Mirgorod
Herausgegeben
von
Otto Buek
München und Leipzig
bei Georg Müller
1910
Inhalt
| Vorrede des Herausgebers | [IX] |
| Mirgorod I | [1] |
| Gutsbesitzer der alten Zeit | [3] |
| Taraß Bulba | [41] |
| Mirgorod II | [241] |
| Wij | [245] |
| Wie Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten | [309] |
| Novellen | [391] |
| Die Equipage | [393] |
| Anhang | [415] |
Vorrede des Herausgebers
Die in diesem Bande vereinigten Erzählungen bilden die Fortsetzung der Novellensammlung „Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka“, durch welche Gogols Name zuerst in der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde und die ihn sogleich an die Seite der ersten Schriftsteller Rußlands stellte. Es ist jedoch kein eigentlich gedanklicher Zusammenhang, der die beiden Novellenbände miteinander verbindet; sie bilden nicht etwa ein durch eine fortlaufende Handlung oder eine einheitliche Idee zusammengehaltenes Ganzes, sondern sind durchaus selbständig und voneinander unabhängig, so wie auch jede einzelne Novelle in ihrer Art ein in sich geschlossenes und für sich dastehendes Kunstwerk ist. Was Gogol trotzdem veranlaßte, die Novellen „Mirgorod“ als Fortsetzung des ersten Sammelbandes zu bezeichnen — das war der gemeinsame Schauplatz und der gemeinsame Charakter und Stil, der diese Novellen kennzeichnet. Es ist das Leben jenes eigenartigen kleinrussischen Volksstammes, aus dem Gogol selbst hervorgegangen ist, das durchgehend den Stoffkreis dieser Novellen bildet, und es ist jene seltsame Mischung von ungebundener Phantastik und derber Realistik, in der ihre stilistische Einheit liegt.
Gogols starkes schriftstellerisches Talent hat sich schon sehr früh angekündigt; schon während seiner Schulzeit bildete sich ein ausgesprochen parodistischer und karikaturistischer Hang bei ihm aus, der ihn bei seinen Kameraden und Mitschülern gefürchtet machte. Allein der Jüngling maß diesen Talenten keine ernstere Bedeutung bei, da sein hochfliegendes Streben eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte. Er wollte seinen Namen durch eine Großtat verewigen, und seinem Traume winkte kein geringeres Ziel, als die Reformation und Beglückung seines Vaterlandes und des ganzen Menschengeschlechtes. Der Staatsdienst erschien ihm als das einzige Feld, auf dem er seine ehrgeizigen Pläne verwirklichen konnte, und so trieb es ihn gleich nach Vollendung seiner Studien im Lyzeum zu Njeschin aus seiner kleinrussischen Heimat nach Petersburg, wo er einen seiner Begabung und seinen Fähigkeiten angemessenen Wirkungskreis zu finden hoffte. Doch schon die ersten Schritte auf dem schlüpfrigen Boden der Großstadt brachten ihm eine Enttäuschung. Er fand hier keineswegs die Beachtung, die seinem Talente entsprach und hatte mit schweren Entbehrungen und Nahrungssorgen zu kämpfen. In diese Zeit fällt sein erster literarischer Versuch, die Dichtung „Hans Küchelgarten“: ein Idyll im Stile von Johann Heinrich Voß mit einem starken Einschlag romantischer Stimmungen. Es schildert die Flucht eines schwärmerischen, für große Taten begeisterten Jünglings aus der Enge und Dumpfheit eines friedlichen provinziellen Daseins an der Seite der Geliebten, seine Irrfahrten und die Rückkehr des Enttäuschten in den Schoß der Familie. Doch dieser Erstling, auf den Gogol so große Hoffnungen gesetzt hatte, trug ihm keinen Erfolg ein und erfuhr von der Kritik eine entschiedene Ablehnung. Erbittert und verärgert kaufte der Dichter alle Exemplare von dem Verleger zurück, um sie für immer zu vernichten, und floh aus Petersburg, wo er so viele zerstörte Illusionen zurückließ, ins Ausland, um die häßlichen Eindrücke zu vergessen und als neuer Mensch ein neues Leben zu beginnen. Indessen auch dieser Versuch mißglückte. Gogol hielt es im Auslande nicht lange aus und kehrte schon nach einem Monat wieder nach Petersburg zurück, wo er als Beamter in das Apanagedepartement eintrat. Allein der Aufstieg auf der Leiter der Beamtenhierarchie vollzog sich viel zu langsam für den hochstrebenden Jüngling, auch stand die Tätigkeit, der er sich hier widmen mußte, in einem zu krassen Gegensatze zu jenem Ideal eines freien Wirkens im Dienste des Vaterlandes und der Menschheit, das ihm unablässig vorschwebte, und sein Beamtengehalt war viel zu klein, um ihm eine gesicherte Existenz zu gewähren. Da mochte ihm denn der Gedanke gekommen sein, sein schriftstellerisches Talent und seine Kenntniß Kleinrußlands zu verwerten, um sich die Mittel zum Leben zu erwerben. Er wollte das russische Publikum mit seiner Heimat und ihren Bewohnern bekannt machen, zumal sich gerade in jenen romantischen Zeiten ein besonderes Interesse für neuentdeckte Länder und Volksstämme bemerkbar machte. So entstanden die prachtvollen leben- und kraftstrotzenden Erzählungen: „Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka“, durch die Gogol zum Entdecker einer völlig neuen, damals noch ganz unbekannten Welt wurde, und die seinen Namen mit einem Schlage berühmt machten. Diese Novellen zeigen Gogol sogleich auf der Höhe seines Könnens. Das sind wunderbare farbensatte Bilder kleinrussischen Volkslebens, vorzüglich der niederen Schichten, mit einer derben Realistik und naiven Sinnenfreude an der knorrigen Urkraft und der grellen Buntheit dieses Lebens gestaltet, und das Ganze ist in eine phantasievolle Märchensphäre hinaufgerückt, wo die Geschöpfe der Volkssage: die Nixen, Hexen, Wald- und Hausgeister humorvoll in das irdische Treiben hineinspielen. Gogols junger Dichterruhm brachte ihn bald in nähere Berührung mit den bedeutendsten Vertretern der russischen Dichterschule, vorzüglich mit Puschkin, der mit sicherem Blick sogleich die stärkste Seite an Gogols Talent, seine einzigartige Begabung für die Darstellung des Engen, Beschränkten, Gemeinen und Trivialen herausfand, und in ihm den Dichter des Alltags entdeckte. Von nun ab gewann Puschkin einen immer stärkeren und entscheidenderen Einfluß auf Gogols Schaffen. Diese Zeit geistiger Freundschaft und Gemeinschaft mit Puschkin ist zugleich die schönste und heiterste Epoche im Leben Gogols, denn Puschkin verstand es, die finsteren Schatten, die Gogols Seele schon damals bedrängten, und sie nachmals völlig in ihren Bannkreis zogen, zu verscheuchen; es ist zugleich die fruchtbarste Periode in Gogols dichterischem Schaffen, in der solche Meisterwerke, wie die ersten Kapitel der toten Seelen und der Revisor entstanden. Auch der Novellenzyklus Mirgorod gehört diesem Zeitabschnitt an. Die einzelnen Novellen dieser Sammlung sind unabhängig von einander entstanden, sie stehen, wie schon erwähnt, ganz selbständig da, und bedürfen zu ihrem Verständnis keineswegs der Kenntnis der vorhergehender Erzählungen; trotzdem aber geht etwas wie eine gemeinsame Idee oder doch eine Grundstimmung durch das Ganze, die das ästhetische Band dieser Novellen bildet. Das ewige Thema in Gogols Leben und Dichten kündigt sich hier zum ersten Male an: der furchtbare Kontrast zwischen dem, was für ihn Leben bedeutet: einem von einem beherrschenden Zweck erfüllten und durchdrungenen Streben, einer Beseelung der materiellen Daseinsäußerungen, ihre Erhebung zu einer geistigen Bedeutung, — und dem wirklichen Abbild des menschlichen Treibens, wie es sich uns in Wahrheit darbietet und das erdrückende Übergewicht in allem menschlichen Geschehen bildet. In dem ersten Teil des Mirgorod tritt dieses Motiv in einem stark abgetönten Gegensatz hervor. Die Erzählung „Gutsbesitzer aus der alten Zeit“ läßt es noch kaum merklich anklingen, und die kritische Stimmung tritt noch stark gegenüber dem Gefühl freundlicher Sympathie für die Helden dieser Novelle zurück. Mit mildem Humor und warmer Liebe zeichnet uns Gogol hier das Bild zweier alter Leute, die in zärtlicher Zuneigung verbunden, langsam dahinwelken. Ihre ganze Existenz wurzelt in den allerprimitivsten natürlichsten Lebensfunktionen und erhebt sich keinen Augenblick über das Niveau der gewöhnlichsten materiellen Bedürfnisse. Sie sind ganz Trieb, ganz Natur, alle geistigen Ansprüche liegen ihnen völlig fern, und das verleiht ihrer Existenz etwas Ganzes, Harmonisches, von keinem Mißklang Getrübtes. Ihre schlichte Einfalt und ihre natürliche Güte gewinnt unsere Herzen, dennoch aber erscheint uns dies Dasein mit all seiner ruhigen Heiterkeit und in dem Frieden, der über ihm ruht, arm und inhaltsleer, da es in seinem ewig gleichmäßigen Abfluß durch keinen Zweck und Sinn geadelt wird. So konnte es Gogol wohl reizen, das Gegenbild dieses Lebens aufzustellen, das trotz all den freundlichen Seiten, die er ihm abzugewinnen vermochte, doch nur ein Schatten des wahren Lebens war. Die Gegenwart konnte ihm nicht bieten, was er suchte, sie erschien ihm grau, öde und tot, und so flüchtete er in die Vergangenheit, in die er wie ein echter Romantiker sein Ideal verlegte, und die er mit der ganzen Farbenpracht einer verschwenderischen Phantasie ausstattete. Die Geschichte seiner Heimat hatte von jeher eine starke Anziehungskraft auf ihn ausgeübt, und ihr entnahm er auch den Stoff zu seiner großen Heldendichtung „Taraß Bulba“. In der freien Ungebundenheit des Kosakentums, in dem großartigen Schwung dieses noch von keinen staatlichen Schranken beengten und durch die großen Kämpfe um Volkstum und Religion zu hoher Bedeutung emporgehobenen Lebens trat ihm eine neue Welt entgegen, in der er sich heimisch fühlte, und die den stärksten Kontrast zu der Monotonie des stumpfen Dahinvegetierens bildete, das ihn an der Gegenwart so sehr abstieß. Die eigentümlichen Verhältnisse des geschichtlichen Werdens hatten in der Tat in dem Kosakentum ein Volksgebilde von kraftvoller Eigenart und Ursprünglichkeit geschaffen. Die Not der Zeit, die Raubzüge der Tataren, die verheerend und verwüstend über Südrußland hinweggezogen waren, hatten eine Anzahl verwegener Männer zur Abwehr dieser Horden an den Ufern und auf den Inseln des Dnjepr zusammengeführt. Flüchtlinge, Räuber und Freibeuter aus aller Herren Länder stießen hinzu, und so bildete sich hier allmählich jener merkwürdige Freistaat der Saporoger Kosaken heraus, der bereits gegen Ende des XIV. Jahrhunderts eine imponierende, den benachbarten Polen und Tataren Schrecken einflößende kriegerische Macht repräsentierte. Das befestigte Hauptlager der Kosaken, die sogenannte Sjetsch, von dem aus sie ihre Feldzüge unternahmen, lag auf einer der Inseln des Dnjepr; sie hatten ihre eigene originelle Organisation und eigenartige Sitten und Gebräuche, über die sie mit Eifersucht wachten. Die höchste Bewegungsfreiheit paarte sich hier mit einem quellenden Tatendrang, der in den ständig drohenden Gefahren und in den kriegerischen Aktionen zum Schutze der angestammten Religion und des eigenen Volkstums eine willkommene Aufgabe fand und so das Entstehen mächtiger und starker Individualitäten begünstigte, die doch durch das gemeinsame Ziel zu einer festen Gemeinschaft zusammengeschlossen wurden. Den reichen Stoff, der hier vorlag, hat Gogol mit vollendeter Meisterschaft bewältigt. Hierbei sind ihm seine tiefen historischen Studien zustatten gekommen, die er einst mit der Absicht, eine Geschichte Kleinrußlands zu schreiben, unternommen hatte; allein die streng wissenschaftliche Darstellung war nicht die adäquate Form für seine geschichtlichen Forschungen. Erst in der Gestalt der Dichtung gewannen diese für ihn Leben und Realität. Indem sich Gogol dem freien Fluge der Einbildungskraft überließ, gab er uns in einer gewaltigen Anschauung ein getreueres, lebensvolleres Bild jener historischen Epoche, als dies je eine wissenschaftliche Rekonstruktion vermöchte. In „Taraß Bulba“ steigt ein entschwundenes Zeitalter leibhaftig vor uns auf. Wir lernen die Völker in ihrer nationalen Eigenart, in ihrem Hassen und Lieben kennen, wir erleben den Kampf der Religionen, die Gegensätze der feindlichen Stämme: der Russen und Polen, des Katholizismus und der Orthodoxie, die furchtbaren Leiden der Juden usw., und all diese einzelnen Züge vereinigen sich für uns zu einem großen historischen Gemälde und zu einem mächtigen Bardengesang auf das kleinrussische Volk. „Taraß Bulba“ ist neben den „Toten Seelen“ die stärkste Dichtung Gogols und zugleich einer der Gipfelpunkte der russischen Literatur.
In dem patriotischen Heldenlied der Taraß Bulba-Dichtung klingt der erste Teil von Mirgorod aus. Der zweite Teil führt uns durch das Grauen der Gespensternovelle Wij, die wieder an den Stil der Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka anknüpft und uns alle Schrecken des Gespensterglaubens mit einer an die Realistik des Traumes gemahnenden Intensität erleben läßt, wieder in die Welt des Alltags und zur Erbärmlichkeit der Gegenwart zurück. Die köstliche Satire vom Streite Iwan Iwanowitschs und Iwan Nikiforowitschs bildet den äußersten Abstich gegen das großzügige Epos slawischen Lebens: den Taraß Bulba. Der Traum der Phantasie ist ausgeträumt, und die heroische Geste wird abgelöst durch die Grimasse. Die ganze Misere kleinstädtischen Daseins, der trostlose Stumpfsinn einer geistlosen, jeden ernsten Interessen entfremdeten Existenz erscheint hier in dem Zerrspiegel eines Humors, der nur ein Ausdruck für den Pessimismus des Dichters ist, welcher die Nichtigkeit und Fratzenhaftigkeit der Welt an dem Ideal freier Menschlichkeit mißt und seine Tränen hinter der Maske des Spottes und des Gelächters verbirgt.
Diese Erzählung, mit der der Novellenkreis Mirgorod schließt, leitet bereits zu dem neuen Stil Gogols hinüber, der seine vollkommenste Ausprägung in dem Roman „Die toten Seelen“ gefunden hat. Die kleine Erzählung „Die Equipage“, die wir dem Mirgorodzyklus als Anhang folgen lassen, stammt aus einer späteren Zeit, hängt jedoch in bezug auf ihren Charakter und ihre Grundidee eng mit dem letzteren zusammen.
Erster Teil
Gutsbesitzer aus der alten Zeit
Ich liebe es sehr, dies bescheidene Leben jener einsamen Bewohner entlegener Dörfer, die man in Kleinrußland gewöhnlich „Gutsbesitzer aus der alten Zeit“ nennt, und die uns gleich verwitterten malerischen Häuschen durch ihre schlichte Einfachheit anziehen. Der Reiz besteht in dem absoluten Gegensatz zu den neuen, sauberen Gebäuden, deren Mauern noch kein Regen verwaschen hat, deren Dächer kein grüner Schimmel bedeckt und deren vom Mörtel entblößte Fassade noch nicht ihre roten Ziegel hervorstreckt. Ich liebe es, mich mitunter auf Augenblicke in die Sphäre dieses ganz einsamen Lebens zu versenken: da schwingt sich kein Wunsch über den Zaun, der das kleine Gehöft umgibt, oder über die Hecke, die den mit Apfel- und Birnbäumen reich bestandenen Garten einschließt. Kein Verlangen reckt sich über die von Weiden, Holunder und Birnbäumen beschatteten, schiefen Hütten. Auch das Leben der Bewohner ist so still — so still daß man zeitweise sich selbst vergißt und glaubt, die Leidenschaften, die Begierden und die seltsamen Gelüste des bösen Geistes, die diese Welt beunruhigen, existierten gar nicht und wären nur Gesichte eines glänzenden, leuchtenden Traumes.
Es ist mir, als sähe ich es vor meinen Augen — das niedrige Häuschen mit der Galerie aus kleinen geschwärzten Holzstäben, die rund herum das Haus umgibt, damit man bei Regen und Hagel die Läden schließen kann, ohne selbst naß zu werden. Hinter ihr erhebt sich ein duftender Faulbaum und eine lange Reihe niedriger Obstbäume, die im Purpurrot der Kirschen und im saphirblauen Meer der mattbereiften Pflaumen ertrinken. Dort steht ein langgestreckter Ahorn, in dessen Schatten ein ausgebreiteter Teppich zur Ruhe einladet, vor dem Hause befindet sich ein geräumiger Hof, der von frischem kurzem Gras bedeckt ist, in welchem emsige Füße von dem Speicher bis zur Küche und von der Küche bis zu den Herrschaftszimmern einen schmalen Weg ausgetreten haben. Eine langhalsige Gans steht umringt von jungen, flaumigen Kücheln und trinkt Wasser; der Staketenzaun ist mit Bündeln von getrockneten Äpfeln, Birnen und Teppichen behängt, die hier ausgelüftet werden; eine Fuhre mit Melonen steht neben dem Speicher, und der ausgespannte Stier ruht träge daneben aus. Das alles hat für mich einen unerklärlichen Zauber, vielleicht weil ich es nun nicht mehr sehe und weil uns alles so teuer ist, von dem wir getrennt sind. Gleichviel warum, jedenfalls zog auch schon damals eine wunderbare angenehme Ruhe durch meine Seele, wenn sich mein Wagen dem Häuschen näherte; fröhlich trabten die Pferde auf die Freitreppe zu, und der Kutscher stieg behaglich vom Bock und zündete sich ein Pfeifchen an, als käme er zu sich nach Hause — ja selbst das Gebell, das die phlegmatischen, schwarzen und braunen Köter anstimmten, war meinen Ohren angenehm.
Am meisten aber gefielen mir die Besitzer dieser bescheidenen Nester, die alten Männer und Frauen, die einem geschäftig entgegenkamen und einen so freundlich begrüßten. Heut noch im Lärm und Trubel des Lebens, inmitten moderner Fräcke meine ich manchmal ihre Gesichter zu sehen: und im Halbschlummer steigt dann die Vergangenheit vor mir auf. In ihren Zügen liegt immer soviel Güte, soviel Treuherzigkeit und Herzensreinheit — daß man unwillkürlich, wenn auch nur für kurze Zeit, seine vermessenen Pläne und Absichten vergißt und unbewußt mit allen Fühlern in dies schlichte und idyllische Leben hinabtaucht. Bis heute kann ich zwei von diesen alten Leuten aus dem vorigen Jahrhundert nicht vergessen, die längst nicht mehr unter den Lebenden weilen: aber auch heut noch ist meine Seele von Trauer erfüllt, und mein Herz zieht sich bei dem Gedanken seltsam zusammen, daß ich wieder einmal an ihrer einstigen nun verödeten Wohnung vorbeikommen könnte, und dort, wo einst ihr niedriges Häuschen stand, nur einen Haufen verfallener Hütten, einen moosüberzogenen Teich, den verwilderten Garten finden könnte — und weiter nichts. Es wird einem so traurig dabei zumute! Wie traurig ist schon der bloße Gedanke daran. Aber wenden wir uns unserer Erzählung zu.
Afanassji Iwanowitsch Towstogub und Pulcheria Iwanowna „Towstogubicha“, (wie die Bauern aus der Umgegend sie zu nennen pflegten), so hießen jene alten Leute, von denen ich zu erzählen begonnen habe. Wenn ich ein Maler wäre und das Bild von Philemon und Baucis auf der Leinwand darstellen wollte: ich würde mir nie ein anderes Modell wählen, als diese beiden. Afanassji Iwanowitsch war 60 Jahre alt, Pulcheria Iwanowna 55. Afanassji Iwanowitsch war groß von Wuchs, trug beständig einen mit Kamelot überzogenen Schafpelz, saß gebeugt da und lächelte immer, sei es nun daß er selbst sprach und erzählte oder daß er einfach zuhörte. Pulcheria Iwanowna dagegen war stets ernst und lächelte fast nie: in ihren Zügen und in ihren Augen lag soviel Güte, und soviel Bereitwilligkeit, Sie mit dem Besten zu bewirten, was sie besaß, daß Sie ein Lächeln auf diesen guten Zügen sicher als süßlich empfunden hätten. Die feinen Runzeln auf ihren Gesichtern hatten etwas so Angenehmes und Liebenswürdiges, daß ein Maler sie sich sicher gemerkt und bei Gelegenheit verwertet hätte. Es schien als konnte man die ganze Geschichte ihres Lebens von ihnen ablesen: dieses lauteren, ruhigen Lebens, wie es die alten bodenständigen, braven und wohlhabenden Familien führen, die so sehr von jenen gewöhnlichen Kleinrussen abstechen, welche aus den Kreisen von Teerbrennern und Krämern hervorgehen. Diese erfüllen alle Staatsbehörden und Kanzleien wie die Heuschrecken, ziehen ihren eigenen Landsleuten die letzten Groschen aus der Tasche, überschwemmen Petersburg mit ihrem Klatsch, erwerben sich endlich ein Vermögen und hängen dann ihrem Familiennamen, der immer auf o endet, breitspurig noch ein w an. Nein, unsere alten Leute hatten keine Ähnlichkeit mit diesen verächtlichen, traurigen Geschöpfen, ebensowenig wie die wurzelechten kleinrussischen Familien. Man konnte nicht gleichgültig bleiben, wenn man sah, wie innig sie einander liebten; obwohl sie sich nicht duzten sondern sich stets mit Sie anredeten: Sie, Afanassji Iwanowitsch! Sie! Pulcheria Iwanowna!
„Afanassji Iwanowitsch, haben Sie den Stuhl durchgesessen?“
„Jawohl, Pulcheria Iwanowna, seien Sie mir deshalb nicht böse!“
Sie hatten nie Kinder gehabt, und daher konzentrierte sich all ihre Liebe aufeinander. Früher einmal, in seiner Jugend, hatte Afanassji Iwanowitsch gedient, und hatte es sogar bis zum Sekonde-Major gebracht — aber das war schon lange her und längst vorbei — Afanassji Iwanowitsch dachte selbst fast nie mehr an diese Zeit. Mit dreißig Jahren hatte er geheiratet; er war damals ein forscher Kerl, trug ein gesticktes Kamisol; und hatte es sogar sehr gescheit angefangen, Pulcheria Iwanowna zu entführen, deren Verwandte gegen die Heirat waren, aber auch dies schien seinem Gedächtnis entschwunden zu sein, jedenfalls sprach er nie davon. All diese längst vergangenen und außerordentlichen Ereignisse waren verdrängt durch das ruhige, einsame Leben, und verwischt durch jene einschläfernden und doch wieder harmonischen Träumereien, die Sie überfallen, wenn Sie auf der Veranda sitzen und in den Garten schauen, wo ein herrlicher Regen niedergeht; klatschend fällt er auf das Laub der Bäume nieder, läuft in rieselnden Bächlein ab und träufelt einen süßen Schlummer in Ihre Glieder: unterdessen aber steigt langsam ein Regenbogen hinter den Bäumen auf und leuchtet wie ein halbzerstörtes Tor in seinen blassen sieben Farben am Himmel auf, .... oder wenn Sie sanft hin- und hergewiegt in Ihrem Wagen zwischen grünen Sträuchern hindurchfahren, wenn die Steppenwachtel schlägt, und duftendes Gras, Kornähren und Feldblumen durch die Türen Ihres Wagens dringen und Ihnen liebkosend Gesicht und Hände streicheln.
Er hörte seinen Gästen, die zu ihm zu Besuch kamen, immer freundlich lächelnd zu; manchmal sagte er auch selbst wohl ein Wort, aber größtenteils fragte er sie bloß aus. Er gehörte nicht zu jenen Greisen, die allen Leuten durch ihr unaufhörliches Preisen der alten Zeit und durch das Schmähen des Neuen lästig fallen: im Gegenteil, er erkundigte sich stets nach allem und zeigte großes Interesse und lebhafte Teilnahme für Ihre Lebensverhältnisse, Ihre Erfolge und Mißerfolge — gewöhnlich interessieren sich ja alle guten alten Leute dafür, obwohl ihre Teilnahme uns an die Neugierde eines Kindes erinnert, das mit Ihnen spricht und dabei eingehend das Zifferblatt Ihrer Uhr mustert. Man kann wohl sagen, daß sein Gesicht in solchen Augenblicken vor Güte strahlte.
Die Zimmer des Häuschens, in dem unsere Alten lebten, waren klein und niedrig, wie wir sie gewöhnlich bei Leuten aus der guten alten Zeit antreffen. Jede Stube war mit einem riesigen Ofen versehen, der fast den dritten Teil des Raumes einnahm. In diesen Zimmern war es immer furchtbar warm, weil Afanassji Iwanowitsch und Pulcheria Iwanowna beide die Wärme sehr liebten. Das gesamte Heizmaterial war im Flur aufgestapelt, der fast bis zur Decke mit Stroh angefüllt war, welches in Kleinrußland gewöhnlich statt des Holzes verwendet wird. Das Knistern und die Farbe des brennenden Strohs geben dem Flur an den Winterabenden etwas besonders Anziehendes, wenn die ausgelassene Jugend, die wohl draußen einer braunen Schönen nachjagte, plötzlich ganz erfroren hereinstürmt und sich lachend die Hände wärmt. Die Zimmerwände waren mit Bildern und Bildchen in alten, schmalen Rahmen geschmückt: ich bin überzeugt, daß die Sujets dieser Bilder selbst von den Wirten längst vergessen waren, und wenn man ein paar davon entfernt hätte, wäre es den Alten sicherlich nicht aufgefallen. Zwei dieser Bilder waren größer und in Öl gemalt: das eine stellte einen Bischof dar, das andre Peter III. Aus einem schmalen Rahmen blickte das ganz von Fliegen beschmutzte Gesicht der Herzogin von La Vallière hervor. Um die Fensterrahmen herum und über den Türen hing eine Menge kleinerer Bilder, die man unwillkürlich für Flecke an der Wand hält und daher nicht näher betrachtet. Der Fußboden bestand fast in allen Zimmern aus Lehm; aber er war so schön gepflegt und so sauber gehalten, wie kaum ein Parkett in einem vornehmen Hause, welches von faulen, schläfrigen Livreedienern gefegt wird.
Pulcheria Iwanownas Zimmer war ganz mit Kisten und Kasten, Kistchen und Kästchen verstellt. An den Wänden hingen unzählige Bündelchen und Säckchen mit Blumen-, Gemüse- und Wassermelonensamen. In den Ecken standen mehrere Koffer; in diesen und zwischen diesen wurden viele Knäule buntfarbiger Wolle, sowie Stoffreste von altmodischen Kleidern, die vor einem halben Jahrhundert genäht waren, aufbewahrt. Pulcheria Iwanowna war eine sorgsame Hausfrau und hob alles auf, obschon sie selbst nicht wußte, warum.
Aber das allerbemerkenswerteste im Hause waren die singenden Türen. Sobald der Morgen graute, hörte man den Gesang der Türen durchs ganze Haus erschallen. Ich weiß nicht, warum sie eigentlich sangen. Vielleicht waren die verrosteten Angeln schuld daran, vielleicht aber hatte auch der Mechaniker, der sie gebaut, ein Geheimnis in sie hineingelegt. Was jedoch am meisten auffiel war dies, daß jede Tür ihre eigene Stimme hatte. Die Schlafzimmertür sang im höchsten Sopran, die des Speisezimmers krächzte im Baß, dafür gab die Flurtür einen ganz seltsamen, dröhnenden und ächzenden Laut von sich, so daß man bei längerem Hinhören deutlich die Worte „Väterchen, mich friert!“ zu vernehmen glaubte. Ich weiß wohl, daß vielen dieses Geräusch nicht gefällt, aber ich liebe es sehr, und wenn ich es zufällig höre, steigt sofort das Dorf vor meinem Geiste auf: das niedrige, nur schwach vom Licht altmodischer Leuchter erhellte Zimmerchen, der Tisch mit dem Abendessen, die dunkle Mainacht, die durch das geöffnete Fenster über den gedeckten Tisch fällt, die Nachtigall, welche Garten und Haus und den Fluß in der Ferne mit ihrem Gesang erfüllt, das Raunen und Flüstern der Zweige .... Herrgott, welch eine unabsehbare Kette von Erinnerungen zieht dann an mir vorüber!
Die hölzernen Stühle im Zimmer waren, wie das in der alten Zeit üblich war, alle massiv; sie hatten hohe, geschnitzte Lehnen, in der Naturfarbe, ohne Lack und Anstrich; ja sie waren nicht einmal mit Stoff bezogen und erinnerten einigermaßen an die Stühle, auf welchen auch in unserer Zeit noch die Bischöfe zu sitzen pflegen. In den Ecken standen dreieckige und vor dem Sopha und dem Spiegel mit dem schmalen, goldenen Rahmen — dessen geschnitzte Blätter die Fliegen mit schwarzen Punkten übersät hatten — viereckige Tische; vor dem Sopha war ein Teppich mit Vögeln, die wie Blumen, und mit Blumen, die wie Vögel aussahen, ausgebreitet; das war so ziemlich die gesamte Ausstattung des anspruchslosen Häuschens, in dem unsere alten Leutchen lebten.
Das Mädchenzimmer war von jungen und alten Mädchen in gestreiften Leinwandröcken erfüllt; dann und wann gab Pulcheria Iwanowna ihnen etwas zu nähen, oder sie ließ sie Beeren aussuchen, gewöhnlich aber liefen sie in der Küche umher, oder sie schliefen. Pulcheria Iwanowna hielt es für nötig, sie im Hause zu halten und wachte streng über ihr Betragen; aber zu ihrem großen Erstaunen verging kaum ein Monat, ohne daß der Umfang des einen oder des andern Mädchens in ganz ungewöhnlicher Weise zunahm. Dies war um so merkwürdiger, als es im ganzen Hause keinen Junggesellen gab, ausgenommen den Zimmerburschen, der barfuß, in einem kurzen grauen Frack umherlief und entweder aß, oder wenn er nicht damit beschäftigt war, ganz sicher schlief. Pulcheria Iwanowna schalt die Schuldige gewöhnlich aus und bestrafte sie streng, um in Zukunft einem Wiederholungsfall vorzubeugen. An den Scheiben der Fenster summten unzählige Fliegen, übertönt von dem tiefen Baß einer Hummel, der mitunter noch von dem grellen Summen der Wespen unterstützt wurde; sobald man jedoch ein Licht hineintrug, suchte die ganze Gesellschaft ihr Nachtlager auf, und eine schwarze Wolke bedeckte die ganze Zimmerdecke.
Afanassji Iwanowitsch kümmerte sich sehr wenig um die Wirtschaft, obgleich er manchmal zu den Mähern und Schnittern hinausfuhr und dann ohne Unterlaß zusehen konnte, wie sie arbeiteten; die ganze Last der Verwaltung lag auf den Schultern Pulcheria Iwanownas. Die wirtschaftliche Leitung Pulcheria Iwanownas bestand in einem unablässigen Öffnen und Schließen der Vorratskammern und im Salzen, Trocknen und Einkochen einer unzähligen Menge von Früchten und Gemüsen. Ihr Reich sah auf ein Haar einem chemischen Laboratorium ähnlich. Unter dem Apfelbaum flackerte beständig ein Feuer und der Kessel oder das Kupferbecken standen fast immer auf dem eisernen Dreifuß: dort kochte sie ihr Eingemachtes, ihre Gelées und Marmeladen aus Honig, Zucker und weiß Gott woraus sonst noch. Unter dem andern Baum vor einem kupfernen Kessel stand der Kutscher, der beständig Spiritus auf Pfirsichblätter — Faulbaumblüten — Tausendgüldenkraut — Kirschkerne usw. destillierte. Am Schluß dieses Verfahrens war er natürlich nie imstande ein vernünftiges Wort zu reden, sprach einen solchen Unsinn zusammen, daß Pulcheria Iwanowna nichts verstehen konnte, und ging endlich in die Küche, um sich schlafen zu legen. Von all diesem unnützen Zeug wurde so unendlich viel gekocht, getrocknet, eingesalzen usw., daß es wahrscheinlich den ganzen Hof überschwemmt hätte (Pulcheria Iwanowna liebte es, sich über ihren Bedarf hinaus noch einen Reservevorrat anzulegen; wenn nur nicht die größere Hälfte all dieser schönen Dinge von den Dienstmädchen verzehrt worden wäre. Sie schlichen sich in die Vorratskammern und aßen sich dort so voll, daß sie danach den ganzen Tag lang stöhnten und über Leibweh klagten.)
In den Ackerbau und die andern wirtschaftlichen Ressorts hatte Pulcheria Iwanowna nur einen geringen Einblick. Der Verwalter und der Dorfälteste bestahlen sie gemeinsam ganz unbarmherzig. Diese beiden hatten die Gewohnheit angenommen, im herrschaftlichen Walde ganz wie in ihrem eigenen zu schalten: sie ließen eine Menge von Schlitten herstellen und verkauften sie dann auf dem nächsten Markte; außerdem verkauften sie den benachbarten Kosaken, welche Balken für ihre Mühlen brauchten, die dicken Eichenstämme. Einmal wollte Pulcheria Iwanowna ihren Wald inspizieren. Es wurde auch eine Kutsche mit einer riesigen Schutzdecke angespannt, als jedoch der Kutscher die Leinen anzog und die Pferde, die noch in der Miliz gedient hatten, davontrabten, da erfüllte die Kutsche die Luft mit ganz merkwürdigen Tönen, sodaß man plötzlich Flöten, Schellen und Trommeln zu hören glaubte: jeder Nagel, jede eiserne Klammer stöhnte so laut, daß man es sogar bei den über zwei Werst entfernten Mühlen hören konnte, wie die Herrschaften ausfuhren. Die furchtbare Verwüstung im Walde konnte Pulcheria Iwanowna natürlich nicht entgehen: sie sah daß viele Eichen fehlten, die ihr schon in ihrer Jugend als hundertjährige Bäume bekannt gewesen waren. Sie wandte sich daher an den anwesenden Verwalter, und fragte: „Nitschipor, wie kommt es, daß so wenig Eichen da sind? Paß mal auf, daß dir die Haare auf deinem Kopf nicht ausgehen!“
„Warum?“ antwortete der Verwalter wie gewöhnlich, „sie sind verschwunden, glatt verschwunden. Der Blitz hat sie getroffen, die Würmer haben sie gefressen — sie sind verschwunden, gnädige Frau, — ganz verschwunden.“
Pulcheria Iwanowna begnügte sich vollkommen mit dieser Antwort. Als sie jedoch nach Hause kam, befahl sie, die Zahl der Wächter bei den spanischen Kirschen und bei den großen Winterbirnen zu verdoppeln.
Diese würdigen Herren, der Verwalter und der Dorfälteste, hielten es auch für ganz überflüssig, dem herrschaftlichen Speicher alles Mehl zukommen zu lassen, und meinten, daß die Herrschaft schon an der Hälfte genug hätte: zu guter Letzt bestand diese Hälfte gar nur aus allerhand verschimmelten und feuchten Resten, die auf den Märkten nicht verkauft worden waren. Gewiß stahlen der Verwalter und Dorfälteste außerordentlich viel, und das Gesinde, von der Wirtschafterin abwärts bis hinab zu den Schweinen, vertilgten eine schreckliche Menge von Äpfeln und Pflaumen — diese Tiere stießen nämlich mit ihren Rüsseln oft gegen die Bäume, um sich einen ganzen Fruchtregen herabzuschütteln — gewiß pickten die Sperlinge und Krähen sehr viel an — gewiß beschenkten die Knechte und Mägde ihren Verwandten in den andern Dörfern auf das reichlichste (sie holten sogar ganze Stücke Leinwand und alter Hausgewebe aus dem Speicher). Auch fand außerordentlich viel den Weg ins allgemeine Reservoir d. h. zum Gastwirt, und auch die Gäste, die phlegmatischen Kutscher und Diener mochten nicht wenig wegstehlen: jedoch die fruchtbare Erde brachte alles in solcher Überfülle hervor, und Afanassji Iwanowitsch und Pulcheria Iwanowna hatten so wenig Bedürfnisse, daß diese verheerenden Räubereien in der Wirtschaft vollkommen unbemerkt blieben.
Unsere beiden alten Leutchen liebten vor allen nach Art der Gutsbesitzer aus der alten Zeit auch sehr — zu essen. Kaum brach die Morgenröte an, (sie standen immer sehr zeitig auf), und kaum begannen die Türen ihr vielstimmiges Konzert, — da saßen die beiden auch schon bei Tisch und tranken Kaffee. Nach dem Kaffee ging Afanassji Iwanowitsch gewöhnlich in den Flur, schwenkte sein Taschentuch und rief: „Ksch, Ksch! Marsch! fort von der Treppe ihr Gänse!“ Im Hofe traf er meist den Verwalter und ließ sich gewohnheitsmäßig mit ihm in ein Gespräch ein, ließ sich mit der größten Ausführlichkeit von allen Arbeiten erzählen und gab dann Anweisungen und Befehle, die jeden durch die gediegene Wirtschaftskenntnis, von der sie zeugten, in Staunen gesetzt hätten; ein Neuling hätte es sich sicher nicht träumen lassen, daß man einem so aufmerksamen Hausherrn etwas stehlen könne. Aber der Verwalter war ein geriebener Herr: er wußte, welche Antworten er geben mußte, noch besser aber verstand er sich auf das Wirtschaften.
Dann ging Afanassji Iwanowitsch ins Haus zu Pulcheria Iwanowna zurück und fragte: „Pulcheria Iwanowna, wie denken Sie, wäre es nicht Zeit, einen kleinen Imbiß nehmen?“
„Was könnte man jetzt wohl essen, Afanassji Iwanowitsch? Vielleicht ein paar in Schmalz gesottene Pfannkuchen? Oder kleine Mohnkuchen? Oder ein paar gesalzene Pilze?“
„Meinetwegen — Pilze oder auch Mohnkuchen,“ antwortete Afanassji Iwanowitsch, und plötzlich deckte sich der Tisch mit einem Tischtuch, Pilzen und Mohnkuchen.
Eine Stunde vor dem Mittagessen nahm Afanassji Iwanowitsch wieder einen Imbiß, trank aus einem alten silbernen Becherchen einen Schnaps und aß ein paar Pilze, getrocknete Fischchen und dergleichen. Um zwölf Uhr setzte man sich zu Tisch. Außer den verschiedenen Schüsseln und Saucièren standen auf dem Tisch noch zahlreiche Töpfchen, die sorgfältig zugedeckt und verklebt waren, damit die zahlreichen angenehmen Erzeugnisse der alten, wohlschmeckenden Küche nicht ihr Aroma verlören. Beim Mittagstisch drehte sich die Unterhaltung gewöhnlich um Gegenstände, die eng mit der Mahlzeit verknüpft waren.
„Mir scheint,“ sagte zum Beispiel Afanassji Iwanowitsch, „daß diese Grütze etwas angebrannt ist. Meinen Sie nicht auch, Pulcheria Iwanowna?“
„Nein, Afanassji Iwanowitsch, nehmen Sie nur etwas mehr Butter, so wird sie nicht mehr angebrannt schmecken, oder hier, gießen Sie etwas Pilzsauce darüber —“
„Hm! vielleicht haben Sie recht,“ sagte Afanassji Iwanowitsch und reichte seinen Teller hin. „Ich will es mal versuchen.“
Nach dem Mittag legte sich Afanassji Iwanowitsch auf ein Stündchen nieder. Hierauf brachte ihm Pulcheria Iwanowna eine angeschnittene Wassermelone und sagte: „Afanassji Iwanowitsch, versuchen Sie einmal, sehen Sie nur, was das für eine schöne Melone ist.“
„Lassen Sie sich nicht dadurch täuschen, daß sie in der Mitte so schön rot ist, Pulcheria Iwanowna,“ sagte Afanassji Iwanowitsch, indem er sich eine gute Portion vorlegte, „es kommt vor, daß Melonen rot und doch schlecht sind!“
Die Melone wurde sofort verzehrt. Hierauf aß Afanassji Iwanowitsch noch einige Birnen und machte mit Pulcheria Iwanowna einen Spaziergang durch den Garten. Wenn sie wieder nach Hause kamen, besorgte Pulcheria Iwanowna ihre Geschäfte und er setzte sich vor die Tür und sah zu, wie der Speicher dem Beschauer bald sein Innerstes preisgab, bald wieder verbarg, und wie die Dienstmädchen sich unaufhörlich stoßend und drängend, allerhand Kram in Holzkisten, Sieben, Mulden und sonstigen Obstbehältern hin- und hertrugen. Nach einer Weile schickte er nach Pulcheria Iwanowna, oder er ging selbst zu ihr hin und sagte: „Was sollte ich jetzt wohl essen, Pulcheria Iwanowna?“
„Ja, was könnte man wohl essen ....!“ meinte Pulcheria Iwanowna, „soll ich Ihnen vielleicht Quarkkuchen mit Beerenfüllung bringen lassen, die ich eigens für Sie aufbewahren ließ?“
„Ja, das wäre ausgezeichnet,“ sagte Afanassji Iwanowitsch.
„Oder vielleicht wollen Sie etwas rote Grütze essen?“
„Auch das läßt sich hören,“ antwortete Afanassji Iwanowitsch, und gleich darauf wurde all dieses hereingebracht und, wie zu erwarten war, mit Appetit verzehrt.
Vor dem Abendbrot versorgte sich Afanassji Iwanowitsch noch mit diesem oder jenem. Um ½10 Uhr setzte man sich zum Abendbrot. Darauf ging man sofort schlafen, und eine allgemeine Stille senkte sich auf diesen tätigen und doch ruhevollen Erdenwinkel herab.
Das Schlafzimmer Afanassji Iwanowitschs und Pulcheria Iwanownas war so warm, daß ein anderer kaum einige Stunden in ihm hätte zubringen können; aber Afanassji Iwanowitsch schlief noch eigens auf der Ofenbank, um es wärmer zu haben, obgleich die Hitze ihn des Nachts einige Male zwang, aufzustehen und im Zimmer auf und ab zu laufen. Hin und wieder stöhnte er leise im Gehen.
Gewöhnlich fragte dann Pulcheria Iwanowna: „Warum stöhnen Sie so, Afanassji Iwanowitsch?“
„Weiß Gott, Pulcheria Iwanowna,“ sagte Afanassji Iwanowitsch, „ich habe wohl ein wenig Leibdrücken!“
„Sollten Sie nicht vielleicht etwas zu sich nehmen, Afanassji Iwanowitsch?“
„Ich weiß nicht, Pulcheria Iwanowna; wird mir das auch bekommen? Übrigens, was könnte ich denn essen?“
„Nun, etwas saure Milch oder ein paar geschmorte Birnen?“
„Ja, so etwas — das wäre noch das Einzige,“ murmelte Afanassji Iwanowitsch; die schläfrige Magd mußte alle Schränke durchsuchen, und Afanassji Iwanowitsch aß einen Teller Milch oder Birnen, wonach er gewöhnlich erklärte: „Mir scheint, es ist mir schon wieder besser.“
Mitunter, wenn es schon heller war und eine angenehme Wärme im Zimmer herrschte, wurde Afanassji Iwanowitsch ganz munter; dann liebte er es wohl, ein wenig mit Pulcheria Iwanowna zu scherzen.
„Was würden wir machen, Pulcheria Iwanowna, wenn plötzlich Feuer im Hause ausbräche? Wohin würden wir uns flüchten?“ fragte er.
„Gott behüte uns davor!“ sagte Pulcheria Iwanowna und schlug ein Kreuz.
„Gewiß — aber nehmen wir einmal an, unser Haus würde niederbrennen? Wohin würden wir dann ziehen?“
„Gott weiß, was Sie da schwatzen, Afanassji Iwanowitsch! Wie kann denn unser Haus abbrennen! Das wird Gott nie zulassen!“
„Hm — und wenn es doch abbrennt?“
„Nun dann werden wir in die Küche übersiedeln. Sie müßten dann für einige Zeit in dem Zimmer wohnen, wo jetzt die Wirtschafterin haust.“
„Und wenn die Küche mit abbrennt?“
„Auch das noch! Das würde Gott nie zulassen, daß Haus und Küche so plötzlich niederbrennen. Dann müßten wir ja in den Speicher ziehen, bis das neue Haus fertig ist.“
„Hm — wenn nun aber auch der Speicher mit abbrennt?“
„Herrgott, was Sie nur reden! Ich will nichts davon hören, es ist eine Sünde, so zu sprechen. Gott straft einen für solche Reden!“
Aber Afanassji Iwanowitsch saß zufrieden lächelnd auf seinem Stuhl und freute sich, daß er Pulcheria Iwanowna ein wenig geneckt hatte.
Am allerinteressantesten erschienen mir jedoch die alten Leutchen, wenn sie Besuch hatten. Dann nahm in ihrem Hause alles einen andern Anstrich an. Man kann wohl sagen, diese prächtigen Menschen lebten ganz für ihre Gäste. Das Beste, was sie hatten, wurde herausgesucht, und sie wetteiferten miteinander, dem Gast die schönsten Erzeugnisse der ganzen Wirtschaft vorzusetzen. Und was dabei das Angenehmste war: in all ihrer Liebenswürdigkeit lag auch nicht eine Spur von Aufdringlichkeit. Die Treuherzigkeit, Gefälligkeit und Güte leuchtete ihnen aus den Augen und stand ihnen so gut, daß man unwillkürlich ihren Einladungen Folge leistete. Diese Güte und Freundlichkeit quoll aus der schlichten Einfalt ihrer braven und ehrlichen Seelen, und ihre Liebenswürdigkeit hatte nichts mit der eines Staatsbeamten gemein, der es mit Ihrer Hilfe zu etwas gebracht hat, Sie seinen Wohltäter nennt und vor Ihnen kriecht. Der Gast durfte nie am selben Tag wieder gehn: er mußte durchaus bei den Alten übernachten.
„Wie kann man bloß zu so später Stunde noch einen so weiten Weg antreten?“ pflegte Pulcheria Iwanowna zu sagen. (Gewöhnlich wohnte der Gast drei oder vier Werst weit von ihnen.)
„Natürlich,“ sagte Afanassji Iwanowitsch, „wer weiß, was einem alles passieren kann: es gibt doch Räuber und andres Gesindel, die einen überfallen können!“
„Gott möge Sie vor Räubern bewahren,“ sagte Pulcheria Iwanowna, „warum sprichst du zur Nacht von solchen Dingen. Ich sage es nicht der Räuber wegen, — man sollte überhaupt nicht in solch einer Dunkelheit fahren! Ja, und Ihr Kutscher — ich kenne doch Ihren Kutscher, er ist so ein dürftiger, kleiner Kerl, den wirft jede Stute um — und dann ist er jetzt sicherlich schon betrunken und schläft irgendwo.“
Und dem Gast blieb nichts anderes übrig: er mußte bleiben. Übrigens waren der Abend in dem niedrigen, warmen Zimmer, die treuherzige, erwärmende und zugleich einschläfernde Unterhaltung, und der Geruch, der von den nahrhaften und meisterhaft zubereiteten Gerichten, die den Tisch besetzten, aufstieg, eine entsprechende Belohnung. Ich sehe Afanassji Iwanowitsch noch ganz deutlich vor mir, wie er gebeugt im Lehnstuhl sitzt und dem Gaste voller Aufmerksamkeit, ja mit Entzücken zuhört. Zuweilen war auch von Politik die Rede. Der Gast, der meist auch nur selten aus dem Dorf herauskam, teilte dann wohl mit wichtiger und geheimnisvoller Miene seine Vermutungen mit und erzählte, daß die Franzosen sich heimlich mit den Engländern verbündet hätten, um Bonaparte wieder einmal auf Rußland loszulassen; oder er erzählte einfach von dem bevorstehenden Kriege. Dann pflegte Afanassji Iwanowitsch wohl zu antworten, indem er Pulcheria Iwanowna scheinbar gar nicht beachtete:
„Ich denke auch daran, in den Krieg zu gehen —: warum sollte ich auch nicht in den Krieg gehen?“
„Was er da wieder redet — das fehlt gerade noch,“ unterbrach ihn Pulcheria Iwanowna. „Glauben Sie ihm nicht,“ wandte sie sich an den Gast, „wie kann er in seinem Alter noch in den Krieg ziehen — der erste beste Soldat schießt ihn ja gleich tot; bei Gott, er schießt ihn tot. Ja, er wird auf ihn anlegen, zielen und ihn niederschießen.“
„Nun und was ist dabei?“ erwiderte Afanassji Iwanowitsch, „ich werde ihn auch niederschießen!“
„Hören Sie nur, was er wieder spricht,“ fiel ihm Pulcheria Iwanowna ins Wort, „wie kann er denn in den Krieg gehen! Seine Pistolen sind ja längst verrostet und liegen schon lange in der Rumpelkammer. Sie sollten sie nur ansehen: das sind ganz gräßliche Dinger, bevor man abdrückt, sprengt einem das Pulver das ganze Zeug auseinander. Er wird sich die Hände verstümmeln, und das Gesicht verunstalten, er wird sich noch für ewige Zeiten unglücklich machen!“
„Und wenn schon,“ sagte Afanassji Iwanowitsch, „ich werde mir eben ein neues Gewehr kaufen — und mir einen Säbel und einen Kosakenspieß anlegen.“
„Dummheiten, Dummheiten! Plötzlich fällt ihm etwas ein, und dann geht es los!“ sagte Pulcheria Iwanowna ganz ärgerlich. „Ich weiß ja, daß er spaßt, aber es ist doch unangenehm, so etwas anhören zu müssen. Sehen Sie, so spricht er immer, mitunter wird einem ganz bange, wenn man ihn so reden hört.“
Aber Afanassji Iwanowitsch saß höchst befriedigt darüber, daß er Pulcheria Iwanowna etwas geängstigt hatte, ganz zusammengebeugt in seinem Stuhl und lachte vergnügt.
Pulcheria Iwanowna war immer am interessantesten für mich, wenn sie einen Gast zu Tische führte. „Dies hier“, — sagte sie, indem sie den Verschluß einer Karaffe entfernte, „ist ein Schnaps, der auf Holz oder Salbei abgesetzt ist, der ist besonders gut gegen Schmerzen im Schulterblatt oder im Kreuz — oder der hier ist aus Tausendgüldenkraut und sehr nützlich gegen Ohrensausen und Flechten im Gesicht; und der da ist aus Pfirsichkernen destilliert, nehmen Sie doch ein Gläschen — ein herrlicher Duft nicht wahr? Wenn man beim Aufstehen zufällig gegen eine Tisch- oder Schrankecke stößt und sich eine Beule auf der Stirn holt, dann hat man nur nötig, vor dem Mittag-Essen ein Gläschen davon zu nehmen — und die Beule ist wie weggeblasen; in einer Minute ist alles spurlos verschwunden.“ Hierauf folgte eine Lobrede auf die übrigen Karaffen, und fast alle hatten irgend eine heilkräftige Wirkung. Wenn sie den Gast in diese vollständige Apotheke eingeführt hatte, so geleitete sie ihn vor eine ganze Sammlung von Tellern. „Das hier sind Pilze mit Pfefferkraut, und da das mit Nelken und Walnüssen. Eine Türkin hat mich gelehrt, sie einzusalzen — das war damals, als noch die Türken bei uns in der Gefangenschaft lebten. Eine so brave Türkin, man merkte es ihr garnicht an, daß sie Mohammed anbetete; sie betrug sich ganz unauffällig, ganz wie unsereiner und wollte nur kein Schweinefleisch essen: „unser Gesetz verbietet uns das“, pflegte sie zu sagen. Diese Pilze da sind mit Johannisbeerblättern und Muskatnüssen angerichtet, und das da sind große Feldnelken, es ist das erste Mal daß ich es versuche, sie mit Essig aufzukochen, ich weiß nicht, ob sie gut schmecken werden. Der Priester Iwan hat mir das Geheimnis mitgeteilt: man muß vor allem einen kleinen Zuber mit Eichenblättern auslegen, dann Pfeffer und Salz darauf streuen und zuletzt die Blüten von Mauseöhrchen darüber legen: aber so, daß die Schwänzchen alle nach oben zu liegen kommen. — Dies hier sind Pastetchen, mit Käsefüllung — die dort mit Schmalz, und das sind Afanassji Iwanowitschs Lieblingspasteten mit Kraut und Buchweizengrütze.“
„Ja,“ fügte Afanassji Iwanowitsch hinzu, „ich liebe sie sehr, sie sind so weich und etwas säuerlich.“
Pulcheria Iwanowna war überhaupt immer in bester Laune, wenn sie Besuch hatte. Die brave Alte! Sie ging vollkommen in ihren Gästen auf. Ich besuchte sie sehr gern, obgleich ich mich jedesmal schrecklich überaß, wie alle ihre Gäste, was mir sehr schädlich war, aber ich freute mich doch immer wieder, zu ihnen zu fahren. Übrigens glaube ich, daß die Luft in Kleinrußland eine besondere, die Verdauung befördernde Eigenschaft haben muß: wenn es hier jemand einfiele, sich so zu überessen, so würde er zweifellos sehr bald auf dem Tisch statt auf dem Bette liegen.
Die guten alten Leutchen .... Jedoch meine Erzählung nähert sich einem sehr traurigen Ereignis, das das Leben dieses friedlichen Winkels für immer veränderte. Dieses Ereignis wirkt um so überraschender, als es durch einen ganz belanglosen Vorfall verursacht wurde. Aber nach dem seltsamen Lauf der Welt haben kleine Ursachen noch immer große Wirkungen gezeitigt, und umgekehrt große Unternehmungen oft nur winzige Erfolge gehabt. Irgend ein Eroberer sammelt alle Kräfte seines Reichs und kämpft viele Jahre lang, seine Feldherrn zeichnen sich aus und werden berühmt, und die ganze Geschichte schließt mit der Eroberung eines Fleckchens Erde, auf welchem man kaum ein paar Kartoffeln pflanzen kann. Und umgekehrt, ein andermal geraten zwei Wurstfabrikanten aus zwei verschiedenen Städten wegen irgendeiner Bagatelle aneinander, der Streit zieht die Städte und alle Dörfer und Flecken mit hinein, und plötzlich ist das ganze Reich in Mitleidenschaft gezogen. Aber lassen wir diese Betrachtungen — sie gehören nicht hierher; ich liebe überhaupt keine Betrachtungen, die nur Betrachtungen bleiben.
Pulcheria Iwanowna besaß ein graues Kätzchen, welches fast immer zu einem Knäul zusammengeballt zu ihren Füßen lag. Manchmal streichelte Pulcheria Iwanowna es freundlich und kraute ihm mit den Fingern den Hals, den das verwöhnte Kätzchen so hoch als möglich emporstreckte. Man kann nicht gerade sagen, daß Pulcheria Iwanowna das Kätzchen besonders liebte, aber sie hatte sich daran gewöhnt, es immer bei sich zu haben. Afanassji Iwanowitsch neckte sie mitunter wegen ihrer Zuneigung zu dem Tierchen.
„Ich begreife nicht, was Sie an der Katze finden, Pulcheria Iwanowna, was für einen Nutzen hat sie? Wenn Sie noch einen Hund hätten, — das wäre ganz etwas anderes — einen Hund kann man mit auf die Jagd nehmen; aber was macht man mit einer Katze?“
„Schweigen Sie nur still, Afanassji Iwanowitsch. Sie wollen ja nur so reden, und weiter nichts. Ein Hund ist nicht reinlich, ein Hund macht viel Schmutz, und wirft alles um — aber eine Katze ist ein stilles Geschöpf, die wird niemandem etwas zuleide tun.“
Übrigens machte sich Afanassji Iwanowitsch weder aus Hunden noch Katzen etwas, er redete nur so, um Pulcheria Iwanowna wieder einmal zu necken.
Hinter dem Garten befand sich ein großer Wald, der von dem unternehmenden Verwalter bisher noch verschont geblieben war; vielleicht weil der Lärm des Fällens leicht bis zu den Ohren Pulcheria Iwanownas dringen konnte. Dieser Wald war sehr verwildert und verwahrlost; die alten Baumstämme waren mit wilden Haselnußsträuchern bewachsen und sahen wie befiederte Taubenfüße aus. In diesem Walde hausten auch wilde Waldkater. Diese wilden Waldkater darf man jedoch nicht mit jenen kühnen Helden verwechseln, die auf den Häuserdächern herumlaufen; sie sind in der Stadt trotz ihrer schlechten Manieren weit zivilisierter als im Walde. Die Waldkatzen sind dagegen ein finsteres und wildes Volk; sie sind immer elend und mager, und miauen mit einer groben, unartikulierten Stimme. Manchmal dringen sie durch unterirdische Gänge in die Speicher ein und stehlen Speck, oder sie springen durch das Küchenfenster, wenn sie merken, daß der Koch ins Feld gegangen ist. Überhaupt fehlt es ihnen an allen edleren Regungen, sie leben nur von Raub und würgen die jungen Sperlinge in den eigenen Nestern. Diese Kater hatten seit längerer Zeit ein Liebesverhältnis mit dem schüchternen Kätzchen Pulcheria Iwanownas angeknüpft, sie beschnüffelten es durch ein Loch im Speicher und lockten es endlich zu sich, so wie wohl ein Trupp Soldaten eine dumme Bauerndirne verführt. Pulcheria Iwanowna bemerkte bald das Verschwinden der Katze und schickte Leute aus, um sie zu suchen; aber die Katze konnte nicht aufgespürt werden. So vergingen drei Tage, Pulcheria Iwanowna bedauerte den Verlust der Katze, aber bald war sie ganz vergessen. Eines Tages, als Pulcheria Iwanowna eben ihren Gemüsegarten revidiert hatte und mit einer Menge eigenhändig gepflückter frischer Gurken für Afanassji Iwanowitsch zurückkehrte, vernahm sie zu ihrer Überraschung ein jämmerliches Miauen. Unwillkürlich lockte sie das Kätzchen, rief „Ksch, ksch“, und plötzlich kam eine graue, magere, elende Katze aus dem Steppengras hervorgekrochen, der man es deutlich ansah, daß sie schon einige Tage nichts zu fressen bekommen hatte. Pulcheria Iwanowna ließ nicht nach, sie zu rufen, aber die Katze blieb stehen, miaute und wagte es nicht, näher zu kommen; sie war augenscheinlich in der Zwischenzeit sehr verwildert. Pulcheria Iwanowna ging voraus und hörte nicht auf, die Katze zu locken, die ihr allmählich ängstlich bis zum Speicher nachschlich. Als die Katze jedoch die alten Plätze wiedererkannte, folgte sie ihrer Herrin bis ins Zimmer. Pulcheria Iwanowna befahl sogleich, ihr Milch und Fleisch zu bringen, setzte sich vor ihr nieder und freute sich über die Gier, mit der ihr Liebling ein Stück nach dem andern verschlang und die Milch ausleckte. Die graue Vagabundin wurde zusehends dicker und fraß schon nicht mehr so gierig. Pulcheria Iwanowna streckte die Hand aus, um sie zu streicheln, aber die Undankbare hatte sich offenbar schon zu sehr an die wilden Kater gewöhnt, oder sie hatte den Kopf voll romantischer Ideen und glaubte wohl, Armut und Liebe sei besser als ein Palast (und die Kater waren arm wie Kirchenmäuse), kurzum, sie sprang aus dem Fenster und keiner von den Knechten und Mägden vermochte sie einzufangen.
Die alte Frau wurde nachdenklich. „Der Tod ist zu mir gekommen,“ murmelte sie vor sich hin, und hinfort konnte sie nichts mehr zerstreuen.
Den ganzen Tag war sie traurig. Vergeblich scherzte Afanassji Iwanowitsch und wollte wissen, warum sie plötzlich so melancholisch geworden sei, Pulcheria Iwanowna schwieg, oder sie gab Antworten, die Afanassji Iwanowitsch unmöglich befriedigen konnten. Am nächsten Tage sah sie ganz verändert aus.
„Was fehlt Ihnen, Pulcheria Iwanowna? Am Ende sind Sie gar krank?“ „Nein, ich bin nicht krank, Afanassji Iwanowitsch! Ich muß Ihnen etwas sehr Merkwürdiges mitteilen. Ich weiß, daß ich diesen Sommer sterben werde: der Tod ist schon bei mir gewesen, um mich zu holen.“ Afanassji Iwanowitschs Mund verzog sich schmerzlich, aber er suchte das in seiner Seele aufsteigende traurige Gefühl zu überwinden und sagte lächelnd: „Gott weiß, was Sie reden, Pulcheria Iwanowna. Sie haben gewiß statt des üblichen Kräutertranks ein Gläschen Pfirsichschnaps getrunken!“
„Nein, Afanassji Iwanowitsch, ich habe keinen Pfirsichschnaps getrunken,“ antwortete Pulcheria Iwanowna.
Afanassji Iwanowitsch bereute, daß er Pulcheria Iwanowna geneckt hatte: er sah sie an, und eine Träne hing an seiner Wimper.
„Ich bitte Sie, Afanassji Iwanowitsch, erfüllen Sie meinen Wunsch,“ sagte Pulcheria Iwanowna, „und lassen Sie mich wenn ich sterbe, an der Kirchhofsmauer beerdigen. Ziehen Sie mir das graue Kleid an, wissen Sie — das mit den kleinen Blümchen auf dem braunen Saum. Ziehen Sie mir nicht das Atlaskleid mit dem himbeerroten Streifen an — Tote brauchen keine Kleider — was sollte ich auch damit? Aber Ihnen kann es noch von Nutzen sein, Sie können sich einen schönen Schlafrock daraus machen lassen: wenn Gäste kommen, können Sie sich doch sehen lassen, und sie würdig empfangen.“
„Gott weiß, was Sie da schwatzen, Pulcheria Iwanowna,“ sagte Afanassji, „wer kann denn wissen, wann er sterben wird, und Sie erschrecken mich jetzt mit solchen Worten.“
„Nein, Afanassji Iwanowitsch, ich weiß schon, wann ich sterben werde. Aber Sie dürfen nicht um mich trauern. Ich bin schon alt, wir werden uns bald im Jenseits wiedersehen.“
Aber Afanassji Iwanowitsch schluchzte wie ein Kind.
„Afanassji Iwanowitsch, es ist eine Sünde, so zu weinen. Versündigen Sie sich nicht an Gott, erzürnen Sie ihn nicht mit Ihrem Schmerz. Ich bedaure nicht, daß ich sterben soll, nur das eine tut mir leid (ein tiefer Seufzer unterbrach für einen Augenblick ihre Rede), es tut mir leid, daß ich nicht weiß, wem ich Sie anvertrauen soll. Wer wird für Sie sorgen, wenn ich sterbe? Sie sind ja wie ein kleines Kind — wer für Sie sorgen will, müßte Sie lieb haben!“ Und bei diesen Worten lag ein solch tiefes, herzinniges Mitleid in ihren Zügen, daß ich nicht weiß, ob ihr jemand in diesem Augenblick ohne Bedauern hätte in die Augen sehen können.
Hierauf wandte sie sich an die Wirtschafterin, die sie hatte rufen lassen, und sagte: „Paß mir auf, Jawdocha, und sorge für den Herrn, wenn ich sterbe, hüte ihn wie deinen Augapfel, und wie dein eigenes Kind. Achte darauf, daß man in der Küche stets seine Lieblingsgerichte kocht, und daß Du ihm immer reine Wäsche und reine Kleider gibst, achte darauf daß er anständig angezogen ist, wenn Gäste kommen: sonst kann es noch am Ende passieren, daß er im einen alten Schlafrock herauskommt, er vergißt doch jetzt schon manchmal, ob es Feiertag oder ein Wochentag ist. Laß ihn nicht aus den Augen, Jawdocha, ich werde in jener Welt für dich beten, und Gott wird dich belohnen. Vergiß nicht, Jawdocha, du bist schon alt, und hast auch nicht mehr lange zu leben, häufe keine Sünde auf deine Seele. Wenn du nicht auf den Herren acht gibst, so wirst du nie wieder glücklich werden auf dieser Erde, ich werde Gott selbst bitten, dir kein seliges Ende zu gewähren. Du selbst wirst unglücklich sein, deine Kinder werden unglücklich werden, und dein ganzes Geschlecht wird ohne Gottes Segen sein.“
Die arme Alte! In diesem Moment dachte sie nicht an den gewaltigen Augenblick, der ihrer harrte, nicht an ihre eigene Seele, noch an das zukünftige Leben — sie dachte nur an ihren armen Kameraden, mit dem sie ihr Leben geteilt und den sie nun verwaist und hilflos zurücklassen mußte. Mit der größten Geschäftigkeit und Eile richtete sie alles so ein, daß Afanassji Iwanowitsch nach ihrem Tode ihre Abwesenheit nicht merken sollte. Ihre Überzeugung von der Nähe ihres Todes war so stark, ihre Seele war so davon erfüllt, daß sie wirklich nach einigen Tagen bettlägerig wurde und keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen vermochte. Afanassji Iwanowitsch war die Aufmerksamkeit selbst, er wich keinen Augenblick von ihrem Bette. „Vielleicht sollten Sie doch etwas essen, Pulcheria Iwanowna,“ sagte er, und sah ihr ängstlich in die Augen. Aber Pulcheria Iwanowna sprach kein Wort. Endlich, nach langem Schweigen, schien es, als wollte sie etwas sagen, ihre Lippen bewegten sich, und — ihre Seele war entflohen.
Afanassji Iwanowitsch war aufs höchste betroffen. Das alles erschien ihm so unsinnig und schrecklich, daß er nicht einmal zu weinen vermochte. Trüben Auges blickte er auf die Tote, wie wenn er nicht verstünde, was dieser kalte Leichnam zu bedeuten hätte.
Man legte die Verstorbene auf den Tisch, zog ihr das Kleid an, welches sie sich selbst ausgesucht hatte, und gab ihr eine Wachskerze in die gefalteten Hände. Teilnahmslos sah er allem zu. Eine große Volksmenge aus den verschiedensten Ständen erfüllte den Hof; eine große Anzahl Gäste war zur Beerdigung gekommen; im Hofe wurden lange Tische gedeckt, Gebäck aus Reis und Rosinen (das russische Gericht, das bei keinem Totenmahl fehlen darf), Schnäpse und Kuchen standen in großen Massen umher, die Gäste weinten, betrachteten die Tote, unterhielten sich über ihren Charakter und sahen Afanassji Iwanowitsch an: er aber ging wie abwesend herum. Endlich trug man die Verstorbene hinaus, das Volk strömte hinterher, und auch er folgte mechanisch nach. Die Geistlichkeit erschien in vollem Ornat, die Sonne stand leuchtend am Himmel, die Säuglinge schrien auf den Armen ihrer Mütter, die Lerchen sangen, und eine Unzahl nur mit einem Hemde bekleideter Kinder lief durcheinander und tollte am Wege herum. Endlich stellte man den Sarg neben dem Grabe nieder, und bat ihn heranzutreten und die Verstorbene zum letztenmal zu küssen. Er trat hinzu und küßte sie, Tränen füllten seine Augen, aber es waren kalte, gefühllose Tränen. Der Sarg wurde hinabgelassen, der Priester ergriff als erster die Schaufel und warf eine Handvoll Erde hinunter: unter dem wolkenlosen Himmel stimmte der volle, langgezogene Chor des Vorsängers und zweier Kirchendiener das Lied vom ewigen Gedenken an. Die Totengräber ergriffen den Spaten, und bald füllte Erde das Grab und machte es dem Boden gleich. Da drängte Afanassji Iwanowitsch sich vor, und alle wichen zurück und machten ihm Platz, um zu sehen, was er tun würde. Er aber hob die Augen empor, blickte verstört um sich und sagte: „So also, ihr habt sie schon begraben! Warum ...? ...“ Er stockte und brachte den Satz nicht zu Ende. Aber als er nach Hause kam, und sah, daß sein Zimmer leer war, und daß sogar der Stuhl, auf dem Pulcheria Iwanowna zu sitzen pflegte, fehlte: da weinte er, da weinte er trostlos und bitterlich — und Tränenströme stürzten aus seinen trüben Augen.
Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Welches Leid stillt nicht die Zeit? Welche Leidenschaft hält stand im ungleichen Kampfe mit der Zeit? Ich kannte einen jungen blühenden Mann in voller Jugendkraft, erfüllt von Edelmut und herrlichen Gaben, ich kannte ihn damals, als er leidenschaftlich verliebt war: seine Liebe war zärtlich, glühend, wahnsinnig, brutal und schüchtern zugleich; und in meiner Gegenwart, fast vor meinen Augen, raffte der unersättliche Tod den Gegenstand seiner Liebe, — ein zartes, engelgleiches Mädchen dahin. Ich habe nie solch’ furchtbare Ausbrüche des Seelenschmerzes, eines wahnsinnigen, verzehrenden Jammers, und einer so brennenden Verzweiflung gesehen wie die, die den unglücklichen Liebenden durchrasten. Ich hätte nie gedacht, daß der Mensch selbst sich eine solche Hölle schaffen könnte, in der kein Schatten, kein Bild, — nichts vorhanden ist, was auch nur im entferntesten einer Hoffnung ähnlich sieht ... Man gab sich Mühe, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Man versteckte alle Waffen, mit denen er sich vielleicht hätte ein Leid antun können. Nach zwei Wochen aber hatte er plötzlich die Herrschaft über sich selbst wiedergewonnen, er begann wieder zu lachen und zu scherzen; man gab ihm die Freiheit, und das erste, wozu er sie benutzte, war — sich einen Revolver zu kaufen. Eines Tages wurden seine Verwandten durch einen plötzlichen Schuß aufgeschreckt: sie liefen hinzu und fanden ihn mit zerschmettertem Schädel. Der schnell herbeigerufene Arzt, dessen Kunst damals in aller Munde war, fand noch einige Lebenszeichen bei ihm, auch war die Wunde nicht unbedingt tödlich; und zu aller Erstaunen wurde er wieder hergestellt. Die Aufsicht über ihn wurde noch verschärft, sogar bei Tisch legte man nie ein Messer in seine Nähe. Man versuchte alles von ihm fern zu halten, womit er sich hätte töten können. Aber nur zu bald fand er wieder eine Gelegenheit und warf sich unter die Räder eines Wagens. Arme und Beine wurden ihm zerquetscht: aber auch diesmal genas er wieder. Ein Jahr später sah ich ihn in einer großen Gesellschaft. Er saß auf einem Stuhl und sagte fröhlich: „petit ouvert“, indem er eine Karte verdeckte; und hinter ihm, auf die Stuhllehne gestützt, stand seine junge Frau und spielte mit seinen Marken.
Fünf Jahre waren seit dem Tode Pulcheria Iwanownas vergangen, als ich wieder in diese Gegend kam. Ich fuhr nach dem Gut Afanassji Iwanowitschs, um meinen alten Nachbar zu besuchen, bei dem ich so manchen frohen Tag verbracht und mir so oft an den schmackhaften Erzeugnissen der liebenswürdigen Hausfrau den Magen verdorben hatte. Als ich in den Hof einfuhr, erschien mir das Haus um zehn Jahre älter: die Bauernhütten hatten sich zur Seite geneigt und ihre Bewohner wahrscheinlich auch; Zaun und Flechtwerk im Hofe waren ganz zerstört, und ich sah selbst, wie die Köchin einen Pfahl herauszog, um den Ofen anzuheizen, obwohl sie nur zwei Schritte hätte machen brauchen, um das dort aufgeschichtete Reisig zu erreichen. Melancholisch fuhr ich bei der Treppe vor; dieselben schwarzen und braunen Hunde, die aber jetzt schon blind waren oder verkrüppelte Beine hatten, schlugen an und wedelten mit ihren zottigen Schwänzen, die voller Kletten waren. Der Alte kam mir entgegen. Ja das war er! Ich erkannte ihn sofort, aber er war doppelt so tief zusammengesunken wie früher. Er erkannte und begrüßte mich mit dem wohlbekannten Lächeln. Ich trat nach ihm ins Zimmer. Es schien, als sei hier noch alles unverändert, aber ich entdeckte überall eine schreckliche Unordnung, — überall machte sich ein empfindlicher Mangel von etwas bemerkbar — mit einem Wort, ich empfand jenes Gefühl, das uns beschleicht, wenn wir zum erstenmal die Wohnung eines Witwers betreten, den wir nie anders, als an der Seite seiner Lebensgefährtin gesehen haben, von der er sich nie trennte: Ein Gefühl, jenem gleich, das wir empfinden, wenn wir einen Menschen ohne Beine sehen, den wir nie anders als völlig gesund kannten. An allem merkte ich die Abwesenheit der sorgsamen Pulcheria Iwanowna; bei Tisch legte man ein Messer ohne Griff auf; die Speisen waren nicht mehr mit der gleichen Kunstfertigkeit zubereitet. Und nach der Wirtschaft wagte ich gar nicht erst zu fragen; ich fürchtete mich sogar, einen Blick in die Wirtschaftsräume zu werfen.
Als wir uns zu Tisch setzten, band das Mädchen Afanassji Iwanowitsch die Serviette vor; und es war gut, daß sie es tat, sonst hätte er seinen Schlafrock ganz mit Sauce begossen. Ich versuchte es, ihn ein wenig zu zerstreuen und erzählte ihm allerlei Neuigkeiten. Er hörte mir mit dem gleichen Lächeln zu, aber mitunter war sein Blick völlig abwesend; kein Gedanke leuchtete aus ihm hervor, und er war ganz leer. Häufig erhob er den Löffel mit dem Brei, aber statt ihn zum Munde zu führen, führte er ihn zur Nase; statt mit seiner Gabel ein Stück Hühnchen aufzuspießen, stieß er mit ihr gegen die Karaffe, und dann nahm das Mädchen seine Hand und führte sie zum Huhn. Manchmal mußten wir einige Minuten lang warten, bis das nächste Gericht aufgetragen wurde. Afanassji Iwanowitsch bemerkte es auch und sagte: „Warum bringt man uns denn so lange nichts zu essen?“ Aber ich sah durch den Spalt, daß der Junge, welcher uns bediente, garnicht darauf achtete, sondern den Kopf auf die Bank gelehnt, dalag und schlief.
„Diese Speise,“ sagte Afanassji Iwanowitsch, als man uns eine sogenannte Nonne mit saurer Sahne vorsetzte, „diese Speise,“ fuhr er fort, und ich spürte wie seine Stimme zu zittern begann und Tränen seine bleischweren Augen erfüllten, — aber er nahm alle Kraft zusammen, versuchte sich zu beherrschen — „diese Speise, welche die Ver — Ver — Verstorb .....“ und plötzlich schluchzte er laut auf, die Hand sank auf den Teller, der Teller fiel zu Boden und zerbrach, und die Sauce ergoß sich über ihn. Er saß wie leblos da, steif hielt er den Löffel in der Hand, und Tränenbäche flossen, wie ein nie versiegender Quell in Strömen auf die vorgebundene Serviette.
Ich sah ihn an und dachte: „Mein Gott, fünf Jahre der alles verschlingenden Zeit — und nun ist er ein Greis, ein stumpfsinniger Greis, er, dessen Leben scheinbar nie durch eine starke Gemütsbewegung erschüttert worden war, dessen ganzes Leben darin bestand, auf einem hohen Stuhl zu sitzen, und getrocknete Fische oder Beeren zu verzehren, — oder harmlose Geschichten anzuhören: und nun dieser heiße, nie endende Gram! Was ist denn das Stärkere in uns: die Leidenschaft oder die Gewohnheit? Sind unsere heftigen Ausbrüche, ist der Sturm unserer Wünsche nur eine Folge der glühenden Jugend, und scheinen sie uns nur deshalb so schrecklich und verwirrend, weil wir jung sind?“ Wie dem auch sein mag, in jenem Augenblick schienen mir all unsere Leidenschaften so kindisch im Vergleich zu dieser allmählichen, fast unbewußten Gewöhnung. Wiederholt versuchte er den Namen der Verstorbenen auszusprechen: aber schon bei der ersten Hälfte des Wortes verzerrte sich sein sonst so ruhiges, indifferentes Gesicht, und sein kindliches Weinen drückte mir das Herz ab. Nein, das waren andere Tränen als die, die alte Leute so leicht bei der Hand haben, wenn sie uns von ihrer trüben Lage und ihrem Unglück vorjammern; das waren auch nicht jene Tränen, die sie so leicht bei einem Glas Punsch vergießen: nein das waren Tränen, die ungewünscht und ungerufen hervorströmten, gehäuft durch das schneidende Weh eines schon erkalteten Herzens.
Er lebte nicht mehr lange. Vor kurzem hörte ich, daß er gestorben sei. Und ist es nicht seltsam, daß die Art seines Todes eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Pulcheria Iwanownas hatte. Eines Tages sollte Afanassji Iwanowitsch ein wenig im Garten spazieren gehen. Als er langsam und gedankenlos in seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit des Weges einherschritt, da ereignete sich ein merkwürdiger Zufall. Er vernahm plötzlich, wie jemand hinter ihm mit klarer Stimme seinen Namen rief: „Afanassji Iwanowitsch!“ Er drehte sich um, aber es war niemand da. Er spähte nach allen Seiten, blickte hinter die Büsche, — aber er konnte niemand entdecken. Der Tag war still, und die Sonne strahlte am Himmel. Einen Augenblick versank er in Nachdenken, dann belebten sich seine Züge, und endlich sagte er. „Das ist Pulcheria Iwanowna — sie ruft mich!“
Sicherlich hat schon so mancher Leser einmal eine Stimme gehört, die ihn beim Namen ruft; der Volksmund erklärt das so, daß eine Seele sich vor Sehnsucht nach einem Menschen verzehrt und ihn ruft: die Folge aber sei unbedingt der Tod. Ich muß gestehn, mir war solch ein geheimnisvolles Rufen immer unheimlich. Ich erinnere mich, es in meiner Kindheit recht oft gehört zu haben: manchmal sprach plötzlich hinter mir jemand meinen Namen aus. Gewöhnlich war es ein besonders klarer und sonniger Tag, im Garten regte sich kein Blatt an den Bäumen; überall herrschte eine beklemmende Stille, selbst die Grille verstummte um diese Tageszeit, und keine Menschenseele war im Garten. Und doch muß ich sagen: hätte mich die fürchterlichste, stürmischste Nacht mit der ganzen Hölle der entfesselten Natur im einsamen Urwalde überfallen: ich wäre nicht so erschrocken gewesen, wie bei dieser schauervollen Stille mitten an diesem wolkenlosen Tag! Gewöhnlich lief ich dann, halb wahnsinnig vor Schreck, atemlos aus dem Garten und beruhigte mich erst, wenn irgend ein Mensch mir entgegenkam, dessen Anblick die furchtbare Öde aus meinem Herzen verjagte. — Er gab sich ganz der Überzeugung hin, daß Pulcheria Iwanowna ihn gerufen habe. Er unterwarf sich wie ein Kind, magerte ab, hüstelte und schmolz dahin, wie eine Kerze und verlöschte endlich wie diese, wenn nichts mehr vorhanden ist, was ihre Flamme speist.
„Legt mich neben Pulcheria Iwanowna“ — das war alles, was er vor seinem Tode zu sagen vermochte.
Man erfüllte seinen Willen und beerdigte ihn neben der Kirche, ganz in der Nähe von Pulcheria Iwanownas Grab. Diesmal waren weniger Gäste zur Beerdigung erschienen, dafür aber zahlreiche arme Leute und Bettler. Das Herrenhaus wurde jetzt ganz leer. Der unternehmende Verwalter und der Dorfälteste trugen all die altertümlichen Gegenstände und alles Hausgerät, was die Wirtschafterin übrig gelassen hatte, mit sich fort.
Bald erschien, Gott weiß woher, irgend ein entfernter Verwandter, der Erbe des Gutes; er war ein großer Reformer, und hatte, ich weiß nicht mehr, in welchem Regiment als Leutnant gedient. Er bemerkte sofort die große Unordnung und Verwahrlosung in der Wirtschaft und beschloß dies alles mit Stumpf und Stil auszurotten, zu reformieren und eine neue Ordnung einzuführen. Er schaffte sich sechs prachtvolle englische Sicheln an, ließ an jeder Hütte eine Nummer befestigen und richtete alles so vortrefflich ein, daß das Landgut nach sechs Monaten unter Kuratel gestellt wurde. Die wohlweise Vormundschaft (welche aus einem ehemaligen Assessor und irgend einem Stabsoffizier in einer verblichenen Uniform bestand), vertilgte in kürzester Zeit alle Hühner und Eier. Die Hütten, welche schon fast auf der Erde lagen, stürzten jetzt völlig ein, die Bauern ergaben sich dem Trunk und machten sich zum größten Teil aus dem Staube. Der Besitzer, der im übrigen mit seinen Vormündern auf freundschaftlichem Fuße lebte und mit ihnen Punsch trank, kam nur höchst selten auf sein Gut und verweilte nie lange dort. Er fährt bis heute auf allen Jahrmärkten Kleinrußlands umher und erkundigte sich genau nach den Preisen für die Erzeugnisse: als da sind: Mehl, Hanf, Honig usw., die en gros verkauft werden, aber er selbst kauft nur Kleinigkeiten: wie Feuersteine, einen Nagel zum Reinigen der Pfeife und überhaupt alles, was im Gesamtpreis den Wert eines Rubels nicht übersteigt.
Taraß Bulba. Eine Erzählung
Übersetzt von
Eugenie Chmelnitzky
Erstes Kapitel
„Dreh dich mal um, Junge! Siehst du aber komisch aus! Was tragt ihr denn da für Talare? Geht ihr auf der Akademie alle so angezogen?“
Mit diesen Worten begrüßte der alte Bulba seine beiden Söhne, die im Seminar von Kiew studiert hatten und nun in das väterliche Haus zurückkamen.
Die jungen Leute waren eben vom Pferde gestiegen. Das waren zwei derbe Burschen, ernst und mißtrauisch dreinschauend wie alle, die das Seminar erst eben verlassen haben. Auf ihren frischen, wetterfesten Gesichtern keimte schon der erste Flaum, den noch kein Rasiermesser berührt hatte. Sie waren ganz verblüfft über den Empfang, den ihr Vater ihnen bereitet hatte, und standen mit unbeweglich zur Erde gesenkten Augen da.
„Halt, so laßt euch doch erst mal gründlich ansehen,“ fuhr er fort, indem er sie hin- und herschob und sie von allen Seiten betrachtete.
„Herrgott, habt ihr lange Kittel an! So etwas gibt es ja gar nicht wieder! Lauft doch mal ein bißchen herum. Ich will doch mal sehen, ob ihr nicht über eure eigenen Rockschöße stolpert und hinfallt.“
„Vater, hör doch auf und laß die Scherze,“ sagte endlich der Ältere.
„So ein stolzer Bursche! Und warum soll man denn nicht einmal lachen können?“
„Weil es mir nicht gefällt. Du bist zwar mein Vater, aber wenn du dich über mich lustig machst — bei Gott, so prügle ich dich durch!“
„Na, du bist ja ein netter Sohn! Was sagst du? Mich verprügeln?“ rief Taraß Bulba und trat vor Erstaunen einige Schritte zurück.
„Jawohl, wenn es sein muß, prügele ich auch den eigenen Vater durch. Ich lasse mich von niemandem beleidigen, von niemandem!“
„Und wie willst du dich mit mir schlagen? Welche Waffe wünschst du? Etwa die Faust?“
„Das ist mir völlig gleichgültig.“
„Na, dann meinetwegen los,“ sagte Bulba und streifte seine Ärmel auf, „ich will doch mal sehen, ob du im Faustkampf deinen Mann stellen kannst.“
Und statt sich nach so langer Trennung herzlich zu begrüßen und zu plaudern, begannen Vater und Sohn aufeinander loszuschlagen, daß es nur so von Rippenstößen und Faustschlägen auf Leib und Brust und Bauch hagelte. Bald traten sie zurück und blickten sich an, bald gingen sie wieder aufeinander los.
„Seht euch das nur mit an, liebe Leute, der Alte ist ganz verrückt geworden, ganz und gar verrückt,“ sagte die blasse, magere, gute Mutter, die auf der Schwelle stand und noch nicht dazu gekommen war, ihre teuren Sprößlinge zu umarmen. „Eben sind die Kinder nach Hause gekommen, man hat sie über ein Jahr nicht gesehen; ihm aber rappelt’s, und er beginnt mit Fäusten auf sie einzuschlagen.“
„Ja, der drischt wundervoll,“ sagte Bulba und trat zurück. „Bei Gott, das hat er fein raus,“ fuhr er fort, indem er sich etwas verschnaufte, „es wäre beinahe besser gewesen, ihn nicht erst in Versuchung zu bringen. Das gibt mal einen prachtvollen Kosaken. Ausgezeichnet, mein Junge, und jetzt wollen wir uns endlich ein paar ordentliche Küsse geben.“ Und Vater und Sohn küßten sich. „Brav, mein Junge! Prügle nur jeden so durch, wie eben mich! Laß dir nichts gefallen. Aber Dein Anzug ist wirklich ein bißchen komisch. Was baumelt denn da herunter? — Na und du? Was stehst du da und läßt die Arme hängen?“ wandte er sich an den Jüngeren. „Warum drischst du nicht auch auf mich los, du Hundsfott?“
„Das ist wieder ein echter Einfall von dir,“ sagte die Mutter und umarmte den Jüngeren. „Wie einem nur so etwas in den Kopf kommen kann! Das eigene Kind soll seinen Vater prügeln! Ja, als ob jetzt Zeit dazu wäre, wo das arme Kind eben einen so weiten Weg zurückgelegt hat und noch ganz müde ist — (das Kind war über zwanzig Jahre alt und genau einen Klafter groß) — Es müßte sich jetzt ausruhen und etwas essen. Und du zwingst ihn, sich mit dir herumzuschlagen.“
„Na, du bist mir der Rechte, das sehe ich schon,“ sagte Bulba. „Höre nicht auf ihre Reden, mein Junge, sie ist ein Weib und versteht nichts davon. Solch eine Verzärtelung! Das weite Feld und ein gutes Pferd — das ist eure Erholung! Hm, seht ihr diesen Säbel? Das ist eure rechte Mutter! Das ist alles Schund, was man euch in die Köpfe gestopft hat: die Akademien, die Bücher, die Fibeln, die Philosophie und dieser ganze gelehrte Kram — ich pfeife auf das alles!“ (Hier bediente sich Bulba eines Wortes, das sich nicht gut drucken läßt.)
„Na, es ist schon das beste, ich bringe euch nächste Woche gleich zu den Saporoger Kosaken. Das ist eine Wissenschaft, das ist die wahre Wissenschaft und die richtige Schule für euch. Dort werdet ihr erst zu Verstande kommen!“
„Was, nur eine Woche sollen sie hier bleiben?“ jammerte die alte, dürre Mutter mit Tränen in den Augen, „die Armen sollen sich nicht einmal ein bißchen erholen können, nicht das Vaterhaus kennen lernen, und ich werde mich nicht einmal richtig satt sehen können an ihnen!“
„Genug, genug, hör auf zu heulen, Alte! Der Kosak ist nicht dazu da, sich mit Weibern herumzuplacken. Du möchtest sie dir wohl am liebsten unter den Rock stecken? und auf ihnen herumsitzen wie auf Hühnereiern! Schnell, schnell, geh und deck den Tisch und bring uns, was da ist. Plätzchen, Honigkuchen, Mohnstritzel und ähnliche Kindereien kannst du dir schenken! Schaff lieber einen ganzen Hammel heran und eine Ziege, und vierzigjährigen Meth dazu. Und recht viel Schnaps, aber keinen mit allerlei Unfug, mit allerhand Zusätzen, Rosinen und ähnlichen Geschichten, sondern einen unverfälschten, prickelnden, schäumenden Schnaps, der einen brennt wie toll.“
Und Bulba führte seine Söhne in die gute Stube, aus der bei ihrem Eintritt zwei hübsche Dienstmädchen mit goldfarbenen Halsbändern herausliefen, die gerade die Zimmer aufräumten. Anscheinend waren sie über die Ankunft ihrer jungen Herren, denen man nicht gerade übertriebene Freundlichkeit nachsagte, erschrocken, oder sie wollten nach Weiberart, aufschreien, den fremden Männern entfliehen und sich lange schamhaft mit dem Ärmel die Augen verdecken. Die Stube war im Geschmack jener Zeit ausgestattet, an die sich nur noch in den Balladen und Volksliedern, wie sie früher in der Ukraine vor versammeltem Volk von blinden Greisen zu den stillen Klängen der Bandura gesungen wurden, eine lebendige Erinnerung erhalten hatte im Geschmack jener kampflustigen, rauhen Zeit, da in der Ukraine die Gefechte und Schlachten gegen die Union begannen. Alles war sauber und mit farbigem Ton bestrichen. An den Wänden hingen Säbel, Peitschen, Vogel- und Fischnetze, Waffen, ein schön gearbeitetes Pulverhorn, ein goldener Zaum und Zügel mit silbernen Beschlägen. Die Fenster dieser Stube waren klein, mit runden, trüben Scheiben, wie man sie wohl in alten Kirchen antrifft, und durch die man nur hindurch schauen kann, wenn man die eine bewegliche Scheibe hinwegschiebt. Fenster und Türen hatten rote Vorhänge. In den Ecken standen Krüge, große und kleine Flaschen aus grünem und blauen Glase, ziselierte silberne Becher, vergoldete Tassen von mannigfaltigster Arbeit: venezianische, türkische und tscherkessische, die auf mancherlei Wegen, aus dritter und vierter Hand, wie es in jenen tollen Zeiten üblich war, in die Stube des alten Bulba gelangt waren. Stühle aus Birkenholz standen ringsum an den Wänden, in der Vorderecke unter den Heiligenbildern ein ungeheurer Tisch, ferner ein breiter Ofen mit Stufen, Vorsprüngen und bunten farbigen Kacheln — das alles war unsern beiden tapfern Jünglingen wohlbekannt, die alljährlich während der Ferien nach Hause wanderten — wobei sie ihre Füße gebrauchen mußten, weil sie noch keine Pferde hatten, und da es zu jener Zeit noch nicht Sitte war, daß Schüler ritten. Sie hatten noch lange, flatternde Mähnen, an denen sie jeder waffentragende Kosak packen durfte. Erst nach ihrer Entlassung aus der Schule hatte ihnen Bulba ein paar junge Hengste aus seiner Herde geschickt.
Zur Feier der Ankunft seiner Söhne ließ Bulba alle anwesenden Hauptleute und Regimentskommandeure versammeln, und als zwei von ihnen sowie der Unterhetman Dmitro Towkatsch, sein alter Kampfgenosse, erschienen, stellte er ihnen sofort seine Söhne vor und sagte: „Seht euch mal die tapfren Jungens an! Ich will sie bald nach der Sjetsch schicken.“ Die Gäste beglückwünschten Bulba und die beiden jungen Leute, und versicherten ihnen, daß das wohlgetan wäre, es gäbe für einen jungen Mann überhaupt keine bessere Schule als die Saporoger Sjetsch.
„Nun Brüder, nehmt alle am Tisch Platz. Da, wo es jedem am bequemsten ist. Und jetzt, meine Jungens, wollen wir vor allen Dingen einen Schnaps trinken,“ sagte Bulba. „Gott segne euch! Bleibt gesund, Kinder. Dein Wohl Ostap und deins Andrij. Gott gebe, daß ihr in der Schlacht immer Sieger bleibt, daß ihr alle Heiden, die Türken und die Tataren vernichtet, und wenn die Polen unsern Glauben antasten wollen, so gebt es auch ihnen ordentlich! Gib mal dein Glas her! He, der Schnaps ist gut? Wie heißt eigentlich Schnaps auf lateinisch? Ja, ja, das waren alles Dummköpfe, die Lateiner, die wußten nicht einmal, daß es Schnaps auf der Erde gibt. Wie hieß doch der, der lateinische Verse geschrieben hat. Ich kann nicht viel lesen und schreiben, und weiß es darum nicht mehr recht ... Horaz, hieß er nicht Horaz?“
„Sieh mal einer den Vater an,“ dachte der ältere Bruder Ostap, „der alte Mops weiß alles und verstellt sich so.“
„Ich mein’, der Archimandrit hat euch nicht einmal Schnaps zu riechen gegeben,“ fuhr Taraß fort, „aber gesteht mal Jungens, man hat euch doch den Rücken und alles, was ein Kosak sonst noch hat, tüchtig mit Birken- und frischen Kirschenruten bestrichen? Oder hat’s wohl gar Peitschenhiebe gegeben, da ihr mir schon gar zu klug zu sein scheint. Man hat euch wohl nicht nur Sonnabends, sondern auch am Mittwoch und Donnerstag damit regaliert?“
„Laß das doch, Vater“, sagte Ostap kaltblütig, „was geschehen ist, ist geschehen.“
„Mag’s doch jetzt mal einer versuchen!“ sagte Andrij, „er soll nur kommen, und uns anrühren; wenn mir so ein Tatarenkerl in den Weg käme, der sollte schon erfahren, was ein Kosakensäbel für ein Ding ist.“
„Brav, Söhnchen, brav, bei Gott. Wenn die Sache so steht, so fahre ich selbst mit euch. Bei Gott, das tu ich. Was zum Teufel, soll ich denn hier sitzen und warten? Soll ich etwa Buchweizen säen, nach den Schafen und Schweinen schauen, den Hauswirt spielen oder gar mit meinem Weib schön tun? Der Teufel soll sie holen, ich bin ein Kosak und mache solche Dinge nicht! Was macht’s, daß es jetzt keinen Krieg gibt! Ich gehe mit euch zu den Saporogern — ich will mich dort ein wenig austoben. Bei Gott, ich fahre mit.“
Und der alte Bulba regte sich immer mehr und mehr auf, und geriet endlich vollkommen in Zorn, stand auf, stampfte mit dem Fuß und nahm eine energische Haltung an. „Morgen geht’s los. Wozu sollen wir es aufschieben! Welchen Feind können wir denn hier abfangen? Was soll mir diese Hütte? Wozu brauchen wir das alles? Wozu sind diese Töpfe?“ Und bei diesen Worten nahm er die Töpfe und Flaschen, warf sie auf den Boden und zertrümmerte sie. Die arme alte Frau, die an dies Benehmen ihres Mannes schon gewöhnt war, saß auf der Bank und sah traurig vor sich hin. Sie wagte nichts zu sagen: als sie jedoch von dem schrecklichen Entschluß ihres Mannes hörte, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten; sie sah ihre Kinder an, von denen sie sich so schnell trennen sollte — und niemand hätte wohl die ganze stumme verhaltene Kraft ihres Kummers beschreiben können, der, wie es schien, in ihren Augen und den krampfhaft aufeinandergepreßten Lippen zitterte.
Bulba war schrecklich eigensinnig. Das war einer jener Charaktere, wie sie nur in dem harten XV. Jahrhundert, in einem von halben Nomaden bewohnten Winkel Europas geboren werden konnten, als noch das ganze alte Süd-Rußland, von seinen Fürsten verlassen, durch die unaufhaltsamen Überfälle der mongolischen Räuber von Grund auf verwüstet und verheert wurde; als die Menschen ihres Herdes und jeglicher Habe beraubt, immer tollkühner und verwegener wurden, sich im Angesicht der ständigen Gefahr und der furchtbaren Feinde in ihren abgebrannten Häusern niederließen und sich, der Furcht spottend — daran gewöhnten, dem Kampf mutig ins Auge zu schauen; als der alte, friedliche slavische Geist von der kriegerischen Flamme erfaßt wurde, als das Kosakentum, dieses machtvolle Symbol der russischen Natur, erstand und alle an den Flüssen gelegenen Gegenden, alle Fähren und alle niedrigen und bequem liegenden Plätze von Kosaken überschwemmt wurden, deren Zahl niemand anzugeben wußte und deren kühne Kameraden einem Sultan auf seine Frage nach ihrer Anzahl antworten durften:
„Wer soll das wissen? Die ganze Steppe ist mit ihnen übersät, und wo sich nur ein Hügelchen erhebt, da ist auch schon ein Kosak.“ Es war wirklich eine ungewöhnliche Erscheinung der russischen Kraft, die der Feuerstrahl des Unglücks aus der russischen Brust geschlagen hatte. An Stelle der früheren Lehnsgüter, der mit Hundewärtern und Oberjägermeistern bevölkerten kleinen Städte, an Stelle der kleinen Fürsten, die sich gegenseitig bekriegten und ihre Städte verhandelten, entstanden trotzige Niederlassungen, Kosakendörfer und Ortschaften, die durch die gemeinsame Gefahr und den Haß gegen die heidnischen Räuber verbunden waren. Es ist jedem aus der Geschichte bekannt, wie ihr ewiger Kampf und ihr ruheloses Leben Europa vor den beständigen Angriffen der Mongolen gerettet haben, die es zugrunde zu richten drohten. Die polnischen Könige, die an Stelle der Lehnsfürsten die Herrscher dieser großen Ländereien geworden waren, begriffen — obgleich sie zu weit entfernt und zu schwach waren — sehr wohl die Bedeutung der Kosaken und den Vorteil dieses so kampffrohen und wachsamen Lebens.
Sie spornten die Kosaken sogar an und leisteten ihren Neigungen Vorschub. Unter ihrer durch ihre Entfernung nur wenig drückenden Herrschaft schufen die Hetmane, die selbst aus der Mitte der Kosaken gewählt wurden, die Dörfer und Ansiedelungen in regelrechte Truppenlager und Reviere um. Dies waren zwar keine regulären Truppen — die hätte man hier vergebens gesucht — aber im Kriegsfall, wenn eine allgemeine Bewegung durch das Land ging, stellte sich jeder Kosak in höchstens acht Tagen hoch zu Roß in voller Rüstung ein. Ein jeder erhielt vom Könige für seine Dienste nur einen Dukaten, und doch wurde innerhalb zwei Wochen ein solches Heer aufgestellt, wie es keine Rekruten-Aushebung hätte schaffen können. Wenn der Krieg beendet war, kehrte jeder Krieger zu seinen Wiesen und Weideplätzen, oder zu den Ufern des Dniepr zurück, lebte dort als Fischer weiter, handelte, braute Bier, und wurde wieder ein freier Kosak.
Die Ausländer waren damals mit Recht erstaunt über die außerordentlichen Fähigkeiten des Kosaken. Es gab kein Gewerbe, das er nicht verstand: Wein keltern, Wagen bauen, Pulver mahlen, Schmiede- und Schlosserarbeiten verrichten und dazu die ganzen Nächte hindurch bummeln, trinken und zechen, wie nur irgend ein Russe das vermag — das alles war so recht nach seinem Geschmack. Neben den registrierten Kosaken, die es für ihre unabweisliche Pflicht hielten, sich im Kriegsfalle zur Verfügung zu stellen, konnte man im Notfalle auch noch jederzeit ganze Scharen von Freiwilligen zusammenbringen; zu diesem Zwecke mußten die Unterhauptleute nur einmal durch alle Märkte und Plätze der Dörfer und Städtchen hindurchfahren und von ihren Wagen herab laut verkündigen: „Hallo, ihr Bierbäuche und Bierbrauer! Hört doch endlich auf, immer nur Bier zu brauen, hinter dem Ofen herumzuliegen und die Fliegen mit euren dicken Wänsten zu mästen. Macht euch auf, Ruhm und Ritterehre zu erwerben! Hallo, ihr Ackerleute, ihr Bauern, Schafhirten und Weiberknechte! Ihr seid lange genug hinter dem Pfluge einhergelaufen, habt eure gelben Stiefel mit Erde beschmutzt und mit den Weibern scharwenzelt. Wollt ihr eure Ritterehre ganz vergessen? Auf, Kerls, es ist Zeit, wieder Kosakenruhm zu erwerben!“ Solche Worte waren gleich Funken, die in trockenes Holz fielen. Der Ackermann zerbrach seinen Pflug, die Bierbrauer verließen ihre Kübel und zertrümmerten ihre Fässer, die Händler und Handwerker ließen ihr Handwerk und ihren Laden zum Teufel gehen, zerbrachen zu Hause das Geschirr, und wer es nur irgendwie durchsetzen konnte, schwang sich aufs Pferd. Kurz, der russische Charakter kam hier mächtig und herrlich zur Entfaltung und zeigte sich in einer neuen, kräftigen Gestalt.
Taraß gehörte noch zu den alten Kosakenhäuptlingen von echtem Schrot und Korn: sein ganzer Charakter war dazu angetan, die Gefahren und die Unruhe des Krieges auf sich zu nehmen, und er zeichnete sich durch ein grobes, aber offenes und gerades Wesen aus. Damals machte sich bereits der Einfluß Polens im russischen Adel bemerkbar. Viele hatten polnische Sitten angenommen, führten ein üppiges Leben, besaßen eine glänzende Dienerschaft, Falken, Hunde und ein großes Gefolge, und hielten zudem rauschende Feste und Bankette ab. All das war Taraß verhaßt. Er liebte das einfache Leben der Kosaken, entzweite sich oft mit seinen Genossen, die der Warschauer Art zugeneigt waren, und nannte sie Sklaven der polnischen Pane. Nie gönnte er sich Ruhe und er hielt sich für den rechtmäßigen Beschützer der rechtgläubigen Kirche. Unerwartet und eigenmächtig kam er in die Dörfer, wo man über den Druck der Pächter oder über die allzu harten neuen Steuern klagte, die auf den Höfen lasteten. Dort hielt er selbst inmitten seiner Kosaken Gericht ab. Er hatte es sich zur Regel gemacht, in drei Fällen stets zum Säbel zu greifen, erstlich wenn die Kommissare den Ältesten der Gemeinde nicht die nötige Achtung erweisen wollten und mit der Mütze auf dem Kopfe vor ihnen standen; zweitens, wenn sie über die rechtgläubige Kirche spotteten und die Sitten der Vorfahren belächelten, und endlich drittens: wenn es sich um Feinde, Türken und Mohammedaner handelte, gegen die er es stets für erlaubt hielt, zum Ruhme der Christenheit das Schwert zu ziehen.
Jetzt freute er sich schon im voraus bei dem Gedanken, mit seinen beiden Söhnen in der Sjetsch einzutreffen und dort laut verkündigen zu können: „Seht mal her, was ich euch für tüchtige Kerle mitgebracht habe!“ Er freute sich darauf, sie all seinen kampferprobten Freunden zu zeigen und dann ihre ersten großen Taten in der Kriegs- und Fechtkunst, die er ebenfalls für die Haupttugend eines Ritters hielt, miterleben zu dürfen. Zuerst wollte er sie allein fortschicken; aber angesichts ihrer frischen Jugend, ihres kräftigen Wuchses und ihrer männlichen Schönheit loderte sein kriegerischer Geist empor, und er beschloß, sich schon am nächsten Tage selbst mit ihnen auf den Weg zu machen, wenn ihn auch keine andere Notwendigkeit zu dieser Reise veranlaßte, als allein sein eigensinniger Wille. Er war bereits aufs äußerste beschäftigt und erteilte Befehle, wählte die Pferde, Geschirr und Sattelzeug für seine jungen Söhne aus, sah sich in den Ställen und Speichern um und bestimmte die Diener, die morgen mit ihnen zusammen aufbrechen sollten. Seine Ämter übergab er dem Unterhauptmann Towkatsch, und befahl ihm zugleich aufs strengste, sich unverzüglich mit der ganzen Schar einzufinden, sowie er aus der Sjetsch eine Nachricht von ihm erhalte. Obgleich er noch ein wenig angeheitert war, und der Branntwein noch in seinem Kopfe rumorte, vergaß er doch nichts: er befahl sogar, die Pferde zu tränken, ihnen den schönsten und besten Weizen in die Krippe zu schütten, und kam endlich ganz ermüdet von all seinen Besorgungen zu Hause an.
„Jetzt heißt es, ausschlafen, Kinder, und morgen, da machen wir, was Gott uns eingiebt. Ja, und mach uns keine Betten zurecht. Wir brauchen kein Bett; wir werden auf dem Hofe schlafen.“
Die Nacht hatte ihre Schwingen noch kaum über den Himmel gebreitet, aber Bulba pflegte sich stets früh zur Ruhe zu begeben. Er streckte sich auf dem Teppich aus und bedeckte sich mit einem kurzen Schafspelz, denn die Nachtluft war ziemlich frisch, und Bulba hüllte sich gern tüchtig ein, wenn er zu Hause war. Es dauerte nicht lange, da begann er schon zu schnarchen, und bald folgte der ganze Hof seinem Beispiel; alles, was in den verschiedenen Ecken herumlag, schnarchte, pfiff und grunzte in den verschiedensten Tönen im schönsten Konzert. Zuallererst schlief der Wächter ein: er hatte zur Feier der Ankunft der jungen Herren am meisten getrunken.
Nur die arme Mutter schlief nicht. Sie schlich sich an das Kopfende ihrer Herren Söhne, die nebeneinander lagen, kämmte ihre jungen, wirren Locken mit einem Kamme und netzte sie mit ihren Tränen. Sie blickte sie an, blickte sie vollen Herzens an, als wäre sie ganz Auge geworden — und konnte sich nicht satt an ihnen sehen. Sie hatte sie an ihrer eigenen Brust genährt; hatte sie selbst gehegt und gepflegt und großgezogen — und jetzt sollte sie sie nur einen kurzen Augenblick bei sich sehen!
„Meine Söhne, meine lieben Söhne! Was wird aus euch werden? Was erwartet euch?“ sagte sie, und die Tränen blieben in den Runzeln hängen, die ihr einstmals so schönes Gesicht gänzlich verändert hatten. Wirklich, sie war zu bedauern, wie jede Frau in dieser kampflustigen Zeit. Nur einen Augenblick hatte sie die Liebe, die ersten hitzigen Triebe der Leidenschaft, die erste stürmische Glut der Jugend kennen gelernt, und schon hatte ihr rauher Geliebter sie verlassen, um sie gegen den Säbel, die Kameraden und Zechgelage einzutauschen. Gewöhnlich sah sie ihren Mann zwei, drei Tage im Jahr; es kam aber auch vor, daß sie jahrelang nichts von ihm hörte. Aber selbst wenn sie ihn dann sah, wenn sie zusammen lebten — was war das für ein Leben! Sie mußte jede Beleidigung über sich ergehen lassen, sie erhielt sogar Schläge, und die Liebkosungen, die ihr zuteil wurden, warf man ihr nur wie aus Gnade hin. Sie war ein seltsames Wesen, mitten in diesem Kreise unbeweibter Reiter, denen das unbändige Saporoger Leben seinen rauhen Charakter mitgeteilt hatte. Ihre an Glück und Genüssen arme Jugend war dahingeschwunden; ihre wunderschönen frischen Wangen und Brüste waren ungeküßt verblüht und hatten sich vorzeitig mit Runzeln bedeckt. Alle Liebe, alle Gefühle, alles was eine Frau an Zartheit und Leidenschaft in sich birgt, hatte sich bei ihr ausschließlich in mütterliches Empfinden verwandelt. Voller Glut und Leidenschaft, und mit Tränen in den Lidern hing sie wachsam wie eine Steppenmöve an ihren Kindern. Ihre Söhne, ihre lieben Söhne sollten ihr genommen werden — und sie würde sie niemals wiedersehen! Wer weiß, vielleicht würden die Tataren ihnen schon in der ersten Schlacht die Köpfe abhauen, und sie würde nie erfahren, wo ihre Leiber hingekommen seien, die unbeachtet am Wege lagen und die vielleicht ein vorbeifliegender Raubvogel zerfleischte. Wie gern hätte sie für jeden Tropfen ihres Blutes ihr ganzes Leben hingegeben! Weinend schaute sie ihnen in die Augen, die der allmächtige Schlaf schon zu schließen begann: „Vielleicht,“ sprach sie leise vor sich hin, „vielleicht wird Bulba, wenn er aufwacht, die Reise doch noch auf zwei Tage verschieben, vielleicht wollte er nur deshalb so früh aufbrechen, weil er zu viel getrunken hat.“
Der Mond beleuchtete schon längst den Hof, der voller Schläfer lag, und blickte auf das Weidengestrüpp und all das hohe Steppengras herab, das den Hof gleichsam umzäunte. Sie aber saß immer noch zu Häupten ihrer geliebten Söhne, blickte nicht einen Augenblick von ihnen weg und dachte nicht an Schlaf. Die Pferde, die bereits die Morgendämmerung witterten, lagen im Grase und fraßen bald nicht mehr; die Wipfel der Weiden zitterten, und ein leises Flüstern glitt wie ein Strom bis zu ihren Wurzeln herab. Sie saß da, bis es hell wurde, verspürte nicht die leiseste Müdigkeit und wünschte insgeheim, daß die Nacht recht lange dauern möchte. Von der Steppe her hörte man das leise Wiehern der Füllen, und am Himmel leuchtete der erste Streifen der Morgenröte auf.
Plötzlich erwachte Bulba und sprang empor. Er erinnerte sich an alle Anordnungen, die er gestern getroffen hatte. „Hallo, ihr Burschen, jetzt ist es vorbei mit dem Schlafen! Es ist Zeit, höchste Zeit. Tränkt die Gäule! Und wo ist die Alte? (So nannte er gewöhnlich seine Frau.) Schnell, schnell Alte, mach das Essen bereit: wir haben einen langen Weg vor uns!“
Die arme Alte ging traurig und ihrer letzten Hoffnung beraubt, ins Haus. Während sie tränenden Auges alles vorbereitete, was zum Frühstück erforderlich war, erteilte Bulba seine Befehle, machte sich im Stall zu schaffen und suchte selbst den kostbarsten Schmuck für seine Söhne aus.
Die Seminaristen schienen plötzlich wie umgewandelt. Statt der alten schmutzigen Stiefel hatten sie nun welche aus rotem Saffianleder mit silbernen Beschlägen; die Beinkleider, die so weit waren, wie das schwarze Meer, schlugen tausend Falten und wurden durch einen goldenen Gurt zusammengehalten, an dem lange schmale Riemen mit Troddeln und anderem Zierat für die Tabakspfeife angebracht waren. Ihre feuerroten Kosakenröcke schnürten bunt gestickte Gürtel ein, in denen schön ziselierte türkische Pistolen staken, und ihre Füße umklirrte ein mächtiger Säbel. Ihre nur wenig gebräunten Gesichter schienen noch schöner und weißer geworden zu sein, und ihre jünglingshaften schwarzen Schnurrbärte ließen die helle Farbe und die gesunde kraftvolle Blüte ihrer Jugend noch stärker hervortreten. Mit ihren in eine goldene Spitze auslaufenden Schaffellmützen sahen sie tatsächlich wunderschön aus. Die arme Mutter! Als sie sie erblickte, vermochte sie kein Wort hervorzubringen, und die Tränen blieben ihr in den Augen stecken.
„Nun Jungens, es ist alles fertig. Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren!“ sagte Bulba endlich. „Doch wir wollen uns vor der Abreise nach christlichem Brauch erst noch einmal niedersetzen.“
Alle ließen sich nieder, selbst die Knechte, die bisher ehrerbietig an der Tür gestanden hatten.
„So, jetzt segne deine Kinder, Mutter,“ sagte Bulba, „bete zu Gott, daß sie wacker kämpfen, stets die Ritterehre hochhalten und den christlichen Glauben beschützen mögen — sonst sollen sie lieber zugrunde gehen, und ihre Spur mag vom Erdboden getilgt werden! Kinder, geht zu eurer Mutter hin, das mütterliche Gebet schützt einen zu Wasser wie zu Lande!“
Die Mutter umarmte sie, schwach wie jede Mutter, zog zwei kleine Heiligenbildchen hervor und legte sie ihnen schluchzend um den Hals. „Die heilige Jungfrau möge euch beschirmen ... Vergesst eure Mutter nicht, Kinder ... laßt uns ab und zu eine Nachricht zukommen ...“ Mehr vermochte sie nicht zu sagen.
„Nun kommt, Jungens,“ sagte Bulba. Die gesattelten Pferde standen vor der Tür. Bulba schwang sich auf seinen „Teufel“, der sich wütend aufbäumte, wie wenn er eine Last von zwanzig Zentnern auf sich fühlte. — Taraß war nämlich außerordentlich schwer und umfangreich.
Als die Mutter sah, daß ihre Söhne bereits die Pferde bestiegen, schmiegte sie sich an den Jüngeren, dessen Züge mehr Zärtlichkeit für sie verrieten. Sie ergriff seine Zügel, klammerte sich an seinen Sattel und wollte, die Augen voll Verzweiflung auf ihn geheftet, nicht von ihm lassen. Zwei kräftige Kosaken packten sie vorsichtig an und trugen sie in das Haus zurück. Aber als die Kavalkade gerade das Tor passiert hatte, lief sie, was in keinem Verhältnis zu ihrem Alter stand, mit der Behendigkeit einer jungen Ziege vor das Tor, hielt das Pferd mit unbegreiflicher Kraft an und umarmte ihren Sohn mit einer geradezu rasenden und sinnlosen Leidenschaft. Man mußte sie zum zweiten Male fortschleppen.
Trübsinnig ritten die jungen Kosaken davon, indem sie sich aus Furcht vor dem Vater krampfhaft bemühten, die Tränen zurückzuhalten, der selbst etwas bewegt war, obgleich er sich’s nicht merken ließ. Es war ein trüber Tag, das Grün schimmerte grell, und die Vögel zwitscherten wild durcheinander. Nachdem unsere Freunde ein Weilchen geritten waren, schauten sie sich um: das Gehöft schien wie in den Boden gesunken zu sein, nur die beiden Schornsteine ihres bescheidenen Häuschens und die Wipfel der Bäume waren noch zu erblicken, in deren Ästen sie früher wie Eichhörnchen herumgeklettert waren. Nun lag die weite Wiese vor ihnen, die die Erinnerungen an ihr ganzes Leben wachrief: seit den Jahren da sie sich auf dem betauten Gras herumgetummelt hatten, bis zu der Zeit, wo sie den schwarzäugigen Kosakenmädchen auflauerten, die mit ihren flinken jungen Füßchen ängstlich über die Wiese liefen. Jetzt sah man nur noch die Stange über dem Brunnen, die mit ihrem oben befestigten Wagenrad einsam in den Himmel ragte, und die Ebene, die sie durchritten hatten, schien ihnen fast wie ein Berg, der alles verdeckte. — Lebt wohl, ihr kindlichen Spiele, lebt alle, alle wohl!
Zweites Kapitel
Die drei Reiter ritten schweigend vor sich hin. Der alte Taraß dachte an die Vergangenheit, seine Jugend zog an ihm vorüber: die dahingeschwundenen Jahre, die der Kosake beweint, der sein ganzes Leben lang jung zu bleiben wünscht. Er dachte daran, wem von seinen einstigen Kameraden er wohl in der Sjetsch begegnen würde. Er rechnete aus, welche von ihnen bereits gestorben wären, und wer wohl noch am Leben sein mochte. In seinem Auge glänzte eine stumme Träne, und sein ergrauter Kopf hing traurig herab ...
Seine Söhne waren mit ganz andern Gedanken beschäftigt. Doch es ist Zeit, etwas Näheres über sie mitzuteilen. Mit zwölf Jahren waren sie auf das Seminar von Kiew geschickt worden, denn alle höheren Würdenträger jener Zeit hielten es für nötig, ihren Söhnen eine gelehrte Erziehung zuteil werden zu lassen, obschon dies zu keinem andern Zweck geschah, als damit sie nachher alles Gelernte wieder vollständig vergessen. Bei ihrem Eintritt ins Seminar waren sie, wie alle Jünglinge ihrer Art, noch sehr wild und richtige Naturburschen; dort aber wurden sie gewöhnlich etwas abgeschliffen und nahmen bald durch die gleichmäßige Erziehung Gewohnheiten an, die da machten, daß sie sich alle ein wenig ähnlich sahen. Ostap, der ältere, begann seine Laufbahn damit, daß er noch im ersten Jahre die Flucht ergriff. Man brachte ihn zurück, prügelte ihn fürchterlich durch und setzte ihn hinter die Bücher. Viermal vergrub er sein Lesebuch in die Erde, und viermal wurde ihm ein neues angeschafft, nachdem er das alte unmenschlich zerrissen hatte. Er hätte es zweifellos noch zum fünftenmal versucht, wenn ihm sein Vater nicht feierlich geschworen hätte, ihn volle zwanzig Jahre als Knecht ins Kloster zu schicken und ihm nicht angedroht hätte, er solle die Sjetsch niemals zu Gesicht bekommen, wenn er sich auf der Akademie nicht alle Wissenschaften aneignen werde. Es ist interessant, daß derselbe Taraß Bulba dies sagte, der über alle Gelehrsamkeit spottete und, wie wir gesehen haben, seinen Kindern empfahl, sich nicht mit solchen Dingen zu beschäftigen! Seit dieser Zeit begann Ostap mit außerordentlichem Fleiß über dem langweiligen Buche zu brüten und wurde bald einer der besten Schüler. Das damalige Unterrichtssystem nahm nicht die geringste Rücksicht auf das wirkliche Leben; denn diese scholastischen, grammatikalischen, rhetorischen und logischen Finessen paßten gar nicht zu dem Zeitalter, wurden nie angewendet und wurden im Leben nie wieder gebraucht. Die, die sie beherrschten, konnten ihr Wissen, auch wenn es weniger scholastisch war, nirgends anbringen. Die damaligen Gelehrten waren bei ihrer Weltfremdheit, und weil es ihnen an der nötigen Erfahrung fehlte, fast noch unwissender, als die andern Menschen. Außerdem mußte ihnen auch die republikanische Verfassung der Seminare — diese ungeheuere Anzahl gesunder, kräftiger, junger Leute, Lust zu einer Tätigkeit einflößen, die gar nichts mit den Studien, die sie trieben, zu tun hatte. Oft genug erzeugten auch die schlechte Kost, die häufigen Hungerstrafen und die Bedürfnisse, die in einem frischen, gesunden, jungen Manne erwachen, jenen Unternehmungsgeist in ihnen, dem sie nachher in der Saporoger Sjetsch ungehemmten Lauf lassen konnten. Die hungrigen Seminaristen streiften durch die Straßen Kiews und zwangen alle zur peinlichsten Vorsicht. Die Hökerfrauen, die auf dem Markte saßen, bedeckten ihre Pasteten, Brezeln und Kürbissamen stets mit den Händen wie das Adlerweibchen seine Jungen, wenn sie einen Seminaristen vorbeikommen sahen. Der Konsul, dessen Pflicht es war, die ihm untergebenen Kameraden im Zaum zu halten, hatte so riesige Taschen in seinen weiten Beinkleidern, daß er den ganzen Kramladen der etwas eingeschlafenen Handelsfrau darin hätte unterbringen können. Diese Seminaristen bildeten eine abgeschlossene Welt für sich. Zu den höheren Kreisen, die sich aus dem russischen und polnischen Adel zusammensetzten, hatten sie keinen Zutritt. Selbst der Wojewode Adam Kissel führte sie trotz des Protektorates über das Seminar, das er übernommen hatte, nicht in die gute Gesellschaft ein, und erließ den Befehl, sie recht streng zu halten. Übrigens war diese Anordnung ganz überflüssig, denn der Rektor und die geistlichen Professoren sparten weder Ruten noch Peitsche, und oft genug züchtigten die Liktoren ihre Konsuln auf ihren Befehl so fürchterlich, daß jene sich noch wochenlang die Beinkleider kratzten. Vielen machte das kaum etwas aus, und brannte es nur ein wenig stärker, als ein gut gepfefferter Schnaps; andere jedoch bekamen die ständigen Züchtigungen gründlich satt und brannten nach dem Saporog durch, wenn sie den Weg dorthin zu finden wußten und nicht wieder eingefangen wurden. Ostap Bulba blieb, obschon er die Logik und die Gottesgelahrtheit mit großem Eifer zu erlernen begonnen hatte, keineswegs von den ewigen Prügelstrafen verschont. Es ist nur zu natürlich, daß diese Behandlung schließlich den Charakter verhärten und ihm jene gewisse Festigkeit geben mußte, die den Kosaken stets eigen war. Ostap galt immer für einen der besten Kameraden. Er verführte selten andere zu frechen Unternehmungen — wie etwa zu Raubzügen in fremde Obst- und Gemüsegärten; dafür aber war er einer der ersten, die sich unter die Fahne eines kühnen, unternehmungslustigen Seminaristen stellten, und nie, und unter keinen Umständen hätte er einen Kameraden verraten: weder Peitschenhiebe noch Rutenstreiche konnten ihn dazu veranlassen. Er war gleichgültig und voller Verachtung gegen alle Leidenschaften, die nicht auf den Krieg oder ein Freß- und Saufgelage abzielten. Wenigstens dachte er fast an nichts anderes. Gleichgestellten gegenüber besaß er eine große Offenheit. Er besaß eine gewisse Güte, soweit dies in dieser Zeit und bei einem solchen Charakter möglich war. Die Tränen der armen Mutter hatten sein Herz außerordentlich bewegt, und es war allein dies Gefühl, das ihn jetzt verwirrte und ihn zwang, nachdenklich den Kopf zu senken.
Sein jüngerer Bruder Andrij hatte lebhaftere und bestimmtere Empfindungen. Das Lernen machte ihm mehr Vergnügen, und er bedurfte dazu keiner besonderen Anstrengung, die ein schwerfälliger und harter Charakter stets dabei anwenden muß. Er war erfinderischer als sein Bruder, war öfter Anführer bei gefährlichen Unternehmungen und verstand es, dank seiner Schlauheit und Intelligenz manches Mal der Strafe zu entgehen; während sein Bruder Ostap gleichmütig und ganz von selbst seinen Rock ablegte und sich auf den Boden streckte, ohne auch nur daran zu denken, daß er um Gnade bitten könnte. Andrijs Seele dürstete gleichfalls nach Heldentaten, aber sie war auch andern Empfindungen zugänglich. Als er das achtzehnte Jahr überschritten hatte, bemächtigte sich seiner ein heftiges Bedürfnis nach Liebe. Immer häufiger tauchte das Weib vor seinen erregten Sinnen auf; während er philosophischen Disputen beiwohnte, umschwebte es ihn: jung, schwarzäugig und zart. Unablässig glaubte er ein Paar glänzende kräftige Brüste oder einen wundervollen zarten nackten Arm vor sich zu sehen; das Kleid, das die jungfräulichen und zugleich starken Glieder einhüllte, hauchte in seiner Phantasie eine unaussprechliche Wollust aus. Er verbarg diese leidenschaftlichen Wallungen seiner Seele sorgfältig vor den Kameraden; denn in jener Zeit galt es für schmachvoll und ehrlos, wenn ein Kosak an Weiber und Liebe dachte, ehe er an einer Schlacht teilgenommen hatte. Überhaupt war er in den letzten Jahren, die er im Seminar verbrachte, immer seltener Anführer einer Rotte, und irrte meist in irgend einem einsamen Winkel Kiews, zwischen Kirschgärten und kleinen Häusern umher, die verführerisch auf die Straße hinausblickten. Hin und wieder geriet er auch in das aristokratische Stadtviertel, in das jetzige „Alte Kiew“, wo die kleinrussischen und polnischen Adligen wohnten und die Häuser einen etwas bizarren Baustil hatten. Als er dort eines Tages tief in Gedanken versunken umherschlenderte, hätte ihn beinahe die Kutsche eines polnischen Pans überfahren, und der auf dem Bock sitzende Kutscher mit einem fürchterlichen Mundwerk versetzte ihm unter greulichen Flüchen einige ziemlich kräftige Peitschenhiebe. Der junge Seminarist geriet in Wut: voll unsinniger Kühnheit packten seine kräftigen Fäuste das hintere Rad, und brachten den Wagen zum Stehen. Aber der Kutscher, der eine Abrechnung befürchtete, versetzte den Pferden einen heftigen Schlag, sie zogen stark an — sodaß Andrij, der glücklicherweise seine Hand zurückgezogen hatte, umgeworfen wurde, und mit dem Gesicht mitten in den Schmutz fiel. Da vernahm er plötzlich ein helles wohlklingendes Lachen über sich. Er sah empor und erblickte am Fenster ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, wie er noch nie ein ähnliches gesehen hatte; ihre Augen waren schwarz, und ihr Antlitz schimmerte so weiß wie Schnee, den die Morgensonne bescheint. Sie lachte aus voller Kehle, und ihr Lachen verlieh ihrer blendenden Schönheit einen geradezu überwältigenden Reiz. Er stand ganz verdutzt da. Traumverloren starrte er sie an und wischte sich zerstreut den Schmutz von seinem Gesicht, jedoch so ungeschickt, daß er sich nur noch mehr entstellte. Wer war dieses schöne Mädchen? Er suchte es von den Bedienten zu erfahren, die reichgeschmückt vor dem Tore standen und einen jungen Bandura[1]spieler umringten. Die Knechte und Mägde brachen jedoch in ein stürmisches Gelächter aus, als sie sein schmutziges Gesicht erblickten, und würdigten ihn keiner Antwort. Endlich hörte er, daß die Unbekannte die Tochter des für einige Zeit hier weilenden Wojewoden von Kowno sei. In der nächsten Nacht kletterte er mit einer nur den Seminaristen eigenen Frechheit über den Zaun, gelangte so in den Garten und erklomm geschwind einen Baum, dessen Zweige das Dach des Hauses berührten. Von dort schwang er sich auf das Dach und gelangte so durch den Schornstein direkt in das Schlafzimmer der Schönen, die gerade vor einer Kerze saß und ihre kostbaren Ohrringe ablegte. Als die schöne Polin plötzlich einen unbekannten Mann vor sich erblickte, erschrak sie derartig, daß sie kein Wort hervorzubringen vermochte, als sie jedoch bemerkte, daß der Seminarist mit gesenkten Augen vor ihr stand und vor Schüchternheit kaum zu atmen wagte, und als sie denselben Jüngling in ihm erkannte, der vor ihren Augen in den Straßenkot gefallen war, brach sie in ein erneutes übermütiges Lachen aus. Allerdings kam noch dazu, daß Andrij garnicht schrecklich aussah, sondern ein sehr hübscher Junge war. Sie lachte von ganzem Herzen und trieb allerlei Kurzweil mit ihm. Wie alle Polinnen war auch sie sehr launenhaft; aber ihre Augen, ihre wundervollen, durchdringend klaren Augen hatten jenen langen Blick, der Beständigkeit verrät. Der Seminarist rührte keinen Finger, er stand wie gefesselt da, als endlich die Tochter des Wojewoden kühn auf ihn zutrat, ihm ihr strahlendes Diadem auf den Kopf setzte, ihm die Lippen mit ihren Ohrringen behängte und ihn in ein durchsichtiges, golddurchwirktes, mit Festons verziertes Hemdchen aus Nesseltuch hüllte. Sie putzte ihn heraus und trieb tausend Dummheiten mit ihm — keck und kindlich, wie es die Art der leichtsinnigen Polinnen ist, was unsern armen Seminaristen in noch größere Verlegenheit brachte. Er machte eine recht komische Figur, wie er mit offenem Mund dastand und regungslos in ihre leuchtenden Augen starrte. Plötzlich vernahm man ein Geräusch an der Tür; sie erschrak aufs heftigste und befahl ihm, sich unter dem Bett zu verstecken. Als die Gefahr vorüber schien, rief sie ihre Kammerzofe, eine gefangene Tatarin, und befahl ihr, ihn vorsichtig in den Garten hinaus zu führen, damit er von dort aus über den Zaun auf die Straße gelangen könne. Aber diesmal kam der Seminarist nicht so glücklich hinüber: der Wächter erwachte, packte ihn kräftig an den Beinen, und die herbeieilenden Knechte walkten ihn auf der Straße so lange durch, bis ihn seine flinken Beine retteten. Seit dieser Zeit war es für ihn gefährlich, an dem Hause seiner Angebeteten vorüberzugehen, denn der Wojewode verfügte über eine sehr zahlreiche Dienerschaft. Dagegen sah er sie einmal in der katholischen Kirche: sie bemerkte ihn und lächelte ihm aufs liebenswürdigste zu, wie einem guten, alten Bekannten. Hierauf begegnete er ihr noch einmal ganz flüchtig; bald darauf reiste der Wojewode von Kowno ab, und statt der schönen, schwarzäugigen Polin starrte ein feistes, gleichgültiges Gesicht aus den Fenstern heraus.
Das war es, woran Andrij dachte, als er mit gesenktem Kopf, und die Augen starr auf die Mähne seines Pferdes gerichtet, dahinritt.
Unterdessen hatte sie die Steppe in ihre grünen Arme aufgenommen, und das hohe Gras verbarg sie von allen Seiten, daß nur noch die schwarzen Kosakenmützen zwischen den Ähren hervorschimmerten.
„He, Jungens, weshalb seid ihr denn plötzlich so still geworden,“ sagte Bulba, endlich aus seinen Träumen erwachend, „ihr seid mir rechte Mönche! Ah, jagt doch alle trüben Gedanken zum Teufel! Steckt euch eine Pfeife in den Mund, wir wollen eins rauchen, den Gäulen die Sporen geben und dahinsausen, daß uns kein Vogel einholen soll!“
Und die Kosaken beugten sich über die Pferde und verschwanden im Grase. Bald konnte man auch die schwarzen Mützen nicht mehr sehen. Nur die lange Flucht des niedergetretenen Grases zeugte von ihrem schnellen Ritte.
Die Sonne strahlte längst am klaren Himmel und ergoß ihr belebendes, wärmespendendes Licht über die ganze Steppe. Alle Schläfrigkeit und Traurigkeit verschwand augenblicklich aus der Seele der Kosaken, und ihre Herzen schwangen sich empor gleich flinken Vögeln.
Je tiefer sie in die Steppe hineinkamen, um so schöner wurde sie. Damals war der ganze Süden, jene große Strecke, die jetzt Neurußland bildet und sich bis zum schwarzen Meer erstreckt, noch eine grüne, jungfräuliche Wüste. Der Pflug hatte diese unermeßlichen Wogen wilden Grases noch nie berührt, und nur die Pferde, die wie in einem Walde in ihm untertauchten, stampften es zuweilen nieder. Es gab kaum etwas Schöneres in der Natur: die ganze Erdoberfläche glich einem grüngoldenen Ozean, übersät von Millionen der mannigfaltigsten Blumen. Zwischen den schlanken, hohen Grashalmen schimmerten hellblaue, blaue und lila Blüten hervor; gelber Ginster ragte mit seiner pyramidenförmigen Spitze empor; weißer Klee glänzte mit seinen schirmartigen Köpfchen auf der Oberfläche; die weiß Gott wie hierher verpflanzten Weizenähren schossen gleich einem Dickicht in die Höhe, und ab und zu flogen ein paar Schnarchhühner mit vorgestreckten Hälsen hindurch. Die Luft war von tausend verschiedenen Vogelstimmen erfüllt. Mit weit ausgebreiteten Flügeln schwebten die Habichte unbeweglich am Himmel, ihre Augen unverwandt auf das Gras gerichtet. Von einem fernen See tönten die Schreie einer weit abseits vorüberziehenden Wolke wilder Gänse herüber. Mit gemessenem Flügelschlage erhob sich eine Möve aus dem Grase und badete sich voller Lust in den blauen Luftwellen. Da war sie schon in der Höhe verschwunden und erglänzte nur noch ganz fern wie ein schwarzer Punkt, aber plötzlich wendete sie ihren Flug und leuchtete hell auf in den blendenden Sonnenstrahlen — hol’ euch der Teufel, ihr Steppen, wie herrlich seid ihr doch ...!
Unsere Reisenden machten nur auf wenige Minuten Rast, um Mahlzeit zu halten. Ihr Gefolge, das aus zehn Kosaken bestand, sprang von den Pferden und band die hölzernen Branntweinflaschen und die Kürbisse, die als Trinkgefäße dienten, ab. Man aß nur etwas Brot, Speck oder Zwieback und ähnliches, trank nicht mehr als ein einziges Glas, und auch dies nur der Stärkung wegen, denn Taraß Bulba erlaubte es nie, sich unterwegs vollzutrinken, und darauf wurde der Weg bis zum Abend fortgesetzt.
In der Dämmerung veränderte die Steppe vollkommen ihr Gesicht. Ihre ganze bunte, von den letzten hellen Sonnenstrahlen beschienene Oberfläche wurde allmählich immer dunkler, sodaß der Schatten der Kosaken in scharfen Konturen über sie hinglitt, und nahm bald einen dunkelgrünen Schimmer an. Der Erde entströmten immer stärkere Düfte: jedes Blümchen, jeder Grashalm atmete Ambra aus, und die ganze Steppe schien ein Meer von Wohlgerüchen geworden zu sein. An dem dunkelblauen Himmel schien ein riesenhafter Pinsel rötlichgoldene Streifen gezogen zu haben; hin und wieder sah man ein paar durchsichtige Wölkchen aufleuchten, und ein frischer, wohltuender Wind strich lockend, wie grüne Meereswellen, kaum merklich über die Spitzen der Gräser hin, so lind, daß er kaum die Wangen berührte. Die ganze Musik, die den Tag erfüllte, war verklungen und durch eine andere ersetzt. Bunte Ziesel kamen aus ihren Schlupflöchern, setzten sich auf ihre Hinterpfötchen und pfiffen durchdringend über die Steppe hin; immer deutlicher wurde das Zirpen der Grillen. Zuweilen tönte von irgend einem einsamen See her der silberhelle Schrei eines Schwanes durch die Luft. Die Reisenden machten mitten auf dem Felde halt, suchten sich ein Nachtlager und zündeten ein Feuer an, auf welches sie einen Kessel stellten, um sich ihr Kulisch zu kochen. Bald dampfte der Kessel und der Rauch stieg schräg in die Luft. Nachdem die Kosaken ihr Abendbrot eingenommen und die aneinandergekoppelten Pferde freigelassen hatten, damit diese ruhig grasen konnten, begaben sie sich zur Ruhe und lagerten sich auf ihren Kitteln. Die nächtlichen Gestirne blickten hell und klar auf sie hinab. Das Knistern, Pfeifen und Summen der ganzen unendlichen Insektenwelt, die im Grase schwirrte, klang an ihr Ohr. All diese Töne hallten wie Musik durch die Nacht, läuterten sich in der frischen Luft und wiegten den müden Sinn langsam in Schlaf. Wenn einer der Reisenden erwachte und sich erhob, lag die Steppe, besät mit den blitzenden Funken schwirrender Leuchtkäfer, vor ihm. Bisweilen wurde der Nachthimmel an verschiedenen Stellen vom fernen Flammenschein des trockenen Schilfrohres beleuchtet, das auf den Wiesen und Flüssen verbrannt wurde. Eine dunkle Schaar von Schwänen, die nach Norden flog, erschien plötzlich in rosig-silbernes Licht getaucht am Himmel, was so aussah, wie wenn rote Tücher am dunkelen Horizont flatterten.
Die Reisenden ritten vorwärts, ohne irgend ein Abenteuer zu erleben. Nirgends gewahrten sie Bäume; überall umgab sie die gleiche endlose, freie, herrliche Steppe. Hin und wieder nur sah man in der Ferne an den Ufern des Dniepr die Wipfel eines Waldes blau aufleuchten, und nur einmal machte Taraß seine Söhne auf einen kleinen schwarzen Punkt fern im Grase aufmerksam und sagte: „Seht mal Jungens, da trabt ein Tatar.“ Ein kleiner, mit einem Schnurrbart geschmückter Kopf richtete seine schmalen Augen auf sie, schnüffelte vorsichtig wie ein Jagdhund in der Luft herum und verschwand wie ein Reh, als er bemerkte, daß die Kosaken dreizehn Mann hoch waren. „Hallo, Jungens, versucht mal den Tataren einzuholen! Ah — laßt es lieber sein, ihr werdet ihn ja doch nicht fangen. Sein Gaul ist schneller als mein ‚Teufel‘.“ Bulba traf jedoch entsprechende Vorsichtsmaßregeln, da er einen Hinterhalt befürchtete. Er ritt mit seinem Zuge bis zu einem kleinen Fluß, der Tatarka hieß und in den Dnjepr mündet; dort sprangen sie ins Wasser, ließen sich mitsamt ihren Pferden eine Zeitlang von der Strömung treiben, um ihre Spur zu verwischen, und setzten erst hiernach an dem andern Ufer ihren Ritt fort.
Drei Tage nach diesem Abenteuer befanden sie sich endlich in der Nähe des Ortes, der das Ziel ihrer Reise war. Die Luft wurde plötzlich merklich kühler, ein Zeichen, daß der Dnjepr nicht mehr fern war. Da glänzte er auch schon in der Ferne, und hob sich als ein dunkler Streifen vom Horizont ab. Seine kalten Wellen rollten dahin, kamen immer näher und näher heran, und schienen endlich die Hälfte der ganzen Erdoberfläche zu umfassen. Das war jene Stelle, wo der Dnjepr, bis dahin von Stromschnellen eingeengt, seinen Lauf ungehindert entfalten und dem Meere gleich, fessellos, dahinrauschen kann, wo die in ihm verstreuten Inseln seine Ufer noch weiter zurückdrängen, und seine Wellen, weder von Felsen noch Dämmen gebrochen, sich breit über das Land ergießen.
Die Kosaken saßen ab, bestiegen die Fähre und gelangten nach einer dreistündigen Überfahrt an die Insel Chortiza, wo sich damals die so oft ihren Aufenthalt wechselnde Sjetsch befand.
Ein Haufen Volks stritt sich gerade am Ufer mit den Fährleuten herum. Die Kosaken zäumten ihre Pferde auf. Taraß reckte sich gewichtig empor, zog seinen Gurt fester zusammen und strich sich stolz mit der Hand über den Schnurrbart. Seine jungen Söhne musterten sich ebenfalls von Kopf bis zu Fuß, nicht ohne eine gewisse Angst und ein unklares Wohlgefallen, und alle ritten in die Vorstadt hinein, die eine halbe Werst von der Sjetsch entfernt lag. Bei ihrer Ankunft wurden sie durch den Lärm von fünfzig Schmiedehämmern betäubt, die in fünfundzwanzig unterirdischen und mit Rasen bedeckten Schmieden niederfielen. Auf der Straße saßen riesige Gerber und walkten unter dem Schutzdach die Ochsenhäute mit ihren muskulösen Händen. Zahlreiche Krämer saßen unter ihren Zelten vor ganzen Haufen von Feuersteinen und Pulver; ein Armenier bot teure Tücher zum Verkauf aus, ein Tatar drehte ein in Teig gehülltes Lamm am Bratspieß, ein Jude zog mit vorgestrecktem Kopf Branntwein aus einem Faß ab. Der erste Mensch, der ihnen begegnete, war ein Saporoger, der mit weit ausgestreckten Händen und Füßen mitten auf dem Wege schlief. Taraß Bulba konnte nicht umhin, haltzumachen und ihn mit großem Vergnügen zu betrachten. „Du hast es dir aber ordentlich bequem gemacht! Verdammt noch einmal, bist du ein prächtiger Bursche!“ rief er aus und hielt an. Das Bild, das sich ihnen darbot, war in der Tat sonderbar genug: der Saporoger lag breit wie ein Löwe mitten auf dem Wege, sein stolz zurückgeworfener Haarschopf bedeckte mindestens drei Fuß vom Boden, und die Beinkleider aus teurem roten Tuch waren mit Teer beschmutzt, um die vollkommene Verachtung ihres Besitzers gegen solche Dinge recht deutlich zu zeigen. Nachdem Bulba sich an diesem Bilde sattgeschaut hatte, ritt er weiter durch die engen Straßen, die voll von Handwerkern, welche ihren Beruf gleich hier an Ort und Stelle ausübten, und von Leuten aller möglichen Nationalität war, die den Vorort bevölkerten. Es sah hier fast so aus wie auf einem Jahrmarkt, der die ganze Sjetsch kleidete und nährte, da diese sich ja nur aufs Herumlungern und Schießen verstand.
Endlich hatten sie die Vorstadt hinter sich und erblickten einige zerstreut liegende Gebäude, die mit Rasen oder auch, nach tatarischer Art, mit Filz bedeckt waren. Vor einzelnen von ihnen standen Kanonen. Nirgends sah man einen Zaun oder eins jener niedrigen Häuser mit einem Schutzdach auf niedrigen Holzsäulen, wie man sie in der Vorstadt fand. Ein kleiner Wall und ein Verhau, ohne die geringste Bewachung, zeugten von einer unglaublichen Sorglosigkeit. Einige riesenhafte Saporoger Kosaken, die mit ihrer Pfeife in den Zähnen mitten auf dem Wege herumlagen, schauten die Ankömmlinge ziemlich gleichgültig an und rückten nicht vom Fleck. Taraß ritt mit seinen Söhnen vorsichtig zwischen ihnen hindurch und sagte: „Guten Tag, meine Herren.“ „Gleichfalls,“ antworteten die Saporoger. Überall, und auf dem ganzen Felde, sah man in malerischen, bunten Gruppen große Mengen Volkes lagern. Ihre gebräunten Gesichter zeugten davon, daß sie im Pulverdampf der Schlacht gestählt waren und mancherlei Ungemach erfahren hatten. Das also war sie, die Sjetsch! Das war die Höhle, aus der all die Helden hervorgingen, stark und stolz wie Löwen! Das war der Ort, von dem aus sich Rittertum und Freiheit über die ganze Ukraine ergoß!
Die Reisenden lenkten ihre Pferde nach einem geräumigen Platze, wo sich gewöhnlich der Rat versammelte. Auf einem großen umgestürzten Fasse saß ein Saporoger, ohne Hemd; er hielt es in der Hand und stopfte langsam und bedächtig die Löcher. Wiederum versperrte ihnen ein ganzer Haufen von Musikanten den Weg, in deren Mitte ein junger Saporoger, die Mütze auf dem Ohr und mit hocherhobnen Händen, einen Tanz aufführte. Er schrie fortwährend: „Spielt doch schneller, ihr Musikanten! Thomas, schenk tüchtig Branntwein ein, spar doch nicht so bei rechtgläubigen Christen.“ Und Thomas, der ein angeschwollenes Auge hatte, reichte jedem, der an ihn herantrat, einen ungeheuren Becher. Um den jungen Saporoger herum, führten vier Alte mit kleinen Schritten allerlei Tänze aus; bald flogen sie zur Seite wie ein Wirbelwind, wobei sie fast die Köpfe der Musikanten berührten, bald setzten sie sich unvermutet nieder und begannen mit ihren silberbeschlagenen Absätzen laut und hart auf den festgetretenen Fußboden zu stampfen. Dumpf dröhnte die Erde in der ganzen Umgebung, und die Hopps und Topps, die mit den klingenden Sporen der Stiefel geschlagen wurden, schallten laut durch die Luft. Ein Kosak aber schrie lauter als alle andern und drehte sich mit den andern im Tanze. Sein Haarzopf flatterte im Winde, die starke Brust war ganz entblößt, über die Schulter aber hatte er den warmen Wintermantel geworfen, so daß ihm der Schweiß unaufhörlich in Strömen von der Stirn lief.
„Zieh doch wenigstens den Pelz aus,“ sagte endlich Taraß. „Sieh doch, wie du dampfst.“
„Das geht nicht,“ schrie der Saporoger.
„Weshalb nicht?“
„Das geht nicht, das ist bei mir nun mal nicht anders: habe ich ihn erst einmal abgenommen, so vertrinke ich ihn auch!“
Der junge Bursche hatte schon längst keine Mütze, keinen Gürtel am Rock und kein buntes Tuch mehr: alles war schon dorthin gewandert, wo es hingehörte. Der Haufen wurde immer größer, neue Ankömmlinge schlossen sich dem Tanze an, und man konnte nicht ohne Bewegung sehen, wie hier alles an dem tollsten, leidenschaftlichsten aller Tänze, den die Welt je gesehen hat, und der nach seinen kräftigen Erfindern „Kosatschok“ benannt ist, teilnahm.
„Säße ich bloß nicht zu Pferde,“ rief Taraß aus, „wahrhaftig, ich wollte selbst loslegen und mittanzen!“
Unterdessen mischten sich hie und da auch einzelne graue, alte Männer unter die Menge, die in der ganzen Sjetsch wegen ihrer Verdienste geachtet und schon oft Kosakenälteste gewesen waren. Taraß traf bald eine Unzahl Bekannte, und Ostap und Andrij hörten fortwährend Begrüßungsworte: „Holla, da bist du ja, Petscheriza!“ „Guten Tag, Kosolup!“ „Wo kommst du denn her, Taraß?“ „Wie geht’s Doloto?“ „Guten Tag, Kirdjaga!“ „Guten Tag, Gustyj!“ „Ich hätte nie geglaubt, dich in diesem Leben noch einmal wieder zusehen, Remen!“
Und all die Helden, die hier aus der großen Wildnis des östlichen Rußlands zusammengekommen waren, küßten einander, und zahllose Fragen flogen hin und her.
„Was macht Kasjan?“ „Und Borodawka?“ „Wo steckt Kolopjor?“ „Und Pidsyschok?“ Und Taraß bekam fortwährend Antworten wie etwa folgende: Borodawka sei in Tolopan aufgeknüpft, Kolopjor sei bei Kisikirmen lebendigen Leibes geschunden worden, Pidsyschoks Kopf sei eingesalzen und in einem Fasse nach Konstantinopel geschickt worden usw. Und der alte Bulba blickte traurig zu Boden und sagte gedankenvoll: „Und waren doch so wackere Kosaken!“
Drittes Kapitel
Nun lebte Taraß Bulba bereits seit einer Woche mit seinen Söhnen in der Sjetsch. Ostap und Andrij beschäftigten sich nur wenig mit den militärischen Übungen. Die Sjetsch liebte es nicht, mit solch langweiligen Dingen ihre Zeit zu verlieren. Die jungen Leute wurden durch die Erfahrung erzogen und im Feuer der Schlachten ausgebildet, und daher mußten diese unaufhörlich erneuert werden. Die Kosaken fanden es langweilig, sich in den Ruhezeiten mit irgendwelchen Übungen abzugeben: sie versuchten sich höchstens mal im Scheibenschießen, oder veranstalteten große Ritte, oder jagten in der Steppe und auf den Wiesen nach wilden Tieren; die übrige Zeit war den Zechgelagen und ähnlichen Vergnügungen gewidmet — ein Zeichen der großen Leidenschaftlichkeit ihrer Seelen. Überhaupt war die ganze Sjetsch eine außerordentliche Erscheinung: hier herrschte eine nie endenwollende Feier, gleichsam ein Fest, das lärmvoll begonnen, ewig fortdauerte. Einige von den Bewohnern trieben ein Handwerk, andere hatten Kramläden und handelten mit allerlei Dingen — die meisten jedoch lungerten von früh bis spät herum, wenn ihre Taschen ihnen noch eine Möglichkeit dazu boten, und das erworbene Geld noch nicht in die Hände der Kaufleute und Gastwirte übergegangen war. Dieses allgemeine Zechen und Prassen hatte etwas geradezu Sinnbetörendes an sich. Das war kein Haufe von Zechern, die aus Verzweiflung und Elend tranken, das war eine völlig ursprüngliche und unbändige Fröhlichkeit. Wer hierher kam, vergaß alles und ließ alles liegen, was ihn bisher beschäftigt hatte. Man kann sagen: er pfiff auf seine Vergangenheit. Sorglos ergab er sich der Freiheit, dem geselligen Zusammensein mit gleichen Naturen und Abenteurern wie er selbst, die weder Angehörige, Familie, noch Haus und Hof besaßen, sondern nur den freien Himmel und ein ewiges Verlangen nach ewigen Festen und Feiertagen in ihrer Seele trugen. So entstand jene fessellose Fröhlichkeit, die aus keiner andern Quelle hätte kommen können. Die Erzählungen und Geschichten der mitten zwischen dem versammelten Volk faul auf den Boden Lagernden reizten so zum Lachen und atmeten solches Leben, daß es schon der ganzen Gelassenheit des Saporogers bedurfte, eine unbewegte Miene beizubehalten und nicht einmal mit den Mundwinkeln zu zucken — ein Charakterzug, der den Kleinrussen bis heut’ noch von seinen südrussischen Brüdern unterscheidet. Es war eine trunkene, lärmende Fröhlichkeit, aber nicht in einer verräucherten Schenke, wo der Mensch in einer finsteren, bizarren Ausgelassenheit Vergessenheit von seinem Schmerz sucht, dies war vielmehr ein enger Kreis von Freunden und Schulgenossen. Der einzige Unterschied bestand darin, daß die Menschen hier, statt hinter der Fibel zu sitzen und trockene Erklärungen des Lehrers über sich ergehen zu lassen, auf fünftausend Pferden ausritten und allerhand kühne Raubzüge unternahmen; statt der Wiese, wo Ball gespielt wurde, hatten sie die weite unbegrenzte Steppe, die keinem von ihnen Sorgen machte, die von niemandem bewacht wurde, und wo bloß hier und da der flinke Kopf eines Tataren auftauchte, oder ein Türke finster und unbeweglich unter dem grünen Turban hervorschaute. Ferner kam hinzu, daß sie hier nicht ein fremder Wille zusammenführte, wie in der Schule, sondern eigner Entschluß: hatten sie doch selbst Väter und Mütter verlassen und waren dem elterlichen Hause heimlich entlaufen. Hier gab es Männer, deren Hals der Strick bereits berührt hatte, und die statt des blassen Todes noch mit Mühe das Leben erwischten, dies unbändige Leben voll herrlichen Genusses und Fröhlichkeit; hier hausten Menschen, die aus einer edlen Gewohnheit keine Kopeke in der Tasche behalten konnten, und wieder andere, die bisher einen Dukaten für einen großen Schatz gehalten hatten, und denen man dank den jüdischen Pächtern die Taschen umkehren konnte, ohne Gefahr zu laufen, daß etwas herausfiele. Hier befanden sich Seminaristen, die die akademischen Ruten nicht vertragen und in der Schule keinen Buchstaben gelernt hatten — zugleich aber auch solche, die ihren Horaz und Cicero kannten und über das Wesen der römischen Republik Bescheid wußten. Hier traf man viele jener Offiziere, die sich später in den königlichen Heeren auszeichneten, sowie jene erprobten Parteigänger, die die edle Überzeugung hegten, daß es gleichgültig sei, wo man kämpfe, wenn man nur überhaupt kämpfen konnte, denn es sei eines ritterlichen Mannes nicht würdig, ein Leben ohne Kämpfe und Schlachten zu führen. Endlich gab es auch eine Anzahl solcher, die nur in die Sjetsch gekommen waren, um sagen zu können: sie seien in der Sjetsch gewesen und seien folglich im Kampf gestählte Krieger. Aber was gab es hier nicht? Diese sonderbare Republik war durchaus ein Bedürfnis jener Zeit. Für Liebhaber des kriegerischen Lebens, goldener Becher, reicher Gewebe, Dukaten und Schaumünzen gab es hier jederzeit genug zu tun. Nur die Verehrer der Frauen kamen nicht auf ihre Rechnung: denn nicht einmal in der Vorstadt der Sjetsch durfte sich eine Frau zeigen ... Ostap und Andrij fanden es sonderbar, daß niemand die zahlreichen Menschen, die mit ihnen in die Sjetsch gekommen waren, nach ihrer Herkunft und ihrem Namen fragte. Sie kamen hierher, als ob sie in ihr eigenes Haus zurückkehrten, das sie erst vor einer Stunde verlassen hatten. Der Ankömmling meldete sich bloß beim Hauptmann, der gewöhnlich fragte: „Grüß Gott. Glaubst du an Christus?“ „Ja, ich glaube,“ antwortete der Ankömmling. „Auch an die heilige Dreieinigkeit?“ „Auch das.“ „Besuchst du die Kirche?“ „Ja, ich besuche sie.“ „Gut, bekreuzige dich einmal.“ Der Ankömmling tat es. „Schön,“ sagte der Hauptmann, „geh und wähl dir selbst das Kosakendorf, das dir gefällt.“ Und damit war die Zeremonie beendet. Die ganze Sjetsch betete in derselben Kirche und war bereit, sie bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, trotzdem sie von Fasten und Enthaltsamkeit nichts wissen wollte. Nur die, nebenbei bemerkt, äußerst geldgierigen Juden, Armenier und Tataren wagten es, sich in der Vorstadt niederzulassen und hier ihre Kramläden aufzuschlagen, denn die Saporoger handelten nur ungern und zahlten gewöhnlich so viel Geld, als sie mit einem Griff aus der Tasche holten. Übrigens war das Los dieser habsüchtigen Händler sehr traurig; man konnte sie fast mit den armen Leuten vergleichen, die am Fuße des Vesuvs wohnten, denn sobald es den Saporogern an Geld fehlte, zertrümmerte die rohe Bande die Buden der Krämer und nahm sich alles, was sie brauchte, auch ohne Zahlung.
Die Sjetsch bestand aus mehr als sechzig Niederlassungen, die ebenso viele völlig voneinander unabhängige Republiken darstellten. Sie glichen Schulen oder Seminaren, deren Zöglinge in der Anstalt gekleidet und beköstigt werden. Niemand besaß etwas, oder legte sich Vorräte an, alles befand sich in den Händen des Kosakenhauptmanns, den man deshalb auch gewöhnlich „Väterchen“ nannte. Er verwaltete das Geld, die Kleidung, den gesamten Speisevorrat, den Roggen- und Weizenteig, die Grütze und sogar das Heizmaterial: auch das Barvermögen wurde ihm zur Aufbewahrung gegeben. Zwischen den einzelnen Niederlassungen brachen des öfteren Streitigkeiten aus, die sogleich in Schlägereien ausarteten. Der Marktplatz füllte sich mit den Bewohnern der Dörfer, und man bearbeitete sich so lange mit den Fäusten, bis irgend eine Partei niedergekämpft war, und dann begann ein Zechgelage und ein großer Jubel. Das war die Sjetsch, die eine so starke Anziehungskraft auf die jungen Leute ausübte.
Ostap und Andrij stürzten sich mit der ganzen Leidenschaft der Jugend in dieses Freudenmeer, vergaßen schnell das väterliche Haus, das Seminar und alles, was ihre Seele bisher bewegt hatte, und gaben sich ganz dem neuen Leben hin. Alles fesselte sie hier: die wilden Sitten der Sjetsch, ihr einfaches Gerichtswesen und ihre Gesetze, die ihnen freilich manchmal für eine freie Republik gar zu streng erschienen. Wurde ein Kosak beim Diebstahl irgend einer Kleinigkeit ertappt, so galt dies für eine dem gesamten Kosakentum zugefügte Beleidigung: er wurde für ehrlos erklärt, an den Schandpfahl gebunden, und es wurde eine Holzkeule neben ihn gelegt, mit der jeder Vorübergehende ihm einen Schlag versetzen mußte, bis man ihn zu Tode gemartert hatte. Den säumigen Schuldner schmiedete man mit einer Kette an eine Kanone, wo er so lange gefesselt blieb, bis einer seiner Kameraden ihn auslöste und seine Schuld beglich. Den stärksten Eindruck aber übte die unerhört grausame Strafe, mit der der Mord bestraft wurde, auf Andrij aus: vor den Augen des Verurteilten wurde eine Grube gegraben, in die er lebendig hinabgestürzt wurde, dann senkte man den Sarg mit dem Leichnam des Ermordeten in die Grube hinab und schüttete Erde darüber. Noch lange nachher mußte Andrij an diesen entsetzlichen Brauch zurückdenken, und fortwährend stand der mitsamt dem grauenhaften Sarge lebendig begrabene Mensch vor seinen Augen.
Die beiden jungen Kosaken wurden schnell beliebt bei ihren Kameraden. Oft begaben sie sich mit ihren Lagergenossen und zuweilen auch mit dem ganzen Bezirk oder auch mit benachbarten Niederlassungen in die Steppe zur Jagd auf unabsehbare Scharen von Vögeln, Hirschen und Ziegen, oder sie zogen bis an die Seen, Bäche und Ströme, die jedem Dorf durch das Los zugeteilt wurden, um zu angeln, ihre Netze auszuwerfen und reiche Beute für ihr Lager mitzubringen. Obgleich es keine Wissenschaften gab, in der der Kosak geprüft wurde, machten sie sich doch unter den andern jungen Leuten durch ihre ehrliche Kühnheit und ihre Erfolge bemerkbar. Gewandt und sicher schossen sie ins Ziel und durchschwammen den Dnjepr selbst gegen die Strömung: eine Tat, für die der Neuling feierlich in den Kreis der Kosaken aufgenommen wurde.
Jedoch der alte Taraß sah sich nach einer anderen Tätigkeit für sie um. Das müßige Leben seiner Söhne war nicht nach seinem Wunsch: er verlangte ernstere Aufgaben für sie. Oft dachte er nach, wie er die Sjetsch zu einem kühnen Zuge bewegen könne, bei dem es eine einem Ritter geziemende Betätigung gab. Endlich aber ging Taraß eines Tages zum Hauptmann und sagte ohne Umschweife zu ihm: „Hauptmann, es wär’ Zeit, daß die Saporoger sich wieder einmal tüchtig austobten.“
„Es ist keine Gelegenheit dazu vorhanden,“ antwortete der Hauptmann, indem er seine kleine Pfeife aus dem Munde nahm und ausspuckte.
„Was, keine Gelegenheit? Man könnte doch gegen die Türken oder gegen die Tataren losgehen!“
„Nein, das kann man nicht. Weder gegen die Türken noch gegen die Tataren,“ antwortete der Hauptmann und steckte kaltblütig seine Pfeife zwischen die Zähne.
„Und warum nicht?“
„Weil wir dem Sultan versprochen haben, Frieden zu halten.“
„Aber er ist doch ein Mohammedaner, und Gott und die heilige Schrift befehlen, die Heiden auszurotten!“
„Wir haben kein Recht dazu. Ja, wenn wir nicht bei unserm Glauben geschworen hätten, dann ginge es vielleicht, so aber ist es unmöglich.“
„Warum unmöglich? Wie kannst du sagen, wir hätten kein Recht dazu? Sieh mal, ich habe zwei Söhne, beide sind junge Burschen. Weder der eine noch der andere war ein einziges Mal in der Schlacht, und da behauptest du, wir hätten kein Recht dazu, und sagst, die Saporoger dürften nicht in den Kampf ziehen!“
„Nein, es geht nicht.“
„Wie es scheint, soll wohl die ganze Kosakenkraft unnütz vergeudet werden, der Mensch soll wohl tatenlos faulen wie ein Hund, und weder das Vaterland noch die ganze Christenheit soll einen Nutzen von ihm haben? Wozu leben wir denn da — warum zum Teufel leben wir denn überhaupt? Bitte, erkläre mir das! Du bist ein kluger Mensch, sie haben dich nicht umsonst zum Hauptmann gewählt; also sprich: wozu leben wir?“
Der Hauptmann antwortete nicht auf diese Frage. Er war ein starrköpfiger Kosak. Er schwieg eine Weile still und meinte dann: „Einen Krieg gibt es dennoch nicht!“
„Es gibt also keinen Krieg?“ fragte Taraß wiederum.
„Nein.“
„Es ist also garnicht daran zu denken?“
„Nein, es ist garnicht daran zu denken.“
„Warte nur, verdammter Teufel!“ murmelte Bulba vor sich hin, „du sollst mich kennen lernen.“ Und er beschloß, sich an dem Hauptmann zu rächen.
Er besprach die Sache mit dem einen und dem andern und veranstaltete ein großes Gelage; eine Anzahl angeheiterter Kosaken stürzte auf den Marktplatz, wo sich die Pauken befanden, die an einem Pfahl hingen und gewöhnlich zum Zeichen einer beabsichtigten Ratsversammlung geschlagen wurden. Da sie die Schlegel nicht fanden, die meist beim Paukenschläger verwahrt zu werden pflegten, nahm jeder ein Holzscheit in die Hand und hieb damit auf die Pauken los. Auf diesen Lärm kam zuerst der Paukenschläger herbeigelaufen, ein langer Kerl mit einem einzigen Auge, das trotzdem recht verschlafen aussah.
„Wer wagt es, die Pauken zu schlagen?“ schrie er.
„Schweig! Nimm deine Schlegel und schlag drauf los, wenn man dir’s befiehlt!“ antworteten die angeheiterten Hauptleute.
Der Paukenschläger holte sofort die Schlegel, die er mitgenommen hatte, aus seiner Tasche, da er schon mit dem Ausgang solcher Vorgänge vertraut war. Die Pauken erdröhnten — und bald versammelten sich die schwarzen Scharen der Saporoger wie Hummeln auf dem Platz. Alle scharten sich zu einem kleinen Kreise zusammen, und nach dem dritten Schlage erschienen endlich auch die Ältesten: der Hauptmann mit der Keule, dem Zeichen der Würde, in der Hand, der Richter mit dem Heeressiegel, der Schreiber mit dem Tintenfaß und der Kosakenfähnrich mit dem Stabe. Der Hauptmann und die Ältesten nahmen ihre Mützen ab und verbeugten sich nach allen Seiten gegen die Kosaken, die, die Arme in die Seiten gestemmt, stolz dastanden.
„Was bedeutet diese Versammlung? Was wollt ihr, Herren?“ fragte der Hauptmann, aber lautes Fluchen und Schreien ließen ihn nicht zu Ende sprechen.
„Leg die Keule nieder! Leg sie sofort nieder, du Teufelssohn! Wir wollen dich nicht mehr!“ schrien einige Kosaken aus der Menge heraus. Andere, aus Lagern, die noch nüchtern waren, widersprachen, und es dauerte nicht lange, so begann zwischen Nüchternen und Trunkenen ein regelrechter Faustkampf. Alles schrie und lärmte durcheinander.
Der Hauptmann wollte sprechen, aber da er wußte, daß die wütende und eigensinnige Menge ihn, wie das in solchen Fällen ja immer geschieht, dafür zu Tode prügeln würde, verbeugte er sich tief, legte die Keule nieder und verschwand in der Menge.
„Befehlt ihr, Herren, daß auch wir die Zeichen unserer Würde niederlegen?“ fragten der Richter, der Schreiber und der Kosakenfähnrich. Sie machten sich schon bereit, Tintenfaß, Stab und Heeressiegel niederzulegen.
„Nein, ihr sollt bleiben,“ schrie man aus der Menge, „wir wollen nur den Hauptmann los sein. Was ist das für ein Weib! Wir brauchen einen Mann zum Hauptmann!“
„Wen wollt ihr denn aber zum Hauptmann wählen?“ fragten die Ältesten. „Wählt Kukubjenko,“ schrie ein Teil. „Nein, wir wollen Kukubjenko nicht,“ schrie ein anderer. „Er ist noch zu jung, er hat ja kaum die Kinderschuhe abgelegt.“
„Schilo soll unser Hauptmann sein,“ schrien verschiedene, „Schilo soll Hauptmann sein!“
„Daß euch der Schilo in den Leib fahre!“ schrien andere wieder durcheinander. „Was ist denn das für ein Kosak? dieser Hundsfott stiehlt ja wie ein Tatar! Der Teufel soll ihn holen, steckt ihn in den Sack, den Säufer!“
„Borodaty, wählen wir doch Borodaty zum Hauptmann!“
„Wir wollen Borodaty nicht! Zum Teufel mit Borodaty!“
„Ruft Kirdiaga,“ flüsterte Taraß Bulba einigen zu.
„Kirdiaga, Kirdiaga,“ schrie die Menge. „Borodaty, Borodaty! Kirdiaga, Kirdiaga! Schilo! Zum Teufel mit Schilo! Kirdiaga!“
Die Genannten traten sofort aus der Menge heraus, damit man nicht glauben sollte, sie suchten ihre Wahl durch persönliche Anteilnahme zu befördern.
„Kirdiaga! Kirdiaga!“ Dieser Name erklang öfter als die andern. „Borodaty!“ Endlich wurde die Sache durch die Fäuste ausgefochten, und Kirdiaga trug den Sieg davon.
„Schnell, holt den Kirdiaga,“ riefen viele Stimmen, und sogleich sonderten sich zehn Kosaken von der Menge ab. Einige von ihnen waren so bezecht, daß sie sich kaum aufrecht halten konnten. Sie begaben sich direkt zu Kirdiaga, um ihn von der Wahl zu unterrichten.
Kirdiaga war zwar ein schon recht bejahrter, aber kluger Kosak, der schon lange in seine Strohhütte zurückgekehrt war und so tat, als ob er nichts von dem Vorgefallenen wüßte. „Nun, meine Herren, was wünscht ihr?“ fragte er.
„Komm, du bist zum Hauptmann gewählt worden.“
„Aber ich bitte euch, ihr Herren,“ sagte Kirdiaga, „wie komme ich zu einer solchen Ehre? Wie kann ich euer Hauptmann sein? Ich bin ja gar nicht klug genug, um eine solche Würde zu tragen! Als ob ihr im ganzen Heere keinen Besseren finden könntet, als mich!“
„Komm schnell, hörst du!“ schrien die Saporoger. Zwei von ihnen packten ihn bei den Armen, und so sehr er sich auch mit den Füßen gegen den Boden stemmte, er wurde doch schließlich unter andauernden Schimpfworten, Rippenstößen und aufmunternden Zurufen auf den Platz gebracht. „Sträube dich doch nicht, du Satan! Nimm doch das Ehrenamt an, wenn man es dir anbietet!“ Auf diese Weise wurde Kirdiaga in den Kreis der Kosaken geschleppt.
„Nun Herrschaften!“ riefen die, die ihn hergebracht hatten, laut aus, „seid ihr einverstanden, daß dieser Kosak unser Hauptmann wird?“
„Ja, wir sind alle einverstanden,“ schrie die Menge, und das ganze Feld hallte wider von ihrem Geschrei.
Einer von den Ältesten hob die Keule auf und überreichte sie dem neuerwählten Hauptmann. Der Sitte gemäß weigerte sich Kirdiaga zunächst, sie anzunehmen. Der Älteste bot sie ihm darauf zum zweiten Male an, und Kirdiaga wies sie zum zweiten Male zurück. Erst beim dritten Mal nahm er die Keule an. Nunmehr brach die Menge in ein lautes Beifallsgebrüll aus und wiederum hallte das Feld vom Geschrei der Kosaken wider. Darauf traten vier von den ältesten Kosaken mit grauen Köpfen und Bärten aus der Mitte des Volkes heraus. (Ganz Alte gab es in der Sjetsch nicht, denn kein Saporoger starb eines natürlichen Todes.) Jeder von ihnen nahm eine Handvoll Erde, die um jene Zeit durch den Regen in Kot verwandelt war, und legte sie Kirdiaga aufs Haupt. Die nasse Erde rann ihm vom Kopf herunter, floß ihm über den Schnurrbart und über die Wangen, und beschmutzte ihm das ganze Gesicht. Aber Kirdiaga blieb stehen, rührte sich nicht von der Stelle und dankte den Kosaken für die ihm erwiesene Ehre.
So endete diese höchst geräuschvolle Wahl, über die sich vielleicht niemand so innig freute, wie Bulba. Zunächst, weil er sich an dem früheren Hauptmann gerächt hatte, und dann war Kirdiaga sein alter Kamerad, der mit ihm die gleichen Kriegszüge zu Wasser und zu Lande gemacht, und mit dem er die Mühen und Gefahren des Kriegslebens geteilt hatte. Die Menge zerstreute sich, um die Wahl sofort zu feiern, und nun erhob sich ein Jubel, wie ihn Ostap und Andrij bisher noch nicht erlebt hatten. Die Schnapsläden wurden verwüstet, Met, Branntwein und Bier wurden heruntergegossen, ohne daß jemand an Bezahlung dachte, und die Gastwirte waren schon zufrieden, daß sie selbst verschont blieben. Die ganze Nacht hindurch brüllte und sang man Lieder, in denen die Heldentaten gefeiert wurden, und der aufgehende Mond beleuchtete noch lange die Haufen von Musikanten, die mit Banduren, Teorben und runden Balaleiken durch die Straßen zogen, sowie die Kirchensänger, die man sich in der Sjetsch zur Abhaltung des Gottesdienstes und zur Lobpreisung der Taten der Saporoger hielt. Endlich begann sich der Rausch und die Müdigkeit auch der starken Köpfe zu bemächtigen. Bald da, bald dort sank ein Kosak zur Erde, ein Kamerad umarmte den andern, und wurde rührselig — ja mancher begann sogar zu weinen und taumelte dann zusammen mit dem andern zu Boden. Dort wälzte sich ein ganzer Haufen herum; ein Kosak suchte sich einen möglichst bequemen Ruheplatz und legte sich dabei gerade auf einen Holzklotz. Ein einziger, der stärker war als die übrigen, hielt noch allerhand unzusammenhängende Reden, aber endlich tat es auch diesem der Rausch an — er fiel nieder — und die ganze Sjetsch versank in Schlummer ...
Viertes Kapitel
Gleich am nächsten Tage beriet sich Taraß Bulba mit dem neuen Hetman, wie man die Saporoger zu einem Kriegszuge anstacheln könnte. Der Hetman war ein kluger, gewiegter Kosak, er kannte die Saporoger und sagte daher zuerst:
„Den Eid können wir nicht brechen. Das geht auf keinen Fall.“ Dann schwieg er eine Weile und fuhr fort:
„Es macht nichts, es geht auch so. Wir werden den Eid nicht verletzen, aber ein Vorwand wird sich schon finden. Sorge nur dafür, daß sich das Volk wieder versammelt, aber nicht auf meinen Befehl hin, sondern aus freiem Antriebe ... ihr wißt ja selbst am besten, wie das gemacht wird. Dann kommen wir sogleich mit den Ältesten auf den Platz geeilt, als ob wir von nichts wüßten.“
Es war noch keine Stunde seit diesem Gespräch vergangen, als schon die Pauken erdröhnten. Sogleich war auch wieder eine ganze Menge von betrunkenen und unvernünftigen Kosaken zur Stelle. Tausende von Kosakenmützen füllten plötzlich den Platz. Ein mächtiges Stimmengewirr erhob sich. Überall ertönten Fragen: „Was ist geschehen? Warum hat man uns zusammengerufen?“ Niemand antwortete. Endlich tönte es aus dieser und jener Ecke hervor: „So vergeudet man die Kosakenkraft! Es gibt keinen Krieg! Die Vorsteher haben sich hinter den Ofen gelegt, und schwimmen in ihrem Fett! Es gibt keine Gerechtigkeit mehr in der Welt!“ Die Kosaken hörten erst eine Weile zu und stimmten dann mit in das Geschrei ein: „Wahrhaftig, es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt.“ Die Ältesten schienen über die Vorwürfe sehr bestürzt zu sein. Endlich trat der Hetman vor und sagte: „Werte Herren Saporoger! erlaubt ihr mir, eine Rede zu halten?“
„Rede!“
„Werte Herren, es wird jetzt darüber gesprochen, und ihr wißt es am besten, daß viele Saporoger bei den Juden in den Schenken und auch bei den eigenen Kameraden viele Schulden haben! Kein Teufel traut ihnen mehr. Außerdem spricht man darüber, daß es bei uns eine große Anzahl von jungen Burschen gibt, die noch nie mit eigenen Augen eine Schlacht gesehen haben — während ihr doch selbst wißt, werte Herren, daß so ein junger Mensch ohne Krieg nicht leben kann. Was ist denn das auch für ein Saporoger, der sich noch nie mit den Heiden herumgeschlagen hat!“
„Er spricht ausgezeichnet,“ dachte Bulba.
„Denkt übrigens nicht, ihr Herren, daß ich das sage, um den Frieden zu stören. Gotte behüte mich! Ich meine das nur so. Und ein Gotteshaus haben wir — es ist eine wahre Sünde, wie es aussieht! Solange schon blüht die Sjetsch durch Gottes Gnade, und bis jetzt sind die Heiligenbilder — von dem Äußeren wage ich garnicht zu sprechen — noch immer ohne jeden Schmuck! Hätte ihnen wenigstens noch jemand ein silbernes Gewand geschmiedet! So aber haben sie nur gerade das erhalten, was ihnen der eine oder der andere Kosak hinterlassen hat. Diese Gaben waren aber meistens recht ärmlich, hatten sie doch schon bei Lebzeiten alles vertrunken. Ja, also ich rede nicht etwa, um den Krieg gegen die Ungläubigen zu predigen: wir haben dem Sultan Frieden geschworen, und es wäre eine große Sünde ihn zu brechen, denn wir haben auf unsern Glauben geschworen.“
„Was schwatzt er denn da durcheinander,“ sagte Bulba vor sich hin.
„Ihr seht also, werte Herren, daß sich ein Krieg nicht so leicht beginnen läßt: das wäre gegen unsere Ritterehre. Aber ich in meinem einfältigen Verstande denke mir folgendes: Man müßte einmal allein die Jungen auf Kähnen ein bißchen an der Küste Anatoliens herumstreifen lassen! Was denkt ihr darüber, ihr Herren?“
„Führe uns, führe uns alle dahin,“ schrie die Menge von allen Seiten, „für unsern Glauben opfern wir gern unser Leben.“
Der Hetman erschrak. Er hatte durchaus nicht die Absicht, alle Saporoger in Aufruhr zu bringen; jedenfalls hielt er es in diesem Falle für ehrlos, den Frieden zu brechen. „Gestattet mir noch einige Worte, werte Herren.“
„Hör auf,“ riefen die Saporoger, „was Besseres kannst du ja doch nicht sagen!“
„Nun, wenn ihr meint, so möge es denn sein. Ich bin der Knecht eures Willens. Wie es ja schon in der Schrift heißt: Volkes Stimme — Gottes Stimme. Es läßt sich nichts Klügeres erdenken, als was das ganze Volk ersonnen hat. Aber, werte Herren, ihr wißt, daß der Sultan das Vergnügen, das sich unsere tapfern Burschen gestatten werden, nicht ungestraft lassen wird? Allein inzwischen müssen auch wir uns rüsten und frische Kräfte sammeln, dann brauchen wir niemand zu fürchten. Aber während unserer Abwesenheit könnten die Tataren die Sjetsch überfallen: diese türkischen Hunde wagen es nicht, einem ins Gesicht zu sehen und einem offen gegenüberzutreten, dagegen beißen sie einem gern von hinten in die Fersen, und das gründlich. Hm, und um die Wahrheit zu sagen: wir verfügen auch nicht über so viel Boote und Pulver, wie wir benötigten, wenn alle mitziehen wollten. Im übrigen: was mich betrifft — ich bin zu allem bereit: ich bin nur der Knecht eures Willens.“
Der listige Hetman schwieg. Einzelne Haufen begannen miteinander zu beratschlagen, ebenso die Hauptleute der einzelnen Heerabteilungen. Zum Glück waren nicht allzuviele von ihnen betrunken, und man beschloß daher, sich dem vernünftigen Rat zu fügen.
Sofort wurden einige Leute ans gegenüberliegende Ufer des Dnjepr nach dem Zeughaus gesandt, wo sich in unzugänglichen Verstecken, unter dem Wasser und im Schutt, die Kriegeskasse, sowie ein Teil der vom Feinde erbeuteten Waffen befanden. Die andern machten sich schnell an die Boote, um sie gründlich zu besichtigen und für die Reise auszurüsten. In einem Augenblick war das Ufer vom Volk überschwemmt. Die Zimmerleute kamen mit dem Beil in der Hand herbeigeeilt. Alte, sonnenverbrannte, breitschultrige Saporoger, mit graumelierten und schwarzen Schnurrbärten standen mit aufgeschürzten Schifferhosen bis zu den Knien im Wasser und zogen die Boote an einem festen Tau vom Ufer herab. Andre schleppten fertige, trockene Balken und Baumstämme herbei. Da wurde ein Kahn mit Brettern verschlagen, dort kehrte man einen um und kalfaterte und teerte ihn. Hier befestigte man nach Kosakenbrauch lange Schilfbündel an den Kahnwänden, damit die Meereswellen die Boote nicht zum Kentern bringen sollten. Etwas abseits am Ufer wurden kupferne Kessel aufgestellt, in denen man Pech zum Teeren der Boote siedete. Die Älteren und Erfahrenen belehrten die Jungen, ringsum hallte alles von dem Lärm der Arbeit wider, das ganze Ufer war voller Leben und Bewegung.
Unterdessen näherte sich dem Ufer eine große Fähre, deren Bemannung schon von fern mit den Händen winkte. Es waren Kosaken in zerlumpten Röcken. Ihre zerrissene Bekleidung — mehrere von ihnen hatten nichts als ein Hemd an und eine kurze Pfeife in den Zähnen — bewies, daß sie soeben einer großen Gefahr entronnen waren oder ihr gesamtes Besitztum vertrunken und verbummelt hatten. Aus ihrer Mitte trat ein kleiner, breitschultriger Kosak von etwa fünfzig Jahren hervor, und stellte sich vorn auf die Fähre. Er schrie und bewegte die Arme noch heftiger, als die andern: aber der Lärm und das Klopfen der Arbeiter übertönte seine Stimme. „Wie kommt ihr hierher,“ fragte der Hetman, als die Fähre ans Ufer stieß. Alle Arbeiter stellten die Arbeit ein, ließen Beil und Meißel ruhen und schauten voller Erwartung drein.
„Wir haben Unglück gehabt,“ schrie der kleine Kosak auf der Fähre.
„Was für ein Unglück?“
„Erlauben die Herren Saporoger einige Worte?“
„Wollt ihr nicht lieber eine Versammlung abhalten?“
„Sprich, wir sind alle hier.“
Das Volk drängte sich zu einem Haufen zusammen.
„Habt ihr denn garnichts davon gehört, was in der Ukraine vorgeht?“
„Was denn?“ fragte einer der Hauptleute.
„Was? euch hat wohl der Tatar die Ohren verstopft, daß ihr nichts gehört habt!“
„So sprich doch, was geschehen ist!“
„Es geschieht etwas, was wir seit unserer Geburt und unserer Taufe nicht gesehen haben!“
„So sag doch endlich, was es ist, du Hundessohn!“ schrie einer aus der Menge, der die Geduld zu verlieren schien.
„Es ist eine Zeit angebrochen, wo selbst die heiligen Kirchen nicht mehr uns gehören!“
„Weshalb gehören sie uns nicht?“
„Sie sind jetzt an die Juden verpachtet. Wenn man die Juden nicht erst bezahlt, kann man keine Messe mehr darin abhalten.“
„Was faselst du?“
„Und wenn so ein Judenhund mit seiner unreinen Hand nicht ein Zeichen über die Hostie macht, kann man auch kein Ostern mehr feiern.“
„Er lügt, Brüder, es ist unmöglich, daß der unreine Jude ein Zeichen über die Hostie macht!“
„Hört zu, ich werde euch noch ganz andere Dinge erzählen. Katholische Geistliche fahren jetzt in Bauernwagen in der Ukraine herum. Das ist ja freilich noch kein Unglück, daß sie in Bauernwagen herumfahren; wohl aber das, daß sie statt der Pferde rechtgläubige Christen vorspannen. Ja, noch mehr hört mal weiter: man erzählt, daß sich die Judenweiber Röcke aus den Gewändern der Geistlichen nähen! So liegen die Dinge in der Ukraine! Und ihr sitzt hier in der Sjetsch und unterhaltet euch! Ja, man sieht, der Tatar hat euch einen solchen Schrecken eingeflößt, daß ihr weder Augen noch Ohren noch sonst etwas habt, daß ihr nichts davon merkt, was in der Welt vorgeht!“
„Halt, halt,“ unterbrach ihn hier der Hetman, der bis dahin mit zu Boden gesenkten Augen dagestanden hatte, wie alle Saporoger, die sich bei wichtigen Angelegenheiten nie von dem ersten Eindruck hinreißen lassen, sondern schweigen, bis ihre Erbitterung im stillen um so mächtiger anschwillt. „Hör auf, hör auf, hier habe ich auch noch ein Wort mitzureden. Und was habt ihr — der Teufel soll eurem Vater das Fell gerben — was habt ihr getan? Hattet ihr denn keine Säbel, he? Wie konntet ihr denn solche Niederträchtigkeiten zulassen?“
„Wie man eine solche Niederträchtigkeit unbestraft lassen kann! He? Versuch doch nur was anzufangen, wo uns allein fünfzigtausend Polen gegenüberstanden. Und dann, wir wollen unsere Schande nicht verheimlichen; es gab auch Hunde unter uns, die schon den feindlichen Glauben angenommen hatten!“
„Und was taten euer Hetman und eure Heerführer?“
„Unser Hetman hat etwas getan, wovor uns alle Gott bewahre!“
„Wie? was sagst du?“
„Hört zu: Unser Hetman liegt jetzt eingepökelt in einem kupfernen Kessel zu Warschau und die Köpfe und Hände unserer Hauptleute werden zur Augenweide für alles Volk auf den Jahrmärkten herumgeschleppt. So ist es unsern Anführern gegangen!“
Die ganze Volksmasse geriet in Bewegung. Zuerst herrschte tiefes Schweigen, wie es wohl einem schweren Unwetter vorhergeht, dann aber hallte plötzlich das ganze Ufer von wilden Reden, Ausrufen und Schreien wider.
„Was, die Juden haben die christlichen Kirchen gepachtet! Die katholischen Geistlichen spannen rechtgläubige Christen an ihre Deichseln!! Wie, man duldet auf russischem Boden solche Grausamkeiten von den verfluchten Ungläubigen! Und daß sie so mit unsern Heerführern und Hetmans umgehen! Das kann nicht sein, das darf nicht sein!“
So hallte es aus allen Ecken. Die Saporoger schrien sehr laut: sie empfanden ihre Kraft. Das war nicht mehr das Aufbrausen eines leichtsinnigen Völkchens; das war die Erregung bedachtsamer und männlicher Charaktere, die langsam in Hitze gerieten, aber, einmal entflammt, ihr inneres Feuer lange und dauernd bewahrten.
„Die ganze Judenbande muß gehenkt werden,“ schrie es aus der Menge, „sie sollen ihren Judenweibern keine Röcke mehr aus den geistlichen Gewändern nähen! Sie sollen keine Zeichen auf den heiligen Hostien machen!“
„Ersauft doch dies ganze Heidenpack im Dnjepr!“ Diese Worte, die einer aus der Menge gerufen hatte, zündeten blitzartig in allen Köpfen. Die Menge stürzte in die Vorstadt, mit dem festen Entschlusse, die ganze Judenschaft umzubringen.
Die armen Kinder Israel verloren ihre Geistesgegenwart und ihren letzten, schon ohnedies nicht allzu großen Mut, sie versteckten sich in leeren Branntweinfässern und in den Öfen, und verkrochen sich sogar unter den Röcken der Jüdinnen. Aber die Kosaken wußten sie überall zu finden.
„Erlauchte Herren,“ schrie ein langer spindeldürrer Jude, indem er sein mitleiderregendes, schreckentstelltes Haupt aus der Menge seiner Freunde hervorstreckte. „Erlauchte Herren! laßt mich euch nur ein Wort sagen, ein einziges Wort. Wir werden euch etwas mitteilen, was ihr noch nie gehört habt — etwas so Wichtiges; man kann garnicht sagen, wie wichtig es ist!“
„Gut, mag er sprechen,“ sagte Bulba, der es immer liebte, auch den schuldigen Teil anzuhören.
„Erlauchte Herren,“ sprach der Jude, „solche Herren hat man noch nie gesehen! So edle, gute und tapfere Männer gab es noch nie auf Erden.“ Seine Stimme erstarb und zitterte vor Angst. „Wie wäre es möglich, daß wir schlecht von den Saporogern dächten! Die gehören ja gar nicht zu uns, die in der Ukraine die Kirchen pachten! Bei Gott, sie gehören nicht zu uns! Das sind ja gar keine Juden! Der Teufel weiß, was das für Leute sind, das sind solche Schufte, die man bloß anspucken und ausrotten sollte! Alle hier werden es mir bestätigen! Nicht wahr, Schloma, nicht wahr, Schmuhl?“
„Bei Gott! Ob es wahr ist,“ riefen Schloma und Schmuhl aus der Menge; sie trugen zerrissene Mützen und waren so bleich wie Kalk. „Wir haben es nie mit den Feinden gehalten,“ fuhr der lange Jude fort, „und die Katholiken mögen uns überhaupt gestohlen bleiben. Der Teufel kümmere sich um sie. Wir fühlen mit den Saporogern wie mit unsern eigenen Brüdern ...“
„Was! Die Saporoger sollen eure Brüder sein!“ rief einer aus der Menge. „Verfluchte Juden, das überlebt ihr nicht! In den Dnjepr mit ihnen, werte Herren, wir wollen diese verfluchten Hunde ersäufen!“ Diese Worte wirkten wie ein Signal. Man packte die Juden bei den Händen und warf sie in die Wogen. Von allen Seiten ertönte ein jämmerliches Schreien, aber die rauhen Saporoger lachten nur, als sie die mit Schuhen und Strümpfen bekleideten Füße der Juden in der Luft herumzappeln sahen.
Der arme Redner, der durch seine Worte das Unglück selbst heraufbeschworen hatte, wand sich aus dem Kaftan heraus, bei dem man ihn bereits gepackt hatte, warf sich in seinem scheckigen und engen Kamisol Bulba zu Füßen und flehte ihn mit jämmerlicher Stimme an: „Großer, erlauchter Herr! Ich habe Euern Bruder gekannt, den seligen Dorosch! Er war die Zierde des ganzen Rittertums. Ich habe ihm achthundert Zechinen gegeben, als er Geld brauchte, um sich aus der Gefangenschaft der Türken auszulösen!“
„Du kanntest meinen Bruder?“ fragte Bulba.
„Bei Gott, ich kannte ihn! Was war das für ein großmütiger Herr!“
„Und wie heißt du?“
„Jankel.“
„Gut,“ sagte Taraß und wandte sich nachdenklich an die Kosaken. „Wenn es sein muß, werden wir immer noch genug Zeit haben, den Juden aufzuknüpfen — jetzt aber überlaßt ihn mir.“
Mit diesen Worten führte Taraß ihn zu seinem Wagen, neben dem seine Kosaken standen. „Nun, krieche unter den Wagen, bleib dort liegen und rühr dich nicht vom Fleck; und ihr, Brüder, laßt mir den Juden nicht entweichen!“
Hierauf begab er sich nach dem Platz, wo die ganze Schar bereits versammelt war. Alle hatten das Ufer und die Arbeit an den Kähnen augenblicklich verlassen, stand doch jetzt ein Kriegszug zu Lande und nicht zu Wasser bevor, und man bedurfte der Schiffe und der Kosakenboote nicht mehr, wohl aber der Wagen und Pferde. Jetzt wollten alle mit in den Krieg, Alt und Jung; im Einverständnis mit dem Rate der Ältesten, dem Hetman, den Hauptleuten und dem ganzen Heer der Saporoger beschloß man, direkt nach Polen zu ziehen, um sich für alles Böse, für die Schändung des heiligen Glaubens und der Kosakenehre, zu rächen, in den eroberten Städten Beute zu machen, Dörfer und Scheunen in Brand zu setzen und überall in der Steppe seinen Ruhm zu verbreiten. Alles rüstete und bewaffnete sich. Der Hetman schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein. Das war nicht mehr der schüchterne Vollstrecker der launischen Wünsche eines ungezähmten Volkes; das war ein unbeschränkter Gebieter, ein Despot, der nur zu befehlen verstand. Alle die eigenwilligen und stolzen Ritter standen bewegungslos in Reih und Glied mit ehrerbietig gesenkten Köpfen, und keiner erhob die Augen, wenn der Hetman Befehle erteilte. Er tat es ruhig, ohne viel Geschrei und ohne sich zu übereilen, aber bedächtig wie ein alter, vielerfahrener Kosak, der nicht zum erstenmal einen klug erdachten Plan zur Ausführung bringt.
„Seht euch um, seht euch recht gut um,“ sagte er, „bringt die Wagen und Teereimer in Ordnung, prüft eure Gewehre. Nehmt nicht zu viel Kleidung mit euch: ein Hemd und zwei Paar Hosen pro Mann und einen Topf mit Hirsebrei — keiner soll mehr bei sich führen. In den Wagen wird schon soviel Vorrat sein, als unbedingt nötig ist. Jeder Kosak soll ein Paar Pferde mit sich führen, auch nehmen wir zweihundert Paar Ochsen mit, da wir ihrer bei den Furten und in den morastigen Gegenden bedürfen könnten. Und, werte Herren, haltet vor allem auf Ordnung! Ich weiß, daß es einige unter euch gibt, die, sobald Gott eine reiche Beute schickt, sich sofort die Füße in Nanking und Seide hüllen. Laßt euch nicht vom Teufel verführen, werft allen Tand fort und nehmt euch höchstens ein Gewehr mit, wenn es gut ist, und ein paar Dukaten oder etwas Silbergeld — das sind Dinge, die nicht viel Raum einnehmen und die man immer gebrauchen kann.
Und das sage ich euch im voraus, werte Herren: sollte sich jemand von euch während des Feldzuges betrinken, so lasse ich ihn ohne jedes Gerichtsverfahren, wie einen Hund beim Genick packen, an den Wagen binden, und — mag er der tapferste Kosak sein — er wird sofort wie ein Hund erschossen und ohne Begräbnis den Vögeln zum Fraß überlassen, denn jemand, der sich im Feldzug betrinkt, ist eines christlichen Begräbnisses unwürdig. Ihr aber, ihr jungen Männer, gehorcht in allem den Alten. Wenn euch eine Kugel trifft oder ein Säbel euch am Kopf oder sonstwo verwundet: legt dem keine große Bedeutung bei; mischt eine Ladung Pulver in einem Becher Schnaps, trinkt ihn mit einem Satz aus, und alles geht vorüber, ohne jedes Fieber; oder wenn die Wunde nicht gar zu groß ist, so legt einfach etwas Erde darauf, nachdem ihr sie erst auf der Handfläche mit etwas Speichel verrieben habt: dann heilt sie bald zu. Und nun, an eure Arbeit, ihr Jungen, an die Arbeit, aber ohne Eile und mit Bedacht!“
So sprach der Hetman, und sobald er seine Rede beendet hatte, machten sich alle Kosaken sofort an ihre Arbeit. Die ganze Sjetsch wurde nüchtern und nirgends war ein Betrunkener mehr zu sehen, als hätte es unter den Kosaken nie welche gegeben. Die einen brachten die Räderreifen in Ordnung und ersetzten die alten Wagenachsen durch neue, andere trugen Säcke mit allerhand Vorräten in die Wagen oder luden Waffen auf, andere wieder trieben die Pferde und Ochsen zusammen. Von allen Seiten hörte man das Stampfen der Pferde, das Einschießen der Gewehre, das Klirren der Säbel, das Gebrüll der Ochsen, das Knarren der schwerbepackten Wagen und das laute Schreien und Rufen der Krieger. Bald dehnte sich das Kosakenlager über das ganze Feld aus. Und der hätte lange laufen können, der es von Anfang bis Ende hätte durchqueren wollen. In der kleinen Holzkirche hielt der Geistliche einen Gottesdienst ab und besprengte alle mit Weihwasser, und alle küßten das Kreuz. Als das Lager sich in Bewegung setzte und aus der Sjetsch hinauszog, da sahen sich alle Saporoger noch einmal um. „Leb wohl, du, unsere Mutter,“ riefen sie fast einstimmig, „möge dich Gott vor jedem Unglück bewahren!“
Als sie durch die Vorstadt zogen, bemerkte Taraß Bulba, daß der Jude Jankel sich bereits wieder eine Bude mit einem Schutzdach eingerichtet hatte und Feuersteine, Decken, Pulver und allerlei nützliche Dinge, die ein Heer im Kriege brauchen kann, ja sogar Zwieback und Brot feilbot. „So ein Teufelskerl dieser Jude,“ dachte Taraß, sprengte an ihn heran und sagte: „Du Narr, was sitzt du hier? Willst du, daß man dich wie einen Sperling niederschießt?“
Jankel trat vorsichtig zu ihm heran, machte ihm mit beiden Händen allerhand Zeichen, als wolle er ihm ein Geheimnis mitteilen, und sagte: „Wenn der Herr nur schweigen und es sonst keinem sagen wollte; unter den Kosakenwagen befindet sich einer, der mir gehört, ich führe allerlei nützliche Dinge für die Kosaken mit, und will euch unterwegs den Proviant so billig liefern, wie noch nie ein anderer Jude; bei Gott, es ist so, so wahr mir Gott helfe!“
Taraß Bulba zuckte die Achseln; er wunderte sich über die zähe, flinke Natur des Juden und ritt ins Lager zurück.
Fünftes Kapitel
Bald war der ganze Südwesten Polens eine Beute des Schreckens. Überall erklang der Ruf: „Die Saporoger, die Saporoger sind gekommen!“ Alles was sich in Sicherheit bringen konnte, tat es. Alles machte sich auf und davon, wie es in jenem barbarischen, sorglosen Zeitalter Sitte war, wo man weder Festungen noch Burgen kannte, und wo der Mensch sich seine Strohhütte an dem ersten besten Ort baute. Man dachte: es hat ja doch keinen Sinn, Arbeit und Geld an ein Haus zu wenden, wenn der Tatar es ja doch zerstört. Alles geriet in Bewegung und Unruhe; der eine vertauschte Pflug und Heerde gegen Pferd und Flinte und trat in das Heer ein, ein anderer versteckte sich und sein Vieh und trug fort, was er tragen konnte. Gewiß stieß man hin und wieder auch auf solche, die die Gäste mit der Waffe in der Hand empfingen, aber die weitaus größere Zahl entfloh schon vorher. Alle wußten es, daß es eine schwere Sache ist, sich mit jenem wilden und kriegerischen Haufen einzulassen, der den Namen des „Saporoger Heeres“ trug, und der trotz seiner äußerlichen Willkür und Unordnung eine Ordnung zu halten wußte, wie sie in der Schlacht erforderlich ist. Die Reiter überlasteten und erhitzten ihre Pferde nicht; die Fußgänger schritten nüchtern hinter den Wagen her; das ganze Feldlager bewegte sich nur nachts vorwärts, bei Tage ruhte es aus und zwar auf freien und unbewohnten Plätzen und Wäldern, die damals noch im Überfluß vorhanden waren. Man sandte Kundschafter und Spione voraus, um sich über die jeweilige Lage zu unterrichten. Oft tauchte die ganze Schar gerade an den Orten auf, wo man sie am wenigsten erwartete — und dann sagten alle dem Leben Ade. Die Dörfer wurden an allen Ecken und Enden angezündet; das Vieh und die Pferde, die dem Heere nicht folgen konnten, wurden an Ort und Stelle niedergemacht. Es schien, als ob die Kosaken es mehr auf ein schwelgerisches Leben abgesehen hatten, als auf einen Feldzug. Die Haare stehen einem noch heute zu Berge, wenn wir uns jene schrecklichen Zeichen der Grausamkeit eines halbwilden Zeitalters ins Gedächtnis rufen, wie sie die Saporoger überall offenbarten. Erschlagne Säuglinge, Frauen mit abgeschnittenen Brüsten, das waren ihre Heldentaten; und wenn sie jemand in Freiheit setzten, zogen sie ihm vorher bis zu den Knien die Haut von den Füßen ab. Kurz, die Kosaken zahlten ihre früheren Schulden mit harter Münze heim. Als der Abt eines Klosters hörte, daß sie im Anzuge seien, sandte er ihnen zwei Mönche entgegen und ließ ihnen sagen, sie handelten nicht so, wie es sich gehöre; zwischen den Saporogern und der Regierung sei Frieden geschlossen, daher verletzten sie ihre Pflicht gegen den König und zugleich damit das Völkerrecht. Hierauf erwiderte ihnen der Hetman: „Sage deinem Erzbischof in meinem und aller Saporoger Namen, daß er nichts zu befürchten hat, die Kosaken zünden sich ja bloß ihre Pfeifen an.“
Bald war die majestätische Abtei von vernichtenden Flammen erfaßt, und die mächtigen gotischen Fenster schauten düster durch das lodernde Glutmeer. Flüchtige Haufen von Mönchen, Juden und Frauen erfüllten plötzlich alle Städte, in denen nur ein Schein von Hoffnung auf die Garnison und die städtische Besatzung bestand. Die von der Regierung von Zeit zu Zeit, aber meist immer zu spät zu Hilfe gesandten Detachements fanden die Kosaken entweder nicht oder gaben bei dem ersten Zusammenstoß Fersengeld und flüchteten sich auf ihren wackeren Pferden. Es kam auch vor, daß einige königliche Heerführer, die in früheren Schlachten siegreich geblieben waren, beschlossen, sich den Saporogern mit vereinten Kräften entgegenzustellen. Das aber waren gerade die Gelegenheiten, in denen die jungen Kosaken ihre Kräfte prüften: sie verabscheuten die Geldgier und die Nichtswürdigkeiten gegenüber dem wehrlosen Feind, hier aber brannten sie vor Verlangen, sich vor den Alten auszuzeichnen und sich Mann gegen Mann im offenen Kampfe mit dem kecken und prahlerischen Polen zu messen, der auf seinem stolzen Roß im prächtigen, vom Winde geblähten Mantel mit den herabhängenden Ärmeln angesprengt kam.
Das war eine fröhliche Wissenschaft; sie hatten schon viel reiches Pferdegeschirr, kostbare Säbel und Gewehre erbeutet. Im Verlauf eines Monats hatten die Jünglinge alles Knabenhafte abgelegt, und die kaum flügge gewordenen Jungen waren zu Männern herangereift; ihre Gesichtszüge, die bisher eine gewisse jugendliche Sanftheit aufwiesen, waren nun streng und ernst. Der alte Taraß sah mit Freuden, wie seine beiden Söhne überall die ersten waren. Ostap schien schon in der Wiege dazu bestimmt zu sein, ein Kämpferdasein zu führen, und Heldentaten zu verrichten. Nichts brachte ihn in Verwirrung oder ließ ihn den Kopf verlieren; mit einer für einen zweiundzwanzigjährigen Jüngling fast unverständlichen Kaltblütigkeit wußte er im Augenblick die Gefahr und die Sachlage zu überblicken; und er fand auch sofort ein Mittel, der Gefahr auszuweichen, aber so daß er sie um so sicherer überwand. Seine Bewegungen zeigten schon Erfahrung und Selbstvertraun: man erkannte in ihm sofort den zukünftigen Führer. Sein Körper schwoll von Kraft; und seine ritterlichen Tugenden hatten etwas von der gewaltigen Kraft des Löwen.
„Oh, der wird mit der Zeit noch ein tüchtiger Hetman werden,“ sagte der alte Bulba, „ja, ja, das gibt einen ausgezeichneten Feldherrn ab, der stellt noch den Vater in Schatten.“
Andrij war wie bezaubert von der wundervollen Musik der Kugeln und Schwerter. Er kannte die Bedeutung des Überlegens, Berechnens und des Ausmessens der eignen und fremden Kräfte nicht. Die Schlacht war ihm ein tolles, wonniges Vergnügen, und ihm war in solchen Augenblicken zumute, wie einem Menschen bei einem Feste, wenn das Gesicht glüht, alles vor den Augen schwirrt und durcheinandergeht, die Schädel herabsausen, die Rosse dröhnend zu Boden stürzen, und er wie trunken im Lärm der Kugeln und zwischen blitzenden Säbeln dahinfliegt, und nach allen Seiten um sich haut, ohne selbst die Hiebe zu empfinden, die er empfängt. Oft genug wunderte sich der Vater auch über Andrij, wenn er sah, wie er, von seiner wilden Leidenschaft hingerissen, sich an Dinge wagte, die ein Kaltblütiger und Überlegender stets gemieden hätte, und in seinem rasenden Draufgängertum Wunder verrichtete, über die selbst alte in Schlachten ergraute Kosaken in Staunen geraten mußten. Dann bewunderte ihn der alte Taraß und sagte wohl: „Auch er ist ein tüchtiger Krieger — der Feind vermag nichts gegen ihn. Er ist kein Ostap, aber doch ein tüchtiger, ein sehr tüchtiger Krieger.“
Man hatte beschlossen, direkt gegen die Stadt Dobno zu marschieren, die, wie es hieß, reiche Schätze barg und begüterte Bürger beherbergte. In anderthalb Tagen war der Weg zurückgelegt, und die Saporoger standen bereits vor der Stadt. Die Einwohner hatten beschlossen, sich bis zum letzten Blutstropfen, ja bis zum Äußersten zu verteidigen, und wollten lieber auf den Märkten und an den Schwellen ihrer Häuser sterben, als den Feind in ihr Heim hineinlassen. Ein großer Erdwall umgab die Stadt; wo er zu niedrig war, da erhob sich eine steinerne Mauer, oder ein Haus, das als Batterie diente, oder endlich ein aus eichenen Bohlen errichteter Zaun. Die Besatzung war stark und empfand die ganze Bedeutung der Lage. Die Saporoger hatten schon einen wilden Sturm gegen den Wall versucht, aber ein Kartätschenfeuer prasselte auf sie herab. Auch die Bürger und die sonstigen Stadtbewohner schienen die Hände nicht in den Schoß legen zu wollen und eilten in Massen auf die Stadtmauern. Der feste Wille zu einem verzweifelten Widerstand war in ihren Augen zu lesen: die Frauen beschlossen ebenfalls, an der Verteidigung teilzunehmen, warfen Steine, Fässer und Töpfe voll siedendem Pech auf die Köpfe der Saporoger und schütteten zuletzt Säcke voll Sand über sie aus, die ihnen die Augen blendeten. Die Saporoger hatten es nicht gern mit Festungen zu tun, Belagerungen waren eben ihre Sache nicht. Der Hetman ordnete daher den Rückzug an und sagte: „Genug, werte Herren und Brüder, wir ziehen uns zurück. Aber ihr sollt mich einen schlechten Tataren und nicht einen Christen nennen, wenn wir auch nur einen aus der Stadt herauslassen. Mögen sie alle vor Hunger krepieren, die Hunde!“ Das Heer zog sich zurück, umzingelte die Stadt und begann zum Zeitvertreib die Umgebung zu verwüsten. Man zündete die umliegenden Dörfer und die noch nicht eingebrachten Getreidehaufen an und hetzte die Pferde in Massen auf die von der Sichel noch unberührten Felder, auf denen sich wie zum Trotze fette Ähren wiegten — die Frucht eines außerordentlich guten Jahres, das den Bauern eine reichliche Ernte versprach. Voller Schrecken sahen die Bürger in der Stadt, wie ihre Existenzmittel vernichtet wurden. Unterdessen hatten die Saporoger ihre Wagen in zwei Reihen um die Stadt gezogen, und gerade so wie in der Sjetsch in einzelnen Quartieren ihr Lager aufgeschlagen; sie rauchten ihre Pfeifen, tauschten miteinander ihre erbeuteten Waffen aus, spielten Bockspringen, Gerade und Ungerade, wie sichs traf, und noch andere Glücksspiele und blickten hie und da mit geradezu mörderischer Kaltblütigkeit nach der Stadt hin. Nachts wurden Feuer angezündet, jedes Quartier kochte sich seinen Brei in mächtigen kupfernen Kesseln, und die Wachen, die die ganze Nacht kein Auge schließen durften, standen um das Feuer herum.
Bald aber wurden den Saporogern die Tatenlosigkeit und die andauernde Nüchternheit, der keine Unternehmungen das Gleichgewicht hielten, langweilig. Der Hetman ordnete sogar an, eine doppelte Ration Wein auszuteilen, wie es im Heer hin und wieder zu geschehen pflegte, wenn keine Schlachten oder sonstige schwierige Unternehmungen bevorstanden. Den jungen Kosaken und besonders Taraß Bulbas Söhnen gefiel ein solches Leben ganz und gar nicht. Andrij war die Ungeduld schon von weitem anzusehen. „Du unvernünftiger Bursche,“ sagte Taraß zu ihm, „hab Geduld, Kosak! — und du wirst Hetman! Nicht der ist ein guter Krieger, der nur in schwierigen Lagen den Kopf oben behält, sondern der, der den Mut nicht sinken läßt, auch wenn es nichts zu tun gibt, der alle Dinge erträgt und endlich doch seinen Willen durchsetzt.“ Aber ein feuriger Jüngling versteht einen Greis nicht so leicht: ihre Natur ist zu verschieden, und sie sehen die gleiche Sache mit ganz andern Augen an.
Inzwischen aber war Taraß’ Aufgebot unter Towkatschs Führung angekommen, und mit ihm zwei Hauptleute, ein Schreiber und andere Offiziere; die Gesamtzahl der Kosaken betrug jetzt mehr als viertausend. Darunter befanden sich auch viele Freiwillige, die ganz von selbst auf das bloße Gerücht von den Kämpfen und ungerufen zu ihnen gestoßen waren. Die Hauptleute brachten Taraß’ Söhnen den Segen der alten Mutter und je ein Heiligenbild aus Zedernholz aus dem Meschigorski-Kloster von Kiew mit. Beide Brüder hingen sich die heiligen Bilder um den Hals und verfielen unwillkürlich in Träumereien, als sie so an die alte Mutter erinnert wurden. Was prophezeite, was verhieß dieser Segen? Den Sieg über den Feind, eine reiche Beute und frohe Rückkehr in die Heimat, ewige Preisgesänge der Lautenspieler — oder ...? Aber die Zukunft kennt keiner — und wie Herbstnebel, der aus dem Sumpf emporsteigt, liegt sie vor dem Menschen: blind fliegen die Vögel, ängstlich mit den Flügeln schlagend, hin und her, sie erkennen einander nicht — das Täubchen nicht den Habicht und der Habicht nicht das Täubchen — und niemand weiß, ob nicht das Verderben schon auf ihn wartet, während er weiter fliegt ...
Ostap beschäftigte sich wieder mit seinen Angelegenheiten und lebte sein gewöhnliches Lagerleben, aber Andrij empfand — er wußte selbst nicht warum — eine gewisse Unruhe im Herzen. Die Kosaken hatten ihr Abendessen bereits eingenommen, das Abendrot war längst verglüht, und die Luft war voll von der Pracht einer wundervollen Julinacht. Allein Andrij suchte sein Lager nicht auf, er legte sich nicht schlafen und versenkte sich unwillkürlich in das Bild, das sich vor ihm ausbreitete. Am Himmel leuchteten viele Sterne voll weißen und kühlen Glanzes auf. Das Feld war über eine weite Strecke hin mit Wagen bedeckt, die allerlei schöne Dinge und den Proviant bargen, den man dem Feinde geraubt hatte, und an denen mit Teer gefüllte Eimer hingen. Neben und unter den Wagen, und nicht weit davon entfernt lagen die Saporoger weit ausgestreckt auf dem Grase. Sie waren in den verschiedensten, malerischsten Stellungen eingeschlafen: der eine hatte sich ein Bündel, der andere die Mütze unter den Kopf geschoben, ein dritter benutzte einfach den Körper seines Kameraden als Kissen. Neben jedem Kosaken lag ein Säbel, eine Büchse, eine kurze Pfeife mit Kupferbeschlag und einem eisernen Stäbchen, sowie ein Feuerstein. Schwerfällige Ochsen lagen, die Beine unter den Körper gezogen, auf dem Felde, und ihre großen weißlichen Massen glichen von ferne grauen Felsblöcken, die auf den abschüssigen Feldern verstreut lagen. Von allen Seiten ertönte das Schnarchen der auf dem Grase ruhenden Krieger, dem vom Felde her die über ihre Fesselung unwilligen Hengste mit lautem Gewieher antworteten.
Diese Julinacht bot indessen auch majestätische und drohende Bilder dar: den Widerschein der brennenden Dörfer im Umkreis. Hier stieg die Flamme stolz und königlich zum Himmel auf, dort loderte sie plötzlich — von neuer Nahrung gespeist — wie ein entfesselter Wirbel pfeifend bis zu den Sternen empor, und ihre Funken erloschen erst fern am Horizont. Drohend wie ein Karthäuser Mönch stand das abgebrannte schwarze Kloster da und ließ bei jedem Aufleuchten des Feuers seine ganze düstere Größe sehen; etwas weiter brannte der Klostergarten, man glaubte die in Rauch gehüllten Bäume prasseln zu hören, und, so oft die Flammen hervorzüngelten, fiel ihr Schein plötzlich mit violettem, phosphoreszierendem Licht auf die reifen Pflaumenbüschel oder verwandelte hie und da die gelben Birnen in eitel Gold, bisweilen aber tauchte gleich einer schwarzen Masse der elende Körper eines an einem Baumast oder an einer Mauer hängenden Juden oder Mönches auf, der zugleich mit dem Gebäude seinen Untergang gefunden hatte. In gemessener Entfernung umkreisten Vögel, die kleinen schwarzen Kreuzen auf einem feuerroten Felde glichen, den Brandherd.
Die umzingelte Stadt schien im Schlaf versunken, ihre Türme, Dächer, Zäune und Mauern leuchteten stumm im Widerschein der fernen Brände ... Andrij schritt durch die Reihen der Kosaken. Die Scheiterhaufen, an denen die Wächter saßen, drohten jeden Augenblick zu verlöschen, und die Wächter selbst waren eingeschlafen, nachdem sie ihren kräftigen Kosakenappetit reichlich befriedigt hatten. Er wunderte sich nicht wenig über ihre Sorglosigkeit und dachte darüber nach, wie gut es doch sei, daß kein starker Feind in der Nähe und daß nichts zu fürchten wäre. Endlich näherte auch er sich einem der Wagen, kletterte hinauf und legte sich auf den Rücken, nachdem er die gefalteten Hände unter den Kopf geschoben hatte. Aber er konnte nicht einschlafen und blickte lange zum Himmel empor, der sich in seiner ganzen Unendlichkeit offen vor ihm ausbreitete; die Luft war rein und durchsichtig, das Sternenheer, das die Milchstraße bildete, zog sich schräg gleich einem Gürtel über den Himmel hin, und alles war wie mit Licht überflutet. Von Zeit zu Zeit schien Andrij alles zu vergessen, ein leichter Schlummer verhüllte wie ein Nebel den Himmel, der sich jedoch bald wieder aufklärte und ganz sichtbar wurde.
Mit einem Male war es ihm, als nähere sich ihm ein sonderbares menschliches Gesicht. Er glaubte natürlich, es sei ein Traum, der sich gleich wieder verflüchtigen werde, öffnete die Augen weit und sah, daß sich wirklich ein welkes und verhärmtes Gesicht über ihn gebeugt hatte und ihm in die Augen starrte. Lange, kohlschwarze, ungekämmte Haarsträhnen krochen wild aus dem dunklen, leicht übergeworfenen Kopftuch hervor. Das sonderbare Leuchten des Auges und die totenhafte Blässe des mageren Antlitzes mit den scharf hervortretenden Zügen verstärkten seine Meinung, ein Gespenst vor sich zu haben. Unwillkürlich griff er nach der Flinte und stieß fast krampfhaft hervor:
„Wer bist du? Bist du ein Teufel, so hebe dich weg, weit fort aus meinen Augen, bist du aber ein Mensch, so scherzest du zur Unzeit, ich nehme mein Gewehr und schieße dich nieder!“
Statt jeder Antwort legte die Erscheinung den Finger an den Mund und schien hierdurch um Schweigen zu flehen. Er ließ den Arm sinken und begann, sie aufmerksamer zu betrachten. An den langen Haaren, dem Hals, der braunen halbentblößten Brust erkannte er eine Frau. Sie schien eine Ausländerin zu sein: ihr Gesicht hatte eine gelblich-braune Farbe und war durch Krankheit völlig abgemagert, die breiten Knochen traten stark unter den eingefallenen Wangen hervor; der schmale Schlitz der Augenlider stieg bogenförmig nach oben empor. Je länger er sie betrachtete, um so bekannter schienen ihm ihre Züge. Endlich hielt er es nicht mehr aus und fragte:
„Sprich, wer bist du? Ich glaube, dich schon einmal gekannt oder gesehen zu haben?“
„Vor zwei Jahren in Kiew ....“
„Vor zwei Jahren in Kiew,“ wiederholte Andrij und suchte sich an alles zu erinnern, was sein Gedächtnis ihm aus seiner Seminarzeit noch aufbehalten hatte. Noch einmal faßte er sie fest ins Auge und plötzlich schrie er laut auf: „Du — du bist die Tatarin! Die Zofe des Fräuleins, der Tochter des Wojewoden!“
„Pst!“ machte die Tatarin, faltete flehend die Hände und sah sich zitternd um, ob nicht etwa jemand durch Andrijs lauten Schrei erwacht sei.
„Sprich doch, sprich doch, weshalb bist du hier,“ flüsterte ihr Andrij beinah atemlos zu, die innere Erregung ließ ihn jeden Augenblick inne halten. „Wo ist das Fräulein? Lebt sie noch?“
„Sie ist hier, in der Stadt!“
„In der Stadt?“ wiederholte er und hätte beinah aufgeschrien; er fühlte wie sein ganzes Blut plötzlich zum Herzen strömte, „warum ist sie in der Stadt?“
„Weil der alte Herr dort ist, er ist seit anderthalb Jahren Wojewode in Dubno.“
„Und ist sie verheiratet? So sprich doch, sprich! Wie merkwürdig du bist! Was macht sie jetzt?“
„Sie hat seit zwei Tagen nichts mehr gegessen!“
„Was?“
„Die Einwohner unserer Stadt haben schon lange kein Stück Brot mehr gesehen, sie nähren sich nur noch von Erde ...“
Andrij erstarrte vor Entsetzen.
„Das Fräulein hat dich von der Stadtmauer aus bei den Saporogern gesehen und mir den Auftrag gegeben: „Geh und sag dem Ritter: wenn er sich meiner erinnert, soll er zu mir kommen, wenn nicht — so soll er dir ein Stück Brot für meine alte Mutter geben — ich kann nicht sehen, wie meine Mutter vor meinen Augen stirbt. Es ist besser, ich sterbe zuerst und dann sie. Bitte ihn, umschlinge seine Knie und küsse seine Füße; er hat auch eine alte Mutter, er soll mir um ihretwillen ein Stück Brot geben.“
Die widerstreitendsten Gefühle erwachten in Andrij und bewegten die Brust des jungen Kosaken.
„Wie ist dir’s nur gelungen, hierher zu kommen?“
„Ich habe einen unterirdischen Gang benutzt.“
„Gibt es denn einen unterirdischen Gang hierher?“
„Ja.“
„Wo ist er?“
„Wirst du uns auch nicht verraten, Ritter?“
„Ich schwöre dir’s beim heiligen Kreuz.“
„Man geht erst am Ufer entlang und überschreitet das Flüßchen an der Stelle, wo das viele Schilf wächst.“
„Und er führt direkt in die Stadt hinein?“
„Gerade in das städtische Kloster.“
„Komm, komm, laß uns sogleich gehn.“
„Aber um Christi und der heiligen Jungfrau willen — erst ein Stück Brot!“
„Schon gut, du sollst es haben. Bleib hier am Wagen stehen, oder besser, leg dich hinein, so wird dich niemand sehen, alle schlafen, ich komme gleich zurück.“
Und er eilte zu dem Wagen, in dem die Vorräte seiner Truppe aufbewahrt wurden. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Die ganze Vergangenheit, alles, was durch das ständige Lagerleben, durch das rauhe Soldatendasein betäubt war — erwachte auf einmal wieder und ließ ihn die Gegenwart völlig vergessen. Wieder tauchte die stolze Frau wie aus dunklen Meeresfluten vor ihm empor, wieder leuchteten ihre herrlichen Arme in seinem Innern auf, ihre Augen, ihre lachenden Lippen, die dichten, dunkelbraunen Haare, die in krausen Locken über ihren Busen fielen — die festen, schöngeformten Glieder ihrer jungfräulichen Gestalt. Nein, dieses Bild war nie aus seinem Herzen geschwunden, es hatte nur für einige Zeit andern mächtigen Gefühlen Platz machen müssen, aber häufig genug hatte es den tiefen Schlaf des jungen Kosaken beunruhigt, und oft lag der Erwachte schlaflos auf seinem Lager, ohne sich den Grund hierfür erklären zu können ...
Er ging, sein Herz klopfte bei dem Gedanken, sie wieder zu sehen, immer stärker und stärker, und seine jungen Knie wankten unter ihm. Als er die Wagen endlich erreicht hatte, wußte er nicht mehr, weshalb er gekommen war; er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und versuchte es, sich an das zu erinnern, was er eigentlich beabsichtigte. Endlich zuckte er zusammen, ein wilder Schrecken erfüllte ihn; plötzlich kam es ihm in den Sinn, daß sie vor Hunger stirbt. Schnell lief er zu dem Wagen heran und steckte sich mehrere große schwarze Brote unter den Arm; aber da ergriff ihn ein Zweifel, ob diese Nahrung, die wohl für einen kräftigen, nicht sehr wählerischen Saporoger genügen mochte, für ein so zartes Wesen wie sie nicht zu grob und zu schwer sein würde. Er erinnerte sich, daß der Hetman die Kosaken, denen die Bereitung des Breis oblag, noch gestern ausgescholten hatte, weil sie das ganze Buchweizenmehl verbraucht hatten, obwohl es für drei Mahlzeiten ausgereicht hätte. Fest davon überzeugt, daß er noch genügend Brei finden würde, holte er den Feldkessel seines Vaters hervor und ging damit zum Koch seiner Abteilung, der zwischen zwei Kesseln schlief, die wohl zehn Eimer fassen mochten und unter denen noch die Asche glimmte. Als er in die Kessel hineinblickte, sah er zu seinem Erstaunen, daß beide leer waren. Die Kosaken mußten geradezu unmenschliche Kräfte entwickelt haben, um alles aufzuessen, zumal seine Abteilung weniger Krieger zählte als die andern. Er blickte auch in die Kessel der anderen Abteilungen hinein, es war alles leer. Unwillkürlich fiel ihm das Sprichwort ein: „Die Saporoger sind wie Kinder: ist wenig da, so begnügen sie sich mit wenig, ist viel da, so lassen sie nichts übrig.“ Übrigens mußte sich im Wagen seines Vaters noch ein Sack mit Weißbrot befinden, den man bei der Plünderung der Klosterküche entdeckt hatte. Er ging geradewegs zum väterlichen Wagen, aber er fand den Sack nicht mehr vor. Ostap hatte ihn sich unter den Kopf gelegt und schnarchte, auf der Erde ausgestreckt, so laut, daß es durch das ganze Feld schallte. Andrij ergriff den Sack mit einer Hand und riß ihn unter Ostaps Kopf hervor, sodaß dieser auf den Boden sank. Ostap fuhr schlaftrunken auf und schrie mit geschlossenen Augen aus voller Kehle: „Greift, greift den verfluchten Polen, greift ihn, fangt doch sein Pferd, fangt sein Pferd!“ „Halt den Mund, sonst schlag ich dich tot,“ rief Andrij voller Schrecken und wollte mit dem Sack dreinschlagen. Aber Ostap war ohnehin schon wieder verstummt und schnarchte so laut, daß sich das Gras, auf dem er schlief, unter seinen Atemzügen hin- und herbewegte. Andrij sah sich scheu nach allen Seiten um, um sich darüber zu vergewissern, ob nicht Ostaps Geschrei einen von den Kosaken aufgeweckt hätte. In dem benachbarten Lager hatte sich in der Tat ein zottiger Kopf aufgerichtet und sah sich um, sank jedoch gleich wieder zu Boden. Andrij wartete noch zwei Minuten und zog dann mit seiner Last ab. Die Tatarin lag noch immer mit krampfhaft angehaltenem Atem auf dem Wagen.
„Steh auf, komm! Alle schlafen, fürchte dich nicht! Kannst du vielleicht eins von diesen Broten tragen, wenn ich keinen Platz für sie alle finden sollte?“ Mit diesen Worten lud er sich die Säcke auf den Rücken, nahm, als sie an einem Wagen vorbeigingen, noch einen Sack mit Hirse mit, ergriff selbst die Brote, die er der Tatarin zum Tragen geben wollte, und schritt dann, von seiner Last ein wenig zusammengebeugt, mutig durch die Reihen der schlafenden Saporoger hindurch.
„Andrij!“ rief der alte Bulba in dem Augenblick, als der Sohn an ihm vorbeikam. Sein Herz stockte, er blieb stehen und fragte zitternd: „Was willst du?“
„Du hast ein Weib bei dir! Wenn ich aufstehe, prügle ich dich durch, so groß du bist. Die Weiber führen einen nie zum Guten!“
Und mit diesen Worten stützte er den Kopf in die Hand und betrachtete aufmerksam die in ihr Tuch eingehüllte Tatarin.
Andrij stand mehr tot wie lebendig daneben. Er hatte nicht den Mut, seinem Vater ins Gesicht zu blicken. Doch als er endlich die Augen zu erheben wagte und ihn ansah, hatte der alte Bulba wieder den Kopf auf die Hand gestützt und schlief.
Andrij schlug ein Kreuz. Der Schrecken wich ebenso schnell aus seinem Herzen, wie er gekommen war. Als er sich nach der Tatarin umwandte, sah er sie in ihr schwarzes Tuch gehüllt, unbeweglich wie eine Granitsäule vor sich stehen, und der Widerschein der fernen Feuersbrunst spiegelte sich in ihren Augen, die starr waren wie die einer Toten. Er zupfte sie am Ärmel, und beide gingen, sich unablässig umschauend, zusammen vorwärts, bis sie endlich an einem Berghang vorbei in ein tiefes Tal oder an eine Böschung gelangten, auf deren Grunde sich ein Flüßchen träge dahinschlängelte; das Tal war mit Riedgras bewachsen und mit zahlreichen kleinen Erdhügeln übersät. Nachdem sie die Schlucht betreten hatten, konnten sie von dem Feld aus, auf dem die Saporoger lagerten, nicht mehr gesehen werden. Wenigstens sah Andrij, als er sich umwandte, die abschüssige Böschung sich hinter ihm gleich einer steilen Wand fast manneshoch erheben. Auf der Höhe schwankten einige große Feldblumen hin und her, und über ihnen stieg der Mond schräg gleich einer Sichel aus gemünztem Golde am Himmel empor. Ein leichter aus der Steppe herabwehender Wind ließ vermuten, daß es nicht mehr lange bis Tagesanbruch sei. Aber nirgends ertönte ein ferner Hahnenschrei: es gab schon seit langer Zeit weder in der Stadt noch in der ausgeplünderten Umgebung einen Hahn mehr.
Auf einem schmalen Brett überschritten sie den Fluß, dessen jenseitiges Ufer sich noch höher erhob als das andere und in Form eines steilen Abhanges emporstieg. Es schien dies der stärkste und von Natur auch der sicherste Punkt der städtischen Befestigungen zu sein; wenigstens war der Erdwall hier niedriger, und doch war von der Besatzung dahinter nichts zu sehen. Allerdings erhoben sich dafür in einiger Entfernung die starken Klostermauern. Das steile Ufer war überall mit Steppengras bewachsen, und der schmale Raum zwischen ihm und dem Flüßchen war mit mannshohem Schilfrohr bedeckt. Oben auf der Böschung sah man die Überreste eines geflochtenen Zauns, der wohl früher einen Gemüsegarten umfriedet hatte; davor wuchsen Disteln mit großen breiten Blättern, aus welchen Gänsefuß, stachelichte Kletten und Sonnenblumen hervorragten, die ihr Haupt stolz in die Luft streckten. Hier angelangt zog die Tatarin ihre Schuhe mit den hohen Absätzen aus und ging barfuß weiter, wobei sie sorgfältig ihr Kleid emporhob, denn der Weg wurde jetzt sumpfig und feucht. Sie bahnten sich mühsam einen Pfad durch das Röhricht, bis sie vor einem Haufen Reisig und Faschinen haltmachten. Sie entfernten das Reisig und fanden eine Art Erdhöhle, deren Öffnung wenig größer als die eines Backofens war. Die Tatarin bückte sich und ging voran, Andrij folgte ihr ebenfalls so gebückt wie möglich, um mit seinen Säcken hindurchzukommen, und bald befanden sich beide in vollkommener Finsternis.
Sechstes Kapitel
Andrij vermochte sich in dem finstern schmalen Gang kaum zu bewegen, zumal er hinter der Tatarin her schleichen mußte, und noch dazu mit den vielen Brotsäcken vollauf bepackt war. „Gleich werden wir wieder sehen,“ sagte seine Führerin, „wir sind schon nahe an der Stelle, wo ich die Lampe hingestellt habe.“
Und in der Tat, die dunklen Wände begannen sich allmählich zu erhellen. Sie erreichten einen kleinen Vorplatz, auf dem sich eine Kapelle zu befinden schien, wenigstens stand ein schmales Tischchen in der Form eines Altars an der Wand, über dem ein völlig verwaschenes und verblichenes Bild der heiligen Jungfrau angebracht war. Ein kleines silbernes Lämpchen, das vor ihm hing, beleuchtete es notdürftig. Die Tatarin bückte sich und hob eine kupferne Lampe vom Boden auf, die sie hier zurückgelassen hatte und an deren schlankem, schmalem Fuß ein Kettchen mit einer Zange, einer Nadel zum Ordnen des Dochtes und ein Löschhorn hing. Sie zündete die Lampe an dem Lämpchen vor dem Heiligenbild an. Die Helligkeit verstärkte sich, und wie sie beide halb von dem Lichte bestrahlt und halb im tiefsten nachtschwarzen Schatten dahinschritten, erinnerten sie an eins der Gemälde von Gherardo dalle Notti. Das frische, von Gesundheit und Jugend strotzende Gesicht des schönen Kosaken bildete einen schneidenden Gegensatz zu dem erschöpften und bleichen Antlitz seiner Gefährtin. Der Durchgang verbreiterte sich allmählich, so daß Andrij in die Höhe zu blicken vermochte. Neugierig betrachtete er die Erdwände, die ihn an die Höhlen in Kiew gemahnten. Ganz wie dort gab es auch hier Nischen in den Wänden, die Särge bargen. An einigen Stellen lagen menschliche Gebeine verstreut, die infolge der Feuchtigkeit morsch geworden und zu Staub zerfallen waren. Offenbar hatten hier einst heilige Anachoreten gelebt, die sich vor den Stürmen der Welt, vor dem Elend und den Versuchungen hierher geflüchtet hatten. Die Feuchtigkeit war so stark, daß ihre Füße bisweilen durch Wasser waten mußten. Andrij mußte oft stehen bleiben, um seine Gefährtin ausruhen zu lassen, die immer wieder von der Müdigkeit überwältigt wurde. Das winzige Stückchen Brot, das sie gierig verschlungen hatte, verursachte ihrem der Nahrung fast entwöhnten Magen starke Schmerzen, und oft verharrte sie minutenlang regungslos auf ein und derselben Stelle.
Endlich erblickten sie eine kleine eiserne Tür. „Gott sei Dank, wir sind zur Stelle,“ sagte die Tatarin mit schwacher Stimme und erhob ihre Hand, um ans Tor zu pochen. Aber ihre Kraft versagte. Statt ihrer pochte Andrij kräftig an die Pforte: man hörte sie stark widerhallen, was auf einen großen, freien Raum hinter der Türe hindeutete. Das Echo wurde gedämpfter, als ob es auf hohe Wölbungen gestoßen sei. Nach zwei Minuten hörte man einen Schlüsselbund rasseln, und es schien, als ob jemand die Treppe herunterkäme. Endlich öffnete sich die Tür: auf der engen Treppe vor ihnen stand ein Mönch, den Schlüsselbund und eine brennende Kerze in den Händen. Beim Anblick eines jener katholischen Mönche, die die Kosaken so haßten und verachteten und mit denen sie fast noch unmenschlicher umzugehen pflegten, als mit den Juden, blieb Andrij unwillkürlich stehen, und auch der Mönch fuhr einen Schritt zurück, als er einen Saporoger Kosaken erblickte. Jedoch die Tatarin flüsterte ihm etwas zu, was Andrij nicht verstand, den andern jedoch zu beruhigen schien. Er leuchtete ihnen voran, schloß die Tür hinter ihnen, führte sie eine Treppe hinauf, und bald befanden sie sich in dem hohen, dunklen Gewölbe der Klosterkirche. Vor einem der Altäre, auf denen hohe Leuchter mit Kerzen standen, kniete ein Priester und betete leise. Rechts und links von ihm knieten zwei junge Chorknaben in violetten und mit weißen Spitzen besetzten Meßgewändern, die Rauchfässer in den Händen schwingend. Sie flehten den Herrn um ein Wunder an: sie baten ihn, er möge die Stadt erretten, die mutlos gewordenen Gemüter wieder stärken, ihnen Geduld schenken und dem Versucher wehren, der sie mit Unzufriedenheit, Kleinmut und schwachmütigen Klagen über die irdischen Leiden heimsuche. Einige Frauen, die wie Gespenster aussahen, lagen auf den Knien; sie stützten oder legten ihre erschöpften Häupter auf die Lehnen der Kirchenstühle und die dunklen Holzbänke vor ihnen; auch sah man einige Männer, welche traurig an den Säulen und viereckigen Wandpfeilern, die die Seitenschiffe des Gewölbes trugen, niedergekniet waren. Das buntbemalte Fenster oberhalb des Altars erglänzte im rötlichen Licht des Morgenrots und warf hellblaue, gelbe und andersfarbige Lichtstrahlen auf den Fußboden, die die ganze Kirche plötzlich mit Licht erfüllten. Der Altar in der entfernten Nische schien wie in Glanz getaucht, und gleich einer regenbogenfarbenen Wolke blieb der Weihrauch in der Luft hängen. Andrij blickte nicht ohne Bestürzung aus seiner dunklen Ecke auf das Wunder, das das Licht hier bewirkt hatte. Im selben Augenblicke durchbrauste das mächtige Rauschen der Orgel die ganze Kirche, es schwoll stärker und stärker an, wurde endlich zu einem gewaltigen Donner und löste sich plötzlich wieder in himmlische Musik auf und schwebte hoch bis zur Wölbung empor, mit seinen wunderbaren harmonischen Klängen an zarte Mädchenstimmen gemahnend. Dann wieder schwoll es zu einem vollen Rauschen und Donner an und verstummte. Lange noch hallten die mächtigen Klänge zitternd im Gewölbe nach, und mit halbgeöffnetem Munde ergab sich Andrij dem Zauber der gewaltigen Musik.
Doch da fühlte er, wie ihn jemand an seinem Rockschoß zupfte. „Es ist Zeit,“ sagte die Tatarin. Von niemand bemerkt durchschritten sie die Kirche und gelangten zu einem Platz, der sich vor ihr befand. Längst schon leuchtete das Morgenrot am Himmel, und alles verkündete den Sonnenaufgang. Der viereckig geformte Platz war vollkommen leer, und nur die hölzernen Tischchen, die überall herumstanden, wiesen darauf hin, daß hier vielleicht noch vor einer Woche Lebensmittelmarkt abgehalten worden war. Die Straßen, die zu jener Zeit noch nicht gepflastert wurden, stellten einen großen, eingetrockneten Schmutzhaufen dar. Der Platz war von kleinen einstöckigen Häusern aus Stein oder Lehm umgeben, deren Wände bis an die Giebel von hölzernen Pfählen und mächtigen Balken durchzogen und ihrerseits wieder von Querbalken durchschnitten wurden. Dies war die Bauart, in der die Bewohner jener Gegend ihre Häuser bauten, wie man das jetzt noch vereinzelt in Polen und Litauen antrifft. Sie hatten alle unverhältnismäßig hohe Dächer und eine Unmenge von Fenstern und Luken. Auf der einen Seite, in der Nähe der Kirche stand ein Gebäude, das alle andern bedeutend überragte und das sich vollständig von ihnen unterschied. Wahrscheinlich war es das Rathaus oder irgend ein anderes städtisches Gebäude. Es hatte zwei Stockwerke und darüber einen Aussichtsturm mit zwei Bogengängen, auf dem ein Wachtposten hin und her patrouillierte. In das Dach war das große Zifferblatt einer Uhr eingefügt. Der Platz war wie ausgestorben, Andrij kam es jedoch so vor, als höre er ein leises Stöhnen. Als er sich umsah, bemerkte er auf der anderen Seite des Platzes eine Gruppe von zwei bis drei Menschen, die fast regungslos auf dem Boden lagen. Er betrachtete sie aufmerksam, um sich zu vergewissern, ob es Schlafende oder Tote seien und stieß plötzlich auf ein Etwas, das zu seinen Füßen lag. Es war der tote Körper einer Frau, offenbar einer Jüdin. Sie schien noch ganz jung zu sein, obgleich ihre entstellten und erschöpften Züge keinerlei Schlüsse darüber zuließen. Ihr Haupt war in ein rotes Tuch gehüllt, ihre Ohren zierten zwei Reihen Perlen aus Wachs oder Glas, und zwei oder drei lange krause Locken glitten ihr den eingefallenen Hals mit den angeschwollenen Adern hinab. Neben ihr lag ein Kind, das die verdorrte Brust der Mutter krampfhaft in seinen Händen hielt und sie in unwillkürlichem Zorn darüber, daß sie keine Milch mehr gab, immer wieder mit den kleinen Fingern zusammenpreßte. Das Kind weinte und schrie nicht mehr, nur die sich leise hebende und senkende Brust ließ daraus schließen, daß es noch nicht tot oder wenigstens erst im Begriff war, den letzten Atemzug auszuhauchen. Sie lenkten wieder in die Straßen ein und wurden plötzlich von einem Tobsüchtigen angehalten, der sich angesichts der kostbaren Last, die Andrij mit sich schleppte, wie ein Tiger auf sie warf und sich mit dem Schrei „Brot“ an ihnen festklammerte. Aber seine Kräfte waren schwächer als seine Gier. Andrij stieß ihn zurück, sodaß er zu Boden fiel. Von Mitleid überwältigt, warf er ihm eins der Brote zu, auf das sich jener wie ein toller Hund stürzte und es gleich auf der Straße zerbiß und zernagte; bald darauf verschied er jedoch infolge der langen Entbehrungen unter schrecklichen Krämpfen. Fast bei jedem Schritte wurden sie durch grauenvolle Opfer der Hungersnot in Schrecken gesetzt. Es schien, als ob viele ihre Qualen zu Hause nicht ertragen konnten und mit Absicht auf die Straße hinausgeeilt waren, weil sie hofften, in der frischen Luft Nahrung und Stärkung zu finden. Vor der Tür eines Hauses saß eine alte Frau; es war unmöglich, zu erkennen, ob sie nur eingeschlafen, bereits tot, oder einfach in Träume versunken war; jedenfalls hörte und sah sie nichts mehr und saß nur, mit auf die Brust gesenktem Haupte, regungslos da. Von dem Dach eines anderen Hauses hing ein langer dürrer Körper an einer Schnur herab. Der arme Kerl hatte die Hungerqualen nicht länger zu ertragen vermocht und es vorgezogen, seinem Leben freiwillig ein Ende zu machen.
Angesichts dieser furchtbaren Zeugen des Hungers hielt es Andrij nicht länger aus und fragte die Tatarin:
„Konntet ihr denn in der Tat garnichts finden, um euer Leben zu fristen? Wenn die äußerste Not an den Menschen kommt, dann gibt es keine Wahl, dann muß er essen, was ihm früher vielleicht Ekel einflößte, und wenn er sich erst von jenen Wesen nährt, die das Gesetz zu essen verbietet — dann darf er eben alles essen!“ „Es ist schon alles aufgegessen,“ sagte die Tatarin, „alles Vieh ist fort, und es ist kein Pferd, kein Hund, ja nicht einmal eine Maus mehr in der Stadt zu finden. Wir haben hier in der Stadt nie Vorräte gehabt, es wurde uns ja alles von den Bauern geliefert.“
„Ja, wie konntet ihr denn dann, wo euch ein so schrecklicher Tod droht, noch immer daran denken, die Stadt zu verteidigen?“
„Vielleicht hätte der Wojewode sie auch schon dem Feinde überlassen, aber gestern sandte uns der Oberst, der sich in Budschaki befindet, einen Habicht mit der Weisung, uns auf keinen Fall zu ergeben; er komme uns mit einem Regiment zur Hilfe und warte nur noch auf den andern Oberst, um gemeinsam mit ihm zu unserer Entsetzung zu eilen. Sie werden jeden Augenblick erwartet ... Doch, wir sind vor unserm Hause angelangt.“
Andrij hatte schon von weitem ein Haus bemerkt, das sich wesentlich von den andern unterschied und von einem italienischen Architekten gebaut zu sein schien; es war aus schönen schmalen Ziegelsteinen errichtet und zwei Stockwerke hoch. Die Fenster des unteren waren mit weit hervorstehenden Gesimsen eingefaßt; das obere bestand vollständig aus kleinen Bögen, die eine Galerie bildeten, dazwischen befanden sich Gitter mit Wappenschilden. Eine breite Außentreppe aus buntfarbigen Ziegelsteinen führte direkt auf den Platz. Unten zu beiden Seiten der Treppen saßen Schildwachen, sie hielten ebenso malerisch wie symmetrisch mit der einen Hand die Hellebarde und stützten ihre Köpfe auf die andere, so daß sie mehr zwei steinernen Bildsäulen als lebendigen Menschen glichen. Sie schliefen oder schlummerten nicht etwa, schienen aber doch unempfindlich gegen alles zu sein und würdigten die beiden Personen, die jetzt die Treppe hinaufgingen, kaum eines Blicks. Oben trafen Andrij und die Tatarin einen reich gekleideten und von Kopf bis zu Fuß bewaffneten Ritter, der ein Gebetbuch in der Hand hielt. Er richtete seine ermüdeten Augen auf sie, die Tatarin sagte ihm jedoch ein paar Worte, und er versenkte sich sogleich wieder in sein offnes Gebetbuch. Sie traten in das erste Zimmer, das ziemlich geräumig war und als Empfangsraum zu dienen schien, oder vielleicht auch einfach ein Vorzimmer war; dies war völlig mit Soldaten, Dienern, Hundewärtern, Mundschenken und anderen Bedienten angefüllt, wie sie ein polnischer Magnat, ob er nun Offizier oder Rittergutsbesitzer ist, braucht, um die Würde seines Standes ins rechte Licht zu setzen; sie saßen alle in den verschiedensten Stellungen an den Wänden herum. Der ganze Raum war von dem Qualm einer erloschenen Kerze erfüllt, und zwei andere in außerordentlich großen, fast mannshohen Leuchtern brannten noch mitten im Zimmer, trotzdem der Morgen schon längst durch das große vergitterte Fenster hineinblickte. Andrij wollte schon auf eine breite, mit Wappen und verschiedenen Schnitzereien verzierte Eichentür zugehen; die Tatarin zupfte ihn jedoch am Ärmel und wies auf eine kleine Pforte in der Seitenwand. Durch diese gelangten sie in einen Gang und dann in ein Zimmer, das Andrij eingehend besichtigte. Das Licht, das durch die Spalte des Fensterladens hineindrang, küßte die blau und rot gefärbten Vorhänge, das vergoldete Gesims und die Malereien an den Wänden. Die Tatarin bedeutete Andrij, hier zu bleiben und öffnete die Tür zu einem andern Zimmer, aus der ein Lichtschein hereindrang. Er vernahm das leise Flüstern einer Stimme, die sein ganzes Innere erbeben machte. Mit einem flüchtigen Blick durch die Tür erkannte er eine schlanke weibliche Gestalt mit langen prachtvollen Haarflechten, die über den hocherhobenen Arm herabwallten. Die Tatarin kam zurück und bat ihn, hineinzugehen. Es war ihm später ganz unmöglich, anzugeben, wie er in das Zimmer gelangt war und wie sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Im Zimmer brannten zwei Kerzen und ein Lämpchen, das vor dem Heiligenbild angebracht war: darunter befand sich nach katholischer Sitte ein hoher Hausaltar mit mehreren Stufen, auf denen man beim Beten niederknien konnte. Aber das war es nicht, was Andrijs Augen suchten. Er wandte sich nach der andern Seite und erblickte ein Weib, das in einer schnellen Bewegung erstarrt und versteinert zu sein schien. Es war, als hätte sich ihre schlanke Gestalt ihm entgegenwerfen wollen und sei nun plötzlich wie erstarrt stehen geblieben. Nicht minder bestürzt blieb auch er vor ihr stehen. Denn nicht so hatte er sie wiederzusehen geglaubt. Das war sie nicht, das war nicht jenes Mädchen mehr, das er früher gekannt hatte. Sie hatte nichts, was an jene gemahnte: nein, sie war noch einmal so schön und herrlich anzuschauen wie ehemals. Damals hatte sie noch etwas Unreifes und Unvollendetes — jetzt dagegen glich sie einem vollkommenen und bis auf den letzten Pinselstrich vollendeten Kunstwerk. Jene war ein wunderschönes, leichtsinniges Mädchen, diese ein zu edler Schönheit erblühtes Weib. Ihre emporblickenden Augen verhießen ein unendliches Gefühl: nicht nur Bruchstücke und Andeutungen von Gefühlen, sondern ein ganzes, volles Gefühl. In ihren Augen schimmerten Tränen, die noch nicht ganz getrocknet waren, und verliehen ihnen einen feuchten Glanz, der bis zum Herzen drang. Busen, Schultern und Hals hatten jene wundervollen Formen angenommen, die der vollendeten Schönheit eigen sind, die Haare, die ehemals ihr Antlitz in leichten Locken umringelten, hatten sich in eine starke, prachtvolle Flechte verwandelt; ein Teil war hochgesteckt, während der andere über die ganze Länge des Arms, und in seinen langen Wellen über den wundervollen Busen fiel. Jeder Zug ihres Gesichtes schien sich verändert zu haben. Vergebens bemühte Andrij sich, den einen oder den andern, so wie er in seiner Erinnerung lebte, ins Gedächtnis zurückzurufen — er vermochte es nicht. So tief ihre Blässe auch war, sie verdunkelte ihre wundervolle Schönheit nicht, sondern verlieh ihr eher noch etwas Hinreißendes und unbezwinglich Sieghaftes. Andrij fühlte sich von einem ehrfurchtsvollen Schauder durchzittert und blieb unbeweglich vor ihr stehen. Auch sie schien über den Anblick des Kosaken, der in seiner ganzen Schönheit und der männlichen Kraft seiner Jugend vor ihr stand, betroffen zu sein, obschon selbst die Bewegungslosigkeit seiner Glieder etwas von der Ungezwungenheit und Freiheit ihrer Bewegungen offenbarte. Mut und Festigkeit strahlte aus seinen Augen, die von sammetweichen, kühngeschwungenen Brauen beschattet wurden; die braunen Wangen spiegelten das ganze Feuer einer noch unverbrauchten Jugend wieder, und der zarte Flaum seines Schnurrbarts glänzte wie Seide.
„Nein, ich habe nicht die Kraft, dir zu danken, hochherziger Ritter,“ sagte sie mit zitternder, silberheller Stimme, „Gott allein kann dir’s lohnen und nicht ein schwaches Weib wie ich ....“ Sie senkte die Augen, und die herrlichen Lider mit den, langen Pfeilen gleichenden, Wimpern legten sich in wundervollen, schneeweißen Halbkreisen darüber, ihr herrlicher Kopf hatte sich geneigt, und eine leise Röte überzog den unteren Teil des Gesichts. Andrij wußte nicht, was er antworten sollte; er wollte alles aussprechen, was seine Seele erfüllte, so leidenschaftlich, wie er es in seinem Innern empfand — und vermochte es nicht. Er fühlte, daß ihm etwas die Lippen verschloß, daß es ihm, der im Seminar und in dem Wanderleben des Krieges aufgewachsen war, nicht gelingen würde, die Antwort auf diese Worte zu finden, und der Zorn gegen seine Kosakennatur stieg in ihm auf.
In diesem Augenblick trat die Tatarin ins Zimmer. Sie hatte das von Andrij mitgebrachte Brot bereits in Scheiben geschnitten und trug es auf einer goldenen Schale herein, die sie vor ihrer Herrin hinstellte.
Das schöne Mädchen sah ihre Dienerin lange an, betrachtete das Brot, blickte Andrij an, und ihre Augen leuchteten vielsagend auf. Dieser rührende Blick, in dem sich ihre Ohnmacht und Unfähigkeit, ihre Gefühle auszusprechen, ausdrückten, war für Andrij verständlicher als alle Worte. Es wurde ihm plötzlich leicht ums Herz, wie wenn sich alles in ihm gelöst hätte. Die Bewegungen und Gefühle seines Herzens, die bisher noch mühsam gezügelt wurden, fühlten sich jetzt frei, aller Fesseln ledig und wollten sich schon in einem endlosen Redestrom ergießen, als sich die Schöne plötzlich der Tatarin zuwandte und unruhig fragte:
„Und die Mutter? Hast du der Mutter etwas gebracht?“
„Sie schläft.“
„Und dem Vater?“
„Ihm habe ich etwas gebracht; er sagte, er wolle selbst kommen, um dem Ritter zu danken.“
Sie nahm eine Scheibe Brot und führte sie zum Munde. Mit unaussprechlichem Vergnügen sah Andrij, wie sie es mit ihren weißen schimmernden Fingern zerbrach und aß. Plötzlich aber erinnerte er sich an den Mann, der vor Hunger tobsüchtig geworden war und in seiner Gegenwart seinen Geist aufgegeben hatte, als er ein Stück Brot verschlang. Er wurde bleich, ergriff ihre Hand und rief:
„Genug! Iß nicht weiter! Du hast so lange nicht gegessen. Das Brot ist Gift für dich.“ Sie ließ sofort die Hand sinken, legte das Brot auf den Teller und sah ihm wie ein gehorsames Kind in die Augen. O wenn das Wort nur etwas ausdrücken könnte! Aber weder Meißel noch Pinsel, noch die allmächtige Sprache vermögen das wiederzugeben, was in solch einem Blick einer Jungfrau liegt und was nur das Gefühl der Rührung auszudrücken vermag, das der empfindet, der einen solchen Blick auf sich gerichtet fühlt.
„Herrin,“ rief Andrij von den tiefsten, innigsten und heiligsten, überquellenden Empfindungen erfüllt aus, „was verlangst du? Was willst du? Befiehl! Fordere jeden Dienst von mir, selbst den unmöglichsten, den es auf der Welt gibt — und ich eile, um ihn auszuführen. Befiehl mir, was menschliche Kraft nicht auszuführen vermag — ich werde es tun, und sollte ich mich dabei ins Verderben stürzen. Ja, ins Verderben stürzen! Für dich zu sterben — o ich schwöre es dir beim heiligen Kreuz — ist Süßigkeit für mich. Aber Worte sagen ja nichts. Ich besitze drei Gehöfte, die Hälfte der väterlichen Herden, alles, was meine Mutter dem Vater mit in die Ehe gebracht, und sogar das, was sie vor ihm verheimlicht hat, — alles dies gehört mir. Kein Kosak besitzt solche Waffen wie ich; allein für den Griff meines Säbels bietet man mir die beste Roßherde und noch dreitausend Schafe dazu. Von all dem will ich mich lossagen, es verlassen, verbrennen, ins Wasser werfen, wenn du mir nur ein Wort sagst oder deine zarten schwarzen Augenbrauen nur leise bewegst! Ich weiß wohl, daß ich vielleicht dumme Dinge rede, die hier ganz und gar nicht angebracht sind, und nicht hierher gehören; ich weiß, daß es sich für mich, der sein ganzes Leben in dem Seminar und der Sjetsch zugebracht hat, nicht schickt, so zu reden, wie es dort Sitte ist, wo Könige, Fürsten und die Edelsten der Ritterschaft sich einfinden. Ich sehe wohl, daß du ein anderes Geschöpf Gottes bist wie wir alle, und daß alle Bojarenfrauen nebst ihren Töchtern weit unter dir stehen. Wir sind nicht wert, deine Sklaven zu sein, nur die himmlischen Engel sind würdig, dir zu dienen.“
Mit steigender Verwunderung, gespannten Ohres und ohne ein Wort zu verlieren, vernahm die Jungfrau diese offene und begeisterte Rede, in der sich die junge, kraftvolle und leidenschaftliche Seele ausprägte wie in einem Spiegel. Jedes dieser einfachen Worte, das mit einer Stimme gesprochen wurde, die aus tiefstem Herzensgrunde kam, war voller Kraft und Leidenschaft. Sie neigte ihr schönes Antlitz vor, warf die widerspenstigen Haare weit zurück, öffnete die Lippen und sah ihn lange mit offnem Munde an. Sie wollte etwas sagen, allein sie hielt inne, denn sie erinnerte sich plötzlich, daß der Ritter eine andere Bestimmung hatte, daß sein Vater, seine Brüder, sein Vaterland als strenge Richter hinter ihm standen, sie dachte daran, was für schreckliche Menschen die Saporoger waren, die die Stadt belagerten, und wie sie und alle in der Stadt einem furchtbaren Tode verfallen wären — und ihre Augen füllten sich mit Tränen; schnell ergriff sie ihr kunstvoll gesticktes Seidentuch, bedeckte ihr Gesicht, und in wenigen Augenblicken war das Tuch ganz feucht von ihren heißen Tränen. Lange saß sie so da, den wunderschönen Kopf zurückgelehnt, ihre schneeweißen Zähne in die herrliche Unterlippe drückend, als ob sie plötzlich den Biß einer giftigen Schlange gefühlt hätte, und ohne das Tuch vom Gesicht zu nehmen, damit Andrij ihren herzzerreißenden Schmerz nicht sähe.
„Sprich doch ein Wort,“ sagte Andrij und ergriff ihre sammetweiche Hand. Bei dieser Berührung strömte es wie glühendes Feuer durch seine Adern, und er preßte ihre Hand zusammen, die gefühllos in der seinen lag. Aber sie schwieg und verharrte regungslos in derselben Stellung, ohne das Tuch vom Gesicht hinwegzuziehen.
„Weshalb bist du so traurig? Sage mir doch, weshalb du so traurig bist?“
Da warf sie das Tuch fort, schlug die ins Gesicht fallenden reichen Haarsträhnen zurück und brach in bittere Worte der Klage aus, die sie mit leiser, ganz leiser Stimme vor sich hinsprach, gleich dem Winde, der sich an einem schönen Abend erhebt und durch das dichte Rohr am Wasser fährt. Da geht es plötzlich wie ein Flüstern durch das Rohr, da singen und klingen klagende, zarte Töne durch die Luft. Der Wanderer bleibt stehen und lauscht ihnen mit einer unerklärlichen Schwermut, und er merkt nicht das Nahen des Abends, noch die heiteren Lieder der Arbeiter, die vom Feld und von der Ernte zurückkehren, noch das Rasseln eines fern vorbeirollenden Wagens.
„Bin ich nicht ewig bemitleidenswert? Ist die Mutter nicht unselig, die mich zur Welt gebracht hat? Gibt es ein Los, bitterer als das meine? Quälst du mich nicht zu Tode, schreckliches Schicksal! Alles hast du mir zu Füßen gelegt: die besten Männer der ganzen Schlachta, die reichsten Herren, Grafen und fremden Barone und die höchste Blüte unserer Ritterschaft? Alle liebten sie mich, und jeder hätte meine Gegenliebe für das größte Glück gehalten. Ich brauchte nur mit der Hand zu winken, und jeder von ihnen, der Schönste und Vornehmste von Angesicht und Herkunft wäre mein Gatte geworden. Und keinem von ihnen hast du, grausames Schicksal, mein Herz zugewendet. Den besten Helden unseres Vaterlandes hast du es entzogen und den Betörungen eines Fremden, eines Feindes überliefert. Warum, o heilige Mutter Gottes, um welcher Sünden und schwerer Verbrechen willen verfolgst du mich so grausam, so unbarmherzig? In Überfluß, Reichtum und Pracht sind meine Tage verflossen. Die herrlichsten auserlesensten Speisen, die süßesten Weine bildeten meine tägliche Nahrung. Und warum, wozu war das alles? Nur dazu, um mich zuletzt eines schrecklichen Todes sterben zu lassen, wie ihn kaum der letzte Bettler im Lande stirbt! Doch nicht genug, daß ich zu einem so schrecklichen Los verurteilt bin, nicht genug, daß ich vor meinem Ende Vater und Mutter in unerträglichen Qualen dahinwelken sehen muß, sie, für die ich, wenn ich ihnen nur helfen könnte, tausendmal mein Leben hingeben würde! Nein, das alles genügt noch nicht, ich muß auch noch, bevor ich sterbe, Worte vernehmen und eine Liebe kennen lernen, wie ich sie noch nie erfahren habe! Er muß mir mit seinen Worten das Herz zerreißen, auf daß mein bitteres Los noch bitterer werde, auf das ich mein junges Leben noch mehr betrauere, daß mir mein Tod noch schrecklicher dünke, und daß ich dir, o grausames Schicksal, und dir, heilige Mutter Gottes, — vergib mir die Sünde — noch im Sterben so furchtbare Vorwürfe mache!“
Endlich verstummte sie, und ein Ausdruck qualvollster Hoffnungslosigkeit spiegelte sich in ihrem Antlitz. Jeder Zug ihres Gesichts verriet eine tiefe nagende Schwermut, alles, die traurig gesenkte Stirn, die niedergeschlagenen Augen und die auf den leise glühenden Wangen versiegenden Tränen — alles schien zu sagen: Dies Angesicht weiß nichts von Glück!
„Nie ward es erhört auf dieser Welt, es kann nicht sein und ich dulde es nimmer,“ sprach Andrij, „daß die schönste und edelste der Frauen ein so bitteres Los ertragen sollte, sie, die dazu geboren ist, die Besten und Edelsten unserer Zeit vor sich wie vor einem Heiligtume knien zu sehen! Nein, du sollst nicht sterben! Du sollst nicht sterben; ich schwöre es bei meiner Geburt und bei allem, was mir teuer ist auf dieser Welt — du wirst nicht sterben! Sollte es aber trotz allem so kommen, sollte dies bittere Schicksal weder durch Kraft, noch Gebet, noch Mut abgewendet werden können, so werden wir zusammen sterben, und ich zuerst vor dir und zu deinen herrlichen Füßen; erst wenn ich tot bin, wird man mich von dir trennen können.“
„Täusche nicht dich und mich, Ritter,“ sagte sie leise, ihr schönes Haupt schüttelnd, „ich weiß es, ich weiß es zu meinem bitteren Leid nur zu wohl, daß du mich nicht lieben darfst, und ich kenne deinen Beruf und deine Pflicht: Dich ruft der Vater, die Kameraden, das Vaterland; wir aber sind — deine Feinde!“
„Was sind mir Vater, Vaterland und Kameraden,“ rief Andrij, ungestüm sein Haupt schüttelnd und sich machtvoll emporreckend, daß seine Gestalt der Balsampappel am Ufer glich. „Wenn es denn sein muß, nun wohl, so habe ich niemand, niemand, niemand,“ wiederholte er mit einer Stimme und Handbewegung, mit der wohl ein wackerer Kosakenheld seinen unerschütterlichen Entschluß zu einer unerhörten Tat zum Ausdruck bringt, der kein anderer gewachsen ist. „Wer sagt, daß die Ukraine mein Vaterland ist? Wer hat sie mir zum Vaterland gegeben? Das Vaterland ist da, wo es unsere Seele sucht, ist das, was ihr das liebste ist. Mein Vaterland — das bist du! Du bist mein Vaterland! Und dieses Vaterland will ich in meinem Herzen tragen! So lange ich lebe, werde ich es dort tragen: und ich möchte sehen, welcher Kosak es wagen will, dich aus meinem Herzen zu reißen. Ja, alles was ich besitze, will ich weggeben, verschenken, verkaufen und zugrunde richten für dies mein Vaterland!“
Einen Augenblick schien es, als ob sie zu einer herrlichen Bildsäule erstarrt sei. Dann sah sie ihm fest in die Augen, schluchzte laut auf und schlang ihm mit jener wundersamen hingebenden Leidenschaft, deren nur eine großmütige und zu starken Gefühlsausbrüchen neigende Frau fähig ist, die nichts von Berechnung weiß, ihre herrlichen, schneeweißen Arme um den Hals. In diesem Augenblick hörte man von der Straße ein wirres Geschrei hereindringen, das von Posaunenstößen und Paukenklängen begleitet wurde. Aber Andrij hörte nichts davon: er fühlte nur die wohlige Wärme ihres süßen Atems, ihre wundervollen Lippen, fühlte nur, wie ihre Tränen in Strömen über sein Antlitz flossen, und wie ihr reich herabwallendes, duftendes Haar ihn wie in dunkel glänzende Seide einhüllte.
Plötzlich kam die Tatarin mit einem Freudenschrei hineingestürmt. „Wir sind gerettet, gerettet,“ rief sie ganz außer Atem, „die Unseren sind in die Stadt gedrungen und haben Brot, Weizen, Mehl und gefangene Saporoger mitgebracht.“ Aber niemand wollte hören, was für „Unserige“ in die Stadt gedrungen, was sie mitgebracht hätten, und welche Saporoger gefangen worden seien. Von überirdischen Gefühlen erfüllt, küßte Andrij die süß duftenden Lippen, die sich an seine Wange geschmiegt hatten, und diese Lippen ließen ihn nicht ohne Antwort. Sie erwiderten seine Liebkosungen, und in diesem gegenseitigen, ineinanderschmelzenden Kuß empfanden beide, was der Mensch nur einmal im Leben zu empfinden vermag.
Der Kosak war verloren! Für immer verloren für das ritterliche Kosakentum! Niemals mehr würde er die Sjetsch, niemals die väterlichen Fluren und nie mehr sein Gotteshaus wiedersehen! Und nie mehr sollte die Ukraine ihn wiederfinden, ihn, der einer ihrer tapfersten Söhne war und sie mit seinem Leben zu verteidigen gelobt hatte! Rauf dir die grauen Haare aus deinem Schopf, alter Taraß, und verfluche Tag und Stunde, da du zu deiner Schmach dir einen solchen Sohn erzeugtest.
Siebentes Kapitel
Im Lager der Saporoger herrschte Lärm und Bewegung. Anfangs vermochte niemand genaue Auskunft zu geben, wie es geschehen konnte, daß die Truppen in die Stadt eindrangen. Doch bald wurde festgestellt, daß die ganze Perejaslawsche Abteilung, die ihr Lager vor einem Seitentor der Stadt aufgeschlagen hatte, am Abend vorher total betrunken gewesen war. So war es weiter nicht wunderbar, daß die Hälfte von ihnen erschlagen und der Rest, noch ehe man recht wußte, was passiert war, gefangen wurde. Bevor noch die benachbarten Abteilungen, vom Lärme aufgeschreckt, zu den Waffen greifen konnten, zogen die Truppen schon durch das Stadttor ein; ihre letzten Reihen verteidigten sich gegen den nachstürmenden Feind, indem sie einige Schüsse auf die schlaftrunkenen und noch nicht ganz nüchternen Saporoger abgaben, die sie ohne jede Ordnung zu verfolgen suchten.
Der Hetman ließ alle Kosaken ohne Ausnahme zusammenkommen, und als sie alle schweigend und mit den Mützen in den Händen im Kreise herumstanden, sagte er: „Ihr seht, liebe Herren und Brüder, was sich diese Nacht ereignet hat. Dahin also hat uns der Trunk gebracht! Eine solche Schmach hat uns der Feind angetan! Das scheint bei euch wohl Brauch zu sein; wenn man eure Rationen verdoppelt, so seid ihr gleich bereit, euch derart vollzutrinken, daß der Feind aller christlichen Streiter euch nicht nur die Hosen abziehen, sondern euch wohl gar ins Gesicht speien kann, ohne daß ihr etwas davon merkt!“
Die Kosaken standen alle mit gesenkten Köpfen und schuldbewußt da. Nur der Hauptmann Kukubenko von der Nesamaikow-Abteilung erwiderte:
„Halt mal, Väterchen! es ist zwar nicht vorschriftsmäßig, daß man Einspruch gegen das erhebt, was der Hetman im Angesicht des ganzen Heeres sagt, aber die Sache war doch nicht ganz so, und darum will ich reden. Nicht ganz mit Recht hast du dem gesamten christlichen Heer einen Vorwurf gemacht. Freilich wären die Kosaken des Todes schuldig gewesen, die sich im Feldzug, im Kampf oder während eines schweren Unternehmens vollgetrunken hätten. Wir aber führten ein untätiges Lagerleben vor der Stadt, aus dem uns keine Arbeit aufrüttelte. Es herrschten ja weder Fasten, noch sonst eine Zeit, während der die christliche Kirche eine strenge Enthaltsamkeit vorschreibt: wie sollte es da ausbleiben, daß sich der Mensch, wenn er doch gar nichts zu tun hat, aus Langeweile einmal ordentlich betrinkt? Das ist doch keine Sünde! Aber wir wollen ihnen schon zeigen, was es heißt, über wehrlose Menschen herfallen. Wir haben’s ihnen schon früher tüchtig gegeben, jetzt aber wollen wir es ihnen so heimzahlen, daß ihre Füße sie nicht mehr nach Hause tragen sollen!“
Die Rede des Hauptmanns gefiel den Kosaken. Sie erhoben wieder das Haupt, und viele von ihnen gaben durch Nicken des Kopfes ihre Zustimmung zu erkennen und sagten: „Kukubenko hat gut gesprochen!“ Allein Taraß Bulba, der nicht weit vom Hetman stand, sprach: „Nun, Hetman, Kukubenko hat wohl die Wahrheit gesprochen. Was kannst du hierauf antworten?“
„Was ich antworte? Das will ich dir sagen: Selig ist der Vater, der einen solchen Sohn gezeugt hat. Es ist noch kein Zeichen von großer Weisheit, ein Wort des Vorwurfs zu sagen, es ist ein weit größeres, sich bei dem Unglück eines Menschen nicht lustig zu machen, sondern ihm Mut einzureden, so wie die Sporen das Pferd zu neuen Leistungen antreiben, das sich an der Tränke erfrischt hat. Ich hatte selbst die Absicht, euch später ein paar tröstliche Worte zu sagen, Kukubenko ist mir jedoch zuvorgekommen.“
„Auch der Hetman hat gut gesprochen,“ tönte es jetzt aus den Reihen der Saporoger. „Ein gutes Wort,“ wiederholten andere. Sogar die Ältesten unter ihnen, die wie blaue Täuberiche dastanden, nickten mit den Köpfen, rümpften die mit grauen Schnurrbärten gezierten Lippen und sagten leise: „Ja, ja, das war gut gesprochen.“
„So hört denn, ihr Herren,“ fuhr der Hetman fort, „die Stadt zu erstürmen, ihre Mauern zu erklimmen und unterirdische Gänge anzulegen, wie es die ausländischen deutschen Meister tun — die der Teufel holen mag — das ist nicht Kosakenart und auch nicht ihre Sache. Aber nach dem zu urteilen, wie die Sache liegt, so ist der Feind nur mit wenig Vorräten in die Stadt eingezogen. Er hat ja nur ein paar Wagen mit sich geführt. Die Leute in der Stadt sind ausgehungert und werden daher alles auf einmal aufessen; auch die Pferde brauchen ja Heu — ich weiß nicht, vielleicht schüttet ihnen einer ihrer Heiligen etwas auf ihre Gabeln herunter — Gott mag es wissen — ihre Priester verstehen sich zwar mehr auf Worte. Sei dem nun wie ihm wolle, jedenfalls sollen sie uns nicht aus der Stadt herauskommen. Teilt euch also in drei Haufen und besetzt die drei Wege, die zu den drei Toren führen. Fünf sollen sich vor dem Haupttor und je drei vor den beiden anderen aufstellen. Die Djadkiwsche und Korsunsche Abteilung dagegen bleiben im Hinterhalt liegen. Ebenso der Hauptmann Taraß mit seiner Abteilung. Die Titarewsche und Timoschewsche Abteilung decken die Vorräte auf der rechten Seite der Wagen. Die Abteilung Schtscherbinow und Teblikow die linke! Und ihr, ihr Jungen, die ihr Haare auf den Zähnen habt, tretet mal hervor aus euren Reihen, um den Feind ein wenig zu reizen! Der Pole ist ein hohler Patron, er verträgt keine Beschimpfungen, und vielleicht kommen sie noch heute aus den Toren herausgelaufen. Die Hauptleute sollen ihre Abteilungen gut im Auge behalten! Wem es an Kosaken fehlt, der soll sie aus den Resten der Perejaslawschen Abteilung ergänzen. Mustert sie noch einmal ordentlich. Gebt jedem Kosaken vorher noch ein Glas Branntwein, damit er wieder nüchtern wird und ein Stück Brot zur Stärkung. Aber ihr seid sicher noch alle satt von gestern, denn — der Wahrheit die Ehre — ihr habt euch gestern so voll gegessen, daß ich mich höchlichst wundere, wie heute nacht keiner von euch geplatzt ist. Ja, und noch eins habe ich euch zu sagen: sollte irgend so ein jüdischer Schankwirt einem Kosaken ein Maß Branntwein verkaufen, so lasse ich dem Hund ein Schweinsohr an die Stirn nageln und ihn an den Beinen aufhängen! Doch nun ans Werk, ihr Brüder, auf! Frisch ans Werk!“
Der Hetman gab seine Anweisungen, und alle verneigten sich tief vor ihm und begaben sich, ohne die Mützen aufzusetzen, zu ihren Wagen und ins Lager zurück; erst als sie schon ganz weit waren, bedeckten sie wieder ihre Häupter. Alle begannen sich zu rüsten und zum Kampfe vorzubereiten, sie prüften die Säbel und Lanzen, schütteten Pulver aus den Säcken in die Pulverhörner, rückten und stellten die Wagen zurecht und suchten sich die besten Pferde aus.
Als Taraß zu seiner Abteilung zurückkehrte, dachte er lange darüber nach, wo wohl Andrij weilen könnte, und er konnte es sich durchaus nicht erklären, wo er geblieben war. Er fragte sich, ob man ihn vielleicht zusammen mit den andern gefangen genommen oder ihn im Schlafe gefesselt habe — aber nein, Andrij war nicht der Mann, sich lebend gefangen nehmen zu lassen. Unter den erschlagenen Kosaken war er auch nicht zu finden. Taraß verfiel in tiefes Sinnen und schritt draußen seine Abteilung ab, ohne zu hören, daß ihn schon lange jemand beim Namen rief. „Wer will was von mir,“ sagte er endlich, wie aus einem Traume erwachend. Vor ihm stand der Jude Jankel.
„Herr Hauptmann, Herr Hauptmann,“ sagte der Jude schnell und hastig, wie wenn er ihm eine wichtige Nachricht mitzuteilen hätte, „ich war in der Stadt, Herr Hauptmann.“
Taraß sah den Juden an und wunderte sich, daß er es fertiggebracht hatte, sich in die Stadt zu stehlen.
„Wer zum Teufel hat dich denn da hineingebracht?“
„Ich will’s Euch sofort erzählen,“ sagte Jankel. „Wie ich bei Tagesanbruch das Schreien und Schießen der Kosaken hörte, da ergriff ich so schnell wie möglich meinen Kaftan und lief ohne ihn anzuziehen so rasch ich konnte dorthin; erst unterwegs fuhr ich in die Ärmel. Ich wollte nämlich die Ursache des Lärms erfahren und nachsehen, warum die Kosaken in so früher Stunde schießen. Ich lief immer vorwärts und kam grad in dem Augenblick an das Tor, als das letzte Regiment in die Stadt einzog. Plötzlich sehe ich den Herrn Fähnrich Galjandowitsch an der Spitze der Truppen. Ich kenne ihn sehr gut, er schuldet mir schon seit drei Jahren hundert Dukaten. Ich ging also hinter ihm her, wie wenn ich ihn an seine Schuld mahnen wollte, und gelangte auf diese Weise in die Stadt.“
„Wie bist du denn in die Stadt hineingekommen, wenn du doch nur eine Schuld eintreiben wolltest,“ sagte Bulba, „hat er dich denn nicht sofort aufhängen lassen wie einen Hund?“
„Ja, bei Gott, das wollte er tun!“ antwortete der Jude. „Seine Diener hatten mich schon gepackt und mir den Strick um den Hals gelegt; ich aber flehte den Herrn an und sagte, daß ich mit meiner Schuld warten würde, solange der Herr es wünscht, ja ich versprach ihm sogar ihm noch mehr zu leihen, wenn er mir nur helfen wolle, das Geld von den anderen Rittern einzutreiben; denn der Herr Fähnrich hatte — um gleich alles zu sagen — nicht einen einzigen Dukaten in der Tasche. Wenn er auch viel Land, einige Güter, vier Schlösser und Grund und Boden besitzt, der bis an das Tor der Stadt Schkloff reicht, er hatte doch keinen baren Groschen — wie ein rechter Kosak! Und wenn ihn jetzt zum Beispiel nicht ein paar Breslauer Juden ausgerüstet hätten, hätte er gar nicht in den Krieg ziehen können. Deshalb war er auch nicht zum Reichstag gekommen.“
„Und was hast du in der Stadt gemacht? Hast du die Unsrigen gesehen?“
„Gewiß! Da gibt es doch viele von unseren Leuten. Den Itzig, den Rachum, den Schmul, den Chaiwalch, einen jüdischen Pächter ...“
„Hol der Teufel die Hunde,“ rief Bulba ärgerlich, „was geht mich deine Judensippe an. Ich frage dich nach unsern Saporogern!“
„Unsere Saporoger habe ich nicht gesehen, nur den Herrn Andrij.“
„Du hast Andrij gesehen,“ rief Bulba, „sprich, wo hast du ihn gesehen? In einem unterirdischen Gewölbe? Unter der Erde? Im Kerker? Hat man ihn entehrt und mit Schmach bedeckt? Ist er gefesselt?“
„Wer hätte gewagt, Herrn Andrij zu fesseln! Nein, er ist jetzt ein vornehmer Ritter — bei Gott, ich habe ihn kaum wiedererkannt! Sein Schulterbesatz ist eitel Gold, auch seine Ärmel sind mit Gold gestickt, er hat einen goldenen Spiegel, und seine Mütze glänzt von lauter Gold. Am Gürtel schimmert Gold, und überall ist Gold, und alles an ihm ist Gold! Wie die Sonne im Frühling glänzt, wenn im Garten jedes Vögelchen zwitschert und singt und die Kräuter duften, so glänzt und schimmert auch er von Gold. Der Wojewode hat ihm auch das schönste Pferd geschenkt, ein Pferd, das allein zweihundert Gulden kostet.“
Bulba stand wie erstarrt da. „Weshalb hat er denn die fremde Rüstung angelegt?“
„Weil sie schöner ist, hat er sie angelegt. Und er reitet überall umher; die andern reiten auch überall umher, und er gibt ihnen und sie geben ihm gute Lehren, wie wenn er der reichste unter den polnischen Herren wäre.“
„Wer konnte ihn dazu zwingen?“
„Ich sage nicht, daß ihn jemand gezwungen hat. Weiß denn der Herr nicht, daß er aus freiem Willen zu ihnen übergegangen ist?“
„Wer ist übergegangen?“
„Nun, der Herr Andrij!“
„Auf ihre Seite. Er gehört doch jetzt schon ganz zu ihnen.“
„Du lügst, Schweinehund!“
„Wie sollte ich denn lügen? Bin ich etwa ein Narr, daß ich lügen werde? Ich würde mich ja um meinen eigenen Kopf bringen. Weiß ich nicht, daß man den Juden aufhängen wird wie einen Hund, wenn er den Herrn belügt?“
„Du willst also sagen, daß er sein Vaterland und seinen Glauben verraten hat?“
„Ich sage doch nicht, daß er verraten hat — ich habe nur gesagt, daß er zu ihnen übergegangen ist.“
„Du lügst, Satan von einem Juden! So etwas ist noch nie dagewesen in der ganzen Christenheit! Du lügst, Hund!“
„Das Gras soll wachsen auf der Schwelle meines Hauses, wenn ich lüge! Anspeien soll jeder das Grab meines Vaters, meiner Mutter, meines Schwiegervaters, meines Vaters Vaters und des Vaters meiner Mutter, wenn ich lüge. Wenn der Herr es wünscht, will ich sogar sagen, warum er zu ihnen übergegangen ist.“
„Nun?!“
„Der Wojewode hat eine schöne Tochter — heiliger Gott, ist die schön! ...“ Bei diesen Worten versuchte der Jude ihre Schönheit, so gut er es konnte, mit seinem Gesicht auszudrücken: er breitete die Hände aus, zwinkerte mit den Augen und verzog den Mund, als ob er etwas Köstliches genossen hätte.
„Nun, was soll das?“
„Für sie hat er alles getan und ist übergegangen. Wenn sich ein Mensch verliebt, geht es mit ihm wie mit einer Stiefelsohle, die man biegen kann, wie man will, wenn man sie erst im Wasser aufgeweicht hat ...“
Bulba versank in tiefes Sinnen. Er dachte daran, wie groß die Macht eines schwachen Weibes ist. Wieviel Starke sie schon ins Verderben gestürzt hatte, und daß Andrijs Natur ihr nur allzuleicht unterlag. Und lange stand er wie versteinert auf einer Stelle.
„Hört, Herr, ich will Euch alles ausführlich erzählen,“ sagte der Jude.
„Im selben Augenblick, wie ich den Lärm hörte und sah, wie die Soldaten durch das Stadttor einzogen, da steckte ich für alle Fälle eine Perlenschnur zu mir; ich sagte mir: es gibt doch in der Stadt schöne Edelfrauen, die werden mir schon ein paar Perlen abkaufen, auch wenn sie nichts zu essen haben. Und kaum daß mich die Knechte des Fähnrichs losgelassen hatten, da lief ich schnell nach dem Hause des Wojewoden, um die Perlen zu verkaufen. Dort fragte ich eine Dienerin, eine Tatarin aus, von der ich alles erfuhr. Es wird bald Hochzeit gefeiert, sowie die Saporoger verjagt sind. Der Herr Andrij hat versprochen, die Saporoger fortzujagen.“
„Und du hast ihn nicht sofort totgeschlagen, den Satan!“ schrie Taraß.
„Warum totschlagen? Er ist doch aus freien Stücken übergegangen! Was kann er dafür? Es geht ihm dort besser als hier: so ist er eben zu ihnen gegangen!“
„Hast du ihn von Angesicht gesehen?“
„Bei Gott, von Angesicht zu Angesicht! Welch ein vornehmer Herr! Weit schöner als alle andern! Gott schenke ihm Gesundheit — er hat mich sogleich erkannt und als ich zu ihm herantrat, sagte er sofort ...“
„So? Was hat er gesagt!“
„Er sagte ... doch nein, er winkte mir erst mit der Hand, und dann erst sagte er: „Jankel“. Worauf ich sagte: „Herr Andrij!“ „Jankel, sag dem Vater, sag dem Bruder, sag den Kosaken, sag den Saporogern, sag ihnen allen, daß der Vater mir von heute ab kein Vater, der Bruder kein Bruder, der Kamerad kein Kamerad mehr ist, und daß ich mit ihnen kämpfen werde, mit ihnen allen kämpfen werde!“
„Du lügst, satanischer Judas!“ schrie Taraß außer sich, „du lügst, verfluchter Hund! Du hast auch Christus gekreuzigt, du gottverfluchtes Geschöpf! Satan, ich erschlage dich! Fliehe, flieh von hier — sonst bist du gleich des Todes!“ Mit diesen Worten riß Taraß seinen Säbel aus der Scheide, und der erschrockene Jude ergriff die Flucht und lief, so schnell er konnte, davon, so weit ihn seine trockenen dürren Beine trugen. Lange lief er, ohne sich umzusehen, durch das Kosakenlager, immer weiter und weiter über das freie Feld, obgleich ihn Taraß garnicht verfolgte — er hatte es sich überlegt, daß es unvernünftig sei, seinen Zorn an dem ersten besten auszulassen.
Jetzt erinnerte er sich daran, daß er Andrij in der vorigen Nacht mit einem Weibe durch das Lager habe gehen sehen, und er ließ sein graues Haupt mutlos herabsinken. Aber er wollte noch immer nicht daran glauben, daß ihm eine solche Schmach hätte angetan werden können und daß der eigene Sohn seinen Glauben und seine Seele verraten konnte. Endlich ermannte er sich, führte seine Abteilung in den erwähnten Hinterhalt und verschwand im Walde, dem einzigen, der noch nicht von den Kosaken niedergebrannt war. Die andern Saporoger, das Fußvolk wie die Reiter, rückten in drei Zügen bis an die drei Tore vor. Eine Abteilung zog hinter der andern her: die Abteilungen Uman, Popowitschew, Kanew, Steblikiw, Nesamaikow, Gurgusiw, Tymoschew usw. Nur die Abteilung Perejaslaw fehlte. Diese hatte nämlich am Abend vorher ein äußerst stürmisches Zechgelage veranstaltet, und die Folge davon war, daß einige von ihnen gefesselt im feindlichen Lager und andere gar nicht erwachten, sondern sogleich in die feuchte Erde gebettet wurden. Chlib, der Hauptmann, wurde ohne Hemd und Hose ins polnische Lager gebracht.
In der Stadt hörte man bald von der Bewegung im Kosakenlager. Alle liefen auf die Wälle hinaus, und ein prächtiges Bild entfaltete sich vor den Augen der Kosaken. Die polnischen Ritter standen, einer immer schöner als der andere, auf den Wällen. Die kupfernen Helme, mit schwanenweißen Federn geziert, glänzten wie kleine Sonnen. Andere trugen leichte rosa und hellblaue Mützen, deren oberer Teil auf der Seite etwas eingebogen war. Ihre Röcke mit den herabhängenden Ärmeln waren mit Goldstickereien oder einfachen Schnüren versehen; sie hatten reichverzierte Säbel und Waffen, die die polnischen Herren teuer genug bezahlt haben mochten, und vielerlei andere Schmuckgegenstände. In der vordersten Reihe stand der Oberst von Budschakow in würdiger Haltung mit einer roten, goldgestickten Mütze. Der Oberst war bedeutend größer und stärker als alle übrigen, und sein weiter kostbarer Rock war fast zu eng für seine mächtige Hühnengestalt. Auf der anderen Seite, ganz nahe am Seitentor, stand ein anderer Oberst, ein kleiner dürrer Mann, dessen winzige, scharfe Augen lebhaft unter dichten Augenbrauen hervorblickten; er drehte sich schnell nach allen Seiten um, und seine hagere Hand wies gebieterisch bald hierher und bald dorthin. Man sah, daß er trotz seiner Kleinheit sich trefflich auf das Kriegshandwerk verstand. Unweit von ihm stand der Fähnrich, ein langer Kerl mit einem dichten buschigen Schnurrbart und einer fast zu frischen Gesichtsfarbe; der Herr liebte die starken Getränke und war der Freund einer reichbesetzten Tafel. Hinter ihnen sah man noch viele viele Ritter, von denen sich ein Teil auf eigene Kosten bewaffnet und ausgerüstet hatte, der andere dagegen auf Kosten der Staatskasse oder mit jüdischem Gelde, da diese Herrn all ihr Hab und Gut, das die Schlösser der Väter bargen, versetzt hatten. Es gab darunter auch eine nicht geringe Zahl von jenen Schmarotzern, die das Gefolge der Senatoren zu bilden pflegten, und die an ihrer Tafel sitzen durften, um ihren Glanz zu erhöhen; oft genug stahlen sie dort als Entgelt die silbernen Becher von den Tischen und aus den Schränken weg und lenkten vielleicht schon morgen, ihrer Ehre entkleidet, vom Kutscherbock herab die Pferde eines großen Herrn. Da gab es alle möglichen Sorten und Gattungen von Menschen. Manch einer besaß noch nicht genug, um sich einen Becher Branntwein zu kaufen: für den Krieg aber hatten sie sich alle aufs schönste herausgeputzt.
Die Kosaken standen gelassen vor den Stadtmauern. An ihnen war auch nicht eine Spur von goldenem Zierat zu bemerken, nur ab und zu blitzte es an einem Säbelgriff oder einem Gewehrkolben auf. Die Kosaken liebten es nicht, sich zur Schlacht reich zu schmücken. Ihre Panzer und Kleider waren alle höchst einfach und bescheiden: bloß ihre schwarzen Lammfellmützen mit den roten Spitzen konnte man weithin schimmern sehen.
Zwei Kosaken lösten sich von den Reihen der Saporoger ab und sprengten nach vorn; der eine war noch ganz jung, der andere etwas älter, beide hatten Haare auf den Zähnen, verstanden sich gut aufs Reden, doch auch nicht minder gut auf das Handeln. Sie hießen Ochrim Nasch und Mykyta Golokopytenko. Ihnen folgte Demid Popowitsch, ein stämmiger Kosak, der sich schon lange in der Sjetsch aufhielt, bei Adrianopel gekämpft und schon mancherlei erlebt und erfahren hatte: sollte er doch bereits einmal lebendigen Leibes auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden; damals war er mit geteertem und geschwärzten Kopf und abgesengten Schnurrbart in der Sjetsch erschienen, aber Popowitsch hatte sich bald wieder erholt und sich einen langen Schopf, der ihm bis übers Ohr herabhing, und einen pechschwarzen, buschigen Schnurrbart wachsen lassen. Übrigens konnte Popowitsch oft recht bissig werden.
„Ja, das muß man sagen, schöne Kleider habt ihr an, ihr tapferen Ritter; ich möchte nur wissen, ob euer Mut und eure Tapferkeit ebenso groß ist?“
„Ich will’s euch schon zeigen,“ rief der dicke Oberst von oben herab, „ich lasse euch allesamt binden und an die Kette legen. Gebt eure Gewehre und Pferde her, ihr Knechtsseelen. Habt ihr’s gesehen, wie ich eure Leute habe binden lassen? Hollah, schleppt doch mal die Saporoger auf den Wall!“
Und die aneinandergebundenen Saporoger wurden auf den Wall geschleppt. Zuerst erschien der Hauptmann der Abteilung, Chlib, ohne Hemd und Hose — ganz so, wie man ihn im Rausche erwischt hatte. Er ließ den Kopf tief sinken, denn er schämte sich, daß er sich vor den Kosaken in seiner Blöße zeigen mußte, und daß er schlaftrunken wie ein Hund in Gefangenschaft geraten war. Sein mächtiger Kopf war in der einen Nacht ergraut.
„Sei nicht traurig, Chlib, wir werden dich schon befreien“, riefen ihm die Kosaken von unten zu.
„Sei nicht traurig, Freund,“ fügte der Hauptmann Borodaty hinzu, „es ist nicht deine Schuld, daß sie dich nackt gefaßt haben, jedem Menschen kann solch ein Unglück passieren. Sie müssen sich schämen, daß sie dich so hergebracht und nicht einmal deine Blöße anständig bedeckt haben.“
„Ihr scheint ja gegen Schlafende besonders tapfer zu sein,“ sagte Golokopytenko und blickte zum Wall empor.
„Wartet’s nur ab, wir werden euch schon eure Mähnen abschneiden,“ riefen ihnen jene zu.
„Das möchte ich doch sehen, wie sie es fertig bringen werden, uns die Mähnen abzuschneiden,“ sagte Popowitsch, dann wandte er sich auf seinem Pferde zu seinen Leuten um, sah sie an und sagte: „Übrigens ist es vielleicht doch wahr, was die Polen sagen; wenn der Dicke ihr Führer ist, brauchen sie sich nicht zu fürchten, das ist eine gute Schutzwehr.“
„Weshalb glaubst du, daß sie dann in Sicherheit sind?“ fragten die Kosaken, welche wußten, daß sich Popowitsch wahrscheinlich schon auf eine Antwort vorbereitet hatte.
„Na, einfach deshalb, weil sich das ganze Heer hinter ihm verstecken wird. Höchstens, daß man hinter seinem dicken Wanst einen mit der Lanze hervorholt!“
Alle Kosaken brachen in ein schallendes Gelächter aus und noch lange schüttelten einzelne von ihnen den Kopf und sagten:
„Ja ja, der Popowitsch! Der versteht’s! Wenn der es auf einen abgesehen hat, dann ...“ Allein die Kosaken sagten nicht, was „dann“ kommt. „Schnell fort — schnell fort von den Mauern,“ rief der Hetman, denn die Polen schienen die boshaften Bemerkungen nicht vertragen zu können, und der Oberst hatte schon mit der Hand ein Zeichen gegeben.
Kaum waren die Kosaken einige Schritte zurückgewichen, da hagelten auch schon die Kartätschen von den Wällen herab. Auf dem Wall geriet alles in Bewegung, selbst der graue Wojewode kam zu Pferde herangesprengt. Die Tore öffneten sich, und das Heer zog hindurch. Vorne in wohlgeordneten Reihen ritt ein Trupp Husaren in schön gestickten Röcken, dann kamen, eine Abteilung Lanzenreiter und Schwerbewaffnete in schweren Kupferhelmen und schließlich etwas abseits und in einiger Entfernung die vornehmsten von den Rittern, jeder nach seinem besonderen Geschmack gekleidet. Die stolzen Herren wollten sich nicht unter die andern mischen, und wer von ihnen über kein Kommando verfügte, ritt allein mit seinen Dienern. Dann folgten von neuem lange Reihen von Soldaten, hinter denen ein Fähnrich einherritt. Dann wieder mehrere Reihen Soldaten und hinter ihnen der dicke Oberst; und endlich ganz zu letzt kam der kleine Hauptmann hinter dem Heere dahergesprengt.
„Hindert sie, hindert sie, ihre Stellungen einzunehmen“, rief der Hetman, „rückt auf sie los; alle Abteilungen vor! Laßt die andern Tore im Stich. Die Abteilung Tytarew greift von der einen Seite an, die Djadkiwsche Abteilung von der andern. Kukubenko und Palywoda, fallt ihnen in den Rücken! Bringt sie in Verwirrung und sprengt sie auseinander.“
Die Kosaken rückten von allen Seiten heran. Sie drängten die polnischen Reihen zurück, brachten sie in Verwirrung und gerieten selbst in ein wirres Durcheinander. Man ließ sich nicht einmal Zeit, die Gewehre zu laden und abzufeuern, sondern zog sofort das Schwert und gebrauchte die Lanze. Alles drängte sich zu einem Haufen zusammen, und jeder hatte Gelegenheit, seinen Mut und seine Kraft zu zeigen.
David Popowitsch säbelte drei gemeine Soldaten nieder, warf zwei der tapfersten Edelleute von den Pferden und rief: „Sind das schöne Pferde! Solche Pferde hatte ich mir längst gewünscht!“ Er jagte die Rosse weit ins Feld hinaus und rief einigen Kosaken zu, sie sollten sie festhalten. Dann stürzte er sich wieder in den Haufen und warf sich über die am Boden liegenden Edelleute: den einen erschlug er und dem andern warf er eine Schlinge um den Hals, band ihn am Sattel fest und schleifte ihn über das ganze Feld, nachdem er ihm zuvor seinen Säbel mit dem kostbaren Griff abgenommen und seinen Beutel mit Goldstücken vom Gürtel abgerissen hatte.
Kobita, ein wackerer und noch junger Kosak, war ebenfalls mit einem der tapfersten der polnischen Kämpfer handgemein geworden; das war ein langer Kampf; jetzt brauchten sie bereits ihre Fäuste ... der Kosak hatte schon beinahe die Oberhand gewonnen, den Feind niedergeworfen und ihm ein langes türkisches Messer in die Brust gestoßen. Aber er hatte dabei nicht acht auf sich gegeben; im selben Augenblick durchbohrte ihm eine heiße Kugel die Schläfe. Einer der edelsten Herren, der schönste Ritter aus einem der ältesten Fürstengeschlechter hatte ihn hingestreckt. Schlank wie eine Pappel saß er auf seinem Schimmel, und hatte schon manch hohes Beispiel von seinem Heldenmut gegeben; zwei Saporoger hatte er geradezu zerspalten, den Fedor Korsch, einen wackeren Kosaken, samt seinem Pferde niedergehauen, den Gaul erschossen, und den Reiter unter dem Rosse mit ein paar Lanzenstichen getötet, vielen andern hatte er den Kopf oder die Arme abgeschlagen und endlich den Kosaken Kobita durch eine wohlgezielte Kugel, die jenem die Schläfe durchbohrte, niedergestreckt.
„Das ist ein Kerl, mit dem ich einmal meine Kräfte messen möchte,“ rief der Hauptmann Kukubenko von der Abteilung Nesamaikow aus. Er gab seinem Pferde die Sporen, sprengte von hinten an ihn heran und schrie so laut, daß alle, die in der Nähe standen, bei diesem unmenschlichen Gebrüll erbebten. Der Pole wollte schnell sein Pferd herumreißen, um ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten; aber das Pferd gehorchte ihm nicht. Erschreckt von dem entsetzlichen Geschrei sprang es zur Seite, und so gelang es Kukubenko, dem Ritter eine Kugel in den Leib zu jagen. Sie drang ihm ins Schulterblatt, und er stürzte vom Pferde. Aber auch jetzt ergab sich der Pole noch nicht, sondern versuchte es noch immer, seinem Gegner einen Schlag zu versetzen, doch sein kraftloser Arm vermochte den Säbel nicht mehr emporzuheben. Unterdessen ergriff Kukubenko mit beiden Händen seinen schweren Pallasch und stieß ihn dem Polen in das erbleichende Antlitz. Der Säbel hieb ihm zwei von den milchweißen Zähnen heraus, spaltete die Zunge, zerschmetterte den Halswirbel und drang noch tief in die Erde hinein. So nagelte er ihn für ewig an die feuchte Erde fest. Das edle rote Ritterblut spritzte hoch empor, so rot wie die Dolden der Eberesche am Flusse, und färbte den gelben goldgestickten Rock des Ritters. Aber Kukubenko kümmerte sich nicht mehr um ihn und stürzte mit seinen Nesamaikow-Kosaken mitten ins Gedränge hinein.
„Ei, wie kann man nur eine so kostbare Rüstung liegen lassen,“ rief der Hauptmann der Uman-Abteilung, Borodaty, der die Seinen verlassen hatte und nach der Stelle geritten war, wo der von Kukubenko erschlagene Edelmann in seinem Blute lag.
„Sieben Edelleute habe ich eigenhändig erschlagen, aber noch bei keinem habe ich eine so kostbare Rüstung gesehen!“ Von der Beute angelockt, bückte sich Borodaty, um dem Toten die kostbare Rüstung abzunehmen; schon bemächtigte er sich des türkischen Dolches mit dem Griff aus farbigen leuchtenden Edelsteinen, löste das Täschchen mit den Dukaten vom Gürtel ab und zog ihm einen Beutel mit feiner Wäsche, kostbarem silbernem Zierat und einer schönen Mädchenlocke, die hier zur Erinnerung aufbewahrt wurde, aus dem Busen. So kam es, daß Borodaty es nicht hörte, wie der Fähnrich mit der roten Nase, den er schon einmal aus dem Sattel geworfen und einen kräftigen Denkzettel versetzt hatte, hinterrücks auf ihn eindrang. Der Fähnrich holte tüchtig aus und gab ihm mit dem Säbel einen furchtbaren Hieb über den niedergebeugten Nacken. Die Beutegier trug dem Kosaken nichts Gutes ein; sein mächtiges Haupt flog ihm von den Schultern, der kopflose Leichnam brach zusammen und tränkte den Boden ringsherum mit seinem Blute. Die rauhe Kosakenseele stieg zürnend und murrend, aber zugleich voller Verwunderung, daß sie schon so früh aus dem starken Körper entweichen mußte, zum Himmel empor. Kaum aber hatte der Fähnrich die Mähne des Hauptmanns gepackt, um sie an seinen Sattel zu binden, da nahte auch ihm schon der schreckliche Rächer.
Wie ein am Himmel schwebender Habicht, der plötzlich, nachdem er mit seinen starken Flügeln manch gewaltigen Kreis beschrieben hat, mit ausgebreiteten Schwingen an einer Stelle hängen bleibt und dann wie ein Pfeil auf die singende Wachtel am Wege herabstößt, so stürzte sich Taraß’ Sohn, Ostap, auf den Fähnrich und warf ihm schnell den Strick um den Hals. Das rote Antlitz des Fähnrichs wurde noch röter, als ihm die grausame Schlinge die Kehle zuschnürte; er griff nach der Pistole, aber die krampfhaft zusammengedrückte Hand vermochte nicht mehr zu zielen, und die Kugel flog nutzlos ins Feld hinaus. Sofort löste Ostap die seidene Schnur vom Sattel des Fähnrichs, die dieser zur Fesselung der Gefangenen mit sich führte, und band ihm mit seiner eigenen Schnur Hände und Füße zusammen; das Ende befestigte er an seinem Sattel und schleifte dann den Polen über das Feld, indem er alle Kosaken der Abteilung Uman laut ermahnte, ihrem Hauptmann die letzte Ehre zu erweisen.
Als die Uman-Kosaken hörten, daß ihr Hauptmann Borodaty gefallen sei, verließen sie das Schlachtfeld und eilten herbei, um seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen. Dann gingen sie sofort zu Rate, wen sie zu ihrem Hauptmann wählen sollten. Endlich sagten sie: „Wozu sollen wir lange überlegen? Wir können ja doch keinen bessern Hauptmann bekommen als Ostap Bulba; er ist zwar der jüngste von uns, aber er hat soviel Verstand wie ein älterer Mann.“
Ostap nahm die Mütze ab und dankte allen Kameraden für die Ehre, ohne sich erst lange mit seiner Jugend oder seiner geringen Erfahrung zu entschuldigen, denn er wußte, daß man während des Krieges keine Zeit zu solchen Dingen hat. Er führte seine Kosaken sogleich dorthin, wo das Gedränge am größten war, und bewies so, daß sie nicht übel beraten waren, als sie ihn zum Hauptmann wählten. Als die Polen merkten, daß die Sache doch etwas ernst wurde, zogen sie sich zurück und stürmten quer über das Feld, um sich am andern Ende wieder zu sammeln. Der kleine Hauptmann gab den vierhundert Mann, die in der Nähe des Tores standen und noch nicht am Gefecht teilgenommen hatten, ein Zeichen — und ein Kartätschenregen hagelte auf die Reihen der Kosaken nieder; sie trafen jedoch nur wenige. Dafür aber streiften einige Kugeln die Ochsenherden der Kosaken, die die Schlacht mit entsetzten Blicken anstarrten. Die erschrockenen Ochsen brüllten laut auf, stürmten auf das Kosakenlager zu, zertrümmerten die Wagen und traten viele Leute zu Boden. In diesem Augenblick jedoch stürzte Taraß mit seiner Abteilung aus dem Hinterhalte hervor und verlegte den Tieren den Weg, die aufs höchste gereizt, kehrt machten und sich mit angstvollem Gebrüll auf die polnischen Regimenter stürzten, die Reiter über den Haufen warfen und alles zerstampften und zertraten.
„Hallo, Dank ihr Ochsen!“ schrien die Saporoger, „ihr habt uns während des ganzen Feldzuges schon manchen Nutzen gebracht und jetzt leistet ihr uns gar noch Kriegsdienste!“
Und mit frischen Kräften stürzten sie sich auf den Feind. Da wurde manch ein Pole niedergemetzelt, und viele von den Kosaken zeichneten sich durch ihre Kraft und ihren Heldenmut aus! Meteliza, Schilo, die beiden Pisarenko, Wowtusenko und noch mancher andere.
Die Polen sahen, daß es schlecht mit ihnen stand, und so befahlen sie denn, die Fahnen zu hissen und das Stadttor zu öffnen. Knarrend öffnete sich das eisenbeschlagene Tor und nahm die sich stoßenden und drängenden, erschöpften und bestaubten Reiter auf wie der Stall die Schafe. Viele Saporoger sprengten ihnen nach, aber Ostap hielt seine Leute zurück und sagte: „Haltet euch fern von den Mauern, werte Herren und Brüder, haltet euch fern von ihnen. Es ist gefährlich, sich ihnen zu nähern.“ Er hatte die Wahrheit gesprochen, denn die Polen schleuderten alles, was sie in die Hände bekamen, von den Mauern herab, und hierbei wurde mancher Kosak gefährlich verletzt. In diesem Augenblicke ritt der Hetman an Ostap heran, lobte ihn und sagte:
„Der Hauptmann ist zwar noch jung, aber er leitet seine Schar wie ein alter, gewiegter Heerführer!“
Der alte Bulba wandte sich um, um zu sehen, von was für einem neuen Hauptmann die Rede sei, und erblickte Ostap, der mit der Mütze auf dem Ohr und mit dem Hauptmannsstab in der Hand an der Spitze seiner Leute hoch zu Rosse saß. „Das ist ein Kerl!“ rief der Alte, ihn voller Freude betrachtend und dankte allen Uman-Kosaken für die seinem Sohne erwiesene Ehre.
Die Kosaken kehrten wieder um und machten sich bereit, ihr Lager aufzusuchen, als die Polen abermals, diesmal aber bereits in zerrissenen Gewändern auf den Wällen der Stadt erschienen. An vielen kostbaren Kleidern klebte geronnenes Blut, und die schönen Kupferhelme waren mit Staub bedeckt.
„Na, habt ihr uns zusammengebunden?“, riefen ihnen die Saporoger von unten zu.
„Ich werde euch schon fassen,“ schrie der dicke Oberst immer wieder von oben herab und drohte mit einem Strick; die erschöpften und bestaubten Krieger wollten noch immer nicht aufhören, Drohungen auszustoßen, und die Heißblütigsten ließen es auf beiden Seiten nicht an kräftigen Worten fehlen.
Endlich zerstreuten sich alle miteinander. Die einen begaben sich, vom Kampf ermüdet, zur Ruhe, die andern legten Erde auf ihre Wunden und zerrissen Tücher und die kostbaren Gewänder, die sie dem Feinde abgenommen hatten, um sich zu verbinden. Die, die sich etwas frischer fühlten, brachten die Erschlagenen fort und erwiesen ihnen die letzte Ehre; sie gruben ihnen mit einem Schwert oder einer Lanze ein Grab und trugen die Erde in ihren Mützen und Rockschößen fort; andächtig legten sie die toten Kosaken hinein und schütteten frische Erde über sie, damit ihnen Krähen und Adler nicht die Augen aushacken sollten. Die Leichen der Polen banden sie zu je zehn und mehr an die Schweife wilder Rosse und ließen diese zügellos über das ganze Feld rasen, ja, sie jagten noch hinter ihnen her und schlugen sie auf die Lenden. Die rasenden Pferde flogen über Furchen, Hügel, Gräben und Bäche und schleiften die mit Blut und Staub bedeckten Körper der Polen über den Erdboden.
Dann lagerten sich die Kosakenschaaren im Kreise, um ihr Abendessen einzunehmen, und redeten des langen und breiten über die Heldentaten, die ein jeder vollbracht hatte, zur Nacheiferung und zum Gedächtnis für die Neuhinzukommenden und die Nachfahren. Es dauerte lange, ehe sie sich niederlegten, aber länger als alle blieb der alte Taraß auf, der fortwährend darüber nachsann, was es wohl bedeuten mochte, daß Andrij sich nicht unter den feindlichen Kriegern befunden hatte. Ob sich der Judas vielleicht geschämt hatte, gegen die Seinen zu kämpfen, oder ob der Jude gelogen und Andrij einfach gefangen war? Aber er mußte doch wieder daran denken, wie empfänglich sein Herz für die Worte der Frauen war, ein tiefer Gram erfaßte Taraß, und er verfluchte im tiefsten Innern die Polin, die seinen Sohn bezaubert hatte. Oh er wollte seinen Schwur halten; ohne nur im geringsten ihrer Schönheit zu achten, wollte er sie an ihren schönen üppigen Haaren packen und zwischen den Kosaken hindurch über das ganze Feld schleifen. Staub und Blut sollten ihre schönen Brüste und Schultern bedecken und mochten sie noch so weiß sein und schimmern wie der ewige Schnee auf den Berggipfeln, sie sollten gegen die harte Erde schlagen und von ihr zerfetzt und zerrissen werden. In tausend Stücke wollte er ihren wunderbaren schwellenden Körper reißen, und die Teile in den Wind zerstreuen. Aber Bulba wußte nicht, was Gott dem Menschen für den morgigen Tag aufbehalten hat ..... er vergaß endlich seinen Schmerz und schlief ein. Die Kosaken plauderten noch immer miteinander, und die ganze Nacht hindurch standen nüchterne Wachtposten bei den Lagerfeuern und blickten scharfen Auges nach allen Seiten.
Achtes Kapitel
Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als sich die Saporoger bereits zu einer allgemeinen Beratung versammelten. Aus der Sjetsch war die Nachricht gekommen, daß die Tataren sie während der Abwesenheit der Kosaken überfallen und völlig ausgeplündert, ja daß sie sogar die Schätze, die die Kosaken unter der Erde versteckt hielten, ausgegraben und alle, die zu Hause geblieben waren, totgeschlagen oder in die Gefangenschaft geführt hätten, und daß sie mit den geraubten Rinder- und Roßherden geradewegs nach Perekop gezogen wären. Nur einem einzigen Kosaken, Marim Goloducha, war es unterwegs gelungen, sich aus den Händen der Tataren zu befreien; er hatte den Mirza erstochen, dessen mit Zechinen gefüllten Beutel geraubt und sodann in tatarischer Kleidung und auf einem Tatarenpferde einen Tag und zwei Nächte auf der Flucht vor seinen Verfolgern zugebracht. Hierbei hatte er sein eigenes Pferd zu Tode gehetzt, ein anderes bestiegen, das er ebenfalls zu Schanden geritten hatte, und so war er erst am dritten Tage ins Lager der Saporoger gekommen, nachdem er unterwegs erfahren, daß diese bei Dubno standen. Er vermochte nur noch zu sagen, daß das Unglück geschehen war; wie es aber geschehen konnte, ob die zurückgebliebenen Saporoger sich nach Kosakenart betrunken hatten und dann im Rausch gefangen genommen worden, und wie die Tataren die Stelle entdeckt hatten, an der sich der Kriegsschatz befand — von alledem vermochte er nichts zu sagen. Der Kosak war furchtbar erschöpft und am ganzen Körper geschwollen; der heiße Wind hatte ihm das Gesicht verbrannt, genug, er sank sofort nieder und verfiel in einen tiefen Schlaf.
In solchen Fällen war es bei den Saporogern Sitte, den Räubern unverzüglich nachzujagen und sie noch unterwegs einzuholen, denn es konnte sonst leicht geschehen, daß die Gefangenen plötzlich auf den kleinasiatischen Bazaren, in Smyrna, auf der Insel Kreta oder an anderen Orten auftauchten, und Gott allein mochte wissen, wo man den buschigen Schädeln der Saporoger noch sonst begegnete. Das war der Grund, weswegen die Saporoger sich versammelt hatten. Sie alle, vom ersten bis zum letzten, hatten ihre Mützen aufbehalten, denn sie waren nicht hergekommen, um von ihrem Hetman Befehle zu hören, sondern um sich als Gleichgestellte miteinander zu beraten. „Die Ältesten sollen zuerst sprechen,“ riefen einige Stimmen aus der Menge. „Nein, Hetman, gib du uns einen Rat,“ sagten andere.
Der Hetman nahm die Mütze ab, nicht mehr als ihr Anführer, sondern als ihr Kamerad, dankte für die Ehre und sprach: „Es gibt viele unter uns, die älter sind, als ich, und viele, die einen klügeren Rat erteilen könnten, da man mir aber die Ehre erwiesen hat, mich zu fragen, so ist dies mein Rat: Verliert keine Zeit, Kameraden, und setzt den Tataren nach, denn ihr wißt ja selbst, was der Tatar für ein Mensch ist. Er wird mit seinem geraubten Schatz kaum auf unsere Ankunft warten, sondern ihn sofort verschleudern, sodaß auch nicht eine Spur von ihm übrig bleibt. Dies also ist mein Rat. Wir müssen aufbrechen, wir haben uns hier schon genug Bewegung gemacht. Die Polen wissen, wer die Kosaken sind, wir haben unsern Glauben nach Kräften gerächt. Die ausgehungerte Stadt aber kann für uns nicht mehr viel bedeuten. Darum lautet mein Rat: Brechen wir auf!“
„Aufbrechen, aufbrechen!“ schrieen die Abteilungen der Saporoger. Aber diese Worte wollten Taraß Bulba wenig gefallen. Finster runzelte er seine rabenschwarzen, leicht ergrauten Augenbrauen, die dem dichten Gestrüpp glichen, das auf dem Scheitel eines Berges wächst und dessen Spitzen mit feinen weißen Nadeln bereift sind. „Nein, dein Rat ist nicht gut, Hetman,“ sagte er, „deine Worte sind nicht richtig, du scheinst zu vergessen, daß die Unsern in der Gefangenschaft bei den Polen zurück bleiben. Du scheinst zu wollen, daß wir das erste und heiligste Gesetz der Freundschaft mißachten; daß wir unsere Brüder in Stich lassen, damit man ihnen bei lebendigem Leibe die Haut abzieht oder ihren Kosakenleib vierteilt und ihn dann durch alle Städte und Dörfer schleppt, wie sie das bereits mit dem Hetman und den besten Helden der Ukraine gemacht haben. Haben sie unser Heiligstes noch nicht genug beschimpft? Was sind wir denn? frage ich euch alle. Was ist das für ein Kosak, der seinen Kameraden in der Not verläßt und zugibt, daß er in der Fremde verreckt wie ein Hund? Wenn es schon so weit gekommen ist, daß niemand die Kosakenehre mehr heilig hält und daß jeder sich erlaubt, uns ins Angesicht und auf unseren großen Schnurrbart zu speien, und Schimpfworte auf uns zu häufen — so soll wenigstens mir keiner einen Vorwurf machen können. Ich bleibe hier und wenn ich der einzige bin!“
Alle anwesenden Saporoger begannen zu schwanken.
„Tapferer Oberst“ entgegnete hierauf der Hetman, „hast du denn vergessen, daß es ebenfalls unsere Kameraden sind, die sich in den Händen der Tataren befinden? Daß ihr Leben ein ewiges Sklaventum unter den Heiden sein wird, entsetzlicher als der schrecklichste Tod, wenn wir sie nicht befreien? Hast du denn vergessen, daß sie unsern gesamten Schatz besitzen, der mit teurem Christenblute erkauft ist?“
Die Kosaken wurden nachdenklich und wußten nicht, was sie sagen sollten. Keiner von ihnen wollte in üblen Ruf kommen. Da trat der Älteste aus dem Heere der Saporoger, Kaßjan Bowdjug, hervor. Er war hochgeehrt bei den Kosaken, war schon zweimal Hetman gewesen und galt auch im Kriege als ein tüchtiger Kosak, aber jetzt war er schon sehr alt und nahm an keinem Feldzuge mehr teil, auch liebte er es nicht, Rat zu erteilen, sondern der alte Kämpe zog es vor, im Kreise der Kosaken auf dem Rücken zu liegen und den Erzählungen über vergangene Abenteuer und Feldzüge der Kameraden zu lauschen. Er mischte sich nie in ihre Reden, sondern hörte nur aufmerksam zu und drückte mit den Fingern die Asche in seiner kurzen Pfeife zusammen, die er nie aus dem Munde ließ. So saß er lange da, die Augen halb geschlossen, und die Kosaken wußten nie, ob er zuhöre oder schon schlafe. Während der letzten Feldzüge war er stets zu Hause geblieben, aber diesmal hatte es ihn aufgerüttelt. Nach Kosakenart hatte er seine Hand geschwungen und gesagt: „Ach was, diesmal komme ich mit euch. Vielleicht kann ich dem Kosakentum noch irgendwie nützlich sein.“ Alle Kosaken verstummten, als er jetzt vor die Versammlung trat, denn schon lange hatte man kein Wort aus seinem Munde gehört. Jeder wollte wissen, was Bowdjug zu sagen hatte.
„Auch an mich ist jetzt die Reihe gekommen, einige Worte zu sagen, ihr Herren und Brüder“, begann er, „so hört denn, was euch ein alter Mann sagt, Kinder. Der Hetman hat weise gesprochen; als Führer des Kosakenheeres, der verpflichtet ist, den Besitz des Heeres zu hüten und zu bewahren, konnte er gar nichts Weiseres sagen. Das laßt euch zuerst gesagt sein. Jetzt aber hört, was ich euch weiter mitzuteilen habe. Und zwar muß ich euch folgendes sagen. Auch der Oberst Taraß hat eine große Wahrheit ausgesprochen! Gott möge ihm ein langes Leben bescheren, und möge es noch oft solche Obersten in der Ukraine geben! Die erste Pflicht und die höchste Ehre des Kosaken ist es, Waffenbrüderschaft zu halten. Solange ich auf der Welt bin, ihr Herren und Brüder, habe ich es noch nicht erlebt, daß der Kosak seinen Kameraden in Stich gelassen oder verraten hätte. Sowohl die einen wie die andern sind unsere Kameraden; ob ihrer nun viele oder wenige sind, das ist ganz gleich, sie sind alle unsere Kameraden und uns alle gleich lieb und wert. Ich will also folgendes sagen: Diejenigen, denen die Gefangenen der Tataren besonders lieb sind, sollen sich an die Verfolgung der Tataren machen, die dagegen, denen die von den Polen Fortgeschleppten mehr am Herzen liegen, und die deren gerechte Sache nicht verlassen wollen, sollen hier bleiben. Der Hetman mag seiner Pflicht gemäß mit der einen Hälfte die Tataren verfolgen, die andere Hälfte aber soll sich unterdessen einen eigenen stellvertretenden Hetman wählen. Und für dieses Amt eignet sich, wenn ihr einem Graukopf folgen wollt, niemand besser, als Taraß Bulba. Es gibt keinen unter uns, der ihm an Mut und Tapferkeit gleich ist.“
So sprach Bowdjug und verstummte; und alle Kosaken freuten sich, daß sie der Alte so auf den richtigen Weg gewiesen hatte. Alle warfen ihre Mützen in die Luft und riefen: „Dank dir, Väterchen! Du hast immer geschwiegen, und geschwiegen, du hast lange geschwiegen, und nun endlich hast du das einzig Richtige und Wahre gesagt. Du hast nicht vergebens erklärt, als du mit uns in den Feldzug zogst, daß du dem Kosakentum nützen könntest: Nun ist es wirklich so gekommen.“
„Seid ihr damit einverstanden?“ fragte der Hetman.
„Ja, wir sind Alle einverstanden,“ riefen die Kosaken.
„Die Versammlung ist also beendet?“
„Die Versammlung ist beendet,“ riefen die Kosaken.
„So vernehmt denn jetzt den Heeresbefehl, Kinder,“ sagte der Hetman, trat vor und setzte die Mütze auf; und alle Saporoger, so viel ihrer da waren, nahmen die ihren ab und hörten ihn entblößten Hauptes und mit zu Boden gesenkten Blicken an, wie es bei den Kosaken Sitte war, wenn einer der Ältesten sprechen wollte. „Jetzt teilt euch in zwei Teile, ihr Herren und Brüder. Wer gehen will, begebe sich auf die rechte Seite, wer bleibt, auf die linke. Geht der größere Teil einer Abteilung mit, so folgt ihnen auch der Führer, ist es jedoch nur der kleinere Teil, so mögen sich die Übrigbleibenden einer anderen Abteilung anschließen.“
Und Alle teilten sich in zwei Gruppen und stellten sich teils auf die rechte, teils auf die linke Seite. Wohin sich der größere Teil einer Abteilung begab, dahin folgte auch der Führer: kleinere Teile schlossen sich an die größeren Abteilungen an. Und es stellte sich heraus, daß beide Gruppen fast gleichstark waren. Folgende Abteilungen hatten sich zum Bleiben entschlossen: beinahe die ganze Abteilung Nesamaikow, die größere Hälfte der Abteilung Popowitsch, die ganze Abteilung Uman und Kanew, und die größere Hälfte der Steblikiwschen und Tymoschewschen Abteilungen. Die übrigen Abteilungen zogen es vor, die Tataren zu verfolgen. Auf beiden Seiten gab es viele tapfere und wackere Kosaken. Unter denen, die beschlossen hatten, den Tataren nachzujagen, befanden sich: ein wackerer, alter Kosak, Tscherewaty, ferner Pokotypole, Lemisch und Prokopowitsch Choma. Auch Demid Popowitsch hatte sich ihnen angeschlossen, denn er hatte eine recht hohe Meinung von sich und liebte es nicht, lange an ein und demselben Ort zu sitzen: er hatte sich nun mit den Polen gemessen, jetzt wollte er es wieder einmal mit den Tataren aufnehmen. Die Anführer der einzelnen Abteilungen waren folgende: Nostjugan, Pokryschka, Newylytschki und noch viele andere wackere und tapfere Kosaken, die Schwert und Kraft im Kampf gegen die Tataren erproben wollten. Aber nicht weniger tapfere und brave Kosaken waren unter denen, die da bleiben wollten: die Abteilungsführer Demytrowitsch, Kukubenko, Wertychwist, Balaban, Bulbenko und Ostap. Außer ihnen gab es da noch viele andere berühmte und gewaltige Kosaken: Wowtusenko, Tscherewytschenko, Stepan Guska, Ochrim Guska, Mykola Gustyj, Sadoroschny, Metelizja, Iwan Sakrutyguba, Mossy Schilo, Degtjarenko, Sydorenko, die drei Pissarenko und noch viele andere ausgezeichnete Kosaken, alles erfahrene, und erprobte Leute. Sie waren an den Küsten Anatoliens, in den Steppen der Krim, auf allen großen und kleinen Flüssen, die in den Dnjepr münden, und in den Schluchten und auf den Inseln dieses Flusses gewesen; sie hatten die Moldau, die Wallachei und die Türkei besucht, hatten das ganze schwarze Meer mit ihren zweiruderigen Kosakenbooten durchkreuzt und mit deren fünfzig die größten und reichsten Schiffe überfallen, nicht wenig Galeeren zum Kentern gebracht und viel, sehr viel Pulver in ihrem Leben verschossen. Oft genug hatten sie kostbare Seiden- und Sammetstoffe zerrissen um sich Fußlappen daraus zu verfertigen, und ihre Beutel am Hosengurt mit goldenen Zechinen vollgestopft. Und wieviel Geld und Gut jeder von ihnen schon vertrunken und verjubelt hatte, — einem andern hätte es für das ganze Leben gereicht — das war garnicht auszurechnen. Sie hatten nach Kosakenart alles verschwendet: alle Welt bewirtet, und Musikanten bestellt, damit alles, was da lebte, lustig sei! Noch jetzt hatten die meisten irgendwo Wertgegenstände vergraben: Becher, silbernes Trinkgeschirr und Armbänder, die sie im Schilf auf den Inseln des Dnjepr versteckt hielten, damit die Tataren sie nicht auffinden konnten, wenn es diesen gelingen sollte, die Sjetsch in einem unglücklichen Augenblick plötzlich zu überfallen. Aber es wäre den Tataren schwer geworden, diese Schätze zu finden, wußten doch oft die Besitzer selbst nicht mehr, wo sie sie vergraben hatten. Das waren die Kosaken, die da bleiben wollten, um die treuen Waffenbrüder und den christlichen Glauben an den Polen zu rächen. Der alte Kosak Bowdjug wollte gleichfalls mit ihnen zurückbleiben und sagte: „Ich bin nicht mehr jung genug, um hinter den Tataren herzulaufen; auch dies ist ein Platz, wo man einen ehrlichen Kosakentod sterben kann! Schon lange bete ich zu Gott, daß ich, wenn ich denn sterben soll, mein Leben im Kampf für die heilige Sache Christi hingeben dürfe. Nun ist es so gekommen. Einen schöneren Tod kann es für einen alten Kosaken nirgends geben.“
Nachdem sie auseinandergegangen waren und sich in zwei Gruppen nach den Abteilungen aufgestellt hatten, schritt der Hetman die Reihen ab und sagte:
„Nun ihr Herren und Brüder, sind die beiden Teile miteinander zufrieden?“
„Wir sind alle zufrieden Väterchen,“ riefen die Kosaken.
„Nun, dann küßt euch und drückt euch zum Abschied die Hände, denn Gott weiß, ob ihr euch noch einmal im Leben wiederseht. Gehorcht eurem Hetman, und tut euer Bestes: ihr wißt ja selbst, was die Kosakenehre von euch fordert.“
Und alle Kosaken, so viele ihrer waren, küßten einander. Die Führer machten den Anfang, sie strichen sich über ihre grauen Schnurrbärte und küßten sich dreimal, dann drückten sie sich die Hände und hielten sie lange fest, als ob sie sagen wollten: „Werden wir uns noch einmal wieder sehen, Herr Bruder oder nicht?“
Sie sagten aber doch nichts, sondern schwiegen, und ihre grauen Köpfe versanken in Nachdenken. Auch die Kosaken nahmen Abschied von einander; alle insgesamt, denn sie wußten, daß es für beide Teile viel zu tun gab. Sie beschlossen aber, sich nicht sofort zu trennen, sondern bis zum Anbruch der Nacht zu warten, damit der Feind nichts davon merke, daß das Kosakenheer kleiner geworden sei. Dann begaben sich alle in die einzelnen Lager, um sich ihr Mittagsmahl zu bereiten.
Nach der Mahlzeit legten sich alle, die nach Hause gehen wollten zur Ruhe nieder; sie schliefen lange und fest, wie wenn sie ahnten, daß dies das letzte Mal sei, wo sie sich als freie Männer auf freiem Felde ausschlafen konnten. Sie schliefen bis zum Sonnenuntergang: bei Anbruch der Dunkelheit aber standen sie auf, um ihre Wagen zu schmieren. Als sie fertig waren, schickten sie die Wagen voraus, sie selbst aber grüßten ihre Kameraden nochmals mit den Mützen und schritten langsam und still hinter den Wagen her; die Berittenen zogen in guter Ordnung, ohne die Pferde durch Schreien und Pfeifen anzuspornen, hinter den Fußgängern her, und bald waren sie in der Dunkelheit verschwunden. Nur hie und da hörte man noch das dumpfe Pferdegetrappel und hin und wieder das Knarren eines Rades herüberschallen, das noch nicht recht in Gang gekommen oder während der nächtlichen Dunkelheit schlecht geschmiert worden war.
Und lange noch winkten ihnen die zurückgebliebenen Kameraden zu, obgleich nichts mehr von ihnen zu sehen war. Als sie aber zu ihren Lagerplätzen zurückgekehrt waren, und als sie bei dem sternhellen Himmel sahen, daß die gute Hälfte der Wagen nicht mehr da war, und daß viele ihrer Brüder fehlten, da wurde es ihnen traurig und bang ums Herz, sie wurden unwillkürlich nachdenklich und ließen ihre unruhigen Köpfe herabsinken.
Taraß sah, wie schwermütig die Kosaken wurden, und wie sich ihrer Köpfe eine gewisse Verzagtheit, die eines tapferen Mannes unwürdig ist, bemächtigte; aber er schwieg, er wollte ihnen Zeit lassen, bis sie sich an den Schmerz gewöhnten, den der Abschied der Kameraden in ihnen hervorgerufen hatte. Im stillen nahm er sich jedoch vor, sie plötzlich durch den Kosaken-Kriegsruf aufzurütteln, um ihrer Seele wieder neuen frischen Mut und neue Stärke einzuflößen. Jene Stärke, deren nur die slavische Rasse fähig ist, diese weitherzige, mächtige Rasse, die sich zu den andern Rassen verhält, wie das Meer zu einem seichten Flüßchen. Wenn die Zeit stürmisch ist, dann bricht es in ein dröhnendes Gebrüll und Gedonner aus und wirft und türmt gewaltige Wogenmassen auf, wie es ein kraftloser Fluß nie vermag; wenn aber Windstille und Ruhe herrscht, dann streckt es seine unabsehbare, klare Spiegelfläche aus: den Augen ein ewiges Labsal, und klarer und reiner als je einer der Flüsse.
Taraß befahl seinen Dienern, einen Wagen, der gesondert dastand, auszupacken. Es war der größte und stärkste von allen Kosakenwagen. Seine Räder waren mit doppelten mächtigen Reifen beschlagen, er war hoch beladen, mit Decken und starken Ochsenfellen bespannt und mit gut geteerten Stricken umwunden. Im Innern befanden sich Gefäße und Fässer mit gutem alten Wein, der lange in Taraß’ Kellern gelagert hatte. Er hatte diesen Vorrat für einen feierlichen Augenblick aufgespart, damit ein jeder Kosak — wenn der große Augenblick gekommen war und große Taten winkten, die würdig waren, der Nachwelt überliefert zu werden — einen köstlichen Schluck dieses verbotenen Trunkes koste, auf daß der große Moment in dem Menschen auch ein großes Gefühl auslöse. Auf den Befehl des Obersten liefen die Knechte sofort zu den Wagen, hieben mit ihren Säbeln die dicken Stricke durch, nahmen die starken Ochsenhäute und Decken ab und zogen die Gefäße und Fässer vom Wagen herunter.
„Nehmt nur alle,“ sagte Bulba, „alle, so viele ihr seid, ein jeder nehme, was er bei der Hand hat: einen Becher, einen Eimer, mit dem er sonst sein Pferd tränkt, einen Fausthandschuh oder die Mütze, oder wenn es gar nicht anders geht, so haltet einfach die Hände unter.“
Und alle Kosaken, soviel ihrer da waren, taten, wie Taraß ihnen gebot; der eine hielt einen Becher unter, ein anderer einen Eimer, aus dem er sonst sein Pferd tränkte, ein dritter seinen Fausthandschuh und wieder andere die Mütze, viele aber hielten einfach beide Hände hin. Und Taraß’ Knechte schenkten ihnen allen den Wein aus Gefäßen und Fässern ein. Allein Taraß gebot ihnen, nicht eher davon zu kosten, als bis er ihnen ein Zeichen gäbe, damit alle den Wein auf einmal austränken. Man sah es ihm an, daß er etwas sagen wollte. Taraß wußte, daß, so stark auch die Wirkung an und für sich ist, die ein guter alter Wein auf das Gemüt des Menschen ausübt, und so sehr er ihn ermutigt und belebt, der Einfluß des Trunkes auf Geist und Gemüt noch doppelt so stark ist, wenn er von einem guten Wort begleitet wird. „Ich habe Euch nicht deshalb zu diesem Trunke eingeladen, werte Herren und Brüder,“ sprach Bulba, „weil ihr mich zu euerem Führer erwählt habt, so sehr ich mir das auch zur Ehre anrechne, und auch nicht um den Abschied von unseren Kameraden zu feiern, — das würde sich wohl in anderen Zeiten besser geziemen als gerade in diesem Augenblick. Große, schwere Taten, edlen Schweißes wert, harren unser, Taten, die den gewaltigen Mut der Kosaken erfordern! Und darum, Kameraden, laßt uns den Wein austrinken auf einen Zug: vor allem auf den heiligen christlichen Glauben, damit endlich die Zeit kommt, wo sich der eine wahre und heilige Glaube über den ganzen Erdboden verbreite und alle Mohammedaner, soviel ihrer auch sind, gläubige Christen werden. Und zugleich laßt uns auf die Sjetsch trinken, auf daß diese noch lange bestehen möge zum Schrecken und Verderben der Mohammedaner, und auf daß alle Jahre recht viele brave Kosaken, einer tüchtiger und schöner als der andere, aus ihr hervorgehen mögen. Und endlich laßt uns auch gleich auf unsern eigenen Ruhm trinken, auf daß Kinder und Kindeskinder sich von uns erzählen, daß es einst Kosaken gegeben habe, die nicht Verrat geübt an der Freundschaft und die eigenen Waffenbrüder nicht in Stich gelassen haben! Also es lebe der Glaube, werte Herren. Es lebe der Glaube!“
„Es lebe der Glaube!“ donnerten alle, die in den vordersten Reihen standen mit ihren tiefen Baßstimmen los. „Auf unsern Glauben!“ fielen auch die ferner Stehenden ein, und alle Anwesenden, die Alten und die Jungen, leerten die Becher auf ihren Glauben.
„Auf die Sjetsch!“ sagte Bulba und hob den Arm hoch über den Kopf empor.
„Auf die Sjetsch!“ riefen die in den vordersten Reihen mit lauter Stimme. „Auf die Sjetsch!“, sagten die Alten leise und strichen sich die grauen Schnurrbärte; und die Jungen wiederholten wie ein junger Falke, der aus dem Schlafe erwacht: „Auf die Sjetsch!“ — und weithin drang über das Feld der Ruf, mit dem die Kosaken ihrer Sjetsch gedachten.
„Jetzt noch einen letzten Trunk, Kameraden: auf unsere Ehre und unseren Ruhm und auf alle Christen, die in der Welt leben!“
Und alle Kosaken, vom ersten bis zum letzten, tranken den letzten Schluck auf Ehre und Ruhm und auf alle Christen, die irgendwo in der Welt lebten. Und lange noch wiederholten die einzelnen Gruppen und Abteilungen:
„Auf das Wohl aller Christen, die in der Welt leben!“
Die Becher waren geleert, doch noch immer standen die Kosaken mit erhobenen Händen da; allein wenn auch der Wein ihre Augen heller und freudiger glänzen machte, — sie waren doch immer noch ernst und nachdenklich. Nicht an Beute und Kriegsglück dachten sie jetzt, auch nicht daran, ob ihnen wohl goldene Dukaten, kostbare Waffen, gestickte Röcke und Tscherkessenpferde beschieden sein würden: sie saßen sinnend da wie eine Schar von Adlern, die sich hoch oben auf den Spitzen steinerner Felsen und steiler Berge niedergelassen haben, von wo aus man das weite grenzenlose Meer erblickt, wie es mit Galeeren, Segelschiffen und allerlei Fahrzeugen, gleichwie mit kleinen Vögeln, besät ist, — das Meer mit seinen in der Ferne verschwimmenden Meerbusen und Gestaden, mit Städten, die wie Fliegen, und mit Wäldern, deren Bäume wie niedrige Grashalme aussehen. Mit Adlerblick überschauten sie die ganze Ebene und ihr von ferne winkendes Schicksal. Einst würde das ganze weite Feld, mit all seinen Wegen und Verstecken, mit nackten weißen Kosakenknochen bedeckt sein, und auf dem von Kosakenblut gedüngten Boden würde man zertrümmerte Wagen, zerbrochene Säbel und Lanzen erblicken; überall würden dicht behaarte Köpfe mit zerzausten und blutigen Mähnen und tief herabhängenden Schnurrbärten herumliegen, die Adler würden sich auf die Leichen stürzen und ihnen mit ihren Schnäbeln die Kosaken-Augen heraushacken. Aber wie schön und herrlich war doch trotz allem ein so weites, freies Sterbelager! Keine ihrer großen Taten würde vergessen werden, und der Kosakenruhm würde nie vergehen und nie sich verlieren wie die kleine Kugel, die den Flintenlauf verlassen hat. Ein Bandura-Spieler mit einem weißen, bis an den Gürtel reichenden Bart würde einst von ihm singen oder vielleicht auch ein weißhaariger Greis, der aber noch immer ein Bild kraftvoller männlicher Schönheit ist: ein Wahrsager und Prophet, würde er mit gewaltigen, mächtigen Worten von ihm künden! Und weithin über die Welt würde sich der Ruhm der Kosaken verbreiten, und alle, die nach ihnen geboren würden, würden von ihnen reden. Denn leicht verbreitet sich ein gewaltiges Heldenwort, leicht wie der Ton aus schallendem Glockenerz, in das der Meister viel köstliches und reines Silber gemischt hat, auf daß der herrliche Klang in alle Städte und Dörfer, Paläste und Hütten dringe, und alle Christen zum heiligen Gebete rufe.
Neuntes Kapitel
In der Stadt hatte noch niemand etwas davon erfahren, daß die Hälfte der Saporoger abgezogen war, um die Tataren zu verfolgen. Vom Rathausturm bemerkte man allerdings, daß ein Teil der Wagen hinter dem Walde verschwunden war, allein man glaubte, daß die Kosaken den Leuten in der Stadt einen Hinterhalt legen wollten, und so dachte auch der welsche Ingenieur. Mittlerweile aber hatte sich die Meinung des Hetmans bestätigt: in der Stadt machte sich wieder ein großer Mangel an Lebensmitteln bemerkbar: wie stets in diesen Zeiten, so hatte man es auch diesmal nicht für nötig gehalten, die Bedürfnisse des Heeres im voraus zu berechnen. So versuchte man denn, einen Ausfall aus der Stadt zu machen — indes die Hälfte der Waghalsigen wurde auf der Stelle von den Kosaken niedergemacht, und die andern wurden mit leeren Händen in die Stadt zurückgeschickt. Die Juden aber wußten den Ausfall gut auszunutzen: sie kriegten alles heraus: wohin und weshalb die Saporoger fortgezogen waren, welche Führer, welche Abteilungen und wieviel Leute an Ort und Stelle zurückgeblieben waren, und was sie zu tun beabsichtigten — kurz, man war in der Stadt bald darauf aufs genaueste über alles unterrichtet.
Die Führer schöpften neuen Mut und entschlossen sich, den Kosaken eine Schlacht zu liefern. Taraß erriet diese Absicht schon an dem Lärm und der Bewegung in der Stadt, worauf auch er schnell alle Anstalten traf, alle nötigen Befehle und Anordnungen gab und die einzelnen Abteilungen in drei Lager teilte, indem er sie von Proviantwagen wie mit Festungswällen umstellen ließ, — eine Kampfart, in der die Saporoger unbesieglich waren. Zwei Abteilungen befahl er, sich in den Hinterhalt zu legen, und einen Teil des Feldes ließ er mit spitzen Pfeilen, zerbrochenen Säbeln und Lanzen spicken, um, wenn es glücken sollte, die feindliche Reiterei hineinzujagen. Als alles aufs trefflichste instand gesetzt war, hielt er eine Ansprache an die Kosaken: nicht etwa um sie zu ermutigen oder anzufeuern — er wußte, daß sie auch ohnedies mutig und tapfer genug waren, sondern einfach weil er selbst einmal aussprechen wollte, was er auf dem Herzen hatte.
„Werte Herren, ich will euch sagen, was unsere Kameradschaft bedeutet. Ihr habt von den Vätern und Großvätern vernommen, wie unser Land überall geehrt wurde: die Griechen haben es kennen gelernt, und von Konstantinopel erhielt es Dukaten als Tribut; es hatte herrliche Städte, Kirchen und Fürsten — Fürsten von altem russischen Adel, seine eigenen Fürsten und nicht katholische Ketzer. Und nun haben uns die Ungläubigen alles geraubt, und es ist alles verloren gegangen: nur wir arme Waisen sind übrig geblieben — und wie eine Witwe, deren starker Mann dahingegangen ist, ist auch unser Land verwaist und schutzlos geworden. In einer solchen Zeit haben wir uns die Hände gereicht, Kameraden, um Brüderschaft miteinander zu schließen! Und das ist es, worauf unsere Kameradschaft gegründet ist! Es gibt keine heiligeren Bande als die der Waffenbrüderschaft; der Vater liebt sein Kind, die Mutter liebt ihr Kind, das Kind liebt Vater und Mutter, doch was bedeutet das alles, Brüder? Auch das Tier liebt ja sein Junges! Eine Seelengemeinschaft die noch über die Blutsbande hinausgeht, die kann nur bei Menschen bestehen! Auch in andern Ländern haben treue Freunde und Kameraden zusammengehalten, aber nirgends noch gab es solche, wie die russische Erde sie hervorbrachte. Viele von euch haben lange, lange Zeit in der Fremde geschmachtet, gewiß, auch dort gibt es Menschen — auch sie sind von Gott erschaffen worden, und man kann mit ihnen sprechen wie mit seinesgleichen. Aber wenn es sich um Worte handelt, die die ganze Seele aufrühren, da merkt man sofort den Unterschied! Gewiß, es sind kluge Leute, und doch fehlt es ihnen an etwas, es sind Menschen wie wir, und doch ganz anders geartet. Nein Brüder, so lieben, wie ein russisches Herz es kann — ich meine nicht mit dem Verstande oder irgend etwas Ähnlichem, sondern mit allem, was uns Gott gegeben hat, mit alledem, was im Menschen verborgen ist — ah,“ sagte Taraß, indem er die Hand sinken ließ, sein graues Haupt schüttelte und mit dem Schnurrbart zuckte, „nein, so kann kein anderer lieben! Ich weiß wohl, es sind jetzt schlimme Sitten in unser Land gedrungen, alle Leute denken nur an ihre Heuschober, ihre Kornspeicher, ihre Roßherden und legen den allergrößten Wert darauf, daß die versiegelten Metflaschen in ihren Kellern nur ja unberührt bleiben; sie nehmen der Teufel weiß was für heidnische Sitten an, verachten ihre eigene Sprache und wollen kaum noch mit ihren eigenen Stammesgenossen sprechen, ja sie verkaufen den eigenen Bruder wie irgend ein seelenloses Vieh, das man auf dem Markte feilbietet. Die Gunst eines fremden Königs, ja nicht einmal eines Königs, sondern nur das schmähliche Wohlwollen eines polnischen Magnaten, der sie mit seinen gelben Stiefeln ins Gesicht schlägt, liegt ihnen mehr am Herzen als alle Brüderschaft. Aber auch im letzten Lumpen, so niedrig und gemein er auch sein mag, selbst wenn er sich noch so sehr in Staub, Schmutz und Unterwürfigkeit wälzt, auch in ihm, Brüder, lebt noch ein Fünkchen russischen Gefühls, und der Tag kommt, an dem er wieder erwacht und zur Besinnung kommt; dann wird er sich wie ein Verzweifelter gegen die Brust schlagen, sich am Kopfe fassen, sein schändliches Leben laut verfluchen, und seine schmachvolle Tat mit tausend Qualen sühnen wollen. So mögen sie denn alle wissen, was die Kameradschaft in russischen Landen bedeutet! Und wenn es denn gilt, zu sterben, so wird niemand von ihnen so zu sterben wissen wie wir. Niemand, niemand! Das bringt ihre Mäusenatur nicht fertig!“
So sprach der Hauptmann, und als er seine Rede beendet hatte, schüttelte er noch lange sein silberweißes Haupt, das in den vielen Kosakenzügen ergraut war.
Alle Umstehenden hatte seine Rede aufs tiefste ergriffen und bis ins Innerste erschüttert. Die Ältesten verharrten in völliger Bewegungslosigkeit, sie hatten ihre grauen Häupter zu Boden gesenkt, und in ihren alten Augen glänzte eine verstohlene Träne, die sie langsam mit dem Ärmel fortwischten. Dann aber erhoben sie alle wie auf Verabredung gleichzeitig die Hände und schüttelten die greisen Häupter.
Der alte Taraß mußte wohl mancherlei Vertrautes und Schönes wachgerufen haben, das tief im Herzen der Menschen schlummert, eines Menschen, der durch Not, Mühsal, Leichtsinn und allerhand Mißgeschick klüger geworden ist oder der zwar noch nicht alles erfahren, aber doch in seiner jungen reinen Seele vieles empfunden hat, zur Freude seiner greisen Eltern, die ihn erzeugt haben.
Doch schon kam das feindliche Heer aus der Stadt herangezogen, die Pauken und Posaunen dröhnten, und die Ritter nahten, die Hände in die Seiten gestemmt, auf ihren stolzen Rossen, umgeben von zahllosen Reisigen. Der dicke Oberst teilte Befehle aus. Ohne Verzug rückten die Polen gegen die Kosakenlager vor und legten drohend ihre Gewehre an, wobei ihre Augen zornig funkelten und ihre Kupferrüstungen glänzten.
Kaum hatten die Kosaken gesehen, daß sie nur noch auf Schußweite entfernt waren, so ergriffen auch sie ihre sechs Fuß langen Gewehre und eröffneten ein ununterbrochenes Feuer. Das dumpfe Knattern tönte über alle Wiesen und Felder und wuchs zu einem beständigen Donner an. Das ganze Schlachtfeld war in Rauch gehüllt, aber die Saporoger fuhren fort zu schießen, ohne auch nur die geringste Pause eintreten zu lassen, die hinteren Reihen taten hierbei nichts, als daß sie die Gewehre luden, die sie den vorderen reichten, worüber der Feind aufs äußerste bestürzt war, da er nicht begreifen konnte, wie die Kosaken zum Schuß kämen, ohne die Gewehre zu laden. Infolge des dichten Rauchs, der beide Heere einhüllte, war es völlig unmöglich, wahrzunehmen, wie bald der eine, bald der andere in den Reihen fehlte; doch die Polen fühlten sehr wohl, daß ein wahrer Kugelregen auf sie niederprasselte, und daß der Kampf sehr ernst wurde; als sie sich ein wenig zurückzogen, um aus dem Pulverrauche herauszukommen, und sich ein wenig umsahen, merkten sie, daß in ihren Reihen viele fehlten, während bei den Kosaken höchstens zwei oder drei vom Hundert gefallen waren. Die Kosaken aber setzten ihr Gewehrfeuer unablässig fort, ohne auch nur einen Augenblick inne zu halten.
Selbst der ausländische Ingenieur wunderte sich über diese noch nie gesehene Kampfart und erklärte laut und vor allen Leuten:
„Wackere Kerls diese Saporoger! So sollte man überall kämpfen, auch in anderen Ländern.“ Und er riet, unverzüglich die Kanonen auf das Lager zu richten. Dumpf brüllten die Kanonen aus ihren weiten ehernen Schlünden, weithin und dröhnend erbebte der Erdboden, und das ganze Schlachtfeld hüllte sich in noch dichteren Pulverdampf. In den Straßen und Plätzen der benachbarten und entfernteren Städte machte sich der Pulvergeruch bemerkbar, allein die Polen hatten zu hoch gezielt: die glühenden Kugeln beschrieben einen zu großen Bogen, flogen mit schrecklichem Getöse über die Köpfe des gesamten Lagers hinweg und bohrten sich tief in den Boden ein, wobei sie das schwarze Erdreich völlig aufwühlten und hoch in die Luft schleuderten. Angesichts einer solchen Ungeschicklichkeit raufte sich der welsche Kriegskünstler die Haare und begann die Kanonen nun selbst zu richten, ohne darauf zu achten, daß die Kosaken ununterbrochen feuerten.
Taraß hatte von weitem die Gefahr bemerkt, die der ganzen Abteilung Nesamaikow und Steblikiw drohte, und rief mit dröhnender Stimme: „Alle Mann hinter den Wagen vor, und sofort auf die Pferde!“ Allein die Kosaken hätten kaum noch Gelegenheit gehabt, das eine oder das andere zu tun, wenn nicht Ostap sich mitten in die Schlachtreihe des Feindes gestürzt hätte: hierbei schlug er sechs Kanonieren die Lunten aus den Händen, bei vier anderen mißglückte ihm jedoch dieser waghalsige Versuch, und die Polen trieben ihn wieder zurück. Nun aber ergriff der ausländische Hauptmann selbst die Lunte, um sie an ein Riesengeschütz zu legen, wie es noch keiner von den Kosaken bisher gesehen hatte: Es bot mit seinem furchtbaren Schlunde einen schrecklichen Anblick dar, und hundert Tode blickten aus ihm hervor. Und als es erdröhnte und zugleich mit ihm noch drei andere ihren ehernen Mund öffneten, und ein vierfacher Stoß den ganzen Erdboden erschütterte — welch entsetzliches Unheil richteten sie da an! Wie viele Kosaken blieben auf der Walstatt! Manch alte Mutter sollte ihren gefallenen Sohn beklagen und mit den knochigen Händen ihren welken Busen schlagen! Wie viele Witwen in Gluchow, Nemirow, Tschernigow und in anderen Städten sollten ihre Männer beweinen! Tag für Tag sollten die Bräute auf den Markt hinauslaufen, jeden Vorübergehenden festhalten und ihm in die Augen blicken, ob sich nicht der unter ihnen befindet, der ihr der Liebste ist! Aber viele Soldaten sollten durch die Stadt ziehen, doch der über alles Geliebte sollte nicht unter ihnen sein!
Die Hälfte der Abteilung Nesamaikow war wie weggeblasen. Wie der Hagel ein ganzes Erntefeld niedermäht, aus dem jede Ähre gleich einem vollwertigen Dukaten glänzt, so wurden sie erschlagen und niedergestreckt!
Wie da aber die Kosaken vorwärtsstürmten! Wie sie sich alle auf den Feind stürzten! Der Hauptmann Kukubenko schäumte vor Wut, als er sah, daß die Hälfte seiner Leute nicht mehr da war. Mitten ins feindliche Zentrum warf er sich jetzt mit dem Rest seiner Abteilung. Den ersten, der ihm begegnete, hieb er in seiner Wut in Stücke zusammen; zahllose Ritter stürzte er von ihren Rossen, indem er Roß und Reiter mit seiner Lanze durchbohrte: schon hatte er sich bis zu den Kanonieren durchgeschlagen und sich einer Kanone bemächtigt, als er sah, daß die Befehlshaber der Abteilungen Uman und Stephan Guska die Riesenkanone fortschleppten. Er überließ dies also jenen Abteilungen und sprengte mit den Seinen in den feindlichen Haufen zurück. Und immer öffnete sich eine Gasse, wo sich die Krieger von Nesamaikow zeigten! Wo sie eine Wendung machten, da tat sich eine Straße auf. Man sah, wie die Reihen der Polen sich immer mehr lichteten und wie ein Haufen nach dem andern niedersank. In der Nähe der Wagen stand Wowtusenko, vor ihm Tscherewitschenko, hinter dem letzten Wagen Degtarenko und noch weiter zurück der Abteilungsführer Wertychwist. Zwei Edelleute hatte Degtarenko bereits mit seiner Lanze durchbohrt und war jetzt an den dritten geraten, der sich so leicht nicht ergeben wollte. Dieser Pole war äußerst gewandt und stark, er trug eine prachtvolle Rüstung, und fünfzig Krieger bildeten sein Gefolge.
Er versetzte Degtarenko einen gewaltigen Streich, warf ihn zu Boden und schrie jetzt, den Säbel hoch über ihm schwingend: „Ihr Hunde von Kosaken, es gibt keinen unter euch, der es mit mir aufzunehmen wagte!“
„Doch, es gibt einen,“ sagte Mossy Schilo und trat vor. Er war ein starker Kosak, der die Kosaken schon oft zu Wasser befehligt und schon manches Mißgeschick erlebt hatte. Die Türken hatten ihn und seine Leute einst bei Trapezunt ergriffen und sie alle als Sklaven auf die Galeere geschleppt; ganze Wochen lang hatten sie ihnen kein Brot gegeben und sie ekles Meerwasser trinken lassen. Allein die armen Sklaven erlitten und ertrugen alles, nur um ihren heiligen Glauben nicht abzuschwören. Der Hauptmann, Mossy Schilo, vermochte jedoch diesen Zustand nicht mehr zu ertragen: er trat das heilige Gebot mit Füßen, schlang den abscheulichen Turban um sein sündiges Haupt und gewann dadurch das Vertrauen des Paschas, der ihn zum Schließer und Oberaufseher über das Schiff und alle Sklaven machte. Da wurden die armen Sklaven sehr traurig; sie wußten, wenn ein Bruder den Glauben verrät und zu den Bedrückern übergeht, dann wird es unter seiner Herrschaft noch viel schlimmer als unter der eines Ungläubigen. Und so kam es auch. Mossy Schilo legte allen neue Ketten an, schloß je drei zusammen, fesselte sie mit furchtbaren Stricken, die sich bis auf die weißen Knochen ins Fleisch einschnitten und versetzte ihnen kräftige Hiebe über Nacken und Kopf. Als jedoch die Türken voller Freude, daß sie einen solchen Aufseher gewonnen hatten, ihre religiösen Vorschriften vergaßen, sich zum Schmausen niederließen und sich ganz sinnlos betranken, da trug Mossy Schilo alle vierundsechzig Schlüssel herbei und gab sie den Gefangenen, ließ sie ihre Ketten aufschließen, die Fesseln ins Meer werfen, statt ihrer einen Säbel in die Hand nehmen und alle Türken niedermetzeln. Die Kosaken machten eine große Beute und kehrten ruhmbedeckt in die Heimat zurück; und lange noch sangen die Bandurenspieler von Mossy Schilo. Man hätte ihn wohl zum Hetman gewählt, wenn er nicht ein so seltsamer Kosak gewesen wäre. Manchmal vollführte er Dinge, die auch dem Weisesten nicht eingefallen wären; ein anderes Mal plagte ihn einfach der Teufel. Er vertrank und verjubelte alles, was er besaß; in der Sjetsch war er jedem etwas schuldig, und dazu kam noch, daß er einmal einen Diebstahl begangen hatte — wie ein gewöhnlicher Straßenräuber. Eines Nachts stahl er eine vollständige Kosakenausrüstung aus einer benachbarten Abteilung und gab sie einem Schenkwirt zum Pfand. Wegen dieser schimpflichen Tat wurde er auf den Markt geschleppt, an einen Pfahl gebunden, und es wurde ein Knittel neben ihn gelegt, mit dem ihm jeder einen kräftigen Schlag versetzen mußte; es fand sich aber keiner unter den Saporogern, der den Knittel wider ihn erhoben hätte: denn sie gedachten alle seiner früheren Verdienste. So war der Kosak Mossy Schilo.
„Es gibt doch noch Männer, ihr Hunde, die euch niederzuhauen wissen“, sagte er und fiel über den Polen her. Und beide hieben wild aufeinander los. Die Schulterstücke und Brustharnische verbogen sich unter ihren Schlägern. Der wütende Pole spaltete ihm den eisernen Panzer, und sein Schwert drang tief in seinen Körper. Das Hemd des Kosaken färbte sich blutrot, aber Schilo achtete nicht darauf: er hob seinen sehnigen Arm (und wie schwer war dieser stämmige Arm!) und versetzte dem Polen einen furchtbaren Hieb, der ihn betäubte. Der kupferne Helm flog in Stücke, der Pole schwankte und fiel zu Boden, und Schilo schickte sich gerade an, dem Betäubten den Garaus zu machen; — ach hätte er doch den Feind nicht vollends totgeschlagen und sich lieber umgedreht! Allein der Kosak tat es nicht, im selben Augenblick aber stieß ihm einer der Leute des Erschlagenen sein Messer in den Hals. Schilo drehte sich um und hätte den Waghalsigen vielleicht noch erreicht, aber er verschwand rechtzeitig im Pulverdampf. Unterdessen knatterten von allen Seiten die Luntenbüchsen, Schilo schwankte, er fühlte, daß seine Wunde tödlich war. Er sank nieder, preßte die Hand an die Wunde, wandte sich an seine Kameraden und schrie: „Lebt wohl, werte Herren und Waffenbrüder! Möge es ewig leben, das rechtgläubige Rußland, und ewig sei sein Ruhm und seine Ehre!“ Er schloß die brechenden Augen, und die Kosaken-Seele entfloh aus dem rauhen Kriegerleib. Da aber kam Sadoroschny mit seinen Leuten herangerast, auch der Hauptmann Wertychwist durchbrach die Reihen, und Balaban machte sich zum Angriff bereit.
„Hallo, ihr Herren,“ rief Taraß zu den Hauptleuten herüber, „habt ihr noch Pulver in den Hörnern? Ist eure Kosakenkraft noch nicht erlahmt? Steht der Kosak noch fest und beugt er sich nicht?“
„Noch ist Pulver in den Hörnern, Väterchen, noch ist die Kosakenkraft umgebrochen, und noch steht der Kosak fest und beugt sich nicht!“
Und die Kosaken drangen heftig auf den Feind ein und brachten die Reihen des Gegners in Verwirrung. Der kleine Hauptmann ließ die Trommel rühren und acht bunte Fahnen aufrollen, um seine Leute, die über das ganze Feld zerstreut waren, wieder zusammenzubringen. Die Polen strömten den Bannern zu, kaum hatten sie sich jedoch wieder in Reih und Glied aufgestellt, als der Hauptmann Kukubenko mit seinen Leuten wieder in das Zentrum einfiel und sich ohne weiteres auf den dicken Hauptmann stürzte. Der hielt nicht stand, wandte sein Pferd und galoppierte davon, allein Kukubenko setzte ihm weit über das Feld nach und verlegte ihm den Weg zu dem Heere. Als Stephan Guska das auf dem linken Flügel bemerkte, sprengte er seinerseits herbei, um ihm behilflich zu sein; den Kopf auf den Hals des Pferdes gebeugt und eine Schlinge in der Hand, so wartete er einen günstigen Augenblick ab und warf dem Polen plötzlich die Schlinge um den Hals: der Hauptmann wurde rot, griff mit beiden Händen nach dem Strick und suchte ihn zu zerreißen, aber da bohrte ihm der Kosak mit einem kraftvollen Stoß die tödliche Lanze in den Leib, und festgenagelt blieb jener am Boden liegen. Aber auch Guska stand nichts Gutes bevor. Die Kosaken hatten kaum Zeit, sich umzusehen, da drangen ihm schon vier Lanzen in den Leib. Er vermochte gerade noch die Worte hervorzubringen:
„Mögen doch alle Feinde untergehen, und möge das russische Reich ewig, ewig blühen und gedeihen!“ — dann verschied er.
Die Kosaken sahen sich um, hei, wie da Meteliza den Polen zusetzte und bald den einen, bald den andern niederschlug; von der andern Seite her rückt der Hauptmann Newelytschki mit seinen Leuten heran; bei dem Wagen steht Sagruriguba und teilt Hieb auf Hieb aus: noch weiter zurück hat Pissarenko der Dritte bereits eine ganze Schar in die Flucht getrieben, und an einer andern Stelle ist man schon handgemein und kämpft hoch oben auf den Wagen.
„Hallo, meine Herren,“ rief hier der Hauptmann Taraß, der allen voranritt, „ist noch Pulver in den Hörnern? Ist die Kosakenkraft noch ungebrochen? Stehen die Kosaken noch fest und beugen sie sich nicht?“
„Noch ist Pulver in den Hörnern, Väterchen! Die Kosakenkraft ist noch ungebrochen, noch stehen die Kosaken fest, noch beugen sie sich nicht.“
Schon war Bowdjug vom Wagen gefallen. Eine Kugel hatte ihn gerade in das Herz getroffen, aber er raffte noch einmal seine ganze Kraft zusammen und rief: „Ich trauere nicht, daß ich Abschied von der Welt nehmen muß! Gott gebe jedem ein solches Ende! Hoch lebe Rußland bis in alle Ewigkeit!“ Und Bowdjugs Seele stieg zum Himmel empor, um den längst hinübergegangenen Genossen zu berichten, wie man in Rußland zu kämpfen, und vor allem, wie man dort für den heiligen Glauben zu sterben weiß!
Bald darauf stürzte auch der Hauptmann Balaban zu Boden. Er hatte drei tödliche Wunden erhalten: eine von einer Lanze, eine von einer Kugel und eine von einem schweren Säbel. Und war doch einer der wackersten Kosaken gewesen! Er war Hetman und hatte viele Züge zur See unternommen, vor allen aber war sein Zug an die Küsten Anatoliens berühmt. Viele Zechinen hatten sie damals erbeutet, kostbare türkische Stoffe, Gewebe und allerlei Schmuck. Aber auf der Heimfahrt traf sie großes Unheil. Die Ärmsten kamen plötzlich unter den Regen der türkischen Geschosse. Es hagelte nur so auf sie los, die Hälfte ihrer Schiffe und Kähne kenterte, und viele Kosaken stürzten ins Wasser, jedoch das an den Seiten der Fahrzeuge befestigte Schilf rettete sie vor dem Untergange. Balaban ruderte mit Aufbietung aller Kräfte vorwärts, immer mitten in der Sonne, und ward so unsichtbar für das türkische Schiff. Die ganze Nacht schöpften er und seine Leute mit Schaufeln und Mützen das Wasser aus den Boten und besserten die beschädigten Stellen aus. Dann machten sie sich Segel aus ihren weißen Kosakenhosen, setzten sich in die Kähne und entkamen so den schnellsten türkischen Schiffen. Sie erreichten nicht nur unversehrt die Sjetsch, sondern brachten auch dem Archimandriten des Klosters Meschigorsk zu Kiew noch ein goldgesticktes Amtsgewand und einen Rahmen aus reinem Silber für den heiligen Pokrow in der Sjetsch mit. Und lange noch rühmten die Bandurenspieler die Geschicklichkeit und das Glück der Kosaken ... Da er den Tod herannahen fühlte, senkte er das Haupt und murmelte leise: „Mir scheint, ihr Brüder, ich sterbe einen schönen Tod. Sieben Feinde habe ich in Stücke gehauen, neun mit der Lanze durchstoßen, viele hat mein Pferd niedergetreten, und ich weiß nicht mehr, wieviele meine Kugel getroffen hat ... So möge denn das russische Reich ewig blühen!“ Und seine Seele entfloh.
Kosaken, Kosaken! Opfert doch nicht die schönste Blüte eures Heeres! Schon war Kukubenko umzingelt, schon waren von der Abteilung Nesamaikow nur noch sieben Mann übrig geblieben, und auch deren Kraft war erschöpft. Schon ist Kukubenkos Gewand über und über mit Blut bespritzt ... Taraß, der seine schlimme Lage übersieht, eilt ihm sofort zu Hilfe. Aber die Kosaken kommen zu spät: Eine Lanze war ihm ins Herz gedrungen, noch bevor es gelang, die ihn umzingelnden Feinde davonzujagen. Stumm sank er in die offenen Arme der Brüder, und sein junges Blut schoß in Strömen aus seinen Wunden hervor, gleich einem köstlichen Wein, den unvorsichtige Diener in gläsernen Gefäßen aus dem Keller tragen: gerade am Eingang des Gemaches gleiten sie aus, lassen die Kanne fallen, sie zerschellt, und ihr ganzer Inhalt ergießt sich über den Estrich. Was hilft es, daß der Hausherr herbeieilt und sich an den Kopf greift, da er den Wein doch für ein besonders glückliches Ereignis in seinem Leben aufbewahrt hatte, um sich, so Gott wollte, noch einst als Greis mit einem Jugendfreunde bei einem Becher der früheren, besseren Zeiten zu erinnern, als der Mensch noch anderer und reinerer Freuden fähig war. Kukubenko blickte langsam um sich und sagte: „Ich danke Gott, daß er mich vor euren Augen sterben läßt, Kameraden. Möchten doch unsere Söhne und Enkel noch tüchtiger sein als wir, und ewig blühe und gedeihe Christi geliebtes russisches Reich!“ Und er hauchte sterbend seine junge Seele aus. Die Engel nahmen sie in ihre Hände und trugen sie gen Himmel. Wie wohl wird es ihm dort sein! „Setz dich neben mich, Kukubenko,“ wird Christus sagen, „du hast deine Brüder nicht im Stich gelassen, hast nie die Ehre verletzt, hast keinen im Unglück verlassen und hast immer meine heilige Kirche behütet und beschützt.“ Alle Kosaken waren durch den Tod Kukubenkos aufs tiefste erschüttert. Ihre Reihen waren schon stark gelichtet, und viele, viele Tapfere fehlten, aber trotz alledem standen die Kosaken noch ihren Mann und hielten sich wacker.
„Nun, ihr Herren,“ rief Taraß den übrigen Befehlshabern zu, „ist noch Pulver in den Hörnern? Sind die Säbel noch nicht stumpf geworden? Ist die Kraft der Kosaken noch ungebrochen? Stehen die Kosaken noch ihren Mann?“
„Noch ist Pulver da, Väterchen, die Säbel sind noch scharf, die Kosakenkraft ist noch ungebrochen, und noch stehen die Kosaken ihren Mann!“
Und wieder stürzten sie sich in die Feinde, als hätten sie noch keine Verluste erlitten. Nur noch drei Befehlshaber waren am Leben, überall flossen Bäche von Blut, und hoch türmten sich die Leichen der Kosaken und der Feinde. Taraß blickte zum Himmel: ein Zug Falken flog vorüber. „Ja, einer wird sich sicher freuen,“ murmelte er vor sich hin. Und schon war Meteliza von einer Lanze durchbohrt, schon drehte sich das Haupt des zweiten Pissarenko im Kreise herum, seine Augen brachen, und schon stürzte Ochrim Guska vom Rosse herab und sank gevierteilt zu Boden.
„Wohlan denn,“ sagte Taraß und schwenkte sein Tuch hoch in der Luft. Ostap verstand das Zeichen, er brach aus dem Hinterhalt hervor und fiel mit unerhörter Kraft über die polnische Reiterei her. Die Polen hielten dem starken Ansturm nicht stand, und er trieb sie gerade nach dem Platz, wo die Pfähle und abgebrochenen Lanzen in die Erde gerammt waren. Die Pferde strauchelten, stürzten, und die Polen flogen über ihre Köpfe hinweg zu Boden. Jetzt feuerten auch die Kosaken der Korsunabteilung, die die Reserve bildeten und weit hinter den Wagen standen, ihre Büchsen auf die Polen ab, da sie sahen, daß diese sich nur in Schußweite von ihnen befanden. Die Polen gerieten in Verwirrung und verloren den Mut, während die Kosaken von neuer Hoffnung erfüllt wurden. „Jetzt ist der Sieg unser,“ schallten die Stimmen der Saporoger von allen Seiten, die Posaunen ertönten, und die Siegesbanner flatterten auf. Die geschlagenen Polen flohen nach allen Richtungen auseinander und suchten, wo sie sich verstecken könnten. „Nein, noch ist der Sieg nicht unser,“ sagte Taraß mit einem Blick auf das Stadttor, und er hatte die Wahrheit gesagt. Die Tore öffneten sich, und eine Schar Husaren, der Stolz der gesamten Reiterei, kam hervorgesprengt. Sie saßen insgesamt auf dunkelbraunen, schnellfüßigen Pferden, voran sprengte ein Ritter, schöner und mutiger als alle andern; sein schwarzes Haar wehte unter dem kupfernen Helm hervor, und am Arme trug er eine kostbare Binde, die die schönste unter den Polinnen ihm gestickt hatte. Taraß war starr vor Schreck, als er Andrij erkannte. Der aber flog, ganz vom Feuer und dem Wüten der Schlacht ergriffen und von dem einen Wunsche getrieben, sich das um den Arm gewundene Zeichen zu verdienen, dahin wie ein junger Jagdhund, der schönste, schnellste und jüngste von der ganzen Meute. Der Jäger ruft ihm zu — und er rast fort, die Füße wie eine gerade Linie in die Luft streckend, den Körper zur Seite geneigt, den Schnee aufwühlend und alle Hasen in seinem Laufe zehnmal überholend. Der alte Taraß blieb stehen und sah zu, wie er sich einen Weg bahnte, alles vertrieb, in Stücke zusammenschlug und nach rechts und links hin Hiebe austeilte. Das konnte Taraß nicht länger mit ansehen, und er rief laut aus: „Was, auf die eigenen Brüder schlägst du los, du Satanskind?!“ Allein Andrij sah nicht, wen er vor sich hatte: ob es die eigenen Kameraden oder Fremde waren, er sah nichts als Locken: ein paar lange, lange Locken, einen schwanenweißen Busen, einen schneeweißen Hals, zwei alabasterne Schultern, und alles, was geschaffen ist für wahnsinnige, glühende Küsse.
„Hallo, ihr Burschen, lockt mir mal den Reiter in den Wald! Schnell, lockt ihn mir nur hinein,“ rief Taraß. Und schon machten sich dreißig der schnellsten Kosaken daran, ihn in den Wald zu locken. Sie rückten ihre hohen Mützen zurecht und stürmten auf ihren Rossen dahin, um den Husaren den Weg zu verlegen. Sie griffen die Vorderreihen von der Seite an, sprengten sie auseinander und trennten sie von den hinteren Reihen, wobei sie beiden einen tüchtigen Denkzettel verabreichten. Hierbei versetzte Golokopytenko Andrij eins mit der flachen Klinge über den Rücken, und dann jagten die Kosaken alle auf und davon, so schnell sie nur konnten, um den Husaren zu entschlüpfen.
Da aber geriet Andrij in Wut! Das junge Blut stürmte wild durch all’ seine Adern. Er gab seinem Rosse die Sporen und jagte aus aller Kraft hinter den Kosaken her, ohne sich umzusehen und ohne zu bemerken, daß ihm nur zwanzig von seinen Leuten folgten. Die Kosaken sprengten mit Windeseile auf ihren Pferden dahin und ritten auf den Wald zu. Auch Andrij raste auf seinem Rosse weiter, und schon hatte er Golokopytenko erreicht, als plötzlich eine starke Hand seinem Pferde in die Zügel fiel. Andrij blickte auf: vor ihm stand Taraß! Er erbebte am ganzen Körper und wurde totenbleich, wie ein Schüler, der unüberlegterweise einen Kameraden geprügelt und von diesem mit dem Lineal einen Schlag auf den Kopf erhalten hat: plötzlich lodert er auf wie Feuer, springt von der Bank, um hinter seinem Mitschüler herzujagen und ihn in Stücke zu reißen — da erblickt er den Lehrer, der gerade die Klasse betritt: der ganze leidenschaftliche Zorn legt sich plötzlich, und seine ohnmächtige Wut ist wie fortgeblasen. So verschwand Andrijs Zorn augenblicklich, als hätte er nie in ihm getobt. Er sah nur noch seinen furchtbaren Vater vor sich.
„Nun, was sollen wir jetzt machen?“ sagte Taraß, und blickte ihm offen ins Antlitz. Aber Andrij konnte kein Wort hervorbringen und stand mit gesenkten Blicken da.
„Nun, mein Söhnchen, haben dir deine Polen geholfen?“
Andrij vermochte noch immer nichts zu sagen.
„Also Verrat und Tücke! Den Glauben verkaufen! Die Seinen verraten! Nun, steig mal vom Pferde herunter.“
Gehorsam wie ein Kind stieg Andrij vom Pferde und blieb mehr tot als lebendig vor Taraß stehen.
„Steh still und rühre dich nicht. Ich habe dich gezeugt — ich werde dich auch töten,“ sagte Taraß, trat einen Schritt zurück und nahm das Gewehr von der Schulter. Andrij war totenbleich geworden, man sah nur, wie sich seine Lippen leise bewegten und einen Namen flüsterten: aber das war nicht der Name seines Vaterlandes, oder der seiner Mutter, oder seiner Brüder — es war der Name der schönen Polin. Taraß drückte los.
Wie die Ähre im Felde von der Sichel getroffen dahin sinkt, wie ein junges Lamm, das den tödlichen Stahl im Herzen spürt, so ließ Andrij den Kopf sinken und stürzte lautlos, und ohne ein Wort zu sagen, auf das Gras.
Der Kindesmörder blieb stehen und betrachtete lange den leblosen Leichnam. Er war schön auch noch im Tode: das kühne Gesicht, das eben noch Kraft und Heldentum atmete, und einen unwiderstehlichen Reiz auf die Frauen ausübte, trug noch immer den Stempel vollendeter Schönheit. Die schwarzen Brauen ließen seine bleichen Züge wie ein Trauerflor noch stärker hervortreten.
„Was fehlte ihm zu einem braven Kosaken!“ sagte Taraß, „ist er nicht groß gewachsen, sind seine Brauen nicht schwarz, hat er nicht das Gesicht eines Edelmanns und einen starken Arm in der Schlacht? Und mußte doch zugrunde gehen. Ruhmlos zugrunde gehen — wie ein räudiger Hund.“
„Vater, was hast du getan? Du hast ihn getötet?“ fragte Ostap, der in diesem Augenblick herangesprengt kam.
Taraß nickte mit dem Kopf.
Ostap blickte dem Toten bange in die Augen. Er empfand Mitleid mit dem Bruder und sagte: „Vater, wir wollen ihm ein ehrliches Begräbnis bereiten, damit die Feinde ihn nicht beschimpfen und die Raubvögel seinen Körper nicht zerhacken.“ „Man wird ihn auch schon ohne uns begraben,“ sagte Taraß, „und es wird ihm nicht an Klageweibern und ähnlichen Dingen fehlen!“
Einige Sekunden schwankte er, ob er ihn den Wölfen zum Fraße überlassen, oder den tapferen Ritter in ihm ehren sollte, den jeder Krieger achten muß, wer er auch sei — da sah er plötzlich Golokopytenko heransprengen. „Es steht Schlimm um uns, Hauptmann, die Polen haben Verstärkungen erhalten, neue Truppen sind ihnen zu Hilfe gekommen!“ Und kaum hatte Golokopytenko dies gesagt, als sich Wowtusenko ihnen eiligst näherte: „Uns droht Unheil, Hauptmann, neue Truppen rücken heran ...“ Kaum hatte Wowtusenko ausgeredet, als Pissarenko ohne Roß herbeigeeilt kam: „Wo bleibst du Väterchen? Die Kosaken suchen dich. Die Hauptleute Newelytschki, Sadoroschni und Tscherewitschenko sind erschlagen; aber die Kosaken halten noch stand; sie wollen nicht sterben, bevor sie noch einmal dein Antlitz geschaut haben: sie wollen, daß du sie anblickst in ihrer Todesstunde!“
„Zu Pferd, Ostap,“ rief Taraß und sprengte davon, um die Kosaken aufzusuchen, sie noch einmal zu sehen und sie noch einmal vor ihrem Tode den Hauptmann sehen zu lassen. Aber sie hatten den Wald noch nicht verlassen, als die Feinde sie plötzlich von allen Seiten umzingelten, und überall zwischen den Bäumen Reiter mit geschwungenen Schwertern und Lanzen auftauchten. „Ostap, Ostap, ergib dich nicht,“ schrie Taraß, zog seinen blitzenden Säbel und hieb nach allen Seiten um sich. Sechs Feinde hatten sich auf Ostap gestürzt — aber das war ihr Unglück. Dem einen flog der Kopf von den Schultern, ein anderer machte kehrt und floh entsetzt davon, dem dritten fuhr die Lanze in die Rippen; der vierte war etwas mutiger, er hatte den Kopf zur Seite gewandt und war so einer heißen Kugel entgangen, die seinem Pferde in die Brust drang. Doch dieses bäumte sich wütend auf, stürzte zu Boden und begrub den Reiter unter sich. „Gut, Söhnchen, gut, Ostap,“ rief Taraß, „ich bin gleich bei dir!“ Er wußte sich der Andrängenden noch immer zu erwehren. Taraß säbelt und haut um sich, bald gibt er dem, bald dem einen Hieb über den Schädel, aber er blickt immer vor sich nach Ostap; da sieht er plötzlich, wie sich wenigstens acht Feinde auf den Sohn stürzen. „Ostap, Ostap, weich nicht zurück!“ Aber schon haben sie Ostap bezwungen, schon hat ihm einer die Schlinge um den Hals geworfen, schon bindet man ihn und schleppt ihn fort. „Ostap, Ostap,“ schreit Taraß, bahnt sich einen Weg zu ihm und haut alles um sich herum in Stücke. „Ach Ostap, Ostap ...!“
Aber plötzlich trifft ihn selbst etwas wie ein schwerer Stein. Ein Schwindel überfällt ihn, alles dreht sich um ihn. Einen Augenblick kreist alles vor seinen Blicken: Köpfe, Lanzen, der Rauch, das Flackern des Feuers, die Baumzweige mit ihren Blättern blitzen vor ihm auf. Wie eine gefällte Eiche stürzt er zu Boden, und Nebel bedeckt seine Augen.
Zehntes Kapitel
„Ich habe wohl lange geschlafen!“ sagte Taraß wie nach einem Rausch aus schwerem Schlafe erwachend, und er versuchte es, die ihn umgebenden Gegenstände zu erkennen. Dabei fühlte er eine entsetzliche Schwäche in seinen Gliedern. Die Wände und Ecken des ihm ganz unbekannten Zimmers bewegten sich leise hin und her. Endlich bemerkte er, daß sein Kamerad Towkatsch neben ihm saß und jedem seiner Atemzüge zu lauschen schien.
„Ja,“ dachte Towkatsch, „du wärst vielleicht für immer eingeschlafen!“ Er sagte nichts, sondern drohte nur mit dem Finger und machte ihm ein Zeichen, daß er schweigen solle.
„So sag mir doch, wo ich jetzt bin?“ fragte Taraß von neuem. Er strengte seinen Verstand an und bemühte sich, sich das Vergangene wieder ins Gedächtnis zu rufen.
„So schweig doch,“ fuhr ihn der Gefährte scharf an, „was willst du noch wissen? Siehst du denn nicht, daß du ganz zerhauen bist? Schon zwei Wochen galoppiere ich mit dir herum, ohne mir Zeit zum Atmen zu gönnen, und während dieser Zeit sprichst und schwatzt du im Fieber allen möglichen Unsinn zusammen. Es ist heute das erstemal, daß du ruhig eingeschlafen bist. So schweige doch endlich, wenn du nicht selbst das Unheil auf dich herabrufen willst.“
Taraß strengte sich aus aller Kraft an, seine Gedanken zu sammeln und sich das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen. „Die Polen hatten mich aber doch gepackt und mich ganz umzingelt? Ich hatte doch gar keine Möglichkeit, zu entkommen?“
„So schweig doch, hörst du, du Teufelssohn!“ schrie Towkatsch ärgerlich wie eine ungeduldige Wärterin, die ein unartiges und unruhiges Kind anschreit. „Was hast du davon, wenn du weißt, wie du davongekommen bist! Sei froh, daß es so ist! Es fanden sich eben Männer, die dich nicht im Stich gelassen haben — und nun sei zufrieden. Wir haben noch manche Nacht zu reiten. Du meinst wohl, daß sie dich für einen Kosaken halten? Nein, man hat deinen Kopf auf zweitausend Dukaten geschätzt!“
„Und Ostap?“ rief Taraß plötzlich, indem er sich aufzurichten versuchte. Jetzt erst erinnerte er sich, wie man Ostap gefangen und vor seinen Augen gebunden hatte, und daß er sich jetzt in den Händen der Polen befand. Und Schmerz und Trauer übermannten den Alten. Er riß die Verbände von seinen Wunden, schleuderte sie weit von sich und wollte laut etwas sagen — aber er sprach nur unzusammenhängende Worte, das Fieber bemächtigte sich seiner aufs neue, und er begann wieder zu phantasieren und allerhand unzusammenhängendes Zeug zu reden. Unterdessen stand sein treuer Gefährte neben ihm und überschüttete ihn mit zahllosen Schmähungen und Vorwürfen. Endlich packte er ihn an Händen und Füßen, wickelte ihn ein wie ein Kind und brachte die Verbände wieder in Ordnung. Dann hüllte er ihn in eine Ochsenhaut, band sie mit Bast zusammen, befestigte seine Last mit Stricken am Sattel und ritt mit ihm auf und davon.
„Und wenn du auch unterwegs sterben solltest, ich bringe dich doch in die Heimat zurück. Ich werde es nicht zulassen, daß die Polen deine Kosakenehre beschimpfen, deinen Körper in Stücke reißen und ins Wasser werfen. Soll dir denn der Adler durchaus die Augen aushacken — so mag es wenigstens unser Steppenadler sein und kein polnischer Adler, keiner der aus polnischen Ländern kommt. Tot oder lebendig — ich bringe dich in die Ukraine zurück.“
So sprach der treue Gefährte. Und er ritt Tag und Nacht rastlos dahin, bis er den völlig Bewußtlosen wirklich in die Sjetsch der Saporoger brachte. Dort behandelte er ihn unermüdlich mit Kräutern und Umschlagen, machte eine erfahrene, kenntnisreiche Jüdin ausfindig, die Taraß einen Monat lang allerlei Getränke einflößte — und so fing er denn wirklich an, sich zu erholen. Ob es nun die Medizin oder seine eigene eiserne Natur war — genug, nach anderthalb Monat stand er wieder auf den Beinen. Die Wunden waren verheilt, und nur die Säbelnarben bezeugten noch, wie schwer der alte Kosak einst verwundet worden war. Allein er war immer traurig, und sein Gemüt war sehr verdüstert. Drei tiefe Falten hatten sich in seine Stirn gegraben und schwanden nicht mehr von ihr. Soweit er um sich blicken mochte: alles war ihm neu in der Sjetsch. Die alten Waffenbrüder waren alle tot. Keiner von denen, die einst für die gerechte Sache, den Glauben und die Kameradschaft gekämpft hatten, war noch da, und auch jene, die zusammen mit dem Hetman die Tataren verfolgt hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie alle waren tot und elend umgekommen. Die einen waren einen ehrlichen Tod im Kampfe gestorben, die andern vor Hunger und Erschöpfung in den Salzgründen der Krim zugrunde gegangen, andere wieder waren, unfähig diese Schmach zu ertragen, in der Gefangenschaft umgekommen. Auch der frühere Hetman war tot, keiner von den alten Kriegsgefährten war mehr am Leben, und längst schon wuchs Gras über ihnen, die einst so kraftvolle und mutige Kosaken gewesen waren.
Er hörte nur, daß man ein großes lärmendes Fest gefeiert hatte. Das Geschirr war in Stücke zerschlagen, kein Tropfen Wein war übrig geblieben, die Gäste und ihre Diener hatten alle kostbaren Becher und Gefäße gestohlen — und der Hausherr stand traurig da und dachte: „O hätte doch jenes Fest gar nicht stattgefunden!“ Vergebens bemühte man sich, Taraß zu ermuntern und zu zerstreuen. Vergebens rühmten die alten bärtigen Bandurenspieler, die zu zweien oder dreien durch die Sjetsch kamen, seine Heldentaten unter den Kosaken — finster und gleichgültig ließ er alles geschehen; auf seinem unbeweglichen Gesicht malte sich ein tiefes, nie verstummendes Leid, und mit gesenktem Kopf sprach er leise vor sich hin: „Mein Sohn, mein Ostap.“
Mittlerweile hatten die Saporoger ein Unternehmen zur See vorbereitet. Zweihundert Boote fuhren den Dnjepr hinab; plötzlich erblickte man in Klein-Asien eine Schar von Kosaken mit rasierten Schädeln und langen Mähnen: und mit Feuer und Schwert verheerten sie die blühenden Küsten. Die Turbane der mohammedanischen Bevölkerung lagen blutgetränkt gleich abgemähten Blumen auf den blutigen Feldern umher, oder schwammen an den Ufern. Auch manche teerbeschmierte Kosakenhose sah man in Kleinasien und manch muskulöse Faust mit der schwarzen Kugelpeitsche. Die Saporoger fraßen alle Weintrauben auf, vernichteten alle Weinberge, ließen ganze Haufen Unrat in den Moscheen zurück, umhüllten ihre Füße mit kostbaren persischen Tüchern oder banden sie als Gürtel um ihre schmutzigen Kittel. Und noch lange nachher sah man dort die kurzen Tabakpfeifen der Kosaken herumliegen. Dann fuhren sie fröhlich wieder zurück. Allein ein türkisches Schiff mit zehn Kanonen jagte hinter ihnen her und zerstreute ihre morschen Boote mit einer Salve aus allen Geschützen wie scheue Vögel. Der dritte Teil versank in den Tiefen des Meeres; die übrigen vermochten sich jedoch wieder zu sammeln und erreichten mit zwölf Fässern voller Zechinen die Mündung des Dnjepr.
Doch dies alles ließ Taraß völlig kalt. Wie mit der Absicht, zu jagen, durchstreifte er Felder und Steppen, aber niemals gab sein Gewehr einen Schuß ab. Voller Schwermut legte er es neben sich, während er sich unbeweglich am Meeresgestade niederließ. Lange saß er so mit gesenktem Kopf da und flüsterte immer wieder vor sich hin: „Ostap, mein Ostap“. Das ungeheure schwarze Meer lag leuchtend und blitzend vor ihm, im fernen Schilf schrie eine Möwe, sein grauer Schnurrbart schimmerte silbern, und eine Träne nach der andern rollte über seine Wangen.
Endlich aber hielt es Taraß nicht länger aus. „Was da auch kommen mag, ich will hingehen und erfahren, was mit ihm geschehen ist. Ob er noch lebt, oder schon im Grabe liegt? Vielleicht hat er nicht einmal ein Grab. Ich muß es erfahren, es koste, was es wolle.“ Eine Woche später war er bereits, hoch zu Roß, mit Lanze und Säbel bewaffnet, den Reisesack am Sattel und mit einem Kessel voll Weizenbrei, Pulver, Patronen, einem Koppelseil und sonstigem Gerät ausgerüstet, in der Stadt Uman. Er ritt geradewegs auf ein schmutziges Häuschen zu, dessen kleine verräucherte Fenster kaum zu sehen waren. Der Schornstein war mit einem Lappen zugestopft, und auf dem durchlöcherten Dach wimmelte es von Spatzen. Vor der Tür lag ein Kehrichthaufen, und aus dem Fenster guckte der Kopf einer Jüdin heraus, die ein mit schwärzlichen Perlen besetztes Häubchen trug.
„Ist dein Mann zu Hause?“ fragte Bulba, stieg vom Pferde und band die Zügel an einen eisernen Haken, der sich neben der Tür befand.
„Ja, er ist zu Hause,“ antwortete die Jüdin und trug eiligst Weizen für das Pferd und einen Krug Bier für den Ritter herbei.
„Wo ist denn dein Jude?“
„Er betet im andern Zimmer,“ sagte die Jüdin, verbeugte sich tief und wünschte Bulba, als er den Krug an die Lippen führte, eine gute Gesundheit.
„Bleib hier, füttere und tränke mein Pferd, ich will mit ihm allein sprechen. Ich habe Wichtiges mit ihm zu verhandeln.“
Dieser Jude war der uns wohlbekannte Jankel. Er war jetzt bereits Pächter und Schankwirt. Mit der Zeit hatte er alle benachbarten Herren und Edelleute in seine Hände bekommen, ihnen nach und nach fast all ihr Geld abgenommen und sich überhaupt in jener Gegend äußerst bemerkbar gemacht; drei Meilen weit nach allen Richtungen war kein Haus mehr in einem ordentlichen Zustand, alles verfiel und wurde alt und morsch, alle Leute hatten sich dem Trunke ergeben, und man bemerkte nichts als Armut und Elend. Die ganze Gegend sah so aus, als ob hier ein verheerender Brand stattgefunden, oder als ob die Pest hier gehaust hätte. Und hätte Jankel noch zehn Jahre dort gelebt, er hätte wahrscheinlich die ganze Wojewodenschaft zugrunde gerichtet.
Taraß trat ins Zimmer. Der Jude saß in einem ziemlich schmutzigen Leinenrock da und betete; er wandte sich gerade um, um zum letztenmal auszuspeien wie es seine Religion vorschreibt, als sein Blick plötzlich auf den hinter ihm stehenden Bulba fiel. Das erste, was dem Juden einfiel, waren die zweitausend Dukaten, die auf Bulbas Kopf gesetzt waren, aber er schämte sich gleich wieder seiner Geldgier und bemühte sich, den unablässigen Hunger nach Geld zu unterdrücken, der an seiner Seele nagte, wie an der aller Juden.
„Hör zu, Jankel,“ sagte Taraß zu dem Juden, der sich vor ihm verbeugte, und schloß vorsichtig die Tür, damit man ihn nicht sehen sollte, „ich habe dir das Leben gerettet — die Saporoger hätten dich wie einen Hund in Stücke gerissen — jetzt ist die Reihe an dir, mir einen Dienst zu erweisen.“
Das Gesicht des Juden verfinsterte sich ein wenig. „Was für einen Dienst? Wenn es möglich ist, warum nicht?“
„Genug, kein Wort mehr. Bringe mich nach Warschau.“
„Nach Warschau? Warum nach Warschau,“ fragte Jankel, indem er Schultern und Brauen bestürzt in die Höhe zog.
„Schweig. Bring mich nach Warschau. Was auch geschehen mag, ich will ihn noch einmal sehen und ihm wenigstens noch ein Wort sagen.“
„Wem ein Wort sagen?“
„Ihm, Ostap, meinem Sohne!“
„Hat denn der Herr nicht gehört, daß schon ...“
„Ich weiß, ich weiß alles, man bietet zweitausend Dukaten für meinen Kopf. Was verstehen die Narren von Preisen! Ich werde dir fünftausend Dukaten geben.
Da hast du gleich zweitausend (Bulba schüttete zweitausend Dukaten aus seinem ledernen Beutel), die übrigen erhältst du, sowie ich zurückgekehrt bin.“
Der Jude ergriff sofort ein Handtuch und bedeckte die Dukaten damit. „Ä schönes Geld, ä feines Geld,“ sagte er, drehte einen Dukaten in der Hand herum und prüfte einen zweiten mit den Zähnen. „Ich denke, der Mensch, dem der Herr so schöne Dukaten abgenommen hat, hat keine Stunde mehr gelebt; er ist gleich zum Fluß gegangen und hat sich ertränkt — nachdem er so herrliche Dukaten gehabt hat!“
„Ich würde dich nicht in Anspruch nehmen, vielleicht hätte ich auch allein den Weg nach Warschau gefunden; aber die verfluchten Polen könnten mich irgendwo erkennen und gefangen nehmen, denn ich verstehe mich nicht auf Listen und Kunststücke. Ihr Juden aber seid dafür wie geschaffen. Ihr könnt den Teufel selbst hinters Licht führen, ihr beherrscht alle Kniffe. Jetzt weißt du, weshalb ich zu dir gekommen bin. Ja, und ich allein würde ja auch in Warschau nichts ausrichten. Spann also sofort an und bringe mich nach Warschau!“
„Der Herr denkt wohl, das geht so einfach? Man braucht wohl nur die Stute anzuspannen und zu rufen: „He, holla los“! Glaubt denn der Herr, daß man ihn so mitnehmen kann, ohne ihn zu verstecken?“
„Nun, so verstecke mich — tu was du willst! Steck mich meinetwegen in ein Faß!“
„Ei, ei! Meint der Herr, daß man ihn stecken kann in ein leeres Faß? Weiß denn der Herr nicht, daß jeder denken wird, es sei Branntwein darin!“
„Schön, laß ihn doch denken, daß Branntwein darin ist!“
„Wie! Er soll denken dürfen, daß Branntwein darin ist?“ rief der Jude aus, ergriff seine Locken mit beiden Händen und hob sie m die Höhe.
„Was setzt dich so in Erstaunen?“
„Weiß denn der Herr nicht, daß Gott den Branntwein geschaffen hat, damit ihn jedermann probiere? Das sind doch alles Leckermäuler und Feinschmecker. Fünf Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem Faß, wird ä Löchelchen hineinbohren, und wenn nichts herauskommt, wird er sich gleich sagen: der Jude wird schon kein leeres Faß mit sich herumschleppen, es wird schon was darin sein! Packt den Juden, bindet den Juden, nehmt dem Juden alles Geld fort, steckt den Juden ins Gefängnis! Denn alles was es Schlechtes auf der Welt gibt, wird gewälzt auf den Juden, jeder behandelt den Juden wie einen Hund: alle denken, wer ein Jude ist, ist kein Mensch.“
„Nun, so verstecke mich in einem Fischwagen!“
„Das geht nicht Herr, bei Gott, es geht nicht. In ganz Polen sind die Menschen jetzt so ausgehungert wie die Hunde: sie würden die Fische fortschleppen und den Herrn entdecken.“
„So setz mich meinetwegen auf den Teufel, aber bring mich hin!“
„So hört doch Herr,“ sagte der Jude, streifte die Ärmelaufschläge in die Höhe und streckte seine weit auseinander gespreizten Finger gegen ihn aus. „Wir werden es so machen. Jetzt werden überall Festungen und Schlösser gebaut: es sind französische Baumeister aus Deutschland angekommen, und deshalb gibt es viele Wagen mit Ziegeln und Steinen auf der Landstraße. Der Herr soll sich also auf den Boden eines Wagens ausstrecken, und ich werde über ihn mit Ziegeln bepacken. Der Herr sieht gesund und kräftig aus, es wird ihm nichts schaden, wenn die Last ein bißchen schwer drückt; ich werde unten in den Wagen eine kleine Öffnung bohren, um dem Herrn die Nahrung zu reichen.“
„Mach was du willst, nur spann an!“
Nach einer Stunde verließ ein Wagen mit Ziegelsteinen, vor den zwei Mähren gespannt waren, die Stadt Uman. Auf der einen saß der lange Jankel, und seine großen Hängelocken flatterten lustig unter der Judenmütze hervor, während er auf dem Gaule herumhopste, auf dem er sich ausnahm wie eine am Wege stehende Meilenstange.
Elftes Kapitel
Zu der Zeit, als sich die hier beschriebenen Ereignisse abspielten, gab es in den Grenzorten keine Zollbeamten und Aufseher, diese Schrecken der Handelsstädte, und man durfte mit sich schleppen, was man nur wollte. Nahm jemand eine Revision oder Untersuchung vor, so geschah das mehr zu seinem eigenen Vergnügen, besonders wenn sich allerhand schöne und verlockende Dinge auf dem Wagen befanden: natürlich mußte aber auch die eigene Faust eine gewisse Kraft haben. Nach den Ziegelsteinen gelüstete es jedoch niemanden, und so fuhr der Wagen unbehindert durch das Tor der Hauptstadt ein. Bulba konnte in seinem engen Käfig nur das Lärmen und Fluchen der Kutscher hören, sonst vernahm er nichts. Jankel, der unaufhörlich auf seinem kleinen mit Staub bedeckten Klepper herumhopste, lenkte nach einigen Umwegen in eine dunkle schmale Straße ein, die den Namen Schmutz- oder Judenstraße trug, weil beinah sämtliche Juden von Warschau hier wohnten. Diese Straße besaß große Ähnlichkeit mit der inneren Seite eines Hinterhofs, und die Sonne schien überhaupt nie ihren Weg hierher zu finden. Die gänzlich verräucherten Holzhäuser mit den unzähligen Stangen, die aus den Fenstern hervorragten, schienen die Dunkelheit noch zu vergrößern. Hin und wieder schimmerte eine rote Backsteinwand hervor, aber auch sie war meist schon ganz schwarz. Nur hie und da leuchtete einem von oben ein in Sonne getauchtes, weiß getünchtes Stück Mauer entgegen und blendete die Augen durch seine unerträgliche Helligkeit. Alles, was man hier sah, bot einen abstoßenden und wenig erfreulichen Anblick dar: Röhren, Lumpen, Abfälle und zerbrochene Kübel, die man auf die Straße hinausgeworfen hatte, trieben sich hier herum. Jeder, der etwas besaß, was er nicht brauchen konnte, warf es auf die Straße hinaus und überließ es den Vorübergehenden, ihre Freude an all dem Unrat zu haben. Ein Reiter, der auf seinem Pferde saß, reichte mit der Hand bis fast an die Stangen heran, die mitten über die Straße, von einem Hause zum andern gezogen waren und auf denen die Juden ihre Strümpfe, ihre kurzen Hosen und geräucherte Gänse aufzuhängen pflegten. Hin und wieder blickte das hübsche von nachgedunkelten Perlen umrahmte Gesichtchen einer Jüdin aus dem Fenster hervor, ein Haufen kleiner schmutziger Judenkinder mit krausen Haaren wälzte sich schreiend im Unrat herum. Ein rothaariger Jude, dessen ganzes Gesicht mit Sommersprossen bedeckt war, (was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Spatzenei verlieh) blickte aus einem Fenster heraus und sprach Jankel sofort in seinem Kauderwelsch an, worauf dieser sogleich in den Hof fuhr. Ein anderer Jude, der gerade durch die Straße kam, blieb stehen und nahm auch an dem Gespräch teil, und als Bulba endlich unter den Ziegelsteinen hervorkroch, erblickte er drei Juden, die heftig aufeinander einsprachen.
Jankel wandte sich an ihn und teilte ihm mit, daß alles gehen werde, wie er es wünsche, daß Ostap sich im Stadtgefängnis befinde, und daß er, Jankel hoffe, eine Zusammenkunft zwischen ihnen ermöglichen zu können, obgleich die Wachen sehr schwer zu bestechen seien.
Bulba ging mit den drei Juden ins Zimmer hinauf, und diese fingen wieder an, in ihrer unverständlichen Sprache miteinander zu sprechen. Taraß sah sich jeden von ihnen genau an. Plötzlich schien ihn etwas innerlich aufs heftigste erschüttert zu haben: sein rauhes, gleichgültiges Gesicht wurde von einem hell auflodernden Hoffnungsstrahl erleuchtet — einer Hoffnung, die den Menschen oft noch in Augenblicken höchster Verzweiflung heimsucht; sein altes Herz begann laut zu pochen wie bei einem Jüngling.
„Hört, ihr Juden,“ sagte er, und in seinen Worten klang etwas von einer übermächtigen Begeisterung mit, „ihr könnt alles in der Welt, selbst vom Grunde des Meeres holt ihr alles herauf, und schon lange heißt es im Sprichwort, daß ein Jude sich selbst wegstehlen kann, wenn er es nur will. Befreit mir meinen Ostap! Verschafft ihm die Gelegenheit, den Händen jener Teufel zu entfliehen. Ich habe dem Mann da zwölftausend Dukaten versprochen — ich lege noch zwölftausend Dukaten hinzu. Alle meine kostbaren Becher und alles Gold, das ich in der Erde vergraben habe, will ich verkaufen, selbst mein Haus und meinen letzten Rock; ich will mit euch einen Vertrag schließen, und mein ganzes Leben lang alles mit euch teilen, was ich im Kriege erbeuten werde!“
„O es geht nicht, teurer Herr, es geht nicht!“ sagte Jankel seufzend.
„Nein, es geht wirklich nicht,“ sagte ein anderer Jude.
Die drei Juden sahen einander an.
„Vielleicht versucht man es doch,“ sagte der dritte und schielte mit ängstlichen Blicken zu den beiden andern hinüber, „vielleicht hilft Gott!“
Die drei Juden begannen nun deutsch zu sprechen, aber so sehr Bulba auch hinhorchte, er vermochte nichts zu enträtseln, er hörte nur, daß das Wort „Mardochai“ oft wiederholt wurde, sonst verstand er nichts.
„Höre, Herr,“ sagte Jankel, „wir müssen uns mit einem Manne beraten, wie es noch nie einen in der Welt gegeben hat. Er ist so weise wie Salomo, wenn er nichts hilft, so kann nichts helfen auf der ganzen Welt. Bleib hier sitzen, Herr, hier hast du den Schlüssel und laß niemand herein!“ Und die Juden gingen auf die Straße hinaus.
Taraß schloß die Tür und blickte durch das kleine Fensterchen auf die schmutzige Judengasse. Die Juden blieben mitten auf der Straße stehen und begannen ziemlich heftig miteinander zu reden; bald schloß sich ihnen ein vierter und fünfter an. Er hörte, wie sie immer und immer wieder das „Mardochai, Mardochai“ wiederholten. Die Juden blickten fortwährend die Straße hinab, endlich sah man in der Tat hinter einem schmutzigen Hause einen mit jüdischen Schuhen bekleideten Fuß und dann ein Paar lange Rockschöße auftauchen. „Mardochai, Mardochai,“ schrien alle Juden wie aus einem Munde. Ein dürrer Jude, der etwas kleiner war als Jankel, aber bedeutend mehr Falten im Gesicht als dieser und eine überaus große Oberlippe hatte, näherte sich der ungeduldigen Gruppe, und alle Juden stürzten auf ihn zu und suchten ihn von dem Geschehenen zu unterrichten, wobei sie einander beständig unterbrachen. Mardochai blickte unterdessen mehrere Male nach dem kleinen Fensterchen hin, woraus Taraß schloß, daß von ihm die Rede war, bewegte die Hände hin und her, hörte zu, unterbrach die Redenden, spie oft nach der Seite aus, schlug seine Rockschöße zurück, steckte die Hände in die Taschen und holte ein Paar Klappern hervor, wobei seine abgeschabten Hosen zum Vorschein kamen. Schließlich machten die Juden einen solchen Lärm, daß der wachehaltende Glaubensgenosse ihnen ein Zeichen geben mußte, daß sie schweigen sollten, und Taraß begann schon für seine Sicherheit zu fürchten; dann erinnerte er sich jedoch, daß die Juden nicht anders als auf der Straße verhandeln können, und daß selbst der Teufel ihre Sprachen nicht verstehen könne, worauf er sich gleich wieder beruhigte.
Nach ungefähr zwei Minuten betraten die Juden allesamt wieder das Zimmer. Mardochai ging auf Taraß zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Wenn wir mit Gottes Hilfe etwas unternehmen, so wird schon alles geschehen, was nötig ist!“
Taraß sah sich diesen Salomon an, wie es noch nie einen zweiten in der Welt gegeben hatte, und schöpfte wieder einige Hoffnung. Und wirklich: seine Erscheinung flößte ein gewisses Vertrauen ein; diese Oberlippe konnte einen einfach schrecken, ihre Dicke war sicherlich auf äußerliche Ursachen zurückzuführen. Der Salomo hatte einen Bart, der im ganzen aus fünfzehn Härchen bestand, und zwar befanden sie sich alle auf der linken Seite. Sein Gesicht trug soviel Spuren von den Prügeln, die man ihm für seine Frechheit verabfolgt hatte, daß er wahrscheinlich ihre Zahl gar nicht mehr kannte und sich daran gewöhnt hatte, sie für Muttermale zu halten.
Mardochai ging zusammen mit seinen Genossen hinaus, die voller Bewunderung für seine Weisheit waren, und Bulba blieb allein zurück. Er befand sich in einer sonderbaren, ihm völlig ungewohnten Lage: zum erstenmal in seinem Leben empfand er etwas wie Unruhe, und ein fieberhafter Zustand hatte sich seiner Seele bemächtigt. Er war nicht mehr der alte, unerschütterliche Bulba: nicht mehr so stark unbeugsam wie eine Eiche, sondern kleinmütig und schwach. Bei jedem Geräusch, und jedesmal wenn sich am Ende der Gasse die Gestalt eines ihm unbekannten Juden zeigte, zuckte er zusammen. In diesem Zustand verharrte er den ganzen Tag, aß nichts, trank nichts und wich keinen Augenblick von dem Fenster, das auf die Straße hinausführte.
Endlich, — es war schon spät abends, — erschienen Mardochai und Jankel. Taraß erstarrte das Herz in der Brust.
„Nun, ist alles gut gegangen?“ fragte er mit der Ungeduld eines wilden Hengstes.
Aber noch ehe die Juden irgend etwas erwidern konnten, bemerkte Taraß, daß Mardochai die letzte Locke fehlte, die sich zwar recht unordentlich aber doch in krausen Ringen unter der Mütze hervordrängte. Man sah, daß er etwas sagen wollte, aber er stammelte ein so unverständliches Zeug zusammen, daß Taraß kein Wort davon begriff.
Auch Jankel führte häufig die Hand an den Mund, wie wenn er sich erkältet hätte.
„O weh, lieber Herr, jetzt ist es ganz unmöglich! Bei Gott es geht nicht. Das sind so schlechte Menschen, daß man ihnen auf den Kopf spucken möchte! Mardochai soll es Euch sagen. Mardochai hat Dinge fertig gebracht, wie noch kein Mensch in der Welt. Aber Gott will nicht, daß es so kommen soll. Es stehen schon dreitausend Soldaten da, die morgen alle hingerichtet werden sollen.“
Taraß sah den Juden ins Gesicht, jetzt jedoch schon ohne Ungeduld und ohne jeden Zorn.
„Wenn der Herr ihn sehen will, dann muß es schon morgen in der Früh sein, noch vor Sonnenaufgang. Die Wachen sind einverstanden, und ein Aufseher hat versprochen, uns zu helfen. Möge das Glück sie fliehen in jener Welt — o weh mir, was sind das für geldgierige Menschen! Nicht einmal unter uns gibt es solche Leute: jedem einzelnen habe ich fünfzig Dukaten geben müssen, und dem Aufseher ...“ „Gut! Führe mich zu ihm,“ sagte Taraß entschlossen, und all sein Mut und seine Festigkeit kehrten wieder in seine Seele zurück. Er war mit Jankels Vorschlag einverstanden, sich als ausländischer Graf zu verkleiden, der aus Deutschland gekommen sei. Der schlaue Jude, der alles vorausgesehen, hatte schon die Kleidungsstücke mitgebracht. Unterdessen war es Nacht geworden. Der Wirt des Hauses, der uns bekannte rothaarige Jude, mit den vielen Sommersprossen im Gesicht, schleppte eine elende Matratze herbei, die er mit einer Strohmatte bedeckte, und legte sie auf die Bank, damit Bulba sich auf ihr niederstrecken solle. Jankel bereitete sich ein ähnliches Lager aus dem Fußboden, der rothaarige Jude trank ein Gläschen Schnaps, zog seinen Rock aus — wenn er bloß mit Schuhen und Strümpfen bekleidet herumlief, hatte er große Ähnlichkeit mit einem Hühnchen — und begab sich schließlich mit seiner jüdischen Frau in eine Art von Schrank, und zwei kleine Judenknaben legten sich wie zwei Haushündchen neben dem Schrank auf den Boden. Aber Taraß konnte nicht schlafen. Unbeweglich saß er da und trommelte mit den Fingern auf dem Tische herum. Er hatte seine Pfeife im Munde und stieß solche Rauchwolken hervor, daß der Jude im Schlafe nieste und seine Nase unter die Decke steckte. Und kaum erschienen am Himmel die blassen Vorboten des Morgenrots, als Taraß Jankel bereits mit dem Fuß stieß. „Steh auf, Jude, und reich mir deine Grafenkleidung!“
In einem Augenblick war er angezogen: er schwärzte sich seinen Schnurrbart und seine Brauen, und setzte ein kleines dunkles Mützchen auf den Kopf, sodaß niemand, nicht einmal die Kosaken, die ihm am nächsten standen, ihn hätten erkennen können. Er sah nicht älter aus als ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Ein gesundes Rot bedeckte seine Wangen, und selbst die Narben standen ihm ausgezeichnet und verliehen ihm etwas Gebieterisches. Das goldverbrämte Gewand kleidete ihn ganz vorzüglich.
Die Straßen lagen noch in tiefem Schlafe, und noch war in der Stadt kein Händler mit seiner Kiste unter dem Arme zu bemerken. Bulba und Jankel gelangten vor ein Gebäude, das wie ein sitzender Reiter aussah. Es war niedrig, breit, außerordentlich groß und ganz vor Alter geschwärzt; auf der einen Seite ragte ein langer, schmaler Turm empor, der wie der Hals eines Storches aussah und auf dessen Spitze sich das Stück eines Daches befand. Dieses Gebäude hatte die allermannigfaltigsten Funktionen: hier befanden sich die Kasernen, das Gefängnis und sogar das Kriminalgericht. Unsere Wanderer traten in das Tor ein und standen gleich darauf in einem geräumigen Saal, oder vielmehr in einem gedeckten Hof, in dem ungefähr tausend Menschen nebeneinander schliefen. Ihnen gegenüber befand sich eine kleine Tür vor der zwei Wachen saßen, und ein merkwürdiges Spiel spielten, welches darin bestand, daß der eine dem andern mit zwei Fingern auf die Handflächen zu schlagen suchte. Sie beachteten die Ankömmlinge kaum und drehten ihre Köpfe erst um, als Jankel zu ihnen sagte:
„Das sind wir, hören Sie meine Herren, das sind wir!“
„Geht hinein,“ sagte der eine von ihnen und öffnete mit der einen Hand die Tür, während er seinem Kameraden die andere zum Schlage hinhielt.
Sie betraten einen schmalen dunklen Gang und gelangten in einen ähnlichen Saal mit einigen kleinen Fenstern an der Decke.
„Wer da?“ riefen mehrere Stimmen, und Taraß erblickte eine beträchtliche Anzahl von Kriegern in voller Rüstung. „Wir haben Befehl, niemanden hineinzulassen.“
„Das sind wir,“ rief Jankel, „bei Gott das sind wir, erlauchte Herren!“ Aber niemand wollte ihm Gehör schenken. Glücklicherweise trat in diesem Augenblick ein dicker Mann herein, der seinem Aussehen nach ein Vorgesetzter sein mußte, denn er schimpfte und fluchte mehr als alle andern zusammen.
„Herr, das sind wir, der Herr kennt uns schon — der Herr Graf wird sich noch persönlich bedanken!“
„Laßt sie durch, Donnerwetter noch ’mal! Von nun ab aber laßt ihr mir keinen mehr herein, und daß mir keiner von euch den Säbel ablegt und sich auf der Erde herumwälzt!“
Die Fortsetzung dieser so eindrucksvollen Rede vernahmen unsere Reisenden jedoch nicht mehr.
„Das sind wir, das bin ich, ein guter Freund,“ sagte Jankel zu jedem, der ihm begegnete.
„Ist’s so weit?“ fragte er eine der Wachen, als sie endlich an die Stelle gelangten, wo der Gang zu Ende war.
„Kommt nur. Ich weiß aber nicht, ob man euch in das Gefängnis selbst hineinlassen wird! Jan ist jetzt nicht mehr da, statt seiner steht ein anderer Wache,“ antwortete ein Wachtposten.
„Oh oh,“ sagte der Jude leise, „das ist schlimm, werter Herr!“
„Schnell, führ mich weiter,“ sprach Taraß hartnäckig. Der Jude gehorchte.
An der Tür eines unterirdischen Gewölbes, das oben scheinbar spitz zulief, stand ein Heiduck mit einem dreistöckigen Schnurrbart. Der eine Teil des Bartes war nach hinten gebürstet, der andere nach vorn, und der dritte hing ihm nach unten herab, sodaß der Mann aussah wie ein Kater.
Der Jude schrumpfte völlig zusammen und beugte sich fast bis zum Erdboden herab. Endlich näherte er sich ihm von der Seite. „Euer Gnaden, allerdurchlauchtigster Herr!“
„Zu dir, allerdurchlauchtigster Herr!“
„Hm ... ich bin aber doch nur ein einfacher Heiduck!“ sagte der Schnurrbartgewaltige und sein ganzes Gesicht strahlte von Eitelkeit.
„Ich dachte, bei Gott, du seist der erhabene Wojewode selbst! Oh oh oh.“ Bei diesen Worten schüttelte der Jude den Kopf und spreizte die Finger. „Oh oh, wie würdig und vornehm der Herr aussehen. Bei Gott — ein Oberst, wie ein richtiger Oberst! Nur noch ein Tröpfchen, und nichts fehlte zu einem Oberst! Der Herr müßte auf einem Pferde sitzen, so schnell, wie eine Fliege, und Parade abhalten über alle Regimenter!“
Der Heiduck brachte den untern Teil seines Bartes in Ordnung, und seine Augen strahlten vor Vergnügen.
„Nein, was sind die Soldaten doch für ein Volk,“ fuhr der Jude fort. „O weh mir, was für ein prächtiges Volk! Schnüre, Tressen, das glänzt ordentlich wie die Sonne! Und die Fräulein, die die Herren Soldaten sehen — oh oh ...“ Und der Jude schüttelte wieder den Kopf.
Der Heiduck strich sich mit der Hand über den oberen Teil des Bartes und gab hierbei einen Laut von sich, der dem Wiehern eines Pferdes glich.
„Darf ich den Herrn untertänigst um eine Freundlichkeit bitten?“ bat der Jude, „der Fürst hier ist aus fremden Landen gekommen; er möchte sich die Kosaken ansehen. Hat er doch in seinem Leben nicht gesehen, was für ein Volk die Kosaken sind!“
Die Besuche ausländischer Grafen und Barone kamen in Polen ziemlich häufig vor; oft führte sie nichts hin als die bloße Neugierde, sich diesen halbasiatischen Winkel Europas anzusehen. Moskau und die Ukraine galt ihnen schon für Asien. Der Heiduck hielt es daher nach einer ziemlich tiefen Verbeugung für nötig, von sich aus noch ein paar Worte hinzuzufügen.
„Ich weiß nicht,“ sagte er, „warum Euer Durchlaucht sie sich ansehen wollen. Das sind ja Hunde und keine Menschen. Und einen Glauben haben sie, den achtet niemand!“
„Das lügst du, Teufelsbrut,“ rief Bulba. „Du selbst bist ein Hund! Wie wagst du, zu sagen, daß man unsern Glauben nicht achtet! Euren ketzerischen Glauben, den verabscheut jeder Rechtgläubige!“
„Aha steht es so!“ rief der Heiduck, „jetzt weiß ich, wer du bist, mein Freund! Du gehörst wohl selbst zu diesen, die hier festsitzen. Warte mal, ich will mal unsere Leute herbeirufen!“
Taraß sah ein, wie unvorsichtig er gewesen war, aber Trotz und Wut hinderten ihn, darüber nachzudenken, wie er es wieder gut machen sollte. Glücklicherweise griff Jankel sofort ein.
„Allerdurchlauchtigster Herr! Wie sollte es möglich sein, daß der Herr ist ein Kosak! Und wenn er ein Kosak wäre, wie käme er zu einer solchen Kleidung und zu einem so gräflichen Aussehen!“
„Lüg dir doch selbst was vor!“ Der Heiduck wollte schon seinen riesigen Mund öffnen, um Lärm zu machen.
„Eure königliche Hoheit! Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich um Gottes willen!“ schrie Jankel. „Wir werden Ihnen so viel geben, wie Sie noch nie gesehen haben: wir werden Ihnen zwei goldene Dukaten geben!“
„He, wie? — zwei Dukaten! Aus zwei Dukaten mache ich mir garnichts, die gebe ich dem Barbier, wenn er mir die Hälfte meines Bartes rasiert hat. Hundert Dukaten, Jude!“ Hier drehte der Heiduck seinen Schnurrbart ... „Wenn du mir nicht sofort hundert Dukaten gibst, so schrei ich sofort los!“
„Warum soviel,“ rief der Jude, der ganz kreidebleich geworden war, jammernd und öffnete einen ledernen Säckel: er war aber doch glücklich, daß nicht mehr darin war, und daß der Heiduck nicht weiter als bis hundert zählen konnte.
„Herr, lassen Sie uns schnell fortgehen. Sie sehen doch, was das hier für schlechte Menschen sind!“ sagte Jankel, als er bemerkte, daß der Heiduck das Geld nachzählte, als ob es ihm leid täte, nicht mehr gefordert zu haben.
„Nun, du Satansheiduck?“ rief Bulba. „Das Geld hast du genommen, aber du denkst nicht daran, uns den Gefangenen zu zeigen? Nun, jetzt mußt du ihn uns zeigen! du hast das Geld angenommen, und darum hast Du kein Recht uns abzuweisen!“
„Fort mit euch, geht zum Teufel! Sonst melde ich es sofort! Und man wird euch gleich ... Ich will euch Beine machen, sage ich euch!“
„Herr. Herr, kommt schnell, bei Gott, kommt! Hol sie der Teufel! Gott schicke ihm einen Traum, daß ihm übel wird!“ schrie der arme Jankel.
Bulba wandte sich langsam um und schritt mit gesenktem Kopfe zurück, wobei ihn Jankel mit Vorwürfen überhäufte, der sich über die nutzlos weggeworfenen hundert Dukaten fast zu Tode ärgerte.
„Wozu mußtet Ihr ihn denn reizen! Hättet Ihr doch den Hund ruhig schimpfen lassen! Das ist doch nun mal so ein Volk, die müssen immer schimpfen. O weh mir, was für ein Glück hat Gott diesen Menschen geschickt! Hundert Dukaten dafür, daß er uns fortjagt; Unsereinem dagegen reißt man die Locken ab, man richtet ihm das Gesicht zu, daß man es gar nicht mehr anschauen mag — und kein Mensch gibt ihm hundert Dukaten! O mein Gott! Barmherziger Gott!“
Dieser Mißerfolg hatte jedoch einen noch tieferen Eindruck auf Bulba gemacht: eine verzehrende Flamme glühte in seinen Augen.
„Vorwärts“, sagte Bulba plötzlich, wie aus einem Traum erwachend, „komm, wir wollen auf den Platz gehen. Ich will sehen, wie man ihn foltern wird.“
„O weh, gnädiger Herr, wozu sollen wir hingehen, wir können ihm ja doch nicht mehr helfen.“
„Komm,“ sagte Bulba eigensinnig, und der Jude folgte ihm seufzend, wie eine Kinderfrau.
Es war nicht schwer, den Platz aufzufinden, wo die Hinrichtung stattfinden sollte: denn das Volk strömte von allen Seiten dorthin. In jenen barbarischen Zeiten war das nicht nur für den Pöbel, sondern auch für die höheren Kreise eins der beliebtesten Schauspiele. Viele fromme alte Weiber, eine Unzahl scheuer und ängstlicher junger Mädchen und Frauen, die nachher die ganze Nacht von blutigen Leichen träumten und im Schlafe so laut aufschrien, wie das nur noch ein betrunkener Husar vermag, ließen keine Gelegenheit vorüber, sich das Schauspiel anzusehen. „O welch entsetzliche Qualen,“ schrien manche in hysterischer, fieberhafter Erregung, hielten sich die Hände vor die Augen und wandten sich ab, verharrten aber trotzdem lange auf ihrem Platze. Viele standen mit weitgeöffnetemMunde da, streckten die Arme aus und wären den vor ihnen Stehenden am liebsten auf den Kopf gesprungen, um besser sehen zu können. Aus der Menge der kleinen, schmalen und gewöhnlichen Köpfe ragte hin und wieder das dicke Gesicht eines Schlächters hervor: er sah sich den Vorgang mit Kennermienen an und unterhielt sich in einsilbigen Worten mit einem Waffenschmied, den er Gevatter nannte, weil er sich an Feiertagen mit ihm zusammen in der gleichen Schenke zu betrinken pflegte. Wieder andere erörterten das Ereignis mit großer Erregung und Leidenschaftlichkeit; eine dritte Partei ging sogar Wetten ein. Die meisten der Anwesenden jedoch gehörten zu jener Gattung, die die ganze Welt und alles, was darin vorgeht gleichgültig ansehen und dabei den Finger in die Nase stecken. In der ersten Reihe, neben den mit mächtigen Schnauzbärten gezierten Heiducken, die die Stadtwache bildeten, stand ein junger Edelmann (er sah wenigstens so aus) — in ritterlicher Tracht; er hatte sich mit allem behängt, was er besaß, so daß nur noch ein zerrissenes Hemd und ein Paar alte Stiefel in seiner Wohnung zurückgeblieben waren. Um seinen Hals hatte er zwei Ketten geschlungen, eine über die andre, an denen je ein Dukaten hing. So stand er mit seiner Geliebten Jusysja da und sah sich fortwährend um, damit nur ja niemand ihr seidenes Kleid beschmutzte. Er hatte ihr bereits alles erklärt, so daß gar nichts mehr hinzuzufügen blieb. „Sieh, geliebte Jusysja,“ sagte er „dies ganze Volk, das Du hier siehst, ist hierhergekommen, um zu sehen, wie man die Verbrecher hinrichten wird. Der da, mit dem Beil und den andern Werkzeugen in der Hand, den, den du dort siehst, Liebchen: das ist der Henker, der wird das Urteil vollstrecken. Solange er den Verbrecher rädert und noch auf andere Weise martert, ist der immer noch am Leben; schlägt er ihm aber den Kopf ab, dann ist es aus mit ihm, Liebste. Zuerst wird er natürlich schreien und sich winden — wenn man ihm aber den Kopf abgeschlagen hat, dann kann er nicht mehr schreien, und nicht mehr essen, noch trinken, denn er hat ja keinen Kopf mehr, Liebchen!“ Und Jusysja hörte das alles voller Schrecken und Neugier an. Die Dächer der Häuser waren von einer großen Menschenmenge bedeckt. Aus kleinen Luken blickten merkwürdige Gesichter, mit Schnurrbärten und haubenartigen Kopfbedeckungen hervor. Auf den Balkonen saßen die Edelleute unter Baldachinen. Das schöne Händchen eines lachenden Fräuleins mit einem Gesichtchen, das wie Milchzucker glänzte, lag lässig auf dem Rand des Geländers. Edle Herren von ansehnlicher Beleibtheit blickten mit ernster Miene von oben herab. Ein Leibeigener in kostbarer Tracht und mit zurückgeschlagenen Ärmeln reichte allerhand Speisen und Getränke herum. Bisweilen warf ein mutwilliges Mädchen mit schwarzen Augen und weißen glänzenden Händchen Kuchen und Früchte unter die Menge. Eine Schar hungriger Ritter hielt um die Wette ihre Mützen hin, und ein hagerer Edelmann, der mit seinem Kopfe weit über alles Volk hinausragte und einen verblichenen roten Rock mit nachgedunkelten goldenen Schnüren trug, fing die süße Beute mit seinen langen Armen zuerst auf, küßte sie, drückte sie ans Herz und ließ sie dann im Munde verschwinden. Auch ein Falke, der in einem goldenen Käfig unter dem Balkon hing, gehörte zu den Zuschauern; er saß mit zur Seite gebogenem Schnabel und ausgestreckter Kralle da und beobachtete seinerseits das Volk voller Aufmerksamkeit. Plötzlich begann die Menge unruhig zu werden und zu lärmen, und man schrie von allen Seiten: „sie kommen, sie kommen, die Kosaken kommen!“
Diese kamen mit entblößten Häuptern und ihren langen Mähnen herangeschritten; auch ihre Bärte waren lang und ungepflegt. Ihr Gang war weder ängstlich noch bekümmert; stumm und stolz schritten sie daher. Das kostbare Tuch ihrer Kleider war verschlissen und hing in Fetzen an ihnen herab: sie beachteten das Volk nicht und gönnten ihm keinen Gruß. Allen voran schritt Ostap.
Was mochte der alte Taraß empfinden, als er seinen Sohn erblickte? Was ging wohl in seiner Seele vor? Er sah aus der Menge nach ihm hin, und keine seiner Bewegungen ging ihm verloren. Die Kosaken hatten den Richtplatz betreten. Ostap blieb stehen. Er sollte den bitteren Kelch als erster leeren. Er sah die Seinen an, hob die Arme empor und sprach laut: „Gebe Gott, daß alle Ketzer, die hier stehen, nichts davon vornehmen, wie ein Christ leidet, und daß keiner einen Laut von sich gebe!“ Dann beschritt er das Schafott. „Brav, mein Sohn, brav,“ sagte Bulba leise und ließ seinen grauen Kopf tief hinabsinken.
Der Henker riß Ostap die alten Lumpen herunter, Hände und Füße wurden in ein eigens zu diesem Zwecke angefertigtes Gestell gesteckt und ... Aber wozu sollen wir den Leser mit der Beschreibung all der höllischen Qualen erschüttern, bei denen einem jeden die Haare zu Berge stehen müssen. Das waren die Ausgeburten jenes rohen barbarischen Zeitalters, da der Mensch sein Leben nur in blutigen Kämpfen hinbrachte und seine Seele gegen alle menschlichen Gefühle abhärtete. Vergebens kämpften einzelne Menschen, die in jener Zeit nur seltene Ausnahme bildeten, gegen diese entsetzlichen Schauspiele. Vergebens wiesen geistig hochbegabte und aufgeklärte Könige und viele Ritter darauf hin, daß solch grausame Strafen den Rachedurst der Kosaken nur noch mehr entflammen müßten. Aber die Macht des Königs und die vernünftigen Erwägungen waren ohnmächtig gegenüber der Zügellosigkeit und frechen Willkür der Magnaten, die durch ihre Unüberlegtheit, ihren unbegreiflichen Mangel jeglichen Weitblicks und durch ihren kindischen Ehrgeiz und kleinlichen Stolz den Reichstag zu einer Satire auf die Regierung herabgewürdigt hatten. Ostap ertrug die Qualen und Foltern wie ein Held. Als man ihm die Gelenke an Händen und Füßen zerbrach, hörte man ihm nicht einmal einen Schrei oder einen Seufzer entfahren, und selbst als inmitten der totenstillen Menge das entsetzliche Krachen der Knochen auch dem entferntesten Zuschauer hörbar wurde, und die jungen Fräuleins ihre Augen abwandten — selbst da entwich seinen Lippen kein Klagelaut, und zuckte keine Miene in seinem Gesicht. Taraß stand mit gesenktem Haupte in der Menge, aber seine Augen blickten stolz, und er murmelte beifällig: „Bravo, mein Sohn, bravo.“
Als man jedoch zu den letzten tödlichen Martern schritt, da schien es, als ob Ostap seine Selbstbeherrschung verlassen wollte. Er sah sich rings um: Gott! Lauter fremde, unbekannte Gesichter! O wäre doch nur einer, der ihm nahestand, bei seinem Tode zugegen gewesen. Es war nicht das Schluchzen und Klagen der schwachen Mutter, oder das irrsinnige Jammern der Gattin, die sich die Haare zerrauft und gegen den weißen Busen schlägt, was ihn zu hören verlangte, wohl aber hätte er jetzt einen starken Mann sehen mögen, der ihn vor seinem Ende mit einem klugen Wort erfrischen und trösten konnte. Seine Kraft verließ ihn und in furchtbarer Seelenqual schrie er auf: „Vater, wo bist du? Hörst du das alles nicht?“
„Ich höre es,“ klang es plötzlich durch die allgemeine Stille, und ein Zittern ging plötzlich durch die millionenstarke Menge. Ein Teil der bewaffneten Reiter stürzte sich sofort mitten unter sie, um sie zu durchsuchen. Jankel war bleich geworden wie der Tod; als sich die Reiter ein wenig von ihm entfernt hatten, wandte er sich voller Schrecken um, um Taraß zu suchen; allein dieser stand schon nicht mehr neben ihm und war spurlos verschwunden.
Zwölftes Kapitel
Taraß ließ bald wieder von sich hören. Ein Heer von hundertzwanzigtausend Kosaken erschien an den Grenzen der Ukraine. Das war nicht mehr ein Häuflein oder eine kleine Schar, die auf Raub ausging oder die den Tataren nachsetzen wollte. Nein, die ganze Nation hatte sich erhoben, denn die Geduld des Volkes war endlich erschöpft — sie hatte sich erhoben, um sich für die Verhöhnung ihrer Rechte, den erniedrigenden Schimpf, der ihren Sitten angetan war, die Verletzung des Glaubens ihrer Vorfahren und ihrer heiligen Gebräuche, für die Schändung der Kirchen, die Willkür der ausländischen Herren, die Unterdrückung, die Union und die verhaßte Herrschaft der Juden in christlichen Landen, kurz, um sich für alles zu rächen, was den leidenschaftlichen Haß der Kosaken hervorgerufen und gesteigert hatte. An der Spitze dieses unübersehbaren Kosakenheeres stand der junge aber kluge und mutige Hetman Ostraniza, und ihm zur Seite sein altersgrauer und kampferprobter Waffenbruder und Berater Gunja. Acht Hauptleute führten ebensoviel Scharen von je zwölftausend Kosaken. Zwei Anführer und ein Unterfeldherr bildeten das unmittelbare Gefolge des Hetmans. Der erste Fahnenträger ritt mit dem großen Banner allen voran; und noch zahllose andere Fahnen und Feldzeichen sah man in der Ferne flattern. Die Anführer trugen alle ihre Hetmansstäbe. Außerdem befanden sich im Heere noch eine große Reihe anderer Würdenträger, als da sind: Proviantmeister, Stabsoffiziere, Heerschreiber &c., die von Berittenen und Fußvolk begleitet wurden. Die Zahl der Freiwilligen war fast ebenso groß, wie die der Kriegspflichtigen. Von allen Seiten waren die Kosaken zusammengeströmt: aus Tschigirin, Perejaßlaw, aus Baturin und Gluchow, von dem unteren Laufe des Dnjepr, von seinem ganzen Oberlauf und von all seinen Inseln. Zahllose Roßherden und Wagenreihen zogen über die Felder dahin. Aber unter den vielen Kosaken, unter diesen acht Abteilungen war eine, die vor allen ausgezeichnet war, das war die, an deren Spitze Taraß Bulba stand. Alles kam zusammen, um ihm ein gewaltiges Übergewicht über seine Genossen zu geben: sein vorgerücktes Alter, seine Erfahrung, seine Kunst, ein so großes Heer zu befehligen, und vor allem sein furchtbarer Haß gegen die Feinde. Selbst den Kosaken erschien seine furchtbare Wildheit und unbarmherzige Grausamkeit fast übertrieben. Sein ergrauter Kopf träumte von nichts anderen, als von Galgen und Feuer, und im Kriegsrate verbreitete sein Wort Schrecken und Vernichtung.
Es wäre zwecklos, all die Schlachten, in denen sich die Kosaken auszeichneten oder den ganzen Verlauf dieses Feldzuges zu beschreiben, all dieses ist in den Büchern der Geschichte aufgezeichnet. Man weiß, wie man in russischen Landen einen Krieg für den Glauben führt: es gibt keine furchtbarere Kraft als den Glauben. Er ist unüberwindlich und schrecklich wie ein Felsen, der nicht von Menschenhand geschaffen ist und der von dem wilden ewig wechselnden Meere umbraust wird: aus der tiefsten Tiefe des Meeresgrundes erhebt er seine unerschütterlichen, aus einem einzigen Stücke geschaffenen Mauern bis in den Himmel empor. Er ist von allen Seiten sichtbar und blickt aufrecht auf die vorbeieilenden Wogen herab. Und wehe dem Schiff, das zu ihm hingetrieben wird. Seine kraftlosen Masten und Segel reißen in Stücke. Mann und Maus geht unter, und das Jammergeschrei der Ertrinkenden erfüllt ringsum die Luft.
Es ist in den Chroniken ausführlich beschrieben, wie die polnischen Besatzungen aus den erschrockenen Städten flohen, wie die gewissenlosen jüdischen Pächter, einer nach dem andern, aufgeknüpft wurden, wie wehrlos der königliche Hetman Nikolaus Potozki mit seinem großen Heere dieser unüberwindlichen Macht gegenüberstand, wie er geschlagen und verfolgt wurde und wie er die bessere Hälfte seines Heeres in einem kleinen Flüßchen untergehen ließ; wie die furchtbaren Kosakenhorden ihn in das Städtchen Polomo einschlossen, und wie der bis zum Äußersten getriebene polnische Hetman ihnen mit einem feierlichen Eid im Namen des Königs und aller Magnaten vollständige Genugtuung und die Wiederherstellung aller früherer Rechte und Privilegien versprach. Aber die Kosaken waren nicht gesinnt, sich damit zu begnügen: wußten sie doch, welch einen Wert ein polnischer Eid hatte. Und Potozki hätte nicht mehr auf seinem schmucken Renner, der wohl sechstausend Gulden wert war, die Blicke der Edeldamen und den Neid des Adels auf sich lenken, nicht mehr im Reichstag lärmen und keine glänzenden Gastmähler zu Ehren der Senatoren geben können, wenn ihn die russische Geistlichkeit, die sich im Städtchen befand, nicht gerettet hätte. Als nämlich alle Polen in ihren glänzenden, goldgestickten Meßgewändern, mit Heiligenbildern und Kreuzen in den Händen und allen voran der Erzbischof mit Kreuz und Mitra ihnen entgegenkamen, da senkten die Kosaken ihre Häupter und nahmen die Mützen ab. In jenem Augenblick hätten sie wohl niemandem Achtung erwiesen, selbst dem König nicht — aber gegen ihre Kirche erdreisteten sie sich nicht, sich aufzulehnen, und daher begrüßten sie ihre Geistlichkeit ehrfürchtig. Der Hetman wie die Hauptleute erklärten sich bereit, Potozki freizugeben, doch ließen sie ihn vorher einen Schwur leisten, daß er alle christlichen Kirchen in Ruhe lassen, der alten Feindschaft entsagen und dem Kosakentum keinen Schimpf und Schaden mehr zufügen werde. Nur einer der Hauptleute wollte diesen Friedensschluß nicht mitmachen: dieser eine war Taraß. Er riß sich ein Büschel Haare aus und rief:
„He, du Hetman und ihr Hauptleute! macht doch keine solchen Weibergeschäfte! Traut den Polen nicht: sie werden euch ja doch verraten!“ Und als der Heerschreiber den Vertrag vorlegte, und der Hetman ihn mit seiner mächtigen Faust unterzeichnete, da zog Taraß seine herrliche Klinge, den kostbaren türkischen Säbel von feinstem Stahl, zerbrach ihn in zwei Stücke wie einen Stab, warf sie weit weg, nach verschiedenen Richtungen und rief: „So lebt denn wohl! So wenig wie diese beiden Enden sich je zu einem Säbel vereinigen werden, werden auch wir uns in dieser Welt noch einmal wiedersehen, Kameraden! Seid meiner Abschiedsworte eingedenk!“ (Hier wurde seine Stimme lauter, sie erhob sich gewaltig, und eine ungewohnte Macht ging von ihr aus, so daß alle über diese propethischen Worte in Verwirrung gerieten.) „In Eurer Todesstunde werdet ihr meiner gedenken! Ihr glaubt, daß ihr euch nun Ruhe und Frieden erkauft habt, ihr glaubt, daß ihr jetzt wie die Herren leben werdet? Das kann ein rechtes Herrenleben werden! Die Haut wird man dir vom Kopfe ziehen, Hetman, man wird sie mit Buchweizenspreu ausstopfen und sie auf allen Märkten herumschleppen und ausstellen! Und auch ihr, werte Herren, werdet eure Köpfe nicht behalten! In feuchten Kellern, zwischen steinernen Mauern eingepfercht, werdet ihr elend verrecken — wenn man euch nicht etwa lebendig röstet wie Hammel in glühenden Kesseln.“
„Doch ihr, Kameraden,“ fuhr er fort, indem er sich an seine Leute wandte, „wer von euch will einen Tod sterben, wie er selbst ihn sich wünscht, — nicht hinter dem Ofen und an der Seite seines Weibes, nicht trunken hinterm Zaun neben irgend einer Schenke, wie ein stinkendes Aas, — sondern einen ehrlichen Kosakentod, zusammen mit allen, auf einem Lager, wie Braut und Bräutigam? Oder wollt ihr vielleicht nach Hause zurückkehren, eurem Glauben abschwören und die polnischen Priester auf eurem Rücken schleppen.“
„Führe du uns Hauptmann, führe uns, Herr,“ riefen alle die zu seiner Abteilung gehörten, und noch viele andere schlossen sich ihnen an.
„Nun also denn, vorwärts“ rief Taraß, drückte seine Mütze noch kühner in die Stirn, warf den Zurückbleibenden einen verächtlichen Blick zu, richtete sich auf seinem Rosse hoch auf und rief den Seinen zu: „Niemand wage es, uns zu beschimpfen! Auf Freunde, jetzt wollen wir diesen Katholiken einmal einen Besuch abstatten!“ Damit gab er seinem Pferd einen Schlag und stürmte davon, und ein ganzer Zug von hundert Wagen, dem sich viele Kosaken zu Fuß und zu Pferde anschlossen, folgte ihm. Taraß wandte sich um und warf den Zurückbleibenden noch einen drohenden Blick zu — seine Augen sprühten vor Zorn. Niemand wagte es, sie zurückzuhalten. Die Abteilung zog Angesichts des ganzen Heeres ab, und noch viele Male drehte sich Taraß nach ihm um, und blitzte sie zornig an.
Der Hetman und die Kosaken blieben zurück; sie versanken in Gedanken und schwiegen lange Zeit, wie wenn eine schwere Vorahnung sie bedrückte. Taraß hatte die Wahrheit gesagt. Es kam ganz so, wie er es vorausgesehen hatte. Kurze Zeit darauf, nach dem Verrat von Kanewo, ward der Kopf des Hauptmanns und mit ihm der vieler vornehmer Würdenträger, auf einen Pfahl gesteckt und öffentlich zur Schau gestellt.
Was aber geschah mit Taraß? Er stürmte mit seinen Leuten durch ganz Polen, brannte achtzig Städtchen und ungefähr vierzig Kirchen nieder und rückte schon gegen Krakau vor. So manchen Edelmann hatte er schon niedergemacht und die reichsten und schönsten Schlösser geplündert. Die Kosaken öffneten die Wein- und Metfässer, welche Jahrhundertelang im Keller der polnischen Herren gelagert hatten, und ließen den köstlichen Wein auf den Boden laufen, schnitten die kostbaren Stoffe in Stücke und verbrannten die Gewänder und Zierrate, die sich in den Kammern befanden. „Schont mir nur nichts,“ wiederholte Taraß fortwährend, und die Kosaken schonten selbst die schwarzäugigen Fräulein mit dem weißen Busen und den lieblichen Gesichtchen nicht, nicht einmal vor den Altären fanden sie Schutz vor ihnen: Taraß ließ sie mitsamt den Altären verbrennen. Manch schneeweiße Hand hob sich flehend aus der feurigen Glut zum Himmel: bei ihrem jämmerlichen Geschrei hätte die Erde selbst sich erweicht, und das Gras der Steppe hätte sich mitleidig zu Boden geneigt. Aber die grausamen Kosaken achteten auf nichts, sie spießten auf den Straßen die Säuglinge auf ihre Lanzen und schleuderten sie ihnen in die Flammen nach. „Da ihr verdammten Polen, das ist die Totenfeier für Ostap,“ wiederholte Taraß beständig. Und solche Totenfeiern für Ostap veranstaltete er in jedem Dorfe, bis die polnische Regierung endlich erkannte, das Taraß’ Toben mehr bedeute als ein einfaches Rauben, sie erteilte daher Potozki den Auftrag, mit fünf Regimentern auszuziehen, um Taraß unverzüglich zu fangen.
Sechs Tage lang entzogen sich die Kosaken auf allerhand Feldwegen der Verfolgung, die Pferde vermochten die ungewohnte schnelle Flucht kaum zu ertragen und retteten nur mit Mühe die Kosaken. Potozki erwies sich jedoch diesmal des ihm gegebenen Auftrags gewachsen: unermüdlich verfolgte er sie und erreichte sie endlich am Ufer des Dnjestr, wo Bulba eine zerfallene und verlassene Festung bezogen hatte, um dort Rast zu halten.
Diese Festung stand dicht an den steilen Ufern des Dnjestr, die Wälle waren niedergerissen, die Mauern waren zerfallen, und die Spitze des Felsens, die jeden Augenblick zusammenzustürzen und herabzufallen drohte, war über und über mit zerbrochenen Kiesel- und Felssteinen bedeckt. Hier war es, wo der königliche Hetman Potozki die Kosaken von drei Seiten, die mit dem offnen Feld in Verbindung standen, umzingelte. Vier Tage lang kämpften und verteidigten sie sich, indem sie Felsen und Ziegelsteine auf die Polen herabschleuderten, aber als die Vorräte und Kräfte zu Ende waren, faßte Taraß den Entschluß, sich durch die feindlichen Reihen hindurchzuschlagen. Der Versuch wäre beinahe gelungen — schon hatten die Kosaken die feindliche Schlachtordnung durchbrochen, und vielleicht hätten ihnen ihre schnellfüßigen Rosse noch einmal einen treuen Dienst geleistet, — da hielt Taraß plötzlich mitten im vollen Lauf inne und rief aus: „Halt, ich habe meine Pfeife und meinen Tabak verloren! Ich will nicht, daß die verfluchten Polen auch nur meine Pfeife in die Hände bekommen!“ Und der alte Hauptmann bückte sich und begann im Grase nach seiner Pfeife zu suchen, die immerdar — zu Wasser und zu Lande, im Feldzug und daheim, seine treue Begleiterin gewesen war. Inzwischen war jedoch ein Trupp Polen herbeigesprengt, und plötzlich packten ihn ein paar Leute bei den kräftigen Schultern. Er suchte sie mit aller Macht abzuschütteln, aber diesmal fielen die Heiducken nicht wie ehemals von ihren Rossen herunter. „Ach ja, man wird alt,“ sagte er, und der schwere, alte Kosak begann bitterlich zu weinen, doch es war nicht das Alter, das an seiner Niederlage schuld war: er war der Übermacht erlegen, denn mehr als dreißig Mann hielten seine Hände und Füße umklammert.
„Endlich haben wir dich, alte Krähe!“ schrieen die Polen, „jetzt müssen wir es uns nur noch überlegen, du Hund, wie wir dich am besten ehren!“ Mit Zustimmung des Hetmans wurde er dazu verurteilt, angesichts des Heeres, lebendig verbrannt zu werden. Ganz in der Nähe befand sich ein kahler Baumstamm, dessen Spitze vom Blitze zerstört war. Taraß wurde in eiserne Ketten geschlossen, zum Baume geschleppt und an den Stamm gefesselt; man erhob ihn so hoch wie möglich über den Erdboden, damit man ihn von allen Seiten sehen konnte, nagelte seine Hände fest und schichtete einen Scheiterhaufen unter dem Baume auf. Aber Taraß blickte nicht auf den Scheiterhaufen; er dachte nicht an das Feuer, das ihn verzehren sollte, er sah dorthin, wo die Gewehre knatterten und die Kosaken sich ihrer Feinde zu erwehren suchten, war doch von seinem erhöhten Platze aus alles zu sehen wie auf der flachen Hand. „Schnell, schnell hinauf, Kameraden,“ schrie er, „besetzt den Hügel hinter dem Walde! Dorthin können sie euch nicht folgen!“ Aber der Wind trug seine Worte nicht bis zu ihnen. „Sie werden umkommen, nutzlos umkommen“ sagte er und blickte verzweifelt nach unten hinab, wo der Dnjestr glänzte. Plötzlich blitzte eine helle Freude in seinen Augen auf. Er hatte hinter einem Busch auf dem Flusse vier Nachen erblickt, und so nahm er denn seine ganze Kraft zusammen und schrie mit lauter Stimme „Ans Ufer, ans Ufer Kameraden! Lauft den kleinen Weg hinunter, den, der zur Linken liegt! Am Ufer liegen Kähne! Bemächtigt euch ihrer sofort, aber aller, hört ihr, damit sie euch nicht verfolgen können!“
Diesmal wehte der Wind von der andern Seite, und den Kosaken entging keins seiner Worte. Aber für seine Warnung erhielt er einen solchen Hieb mit der Keule über den Schädel, daß es ihm dunkel vor den Augen wurde.
Schnell wie der Blitz jagten die Kosaken den Bergsteig hinab, und dicht hinter ihnen die Verfolger. Sie sahen, daß der schmale Pfad sich vielfach hin und her schlängelt und windet und sich seitwärts verzweigt. „Ach Kameraden, es wird uns nicht glücken“ seufzten alle und hielten einen Augenblick inne, dann aber ließen sie ihre Peitschen durch die Luft sausen — ein Pfiff, und im Nu flogen ihre Tatarenpferde über die Erde hin; lang streckten sie sich in der Luft aus gleich einer Schlange, setzten im Sprung über Abgründe und stürzten dann mitten in den Dnjestr hinein. Nur zwei Kosaken vermochten den Fluß nicht mehr zu erreichen: sie fielen samt ihren Pferden auf die Felsen hinab und blieben dort für immer tot liegen, ohne auch nur einen Schrei ausgestoßen zu haben. Die andern aber schwammen bereits mit ihren Pferden im Flusse und banden die Boote los. Verdutzt blieben die Polen vor dem Abgrunde stehen; ganz erstaunt über diese unerhörte Kühnheit der Kosaken und noch im Zweifel ob sie ihnen folgen sollten oder nicht. Nur ein junger Hauptmann, dem das Blut heiß und wild durch die Adern stürmte, ein Bruder der schönen Polin, die den armen Andrij betört hatte, überlegte nicht lange, nahm einen Anlauf und warf sich mit seinem Roß in die Fluten: dreimal überschlug er sich in der Luft mit seinem Pferde und stürzte dann jäh auf die spitzen Felsen herab. Das scharfe Gestein riß seinen Körper in Stücke, der bald im Abgrunde verschwand, und sein mit Blut vermischtes Gehirn spritzte weit über Sträucher, die an den rauhen Felsenklippen des Abhanges wuchsen. Als Taraß sich von dem Schlage erholt hatte, blickte er nach dem Dnjestr hinab, die Kosaken saßen bereits in den Kähnen und ruderten davon; die Kugeln regneten nur so von oben auf sie herab, allein sie trafen niemand, und freudig leuchteten die Augen des alten Hetmans.
„Lebt wohl, Kameraden,“ rief er ihnen von oben zu, „denkt an mich, kommt im nächsten Frühling wieder her und setzt ihnen ordentlich zu. Nun! Was habt ihr erreicht, ihr teuflischen Polen? Glaubt ihr, es gibt etwas auf der Welt, wovor der Kosak sich fürchtet? Wartet nur, es kommt noch einmal der Tag, wo ihr erfahren werdet, was der rechte russische Glaube vermag! Schon jetzt spüren es die fernen und die nahen Völker! Ein Zar wird erstehen aus dem russischen Blute, und es wird keine Macht der Welt geben, die sich ihm nicht unterwerfen müßte!“ Schon züngelte die Glut über den Scheiterhaufen, das Feuer beleckte seine Füße und schlängelte sich in einer mächtigen Flamme am Baume empor. Aber gibt es denn irgendwo in der Welt ein Feuer, gibt es Qualen oder irgend eine Macht, die die Kraft eines Russen zu überwältigen vermöchte?
Ein großer Fluß ist der Dnjestr; er hat viele Buchten, viel dichtes Schilf, viele Sandbänke und gewaltige Untiefen. Es glänzt sein Wasserspiegel; hell klingt das Schreien der Schwäne, und stolz fliegt die Quäker-Ente über ihn dahin; viele Wasserschnepfen, Rebhühner mit roten Kröpfen und noch manch andere Vögel hausen in dem dichten Rohr seiner Ufer. Behend und kraftvoll glitten die Kosaken in ihren zweiruderigen Kähnen dahin, wacker legten sie sich in die Ruder, wichen vorsichtig den Sandbänken aus, scheuchten die ängstlich flatternden Vögel auf und sprachen preisend von ihrem Hauptmann.