XXVIII.

Gräfin Gundula hatte recht behalten.

Der Sturm flaute über Nacht und gegen Morgen mehr und mehr ab und wehte schließlich nur noch als kräftig frische Brise von der See herüber, dieweil die klare leuchtende Frühlingssonne an dem Himmel stand und die blühende Welt in goldenem Licht badete. Alle Wolken, alle Dunst- und Nebelschleier hatte der Sturmwind hinweggefegt, und nun wölbte sich das Firmament so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und endlos und wogte unter Tausenden von schneeigen Schaumkämmen so majestätisch, wie Gabriele seinen Anblick selbst im Traume nicht in gleicher Schöne geschaut!

Und weil Guntram Krafft jüngst einmal gesagt, daß die Farbe des Himmels und der See diejenige sei, welche er am meisten liebe, so hatte Gabriele zum erstenmal ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem ihre Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen.

Sie errötet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lächelt ihm doch voll süßer, inniger Träumerei zu und atmet so tief und blickt mit so großen, glänzenden Augen umher, als schaue sie die sonnige Gotteswelt zum erstenmal, als sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verändert seit der gestrigen Nacht. —

Guntram Krafft war mit den fremden Männern schon zu früher Stunde nach dem Strand hinabgegangen, um zu näherer Besichtigung des Wracks mit ihnen hinauszufahren; wie die Gräfin mit feinem Lächeln sagte: »So strahlend glücklich, wie noch nie zuvor im Leben!« —

Und dann, als sie verstohlen die entzückende Erscheinung des jungen Mädchens mit dem Blick umfaßt, legt sie lächelnd die Hand auf die fleißigen Fingerchen, welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen wollen, und sagt: »Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in Ordnung gebracht, ich habe egoistischere Wünsche für Sie, liebe Gabriele! — Ist es ein Wunder, wenn nach all der Angst und Sorge des gestrigen Abends mein Herz heute desto glückseliger in den hellen Sonnenschein hineinlacht? Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste Gabriele? Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem Schreibtisch Ordnung zu schaffen habe, singen Sie mir etwas vor! Und dann gehen Sie in den Garten und holen ganz besonders schöne Blumen zum Schmuck der Tafel! Der Kapitän und Pastor sind heute unsere Gäste, da kann der alte Jürgen Haas sein Gewächshaus aufschließen und uns einen Strauß seiner gehegten und gepflegten Lieblinge opfern, hören Sie, Gabriele? Holen Sie aus dem Gewächshaus heraus, was Ihnen hold und schön deucht! So; und nun? Bekomme ich ein Lied?«

Gabrieles Augen leuchteten auf.

»O, gern, wenn Frau Gräfin fürlieb nehmen wollen ... ich sang lange nicht!« —

»Und ich hörte gar lange, lange Zeit keinen Ton Musik in diesen Räumen!« nickte Gundula voll leiser Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich stille Lächeln über ihr Antlitz, und sie fügte kaum verständlich hinzu: »Nun bricht aber eine neue Zeit für die Bärenburg an, und das Alte soll vergessen sein!« —

Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das geöffnete Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im Schoß, und ihre Augen blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flügel, auf welchem Gabriele zögernd ein Notenheft aufstellte.

Was wird sie singen?

Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche Menschenkennerin, und was Gabriele im tiefsten Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das mußte jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen.

»Soll ich die Arie aus dem ›Fliegenden Holländer‹ probieren?« fragte sie zögernd, mit jähem Erröten; »ich studierte sie vor Jahren bei meiner Lehrerin, sang sie aber nicht oft.«

»Und warum nicht?« —

»Sie war mir damals so unverständlich, — ich kannte weder See noch Sturm ...«

»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf diese Arie!«

Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller, erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Töne zitterte in dem leidenschaftlichen Empfinden: »— betet zum Himmel! —«

Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glänzender ward ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ...

Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen die Noten —

»Der Lenz ist da!« von Hildach.

Welch ein Jauchzen und Jubeln — welch ein Frohlocken dem Lenz entgegen! Und die Glocken läuteten so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so ganz absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken!

Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, — und über die Lippen des jungen Mädchens flutet es weiter wie ein alles vergessendes, glückseliges Geständnis.

»Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen mein Herz so verwegen!«

Und dann ward es still.

Als aber die Gräfin mit bebender Hand den Türvorhang zurückschiebt und leise in das Zimmer schaut, da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die Hände gedrückt und verharrt wie im Traum. — — —


Der alte Jürgen Haas hat seine blühenden Lieblinge im Gewächshaus stets mit Argusaugen gehütet; wie er aber in das wunderholde Antlitz des Fräulein von Sprendlingen schaut, welche ihn lächelnd um einen Strauß bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, und er nickt mit beinahe zärtlichem Blick —: »So veel, als Jug dat leev is!« — und er schließt das geräumige Glashaus auf und sieht es ohne jedwedes Herzeleid, wie die kleinen weißen Hände nach seinen schönsten Blüten greifen.

Plötzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus in die Ecke des Treibhauses, woselbst die Oleander und großen Laurostinosbäume nebst etlichen Palmen aufgebaut sind.

»Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jürgen Haas?« fragt sie, und alles Blut steigt ihr in das ehedem so rosig zarte Gesichtchen.

»Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torück bleeven von uns' Herrn Grafen sin Konfirmaschon! — Die Blätters sin ganz ampart un' nüdlich, äwerst Blaumens dreiht he nich!«

Gabriele war hastig herzugeschritten.

»Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, lieber Haas? — Und haben Sie ein wenig Bast zur Hand, daß ich ihn gleich winden kann?«

Der Alte murmelte: »Allens, wat Se wollen!« kramte aus den grundlosen Tiefen seiner Jacke einen Flausch Bast, und derweil sich Gabriele auf eine leere Blumentreppe setzte und die graziösen Zweige mit bebenden Händen zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den weißen Kopf und sprach in seiner kurzen, schlichten Weise von der vergangenen Sturmnacht, wo der liebe Herr Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient habe. —

Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und schüttelte die Blätter von ihrem Kleid. Zwei kleine Kränze hatte sie gewunden, die hing sie an ihren Arm, faßte den großen Strauß der blühenden Blumen zusammen und sagte dem beglückten Alten freundliche und herzliche Dankesworte, — dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren durch die warme, lenzesduftige Luft nach der Burg zurück.

Über ihr jubelten die Vögel im blühenden Gezweig, und in ihrem Herzen klangen die Frühlingsglocken noch immer wie ein holdes, traumhaftes Echo!

In der Speisehalle ordnete sie still und geschäftig die Blumen in Schalen und Vasen auf der Tafel, dann stand sie einen Augenblick und schlang zögernd die kleinen Hände ineinander.

Alles war still im Hause.

Die Gräfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, Anton hantierte an den Büfetts, und die Herren weilten noch am Strande.

Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Gräfin.

Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten Bären zu ihrer Seite — da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob das grimmige Gesicht ihr plötzlich entgegenlache.

Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große Brustbild Guntram Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Südwester auf dem lockigen Haar.

Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das edle, kühne, wunderschöne Männergesicht, welches ihr mit den großen Blauaugen so ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild des heldenhaften Mannes.

Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen ihre Wangen und ihr Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch ihre Adern, ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu und allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild an die Lippen, es wie in einem süßen Wonnerausch zu küssen.

»Gabriele!«

Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, in namenloser Erregung, klingt es neben ihr.

Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Haupt vorgeneigt, als könne er das Wunder, welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen.

»Gabriele!!« — —

Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst so holderglühtes Antlitz, — das Bild sinkt aus ihren zitternden Händen auf die Schreibtischplatte nieder.

Sie will, — halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung — und schon steht er neben ihr, faßt sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drückt sie an sein Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft seine Beute nimmt! —

Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher sie ehemals mit zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkühner Mann, welcher sich seiner Heldenkraft bewußt geworden ist!

»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer geschmückt und es geküßt, Gabriele, — damit hast du jenes Todesurteil zerrissen, welches du mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stießest, würde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hände begehrend nach dir auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen Wagemuts um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! — Gabriele, hast du's gehört? Mein bist du, mein!«

Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches mit den großen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flüstert — —: »O, du Herrlichster!« — —

Wie ist es urplötzlich so warm — so duftig — so sonnenhell in dem sonst so kühlen und düsteren Gemach der Frau Gundula geworden!

Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hält sein Lieb im Arm und bedeckt ihr lächelndes, überseliges Antlitz mit heißen, unersättlichen Küssen!

Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, durch die geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende Meer mit donnerndem Jubelruf.

Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht geglänzt, als sie ihre Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrückt, und während das Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist Frau Gundula vor ihrem Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint.

Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwüle und alles Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller Traum versunken ist. —

Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der Gegenwart sein herbes Düster, und was für die einsame, schwergeprüfte Frau blieb, das war das stolze Bewußtsein, täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht und vollendet. — Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte Bärenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen seine Braut zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemächer, und die steinernen Bären schüttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, ein neues Glück hatte seinen Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange gespenstisch um Turm und Söller geweht.

Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert, und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme nach der blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! —

»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Größe und Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie voll weicher Innigkeit zu Guntram Krafft empor, — »und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz — tatsächlich im Sturm! — Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und Schäumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes — um dich! — gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich vor, — daß ich solche Allgewalt und Götterherrlichkeit jemals eintönig und langweilig nennen konnte! — O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schönheit sehe ich jetzt!«

Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glühen heiß auf diesen blinden Nixenaugen.

»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen, fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und Wellgunde sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem Begreifen und Verstehen!«

Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, Jöschen und Mike stürmen Hand in Hand über den wehenden Sand, und der junge Ehemann schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden Zähne im Sonnenschein blinken.

Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch ist so ehrlich, so überströmend herzlich und aufrichtig, daß Guntram Krafft den wackeren Burschen in die Arme schließt und ihn beinahe übermütig schüttelt.

»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drömen laten, wat?« —

Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hält Gabriele bei beiden Händen und flüstert ganz schämig: »Dat hevven wi längst mierkt, dat dor wat im Spöle was!« — Und sie gehen noch ein Stückchen plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie ja einen Topf auf dem Feuer hat — »grad so weggestürzt sei sie bei der Nachricht!!« — und sie schütteln abermals die Hände und hasten davon durch Disteln und Riedgras.

Wie still ist's wieder, wie still! —

Eine Möwe flattert mit leisem Schrei über der Brandung, ihre Schwingen blitzen im Sonnenlicht grell auf wie silberne Schwertklingen — langsam sinkt sie der blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende Gefieder im perlenden Schaum.

Voll träumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick.

»Wie hätte ich mir jemals zuvor träumen lassen, daß gerade die See, um deren Gunst ich nie geworben, mir so verschwenderisch alles Glück schenken würde! Jetzt, in ihrer lichten, majestätischen Pracht, hat sie alle Schrecken verloren, welche in der vergangenen Nacht mein Herz erzittern ließen, und doch werde ich sie stets in ihrem tobenden Zorn am liebsten haben, weil gerade Sturm und wilde Flut es waren, welche mir dein heldenhaftes, unvergeßlich schönes Bild geboren!« —

Wieder umfaßt sie voll bebenden Entzückens seine Hand und schaut empor zu ihm mit demselben Blick heiß bewundernder Liebe, welcher sein Herz in unbegreiflichem Entzücken stillstehen ließ, — gestern in dunkler Nacht, als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt.

Er schüttelt langsam, schwer atmend den Kopf. »Schon einmal hast du mich einen Helden genannt, Gabriele, und hast mein Bild mit Lorbeer geschmückt, und doch leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie seit langen Jahren! Nur das verdiente Glück ist mir geworden, daß du mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, daß du mir durch deine Anerkennung den Mut gabst, die Hände voll liebeheißen Verlangens nach dir auszustrecken ...«

»Das hättest du sonst nicht getan?«

»O, nie und nimmermehr, — und hätte ich sterben müssen an den Qualen, welche mein Herz zerrissen!«

Beinahe demütig blickt sie empor. »So sehr zürntest du mir, weil ich in der Residenz deine Neigung so kühl und schroff abwies? Weil ich dein Meer nicht liebenswert fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit offenen Armen entgegenkam?« —

Ein schnelles, beinahe heiteres Lächeln zuckte um seine Lippen, Gabriele aber fuhr mit weicher Stimme, halb ernst, halb scherzend fort: »Glaubst du, Liebster, ich hätte es nicht empfunden, wie sehr verändert du mir in Hohen-Esp begegnetest? — Anfänglich war ich nicht böse darüber, im Gegenteil, es berührte mich sympathisch, weil mein Herz noch so weit ab von dem rechten Wege irrte und viel zu sehr von seinem törichten Wahn befangen war, um allsogleich seine Heimat zu finden! — Aber später, wie es immer wärmer und lichter in mir ward, wie dein Wesen mir immer unbegreiflicher schien, da habe ich oft darüber nachgedacht, warum du mir so sehr zürntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich eine so schwere Schuld, wenn ein Mädchen nur dem Mann angehören will, welchen es liebt?« —

Er lächelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll.

»Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine größere Tugend vermag es zu geben, als diesen Stolz, welcher sich nur einem Helden zum Preise setzt!«

»Und doch verargtest du ihn mir?« —

»O, wahrlich nicht! — Meine ganze Seele — all mein Sein und Wesen gehörten dir, Gabriele, und habe ich dich je geliebt, so war es in diesen bittersüßen Tagen, wo ich gegen diese Liebe kämpfen mußte, wie gegen eine Unmöglichkeit!«

»Du wolltest mir nicht gut sein?« —

»Ich durfte es nicht!«

»O, wunderlicher Mann — und wer verbot es dir?« —

Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche von der Brust, öffnete sie und entnahm ihr einen kleinen, zerknitterten Zettel, dessen verwischte Bleistiftlinien kaum noch zu entziffern waren.

»Du selber, mein grausamer Schatz!« sagte er leise, und es war, als durchriesele ihn noch einmal wie ein banger Nachhall all das Weh, welches ihn so oft beim Anblick dieses kleinen Papierstreifens gequält. Federleicht war er und hatte doch schwer wie eine unerträgliche Zentnerlast auf seiner Brust geruht.

Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte auf seine Finger, welche den Zettel entfalteten.

»Das sieht ja aus wie meine Schrift!« sagte sie überrascht.

»O, wie hätte ich ehemals so gern mein Leben gegeben, wenn sie es nicht gewesen wäre!«

Nicht ohne Mühe buchstabierte Gabriele die einzelnen Worte heraus.

Voll äußersten Befremdens blickte sie empor.

»Ja, dieses Bekenntnis einer schönen Seele habe ich geschrieben,« — nickte sie sinnend, — »vor langen Jahren schon — kaum weiß ich noch, wie und bei welchen Vorkommnis ...«

»Vor langen Jahren?« —

»Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der Weihnachtszeit war es, als wir Backfischchen eines Abends zusammensaßen und heimlich die Überraschungen für den Christtisch häkelten und stickten. — Die ganze Residenz sprach damals von dir — selbstredend behandelten auch wir dieses interessante Thema!« —

»Von mir?... als Backfische?« wiederholte Guntram Krafft mit fragendem Blick.

»Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen bei Papas Regiment, wo du deiner Militärpflicht genügen solltest, aber statt deiner kam die Kunde, daß du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen seist und nicht dienen wolltest!«

»Damals? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?«

»Gewiß! In allerübelster Laune sogar! Du kennst ja meine Ansichten über Tapferkeit und Heldentum! Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den Schneid hatte, Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, — der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille verspottete mich um dieser heiligen Entrüstung willen — o ja! Nun entsinne ich mich plötzlich wieder ganz genau! — Sie behauptete, ›der geschmähte Hohen-Esp brauche nur auf der Bildfläche zu erscheinen, um all meine stolzen Grundsätze wie die Kartenhäuser über den Haufen zu blasen!‹ Das reizte mich zu noch lebhafterem Widerspruch. ›Gibst du es vielleicht schriftlich?‹ spottete Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon für ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb im Übermut diese geharnischte Kriegserklärung gegen den Bär von Hohen-Esp, welcher damals in meinen Augen nichts weniger war wie ein Held! — Hier siehst du auf der Rückseite des Zettels, welcher zuvor ein Briefbogen gewesen, — noch das vorgedruckte Datum — S ..., Villa Monrepos ... und hier von mir vollendet: den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben und noch deutlich zu erkennen!« —

Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, neigte sich und starrte die Zahlen an wie ein Träumender; dann strich er langsam mit der Hand über die Stirn und murmelte beinahe atemlos —: »Dieses Datum hatte ich nicht bemerkt ... wie war das möglich ... es muß mir in all der Aufregung, mit welcher ich je und je diese Zeilen gelesen, entgangen sein! — Ich war ja arglos wie ein Kind ...«

Gabriele blickte plötzlich ernst und forschend in sein tief erbleichtes Antlitz empor.

»Ich entsinne mich genau, daß ich ehemals diesen Zettel schrieb; wo derselbe aber an jenem Abend geblieben ist, weiß ich nicht. Geradezu unbegreiflich und unfaßlich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach all den langen Jahren in deine Hände gelangen konnte! — Sag' es mir, Guntram Krafft, ich bitte dich darum!«

Heiße Glut stieg plötzlich in seine erst so farblosen Wangen, er knäulte den Zettel voll leidenschaftlichen Zornes in der Hand zusammen.

»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnöden Verrat gegenüber das gelobte Schweigen zu wahren, — aber ich will nicht ebenso verächtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich gegeben!«

Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und sagte: »Ich habe Diskretion zugesagt, — und ich bitte dich, sie halten zu dürfen, Herzlieb! Ich habe die große Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft voll geheimer Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu deinem Herzen nur durch sie führte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien, daß sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures, heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich Tor so unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, Gabriele, daß du reine Perle nicht in den Staub der Großstadt, sondern hierher in deine sturmumbrauste Heimat gehörst!« —

— Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. — »Nein — sag' nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen getrieben und dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe in sich selber trägt. — So groß aber — ganz so groß, wie du wähnst, war ihr Vergehen jedoch nicht!«

Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: »Hätte mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine Backfischansicht befragt, ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal niedergeschrieben haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwächling für mich, welcher er gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! — Erst hier in Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm getan! Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann seinen großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat für alle Ewigkeit!« —

Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlöckchen von den Wangen zurück, auf welchen heiß und ungestüm seine Küsse brannten.

»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« — lächelte sie, »damit nichts mehr an die böse, vergangene Zeit gemahnen soll! — Das Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende Flut uns geschenkt!«

Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, und Guntram Krafft zerriß das Papier und zerstreute seine kleinen weißen Flocken in den sprühenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie tief unter Muscheln und wogendem Tang.

Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit und sehen zu, wie das letzte Streifchen im Wellenschnee verschwindet.

»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« lächelte Gabriele und schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes.

»Damals! — und heute?« fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: »Heute lautete der Zettel, welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche, welche ich meinem Mütterchen schickte? — O, Guntram Krafft, — wie wird sie sich unseres Glückes freuen!« —


Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen getan.

Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter Gast auf Hohen-Esp geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. — Auch eine liebe, vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar mit denen der Generalin verschmolzen.

Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblüht, und die kleinen Bären in Halle und Hof herumpurzeln, hat Großmutter Gundula alle Hände voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.

Zum händeringenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen hat ihre Tochter viel mehr Interesse für den Rettungsschuppen, wie für Haus und Hof, und nie zuvor hätte sie geglaubt, daß Gabriele sich so leidenschaftlich für die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen zusammenhängt, begeistern könne. Aber gerade das bildet das jauchzende, unbeschreibliche Entzücken des Grafen, den Höhepunkt all seines Glückes.

Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit dem seines heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet auf die See, in Sonnenglanz und Mondenschein, bei Sturm und bösem Wetter.

Dann sitzt auch auf dem lockigen Köpfchen der Gräfin der Südwester gar bildhübsch und verwegen, auch sie trägt »Ölzeug« und weiß mit Ruder und Segel Bescheid wie der beste Lotse!

Einst hatte ein jäh einsetzender Sturm sie weit draußen auf dem Meere überrascht. Es gab eine grobe See und schweres Wetter.

Gabriele aber war fest und seetüchtig wie ein bewährter Matrose, — mit blitzendem Auge schaute sie kühn und unerschrocken in das Wetter hinaus, und als es immer gewaltiger stürmte, und das Schifflein von hohen Wogen geschleudert ward, da faßte sie die Hand ihres Mannes, schmiegte sich fest an ihn und blickte ihm in die Augen.

Er umschloß sie treu und innig: »Fürchtest du dich, Herzlieb?« —

Da lächelte sie, faßte seine Hand noch fester und sagte schlicht: »Wovor? Wir sind ja beisammen!« —

O, in diesem Augenblick hätte der Graf von Hohen-Esp sein schwankes Schifflein mit keinem Kaiserthron vertauscht!

Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die Nachricht mitbrachte, daß Herr von Heidler schon seit Jahr und Tag den Abschied genommen und in süßem Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, — dies sei behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben im bunten Rock — da starrte Gabriele die Sprecherin mit weitoffenen Augen schweigend an, Guntram Krafft aber fragte überrascht: »Er war doch passionierter Sportsman, und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er nicht mehr privatim die Rennen mit?« Da lächelte die Generalin: »O, nein! Anfänglich hatte er wohl den Wunsch, es zu tun, aber seine sehr verwöhnte, kindische und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten, da es zu gefährlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter dem Pantoffel steht, fügt er sich willenlos den Wünschen seiner reichen Gattin.« —

Gabriele machte eine jähe, brüske Bewegung, mit beinahe verächtlichem Lächeln wandte sie sich ab.

»Und Gräfin Thea?« —

»Sie tanzte Winter für Winter vergeblich. Jetzt hat sie sich der Frauenbewegung angeschlossen und schreibt sehr zornmutige ›grünspanische‹ Artikel gegen die Männer. Wenn es ihr glückt, ist das starke Geschlecht binnen Jahresfrist vernichtet!« —

»Gottlob, daß Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,« lachte Guntram Krafft, »hier erreicht mich ihre Feder hoffentlich nicht im Todesstoß!« —


Die Rettungsstation des Bären von Hohen-Esp hat viel bewundernde Anerkennung gefunden, und sein edles Beispiel gab oft Veranlassung, auf diesem Gebiete nachzueifern und das Rettungswesen zur See zu fördern. Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des großen Publikums auf die bittere Not gelenkt, mit welcher der Seemann an unserer heimatlichen Küste zu kämpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich auf, die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger durch ein Scherflein zu unterstützen.

Da hatte der Bär von Hohen-Esp auch in weiterem Sinn für das Vaterland gewirkt und zu sein und seines Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das Schwert, wohl aber das Ruder mit kühner, tatenfroher Hand geführt.

Neben der Rettungsmedaille schmückt ein hoher Verdienstorden seine Brust, und es war einer der schönsten Tage in Gabrieles Leben, als sie denselben dem geliebten Mann voll stolzer Anerkennung auf sein schlichtes Fischerkleid heften konnte.

Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der Hohen-Esp, weithin sichtbar nach dem blauen Meer, und um die Mauern und Zinnen des alten Bärenschlosses weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, — ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem unvergänglich großen Liebesglück, welches darinnen wohnt.


Unverändert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den gelben Dünensand, wirft Muscheln und Bernsteinbrocken aus und überschüttet die Kinder, welche jubelnd von der Burg zum Strand stürmen, mit blinkenden Tropfen, — ihre weißen Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden Heldengeschlecht aus, und der junge Bär von Hohen-Esp setzt vorsichtig sein erstes, selbstgeschnitztes Schifflein auf das Salzwasser, schlingt den Arm um den Nacken von »Jöschen dem Jüngern« und sagt: »Auch ich werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn du und ich so groß sind wie der Vater, fahren wir beide als Matrosen zur See!«

Guntram Krafft hat's gehört, er zieht sein holdes Weib an die Brust, und sein glückstrahlender Blick schweift hinaus über die schimmernde Flut; wie ein Psalter heißen Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend blaue Wogen rauschen: »Halleluja! Amen!«


Notizen des Bearbeiters:

Eingefügt: Inhaltsverzeichnis am Beginn des Buches.

Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht geändert.

Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend geändert.