16. Auftritt

Dieselben, Uteschitelny und Alexander Michailowitsch Glow, ein junger Mann.

Uteschitelny. Meine Herren, gestatten Sie, daß ich Ihnen vorstelle: Alexander Micháilowitsch Glow, ein vorzüglicher Kamerad. Ich bitte Sie, ihn zu lieben, wie mich selbst!

Schwochnew. Sehr erfreut! (Drückt ihm die Hand.)

Icharew. Ihre Bekanntschaft ist uns ...

Krugel. Gestatten Sie, daß wir Sie gleich umarmen!

Glow. Meine Herren, ich ...

Uteschitelny. Bitte ohne Zeremonien, ganz ohne Zeremonien. Gleichheit ist hier die erste Sache, meine Herren. Glow, du siehst, hier sind alle Kameraden, daher zum Teufel mit aller Etikette. Wollen wir uns gleich „du“ sagen?

Schwochnew. Jawohl, „du“.

Glow. Ja „du“. (Reicht ihnen allen die Hand.)

Uteschitelny. So, bravo! Kellner, Champagner! Bemerken Sie, meine Herren, wie er schon heute etwas vom Husaren an sich hat. Nein, dein Vater, gestatte bitte das harte Wort, ist ein großes Viech. Du mußt schon verzeihen, wir sind ja auf „du“. Wie konnte er nur so einen famosen Kerl in den Tintendienst stecken wollen! Nun, Bruder, findet die Hochzeit deiner Schwester bald statt?

Glow. Hol’s der Teufel mit der Hochzeit! Ich bin furchtbar ärgerlich, daß der Vater mich deswegen drei Monate auf dem Dorfe festgehalten hat!

Uteschitelny. Hör mal, ist deine Schwester hübsch?

Glow. So hübsch ... Wenn sie nicht meine Schwester wäre, dann würde ich’s ihr schon zeigen.

Uteschitelny. Bravo, bravo, Husar, da sieht man gleich den Husaren! Nun hör mal, würdest du mir helfen, wenn ich sie entführen wollte?

Glow. Warum denn nicht? Gewiß würde ich dir helfen.

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist ein richtiger Husar, zum Teufel! Kellner, Champagner! Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzigen Menschen habe ich gern! Warte mal, meine Seele, laß dich umarmen!

Schwochnew. Laß mich ihn auch umarmen. (Umarmt ihn.)

Icharew. Auch ich! (Umarmt ihn.)

Krugel. Nun, wenn’s so ist, dann werde auch ich ihn umarmen. (Umarmt ihn. Alexej bringt eine Flasche, den Korken mit den Fingern festhaltend, der knallend an die Decke fliegt. Er füllt die Gläser.)

Uteschitelny. Meine Herren, auf das Wohl des künftigen Husaren! Möge er der erste Haudegen, der erste Kurschneider, der erste Säufer, kurz, möge er alles mögliche werden!

Alle. Möge er alles mögliche werden! (Trinken.)

Glow. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Erhebt das Glas.)

Alle. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Trinken.)

Uteschitelny. Meine Herren, man muß ihn jetzt schon in alle Husarenbräuche einweihen. Wie Sie sehen, trinkt er schon leidlich gut, aber das ist ja ’ne Kleinigkeit. Man muß dazu auch noch ein rechter Kartenspieler werden. Spielst du Bank?

Glow. Ich möchte schon recht gerne spielen, ich möchte furchtbar gern, aber ich habe kein Geld.

Uteschitelny. Das ist Unsinn, kein Geld! Man braucht nur etwas zu haben, um sich an den Spieltisch zu setzen, dann kommen die Gelder schon, du wirst ja gewinnen.

Glow. Man muß doch aber was haben, um anzufangen.

Uteschitelny. Ah, wir werden dir’s kreditieren. Du hast ja eine Vollmacht auf die Gelder vom Fiskus. Wir können ja warten. Wenn du sie bekommst, so wirst du uns sofort bezahlen, bis dahin kannst du uns ja einen Wechsel geben. Übrigens, was sage ich da: als ob du unbedingt verlieren müßtest! Du kannst ja sofort einige Tausend in bar gewinnen.

Glow. Wenn ich aber verliere?

Uteschitelny. Schäme dich, was bist du denn für ein Husar! Natürlich, eins von beiden: entweder gewinnst du, oder du verlierst. Aber darin besteht ja die ganze Sache, in dem Risiko liegt ja die Haupttugend. Nicht riskieren kann ja jeder. Aufs Gewisse hin würde auch eine Beamtenseele es wagen und ein Jude eine Festung bestürmen.

Glow. Hol’s der Teufel! Wenn’s so ist, dann spiele ich, was soll ich mir da noch aus dem Vater machen!

Uteschitelny. Bravo, Junker! Kellner! Karten! (Schenkt ihm ein.) Was braucht man denn hauptsächlich? Man braucht Kühnheit, Kraft. Nun gut, meine Herren, ich werde eine kleine Bank von fünfundzwanzig Tausend halten. (Gibt Karten nach rechts und links.) Nun, Husar? Und du, Schwochnew, was setzt du? (Gibt.) Wie sonderbar die Karten fallen! Höchst interessant das zu berechnen! Der Bube ist geschlagen, die Zehn hat gestochen. Was hast du da, sieh mal nach. Auch die Vier hat geschlagen, was? Ah, Husar, Husar! Ist das ein Husar! Bemerkst du, Icharew, wie er schon die Einsätze großartig erhöht? Und das As kommt noch immer nicht heraus. Schwochnew, warum schenkst du ihm nicht ein? Da, da, da ist das As! Da hat Krugel auch schon was geholt, der Deutsche hat immer Schwein! Die Vier hat gewonnen. Ah, bravo, bravo, Husar! Hörst du’s, Schwochnew? Der Husar hat schon beinahe fünftausend gewonnen.

Glow (biegt die Karte um). Hol’s der Teufel! Paroli! Da ist schon wieder die Zehn auf dem Tisch. Die gilt auch, und noch fünfhundert Rubel Einsatz!

Uteschitelny (weitergebend). Ah, bravo, Husar! Die Sieben ist geschla— — ach nein, zum Teufel! Wieder pliez! Wieder pliez! Ah, nun hat der Husar verloren. Na, Liebster, was ist da zu machen? Nicht jeder hat eine Marie zur Frau, das kommt so, wie’s Gott gibt! Krugel, hör doch auf, zu rechnen, setze doch die, welche du gezogen hast. Bravo, da hat der Husar wieder gewonnen. Warum gratuliert ihr ihm nicht? (Alle trinken und gratulieren ihm, indem sie mit den Gläsern anstoßen.) Man sagt, Pique-Dame verrät einen immer, aber ich kann’s nicht behaupten. Erinnerst du dich, Schwochnew? Deine Brünette, die du Pique-Dame genannt hast? Was macht die jetzt, die Liebste? Die ist wohl ganz außer Rand und Band? Krugel, deine ist geschlagen! (Zu Icharew.) Und auch deine ist geschlagen! Schwochnew, deine ist auch geschlagen, der Husar ist auch kaputt.

Glow. Hol’s der Teufel! Va banque!

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist die richtige Husarenschneidigkeit! Weißt du, Schwochnew, daß das eigentliche Gefühl doch stets herauskommt? Bis jetzt sah man immer schon, daß er einmal ein Husar sein wird, nun aber sieht man, daß er auch schon jetzt ein Husar ist. Das ist so die Natur! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. Va banque!

Uteschitelny. Bravo, Husar! Auf alle fünfzigtausend! Das nennt man Seelengröße! Na, such doch mal, wo findest du so einen Zug. Das ist ja eine wahre Heldentat! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!

Uteschitelny. Oho, Husar, auf hunderttausend! Was? Und die Äuglein, die Äuglein! Merkst du’s Schwochnew, wie seine Äuglein brennen? Er hat etwas von einem Barklai de Tolly. Das ist etwas Heroisches! Der König ist noch immer nicht da! Hier hast du die Karo-Dame, Schwochnew. Da, hier, Deutscher, friß die Sieben! Routé, unbedingt routé! Der König scheint gar nicht im Spiel zu sein. Wahrhaftig, das ist sogar sonderbar. Ah, da ist er, da ist er. Wieder ist der Husar geschlagen!

Glow (hitzig). Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!

Uteschitelny. Nein, Bruder, halt! Du hast jetzt schon zweihunderttausend verloren. Erst zahlen, ohne das kann man kein weiteres Spiel anfangen. Soviel können wir dir nicht kreditieren!

Glow. Aber wo soll ich’s denn hernehmen? Ich hab’ ja jetzt kein Geld!

Uteschitelny. So gib uns einen Wechsel! Unterschreibe!

Glow. Bitte, ich bin bereit! (Nimmt die Feder.)

Uteschitelny. Und gib uns auch die Vollmacht auf die Gelder heraus.

Glow. Hier habt ihr auch die Vollmacht!

Uteschitelny. Jetzt unterschreibe dies, und dann auch dies! (Gibt ihm etwas zu unterschreiben.)

Glow. Bitte, ich bin bereit, alles zu tun. Hier habe ich unterschrieben. Jetzt wollen wir weiterspielen.

Uteschitelny. Nein, Liebster, warte, erst mußt du das Geld vorzeigen!

Glow. Ich werd’s euch doch bezahlen, seid nur ganz ruhig!

Uteschitelny. Nein, Bruder, erst das Geld auf den Tisch!

Glow. Was ist denn das? Das ist ja die reinste Niedertracht!

Krugel. Nein, das ist keine Niedertracht.

Icharew. Nein, das ist eine ganz andere Sache, die Chancen sind ja nicht gleich.

Schwochnew. Auf die Weise wirst du dich hinsetzen, um uns das Geld abzugewinnen. Das kennt man: wer sich ohne Geld zum Spiel hinsetzt, der setzt sich hin, um sicher zu gewinnen.

Glow. Was wollt ihr denn? Fordert doch beliebige Zinsen, ich bin zu allem bereit. Ich werde euch doppelt bezahlen!

Uteschitelny. Was machen wir uns aus deinen Zinsen, Liebster? Wir sind selber bereit, beliebige Zinsen zu zahlen, aber borg uns erst Geld.

Glow (verzweifelt und entschlossen). So sagt doch euer letztes Wort: wollt ihr spielen?

Schwochnew. Bring Geld, und wir wollen gleich spielen.

Glow (eine Pistole aus der Tasche herausholend). Nun, dann lebt wohl, meine Herren! Ihr werdet mich auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen! (Schnell ab mit der Pistole.)

Uteschitelny. Du, du, bist du verrückt? Man muß ihm nach! In der Tat, er könnte sich ja noch erschießen! (Schnell ab.)