23.
Nie ist das alte, wenn man so sagen will, abgedroschene Kapitel der Moral die uralte Lehre, die schon jener griechische Philosoph beim Stobäus seinem jungen Prinzen ertheilt: „Hüte dich vor Schmeichlern!“ so lebendig und ein[pg 164]dringend vorgetragen als hier. Nur ist der Satz: „Die Menschen sind ihrer Natur nach schlecht“ hier nicht recht passend, wenigstens zu allgemein gefaßt. Die Menschen sind nicht alle schlecht – wenn auch unläugbar die überwiegende Mehrzahl. Sie sind nicht alle eigennützig, von sträflichen Leidenschaften getrieben, wahrer Zuneigung und Vertrauens unwerth. Durfte wol Heinrich der Vierte den Sully für schlecht halten? Und hätte dieser eine solche Meinung ertragen? Aber nur ein Fürst, der wie dieser die Schmeichelei verschmäht, kann einen Sully finden. Macchiavelli hat vorhin in Kapitel 22 selbst einen Minister aufgestellt, dem der Fürst unbedingt vertrauen und den er in sein eignes Schicksal verflechten soll. Der Autor durfte doch kaum gemeint haben, daß der Fürst dies mit einem „schlechten“, wenn auch noch so klugen Menschen wagen solle.