V
Noch sprang das Riesele umher ohne Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter, pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte. Trudel, das Mädchen, konnte ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Maibutter, aber wer konnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer könnte die Mähne, die zusehends wuchs, des Tages siebenmal strähnen, wer den Schweif, der wie ein Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen, wie sich's gehörte?
Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalen Rücken des Riesele, aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte und den Rücken vom Hals bis zum Schwanz wacker schüttelte. Eine Puppe freilich, eine Puppe!
Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf Rieseles untern Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das Trudelchen hinauf, ganz hoch hinauf auf den Rücken und probierte vorsichtig, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie! Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen Schritt und noch einen, und da das alles so leicht ging, schoß es ganz plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über die Wiesen, die der zweiten Mahd entgegensahen.
„Lauft mir mal schnell zum Sattler miteinander!” rief der Vater von der Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele ein Halfter anmessen!”
„Los, zum Sattler!” schrien die Buben, „los zum Sattler!” triumphierte das Mädchen, „und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler auch ein Sättele machen?”
„Sättele, Sättele,” entgegnete der Vater, „was willst du mit einem Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt unterwegs!”
Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel:
„Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den Kalender!”
„Wie lang muß es in der Schule bleiben? Ich muß acht Jahre drin bleiben!”
„Acht Jahre?” versetzte der Sattler, „und dann?”
„Dann geh ich in die Stadt!”
„Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!”
„Muß es?” fragte Trudel.
Gustav kam herbei und hielt ihr den Mund zu, denn der Polizeidiener stand an der Straßenecke und rief etwas aus. Er rief aus, daß von morgen ab das Betreten der Weinberge verboten sei!
Und dann kam er schnurstracks an die Treppe des Sattlers, griff dem Riesele in die Mähne und sagte zu den Kindern:
„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter ankriegt, der Tagdieb, sonst hätt' ich ihn morgen gleich ins Wachtstübchen gesteckt!”
„Sonderbare Welt das,” dachte Trudel, und die Buben dachtens auch, „der Sattler will Riesele nicht mehr aus der Schule lassen, der Polizeidiener will's gar ins Kittchen stecken!”
Noch am Abend holten die vier das Halfter ab, strippten es Riesele um den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben seiner Mutter ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht, wie es wollte, stets an der Mutter Zitzen saufen konnte.
Von nun an also stand Riesele gleich den Erwachsenen im Stall. Doch jeden Tag durfte es etliche Stunden lang, an einen Pfahl gebunden, auf der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer gewissen Freiheit. Gar oft, — ach, wer konnte dem lieben Tierlein gegenüber so entsetzlich streng sein? — durfte es frei umherspringen, wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm jedermann schon verzieh, bevor sie begangen waren.
Es war indes doch die Zeit gekommen, daß die Hufe des Riesele breiter wurden, sein Magen größer, seine Kraft heftiger, die Zeit, da es von der Gasse genommen werden mußte in das Gehege des Zaunes. Als der Bauer Klaus diesen Hag gegenüber der Wohnstube in die Wiesen schlug, merkte Riesele sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen wollte. Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig eigene Freude hatte und um so mehr Kummer und Bangen ausstehen mußte, zog auf dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine Art war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne zur Mutter, die in die Arbeit ging oder von der Arbeit heimkehrte, hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, ein paar Küsse zu verschenken, so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern, — und dies war noch ungeheuerlicher, — daß sie weniger zärtlich wurden! Ja, es kam vor, daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte, schwer schaffen mußte, und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht ein kurzes „Wiedersehen” bekommen hatte vor lauter „Gasse”, und daß sie alsdann im Schweiße ihres Angesichtes auch nicht mit Wohlbehagen und süßer Hoffnung, wie andere Mütter sie doch stets mit sich tragen können, auf einen frohen Abend rechnen durfte.
Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, daß Trudel, die Stute, den Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme abgeladen wurden, und es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief in's Weite, recht weit von den Balken des Zuchthauses fort! Mütter wissen ja immer die Erziehungsmaßregeln, die nicht sie über ihre Kinder verhängen, die sie selber seinerzeit als Zwang empfunden haben, ihren Kindern recht eindringlich und nachdrücklich hinzustellen, und etwa zu sagen: „Wart nur, wenn der Vater heimkommt,” oder: „Wart nur, wenn du in die Schule kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei übersehen, wie sie sich selber vor sich selber bloßstellen ...
Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen Riesele auf, die Gänse lachten, die jungen, frechen Hähne flogen oben drauf und versuchten zu krähen, um das Riesele, das Reißaus nahm, zu foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte hinten im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief dem Waldhorn nach.
Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, der einzige Mensch, der mit dem Riesele noch nicht Freundschaft hatte. Er blies das Waldhorn! Er wohnte da ganz allein für sich, hatte nicht Weib, nicht Kind, kein Tierlein um sich, war aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, wie es nicht viele gibt. Riesele wußte das noch nicht, wußte auch nicht, daß der Musikant der Sauhirt war, und lief dem Liede des Waldhorns nach und streckte den Kopf nach der niedrigen Fensterbank, ohne ihn hineinstrecken zu können. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte, vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing.
Der etwas verwucherte Mann legte sogleich das blankgeputzte Blasrohr weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch und griff hinein und hielt dem Riesele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann, und sogleich schob ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins! Sie liebten sich, diese beiden!
Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien eben aus dem Maul die Zungenspitze rot wie Himbeereis und verschwand wieder.
Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte, da begannen die Kinder, die um es her standen, zu lachen. Der Hirt merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele peinlich war, denn er wußte Bescheid in solchen Sachen der entzückten Seele, und er sprang aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder durften nicht mit.
Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten Häuser hinter sich hatten und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band der Hirt sein Waldhorn dem Riesele an den Hals und sang:
Das Schwein, das muß gehütet sein!
Der Kastor kann es hüten!
Der Kastor muß gehütet sein!
Der Cornel kann ihn hüten!
Der Cornel muß gehütet sein!
Wer kann den Cornel hüten?
Ich will mein Schwein behüten fein,
Mag seins der Kaiser hüten!
Der Kaiser muß behütet sein!
Wer mag den Kaiser hüten?
Sein lieber Gott behüt ihn fein!
Mög mich der meine hüten!
Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchen. Sie legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte das Horn an die Lippen, und das Riesele starrte übers Wiesentälchen hinunter an seinen Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug. Riesele hörte die Axt knallen, und der Hirt, als er das erste Lied geendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust, streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum, strich mit den Fingern durch die Furche, die den Rücken hin die zarten Backen teilte, und schob die Hand quer in den Pferdemund und sagte:
„Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren, wie sie mich eingesperrt haben, und werden's aus demselben Grund tun! Wir sind freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, und das können sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich selber aus dem Paradies vertrieben haben, mit Handschellen umher wie Sträflinge, mit Handschellen umher wie Mausfallenhändler, und wo sich die Freiheit regt, da schnallen sie an! Die Unfreien haben das große Wort an sich gerissen, und sie haben es im Laufe der Jahrtausende fertig gebracht, daß alle Menschen unfrei wurden, so unfrei, daß die wahrhaft Freien sich ihrer Freiheit wegen verdächtig vorkommen, sich ihrer schämen, an ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer Freiheit fluchen und schließlich sich ihrer Freiheit entäußern! Sich freiwillig der Freiheit entäußern, das tun oft ganz gute Christenmenschen und meinen, das sei der höchste Grad der Freiheit! Doch sag selbst, Bruder Riesele, wenn du jetzt aus freiem Entschluß in deinen Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter Christengaul werden, bist aber trotz aller Philosophie kein freies Geschöpf mehr! Und Geschöpf sein, das heißt noch lange nicht, wie sie meinen: unfrei sein! Auch ums Paradies haben die Unfreien, die Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil sie Gott nach ihrem Bilde und Gleichnisse formen wollten. Einen Schutzmann machten sie aus ihm, einen Zirkusdirektor, der die Taschen voller Zucker trägt und innen, unterm Faltenrock die allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: die wahre Freiheit haben wir in uns, oder aber wir sind schlechter als unsere Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, ich bin noch nicht ganz fertig!”
Der seltsame Sauhirt, der sicher von sich vermeinte, ein göttlicher Eumäos zu sein, hielt inne mit seiner Rede über die Freiheit und zog den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die entblößte Kehle seiner Hand darbieten mußte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange ertragen mochte. Es sprang auf; drei Johanniskäferchen schwirrten grelleuchtend um es her, so dunkel stand der Abend schon vorm Wäldchen, und die grünlichen Signale verwirrten es so sehr, daß es zu laufen begann und nicht wußte, wohin es lief.
Dem Hirten pochte das Herz: er hatte das Riesele mitgenommen, jedermann mußte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwortung über das Kind, und schließlich, wenn der Hirte des Hirten bedurft hätte, so hätte die Gemeinde nicht ohne Recht diesen bedürftigen Schweinehirten jener Obhut übergeben können, die er so sehr fürchtete.
„Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!” sagte er laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn aus dem Grase auf, setzte es an und schmetterte seinen gradlinigen Militärmarsch übers Dorf hin, daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im Stall hantierte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur, um das Riesele wieder zu sich zu locken, aber das Riesele trabte im Dämmerlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Brombeerhecken, zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heuwellen, aus den weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, — und der Heugeruch selber und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht mehr achtete und wahllos weiter lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter weg, als daß es lockte.
Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann, den Weg hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das Riesele nicht. Die Sichel des Mondes spitzte überm Waldrand; kleine Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie Gras.
Plötzlich erschallte vom Dorf herauf das Feuersignal! Ohne nachzusehen, ob irgendwo eine Flamme oder ein heller Qualm sich zeige, wußte Cornel genau, wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst dem Riesele, aber es galt nicht minder auch ihm, dem Cornel! dem Schweinehirten der Gemeinde! Denn sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn überhaupt nicht kennen lernen, und sie begnügten sich damit, ihn einen Narren zu nennen! Es galt also, auf dem Damm zu sein, da die Flut stieg!
Stimmen erschallten vereinzelt und abgerissen aus dem Dorf herauf, das Signal strömte zwischen dem Wald der Obstbäume, alle Hunde heulten auf, irgendwo in einem Stall krischen ab und zu salvenweise ein paar Gänse, wie wenn sie auch dabei sein müßten, wenn's dem Sauhirt an den Kragen geht!
Die Stimmen sammelten sich und verteilten sich wieder, und bald hörte Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich den Hohlweg heraufnäherten, und er hatte das Riesele, das er doch verführt, noch nicht in der Hut.
Aber da stand es ja plötzlich neben ihm! Stand da wie aus dem Sommerabend geboren, der allhin so viel Liebe gebiert! Da stand es und hielt einen Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn nichts geschehen sei!
„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, Riesele!” sprach er, „doch gib ihn her, den Oelzweig des Friedens, daß wir uns gemeinsam für den Augenblick unserer Freiheit begeben können, denn sie kommen, die Unfreien! Mit Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu Gefangennahme, die Freiheit zu suchen, um sie einzupferchen und sie bei Wasser und Brot fasten zu lassen! Siehst du sie kommen mit den Lederhelmen? Hörst du sie kommen mit den Feueräxten? Sie schlagen, wenn sie's für nötig erachten, das Sommerhaus ihres Gottes in Stücke und schrecken vor diesem ihrem Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet, ihr Frösche, daß sie euch nicht erschlagen! Verkriecht euch in die Erde, ihr Käfer, der ihr entnommen seid! Nachtigall, schlag nicht heute abend: die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren der Schönheit und des Friedens.”
Riesele schien solches Gerede gerne anzuhören; es ließ seinen Kopf auf der entblößten Schulter Cornels liegen und ging Schritt für Schritt weiter.
„Weißt du, wo das Wachtstübchen ist? Nein, das weißt du nicht! Aber paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen Freund hineinstecken werden, so komme manchmal an die Tür! Ich will dir Brot geben von meinem Brot und Wasser, wenn du Durst nach Freiheit hast! Ich weiß, sie sperren mich ein paar Tage ein; aber das ist immer noch besser als das Irrenhaus! Sie dürfen mich einsperren: ich trage das Bewußtsein eines neuen Freundes in der Brust, der so geschickt zuhören kann und meine Lehren versteht! Paß auf! Paß auf! Laß uns niedersetzen!”
Cornel setzte sich, und Riesele blieb bei ihm stehen.
Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, plauderten miteinander, und der eine sagte gerade:
„Roma heißt rückwärts gelesen Amor! Amor ist aber, das steht ausführlich in meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh, in den großen Städten wird fürchterlich geliebt!”
Sie sahen vor lauter Liebe nichts und gingen vorüber.
„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen Cornel nach, „da habt ihr aber recht!”
Sie schreckten zusammen, die verträumten Feuerwehrleute, kamen dann aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich:
„Da sind sie ja!”
„Da sind wir!” erwiderte Cornel und streckte beide Hände vor, als wolle er sie fesseln lassen.
„Los, heim! Vor uns hermarschiert!” kommandierten die Wehrleute, und Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals, und so traten sie den Heimweg an.
„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing Cornel an, aber die Wehrleute gaben ihm keine Antwort und redeten von den Dickrüben, die von Hasen zerfressen waren.
Der Hirt wandte sich nunmehr wieder an Riesele und sagte laut, daß die Männer es hören konnten:
„Weder Zucker, Riesele, — das wollte ich dir vorhin noch sagen — weder Zucker gab uns Gott noch Peitsche, sondern Freiheit, Freiheit. Und das ist so gut und so viel als sich selber! Sich selber gab er uns, mitten in den Herzschlag hinein, Riesele! Uns, das will heißen: dem Kaiser, mir, dir, meinen Schweinen und aller Kreatur!”
„Und aller Kreatur!” wiederholte der eine Feuerwehrmann.
„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel und fuhr fort:
„Einheit, Schönheit, Harmonie ringsum in seiner Schöpfung! Nur die Menschen sind ihm mißraten, Riesele! Sie sind entweder zu eng oder zu weit ausgefallen!”
„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und Cornel antwortete:
„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit geraten! Zu weit, und er möchte deshalb weiter sein!”
„Zu weit!” schrie der andere, und Cornel entgegnete:
„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng ausgefallen! Zu eng, und er möchte deshalb enger sein! Lüge ist alles! Eine Einheit in der Mannigfaltigkeit: die Lüge; eine Mannigfaltigkeit in der Einheit: die Lüge! Sie sind aber selbst schuld, die Menschen; sie haben die göttliche Freiheit mißverstanden, sie haben ihre natürlichen Begriffe irgendwie verwirrt, sie sagen: deine Freiheit ist die Grenze meiner Freiheit, und nun gehen sie aufeinander los und sagen: ‚Gewalt geht vor Recht, und die Freiheit ist für die Narren!’ Riesele! Hörst du's, Riesele: ich will lieber ein Narr sein, als daß ich unfrei wäre! Du nicht auch, Riesele?”
Das große Tor der Wachtstube öffnete sich wie von selbst.
„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann, „und bist doch ein Narr!”
„Nun bin ich unfrei,” entgegnete Cornel, „und bin doch frei!”
Cornel ward hineingestoßen, indes Riesele heimtrottete.