X
Gleich am anderen Tage begannen für Riesele, das nunmehr Dauphin genannt wurde, die Dressuren im Sande der Manege. Dauphin freute sich darauf, war ordentlich stolz, konnte gar nicht abwarten, bis, da er angeseilt in der Hand des Direktors seinen sicheren Halt hatte, bis die lange Peitsche mit ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu marschieren, gab! Eine Kleinigkeit, eine Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise langsam und sicher zu schreiten, den Kopf ungezwungen hochzuhalten, immer innen an den abgerundeten Bretterkasten der Barriere entlang!
Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt dieser Richtung, ha, so trat der Direktor etwas nach hinten, was man deutlich sah, und die Peitsche, deren Riemen da irgendwo im Sande lag, zuckte leicht auf!
„Changez!” sprach dann immer der Direktor! Das war nicht mehr mißzuverstehen!
Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück Zucker in den Mund, hinaus aus der Schule, in den Stall zurück! Das war der erste Tag!
Lang ward die Zeit bis zum nächsten Morgen, und was brachte dieser Morgen? Nichts Neues, nichts Neues! Noch einmal und noch zum Überdrusse oft das alte Spiel mit „Changez!”
Am dritten Tage sprach der Direktor:
„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” Wer kam da zu Dauphin? Die kleine Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht worden war. Sie wurde vor Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam den Weg weisen, denn Dauphin war schon nicht mehr angeseilt! Sie trippelte gar possierlich vor dem doch größeren Dauphin her und sah nicht nach rechts, nicht nach links ... sie hatte sicher schon oft solch Leithammelspiel getrieben ... und Dauphin brauchte nur hinter ihr dreinzumarschieren. Machte der Direktor nur eine leise Bewegung, so wußte sie gleich, daß er nun „Changez” sagen würde, und sie changierte auch schon! Das hätte Dauphin unstreitig so glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber sie trippelte ihm zu langsam! Er konnte das nicht leiden: wiederholt setzte er den Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber an die Tete zu kommen, um wenigstens zu zeigen, daß er hin wolle ... aber immer zuckte die Peitsche auf, und Dauphin blieb gehorsam!
Als die Lektion zu Ende war, lief Dauphin vor Freude allein nochmals die Runde, aber der Direktor beachtete es nicht, und als er's endlich doch beachtete, zuckte die Peitsche, und Dauphin konnte nicht schnell genug draußen sein: Gehorsam ist das erste!
Am vierten Tage geschah dasselbe wieder, am fünften machte Dauphin sein Lektiönchen ganz allein und bekam zwei Stückchen Zucker. Aber am Abend zu den Vorstellungen durfte er nicht! Zwar riß er an seiner Kette, als er sah, wie seine Kameraden aufgeputzt wurden und hinausgehen durften in den grellen Lichterschein, allein niemand kümmerte sich um ihn.
Bald kamen zu den allmorgendlichen Uebungen noch andere Pferde, auch große, ganz große selbst, und auch der Freund Fuchs trabte eines Tages mit Dauphin in die Manege und machte sein „Changez” ohne jeden Tadel.
Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine Wonne für Dauphin, so in der Schar der Großen und Kleinen, inmitten, denn Dauphin war größer als Miezi und kleiner als Wallenstein ... so in der Schar als Jüngster sein Kunststück zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht überzutreten, sich vor allen Dingen nicht vorzudrängen! sein „Changez” rechtzeitig, nicht zu früh wie hinten die kleine Miezi und nicht zu spät wie fast alle zu erkennen! Und durch nichts zu verraten, daß man doch der Jüngste war!
„Wallenstein und Dauphäng!” schrie dann der Direktor, und die zwei Freunde mußten hinaus, indes die anderen weiterüben durften!
Ach, wie bald wurden die Uebungen schwerer! Dauphin sollte erst den linken, dann den rechten Vorderfuß auf die Barriere heben und stehen bleiben und zu den Leuten gucken, die da saßen: Madame, Turnerinnen in nachlässigen Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer mit scharfen Scheiteln und gradlinig zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant alle mit Zigaretten zwischen den Lippen und lächelnden Publikumsgesichtern!
Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! Jedoch: keine Schläge gab's dabei! Aber dann sollten auch die Hinterbeine auf die so schmale Barriere! Dann mußte gegangen werden, gelaufen werden! Links eine Peitsche, rechts eine Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber war, wußte Dauphin nie mehr, ob diese Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn diese Stunden vorüber waren, so klopfte jeweils Dauphins Herz, der Schweiß stand ihm in den Haaren, und der Schaum fiel in Schwaden von seinem Munde.
Nicht einmal vierzehn Tage dauerte es, da konnte Dauphin auf der Barriere schreiten und laufen, wie die Peitsche es wünschte! Das war aber durchaus kein großes Stück; das konnte Miezi fast im Schlaf. Immerhin mußte es für Dauphin eine bedeutende Leistung sein, denn an einem der nächsten Abende durfte er hinterm braunen Samtvorhang stehen und durch den Spalt hineinsehen in die Menge der fröhlichen Menschen. Ja, als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, als der Bursche, der ihn hielt, ihn sogar einen Schritt vortreten ließ, da fingen etliche Kinder, die da in der Nähe saßen, an zu jauchzen und zu toben: „Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, eben kommt's!”
Nein, es kam nicht!
Am andern Tage aber geschah es, daß dem kleinen Dauphin, bevor der Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt wurde, ein Sättelchen aus rotem Tuch, das von roten Bändern festgehalten wurde. So in diesem Staat durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen: Rundlauf mit Changez, Beine auf Barriere und — sich nicht vor dem Publikum fürchten, Rundlauf auf Barriere!
Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt, das er noch nicht kannte, und mußte am Vorhang freilich recht lange warten, bis alle Leute vom „Tableau” aus der Manege verschwunden waren.
Husch, hinaus! Auf die Barriere!
Spar' deine Peitsche, Direktorle!
„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und Kinder krischen: „Pause!”
Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vorhang, indes die Leute von ihren Plätzen sich erhoben.
Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer hinaustragen.
Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte man ihn nicht eigens angekauft, wie man Kräfte für allerhand Dienste braucht! Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen, wußte das offenbar und trug sein Schild so gern hinaus, wie Agnes Sorma mit dem Staubtuch einst an der Fensterbank stand.
Es geschah, daß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte! Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: „Komm her!” so hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und daselbst zu Seiten des Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl kam. Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich — wer wüßte das nicht schon! — „à genoux!” Beim ersten Rufen klappte alles sehr gut, und die sieben Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab, Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende. „À genoux!” knallte der Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien, bereit, ein jedes und alle zugleich zu stechen.
Dauphin, der in diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken die Genossen, aber die Miezi draußen kam nicht herunter! Die Peitsche trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohren vorbei und umher in allen erregten Tonlagen: sie kam nicht nieder, und die Reihe ward unruhig und konnte nicht länger unten bleiben.
„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!” donnerte der Dresseur, und sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, und die übrigen folgten.
Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief neben, außer der Reihe, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm eindrängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, verzögerte seinen eiligen Schritt, und Miezi schob sich vor ihn und raste mit voran. Die Peitsche züngelte nicht mehr, surrte vielmehr von oben herab auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Rundlauf.
Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinnbacken. Dieser hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, rast weiter in der wirren Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren Platz.
Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche rennt mit und haut unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen Peitsche.
Der Führerin vorn an der Tete knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum am Munde, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht.
Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen? Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihr hin, und sogleich schneidet die Peitschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut kreischt der Dresseur, was man nicht mehr verstehen kann. Oft zischt das Wort: „So siehste aus!”
Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette; die Peitschen verlassen die arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang, er sieht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält und sucht auch den seinen wieder.
„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!”
Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt, bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein schmeichelnder Gesang!
„Komm her!” heißt es nun wieder.
Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander:
„À genoux!” ertönt's jetzt wieder streng und roh.
Miezi kommt nicht herunter, und Dauphin hockt auch in halber Senkung und kommt nicht nieder.
„Schluß!!”kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine Fahne alter Veteranen.
„Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!”
Die Gasse am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Befreiten hinaus. Er wirft die lange Peitsche von sich, der Herr Direktor, der Bursch gibt ihm die kurze.
Miezi torkelt; ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint die Wunde aufgebrochen zu sein: ein Strömlein Blut rinnt über die weiße Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch den Kakao schleifen?” kreischt er.
„Soll ich Miezi fortführen?” fragt der Bursche. Der Direktor winkt: fort!
„Na, und du, Proletarier, was ist denn dir in den Schädel jestiegen, he, wat?”
Dauphin scharrt mit dem linken Vorderfuß, der Lederriemen klatscht darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's jutmachen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?”
Aller Augen richten sich auf Dauphin, dem anscheinend kein gutes Stündlein bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe, nimmt zwei Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an.
„Hast nisch ooch eene pour moi?” fragt der Direktor, und der Bursch holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. Schweißtropfen hängen in den Lederriemen des Direktorengesichts. Er tut ein paar Züge und wirft die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals in die Hände ...
Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein halbjähriges Kind auf den Armen.
„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was da ist in dem Zelt, alles bewegt sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor läßt die Peitsche sinken, streckt, indes er zu Mutter und Kind geht, die Hand nach dem Burschen, der ihm eine Zigarette gegeben, bekommt eine, zündet sie an und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm.
Trägt's in die Manege, sagt:
„Da guck, Jochem, was eine liebes Gäulchen!”
Und zu allen rundum sagt er:
„Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!” worauf der Vater des Kleinen hinterher ruft:
„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!”
„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem an!”
Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken, und der ganze Zirkus ist im siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hoppst herbei wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt sich auf Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet so dahin, wirft's in die Luft, fängt's wieder, küßt es, drückt es an sich und jauchzt wie die Menschen hinter den Bergen vor Freiluft und Freude. Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da noch?
Dauphin, Dauphin, du hättest die Freude der Freiluft schon vergessen?
Ha, Dauphin streckt, indes er wacker weiterläuft, den Kopf weit nach vorn und stößt einen Schrei aus, der seltsam klingt wie eine Schalmei aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”.
Nur ein Viertelstündchen währt das fröhliche Zwischenspiel, die kleine Tänzerin seilt sich an, klappst Dauphin auf den Schenkel und sagt:
„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine Sache besser!”