7. Auftritt

Icharew, Gawrjuschka, nachher Alexej.

Icharew. Sie haben nichts Besonderes an sich, wie mir scheint. Übrigens ... Ach, wie möchte ich sie gern rupfen! Lieber Gott, wie möcht’ ich’s so gern! Wenn ich daran denke, wahrhaftig, so kriege ich Herzklopfen! (Nimmt eine Bürste und Seife, setzt sich vor den Spiegel und fängt an, sich zu rasieren.) Die Hand zittert mir, ich kann mich nicht rasieren. (Alexej tritt ein.)

Alexej. Befehlen Sie — etwas zu essen?

Icharew. Gewiß, gewiß, bring etwas Imbiß für vier Personen: Kaviar, Lachs und vier Flaschen Wein, und gib ihm auch zu essen. (Zeigt auf Gawrjuschka.)

Alexej (zu Gawrjuschka). Bitte nach der Küche, da steht für Sie was bereit. (Gawrjuschka ab.)

Icharew (sich rasierend). Hör mal, haben sie dir viel gegeben?

Alexej. Wer denn?

Icharew. Nun, mach keine Faxen, sprich!

Alexej. Jawohl, sie haben mir was für Bedienung geschenkt.

Icharew. Wieviel? Fünfzig Rubel?

Alexej. Jawohl, fünfzig haben sie mir gegeben.

Icharew. Von mir kriegst du nicht fünfzig, sondern — siehst du, dort auf dem Tisch, da liegt ein Hundertrubelschein, nimm ihn dir. Hab keine Angst, er beißt nicht. Von dir wird nichts mehr verlangt, als Ehrlichkeit, verstehst du? Die Karten mögen beim Wachramejkin oder bei einem anderen Kaufmann gekauft werden, das geht mich nichts weiter an. Aber hier hast du als Zugabe noch ein Dutzend Kartenspiele von mir. (Gibt ihm ein versiegeltes Paket.) Hast du verstanden?

Alexej. Was ist denn da nicht zu verstehen? Sie können sich darauf verlassen, das ist schon meine Sache.

Icharew. Und die Karten verstecke ordentlich, daß man sie nicht gewahr wird. (Legt Bürste und Seife weg und trocknet sich das Gesicht mit dem Handtuch ab. Alexej ab.) Das wäre sehr, sehr schön. Ach, ich gestehe, ich möchte sie recht gern hineinlegen.

8. Auftritt

Schwochnew, Krugel und Stepan Iwanowitsch Uteschitelny treten mit Verbeugungen ein.

Icharew (mit einer Verbeugung ihnen entgegenkommend). Bitte um Entschuldigung: das Zimmer ist, wie Sie sehen, nicht besonders schön: im ganzen vier Stühle.

Uteschitelny. Die Freundlichkeiten des Hausherrn sind wertvoller, als alle Bequemlichkeiten.

Schwochnew. Man lebt ja nicht mit dem Zimmer, sondern mit guten Menschen.

Uteschitelny. Die reine Wahrheit. Ich könnte gar nicht ohne Gesellschaft auskommen. (Zu Krugel.) Erinnerst du dich, mein Bester, wie ich hierherkam, mutterseelenallein? Denken Sie sich, nicht einen einzigen Bekannten hatte ich hier. Die Wirtin — eine alte Greisin. Auf der Treppe irgendeine furchtbar häßliche Scheuerfrau. Da sehe ich: um sie herum scharwenzelt ein Infanterist, scheint ganz ausgehungert ... Mit einem Wort — eine tödliche Langeweile! Da plötzlich sendet mir das Schicksal ihn, und nachher führt mich der Zufall mit diesem da zusammen. Nun war ich aber froh! Ich kann keine Stunde ohne Gesellschaft von Freunden auskommen. Alles, was ich auf der Seele habe, bin ich bereit, jedem zu erzählen.

Krugel. Ja, Freundchen, das ist aber auch dein Fehler, und keineswegs eine Tugend. Jedes Zuviel schadet, du bist vermutlich schon mehr als einmal betrogen worden.

Uteschitelny. Jawohl, ich bin betrogen worden und werde noch immer betrogen werden, und doch kann ich ohne Aufrichtigkeit nicht leben.

Krugel. Nun weißt du, ich muß gestehen, das ist mir unbegreiflich! Mit jedem aufrichtig sein! Freundschaft, das ist ganz was anderes.

Uteschitelny. Das schon, aber der Mensch gehört der Gesellschaft an.

Krugel. Er gehört wohl, aber nicht ganz.

Uteschitelny. Nein, ganz.

Krugel. Nein, nicht ganz.

Uteschitelny. Nein, ganz!

Schwochnew (zu Uteschitelny). Streite nicht, lieber Freund, du hast unrecht.

Uteschitelny (hitzig). Nein, ich werde dirs beweisen, das ist eine Pflicht, das ist — das ist — das ist — eine Schuldigkeit, das ist — das ist ...

Schwochnew. Nun ist er losgegangen! Er ist nämlich furchtbar hitzig; die ersten paar Worte von dem, was er spricht, kann man noch verstehen, aber weiter versteht man nichts.

Uteschitelny. Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn es die Pflicht betrifft, so komme ich ganz außer Fassung! Ich erkläre gewöhnlich schon von vornherein: meine Herren, wenn die Rede von so etwas Ähnlichem sein wird, so müssen Sie schon verzeihen, ich lasse mich hinreißen, ja, ich lasse mich hinreißen. Wie im Rausch gleichsam, und meine Galle kocht und kocht über!

Icharew (für sich). Nun, lieber Freund, ich kenn’ schon die Leute, die sich hinreißen lassen und hitzig werden bei dem Worte Pflicht. Deine Galle wird schon überkochen, aber nicht bei solcher Gelegenheit. (Laut.) Nun, meine Herren, während hier über heilige Pflichten gestritten wird, wollen wir da nicht auch ein Spielchen machen? (Während des Gespräches wird das Frühstück serviert.)

Uteschitelny. Bitte, wenn’s nur ein kleines Spiel ist, warum nicht?

Krugel. Unschuldigen Vergnügungen bin ich nie abgeneigt.

Icharew. Wie ist es, in diesem Hotel wird’s wohl Karten geben?

Schwochnew. Oh, Sie brauchen nur zu befehlen!

Icharew. Karten! (Alexej macht sich am Kartentisch zu schaffen.) Und inzwischen, bitte, meine Herren, (zeigt mit der Hand auf den Frühstückstisch und tritt heran) der Lachs ist, wie es scheint, nicht sonderlich, aber der Kaviar geht an.

Schwochnew (indem er ein Stück in den Mund steckt). Nein, der Lachs ist auch nicht übel.

Krugel (ebenfalls). Der Käse ist auch gut; auch der Kaviar ist nicht übel.

Schwochnew (zu Krugel). Erinnerst du dich, was für vortrefflichen Käse wir vor zwei Wochen gegessen haben?

Krugel. Nein, nie in meinem Leben werde ich den Käse vergessen, den ich bei Peter Alexándrowitsch Alexándrow gegessen habe.

Uteschitelny. Sieh mal, mein Lieber: wann ist denn der Käse eigentlich gut? Er ist dann gut, wenn du dir nach einem Mittagessen noch ein zweites vornimmst — das ist seine eigentliche Bestimmung. Er ist gleichsam wie ein guter Quartiermeister; er sagt: bitte, meine Herrschaften, hier ist noch Platz.

Icharew. Bitte, meine Herrschaften, die Karten sind auf dem Tisch.

Uteschitelny (an den Kartentisch herantretend). Ah, das ist nun wieder einmal eine Sache aus alten Zeiten! Sieh mal, Schwochnew, Karten! Ha, wieviele Jahre sind’s wohl her?

Icharew (zur Seite). Na, na! Tu doch nicht so!

Uteschitelny. Wollen Sie die Bank halten?

Icharew. Eine kleine, gewiß! Fünfhundert Rubel! Wollen Sie abheben? (Gibt Karten. Das Spiel fängt an. Man hört Ausrufe.)

Schwochnew. Vier, Aß, beide zu zehn.

Uteschitelny. Gib mir mal dein Kartenspiel, Liebster, ich will mir eine Karte wählen: auf das Glück unserer Frau Adelsmarschall.

Krugel. Gestatten Sie mir eine Neun hinzuzufügen.

Uteschitelny. Schwochnew, gib mal die Kreide! Ich schreibe an und schreibe ab.

Schwochnew. Hol’s der Teufel, Paroli!

Uteschitelny. Und fünf Rubel Einsatz!

Krugel. Attendez! Gestatten Sie mir, nachzusehen, ich glaube, es müssen noch zwei Dreien im Spiel sein.

Uteschitelny (springt auf, für sich). Hol’s der Teufel, die Sache ist nicht sauber, hier sind andere Karten, das ist augenscheinlich (Das Spiel geht weiter.)

Icharew (zu Krugel). Gestatten Sie die Frage: Gelten beide?

Krugel. Beide!

Icharew. Erhöhen Sie nicht?

Krugel. Nein.

Icharew (zu Schwochnew). Und Sie, setzen Sie nichts?

Schwochnew. Gestatten Sie, daß ich dieses Spiel abwarte. (Steht auf, geht eilig auf Uteschitelny zu und sagt schnell:) Hol’s der Teufel, Liebster, er macht alle möglichen Kunststücke. Ein Falschspieler ersten Ranges.

Uteschitelny (erregt). Wollen wir denn auf die Achtzigtausend verzichten?

Schwochnew. Natürlich verzichten wir, wenn’s nicht geht.

Uteschitelny. Nun, das ist noch die Frage, aber vorläufig müssen wir uns mit ihm verständigen.

Schwochnew. Wieso?

Uteschitelny. Ihm einfach alles eingestehen.

Schwochnew. Wozu denn?

Uteschitelny. Das sage ich dir nachher, komm. (Gehen beide auf Icharew zu und klopfen ihm von beiden Seiten auf die Schulter.)

Uteschitelny. Verschießen Sie nicht umsonst Ihr Pulver.

Icharew (zusammenfahrend). Wieso?

Uteschitelny. Was ist da lange zu reden? Erkennt denn einer nicht seinesgleichen?

Icharew (höflich). Gestatten Sie die Frage, wie soll ich das verstehen?

Uteschitelny. Ganz einfach, ohne überflüssige Worte und Zeremonien. Wir haben Ihre Kunst gesehen, und seien Sie versichert, wir wissen Ihren Wert zu schätzen. Und deshalb schlage ich Ihnen im Namen unserer Kameraden ein Freundschaftsbündnis vor. Wenn wir unsere Kenntnisse und Kapitalien zusammentun, können wir viel erfolgreicher arbeiten als einzeln.

Icharew. In welchem Maße darf ich von der Richtigkeit Ihrer Worte überzeugt sein?

Uteschitelny. In diesem Maße: Für Aufrichtigkeit zahlen wir mit Aufrichtigkeit. Wir gestehen Ihnen hier ganz offen, daß wir uns verabredet haben, Sie zu beschwindeln, weil wir Sie für einen gewöhnlichen Menschen gehalten haben. Aber jetzt sehen wir, daß Ihnen die höchsten Geheimnisse bekannt sind. Und nun, wollen Sie unsere Freundschaft annehmen?

Icharew. Zu einem so freundlichen Anerbieten kann ich nicht nein sagen.

Uteschitelny. Also reichen wir einander die Hände. (Alle drücken nacheinander Icharew die Hand.) Von nun ab sei alles gemeinschaftlich, fort mit Verstellung und Zeremonien! Gestatten Sie die Frage, seit wann haben Sie angefangen, die Tiefe der Wissenschaft zu erforschen?

Icharew. Ich muß gestehen, schon seit meiner frühen Jugendzeit war es stets mein Bestreben. Schon in der Schule während der Vorlesungen des Professors habe ich meinen Kommilitonen unter dem Tisch die Bank gehalten.

Uteschitelny. Das dachte ich mir. Eine solche Kunst kann man nicht erwerben ohne eine Praxis in den Jahren der zartesten Jugend. Erinnerst du dich des ungewöhnlichen Knaben, Schwochnew?

Icharew. Welches Knaben?

Uteschitelny. Erzähle mal.

Schwochnew. Eine solche Begebenheit werde ich nie vergessen. Sagt mir da einmal sein Schwager (zeigt auf Uteschitelny) Andréj Iwánowitsch Pjátkin: „Schwochnew, willst du ein Wunder sehen? Ein Junge von elf Jahren, der Sohn von Iwán Micháilowitsch Kubischew, macht solche Kartenkunststücke, wie kein einziger Spieler. Reise mal nach dem Tjetjúschischen Kreis und sieh dir’s an!“ Ich muß gestehen, ich habe mich sofort nach dem Tjetjúschischen Kreis begeben, ich frage nach dem Dorf des Iwan Michailowitsch Kubischew und komme direkt zu ihm. Ich lasse mich anmelden. Es kommt ein Herr gesetzten Alters, ich stelle mich vor und sage: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe gehört, daß Gott Ihnen einen ganz ungewöhnlichen Sohn geschenkt hat.“ — „Jawohl, das muß ich zugeben“, sagt er, und was mir gefallen hat, verstehen Sie wohl, ohne irgendwelche Umschweife und Prätentionen — Ja, sagt er, das ist richtig, wenn’s auch einem Vater nicht zukommt, seinen eigenen Sohn zu loben, aber der ist wirklich gewissermaßen ein Wunder. Mischa, sagt er, komm mal her, zeig mal dem Gast deine Kunst. Nun wissen Sie, wie so’n Junge ist, der Junge ist noch ganz Kind, reicht mir kaum bis an die Schulter, und in den Augen ist auch nichts Besonderes zu bemerken. Er fängt an, Karten zu geben, und ich bin ganz baff! Es übersteigt alle Beschreibung!

Icharew. Ist es möglich, daß gar nichts zu bemerken war?

Schwochnew. Nichts, gar nichts, nicht die Spur. Ich schaute zu mit beiden Augen.

Icharew. Das ist unbegreiflich!

Uteschitelny. Ein Phänomen, ein wahres Phänomen!

Icharew. Wenn ich noch bedenke, daß dazu doch Kenntnisse notwendig sind, die auf der Schärfe der Augen und einem aufmerksamen Studium des Musters beruhen.

Uteschitelny. Aber jetzt ist das ja sehr viel leichter geworden. Jetzt ist das Besprenkeln und Bezeichnen ganz aus dem Gebrauch gekommen. Man sucht jetzt den Schlüssel zu erlernen.

Icharew. Das heißt, den Schlüssel der Zeichnung?

Uteschitelny. Jawohl. Den Schlüssel der Zeichnung auf der Rückseite. Da lebt in einer Stadt, — in welcher, das will ich nicht sagen, — ein ehrbarer Mann, der nichts anderes tut, als nur dies: Jedes Jahr bekommt er aus Moskau einige hundert Kartenspiele, von wem, — das bleibt ein Geheimnis. Seine ganze Aufgabe und Pflicht besteht darin, das Muster auf der Rückseite jeder Karte zu untersuchen, und einen Schlüssel dazu einzuschicken, d. h. sieh nur hin: bei der Zwei, da ist die Zeichnung so angeordnet, bei einer anderen Karte ist die Sache so, und dann wieder so, und für das allein bekommt er jährlich fünftausend in barem Gelde.

Icharew. Das ist allerdings eine sehr wichtige Sache!

Uteschitelny. Ja, das muß übrigens auch so sein. Das ist, was man in der National-Ökonomie die Arbeitsteilungen nennt. Zum Beispiel, ein Wagenbauer, der macht ja nicht selbst den ganzen Wagen, er gibt doch auch dem Schmied und dem Tapezierer was ab. Sonst würde ja das ganze Menschenleben nicht ausreichen.

Icharew. Gestatten Sie eine Frage: Wie machten Sie’s bis jetzt, um Ihre Kartenspiele in Kurs zu setzen. Die Bedienung bestechen, das ist ja nicht immer möglich.

Uteschitelny. Gott behüte! ist auch gefährlich. Das hieße ja manchmal, sich selbst verraten. Wir machen es anders. Einmal machten wir’s auf folgende Weise: Unser Agent kommt zum Jahrmarkt und nimmt als Kaufmann Logis im Stadthotel; er habe noch nicht Zeit gefunden, sich einen Laden zu mieten. Da stehen nun die Kisten und Ballen noch so im Zimmer herum. Er lebt im Hotel, macht Ausgaben, ißt, trinkt und verschwindet plötzlich, man weiß nicht, wohin, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben. Der Hotelwirt sucht im Zimmer herum und sieht, es ist nur ein Ballen zurückgeblieben. Er macht den Ballen auf, sieh da: hundert Dutzend Kartenspiele. Die Karten werden natürlich gleich verauktioniert. Das Dutzend einen Rubel billiger, da kaufen die Kaufleute in einem Augenblick alles für ihren Laden auf, und in vier Tagen hat die ganze Stadt ihr Geld im Spiel verloren.

Icharew. Das ist sehr geschickt.

Schwochnew. Nun, und bei jenem, beim Gutsbesitzer?

Icharew. Was denn, beim Gutsbesitzer?

Uteschitelny. Ja so, die Geschichte war auch nicht schlecht gemacht. Ich weiß nicht, ob’s Ihnen bekannt ist, es gibt einen Gutsbesitzer Arkádij Antónowitsch Dergunów, ein furchtbar reicher Mann, spielt vorzüglich, ist von beispielloser Redlichkeit, und, verstehen Sie, ihn herumzukriegen, ist gar keine Möglichkeit. Alles beaufsichtigt er selbst, seine Dienerschaft ist gut erzogen, — die reinen Kammerherren, das Haus — ein Palast, sein Garten — alles nach englischem Muster, kurz, ein russischer Edelmann im vollen Sinne des Wortes. Wir sind schon drei Tage bei ihm. Wie fängt man’s an? Einfach keine Möglichkeit! Endlich kamen wir auf einen Gedanken. Eines Morgens rast am Hofe ein Dreigespann vorbei, im Wagen sitzen ein paar junge Burschen, alle im höchsten Grade besoffen, alles singt Lieder und treibt’s, wie die wilde Jagd. Zu so einem Schauspiel kommt natürlich die ganze Dienerschaft herbeigelaufen. Sie gaffen, lachen und bemerken, daß aus dem Wagen etwas herausgefallen ist. Sie kommen hinzu und sehen einen Reisekoffer. Sie winken mit den Händen und rufen: Halt! Aber i wo, niemand hört, sie sind fortgerast, und nur der Staub auf dem ganzen Wege ist aufgewirbelt. Sie machen den Reisekoffer auf, finden Wäsche, einige Kleidungsstücke, zweihundert Rubel bares Geld und gegen vierzig Dutzend Kartenspiele. Nun natürlich, auf das Geld wollten die Dienstboten nicht verzichten, die Kartenspiele kamen auf den herrschaftlichen Tisch und schon am nächsten Tage waren gegen Abend alle, der Hausherr wie die Gäste, ohne eine Kopeke in der Tasche, und das Spiel war zu Ende.

Icharew. Sehr geistreich! Das bezeichnen die Leute mit Schwindel oder ähnlichen Namen, aber das ist ja nur Scharfsinn und feiner Verstand.

Uteschitelny. Die Leute verstehen ja nichts vom Spiel. Im Spiel gibt es kein Ansehen der Person, das Spiel sieht auf nichts. Mag mein eigener Vater mit mir Karten spielen; ich würde meinen Vater beschwindeln. Setze dich nicht mit mir hin! Hier sind alle gleich.

Icharew. Richtig, das versteht man nicht, daß ein Spieler der tugendhafteste Mensch sein kann. Ich kenne einen, der zu allen möglichen Mogeleien geneigt ist, aber einem Armen gibt er seine letzte Kopeke. Und er wird es keineswegs verschmähen, sich mit Dreien gegen Einen zu verbinden und ihm das Geld abzunehmen. Aber meine Herren, da wir schon so aufrichtig miteinander sind, so will ich Ihnen eine ganz wunderbare Sache zeigen. Wissen Sie, was das heißt, ein kombiniertes oder zusammengesuchtes Kartenspiel, in dem jede Karte von mir auf eine bedeutende Distanz erraten werden kann?

Uteschitelny. Ich weiß es wohl, aber vielleicht in etwas anderer Art.

Icharew. Ich kann mich wohl rühmen, daß Sie ein ähnliches nirgends finden werden. Es hat fast ein halbes Jahr Arbeit gekostet. Ich habe zwei Wochen nachher das Sonnenlicht nicht sehen können. Der Arzt befürchtete eine Augenentzündung. (Nimmt es aus der Schatulle.) Da ist es, aber nehmen Sie mir’s nicht übel, es hat auch einen Namen wie ein Mensch.

Uteschitelny. Wieso einen Namen?

Icharew. Jawohl, einen Namen: Adelaida Iwánowna.

Uteschitelny. Hör mal, Schwochnew, das ist ja eine ganz neue Idee, ein Kartenspiel Adelaida Iwanowna zu nennen. Ich finde es sogar sehr geistreich.

Schwochnew. Sehr schön: Adelaida Iwanowna! Wunderschön.

Uteschitelny. Adelaida Iwanowna! Sogar eine Deutsche! Hörst du, Krugel, da hast du eine Frau.

Krugel. Was bin ich für ein Deutscher? Mein Großvater war ein Deutscher, und auch der verstand kein Deutsch.

Uteschitelny (das Kartenspiel betrachtend). Das ist wahrhaftig ein Schatz. Wirklich, es ist gar nichts zu merken. Können Sie tatsächlich jede Karte erraten, auf jede beliebige Distanz?

Icharew. Bitte, ich stelle mich fünf Schritt weit von Ihnen auf und werde von da aus jede Karte benennen. Ich bin bereit, zweitausend Rubel zu zahlen, wenn ich mich irre.

Uteschitelny. Nun, was ist das für eine Karte?

Icharew. Eine Sieben.

Uteschitelny. Richtig, und diese?

Icharew. Ein Bube.

Uteschitelny. Hol’s der Teufel, ganz richtig! Nun, und diese?

Icharew. Eine Drei.

Uteschitelny. Unbegreiflich!

Krugel (die Achseln zuckend). Unbegreiflich!

Schwochnew. Unbegreiflich!

Uteschitelny. Gestatten Sie mir, noch mal nachzusehen. (Besieht das Kartenspiel.) Ein ganz wundervolles Ding, es ist wirklich wert, daß man ihm einen Namen gab. Aber gestatten Sie die Bemerkung, das Spiel in Gebrauch zu nehmen, ist doch eine schwierige Sache; vielleicht geht’s etwa mit einem ganz unerfahrenen Spieler, man muß es ja selbst vertauschen.

Icharew. Aber das tut man ja nur während der Hitze des Spiels, wenn das Spiel so hoch geht, daß der erfahrenste Spieler unruhig wird, und wenn ein Mensch nur ein bißchen verwirrt ist, so kann man ja mit ihm machen, was man will. Wissen Sie denn nicht, daß das mit den besten Spielern passiert, was man so nennt „sich heiß spielen“. Wenn er zwei, drei Nächte hintereinander spielt, ohne zu schlafen — nun, dann spielt er sich eben heiß. Im Hasardspiel kann ich immer den Talon vertauschen. Glauben Sie mir, die ganze Kunst besteht nur darin, daß man kaltblütig bleibt, wenn der andere hitzig ist; und die Aufmerksamkeit anderer abzulenken, dazu gibt es tausend Mittel. Fangen Sie nur mit einem der Spieler irgendeinen Krakehl an, sagen Sie z. B., er hätte nicht richtig aufgeschrieben, dann wenden sich die Augen Aller auf ihn, und in diesem Augenblick ist das Kartenspiel bereits vertauscht.

Uteschitelny. Nun, ich sehe, daß Sie außer der Kunst auch noch die Tugend der Kaltblütigkeit besitzen. Das ist eine wichtige Sache. Ihre Bekanntschaft ist nun für uns desto wertvoller geworden. Wollen wir alle Zeremonien, alle überflüssigen Formalitäten fallen lassen und wollen wir einander einfach du sagen.

Icharew. Das hätten wir schon längst tun sollen.

Uteschitelny. Kellner! Champagner, zur Bekräftigung des freundschaftlichen Bundes!

Icharew. Jawohl, es gehört sich, daß man das begieße!

Schwochnew. Nun, meine Herren, wir haben uns ja zu Heldentaten versammelt. Das Geschütz ist in unseren Händen, die nötigen Kräfte haben wir, es fehlt nur eins.

Icharew. Richtig, richtig! Die Festung fehlt ja, die zu nehmen wäre, das ist das Pech!

Uteschitelny. Was ist da zu machen? Vorläufig gibt’s noch keinen Feind. (Sieht Schwochnew fest an.) Wie? Du machst ja ein Gesicht, das zu sagen scheint: ein Feind wäre wohl da.

Schwochnew. Ja, da ist ... (Bleibt stecken.)

Uteschitelny. Ich weiß schon, wen du meinst.

Icharew (lebhaft). Wen denn, wen denn? Wer ist es?

Uteschitelny. Ach, Unsinn! Das hat er sich ausgedacht. Der reinste Unsinn! Sehen Sie mal, hier ist ein zugereister Gutsbesitzer, Micháilo Alexándrowitsch Glow. Aber was ist da zu reden, er spielt ja gar nicht. Wir haben uns schon mit ihm zu schaffen gemacht. Ich habe ihm einen ganzen Monat den Hof gemacht, habe mit ihm Freundschaft geschlossen, habe sein Vertrauen erworben und habe doch nichts ausgerichtet.

Icharew. Aber hör mal, kann man ihn denn nicht zu sehen bekommen? Wer weiß, vielleicht doch?

Uteschitelny. Nun, ich sage dir im voraus, das wird ganz vergebliche Mühe sein.

Icharew. Aber wir wollen’s doch mal versuchen.

Schwochnew. Nun, bring ihn doch wenigstens hierher. Wenn’s uns nicht gelingt, so unterhalten wir uns doch ein wenig. Warum wollen wir’s denn nicht versuchen?

Uteschitelny. Meinetwegen, mir macht’s ja nichts, ich bringe ihn schon her.

Icharew. Bring ihn doch, bitte, gleich hierher!

Uteschitelny. Schon gut, schon gut! (Ab.)