuenden Kammerherrn, welches das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit übermittelte, gebracht wurde.
Befremdet sah die Gräfin darauf nieder.
»Herzogliche Angelegenheit!?«
Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz verschärfte sich.
Sie öffnete den Brief und las.
Schwere Atemzüge hoben ihre Brust, in ihrem Auge lag plötzlich ein Ausdruck wie bei der in das Damastmuster der Tafeltücher gewirkten Bärin, welche sich mit brüllendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen einen Feind zu schützen.
»Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht, wo einst sein Vater seine erste Weltweisheit eingesogen?«
»Wie liebenswürdig von dem Herzog! Wie gnädig und gut gemeint!« — sagte Tante Agathe, welche neben die Lesende getreten war und mit in das Schreiben blickte.
Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen.
»Ja, er meint es gut, der Herzog, — er weiß es ja nicht, was er mir mit dieser Gnade antut!«
»Nein, das ahnt er nicht!« — seufzte Agathe leise, »und was antwortest du?« —
Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur und stiegen die steinerne Wendeltreppe zu dem Zimmer der Gräfin empor.
»Solange meine Augen offen stehen und meine Hände Kraft haben, das Schicksal meines Kindes zu lenken, wird er nie die Welt kennenlernen!«
»Gundula! Hältst du es für möglich, einen jungen Mann im neunzehnten Jahrhundert noch zu erziehen wie einen Parsifal?«
Sie lächelte wunderlich vor sich hin, — der schwarze Schleier lag wie eine dunkle Wolke um ihr Haupt.
»Das halte ich nicht nur für möglich, sondern das will ich beweisen!« —
»Bedenke die Zukunft, das Glück deines Kindes!«
»Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die Vergangenheit seines Vaters.«
»Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!«
»So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib und Seele gesund erhalten!«
»Was soll aus Guntram Krafft werden?!«
»Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter Hohen-Esp, — ein Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt der Not! — Ein Mann, welcher zurückerwirbt, was der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm genommen!«
»Überlege es dir noch reiflich, ehe du das gnädige Anerbieten des Herzogs ablehnst!«
»Ich habe überlegt, — ich überlegte es in jener Stunde, da man Friedrich Karl, den ehemaligen Zögling jener Ritterakademie, als feigen Selbstmörder mit durchschossener Stirn zur Ruhe legte!«
Fräulein von Wahnfried kannte den Klang in der Stimme der Gräfin, sie kannte auch ihre grenzenlose Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht nach den Leichtsinn Friedrich Karls gefördert!
Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen Welt!
Dagegen war nicht mehr anzukämpfen, man konnte nur hoffen, daß die lindernde Zeit die Wunden heilen, und Gundula vernünftiger über manche Notwendigkeit denken würde!
Aber Tante Agathe hoffte kaum noch — die Zeit hatte sich während all der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, und Guntram Krafft wuchs in der Einsamkeit als ein moderner Parsival auf!
Die alte Dame kehrte seufzend in die Wäschekammer zurück, während ihre Nichte sich an den Schreibtisch setzte und mit festen, großen Schriftzügen ihre Antwort an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb. Sie dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise für das so überaus huldvolle und gnädige Anerbieten des hohen Herrn, welches sie jedoch voll dankbarster Erkenntlichkeit ablehnen müsse, da sie nicht imstande sei, sich schon jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei das einzige Glück, welches ihr das grausame Schicksal gelassen; dasselbe noch so lange wie möglich ihr eigen zu nennen, sei der letzte Wunsch, den sie noch an das Leben habe.
Die Erziehung des Knaben zu leiten, für seine wissenschaftliche Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes gnädiger Hilfe auch in Hohen-Esp gelingen; sie hoffe zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen vollwertigen, braven und tugendhaften Mann zu machen.
Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen Eigenwilligkeit etwas Rührendes, »man hört aus jeder Zeile das leidenschaftliche Herz einer unglücklichen Mutter schlagen!« — sagte der Herzog, und er nahm die Weigerung der Gräfin nicht ungnädig auf, sondern erhielt dem wunderlichen Bärennest im Walde sein vollstes Interesse.
Und abermals verging die Zeit.
Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den Pastor eine vortreffliche Erziehung, wenngleich seine praktischen Fähigkeiten nicht darüber vernachlässigt wurden.
»Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an Schulweisheit gebraucht!« sagte die Gräfin, »vor allen Dingen aber soll er ein tüchtiger Landwirt werden, welcher auf eigenen Füßen steht und seine Scholle selber bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig im Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste nimmt er niemals ein, aber der praktischen Kenntnisse bedarf es vor allen Dingen, denn er soll das Werk, welches ich begonnen, zu Ende führen und den verlorenen Besitz seiner Väter zurückerwerben!«
Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische Frau wenig Arbeit übriglassen.
In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, Hohen-Esp zu einem hochkultivierten Gut emporzubringen; vortreffliche Ernten hatten sie Jahr um Jahr unterstützt, Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden und hatte überraschenden Ertrag geliefert, ebenso hatte sich eine Milchwirtschaft aufs beste rentiert, und Herr Werner sah seine stolze, besondere Genugtuung darin, der verlassenen Frau mit größtem Eifer und all seinen Fähigkeiten zu dienen.
Von Jahr zu Jahr konnte die Gräfin von dem angrenzenden Besitz Gottern Areal zurückkaufen, was ihr um so leichter ward, als der Besitzer der Herrschaft selber in recht mißliche Lage gekommen und froh war, das Land wieder in Kapital verwandeln zu können.
So kam der Tag, an welchem die überraschende Nachricht die Runde durch die Residenz machte, daß es der Bärin von Hohen-Esp in ganz unglaublicher Weise gelungen sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp zurückzukaufen, daß es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft, ihren Fleiß und äußerste Sparsamkeit gelungen sei, ihren Sohn schon jetzt wieder zu einem sehr wohlhabenden Mann zu machen.
Die alte Tante Agathe sei schon längere Zeit krank und liege nunmehr im Sterben.
Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch genug, um es der Gräfin vorläufig sehr leicht zu machen, auch mit dem nunmehr so bedeutend vergrößerten Besitz erfolgreich und dauernd zu wirtschaften.
Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben, und Graf Guntram Krafft, welcher nunmehr neunzehn Jahre zähle und seiner Militärpflicht genügen müsse, werde wohl zum erstenmal allein in die große, unbekannte Welt hinaustreten!
Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des schier sagenhaft gewordenen jungen Mannes, bis die enttäuschende Nachricht kam, daß der Graf wegen eines ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, — man sagte, daß ihm bei einer stürmischen Seefahrt im Boot, beim Überholen einer Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fuß geschlagen — vom Militär freigekommen sei.
Es sei ein Jammer darum!
Der junge Mann verkörperte das Urbild aller blühenden Kraft und Lebensfrische, er sei in der Tat ein wahrer »Bär« von Hohen-Esp, so groß, so stark, so reckenhaft schön und ritterlich, — ihm selber habe die Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er habe sofort gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er so gut Bescheid mit dem Seefahren wisse, — aber die Gräfin habe voll leidenschaftlicher Energie alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen.
Da sie die Bestimmungen für sich gehabt habe, und Graf Guntram Krafft ein durchaus gehorsamer Sohn sei, so sei leider nichts zu machen gewesen.
Die »Bärin« habe ihr Junges in die Höhle zurückgeschleppt. —
Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, die interessanten Einwohner von Hohen-Esp jemals von Angesicht zu schauen, und weil die Mütter und Töchter sehr enttäuscht waren, so ärgerten sie sich darüber.
Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den kürzer werdenden Tagen aus ihrem »Sommerschlaf« erwachten und so zahlreich plötzlich aufwirbelten, wie draußen das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte, boten den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflänzchen dieser Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft recht phantastischen Blüten aufschoß.
In einer der vornehmen Villenstraßen lag das reizende Rokokoschlößchen »Monrepos«, in welchem der Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments, Freiherr von Sprendlingen, Wohnung genommen.
Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein großes Haus zu machen, eine Passion, welcher sie ohne Bedenken huldigen konnte, da die Vermögensverhältnisse des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur ein einziges Töchterchen besaß, für welches man zu sorgen hatte.
Der Freiherr verwöhnte seine bezaubernde Frau in nur denkbarer Weise, Frau von Sprendlingen verzog und verhätschelte ihr Töchterchen dementsprechend, und so herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen, welches keinen, auch den größten Wunsch, nicht unerfüllt läßt.
In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne verschleierte Lampen, da die Herrschaften zum Diner gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir des fünfzehnjährigen Töchterchens aber strahlte die Gaskrone festlich und hell, denn dort saßen die Backfischchen, welche zu Fräulein von Sprendlingen eingeladen waren, bei heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel Kaffee und noch mehr Süßigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte man sich für junge Herren noch mehr wie für junge Damen, und da man schon mancherlei über den Hohen-Esper gehört und sich ebenfalls über den »Strich durch die Rechnung« ärgerte, so begannen sie über den doch allzu gutmütigen Zottelbär, welcher derart unselbständig an den Rock der Mutter hänge, zu glossieren.
»Ein forscher, echter Mann hätte bei dieser Gelegenheit doch wohl etwas mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen und das Gängelband abgestreift!« spottete Gabriele, die Tochter des Hauses, und ließ ihre Stickerei sinken, — »anstatt artig hinter die Schürze der Mama zu kriechen und sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormünderin befiehlt! Ob er zwei Zehen mehr oder weniger hat, geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein recht erbärmlicher Vorwand von der Gräfin, ein Zufall, welchen sie sich zunutze macht, um das Bübchen unter den Fingern zu behalten!«
»Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz und Selbstbewußtsein hätte, würde er sich das nicht habe bieten lassen!«
»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben kann!« — rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches die Residenz aufweisen konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen Umständen erzwungen haben!«
»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre Freundin Trautchen gutmütig den hellblonden Kopf, »denk doch, er wagt sich bei Sturm und Wetter auf die See hinaus!«
Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende kleine Nase: »Die See schießt nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heißen, sich auf die See zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit fährt denn der Herr Graf? — Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und Bootfahrt an der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den Mut eines Mannes!« —
»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken — —«
»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes Lämmchen, was hat denn das Wasser für eine Gefahr, wenn es nicht tief ist?« — und die Sprecherin schüttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der Stirn und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein Mann, der nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland kämpft, kann mir niemals imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! — Er sollte nur einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich über ihn denke!«
Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen, blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, und sie wiederholte nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich würde es ihm zeigen!« —
»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen schüchtern ein, und das Mitleid glänzte in ihrem Blick.
»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele ungestüm auf und kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre heraus. »Wie soll denn so ein verwöhnter Mamajunge anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Männer zu Heldentaten begeisterten und anspornten? — Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute Soldatentochter und ein famoses deutsches Mädel, welches genau weiß, was es Fürst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden zum Gatten, und mehrere Helden als Söhne!«
»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige kleine Gräfin Sevarille und verzog dabei das Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge klingen in der Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis kommt die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmähte Waschbär hier auftauchte, als schöner Mann und reicher Erbe, und er machte dir eine Liebeserklärung, Gabriele, du pustetest auf alle Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers großer Armee und heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!«
Heiße Röte stieg in das Gesichtchen der Genannten, die Nixenaugen schillerten wie die See, ehe sie in hohen, verderbenden Wogen aufbraust.
»Das würde ich tun, sagst du?« — stieß sie atemlos hervor, »das ist eine perfide Behauptung, Thekla, und ich wünsche nun wahrlich nichts sehnlicher, als daß der Hohen-Esper mir einen Antrag machen würde!« —
»Haha! Hört ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!«
Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf den Tisch und sprang auf.
»Laß mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!« trotzte sie in der vollen Heftigkeit, welche ihrem Charakter eigen war, »ich wünsche mir einen Heiratsantrag von ihm, lediglich um dir zu beweisen, daß ich keine leeren Phrasen geredet, sondern Wort halten würde, so wahr ich Gabriele von Sprendlingen bin! Und wäre er schön wie ein Gott und reich wie Krösus, wenn er nichts für Fürst und Vaterland leistet, wenn er kein Held ist und Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und mit dem Kreuz der Ehre lohnt, — ich würde nie sein Weib! Nie! — Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« —
»Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!« — entsetzte sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser zu einem tiefen Kerbschnitt an und sagte mit einem wunderlich scharfen Lächeln —: »Gut, wir haben deinen Schwur gehört und werden nicht verfehlen, dich zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den Ausspruch des Dichters: ›Ach, Worte sind ein leerer Schall —‹ denn sie verfliegen und werden so schnell vergessen, wie man sie hört! Mündlich ist schon mancher Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden! Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den Lippen, aber schriftlich? Haha! Schriftlich verzichtest du nicht auf den Grafen von Hohen-Esp!«
Gabriele griff mit nervös bebender Hand nach den Zetteln und Bleistiften, welche, für ein Schreibspiel zurechtgelegt, bereits auf einer Marmorschale seitwärts des Tisches standen.
»Und warum nicht?« spottete sie mit gefurchter Stirn: »Wenn dir ein geschriebenes Wort sicherer ist wie ein gesprochenes, sollst du es gern haben!« —
Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne Überlegen mit festen, schwungvollen Schriftzügen auf einen der Zettel nieder:
»Da meine Freundin Thekla meine Ansicht über den Grafen von Hohen-Esp schriftlich wünscht, so erkläre ich hiermit noch einmal, daß ich denselben nie und nimmermehr heiraten werde, weil er kein Held ist und mir nicht imponiert!«
— Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, — die andern jungen Mädchen belohnten diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie lächelte und nickte Gabriele zu: »Du hast doch mehr Charakter, als wie ich glaubte!« sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und übellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig aus. —