3. Auftritt
Proletew und Christophor Petrowitsch Burdjukow.
Burdjukow. Bitte entschuldigen Sie die Störung, die ich Ihnen verursache. Allerlei Umstände und Geschäfte haben mich aus unserm Städtchen vertrieben. Ich bin hergekommen, Sie um Ihre persönliche Hilfe und um Ihren Schutz zu bitten.
Proletew (beiseite). Das ist wirklich ein anderer. Aber er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. (Laut.) Was wünschen Sie? Womit kann ich Ihnen dienen?
Burdjukow (zuckt die Achseln). Gott, ein Prozeß. Eine Gerichtssache.
Proletew. Eine Gerichtssache? Gegen wen?
Burdjukow. Gegen meinen eigenen Bruder.
Proletew. Erlauben Sie mir, Sie zuerst um Ihren Namen zu bitten. Und dann setzen Sie mir Ihre Angelegenheit näher auseinander. Wollen Sie bitte Platz nehmen.
Burdjukow. Mein Name ist Burdjukow, Christophor Petrowitsch, und der Prozeß geht gegen meinen leiblichen Bruder, Pawel Petrowitsch Burdjukow.
Proletew. Was sagen Sie? Was? ... Nein!
Burdjukow. Ja, was starren Sie mich so an? Glauben Sie vielleicht, ich bin zu meinem Vergnügen mit der Post aus Tambow hierhergekommen?
Proletew. Gott segne Sie für diese gute Tat! Erlauben Sie mir, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Etwas Gescheiteres hätten Sie sich nie ausdenken können. Nun soll man noch sagen, daß es keine Großmut und keine Gerechtigkeit gibt! Und was wäre das? Hier steht der leibliche Bruder! Durch Blutsbande verbunden — und er hat den Bruder nicht geschont! Ein Prozeß gegen den leiblichen Bruder! Erlauben Sie, daß ich Sie umarme.
Burdjukow. Mit Vergnügen. Ich hätte Sie selbst gern für Ihr Entgegenkommen umarmt. (Sie umarmen sich.) Das muß ich gestehen: vorhin, als ich Ihr Gesicht sah, hätte ich niemals geglaubt, daß Sie ein so vernünftiger Mensch sind!
Proletew. Da haben wir’s! — Wieso denn?
Burdjukow. Wirklich — im Ernst! Gestatten Sie mir eine Frage: Ihre selige Mutter hat wohl einen großen Schreck gehabt, als sie mit Ihnen schwanger ging?
Proletew. Was der für einen Unsinn zusammenschwatzt!
Burdjukow. Wirklich, seien Sie nicht beleidigt, ich werde Ihnen sagen, das kommt sehr oft vor. Bei unserm Vorsitzenden ist die ganze untere Gesichtspartie, ähnlich wie bei einem Schaf, gleichsam abgeplattet und mit Fell bewachsen — ganz wie bei einem Schaf. Und das infolge eines ganz unbedeutenden Umstandes: als die Selige beim Gebären war, da war ein Schaf am Fenster erschienen, und der Böse muß es reiten, daß es zu blöken anfängt!
Proletew. Bitte, lassen wir den Vorsitzenden und das Schaf in Ruh ... Nein, wie ich mich freue!
Burdjukow. Und wie ich mich erst freue, daß ich solch einen Gönner gefunden habe! Erst jetzt, wo ich Sie näher ansehe, finde ich, daß Ihr Gesicht mir bekannt ist: wir hatten in unserm Karabinierregiment einen Leutnant, der Ihnen ähnelte wie ein Tropfen Wasser dem andern. Ein schrecklicher Trunkenbold! Wissen Sie, ich kann Ihnen sagen: kein Tag verging, ohne daß seine Visage ganz zerschlagen war.
Proletew (beiseite). Wie es scheint, hat dieser Dorfbär nicht die Gewohnheit, seine Zunge im Zaum zu halten; aller Unrat, der in seiner Seele sitzt, muß auf die Zunge. (Laut.) Ich habe nicht viel Zeit, bitte, kommen Sie zur Sache.
Burdjukow. Erlauben Sie, aber das läßt sich im Sitzen nicht erzählen. Das ist ein schwieriger Kasus. Haben Sie die Gutsbesitzerin Jewdokia Malafejewna Merinow aus dem Ustjuger Kreise gekannt? Nein? Sie haben Sie nicht gekannt? Schön. Es war meine leibhaftige Tante und auch die dieser Bestie, meines Bruders. Ich und mein Bruder sind ihre nächsten Erben. — Belieben Sie das zu beachten: darum handelt es sich nämlich! Außerdem ist noch eine Schwester da, die den General Polawischtschew geheiratet hat: nun, über die wollen wir kein Wort weiter sagen, die hat ohnedies schon ihr Teil abbekommen. Nun erlauben Sie: da hat sich also dieser Gauner, mein Bruder, — in dieser Beziehung kann der Teufel noch von ihm lernen — an meine Tante herangemacht: „Tantchen, Sie haben Gottseidank schon siebzig Jahre lang gelebt, wozu wollen Sie sich bei einem so hohen Alter noch mit der Wirtschaft abgeben: lassen Sie lieber mich für Sie wirtschaften und für den Unterhalt sorgen.“ Und so geschah es! Merken Sie etwas? Merken Sie etwas? Er siedelte in ihr Haus über, und nun lebt er dort und herrscht dort wie der wirkliche Herr des Hauses. Hören Sie auch zu?
Proletew. Jawohl.
Burdjukow. Also schön. Ja also ... nun wird die Tante krank. Warum? — Gott mag es wissen. Vielleicht hat er selbst ihr etwas eingegeben. Man gibt mir von anderer Seite einen Wink. Merken Sie etwas? Ich komme hin: im Flur begegnet mir diese Bestie, das heißt mein Bruder, ganz in Tränen aufgelöst und wie abwesend, und sagt zu mir: „Nun, Brüderchen,“ sagt er, „nun sind wir für ewig unglücklich: unsere Wohltäterin ...“ „Wie, hat sie ihre Seele Gott überantwortet?“ — „Nein, sie liegt im Sterben.“ Ich trete ein und wirklich: die Tante liegt in den letzten Zügen und rollte nur noch die Augen. Nun, was soll man tun? Weinen? Das hilft ja auch nichts. Das hätte doch nichts geholfen, he?
Proletew. Nein, gar nichts.
Burdjukow. Was ist also zu machen? Nichts ist zu machen! Es war eben Gottes Wille! Ich trete näher heran. „Tantchen,“ sage ich, „wir sind alle sterblich. Unser Leben steht heut wie morgen in Gottes Hand, wie man zu sagen pflegt. Wollen Sie nicht rechtzeitig irgendeine Anordnung treffen?“ Und was tut das Tantchen? Ich sehe, sie kann kaum noch die Zunge bewegen und lallt nur: „Eh, eh, eh!“ Dieser Schuft aber steht neben ihrem Bett und sagt: „Tantchen erklärt hiermit, daß sie ihre Anordnungen schon getroffen hat!“ Hören Sie? Hören Sie?
Proletew. So ein ..! Hatte sie denn wirklich etwas derartiges gesagt?
Burdjukow. I wo, zum Teufel! Sie lallte nur: „Eh, eh, eh!“ Ich dränge also immer mehr. „Gestatten Sie, Tantchen, daß ich erfahre, was das für Anordnungen sind?“ Und was tut das Tantchen? Das Tantchen antwortet wieder nur: „Eh, eh, eh ...“ Jener Schurke aber erklärt wieder: „Tantchen sagt, das sich die betreffenden Anordnungen in ihrem Testament befinden!“ Hören Sie? Hören Sie? Was sollte ich da machen? Ich schwieg und sagte kein Wort!
Proletew. Aber erlauben Sie: warum haben Sie ihn nicht gleich Lügen gestraft?
Burdjukow. Was sollte ich machen? (Gestikuliert mit den Händen.) Er fing an zu schwören, sie hätte das wirklich alles gesagt! Nun — ich mußte ihm glauben!
Proletew. Und hat man das Testament geöffnet?
Burdjukow. Jawohl.
Proletew. Nun, und ..?
Burdjukow. Passen Sie auf: Sobald man nach Christenpflicht alles besorgt hatte, sagte ich, es sei doch jetzt Zeit, sich die letzte Willenserklärung der Seligen anzusehen. Der Bruder konnte kaum antworten: er war so voller Schmerz und Verzweiflung, daß er nur fortwährend weinte. „Nehmen Sie es“, sagte er, „und lesen Sie selbst.“ Die Zeugen versammelten sich, und man las das Testament vor. Nun, und was glauben Sie, steht in dem Testament? Folgendes: „Meinem Neffen Pawel Petrows Sohn Burdjukow“ — passen Sie auf — „hinterlasse ich zur Belohnung für seine kindliche Sorge um mich und für sein stetes Verweilen in meiner Nähe bis zu meinem Tode“ — merken Sie etwas? — „mein ererbtes und wohlerworbenes Gut im Kreise Ustjug,“ — aha, soweit ist es also gekommen! — „fünfhundert Seelen, Mobilien und alles Übrige!“ Nun, haben Sie gehört? „Meiner Nichte Maria Petrowna Powalischtschew, geborene Burdjukow, hinterlasse ich das ihr zukommende Gut von hundert Seelen ... Meinem Neffen“, aha, merken Sie etwas? Da ist die Eiterbeule! „Chrisanphy Petrows Sohn Burdjukow“, passen Sie auf, passen Sie auf, „vermache ich als Erinnerung an mich“, oho! oho! „drei Samtröcke und das ganze Gerümpel, das sich im Speicher befindet, als da sind: zwei Federbetten, das Fayencegeschirr, die Laken und Häubchen ...“ und der Teufel mag wissen, was für Lumpereien noch! Nun? wie gefällt Ihnen das? Ich frage Sie: wozu zum Teufel brauche ich drei Samtröcke?
Proletew. So ein Lump! Ich bitte Sie!
Burdjukow. Eine Schurkerei — das stimmt vollkommen. Ich bin durchaus einer Meinung mit Ihnen, aber ich frage Sie nochmals: wozu brauche ich drei Samtröcke? Was soll ich damit anfangen? Soll ich sie mir über den Kopf ziehen?
Proletew. Und haben die Zeugen unterschrieben?
Burdjukow. Natürlich, er hatte sich schon das rechte Lumpenpack zusammengetrommelt!
Proletew. Und die Selige hatte eigenhändig unterzeichnet?
Burdjukow. Darum handelt es sich ja — sie hat unterzeichnet, aber der Teufel mag wissen wie!
Proletew. Wie?
Burdjukow. Passen Sie auf: die Selige hieß Jewdokia, und sie hat so ein Zeug hingekritzelt, das keiner entziffern kann.
Proletew. Warum nicht?
Burdjukow. Ja das mag der Teufel wissen! Sie hätte doch Jewdokia schreiben müssen — in Wahrheit aber hat sie geschrieben: „Tauche ein!“
Proletew. Was Sie sagen!
Burdjukow. Oh, ich werde Ihnen sagen: der ist zu allem fähig! „Und meinem Neffen Chrisanphy Petrow: drei Samtröcke!“
Proletew (beiseite). Dieser Pawel Petrowitsch Burdjukow ist ein Hauptkerl, nie hätte ich geglaubt, daß er so ein Schlaukopf ist!
Burdjukow (gestikulierend). „Tauche ein!“ Was soll das bedeuten? Das ist doch kein Name: „Tauche ein!“
Proletew. Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?
Burdjukow. Ich habe schon eine Eingabe behufs Kassierung des Testaments eingereicht, weil die Unterschrift falsch ist. Sie sollen mir doch nichts vorlügen: die Selige hieß Jewdokia und nicht „Tauche ein!“
Proletew. Sie haben ganz Recht! Doch erlauben Sie mir jetzt, die Sache in die Hand zu nehmen. Ich werde sofort einen mir bekannten Sekretär benachrichtigen, und Sie stellen mir inzwischen eine Abschrift von Ihrem Testament zu.
Burdjukow. Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet. (Nimmt seinen Hut.) Durch welche Tür geht man hinaus, durch diese oder jene?
Proletew. Bitte durch diese.
Burdjukow. Aha. Ich habe bloß darum gefragt, weil ich noch wegen eines Bedürfnisses wohin muß. Also auf Wiedersehen, Verehrtester! ... Wie heißen Sie doch? ... Ich vergesse es immer.
Proletew. Alexander Iwanowitsch.
Burdjukow. Alexander Iwanowitsch. Alexander Iwanowitsch heißt einer von den Proldiukowskis; kennen Sie ihn?
Proletew. Nein.
Burdjukow. Er wohnt fünf Werst von unserm Gute. Leben Sie wohl!
Proletew. Leben Sie wohl, Verehrtester, leben Sie wohl!